1.
DIE WASSERDICHTE DAMEN-PRÄZISIONS-ARMBANDUHR
Wir erzählen Ihnen die Geschichte von Dickie Dick Dickens, dem gefährlichsten Mann, den die Unterwelt Chicagos je ausgespuckt hat.
Dickie Dick Dickens - gefürchtet, verachtet, gehasst - ein Ausgestoßener. Und doch: Hat nicht auch er beigetragen, der herrlichen Millionenstadt ihren geheimnisvollen Glanz zu geben? War es nicht Dickie Dick Dickens, der mit seinen aufsehenerregenden Taten der Stadt erst das rechte Gepräge gegeben hat? So, wie wir uns heute nicht mehr vorstellen können, dass ein Geschäftsmann ohne Auto, ein Haushalt ohne Kühlschrank auskommt, so erscheint uns auch Chicago ohne Dickie Dick Dickens unmöglich.
Hier also, in Chicago, verlebte Dickie Dick Dickens achtundsechzig Prozent seines sensationellen Lebens. Die restlichen zweiunddreißig Prozent verbrachte er in Sing-Sing, der modernsten Strafanstalt der Staaten.
Es war ein heißer Julitag im Jahre 1924. Chicago - sowieso ein heißes Pflaster - brütete unter den brennenden Strahlen der unerbittlichen nordamerikanischen Sonne. Die Stadt war gewissermaßen in Schweiß gebadet.
An jenem Tage, im Juli 1924, machte Dickie Dick Dickens zum ersten mal in seinem Leben die Unterwelt Chicagos aufhorchen.
In einer kleinen, dreckigen Kneipe im Osten der Stadt saßen zwei Männer und tranken verdrossen ein warmes, labbriges Bier.
„Hast du gehört, Chef?“ fragte der kleinere von beiden. Seine Stimme klang unterwürfig und eilfertig. Er trug eine Schirmmütze aus Leinen, und sein Schlips sah aus, als wollte er sich selbst strangulieren.
Der Kleine beugte sich vor. „Ein neuer Mann macht sich mausig, Jim!“
Der mit Jim Angeredete sah geradeaus. „So?“ sagte er und ließ seine Zigarette bedächtig von einem Mundwinkel in den anderen wandern.
Aber der Kleine ließ sich nicht beirren. „Hat heute mein Revier abgegrast. Zwei Brieftaschen, ein Portemonnaie und eine wasserdichte Damen-Präzisions-Armbanduhr.“ Er schwieg einen Augenblick, sah, dass die Zigarette im Mund des anderen wieder zu wandern begann, holte befriedigt Luft und redete weiter. Eifrig, giftig und sabbelig: „ ... und das in meinem Revier, Chef!“ Wieder beobachtete er sein Gegenüber.
Der große, bullige Mann sah immer noch in die Ferne. Übrigens war es lächerlich, in eine Ferne zu blicken, die aus schmierigen Fensterscheiben und braun-grau verschmutzten Gardinen bestand, Gardinen, die nach kaltem Rauch und Bierdunst stanken.
„Ich frage dich, Jim“, fing der Kleine wieder zu zetern an, „hat es Tom Coglan nötig, sich die fettesten Happen von einem Hergelaufenen wegschnappen zu lassen? Phe! Man müsste den Burschen abschießen!“
Der Große, Bullige stand auf. Knallte ein Geldstück auf die Tischplatte. „Red nicht so viel, Tom! Tu es!“ sagte er und rollte das r wie Donnerhall. Dann tippte er grüßend mit dem Zeigefinger an den Hut, steckte die Hände in die Jackentaschen und verließ gleichgültigen Blickes die Kneipe.
Und der kleine Tom Coglan starrte ihm mit offenem Munde nach. Nicht jeder konnte sich rühmen, mit Jim Cooper, dem
mächtigsten Bandenführer von Chicago, ein Bier getrunken zu haben.
Noch dazu ein warmes!
Am Abend jenes heißen Tages im Juli 1924 machte sich der Taschendieb Tom Coglan auf die Suche nach Dickie Dick Dickens, dem Mann, der ihm in sein Handwerk gepfuscht hatte. Tom Coglan unternahm es, einen Mann zu suchen, von dem er weder Namen noch Gestalt kannte.
Es dauerte zwei Tage, bis er ihn fand.
Es dauerte weitere zwei Tage, bis die Polizei die Leiche entdeckte.
Am Mittag des zweiten Tages tippte der wachhabende Revierführer des Bezirkes 72, Chicago West, ein Protokoll über die Auffindung einer männlichen Leiche, angeschwemmt am Westufer des Michigansees.
Der Tote konnte als der mehrfach vorbestrafte, rückfällige Taschendieb Tom Coglan identifiziert werden. Die Polizei vermutete, dass der Tote der Bande des hinlänglich berüchtigten Jim Cooper angehöre.
‚Vom Täter fehlt jede Spur.’ Mit diesem Satz endete das Protokoll.
„Vermutlich wieder ein Feme-Mord von einer anderen Bande“, meinte Kriminalkommissar Hillbilly, nachdem er das Protokoll gelesen hatte. „Die Gangster nehmen uns die Arbeit ab. Glauben Sie mir“, wandte er sich an den Sergeanten, „Wir hätten doppelt soviel1 Verbrecher in Chicago, wenn die Herren nicht geruhten, sich gelegentlich gegenseitig abzuknallen.“
„Das gehört bei denen schon zur Höflichkeit“, knurrte der Sergeant und heftete das Protokoll ab.
„Hä“, lachte Kommissar Hillbilly, „soll mich nicht wundern, wenn die Brüder eines schönes Tages einen Antrag auf das Polizei-Verdienst-Kreuz einreichen!“
Der Sergeant hielt es für geraten, über diesen markigen Witz seines Vorgesetzten ein trockenes, männliches Lachen hören zu lassen. So was ist immer gut, gibt dem Vorgesetzten das wohlige Gefühl, ein Prachtbursche zu sein, dem Untergebenen die Gelegenheit, gefahrlos eine Abart von eigener Meinung laut werden zu lassen.
Der Kommissar lächelte programmgemäß dünn und selbstgefällig, sandte einen wohlmeinenden Seitenblick auf den Sergeanten und fragte: „Was gefunden bei dem Kerl?“
Der Sergeant antwortete, nun wieder ein ganzer Diensttuender in Haltung und Stimme: „Jawohl, Herr Kommissar! Zwei Brieftaschen, ein Portemonnaie und eine wasserdichte Präzisions-Damen-Armbanduhr. Übrigens geht die Uhr zehn Minuten nach.“
„Schlamperei!“ knurrte der Kommissar und verließ stiefelknarrend die Wachstube.
In der Tür wandte er sich um. „Warum brüllen Sie eigentlich immer so, wenn Sie mit mir reden?“ fragte er den Sergeanten. Dann schüttelte er den Kopf und verließ endgültig den Raum.
Der große, bullige Mann, den der so wässerig zugrunde gegangene Taschendieb Tom Coglan mit Jim angeredet hatte, saß wieder in jener kleinen, dreckigen Kneipe am Rande der Stadt.
Die Kneipe hieß ‘Baby’s Bottle’, was soviel wie ‘Babyflasche’ bedeutete. ‘Baby’s Bottle’ diente dem mächtigen Bandenführer Jim Cooper - in Gangsterkreisen auch ‘Jim der Dickköpfige’ genannt - als eine Art Residenz. Hier erteilte er Aufträge und nahm Meldungen entgegen. Der Wirt von ‘Baby’s Bottle’ hatte längst genug Geld, aus der schmutzigen Spelunke eine ansehnliche Wirtschaft zu machen. Doch Jim Cooper verbot das. Erstens hätte er es seines Gangsterstandes für unwürdig gehalten, in einer renovierten Wirtschaft mit sauberen Tüllgardinen Audienz zu halten, und zweitens hatte er hier schon als kleiner Junge Schokolade und Toilettenhandtücher gestohlen. O nein - Jim Cooper hielt in diesen Dingen auf Form und Tradition.
Gangster sind nun mal so!
In ‘Baby’s Bottle’ also saß der Chef; breitschultrig, einäugig, Zigarette im Mundwinkel, Pistole im Schultergurt unter der Jacke. Seinem krausen, braunen Lockenhaar sah man übrigens an, dass er als Kind sehr niedlich gewesen sein musste.
Auf dem Stuhl, auf dem vor drei Tagen noch der verblichene Tom Coglan gesessen hatte, saß nun der schmale, dünne Harry. Ein Mensch mit spitzer Nase, freundlichen, flinken Augen und dicken, abstehenden, fleischigen Ohren. Saß da, drehte eine Zigarette aus billigem Tabak. Grinste schief.
„Ich stell’ mir das so vor“, sagte er langsam, „Tom Coglan hat das Nest von diesem Dickens aufgespürt. Dass er Dickie Dick Dickens heißt, hat er noch durch den Draht gegeben. Aber dann hat er sich benommen wie eine Pflaume mit Maden. Anstatt sich auf den Mann zu konzentrieren, hat er die Brieftasche, das Portemonnaie und die wasserdichte Damen-Präzisions-Armbanduhr gesucht. Dabei hat ihn dieser Dickens erwischt und abserviert.“
Jim kaute an seiner Zigarette. „Ihr wisst genau, dass der Kerl Dickens heißt?“
„Phh!“ machte Harry und wiegte seinen Kopf hin und her, „versteht sich! Man stelle sich das vor: Ein Einzelgänger wagt
sich an eine Organisation heran. Er wagt es, ein Mitglied deiner Bande auszulöschen. Mann, o Mann! Der Kerl hat Nerven! Wette, dass der Onkel gar nicht weiß, was ihm jetzt blüht!“
Jim, der mit seinem einen Auge wie stets in die Ferne blickte, setzte sein Bierglas so hart auf den Tisch, dass es fast zerbrach. Dann wischte er sich mit dem Handrücken den Bierschaum vom Mund. „Hast recht, Harry“, sagte er, „benachrichtige alle Leute!“
Harry gab seiner Stimme einen zackigen, metallischen Klang, als er antwortete: „Gut, Chef, schätze, in vierundzwanzig Stunden haben wir den Burschen. Willst du selbst reden?“
„Klar!“ sagte Cooper, stand auf, zahlte und stakste mit ärgerlichen Schritten ins Freie.
Dickie Dick Dickens, den bis zu jenem Julitag im Jahre 1924 kein Mensch kannte, war zu einer Gefahr geworden. Eine kleine Gefahr zwar, die noch niemanden zu beunruhigen brauchte. Für einen empfindlichen Menschen, wie es Jim Cooper nicht zuletzt auf Grund seiner Einäugigkeit war, genügte es jedoch durchaus, dass man nur einen seiner Leute umlegte, um ihn ernsthaft böse zu machen.
Harry hatte recht: Dieser Dickie Dick Dickens musste Nerven haben.
Für den südöstlichen Teil von Chicago, jenen Stadtteil, den die Bande Jim Cooper beherrschte, brach nun eine für damalige Verhältnisse ungewöhnliche Nacht an. Eine Nacht ohne Einbruch, ohne Diebstahl, ohne Mord.
Die unter Jim Coopers Führung vereinigten Gangster hatten keine Zeit für ihr Handwerk. Einhundertzweiundsechzig Verbrecher durchstreiften die Stadt, jede Straße, jeden Winkel, jeden Steg. Dreihundertvierundzwanzig Augen bohrten sich in das Dunkel der Nacht - oder genauer dreihundertdreiundzwanzig,
denn Jim Cooper war bekanntlich einäugig. Dreihundertdreiundzwanzig Augen suchten fieberhaft einen Mann.
Dieser Mann war groß, dunkelhaarig, blauäugig, fünfundzwanzig Jahre alt und hörte auf den Namen Dickie Dick Dickens.
In einem Blockhaus, das höchst idyllisch am Stadtrand gelegen war, saß er in einem olivgrünen Wildlederjackett, dessen Ärmelnähte an den unteren Enden mit langen Lederfransen besetzt waren, und spielte mit einer reizvollen Blondine Sechsundsechzig 2.
Sie saßen bei dem sehr traulichen Schein einer durchaus unzeitgemäßen Petroleumlampe3. Blockhaus, Jackett mit Lederfransen und Petroleumbeleuchtung erweckten mehr den Anschein einer Wildwest-Farm als den eines friedlichen Bürgerhauses.
Zweifellos war es sehr einsam in dieser Gegend. Man musste schon fürs Bier vorsorgen. Die nächste Kneipe lag eine gute halbe Stunde Autofahrt entfernt in einem Straßengewirr, das nach Abfällen, schlechtem Benzin und Waschküchen roch.
Übrigens hatte sie den albernen Namen ‘Baby’s Bottle’.
Die hübsche Blonde, deren große, aufgerissene Augen über ihre Kurzsichtigkeit hinwegtäuschen sollten, rutschte mit ihrem allerliebsten Hinterteil unruhig hin und her. Sie hatte anscheinend keine Lust zum Sechsundsechzig-Spiel. Andererseits wusste sie sehr genau, dass dieses sanfte Spiel eine der liebsten Beschäftigungen ihres Ritters war, vornehmlich deshalb, weil er es schon als kleiner Junge auf der Farm seiner Eltern im sonnigen Connecticut mit dem großen, schwarzhäutigen Knecht Josua gespielt hatte. Solche Erinnerungen müssen gepflegt werden!
Der hübsche, blauäugige Mann im Cowboy-Jackett sagte: „Ich melde zwanzig an.“
Die Blondine kullerte mit den Augen, machte ein rundes Mäulchen, sagte: „Oh!“
Der Mann sah sie erstaunt an. „Was hast du denn, Effie? Passt ja gar nicht auf!“
Effie zog die niedliche Stirn in Falten. Vermittels solcher und ähnlicher Anstrengungen versuchte sie stets den Anschein zu erwecken, als sei sie intelligent. Allerdings konnte jedermann deutlich sehen, dass dies nur Verstellung war.
Effie war eines jener bezaubernden Dummköpfchen, die zum Wohlleben so vieler kluger Männer unerlässlich zu sein scheinen. Sie hatte gewissermaßen Beine bis zum Hals, eine Taille, von der Wespen träumen, sowie alles, was ein tief ausgeschnittenes Kleid reizvoll erscheinen lässt. Der Kopf war in der Luxusausstattung mit inbegriffen. Er war als abschließendes Ornament gedacht. Erwähnt sei noch, dass sie über einen ausgezeichneten Instinkt in allen Lebenslagen sowie über eine stets reiche Auswahl an Wünschen verfügte.
Ihre zärtliche Liebe zu dem Mann im olivgrünen Lederjackett sollte ihr im Verlauf ihres Lebens noch genügend Gelegenheit geben, das Blümchen der Treue zu pflegen.
„Nun mach schon!“ knurrte ihr Galan und sah ärgerlich in die Karten.
Effie gab sich einen Ruck. „Nein“, sagte sie, „ich mache nicht! Ich mache mir Sorgen! Du hast wohl keine Zeitung gelesen?“
„Phh!“ Der Mann lächelte. „Das meinst du, die Benzinpreise? Ja, die steigen von Tag zu Tag. Na, komm! Nun nimm endlich! Der Stich gehört dir.“
Doch Effie war nicht nach Nehmen und Stechen zumute. Sie knallte die Karten auf den Tisch und hob ein kräftiges Lamento an.
„Ich denke nicht an die Benzinpreise“., rief sie empört, „ich denke an dich! Der Tote, der am Westufer des Michigansees aufgefunden worden ist, dieser Tote hatte eine wasserdichte Damen-Präzisions-Armbanduhr in der Tasche!“
Der Mann zuckte die Achseln. „Meine Sorge“, sagte er und blickte gelassen in seine Karten.
Aber Effie ließ nicht locker. „Mir brauchst du kein Theater vorzumachen! Es ist dieselbe Uhr, die du vor fünf Tagen der Staubsaugervertreterin gestohlen hast! Du bist der Mann, der den Toten in den Michigansee geworfen hat!“
Der Mann lächelte mild. Sah sie verliebt an. „Kleine Hexe! Willst du mich erpressen?“
„Red keinen Quatsch! Ich hab’ Angst!
„Vor der Polizei?“
Effie pustete. „Polizei! Wofür hältst du mich? Für eine Anfängerin?“
„Na also,“ sagte der Mann.
Dann ordnete er mit peinlicher Sorgfalt die Fransen seines Lederjacketts. „Nun spiel endlich die Partie zu Ende! Du weißt, ich kann es nicht leiden, wenn mich jemand beim Sechsundsechzig stört.“
„Ich melde vierzig an“, trompetete Effie strahlend.
„O je!“ sagte der Mann.
Effie sah ihren Liebsten über die Karten hinweg süß an. „Der Tote aus dem Michigansee war Tom Coglan!“
„Kann sein“, knurrte ihr Partner, „ich hab’ mir seine Visitenkarte nicht angesehen.“
Effie sprach unbeirrt weiter: „Tom Coglan gehörte zu Jim Coopers Bande. Und von Jim Cooper wirst du wohl gehört haben? Der lässt es sich nicht gefallen, dass man einen seiner Leute so einfach mir nichts, dir nichts aus dem Umlauf zieht. Wir sollten stiften gehen. Fort von Chicago!“
Der Mann legte seine Karten hin. Er war ärgerlich. „Quatsch keine Makulatur!“ sagte er. „Ich bestimme, was geschieht. Und wir bleiben hier. Gib mir lieber noch einen Schnaps!“
Effie stand auf.
„Dick!“ sagte sie plötzlich. „Dickie Dick Dickens! Sieh mal zum Fenster hinaus!“
Der Mann im Wildlederjackett stand auf. Ging ans Fenster. Pfiff durch die Zähne. „Mach das Licht aus!“ sagte er.
Effie gehorchte. Dann starrten sie beide in die Nacht.
Im fahlen Mondlicht gleißten Lack und Fensterglas einer Limousine. Vier Männer saßen darin. Hinter einer Baumgruppe stand ein zweites Auto. Ebenfalls mit vier Männern besetzt. Weiter hinten aber, auf der Straße, zog es heran, schwarz, blinkend, geräuschlos und drohend. Wagen um Wagen schob sich näher. Keiner hatte Licht. Und überall konnte man im Mondlicht die dunklen Schatten der Männer sehen, die darin saßen.
Jim Coopers Streitmacht rückte heran. Lautlos, stetig, gummibereift.
Dickie Dick Dickens wurde lebendig.
„Raus hier!“ zischte er Effie an. Packte das Mädchen am Handgelenk, zerrte es zum Hinterausgang. Effie rannte hochhackig neben ihm her, im Laufen noch nach einem Trenchcoat angelnd.
Sie liefen durch Heckenwege und Gebüsch. Effie zog die Schuhe aus und hastete vorwärts. Brombeerranken griffen laufmaschenreißend nach ihren schönen Beinen. Sie spürte es nicht. Sie hatte Angst.
Ja, sie hatte Angst. Auch wenn Dickie ein Tausendsassa war. Auch wenn er die Ruhe selbst war. Dieser Jim Cooper war kein Spaßvogel. Der hatte nichts von der leisen, smarten Gefälligkeit ihres Dickies.
Sie hörte sein Keuchen neben sich. Ob er auch Angst hatte? Nein, ein Dickie Dick Dickens hat keine Angst. Nie! Oder wenigstens fast nie. Oder mindestens sehr selten. O ja, es war schon sehr beruhigend, ihn in ihrer Nähe zu wissen. Aber schließlich, was konnte er schon tun, wenn ...
„Wir müssen ein Taxi nehmen“, flüsterte Dick. „Lass uns zur Straße ... dort drüben können wir hin.“ Er zeigte auf einen Weg, der zur Chaussee führte. „Wir befinden uns dann im Rücken der Autos.“
Effie nickte nur. Ihr Herz klopfte wie rasend. Nein, das war nicht schön, diese nächtliche Aufregung! Dickie war tollkühn. Er hatte diesen Tom Coglan weggebissen wie eine Hündin einen unliebsamen Straßenköter. Kein schöner Vergleich übrigens, aber für Effie doch schon eine beachtliche Leistung.
Sie schlichen vorwärts. Immer gewärtig, dass es irgendwo knallte. Jeder Baum konnte leben, konnte Äste haben, auf denen einer von Jim Coopers Leuten saß. Wenn Wald und Heckenwege wenigstens nicht hinter der Chaussee aufhören würden! Wenn in dieser verlassenen Gegend überhaupt ein Taxi aufkreuzen würde! Es war sinnlos, auf ein Taxi zu hoffen. Effie hätte gern laut gejammert. Doch die Situation verbot es.
Plötzlich fühlte sie sich hart am Handgelenk gepackt. Dickie war’s, der sie festhielt.
„Kuck mal!“ flüsterte er und blieb stehen.
Effie stand still. Ihr Atem keuchte. Ihr Herz tobte. Sie schloss die Augen. Jetzt war es aus! Restlos aus! In dieser Sekunde würde sie in den Lauf eines Maschinengewehrs blicken, wenn sie aufsah. Und dann würde es rattern. Tak tak tak tak. Effie Marconi würde lautlos ins Moos sinken. Die schöne, schöne Effie! Es war wirklich schade um sie. Bei diesem Gedanken kamen Effie die Tränen.
„Kuck mal“, hörte sie Dickies Stimme wieder flüstern, „kuck mal, ein Reh!“
Sie öffnete die Augen, ließ zwei Tränen kullern. Tatsächlich!
Dickie Dick Dickens stand neben ihr und blickte, innig lächelnd, auf ein Reh, das neugierig heräugte. Dann sprang es in wilden Sätzen ab.
Effie aber, die solche träumerischen Betrachtungen in der Stunde der Gefahr nicht recht vertrug, holte aus und knallte ihrem Dickie eine schallende Ohrfeige.
Dickens blieb einen Augenblick wie erstarrt. „Darauf“, sagte er leise, „werde ich später noch zurückkommen.“ Sprach’s, zog Effie wieder am Handgelenk und hastete weiter.
Sie hatten die Chaussee erreicht. Der Mondschein erhellte die Straße, als sei es Tag.
„Schweinerei!“ sagte Dickie und meinte den Mond.
Weiter! Geduckt schlichen sie vorwärts! Angestrengt nach allen Richtungen lauschend. jeden Augenblick konnte es irgendwo im herabgefallenen Laub des Vorjahres rascheln, der Lauf einer Maschinenpistole gleißen.
Aber nichts war zu hören. Nichts zu sehen.
Nur das Brausen der Stadt, deren Lichter den Horizont erhellten.
Da!
Sie hielten beide den Atem an.
Das Geräusch eines herankommenden Autos.
Was war es? Freund oder Feind?
Das Auto kam näher. Zottelte gemütlich die Straße entlang. So, als ob es keinen Gangsterkrieg gäbe.
Effie wagte es. Sie stellte sich mitten auf die Straße, hielt das Auto an.
Der Fahrer fragte sie. „Was gibt’s denn?“
„Bitte“, flehte Effie, „nehmen Sie uns ein Stück mit!“
„Wieso?“ fragte der Fahrer.
„Wir - äh - wir müssen dringend zur Stadt.“
„Warum?“ Der Mann guckte misstrauisch.
Nun war auch Dickie herangekommen. „Wir sind in Gefahr. Wir werden verfolgt!“
Der Mann am Steuer schien ungerührt. „Von wem werden Sie verfolgt?“ fragte er schwerfällig.
Nun hatte es Effie eilig mit der Antwort. „Von einer Verbrecherbande. Von Jim Cooper, falls Sie den Namen schon mal gehört haben.“
„Ja“, sagte der Mann und blitzte Effie mit seinem Auge an, „den kenne ich.“
„Was Sie nicht sagen!“ ließ sich Dickie Dick Dickens vernehmen. Es klang ziemlich belustigt.
„Ja“, sprach der große, bullige Fahrer des Wagens, „ich bin nämlich selbst Jim Cooper. Und dieses Schießeisen hier ist geladen. Also nimm dich in acht, Dickens!“
Außer dem Auge blitzte Dickie Dick Dickens jetzt auch der Lauf einer Pistole entgegen.
„Oh – äh“, sagte Dickie Dick Dickens.
Es ist typisch für Dickie Dick Dickens, dass er in Augenblicken, in denen nach Lage der Dinge nicht viel zu sagen ist,
sehr wenig redet. Jim Cooper hatte ihn etwas aus der Fassung gebracht. Doch dann zeigte es sich, dass eine Schrecksekunde bei einem Mann wie Dickens kaum länger als eine Sekunde dauert.
Er lächelte fröhlich und sprach höflich: „Jim Cooper selbst? Freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen. Trifft sich gut, was, Jimmy? Meine Pistole ist nämlich auch geladen.“ Jetzt blitzte auch in seiner Rechten das kalte Eisen.
Jim knurrte nur. Es klang, als hätte eine Kuh das Melken nötig. Dann sagte er noch: „Aha.“
Dickie Dick Dickens schien von schier unendlicher Munterkeit zu sein. „Lustig, was?“ sagte er und grinste.
Jim grinste nicht. „Ich lach’ mich halb tot“, antwortete er und starrte in die Nacht.
Dicks Heiterkeit stieg. „Das wäre eine hübsche Idee“, meinte er, „dann brauchte ich dich nämlich nicht totzuschießen!“
Effie schrie auf. „Dick! Du willst doch nicht etwa ... ?“
Dick beruhigte sie. „Aber Schätzchen, wie kannst du nur so etwas von mir denken. Natürlich will ich nicht! Aber ich habe nun mal einen nervösen Zeigefinger.“
Jim blickte Dickie verständnislos an. „Redest du immer soviel Unsinn, Dickens?“
Dickie lächelte bescheiden. „Weit gefehlt“, antwortete er liebenswürdig. „Weißt du, Jim Cooper, meine Pistole ist nämlich schon entsichert, deine noch nicht. Sobald sich dein Daumen zum Entsicherungsbügel biegt, krümmt sich mein Zeigefinger und Jim Cooper ist gewesen. Gut, hm?“
Jim Cooper gab wieder einen seiner Muhkuhlaute von sich und blickte sich um. Weit und breit keiner von seiner Bande. Verflucht! Das hatte er davon, dass er seinen Leuten nichts davon gesagt hatte, dass er mitmachen wollte. Keine Leibwache. Nichts!
„Ja“, sagte Dickie, der seinen Blick bemerkte, „schade. Keiner da. Du bist allein mit uns, mein Süßer.“
Der Süße zog ein schiefes Maul. „Na schön“, murmelte er, „du hast gewonnen, Dickens. Wenn du willst, kannst du für mich arbeiten.“
Dickie lachte. „Für dich arbeiten? In deine Bande eintreten? Als kleines Würstchen? Haha!“
Jim schüttelte den massigen Kopf. „Quatsch, als Number-One-Gun-Man 4.“
Doch auf Dickie Dick Dickens machte das keinen großen Eindruck. Er lachte Jim Cooper glatt aus. „Ich bin ein harmloser, kleiner Taschendieb, Jim, und das will ich bleiben. Wenn meine Kanone tatsächlich mal losgeht, könnte es höchstens ein Zufall sein.“
„Und Tom Coglan?“ raunzte Jim Cooper.
„Hat eben Pech gehabt, dass er gerade in dem Moment an meiner Pistole vorbeiging. Armer Junge ...“
„Also Number-One-Gun-Man ist nicht?“
Dick schüttelte den Kopf.
„Wie wär’s mit - äh - Kassenverwalter?“
„Nee.“ Dick lächelte dünn. „Wenn ich es auf deine Kasse abgesehen hätte, Jimmylein, brauchte ich nicht erst in deine Bande einzutreten. Die würde ich mir auch so holen. Ich habe keinen Ehrgeiz, verstehst du ... bin nur ein kleiner Taschendieb.“
Jim Cooper wurde wütend. So wütend, dass Dickie es für geraten hielt, ihm seine Pistole noch dichter vor die Nase zu halten und die Gelegenheit zu nutzen, Jim Coopers Schießeisen an sich zu nehmen.
„Zum Teufel!“ schrie Jim Cooper. „Was willst du dann von mir?“
„Ich möchte“, sagte Dick langsam, „ungestört meinen Beruf ausüben. Mein Vorschlag, Jim Cooper: Ich lasse dich lebendig nach Hause fahren, und du überlässt mir den Bananenverkäuferbezirk.“
Jim Cooper machte den Mund zweimal auf und zu, bevor er antwortete. „Den Bananenverkäuferbezirk? Tom Coglans Revier?“
„Ja, genau das.“
Jim schien zu überlegen. „Du verlangst sehr viel.“
„Gemessen daran, dass dein Leben keinen Pfifferling mehr wert sein dürfte, ist es sehr wenig.“
„Also gut, abgemacht. Das Bananenverkäuferviertel gehört dir.“
„Fein“, sagte Dickie Dick Dickens. „Und merk dir noch eins: Ich bin ein friedliebender, gutherziger Mensch, solange man mich in Ruhe lässt. Aber ich lasse mir nicht von anderen Leuten in der Nase bohren. Also sag deinen Bluthunden, sie sollen die Finger von meinem Revier lassen!“
Jim schwieg.
„So“, sagte Dickie freundlicher, „und jetzt darfst du uns in die Stadt fahren.«
Als Dickie und Effie unmittelbar vor den Toren Chicagos ausstiegen, gab Dickie Jim Cooper seine Pistole zurück. Dann gingen sie, Effie und Dick, fröhlich fürbass. Ihnen gehörte das fetteste, ertragreichste Viertel der Stadt. Niemand durfte dort seine Taschendiebereien machen außer Dickie Dick Dickens. Der Gedanke, dass Jim Cooper seine Abmachung nicht einhalten könnte, brauchte Dickie nicht zu kommen.
Unter Gangstern gelten mündliche Absprachen.
Es war am 29. Juli 1924, als Dickie Dick Dickens durch diesen Vertrag von der Chicagoer Unterwelt als selbständiger Taschendieb anerkannt wurde. Ein Datum, dessen sich noch heute die Gesetzesbrecher aller Branchen voller Ehrfurcht erinnern. Eine - allerdings unbestätigte - Überlieferung berichtet, dass in den Jahren 1928 bis 1936 die meisten Strafanstalten der Vereinigten Staaten von Amerika am 29. Juli zu Ehren von Dickie Dick Dickens geflaggt hatten. Im Zuchthaus von Los Angeles wird heute noch der 29. Juli als Feiertag begangen, dergestalt, dass man den Häftlingen eine Sonderration Vanillepudding mit Himbeersoße verabfolgt.
Damals - im Jahre 24 - ahnten nur wenige von diesem Puddingtag, der ihrem Leben noch einmal Glanz verleihen würde. Ahnten nichts von dem späteren Nachruhm dieses Mannes, dessen Stern gerade im Aufgehen begriffen war.
Doch schon waren die Neider zur Stelle, die Widersacher, die Missgünstigen, die Wegelagerer unter den Banditen.
In ‘Baby’s Bottle’ drang der Qualm durch die Ritzen der dicht geschlossenen Tür des hinteren Appartements. Hier saßen sie, hartgesottene Männer, Kumpane des Jim Cooper. Narbengesichtig Mark, der Derbe, der Aufrührer unter ihnen. Spitznasig, schmallippig Harry, mit kleinen, wieselflinken Augen. Breitschultrig, kurznackig und derbfäustig Jeff Jefferson. Drei der besten Leute aus der Bande. Saßen da und fluchten gegen Jim Cooper.
„Das Bananenverkäuferviertel, Harry! Das Bananenverkäuferviertel!“ Mark dehnte die Worte, als seien die anderen taub. „Ich könnte mir ein Monogramm in den Bauch beißen vor Wut!“
Harry lächelte schiefmäulig, sagte mit dem Ton des gehorsamen Untertans: „Der Chef hat’s angeordnet. Der Chef weiß, was er tut.“
Das reizte Mark noch mehr. „Der Chef ... der Chef! Keine Ahnung hat er! Wo hat man denn so etwas gehört, dass die größte Organisation der Stadt einem lausigen Einzelgänger einen ganzen Bezirk abtritt? Ich sage dir, wenn das so weitergeht, nimmt in einem Jahr kein Hund mehr ein Stück Brot von Jim Cooper!“
„Sag’s lieber nicht!“ grinste Harry.
Jefferson passte das nicht. Er schlug die Faust auf den Tisch. „Recht hast du, Mark! Jim Cooper - König der Banditen! Haha! Lässt sich von einem kleinen Taschendieb um den Finger wickeln!“
Eine Rede, die wiederum Mark nicht gefiel. „Was soll denn das heißen, ‘kleiner Taschendieb’!“ geiferte er. „Du, ich sage dir: Wir Taschendiebe verdienen unser Brot genauso ehrlich wie jeder andere Verbrecher! Bloß weil du zufällig Geldschrankknacker bist, glaubst du, hier angeben zu können!“
Jefferson knurrte: „Bin nicht zufällig Geldschrankknacker! Bin der beste Knacker von Chicago!“
Mark höhnte: „Haha!“
Jefferson drohte mit der Faust. „Glaubst du nicht, was!? Brauchst ja nur mal die Gerichtsakten durchzulesen! Da steht alles drin: Jeff Jefferson ist einer der gefährlichsten Gewohnheitsverbrecher der Staaten, jawoll!“
Mark lachte: „Wer’s glaubt!“
Jefferson wurde wütend. „Ich geb’ dir was, du miserabler Geldbörsenfummler!“ Und drosch auf ihn ein.
Mark mochte das nicht. Er schlug zurück. Kräftig.
Harry duckte sich. Ihm war die Prügelei zuwider. Er schoss lieber. „Äh“, sagte er gelangweilt, „dass ihr euch immer so dämlich in die Rede fallen müsst!“
„Na ja,“ brummte Jefferson und hieb abschließend noch einmal kräftig auf Marks Schädel. Mark drehte eine Spirale und rutschte unter den Tisch.
Jefferson setzte sich wieder. „Na ja, da soll man sich nicht aufregen! Ich bin seit zweiundzwanzig Jahren in der Branche. Es ist immer dasselbe! Immer sind es die Taschendiebe, die das Maul aufreißen! Nimm bloß diesen Dickens!“
Mark, der noch auf der Erde lag, jammerte: „Und dem gibt er das Bananenverkäuferviertel!“
„Ruhe!“ zischte Jefferson und baute ihm noch eins über den Schädel.
Harry gähnte. „Eine Art hast du. . . .“