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Bleibender Erfolg und echte Resilienz liegen auf einer Frequenz: 13 Hertz. Die 13-Hertz-Formel verbindet die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse aus Physik und Neurowissenschaft mit über 20 Jahren Erfahrung in Wirtschaft und Persönlichkeitsentwicklung. Richtig angewandt hilft sie, Stress zu überwinden, Leichtigkeit wiederzugewinnen und letztlich für immer erfolgreich zu sein – wissenschaftlich fundiert und sofort anwendbar. Im Alltag befindet sich unser Gehirn oft im Dauerstress, um den Anforderungen der Außenwelt standzuhalten. So entsteht ein Zustand andauernder Anspannung und ständigen Funktionierenmüssens. Doch das bleibt nicht ohne Folgen – Selbstzweifel, chronische Schmerzen, ausbleibender Erfolg, das Gefühl, nur noch zu reagieren, statt aktiv zu handeln, und immer wieder der leise Gedanke: Da muss doch mehr sein. Das stimmt. 13 Hertz markieren die Grenze im Gehirn, an der sich entscheidet: Entgleitet uns unser Leben – oder gestalten wir unser Leben bewusst selbst? Die gute Nachricht ist: Die richtige Frequenz lässt sich gezielt ansteuern und dieses Buch zeigt, wie es geht.
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Seitenzahl: 391
Veröffentlichungsjahr: 2025
Amina Meineker
DIE 13-HERTZFORMEL
Mit der Kraft deiner Gehirn-Frequenzen Stress überwinden,Leichtigkeit wiedergewinnenund für immer erfolgreich sein
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
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Originalausgabe
1. Auflage 2025
© 2025 Next Level Verlag,
NXT LVL GmbH, An der Dornwiese 2, 82166 Gräfelfing
www.nextlevelverlag.de
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Redaktion: Ruth Kalmund
Satz: inpunkt[w]o, Wilnsdorf
Korrektorat: Christiane Otto
Cover und Umschlaggestaltung: www.b3Kdesign.de | Andrea Schneider
Bildnachweis: Abbildungen auf S. 119, S. 138 und S. 148: © Amina Meineker, Coverfoto und S. 325: Tanja Brückner Photography
eBook: ePUBoo.com
ISBN druck: 978-3-68936-080-1
ISBN EBook (PDF): 978-3-68936-081-8
ISBN EBook (EPUB, Mobi): 978-3-68936-082-5
Für ClemensI couldn’t have done it without you.
Es ist ein ruhiger Sommerabend, und ich versuche wieder einmal, Tom anzurufen. Es ist oft schwer, ihn zu erreichen, doch seit einiger Zeit ruft er nicht einmal mehr zurück. Es klingelt immer wieder bei ihm, und weil ich nicht mehr damit rechne, dass er ans Telefon geht, arbeite ich einfach weiter.
Auf einmal ist er dran, ich erschrecke mich fast. Tom fängt sofort an zu reden: »Amina! Du kannst dir nicht vorstellen, was bei mir gerade los ist …« Seine Stimme schießt aus dem Hörer, durchdrungen von einer Eile, die ich beinahe körperlich spüre. »Zwei meiner besten Mitarbeiter haben gekündigt, und ich komme überhaupt nicht mehr hinterher.«
Im Hintergrund höre ich sein anderes Telefon klingeln. »Die beiden sind gegangen, weil ihnen der Stress zu viel war bei uns und der Fortschritt zu langsam. Ich könnte durchdrehen. Als ob es jetzt besser läuft, wo sie weg sind. Sie haben behauptet, dem Unternehmen fehle die Kraft, sich zu verändern. Frechheit!«
Wortreich und mit viel Tempo schildert Tom mir, welche Aufgaben er jetzt selbst erledigen muss, wie wichtig diese sind, welche Projekte daran hängen und dass er gar nicht weiß, wo ihm der Kopf steht.
So geht es mir auch, wenn ich ihm zuhöre. Seine Stimme überschlägt sich. Er wirkt gehetzt, unter Druck. Und der Druck muss raus. Ich gehe auf meine Terrasse, atme durch und denke: »Das dauert jetzt einen Moment.« Ich setze mich, schaue ins Grüne und höre ihm zu.
Tom und ich sind schon seit vielen Jahren befreundet. Weder seine Karriere noch die große Entfernung haben daran etwas geändert. Er ist im leitenden Management eines internationalen Unternehmens und arbeitet in den USA.
»Du musst einfach verstehen, dass ich dich nicht zurückgerufen habe. Es ist so unglaublich viel zu tun. Es ist einfach alles zu viel.« Toms Tempo ist unverändert: »Ich komme keinen Abend vor neun oder zehn aus dem Büro nach Hause. Meine Frau möchte dann mit mir über ihren Tag und die Kinder reden oder die Post durchgehen. Und ich … ich kann einfach nicht mehr. Den ganzen Tag liefere ich ab, und abends zu Hause überfordert es mich, eine simple Mail an die Schule der Kinder zu schreiben. Die Kinder …«
Tom atmet tief durch und fährt fort: »Alle drei Kinder – und du weißt, ich liebe sie sehr – sind im Moment abwechselnd krank. Letzte Woche habe ich mich schon wieder angesteckt. Ich kann das nicht. Nicht das auch noch. Also komme ich immer später nach Hause, wenn die Kinder schon im Bett sind. Ich habe sowieso nicht den Kopf frei für sie. Aber meine Frau, sie versteht das nicht und ist genervt, dass sie alles allein machen muss. Gestern habe ich sie einfach mal gefragt, ob ich Haushalt und Kinder auch noch übernehmen soll, bei allem, was ich gerade an Aufgaben habe.« Tom holt kurz Luft: »Kannst du dir ja vorstellen, wie das Gespräch dann weitergegangen ist.« Er seufzt.
Ich sitze auf meiner Terrasse und schaue auf den Strauch mir gegenüber. Ich kann den Sommerabend riechen und spüre den Wind auf meiner Haut. Die Blätter rascheln leise. Ein besonders großes Blatt wiegt sich hin und her, und ich bewundere die perfekte Maserung des Blatts, seine Adern, seine Form. Das Bild brennt sich in mein Gedächtnis.
Tom fährt fort: »Und dann hatte ich vor zwei Wochen auch noch einen Autounfall. Ich war wohl zu schnell unterwegs.« Es folgen die Erzählung vom Hergang des Autounfalls sowie seinen letztlich zwar schmerzhaften, aber heilenden Verletzungen und viele Details vom Ärger wegen des kaputten Autos: die Werkstatt, die Versicherung, das Ersatzfahrzeug und so weiter. Tom redet mit Tempo, manchmal verstehe ich nicht jede Silbe, sondern reime sie mir aus dem Kontext zusammen. Es scheint mir, als ob er dabei alles haarklein noch einmal erlebt – und ich auch. Ich merke, wie sein Stress beginnt, mich anzustecken.
Doch dann, plötzlich, bricht seine Stimme. Er stockt und sagt leise: »Und zum Fliegen komme ich gar nicht mehr. Keine Zeit … keine Zeit.«
Tom ist Pilot. Fliegen ist sein Lebensglück. Er und ich kennen uns seit über 30 Jahren, und schon bei unserem ersten Treffen hat er mir erzählt, dass er irgendwann Pilot sein und ein eigenes Flugzeug haben will. Damit er fliegen kann, wann er will und wohin er will. Den Pilotenschein hat er vor vielen Jahren gemacht, aber das Flugzeug hat er sich nie gekauft. Die Arbeit. Die kleinen Kinder. Die nächste Beförderung. Irgendwas war immer.
Sein Stocken kippt in eine Welle der Verzweiflung und kommt bei mir mit voller Wucht an. Mir steigen die Tränen in die Augen, weil ich genau weiß, was seine Aussage für ihn bedeutet: nicht mehr fliegen! Das ist für Tom, als würde er nicht mehr atmen. Ich fühle die Schwere in meinen Herzen. Ich bin traurig für ihn, für den verlorenen Traum. Traurig für mich, denn mir fehlt mein langjähriger Kumpel. Mir fehlt unsere Freundschaft. Er ist irgendwie weg, und jetzt höre ich, dass er selbst nicht wirklich weiß, wo.
Doch Tom hat andere Sorgen, als Freundschaften zu pflegen. Er spricht weiter: »Ich weiß gar nicht mehr, wer ich bin. Ich funktioniere nur noch. Versuche, alle Bälle in der Luft zu halten. Ich habe das Gefühl, mir entgleitet mein Leben. Ich will das alles gar nicht so, doch ich sehe keinen Weg, es zu ändern. Der Druck ist so groß. Und wenn ich morgens aufwache, habe ich manchmal einfach keine Kraft mehr, keine Lust mehr aufzustehen.« Er macht eine Pause. »Wenn ich ganz ehrlich bin, ich ... ich kann einfach nicht mehr.« Er hält die Luft an: »… so kann das doch nicht weitergehen.«
Vorsichtig frage ich ihn, wann er sich das letzte Mal entspannt hat. Er kann sich nicht erinnern. Ich erwähne in beiläufigem Ton, dass es eine Lösung gibt, die ihn in die Lage versetzt, zu entspannen, wann er will. Er lässt mich kaum ausreden und sagt: »Für so einen Hokuspokus habe ich nun wirklich keine Zeit.«
Auf einmal geht ein Ruck durch ihn. Ich höre, wie jemand in sein Büro kommt, und spüre, wie Tom sich zusammenreißt. »Lass uns die Tage noch einmal sprechen«, sagt er und legt auf.
Es war einmal eine Zeit, in der gab es nur einen einzigen Fernsehsender. In Deutschland erreichte dieser Sender 300 Nutzer mit einem Programm von zwei Stunden täglich. 1963 wurde ein Zweites Deutsches Fernsehen eingeführt, seit 1984 gibt es das Privatfernsehen und bis 2006 stieg die Anzahl der Fernsehsender auf ungefähr 50. Nun war es kaum mehr möglich, das Angebot zu überblicken. Die Wahl des Programms führte in Familien zunehmend zu Diskussionen und Konflikten. Die Fernbedienung wurde zum Symbol der Macht – wer sie besaß, bestimmte das Programm.
Falls du jung bist, mag dir das Gesagte fremd erscheinen, angesichts der heute viel umfangreicheren Unterhaltungsmöglichkeiten zu Hause. Früher gab es kein Video-on-Demand, geschweige denn Streaming-Plattformen wie Netflix oder Disney+.
Heute steht eine scheinbar unendliche Auswahl an Filmen und Serien jederzeit zur Verfügung. Seit 1994 gibt es keinen Sendeschluss mehr. Mit Technologien wie Virtual Reality und Künstlicher Intelligenz entstehen interaktive Unterhaltungsformate, die den bisher passiven Zuschauer zum aktiven Teilnehmer werden lassen. Unser Aktionsfeld ist heute multidimensional.
Das stellt Menschen nicht nur bei der Fernsehunterhaltung vor ganz neue Herausforderungen, sondern in gleicher oder ähnlicher Weise in fast jedem anderen Lebensbereich.
Grenzenlose Auswahl
Die Menge an verfügbaren Informationen ist exponentiell angestiegen, während das menschliche Gehirn nur über eine begrenzte Anzahl an Kurzzeitspeicherplätzen verfügt – genauer gesagt: sieben. Wenn in einem Supermarktregal mehr als sieben Sorten Erdbeerjoghurt stehen, ist der Homo sapiens Studien zufolge überfordert. Welchen Joghurt nehme ich? Ist dieser geschmacklich besser oder jener? Waren die Erdbeeren wirklich glücklich? Wie ist das Preis-Leistungs-Verhältnis?
Eine Flut an Fragen, auf die wir keine sichere Antwort finden. Unsicherheit und Überforderung machen sich breit, und die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns gegen den Kauf entscheiden, steigt beträchtlich. Unsicherheit verzögert Entscheidungen. Im Zustand der Überforderung tendiert der Mensch dazu, lieber keine Entscheidung zu treffen als eine falsche.
Mehr Auswahl bedeutet mehr Entscheidungen und folglich noch größere Unsicherheit: Treffe ich die richtige Wahl? Ist das wirklich das Beste für mich? Der Film? Der Joghurt? Das Kleidungsstück? Die Ausbildung? Der Partner? Die Karriere? Die strategische Ausrichtung meines Unternehmens?
Allein in Deutschland lag die Anzahl der angebotenen Studiengänge im Jahr 2024 bei über 20 000. Vor 30 Jahren waren es noch unter 5000. Kein Wunder, dass viele junge Menschen sich inzwischen nach der Schule mit der Entscheidung für ihren weiteren Weg überfordert fühlen.
Heute stehen wir vor der Qual der Wahl, stets mit dem Risiko einer Fehlentscheidung. Nichts scheint mehr eindeutig. Ob wir uns für einen Studiengang oder den nächsten Karriereschritt entscheiden, ob wir bei Starbucks einen Kaffee bestellen oder zu Hause einen Film auswählen: Die Auswahlmöglichkeiten erscheinen grenzenlos.
Unser Leben ist nicht mehr so langsam und überschaubar, wie es einmal war, da sich die Welt gewandelt hat. Wir leben in einem neuen Zeitalter, das durch Komplexität, Geschwindigkeit, globale Vernetzung, Digitalisierung und ständige Online-Präsenz gekennzeichnet ist. Es mehren sich die Anzeichen, dass die altbewährten Methoden von gestern nicht mehr ausreichen, um die Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft zu bewältigen. Wir halten zwar – wie wir sehen werden – aus verständlichen Gründen an diesen Methoden fest, doch zur Lösung der Probleme trägt dies nicht bei.
Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für dich. Die schlechte Nachricht ist: Die Situation ist noch ernster, als du bisher vielleicht angenommen hast, und ich möchte dir zeigen, warum das so ist. Doch ich möchte uns alle nicht in den Abgrund der Hoffnungslosigkeit stürzen: Die gute Nachricht ist, dass es eine Lösung gibt – eine, deren Umsetzung weitaus einfacher und leichter ist, als beim ersten Betrachten des Problems zu vermuten gewesen wäre. Ich werde dir diese einfache Lösung präsentieren. Sie ist fundiert, klar und direkt umsetzbar.
Bist du bereit, das Problem in seinem ganzen Ausmaß zu erkennen und dann den Mut aufzubringen, einen evolutionären Sprung zur Lösung zu wagen?
Sei kein Frosch
Es gibt die Geschichte vom Frosch, der in einem Topf sitzt, während das Wasser langsam erhitzt wird. Es wird langsam immer ungemütlicher, doch er schafft es nicht, daran etwas zu ändern. Zu spät realisiert er die wahre Gefahr und ist dann bereits so erschöpft und geschwächt, dass er keine Kraft mehr hat, herauszuspringen. Hätte sich die Temperatur abrupt erhöht, wäre der Frosch sofort gesprungen. Doch so verharrt er, bis das Unvermeidliche eintritt …
Zu keiner Zeit in meiner fast 30-jährigen internationalen Arbeit mit Menschen, Unternehmen jeder Größenordnung und Gestaltern in vielen Lebensbereichen haben so viele im Gespräch mit mir zugegeben, dass sie manchmal nicht wissen, wie sie das alles schaffen sollen. Und die meisten schaffen es genauso wenig wie der Frosch, daran etwas zu ändern. Immer öfter höre ich Sätze wie:
»So kann das doch nicht weitergehen.«
»Ich kann nicht mehr.«
»Ich kann nicht abschalten, mein Kopf ist niemals still.«
»Die Verantwortung, die ich trage, lässt mich nicht ruhen – für unsere Mitarbeiter, für meine Familie.«
»Was früher funktionierte, funktioniert jetzt nicht mehr. Bisher bewährte Methoden verpuffen.«
»Ich hätte nie gedacht, dass ich das zugeben würde, aber ich weiß einfach nicht, wie es in unserer Branche weitergehen soll.«
»Ich frage mich, ob das wirklich das Leben ist, das ich führen möchte.«
Jeder, der solche Worte ausspricht, empfindet sein Problem als einzigartig und persönlich. Der eigene Stress scheint zu groß, um sich mit den Problemen anderer auseinanderzusetzen.
Wie wäre es mit einem inneren Schritt zurück? »Dafür habe ich keine Zeit.«
Könnte es sein, dass wir vor einem kollektiven Problem stehen? »Soll ich darüber auch noch nachdenken?«
Und schon springt die Aufmerksamkeit weiter zu der nächsten dringenden Aufgabe, die es zu erledigen gilt.
Wellen der Selbstzweifel
Menschen denken solche Sätze und funktionieren dann weiter. Doch sie fühlen sich überfordert. So wie die Wassertemperatur für den Frosch langsam steigt, erhöht sich auch das Ausmaß der Überforderung für die meisten Menschen graduell und über einen längeren Zeitraum. In ihrem Inneren breitet sich mehr und mehr ein Unbehagen aus, weil sie nicht mehr in der Lage sind, die Dinge zu tun, die ihnen wichtig sind. Sie sehen keinen Ausweg aus ihrer Situation, fühlen sich gefangen im sprichwörtlichen Hamsterrad und finden keine Zeit mehr, sich zu fragen, ob das alles sinnvoll ist.
Je länger sie in diesem Zustand verharren, desto mehr leidet ihr Wohlbefinden. Pausen, Spaß, Leichtigkeit und Lebensfreude bleiben auf der Strecke. Die Energie, die Klarheit und die Kraft, die für eine Veränderung nötig wären, schwinden, und letztendlich leidet auch die Gesundheit. Träume geraten in Vergessenheit, und das Gefühl für die eigene Identität verblasst. Die Kontrolle über das eigene Leben scheint zu entgleiten. Der Überblick geht verloren, und tief im Inneren sind sie sich dessen bewusst. Diese Erkenntnis ist der Nährboden für Selbstzweifel: »Wie soll ich das alles schaffen, wenn ich nicht einmal mich selbst im Griff habe?«
Solche Wellen der Selbstzweifel erfassen uns Menschen, wenn uns alles zu viel wird und wir uns überfordert fühlen. Selbstzweifel richten sich dabei nicht gegen die Welt oder die Art und Weise, wie wir leben. Sie richten sich gegen uns selbst.
Betroffene Menschen verlieren buchstäblich den Überblick und hinterfragen deswegen ihr eigenes Können, während sie – fälschlicherweise – annehmen, dass alle anderen ihr Leben im Griff haben. Beim Durchstöbern sozialer Medien nehmen sie nur am Rande wahr, wie es anderen zu gehen scheint: Deren Erfolge, traumhafte Urlaube und lachende Gesichter erwecken beim Scrollen den Eindruck, dass sie ihr Leben meistern. Doch wer erinnert sich in solchen Augenblicken daran, dass auch er selbst nur Positives und Erfreuliches postet?
Die sozialen Medien haben eine immer schon vorhandene menschliche Neigung verstärkt: Erfolge öffentlich zu machen – nun auch bildlich – und Zweifel privat zu halten. Früher nahm nur die unmittelbare Gemeinschaft Anteil, heute wird es über Social-Media-Profile weltweit sichtbar. Das verzerrt unsere Wahrnehmung enorm. Ich kenne Menschen, die sich das Leben genommen haben. Im Gedenken an sie habe ich mir ihre SocialMedia-Profile angesehen. In ihren Beiträgen war nichts davon zu erkennen, dass in ihrem Leben irgendetwas weniger als perfekt war: Es war nur Fassade.
Es liegt nicht an dir
Wir leben heute in einer Zeit, in der tatsächlich alles zu viel ist, zu schnell und zu grenzenlos. Jeder Einzelne steht vor persönlichen Herausforderungen und fragt sich, wie er mit allem zurechtkommen soll. Jeder Einzelne ist immer wieder mal mehr, mal weniger überfordert. Deswegen erleben wir ein Zeitalter der Selbstzweifel. Zu viele gleichen dem Frosch im immer heißer werdenden Wasser: Überwältigt und ausgelaugt investieren sie all ihre Energie darin, weiter zu funktionieren.
Selbst wenn sie sich umschauen, sind sie umringt von anderen Fröschen, die auch sitzen bleiben und scheinbar unberührt weitermachen. Die betroffenen Menschen denken deswegen, dass ihre Kämpfe ihre ganz persönlichen sind, und deswegen beginnen sie nicht, offen und ehrlich darüber zu sprechen. Zum einen fehlen ihnen die Zeit und die mentale Klarheit, zum anderen würden sie damit eine Schwäche eingestehen: »Ich kann nicht mehr.« Das gibt niemand gerne zu.
So ringt jeder still für sich, während nur wenige erkennen, dass sich die Anforderungen der Welt tatsächlich vervielfacht haben und dass wir sie mit den Strategien der Vergangenheit nicht mehr bewältigen können.
Die Wahrheit ist:
Es liegt gar nicht an dir persönlich!
Es ist ein Problem unserer Zeit. Du denkst vielleicht manchmal, dir fehle es nur an Willenskraft oder Durchhaltevermögen, aber so ist es nicht. Es hat neurowissenschaftliche Gründe, die ich dir zeigen werde. Sie hängen damit zusammen, wann der Mensch grundsätzlich welche Fähigkeiten hat. Es liegt nicht an dir persönlich! Es liegt nur daran, wie gestresst wir insgesamt sind.
Die Komplexität und die Geschwindigkeit des Informationsflusses unserer Welt haben sich seit dem Aufkommen des Internets exponentiell erhöht. Wo es einst nur Briefpost, das Telefon mit Wählscheibe und einen Fernsehkanal gab, ist heute jeder von uns über unzählige Kanäle erreichbar: Mobiltelefone, mehrere E-Mail-Adressen, SMS, WhatsApp, diverse Messenger-Dienste, LinkedIn, Xing, Facebook, Instagram, TikTok, andere Social-Media-Plattformen und so weiter.
Als ich einmal auf dem Weg zu einem Kundengespräch einen Co-Working-Space durchquerte, sah ich dort viele Menschen an ihren Arbeitsplätzen. Ein junger Mann war ganz in sein Handy versunken. An seinem Schreibtisch vorbeikommend hörte ich, wie sein Kollege ihn fragte, was er denn mache, und er antwortete: »Insta checkt sich auch nicht von allein.«
Soziale Medien sind große Zeitfresser, die uns von anderen Aufgaben abhalten und den Druck noch erhöhen. Sie schüren Selbstzweifel, weil wir die anderen stets in ihren besten Momenten sehen. Wir vergleichen unser Leben in seiner Gesamtheit mit den glanzvollen Augenblicken der scheinbar Erfolgreicheren und fragen uns: »Was ist mit mir?«
»Bin ich gut genug?«
»Bin ich gut genug?« – das ist die allen Selbstzweifeln zugrunde liegende Frage, verbunden mit der Angst, es eben nicht zu sein.
Gut genug bei der Arbeit: schnell genug, clever genug, erfolgreich genug?
Gut genug in der Partnerschaft: als Mensch, als Freund, als Lover. Reiche ich dem anderen? Bin ich genug?
Gut genug als Vater oder Mutter: Habe ich genug Zeit für meine Kinder, versorge ich sie gut genug, geht es ihnen gut oder vernachlässige ich sie?
Gut genug als Kind: Genüge ich den Anforderungen meiner Eltern? Erfülle ich ihre Erwartungen?
Wir leben in einer Gesellschaft, die auf dieser Frage aufbaut. Wer heute Stellenanzeigen oder Partnerschaftsgesuche liest, kann den Eindruck bekommen, dass alle nur noch Superwoman oder Superman suchen. Es scheint die Einsicht abhandengekommen zu sein, dass statistisch betrachtet einfach nicht alle überdurchschnittlich sein können.
Die gute Nachricht lautet also: Wenn du das Gefühl hast, nicht gut genug zu sein, liegt das nicht an dir, und du bist damit nicht allein. Es ist ein Symptom unserer Zeit. Es ist das Ergebnis der schieren Menge an Aufgaben, der Geschwindigkeit und der Komplexität. Alles zusammen führt immer wieder zu dem Gefühl, es einfach nicht zu schaffen. Bei manchen passiert das öfter, bei anderen weniger oft, doch für alle ist es ein Thema.
Selbst Michelle Obama schreibt in ihrem Buch Becoming von der Frage, die sie und ihr Mann sich immer wieder gestellt haben: »Am I good enough?«, »Are we good enough?«1 »Bin ich gut genug?«, »Sind wir gut genug?« »Ja«, ist ihre Antwort immer wieder, doch sie berichtet von dem Druck, unter dem beide standen, von dem Gefühl, keinen Fehler mehr machen zu dürfen – und das, obwohl ihnen Heerscharen an Unterstützern zur Verfügung standen. Sie berichtet in bewundernswerter Ehrlichkeit von kontinuierlichen Selbstzweifeln.
Etwas beweisen wollen
Sich nicht gut genug – unzureichend – zu fühlen, ist kein Zustand friedlicher Entspannung, kein Wohlfühlen, keine Freude, keine Power, kein Glück. Im Gegenteil: Es entstehen andauernder Unfrieden, Stress, Zweifel, Unsicherheit, innere Unruhe und Rastlosigkeit.
Frieden zu finden, ist jedoch ein zutiefst menschliches Bedürfnis. Wird es nicht erfüllt, treibt uns der Wunsch an, diesen Zustand zu verändern. Dieser Wunsch ist Teil der kollektiven Psyche der Menschheit, eine in der Seele des Menschen tief verwurzelte Sehnsucht, gut genug zu sein.
Der beste Weg ist es, sich von den Selbstzweifeln zu befreien. Gelingt das nicht, entstehen aus ihnen ein Antrieb, ein »Getriebensein« und die oft unbewusste Hauptstrategie der Menschen im Umgang mit Selbstzweifeln, die darin besteht, das Gegenteil zu beweisen:
»Ich kann das. Ich leiste das. Ich bekomme das hin. Ich schaffe das Unmögliche. Ich erfülle jede Aufgabe, jede Erwartung. Ich bin gut. Ich bin besser.«
»Wenn ich es schaffe, bekomme ich Anerkennung, Wertschätzung und werde geliebt. Dann gehöre ich dazu und bin ein wertvolles Mitglied der Gemeinschaft. Wenn ich es schaffe, darf ich leben, finde ich Frieden und alles ist gut.«
Aber wem beweisen wir das? Auf diese Frage gibt es drei Antworten:
1.uns selbst,
2.anderen Personen,
3.allen (der Welt).
Auch wenn sich die drei Beweisebenen nicht gegenseitig ausschließen, hat doch jede eine eigene Quelle und eine eigene Dynamik. Weil Selbstzweifel eine so große Rolle in der heutigen Welt spielen und uns diese Ebenen in der Regel nicht bewusst sind, lohnt es sich, sie einmal kurz auszuleuchten:
Sich selbst etwas beweisen –das lange Rennen gegen sich selbst
Auf den ersten Blick scheint dies der am leichtesten zu erbringende Beweis zu sein. Doch die Wahrheit ist, es kommt drauf an.
Es kommt darauf an, wie freundlich oder wie hart wir mit uns selbst ins Gericht gehen. Manche Menschen sind sich selbst die schärfsten Kritiker, und dann ist ihr Rennen lang, nur gegen sich selbst, und sie können nicht gewinnen. Sie werden immer weiter von dem eigenen, nicht zufriedenstellbaren Anspruch getrieben.
Diesen Effekt kann eine subjektiv gefühlte Verantwortung gegenüber anderen Menschen noch verstärken. Dann geht es darum, sich selbst zu beweisen, dass sie dieser Verantwortung gerecht werden können, zum Beispiel gegenüber der eigenen Familie und/oder den eigenen Mitarbeitern. Es geht jetzt nicht mehr nur um das eigene Schicksal, und das Getriebensein erreicht dadurch ein neues Level. Es wird noch schwerer, einfach mal zufrieden mit sich zu sein, zur Ruhe zu kommen oder Spaß zu haben, solange noch nicht alles erledigt ist. Und in unserer Welt gibt es keinen Zeitpunkt mehr, an dem alles erledigt ist.
Anderen etwas beweisen(in der Regel den Eltern)
Die Anerkennung, das Lob der Eltern, ist für Menschen oft bis ins hohe Alter ein angestrebtes Ziel. Wenn Vater oder Mutter eine tatsächliche oder so wahrgenommene hohe Erwartungshaltung haben, kann es für Kinder zur lebenslangen und gegebenenfalls nicht lösbaren Aufgabe werden, sie zu erfüllen.
Anerkennung und Liebe (der Eltern) für Leistung (der Kinder) lautet die Gleichung dann. Das ist weit entfernt von der Sicherheit, der Geborgenheit und der Anerkennung, die Eltern ihren Kindern schenken, wenn sie bedingungslos lieben und ihnen deswegen sagen und zeigen: »Du bist gut so, wie du bist.« Gut genug. »Ich liebe dich, egal, was du tust oder nicht tust.«
Gelingt es Eltern nicht, ihre Kinder so zu lieben, dann hören diese nicht etwa auf, ihre Eltern zu lieben, sondern sie hören auf, sich selbst zu lieben. Bewusst oder unbewusst wird ihr Leben dann davon bestimmt, anderen zu beweisen, dass sie doch gut genug sind, um die Anerkennung und Liebe der Eltern zu bekommen.
Ted Turner, Gründer von CNN
Wie dramatisch die Wirkung auf ein ganzes Leben sein kann, zeigt die Geschichte von Ted Turner. Er war auf dem Gipfel seines Erfolgs. Das Time Magazine zeichnete ihn 1991 als ersten Medienunternehmer überhaupt als »Man of the year« – »Mann des Jahres« – aus. Ted Turner war einer der mächtigsten und einflussreichsten Männer seiner Zeit.
1938 geboren, gründete er 1980 den Nachrichtensender Cable News Network (CNN) und schrieb damit Mediengeschichte. Ted Turners Vater wird nachgesagt, dass er hart und fordernd war.
Als Ted 1991 die Auszeichnung zum »Man of the year« entgegennimmt, stockt ihm in seiner Dankesrede der Atem. Er nimmt die Trophäe, hält sie zur Decke, zum Himmel, und vor dem gebannt zuschauenden, mucksmäuschenstillen Publikum fragt er: »Is that enough, daddy?« »Ist das genug, Papa?« Bin ich jetzt genug? Gut genug? Oder immer noch nicht?
In einem Interview nach diesem Moment hat Ted Turner gesagt, ihm sei bis zu diesem Moment nicht bewusst gewesen, dass ihn der Wunsch, es seinem Vater recht zu machen, sein ganzes Leben lang getrieben habe. Er habe nicht sein eigenes Leben gelebt, sondern versucht, die Erwartungen anderer zu erfüllen.
Wir wissen nicht, was andere Menschen antreibt. Manchmal wissen wir nicht einmal, was uns selbst antreibt. Viele von uns funktionieren und stürmen nach vorne. Ob die Richtung stimmt, fragen sie sich dabei nur selten.
Menschen, die so getrieben sind, werden oft überdurchschnittlich erfolgreich. Sie leben eindimensional und sind nur darauf ausgerichtet. Es ist auffällig, wie oft sie dabei leicht reizbar und ungeduldig mit anderen sind. Anders formuliert: Güte ist nicht unbedingt ihre hervorstechendste Eigenschaft. Sie haben meistens kein Gespür und auch kein Verständnis für die Bedürfnisse anderer. Vor allem privat führt das oft zu scheiternden Beziehungen mit Partnern, Kindern und Freunden.
Sie fühlen sich in der Welt häufig unverstanden und allein, sie tendieren dazu, eine abfällige Haltung gegenüber den meisten anderen Menschen zu haben. »Bin ich denn nur von Idioten umgeben?«, sagen sie häufig oder: »So schwer kann das doch gar nicht sein«. Sie urteilen oft schnell und hart und teilen die anderen in zwei Gruppen ein: Die, die für sie sind, und die, die gegen sie sind. Dazwischen gibt es nichts.
Warum das so ist, was es mit dem Überlebensmodus des Menschen zu tun hat und welche Lösung es dafür gibt, gehört zu den vielen Antworten, die dir Teil II und III des Buches liefern.
Allen und der Welt etwas beweisen
Selten, wenn überhaupt schon einmal in der Geschichte der Menschheit, war die Durchlässigkeit unserer Gesellschaften so groß wie jetzt. Heute ist der eigene Lebensweg viel weniger durch das Leben der Eltern vorbestimmt, als es in anderen Epochen der Fall war. Seit den 1970er-Jahren studieren zum Beispiel Arbeiterkinder immer häufiger, Frauen haben sich aus dem ihnen vorgezeichneten Rollenbild heraus entwickelt und spielen inzwischen in jeder Liga der Macht weltweit mit. Und Einwanderer können nicht erst in der zweiten oder dritten Generation zu Wohlstand und Ansehen kommen.
Doch etwas bleibt: Wer einer der ersten ist, der in seiner Familie oder seiner Bevölkerungsgruppe in bislang unerreichte Höhen der Macht, des Erfolgs und/oder des Reichtums aufsteigt, für den ist die gefühlte Verantwortung nicht nur eine persönliche, sondern eine kollektive: »Ich muss das hinkriegen, sonst denken die alle, dass … (Frauen, Arbeiterkinder, Einwanderer, Schwarze …) … das nicht hinbekommen.« »Die alle« sind hierbei die jeweils als Establishment empfundenen Personengruppen.
Der subjektiv empfundene Druck, der einem dann im Nacken sitzt, ist der der gesamten Gruppe, der man angehört. Dieser Effekt erhöht sich, wenn der eigenen Gruppe vom sogenannten Establishment generell zugeschrieben wird, nicht leistungsfähig, weniger intelligent oder anderweitig nicht gut genug zu sein. Im Klartext heißt das: Wenn Frauen, Flüchtlinge, Schwarze oder andere wie auch immer definierte Bevölkerungsgruppen als weniger klug, leistungswillig, leistungsfähig und/ oder zuverlässig betrachtet worden sind, dann ist der Druck auf eine einzelne Person von ihnen noch größer, wenn sie wichtige Positionen einnehmen.
Genau diesen Effekt beschreibt Michelle Obama in ihrem Buch Becoming: Alle Augen lagen auf ihrem Mann und ihr vor allem deshalb, weil es in den USA mit der Wahl von Barack Obama das erste Mal möglich war, zu sagen: »My president is black.« Genauso hat Jay-Z seinen Song genannt, den er an dem Tag veröffentlichte, an dem Barack Obama der erste afroamerikanische Präsident der USA wurde.
Auch deswegen hat Michelle Obama sich immer wieder gefragt: »Are we good enough?«– »Sind wir gut genug?« Wenn viele andere an dir zweifeln, ist es eben noch leichter, an sich selbst zu zweifeln. Je mehr Vertreter dieser Gruppen sich erfolgreich beweisen, desto geringer wird dieser Effekt. Doch es ist genau das: Sie müssen sich der Welt erst beweisen.
Wie Menschen damit umgehen
Die meisten Menschen empfinden ihre eigenen Verhaltensmuster als »normal«. Ihr Getriebensein ist unbewusst, sie kennen es einfach nicht anders.
Zu welchen typischen Verhaltensweisen führt das? Es gibt vor allem vier allgegenwärtige Symptome unserer Zeit für Überforderung, Selbstzweifel und den daraus resultierenden Antrieb, etwas beweisen zu müssen. Es lohnt sich, sie sich bewusst zu machen und gegebenenfalls sich selbst und andere darin zu erkennen.
Symptom 1: Stress als Leistungsindikator
Viele Aufgaben und Zeitdruck bringen ein inneres Gefühl des Gebrauchtwerdens und der Überlegenheit mit sich. Die innere Überzeugung lautet dann: »Wer keinen Stress hat, leistet einfach nicht genug.«
Zu Ende gedacht, bedeutet das: Wer immer Stress hat, gehört zu den ganz Wichtigen, den Mächtigen. Die nicht so wichtigen Menschen haben eben auch nicht so viel zu tun und bekommen nicht so viele E-Mails, Anrufe und Aufgaben. »Du bekommst 100 E-Mails am Tag? Die bekomme ich in den ersten zwei Stunden.« Wer hat die meisten Anrufe in Abwesenheit erhalten? Es ist wie ein Wettbewerb, den der gewinnt, der den größten Stress hat. Stress ist cool. Stress ist für Gewinner.
Damit im Einklang erhalten Menschen, die richtig viel zu tun haben, Bewunderung und Anerkennung der Gesellschaft. Es gibt sogar Dienstleister, bei denen in Auftrag gegeben werden kann, in einem bestimmten Zeitraum angerufen zu werden, um den Menschen, mit denen man dann zusammen ist, die eigene Wichtigkeit zu demonstrieren.
Bei den Top-Performern (und denen, die sich für solche halten) geht das so weit, dass sie sich von Menschen, die dem Druck und Tempo nicht mehr standhalten, mit einer gewissen Verachtung distanzieren: »Burn-out? Das ist ja lachhaft. Was soll da schon gewesen sein im Vergleich zu dem, was bei uns los ist?« Stress bedeutet Leistung bedeutet Erfolg, und damit ist klar, dass es als ein Zeichen von Schwäche angesehen würde, nicht durchzuhalten bzw. nicht weiter zu funktionieren.
Symptom 2: Ohne mich geht es nicht
Mehr. Schneller. Pausenlos. Der Kopf findet keine Ruhe mehr, das Gedankenkarussell dreht sich immer weiter. Die nächsten fünf Themen sind in der Warteschleife »hochgebootet« und senden »Trailer« in die aktuellen Gedanken. Sie versuchen quasi, sich vorzudrängeln. Sobald ein Moment zum Durchatmen wäre, geht der Griff zum Handy: 148 Mails checken.
Der Adrenalinkick macht süchtig und hat uns die Kunst des Ausruhens verlernen lassen. Es ist das Gefühl, gebraucht zu werden, weil ohne einen alles zusammenbrechen würde. »Es hängt ja doch alles an mir« ist ein typischer Gedanke, ein weiterer ist: »Ich habe zu tun. Ich habe keine Zeit.« Die Firma, die Familie, die Welt brauchen einen, und deswegen arbeitet man eben mehr als andere.
In diesem Verhaltensmuster enthalten ist das relativ konsequente Ignorieren der eigenen Bedürfnisse. Wer mit der Überzeugung »Ohne mich geht es nicht« lebt, findet nur selten Zeit, sich um sich selbst zu kümmern. Regelmäßiger Sport, eine gesunde Ernährung, einfach mal Spaß haben oder nichts tun? »Ich habe zu tun. Ich habe keine Zeit.«
Das führt dazu, dass auch die lauter werdenden Signale des eigenen Körpers und der eigenen Gesundheit ausgeblendet werden: die Erkältung, das Fieber, die Kurzatmigkeit, die Rückenschmerzen, die Magenschmerzen, die Gewichtszunahme, die Herzprobleme, um einige der typischen Erstsymptome zu nennen. Das geschieht nicht ohne Stolz. Es scheint, als läge eine besondere Befriedigung darin, auch und gerade mit gesundheitlichen Problemen weiter zu funktionieren: »Nur die Harten kommen in den Garten.«
Manchmal bricht in einer dunklen Stunde, allein zu Hause, alles innerlich zusammen in der Selbsterkenntnis: »Ich kann nicht mehr«. Doch dieses Bewusstsein, dieser Moment der Erkenntnis ist nur von kurzer Dauer. Wenn der nächste Morgen kommt, wird weiter funktioniert. Schließlich gilt: »Ohne mich geht es nicht.«
Symptom 3: Kaffee und Co.
»Ohne meine Tasse Kaffee am Morgen fange ich gar nicht erst an.« Kaffee. Koffein. Ein Aufputschmittel, Wachmacher, Leistungssteigerer.
Die Neigung zu anderen Aufputschmitteln ist nicht nur persönlich geprägt, sondern auch branchen- oder berufsgruppenspezifisch: Energydrinks, Kokain, Amphetamine, Ritalin oder andere Amphetaminderivate und Aufputschmittel scheinen zum Beispiel unter Investmentbankern, Anwälten, Ärzten, Journalisten und weiteren Branchen, die tendenziell unter einem noch höheren Druck stehen, eher zur Normalität zu gehören als anderswo. Je höher der Druck wird, desto eher greifen Menschen zu Hilfsmitteln, um damit klarzukommen. Das ist im Sport so und inzwischen auch im Leben.
Wir sehen diese Formen des Dopings in den großen Leistungsgesellschaften überall auf der Welt. Selbst Schüler und Studenten greifen inzwischen regelmäßig zu Energydrinks und teilweise auch zu Ritalin, um Müdigkeit zu unterdrücken, Leistung zu steigern und länger lernen zu können.
Doch das Hochfahren über den Tag, die Konzentration und die Power, die wir dann haben, fällt uns abends auf die Füße. Endlich ist der letzte Termin vorbei, die letzte Aufgabe für heute erledigt. Und jetzt? Wonach sehnen sich Menschen am Ende des dicht getakteten Tages?
Das erste Glas Rotwein … ahhh … und die Anspannung des Tages weicht. Es gibt einen gesellschaftlichen Konsens, den Abend mit mehr oder weniger Alkohol zu begehen. Je größer der Druck des Tages, desto unverzichtbarer wird das Gegenmittel. Immer mehr Leistungsträger haben Schwierigkeiten, überhaupt einzuschlafen oder, wenn das gut gelingt, durchzuschlafen. Wenn die erste Erschöpfung nach wenigen Stunden weg ist, wachen sie mitten in der Nacht auf, und die Gedankenmühle beginnt. An Schlaf ist dann nicht mehr zu denken. Wenn der neue Tag beginnt, geht ohne Kaffee erst einmal gar nichts.
Symptom 4: Das habe ich mir verdient
Wer viel leistet und viel gibt, der hat das Recht auf eine Belohnung. So oder so ähnlich lautet die Begründung für übermäßigen Konsum nach getaner Arbeit. Sie führt dazu, dass Menschen zu viel essen, zu viel trinken, zu viel kaufen und zu viel besitzen. Die Belohnungsstrategie ist eine weit verbreitete Verhaltensweise im Umgang mit hohem Druck.
Das neue Paar Schuhe? Noch ein Kleid? Noch ein Anzug? Die Handtasche? Die teure Uhr? »Das habe ich mir verdient.« Es geht auch darum, der Welt den eigenen Status zu zeigen: Weil ich so viel gearbeitet habe, kann ich mir das leisten. Das Motorrad? Den Sportwagen? Das Cabrio? »Kann ich mir leisten!«
Noch ein Glas Wein? Das Stück Kuchen am Nachmittag? Die Sahne dazu? Oder das Steak eine Nummer größer? Die Sauce Béarnaise dazu? Die Nudeln mit der Sahnesoße? Den teureren Whisky? Den Nachtisch? »Das habe ich mir verdient.«
Wenn es darum geht, Stress und Überlastung zu kompensieren, stellt sich die Frage, ob wir durch unseren Konsum wirklich zufriedener werden oder ob der Effekt mit dem Abstellen der Einkaufstaschen langsam schon wieder verpufft. Konsum kann wahren inneren Frieden nicht ersetzen, nur ergänzen. Und so kommt es, dass viele Menschen sogar ein schlechtes Gewissen haben, weil sie nicht glücklicher sind, obwohl sie materiell alles haben. Weil es nicht gelingt, die Leere in ihnen nachhaltig mit Dingen oder mit Essen zu füllen.
Alkohol oder Hoffnung
Mit etwas innerem Abstand erkennt jeder von uns sich und andere in mindestens einem der vier großen Symptome unserer Zeit wieder. Wahrscheinlich fällt es im Alltag nur deswegen nicht mehr auf, weil sich die meisten in unserem Umfeld auch so verhalten. Wir leben in einer Zeit, in der so viele Menschen wie nie zuvor zu viel essen, zu viel trinken, zu viele Drogen und Medikamente nehmen, zu viel arbeiten, zu viel konsumieren und zu wenig zur Besinnung kommen.
Der eine oder andere mag sich jetzt denken: »Na und? So bin ich eben.« »So ist die Welt eben.« »Das kann ich doch nicht ändern.« Dann könnte es sein, dass zu viele von uns derzeit nur Frösche sind, jeder in seinem Gefäß im immer heißer werdenden Wasser sitzt und einfach keiner springt. Jeder schaut sich um und denkt: »Die anderen bleiben auch sitzen.« Das haben wir bisher so gemacht, dann machen wir das mal weiter so.
Wenn die Welt wirklich so wäre und wir daran nichts ändern könnten, dann wären wir machtlos, ausgeliefert und fremdgesteuert. Wahrscheinlich würde es dann sogar Sinn machen, sich jeden Abend zu betrinken, nüchtern wäre es unerträglich. Alkohol blendet das Umfeld aus und ist eine Art Weichzeichner des Lebens. Ein Geschäftsführer und Kunde von mir hat sich während unserer Arbeit entschlossen, zumindest für eine Weile keinen Alkohol zu trinken. Er hat die Wirkung so formuliert: »Diese Klarheit die ganze Zeit muss man auch erst einmal aushalten.«
Doch ich habe dir versprochen, uns nicht in die Hoffnungslosigkeit zu stürzen, sondern im Gegenteil einen klaren Weg in ein viel besseres und leichteres Leben aufzuzeigen. Das gelingt vor allem deswegen, weil es sich nicht um ein persönliches, individuelles Problem handelt, sondern um ein kollektives Phänomen unserer Zeit. »Das haben wir immer schon so gemacht« kann in einer sich in diesem Tempo verändernden Welt doch nicht allen Ernstes unsere Antwort sein. Wir können es viel besser machen. Ich hoffe, du bist schon ein bisschen neugierig, wie dein Leben und die Welt dann aussehen können – egal, ob mit oder ohne Alkohol.
Die meisten Menschen mögen keine Veränderungen – und dafür haben sie gute Gründe: Über Tausende von Jahren haben wir uns angewöhnt, bekanntes und bewährtes Verhalten zu automatisieren und unbewusst ablaufen zu lassen. Etwas zu verändern, also etwas Neues zu lernen, erfordert unsere ganze Aufmerksamkeit, und der Körper verbrennt dabei deutlich mehr Energie. Er braucht also mehr Nahrung, um Neues zu lernen.
Als Menschen haben wir unsere irdische Existenz überwiegend in Zeiten knapper Nahrungsmittel verbracht – auch wenn uns das mit Blick in unsere Kühlschränke und Supermärkte heute nicht mehr so präsent ist. Es überlebt der, der nicht mehr Energie verbrennt, als er zu sich nehmen kann. Da das Überleben in der evolutionären Entwicklung einer Spezies immer das oberste Ziel ist, erscheint es sinnvoll, alle Aktivitäten zu meiden, die mehr Energie als unbedingt nötig verbrauchen. Evolutionär ist der Mensch bisher deswegen so programmiert:
1.Lerne, was du unbedingt lernen musst, um zu überleben.
2.Automatisiere das Gelernte und lasse es energieeffizient und unbewusst ablaufen.
3.Und dann mache es so, wie du es immer schon gemacht hast.
Veränderung? Nein, danke!
Die durchaus überzeugende Logik lautet: Du hast bis hierhin überlebt. Bezogen auf das wichtigste Ziel »Überleben« ist dein bisheriges Verhalten also ein Erfolgskonzept. Du willst weiter überleben? Dann bleibe bei den offensichtlich bewährten Verhaltensweisen! Es gibt wirklich keinen Grund, unnötig mehr Energie zu verbrennen, um etwas Neues zu lernen, und dadurch das Risiko einzugehen, das die Veränderung dein Überleben gefährdet. Schließlich ist das Neue naturgemäß kein bewährtes Konzept und somit potenziell gefährlich.
Menschen mögen keine Veränderungen, und dafür haben sie wirklich gute Gründe!
Der über Hunderttausende von Jahren erfolgreiche evolutionäre Anreiz des Menschen, in der vertrauten Komfortzone zu bleiben – es eben so zu machen, wie wir es immer schon gemacht haben –, ist sehr, sehr groß. Anders formuliert:
Der bisherige evolutionäre Anreiz, Veränderungen zu wagen, ist vergleichsweise klein.
Die hier beschriebenen Grundlagen des menschlichen Verhältnisses zu Veränderungen sind im wahrsten Sinne des Wortes steinalt. Menschen, die sich mit Veränderungen schwertun, sind Bewahrer. Um sie noch besser zu verstehen, lohnt es sich, kurz eine sehr alte Geschichte zu erzählen.
Damals in der Steinzeit
Es war einmal in der Steinzeit, als es täglich ums Überleben ging, dass die beiden Männer Bewa und Inno bei Tagesanbruch gemeinsam zur Jagd in die Savanne aufbrachen. Sie waren Freunde, doch unterschiedlich wie Tag und Nacht: Inno war der Inbegriff der Unbeschwertheit, ein Mann, der das Leben mit offenen Armen begrüßte, immer voller Ideen. Beim Wasserholen pfiff er Melodien, die er vom Wind gelernt hatte, und beim Vorbeigehen an den Blumen der Savanne konnte er nicht anders, als innezuhalten und ihre Schönheit zu würdigen.
Jeder neue Tag war für Inno ein Geschenk, und er nahm es mit dem Vertrauen eines Kindes an, überzeugt davon, dass alles, was das Leben ihm bot, gut war und Chancen bot. Er war neugierig und bereit, Neues zu lernen, sich zu verändern und zu wachsen. Seine Gedanken kreisten oft um die Frage, wie er das Leben für alle Menschen besser machen konnte.
Bewa hingegen war das genaue Gegenteil. Er hielt an den Traditionen und Techniken fest, die er kannte, weil er sich dann sicher fühlte. Er fürchtete alles, was anders oder neu war, und versuchte, es zu vermeiden. In seinen Augen verzieh das Leben keine Fehler – es war ein Spiel, das nur mit Vertrauen in bewährte Konzepte und mit Vorsicht zu gewinnen war. Es war doch gut, wie es war! Warum ständig weiter streben, rastlos sein und unzufrieden? Er legte Wert darauf, bewährte Methoden und Traditionen an die jungen Menschen ihres Stammes weiterzugeben und sicherzustellen, dass sie sich daran hielten.
Die Sonne tauchte die Savanne in das magische Licht der ersten hellen Stunde des Tages, und der Wind trug das Knistern der trockenen Blätter mit sich. Bewas Augen beobachteten aufmerksam die Umgebung, so wie er es als wichtigen Bestandteil einer erfolgreichen Jagd von seinem Vater und Großvater gelernt hatte. Inno hingegen richtete seinen Blick gen Himmel, um die majestätische Weite zu bewundern.
Plötzlich kam ein Tiger aus dem Nichts. Er bewegte sich lautlos, seine Augen fixiert auf die beiden Freunde. Bewa bemerkte den Tiger sofort und reagierte instinktiv. Mit der Klarheit und Schnelligkeit bewährter Verhaltensweisen, die seine Vorfahren seit Generationen in der Wildnis hatten überleben lassen, schwang er sich auf den nächsten Baum. Inno hingegen blieb stehen und bewunderte die Schönheit des Tieres und seine anmutigen Bewegungen. Der Tiger blieb auch stehen, und die beiden schauten sich in die Augen.
»Ist Weglaufen wirklich der einzige Weg?«, fragte Inno sich. »Das muss doch auch anders und besser gehen. Vielleicht bluffte der Tiger nur, und wenn er stehen blieb, könnte er ihn erlegen. Wie wohl Tigerfleisch schmeckte?«
Er stellte sich vor, wie anders das Leben seines Stammes werden könnte, wenn keiner mehr Angst vor den Tigern haben müsste. Der Moment dehnte sich aus, und Innos Gedanken gingen weiter. Immer wieder hatte er davon geträumt, dass es gelingen würde, Tiere zu halten, statt zu jagen. Bisher war das nicht gelungen, aber er stellte sich vor, wie man Tiere halten könnte, um sie dann töten zu können, wenn man Hunger hatte. Jagen war schließlich zeitraubend und anstrengend. Es könnte großartig werden …
Er machte einen kleinen Schritt auf den Tiger zu. Doch der Tiger war hungrig, und die Natur nahm ihren Lauf.
Bewa war sehr traurig über den Verlust seines Freundes, aber in seinen Augen war er auch wirklich selbst schuld. Einmal mehr fühlte er sich in seiner Haltung dem Leben gegenüber bestätigt.
Das Steinzeitdenken in uns
Wessen Nachfahren sind wir heute? Wessen Erfahrungsschatz, wessen Sichtweise auf die Welt hat sich über Jahrtausende in unsere DNA und unser Unbewusstes eingebrannt? Wir Menschen mögen Veränderungen nicht, weil sie uns potenziell das Leben kosten können. Warum etwas Neues ausprobieren, wenn wir bis hierher auch so überlebt haben? Warum das Risiko eingehen?
Es lohnt sich, dass wir als Menschheit einen Moment innehalten und verstehen, wie mächtig unsere guten Gründe sind, Veränderungen zu vermeiden. Evolutionär betrachtet, ist es das Fundament des Überlebens unserer Spezies. Es ist ein in uns zutiefst verwurzeltes, bewährtes Konzept. Wenn wir also heute versuchen, uns zu verändern, dann treten wir innerlich an gegen eine seit Jahrtausenden bewährte Erfahrung, es besser so zu machen, wie wir es immer schon gemacht haben. Huldigen wir also dem Bewahrer in uns, dem innerlichen Nachfahren von Bewa. In den langen Zeiten, in denen sich in der Welt nicht viel geändert hat, hatte er erwiesenermaßen das überlegene Erfolgskonzept.
Doch diese Zeiten sind vorbei!
Aus welchen Gründen auch immer sind Innovatoren als Teil der menschlichen Natur, die innerlichen Nachfahren von Inno, nie ganz ausgestorben. Sie sind es, die nie aufgegeben haben, bessere Wege zu finden und Neues auszuprobieren. Ihr Wirken hat dazu geführt, dass sich das Leben der Menschen erst langsam (Landwirtschaft) und dann immer schneller (Industrialisierung) verändert hat. Wir nennen das heute Fortschritt und Zivilisation.
Die Innovatoren, die Erfinder, die Visionäre, die Mutigen – sie waren es, die die Welt zu der gemacht haben, die sie heute ist. Sie sind es, die niemals aufhören werden, die Grenzen des Möglichen zu sprengen und Leben neu zu erfinden.
Ihnen haben wir zu verdanken, dass wir nicht mehr in Höhlen leben, sondern in festen, beheizten Behausungen mit fließend warmem und kaltem Wasser. Ohne sie gäbe es keine Elektrizität, kein Rad, keine Kutschen, keine Autos und keine Flugzeuge. Es gäbe keine Musik, keine Theater, keine Universitäten und keine Wissenschaften. Wir hätten keine Landwirtschaft und keine Tierzucht, sondern würden immer noch in der Savanne jeden Tag ums Überleben kämpfen und im Durchschnitt nicht älter als 35 Jahre werden.
Ob wir dafür dankbar sind oder der Meinung, dass es ohne diese Entwicklung vielleicht besser gewesen wäre, spielt heute keine Rolle mehr: Keiner von uns kann die Zeit zurückdrehen. Heute leben wir in einer Welt, in der nichts mehr so ist, wie es vor 10 000 Jahren war, und in der sich so viel so schnell verändert wie noch nie zuvor. Und so verdanken wir den Innovatoren auch das riesige Problem, vor dem wir als Menschheit heute stehen. Hätten sie es gut sein lassen, dann wäre heute alles immer noch so, wie es immer schon war. Dann könnten wir Veränderungen weiterhin grundsätzlich für gefährlich halten und erfolgreich meiden.
Doch so sind die Innovatoren verantwortlich für eine der größten Herausforderungen aller Zeiten: Es ist erforderlich, kollektiv unsere Haltung zu Veränderungen zu verändern. Es führt kein Weg mehr daran vorbei, dass wir uns tatsächlich mit der Veränderungsfähigkeit der Menschen beschäftigen.
Fügen wir uns also in das Unvermeidliche und beginnen mit einer harmlosen Geschichte aus dem Alltag.
Die Kühlschranktür und der Mietwagen
Meine Hand schwebt in der Luft, wo sonst der Griff des Kühlschranks sein sollte. Schon wieder. Ich starre irritiert auf die glatte Oberfläche der Tür. Kein Griff. Ich muss über mich selbst lachen, auch wenn ich leicht genervt bin. Der Umzug liegt eine Woche zurück, und mit ihm kam der neue Kühlschrank – ein Modell ohne Griff. Beim Kauf habe ich das übersehen.
Nun, Tag für Tag, stolpere ich über diese kleine, aber einschneidende Veränderung. Mein Verstand registriert das Fehlen des Griffs, doch meine Handlungsroutinen ignorieren das hartnäckig.
Bis vor einer Woche waren mein alter Kühlschrank und ich ein eingespieltes Team. Jetzt ist der Takt gestört, der alltägliche Flow fehlt, es funktioniert nicht mehr.
