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Wer sind Sie, wenn Sie verliebt sind? Sind Sie der Unschuldige? Oder könnten Sie der Magier sein? Die Rolle der Liebe im Leben verstehen – für viele ist das ein scheinbar hoffnungsloses Unterfangen und ein ohnehin nur schwer greifbares Thema. Allan G. Hunter nähert sich ihm über die sechs Archetypen, die jeder Mensch im Laufe seines Lebens durchläuft und die alle mit einer Entwicklungsstufe und damit mit einer bestimmten Form der Liebe verbunden sind. Verstehen wir dieses einfache System, durchschauen wir auf einmal unsere Beziehungen, die Probleme, die sich darin ergeben mögen, und wir sehen vor allem klar die Lösungen, die sich uns bieten. Begleiten Sie den Autor auf seiner Reise vom Unschuldigen zum Magier, die sowohl Station macht bei den alten Weisheiten des Tarots wie auch bei Liebespaaren aus dem alltäglichen Leben. Allan G. Hunter verknüpft gekonnt Popkultur mit mystischem Wissen und nimmt Sie mit auf einen abwechslungs- wie lehrreichen Ausflug in die Welt der Liebe. Er verrät Ihnen, warum es so viele unterschiedliche Formen der Liebe gibt und wie unterschiedliche Liebestypen sich verhalten – sowohl innerhalb als auch außerhalb des Schlafzimmers. Erkennen Sie, wie Sie sich der Liebe nähern und all ihre Facetten ergründen können. Und entdecken Sie, wie Sie die Liebe finden und sie erfolgreich in Ihrem Leben halten.
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Seitenzahl: 444
Veröffentlichungsjahr: 2019
Alle Rechte vorbehalten.
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Copyright© 2008 by Allan G. Hunter
Titel der Originalausgabe: The Six Archetypes of Love. From Innocent to Magician First published by Findhorn Press, Scotland
Copyright© 2010 der deutschen Ausgabe: Verlag »Die Silberschnur« GmbH
ISBN 978-3-89845-385-1 (Print)
ISBN 978-3-89845-890-0 (E-Book)
1. Auflage 2019
Übersetzung: Andreas Zantop
Gestaltung: XPresentation, Güllesheim; unter Verwendung eines Motivs von www.fotolia.com
Abbildungen RIDER-WAITE® Tarot-Karten: Mit freundlicher Genehmigung des Königsfurt-Urania Verlag, Krummwisch, Copyright© US Games Systems, USA, und AG Müller, Neuhausen/Schweiz, www.koenigsfurt-urania.com
Verlag »Die Silberschnur« GmbH • Steinstr. 1 • 56593 Güllesheim
www.silberschnur.de • E-Mail: [email protected]
INHALT
Kapitel 1: Gauguins großartiges Gemälde
Kapitel 2: Die Reise zur Liebe
Kapitel 3: Die sechs Archetypen in Aktion
Kapitel 4: Der Unschuldige
Kapitel 5: Die Liebe der Waise
Kapitel 6: Die Liebe des Pilgers
Kapitel 7: Der Krieger-Liebhaber
Kapitel 8: Das Monarchenpaar
Kapitel 9: Der Magier
Kapitel 10: Mut und Liebe
Kapitel 11: Die sechs Stufen der Liebe in Märchen, Legenden und der Neuzeit
Anmerkungen
Bibliographie
Dank
Über den Autor
Kapitel 1
Gauguins großartiges Gemälde
Sind wir hier, um »etwas zu erreichen«?
Oder sind wir hier, um zu lernen?
Eines der bewegendsten Kunstwerke, das ich je gesehen habe, ist das enorme, dreiteilige Gemälde, das Gauguin auf Tahiti gemalt hat1 und auf das er die Worte schrieb: “Woher kommen wir? Was sind wir? Wohin gehen wir?” Diese Fragen sind mittlerweile als offizieller Titel des Gemäldes übernommen worden. Die im Gemälde dargestellten Figuren scheinen nicht im Besonderen über diese Fragen nachzusinnen, während sie ihren verschiedenen Tätigkeiten nachgehen.
Vielleicht ist aber auch genau das der Punkt. Wir leben, wir arbeiten, wir beten (oder auch nicht), wir sitzen, wir träumen, genau wie die im Gemälde dargestellten Figuren, und diese Fragen stellen sich uns weiterhin. Sie sollen uns allerdings nicht in Panik versetzen oder verzweifelt nach Antworten suchen lassen. Keine der Figuren, die Gauguin gemalt hat, erscheint verzweifelt oder hoffnungslos.
Es ist jedoch sinnvoll, sich diese Fragen zu stellen. Natürlich können Fragen wie diese lediglich Konstrukte sein, die wir Menschen für uns selbst anfertigen. Vielleicht gibt es keine wichtigen Fragen zu stellen, geschweige denn zu beantworten. Wir haben keinen konkreten Anlass zu sagen, dass es für uns wichtig ist, uns überhaupt mit solchen Ideen zu befassen. Und doch haben wir irgendwie das Gefühl, dass es sich dabei um wichtige Fragen handelt – selbst in einem Naturparadies wie Tahiti. Wir scheinen immer wieder auf die Idee zurückzukommen, dass wir ein bestimmtes Lebensziel, eine bestimmte Aufgabe haben. Wenn dies zutrifft, müssen wir versuchen, über unser Leben und unser Lebensziel nachzudenken und eine Antwort zu finden, mit der wir etwas anfangen können. Es scheint, als ob wir unserem Leben eine bestimmte Bedeutung verleihen müssen. Vielleicht klingt dies in Ihren Ohren wie ein nutzloser Zeitvertreib; deshalb möchte ich nur kurz am Rande darauf hinweisen, dass diejenigen Menschen, die sich keines bestimmten Lebensziels bewusst sind, die große Mehrheit der chronisch Depressiven, der Suchtkranken, der Inhaftierten und der Selbstmordgefährdeten bilden.
Gauguin war von diesen Fragen emotional stark bewegt, und er wusste, dass er mit diesem außergewöhnlichen dreiteiligen, fast vier Meter breiten Gemälde, das er als seinen “Traum” bezeichnete, etwas sehr Ungewöhnliches geschaffen hatte. Er glaubte, dass dieses Gemälde sein größtes Werk war – “ein philosophisches Werk (...), vergleichbar mit den Evangelien”, wie er selbst schrieb.2 Etwas später im selben Jahr versuchte er, Selbstmord zu begehen – nicht aus Verzweiflung, sondern weil er überzeugt war, sein Lebenswerk abgeschlossen zu haben.
Es mag viele Gründe geben, warum wir hier auf der Erde sind: um erfolgreich zu sein, um glücklich zu sein, um tugendhaft und rechtschaffen zu sein – oder um ein wundervolles Gemälde zu erschaffen. Wir könnten die Liste beliebig fortsetzen.
Manche Antworten scheinen nützlicher zu sein als andere. Ich persönlich finde es schwer zu glauben, dass der Mensch nur auf dieser Erde ist, um Banknoten aus Papier für sein persönliches Vergnügen anzuhäufen oder um Kontrolle über Menschen mittels grausamer und unterdrückerischer Regierungen auszuüben – oder um die Medien zur Manipulation nichtsahnender Bürger zu benutzen und sie in Not und Elend zu stürzen. Die meisten Menschen würden wohl darin übereinstimmen, dass solche Absichten für eine berufliche Laufbahn, geschweige denn eine ganze Lebensspanne, keine nützlichen Ziele darstellen, und doch scheinen solche Ambitionen nichts von ihrer “Popularität” verloren zu haben.
Wenn wir auf der Erde sind, um Fragen zu stellen, wenn wir hier sind, um die Erfahrung zu machen, was es heißt, ein Mensch zu sein, dann müssen wir uns fragen, was wir im Rahmen dieser Erfahrung eigentlich lernen sollen.
Eine mögliche Antwort findet sich vielleicht, wenn wir uns ein Neugeborenes und seine Mutter anschauen. Ob in einem Krankenhaus in Mumbai mit fehlenden finanziellen Mitteln oder als Madonna mit Kind im Vatikan – ein Umstand wird uns bewusst: die ungeheure und unergründliche Kraft der menschlichen Liebe. Die Mutter mag sich vielleicht darüber im Klaren sein, dass ihr Kind in eine grausame, erbarmungslose Welt hineingeboren wird, doch sie blickt nicht nur auf die in der Zukunft vor ihr liegenden Probleme und Sorgen. Egal, wie schwierig die Situation der Mutter ist: Sie wird ihr Kind lieben – selbst wenn sie gezwungen ist, es später zur Adoption freizugeben. Diese von Anfang an bestehende, liebevolle Verbundenheit lässt sich überall beobachten. Das Kind sehnt sich nach Liebe – und sei es nur, um überhaupt zu überleben. Doch das Verlangen nach liebevollen Beziehungen zu anderen bleibt unser ganzes Leben lang sehr stark. Könnte es sein, dass die ersten Lektionen, die wir als Kleinkinder lernen – in Bezug auf Bindung, Akzeptanz und Liebe –, tatsächlich auch genau die Lektionen sind, die wir für den Rest unseres Lebens am meisten weiter erkunden sollten?
Wie wichtig ist also die Liebe in diesem frühen Stadium unseres Lebens? Aus der Psychologie und der Medizin wissen wir, dass Kinder, die sich nicht geliebt fühlen, sich nicht richtig entwickeln. Sie neigen zu Untergewicht, mangelndem Selbstbewusstsein, fehlender Zuversicht und Problemen, sich in der Gesellschaft zurechtzufinden. Auch ihre Intelligenz kann unter fehlender Liebe leiden. Dies alles lässt sich statistisch nachweisen, doch es gibt da noch etwas, das berücksichtigt werden muss. Wenn wir als Kleinkind eine starke Liebesbindung und Fürsorge erfahren, entwickeln wir ausreichend Zuversicht und Selbstvertrauen, die uns noch unbekannte Welt zu erkunden. Tatsächlich ist es sogar so, dass die Liebe uns gestattet, unseren Mut zu entwickeln. Und so schauen wir uns um und lernen zunächst einmal im sicheren Kreis der Familie, wie die Dinge funktionieren, dann im größeren Umfeld unserer Gemeinschaft und schließlich in der Welt mit ihren scheinbar endlosen Verwirrungen und Unwägbarkeiten. Je mehr wir heranwachsen, desto breiter ist die Palette an Möglichkeiten, die uns erwartet.
In der Familie lernen wir, diejenigen zu lieben, die mitunter ganz anders “gestrickt” sind als wir, als auch, diejenigen zu lieben, die genauso sind wie wir. In der Schule lernen wir, dass wir jedem Respekt – eine andere Form der Liebe – entgegenbringen müssen, selbst wenn diese Menschen manchmal unsere Rivalen oder gar Feinde sind. Und diese Herausforderungen hören nicht im Klassenraum auf. Nach Abschluss der Schule finden wir uns in einer verwirrenden Welt wieder, in der jeder Mensch zumindest versuchen muss, irgendwie zurechtzukommen, und in der wir nach einem liebenden Partner Ausschau halten, mit dem wir unser Leben gemeinsam gestalten können. Wir sind auf der Suche nach Freunden und Geliebten, wobei wir uns aber gleichzeitig bewusst sind, dass manche Menschen dort draußen uns wehtun wollen. Vielleicht sind wir auch auf der Suche nach geistiger Erleuchtung oder einer engeren Verbundenheit mit Gott, wobei uns auch hier sehr bald klar wird: Einige Vorstellungen von Gott, also bestimmte Auffassungen des Gottesbegriffs, führen uns nicht zu Liebe, Erleuchtung und Befreiung, sondern zu Zerstörung, Hass und Zorn. Wie werden wir uns entscheiden? Und wie werden wir mit den Menschen umgehen, deren Glaubensüberzeugungen wir als abstoßend empfinden?
Es scheint, als ob unsere wundervolle Welt uns eine große, in ständiger Entwicklung befindliche Gelegenheit bieten könnte herauszufinden, wie wir einander lieben können – selbst unter widrigsten Umständen. Wenn wir uns nicht gegenseitig lieben, akzeptieren und die Unterschiede zwischen uns respektieren, können wir sicher sein, dass es nie zu nachhaltigem Frieden kommen wird. Und im Grunde genommen läuft es darauf hinaus, dass wir lernen müssen, zunächst uns selbst zu akzeptieren und zu lieben. So sind wir nun alle eingeladen, diese “Forschungsreise” anzutreten und mehr über die Liebe herausfinden.
Auf dieser Reise werden uns einige interessante Dinge begegnen. So werden wir zum Beispiel erkennen, dass es sechs verschiedene Stufen oder Phasen der Liebe gibt – die im Buchtitel bereits erwähnten sechs Archetypen –, und wir werden ebenso erkennen, dass diese Archetypen in unserer Literatur, unserer Kunst, unseren Sagen und Legenden und sogar in den Karten des Tarots zu finden sind. Während wir von Stufe zu Stufe weitergehen, wird uns auch bewusst werden, dass wir die Einblicke und Erkenntnisse der vorherigen Stufe, des vorangegangenen Archetyps, beibehalten, und wir werden Techniken erlernen, mit denen wir diese Energien aktivieren können, wann immer wir einen Nutzen und Vorteile aus ihnen ziehen möchten.
Kapitel 2
Die Reise zur Liebe
Warum funktioniert es mit der Liebe bei so vielen Menschen nicht?
Geschichtliche Hintergründe
Die Liebe ist eines der am häufigsten missverstandenen Konzepte in unserer Kultur – in jeder Kultur. Schalten Sie das Radio ein, und was hören Sie? Liebeslieder. Der Sänger Sting mag vielleicht über “Sacred Love”, die heilige Liebe1, singen, und Steve Winwood2 äußert in einem seiner Songs die Bitte: “Bring Me A Higher Love” – doch haben wir überhaupt eine Vorstellung davon, was diese Konzepte wirklich bedeuten? Wenn wir den Fernseher einschalten, ist die Wahrscheinlichkeit relativ groß, dass uns in einer bestimmten Fernsehserie Protagonisten begegnen, die nicht imstande sind, eine tiefgehende und sinnstiftende Beziehung aufzubauen. Sex and the City war ein großer Quotenerfolg – nicht zuletzt deshalb, weil es um Menschen ging, die unglücklich waren, weil sie sich nach erfüllter Liebe sehnten, und stattdessen oberflächliche Sexabenteuer eingingen.3 Selbst der so häufig verwendete Ausdruck “verliebt sein” deutet an, dass wir mehr oder weniger rat- und hilflos sind, wenn die Liebe in unser Leben tritt.
Die häufig erwähnte Tatsache, dass nahezu die Hälfte aller Ehen in den USA früher oder später geschieden wird, weist klar darauf hin, dass die Vorstellungen vieler Menschen, was Liebe eigentlich ist, offensichtlich irrig sind. Die US-amerikanische Scheidungsstatistik legt ein beredtes Zeugnis ab von der Enttäuschung, aber auch von der Hoffnung und dem Optimismus, mit dem viele von uns sich in das riskante Abenteuer “Ehe” stürzen, um es in fast jedem zweiten Fall wieder aufzugeben. Wir würden zum Beispiel keine berufliche Laufbahn einschlagen, bei der die Chance, innerhalb der nächsten Jahre wieder den Arbeitsplatz zu verlieren, bei 50 Prozent läge, und wir würden auch nicht freiwillig unseren Dienst in einer Armee antreten, in der die Hälfte der Soldaten früher oder später Verwundungen erleidet. Und doch scheint es mehr denn je “in” zu sein, den Bund der Ehe zu schließen. Und was ist mit den unzähligen anderen Menschen, die zusammenleben?
Natürlich gibt es alle möglichen Formen der Liebe, und die sexuelle Liebe zwischen zwei Menschen ist nur ein Teil dieses weitreichenden Themas. Doch die sexuelle Liebe scheint überdurchschnittlich häufig der “Knackpunkt” zu sein, an dem die Mehrzahl von Beziehungen spektakulär scheitert. Wenn wir dies als Teil eines größeren Bildes betrachten, beginnen wir zu verstehen, was mit “Liebe” in allen ihren verschiedenen Formen eigentlich gemeint sein könnte – und was sie den Beteiligten abverlangt. Die Sehnsucht nach Liebe findet sich zweifellos überall. Woran es offensichtlich mangelt, ist die Fähigkeit, die Liebe und ihre Manifestationen hinreichend zu verstehen, damit sie “funktioniert”. Und genau aus diesem Grund habe ich dieses Buch geschrieben.
Nach der Scheidung von meiner ersten Frau bin ich nun wieder glücklich verheiratet; ich bringe also, so könnte man sagen, einige “praktische Erfahrung” zum Thema mit, die ich hier einfließen lassen kann. Diese Erfahrung habe ich gewissermaßen auf die harte Art gesammelt; ich hatte in meiner ersten Beziehung viele Fehler gemacht und versucht, aus ihnen so viel wie möglich zu lernen. Oft war ich sogar versucht, meine in diesem Buch beschriebene Suche ganz aufzugeben. Doch immer wieder fiel mir auf, dass selbst die Menschen, die jegliche Hoffnung auf eine harmonische Beziehung aufgegeben hatten, sich immer noch nach irgendeiner Form von Bindung sehnten. Fast jeder von uns sehnt sich nach Liebe. Wir strömen in Scharen in die Kinos, um uns der neuesten Liebesromanze aus Hollywood hinzugeben. Wir sehnen uns nach “Happy Ends” in den Fernsehfilmen, die wir sehen, und Romanen, die wir lesen. Es stellt sich also die Frage: Warum gelingt es uns so oft nicht, unseren Wunsch nach Liebe und harmonischer Bindung zu verwirklichen, obwohl wir uns doch genau dies so sehnlichst wünschen?
Ich glaube, der Grund ist, dass wir aus den Augen verloren haben, was Liebe überhaupt ist und nach welchen Gesetzmäßigkeiten sie funktioniert. Und das ist meiner Meinung nach schon vor vielen Jahrzehnten geschehen. Mit meinem Buch möchte ich dem Leser deutlich machen, dass es noch andere Mittel und Wege gibt zu verstehen, was Liebe eigentlich ist. Der Schlüssel dazu ist, sich bewusst zu machen, dass es verschiedene Stufen oder Phasen der Liebe gibt. Wenn wir aufwachsen, sind wir sozusagen aufgefordert, sechs Stufen beziehungsweise Phasen der Liebe zu durchleben – archetypische Stufen persönlicher und spiritueller Entwicklung. Wenn wir diese verschiedenen Stufen nacheinander durchleben, verändert und vertieft sich unser Verständnis davon, was Liebe sein kann, und wir können sie mit völlig neuen Augen betrachten. Doch wenn wir auf diese Weise einen Blick auf unser Leben werfen, verlangt uns dies einiges mehr ab als sonst. Dies ist einer der Gründe, weshalb manche Menschen keine Ahnung davon zu haben scheinen, was Liebe ist. Sie stecken sozusagen auf einer bestimmten, nicht sehr weit fortgeschrittenen Stufe oder Phase fest, und es scheint, als ob sie nahezu heillos in ihren Verwirrungen verstrickt sind. Die meisten Menschen kennen diese sechs Stufen oder Phasen noch nicht einmal; wie kann es also für sie irgendwelche Hoffnung geben, die Verwirrungen aufzulösen und Klarheit zu gewinnen?
Wenn wir uns die erfolgreichsten Fernsehserien mit den höchsten Einschaltquoten vornehmen und uns anschauen, was sie uns über das Thema “Liebe” zu sagen haben, dann müssen wir feststellen, dass die in ihnen vermittelten Botschaften recht widersprüchlich und verworren sind. Denken Sie an Fernsehserien wie Sex and the City oder Desperate Housewives; beide sind durchsetzt mit jeder Menge Sex sowie der Sehnsucht nach Liebe und der Lust auf sonnengebräunte Körper, doch es würde uns schwerfallen, das berechnende, hinterhältige und durchtriebene Verhalten der Protagonisten als “liebevoll” zu bezeichnen. So sind zum Beispiel die Charaktere in Desperate Housewives4 gewiss attraktiv, und vielleicht haben wir Spaß daran zu beobachten, in welche Situationen sie sich verstricken, doch sie sind letztendlich, was sie sind – “desperate”, verzweifelt und hoffnungslos. Es hat den Anschein, als ob sie der Liebe hinterherjagen und doch keinen richtigen Begriff von dem haben, wonach sie suchen. Bevor wir diese schräg-verrückte, aber unterhaltsame Fernsehserie jedoch in irgendeiner Weise abtun, sollten wir einen Grund für ihren Erfolg nicht unerwähnt lassen. Was diese Serie für den Zuschauer nämlich so interessant macht, ist die Art und Weise, wie sie erzählt wird. In der ersten Staffel sind aus dem Off die Stimmen zweier Figuren zu hören, die verstorben sind (Mary Alice Young und zu einem späteren Zeitpunkt auch Rex van de Kamp), die einen Blick auf das Leben ihrer Nachbarn aus einer etwas anderen, weiteren Perspektive werfen als die lebendigen Darsteller. Dieser Trick der erzählerischen Darstellung scheint uns als Zuschauer aufzufordern, die hektisch-verzweifelten Aktionen der Protagonisten mit einer gewissen Kühle und Distanz zu beobachten, während wir Zeugen der Irrungen und Wirrungen sind, in die die Charaktere immer wieder hineinzugeraten scheinen. Die Serie scheint zu “wissen”, dass es mehr gibt als die sichtbare Realität, mehr, als die meisten Figuren in der Serie begreifen können. Abgesehen von einigen allgemeinen Bemerkungen zu den Situationen, denen wir zusehen, sagt uns die verstorbene Mary Alice Young allerdings nicht, worin dieses “Mehr” an Wissen besteht.
Wenn wir verstehen wollen, wie wir als Kultur in Bezug auf die Liebe so sehr in Verwirrung geraten konnten, ist es vielleicht sinnvoll, in der Zeit zurückschauen, um herauszufinden, wie die Liebe im Wandel der Zeiten dargestellt und zum Ausdruck gebracht wurde.
Der geschichtliche Hintergrund
Ein Aspekt des Problems ist das Wort “Liebe” selbst. Für gewöhnlich ist es ein vages, mehrdeutiges Konzept, das routinemäßig als zusammenfassende Umschreibung für bestimmte Gefühle dient. Wir lieben unsere Freunde, unsere Eltern (nun ja, meistens), unsere Kinder, unseren Ehepartner, unsere Arbeit, unseren örtlichen Fußballverein, Schokoladentorte ... Die alten Griechen hatten zumindest mehr als ein Wort für die Liebe; sie unterschieden zwischen der Liebe zu Freunden, der Liebe zum Heim, sexuellem Verlangen und erotischer Liebe. Die alten Griechen waren hervorragend darin, Dinge in Kategorien zu unterteilen.
Sie führten auch einen Lebensstil, der uns heute wohl etwas verstören würde. So wurde zu jener Zeit zum Beispiel allgemein akzeptiert, dass ältere Männer homosexuelle Beziehungen zu minderjährigen Jungen unterhielten (wobei es dem Mann überlassen blieb, wie weit er dabei ging), ihren Spaß mit einer Prostituierten oder Mätresse hatten (wobei der Mann nicht notwendigerweise jedes Mal mit ihr sexuell verkehrte) und bei all diesen Aktivitäten auch ihre Ehefrau noch respektvoll behandelten, die ihnen Kinder gebären sollte, die – so wurde es von ihm erwartet – er erziehen und unterrichten sollte, auch in Bezug auf das Thema “Liebe”. Beziehungen dieser Art wurden damals als völlig normal angesehen und schienen mehr oder weniger alle sexuellen Varianten abzudecken, die Männern zu jener Zeit offenstanden. Für uns wäre dies heutzutage vollkommen inakzeptabel, und von den alten Griechen würden wir vielleicht sagen, dass sie auf Sex fixiert gewesen sind. Doch mit diesem vorschnellen Urteil entginge uns ihre tiefgründige Weisheit auf anderen Gebieten, auch wenn ihr Lebensstil nicht unbedingt unseren heutigen Vorstellungen von Anstand und Sittlichkeit entspricht.
Einige Jahrhunderte später unterschieden die Römer ähnlich wie die Griechen zwischen erotischer Liebe und reinem sexuellen Verlangen, doch die damals von ihnen aufgeführten Bühnenstücke – vor allem ihre Komödien – schienen es für gewöhnlich vorzuziehen, den Verliebten zu verspotten. Ein verliebter Mann galt aufgrund seines emotionalen Überschwangs nicht mehr als vernunftgeleitet und war deshalb nicht mehr wirklich ein Mann. Das von den Römern erfundene Konzept der Tugend war für sie gleichbedeutend mit Männlichkeit und drehte sich ausschließlich um nüchterne Disziplin und pragmatisches Vorwärtskommen im Leben. Es hatte nicht allzu viel zu tun mit zärtlichem Verständnis für einen Sexualpartner.
Sexuelle Begierde war den Römern allerdings gewiss nicht unbekannt. Der Dichter Ovid (43 v. Chr. bis 17 n. Chr.) reagierte auf die Begeisterung der Römer für verschiedene sexuelle Themen mit der Nacherzählung ursprünglich griechischer Mythen,5 die in den darauffolgenden Jahrhunderten großen Anklang fanden. In all diesen Geschichten und Mythen, vor allem in den Metamorphosen von Ovid, gibt es einen gemeinsamen Nenner: Verliebte Menschen waren aufgrund ihrer Gelüste und der anderer um sie herum keine vernünftigen, “vollwertigen” Menschen mehr. Man sah im Sexualtrieb also etwas potenziell Zerstörerisches, der ansonsten vernunftgeleitete Menschen in etwas verwandelte, das sich nicht mehr sehr stark vom Tier unterschied. Daphne, die Bergnymphe der griechischen Mythologie, verwandelt sich in einen Lorbeerbaum, um der Verfolgung durch Apollon zu entgehen; die Nymphe Syrinx wird auf ihr Bitten hin in Schilfrohr verwandelt, um Pan zu entkommen, und Philomela, eine weitere Figur der griechischen Mythologie, verwandelt sich nach ihrer Vergewaltigung in eine Nachtigall. Die sexuelle Lust verwandelte selbst Götter in Tiere. Jupiter, die oberste Gottheit der Römer, verwandelt sich in einen Stier, um Europa zu entführen, und in einen Schwan, um sich Leda zu nähern. Die skandalösen Eskapaden der olympischen Götter, ihr wahlloser Geschlechtsverkehr miteinander, ihre Betrügereien – all dies kann uns heute wohl kaum als beispielhaftes Verhaltensmodell dienen. Die anarchische Natur des sexuellen Verlangens wurde, wie wir sehen, in diesen Mythen detailliert geschildert, doch was ist mit der Liebe?
Auf den ersten Blick könnte man es uns nachsehen, wenn wir glaubten, die Griechen, Römer und andere Kulturen des Altertums hätten sich in einem Zustand heilloser Verwirrung befunden. Doch dann hätten wir das, worum es hier eigentlich geht, nicht begriffen. Die Griechen hatten ein Interesse daran, die Liebe in all ihren Formen darzustellen, was den Schluss nahelegt, dass es für sie ein Thema ständiger Faszination mit herausragender Bedeutung war – und dass sie ein differenziertes Bewusstsein der Materie entwickelt hatten. Die erwähnten Legenden der Götter und Göttinnen können als Beispiel dafür angesehen werden, wie unvernünftig und unreif sich Menschen verhalten, wenn sie glauben, verliebt zu sein – auch wenn die Beispiele in den Mythen wohl extremer Natur sind. Sollten wir daran irgendwelche Zweifel hegen, brauchen wir uns nur das bekannte Beispiel von Narziss anzuschauen.
In der griechischen Mythologie ist Narziss6 ein schöner junger Mann von sechzehn Jahren, der alle Verehrer und Verehrerinnen zurückweist – auch die Nymphe Echo, die sich in ihn verliebt und ihn zu verführen versucht. Echo, die im Auftrag von Jupiter seine Gattin Juno mit dem Erzählen von Geschichten unterhielt, damit er Zeit für seine amourösen Abenteuer hatte, wurde von Juno, als sie dahinterkam, zur Strafe der Sprache beraubt und konnte lediglich die letzten an sie gerichteten Wörter wiederholen. Echo, in der Rolle des Kindes, das beschwichtigend auf die Eltern im Eifersuchtsstreit einwirken will, weiß bereits um Dinge wie Sex, Betrug und Hintergehen, und sie wurde Zeuge, wie Junos Liebe zu Jupiter nicht wirklich erwidert wurde. Interessanterweise fixiert Echo ihre Aufmerksamkeit auf die Person, die sie mit Verachtung straft, was wir nach ihren früheren Erfahrungen auch erwarten würden. Einer der anderen von Narziss zurückgewiesenen Verehrer betet darum, dass Narziss sich in sich selbst verliebt, sodass er weiß, wie es sich anfühlt, hoffnungslos verliebt zu sein. Als Narziss an einem See sitzt und sein eigenes Spiegelbild im Wasser sieht, verliebt er sich so sehr darin, dass er nichts mehr zu essen und zu trinken zu sich nimmt und schließlich stirbt.
Wunderbar, könnten wir sagen, denn es erklärt das Zustandekommen von Echos und auch, warum Narzissen gern in der Nähe von Gewässern wachsen, wo ihre Blüten mitunter auch über der Wasseroberfläche hängen – als ob sie wie Narziss ihr eigenes Spiegelbild im Wasser bewundern würden. Doch offensichtlich ist das noch nicht die ganze Botschaft der Legende. Denken Sie an die jungen Männer und Frauen im Teenager-Alter, die vollkommen auf ihr Aussehen fixiert sind und stundenlang vorm Spiegel stehen, um einem Schönheitsideal nachzueifern, das sie aus irgendeinem Film oder einer Zeitschrift kennen. Niemand kann sie davon überzeugen, dass sie im Grunde ihre Zeit verschwenden – ebenso wie Echo es nicht schaffte, Narziss in die Realität zurückzulocken und ihn die warmherzige Liebe eines echten Menschen spüren zu lassen. Denken Sie daran, wie viele junge Menschen sich zum Hungern genötigt fühlen, um einem gewissen Bild zu entsprechen, oder wiederum zum anderen Extrem neigen und Spezialpräparate zum Aufbau von Muskelmasse zu sich nehmen. Sie sind in eine Projektion ihres eigenen Selbstbildes verliebt, und sie neigen auch dazu, sich mit Freunden zu umgeben, die sich so kleiden und aussehen wie sie selbst. In dieser Phase ihres Lebens sind sie vielleicht nicht zu echten Bindungen an andere Menschen imstande, da sich alles um sie selbst dreht. Diejenigen, die ihnen Liebe entgegenbringen, werden wie Echo in der griechischen Mythologie in ihre egozentrischen Selbstverstrickungen mit hineingezwungen und müssen immer mit ihnen übereinstimmen. Sehen wir nicht genau dies nur allzu oft bei Teenagern, die sich einer bestimmten Clique angeschlossen haben? Echo ist eine mythische Reflexion dieses introvertiert-sprachlosen Teenagers, der alles daransetzt, seinem Idol nachzueifern, aber auch einen gewissen Hass spürt, weil er sich von denen zurückgewiesen fühlt, deren Akzeptanz er für sich ersehnt. So waren die alten Griechen imstande, auf elegante Weise in einem kurzen Mythos eine komplette Lebenssituation zusammenzufassen, die jeder junge Mensch in einer bestimmten Form erlebt und die seiner Psyche möglicherweise Leid zufügen könnte. Narzisstische Personen sind auch heute noch ein reales Problem, denn es scheint, als ob sie nichts anderes wahrnehmen könnten als ihre eigene Welt. Alles in ihrem Leben dreht sich um “mich, mich, mich” – manchmal sogar für den Rest ihres Lebens. Denken Sie an das Schicksal, das Narziss im griechischen Mythos ereilt hat, wenn Sie es mit jemandem zu tun haben, der narzisstisch veranlagt zu sein scheint. Denken Sie auch an das Schicksal von Echo – welches Sie vielleicht auch auf sich nehmen müssen, wenn sie sich mit einem Narzissten auseinanderzusetzen haben. Eine weitere Version des Charakters von Echo findet man bei den sogenannten Stalkern und anderen auf bestimmte Personen oder Dinge fixierten Menschen, die bei der Anziehung zu ihrem Objekt der Liebe – wie Echo – zu Extremen wie Nachstellen oder Verfolgung neigen. Narziss hält, wie wir uns erinnern, ein Selbstgespräch mit seinem Spiegelbild, und das Schicksal von Echo ist, seine letzten Worte zu wiederholen, die – so glaubt Narziss – von seinem Spiegelbild gesprochen werden, wodurch er sich noch mehr in seine Wahnvorstellung verstrickt. Ohne es zu beabsichtigen, verschlimmert Echo damit seine Qualen. Sie kann ihn nicht einfach verlassen, wie es wohl jede vernünftige Person tun würde.
Wenn wir diesem Mythos einen Sinn abgewinnen wollen, müssen wir diese Situation als einen Umstand sehen, der jedem jungen Menschen widerfahren könnte und in dem er oder sie die eine oder andere Rolle annehmen kann. Und wenn wir wissen, dass diese bestimmte Lebensphase auf den jungen Heranwachsenden wartet, können wir ihn darauf aufmerksam machen, sodass er weiß, was geschieht, und ihm helfen, diese Lebensphase unbeschadet und glücklich hinter sich zu bringen. Auf diese Weise erleidet die junge Seele keinen Schiffbruch – trotz unsicherer, “aufgewühlter” Gewässer.
Und für den Fall, dass wir das Wesentliche nicht begreifen sollten: Der Mythos weiht uns noch in ein weiteres Detail ein. Narziss’ Mutter Liriope war eine Nymphe, die vom Flussgott Ce-phisus vergewaltigt worden war. Eine Vergewaltigung ist immer ein Akt des Egoismus und der Selbstverwicklung seitens des Vergewaltigers – ein narzisstischer “Power-Trip” –, und das Opfer ist immer traumatisiert und bleibt ohne Selbstvertrauen, dafür aber mit umso mehr Zweifeln und Argwohn zurück. Narziss ist, wie wir uns erinnern, ein hübscher Jugendlicher, der von allen, Männern wie Frauen gleichermaßen, verehrt wird. Doch er weist alle Avancen, nicht nur die von Echo, schroff zurück. Er scheint bestrebt zu sein, jede Form beziehungsmäßiger Verstrickung zu vermeiden – vor allem solche, die seine Mutter erlitten hat –, und so weist er ausnahmslos jeden Menschen zurück. Ob wir die Geschichte von Echo und Narziss nun als einen Mythos über egozentrische Selbstverstrickung, die auf Furcht beruht, betrachten oder als eine Geschichte rund um die Themen “Zurückweisung” und “Fixierung” – oder ob wir sie als eine Lehre betrachten in Bezug darauf, was mit männlichen Jugendlichen geschehen kann, die von misshandelten Müttern aufgezogen werden, das bleibt uns überlassen. Der Mythos enthält jedes einzelne dieser Elemente.
Ovid zeichnete viele dieser griechischen Mythen auf, obwohl sie zu jenem Zeitpunkt schon relativ alt waren, denn er wusste um die von ihnen ausgehende Kraft. Und er bemühte sich, diese Mythen in ihrer ganzen Pracht und Fülle zu präsentieren, denn er war sich ihres hohen und bleibenden Wertes bewusst. Was wir hieraus lernen können, ist, dass die alten Griechen sehr wohl einen tiefen Einblick in Wesen und Natur der Liebe hatten und sich in ihren Mythen mit Dingen befassten, die uns auch in unserer heutigen Alltagswelt einige Probleme bereiten. Nur: Wir haben heute vergessen, wie diese Mythen zu verstehen und zu deuten sind, und deshalb neigen wir dazu, die alten Griechen und Römer eher an ihren Handlungen als an den diesen Handlungen zugrunde liegenden Gedanken und Konzepten zu beurteilen. Das ist ungefähr so, als ob man eine Person dafür kritisiert, mit einem Pferdegespann unterwegs zu sein, obwohl sie – und das weiß der Kritiker nicht – Kenntnisse in fortgeschrittener Raketentechnik hat, mit der man selbst die Entfernungen zwischen den Planeten leicht überbrücken könnte. Und so lag die tiefgehende Weisheit der griechischen Mythen jahrhundertelang unter einem Haufen Ignoranz und Unkenntnis begraben. Die alten Griechen und Römer gaben uns einen weitreichenden Einblick in ihre Erkenntnisse, doch wir hatten vergessen, wie man ihre Einsichten entschlüsseln und allgemein verständlich machen konnte. Die alten Griechen selbst hatten keine Probleme, ihre Mythen zu verstehen. Deshalb zeichneten sie sie auf und wiederholten ihre Aufführung unablässig – denn sie wussten um die Weisheit und die Wirkkraft in ihnen.
Wir werden uns im Verlauf dieses Buchs unter anderem mit den Irrungen und Wirrungen rund um das Thema “Liebe” auseinandersetzen, die uns durch Mythen, Legenden und andere Literatur über die Jahrhunderte weitergegeben wurden, und feststellen, dass diese Irrungen und Wirrungen nicht durch diese Mythen und Legenden selbst hervorgebracht wurden. Tatsächlich sind diese Verwirrungen jüngeren Ursprungs und beruhen auf kulturell bedingten Vorurteilen, die erst in unserer schnelllebigen, vom Fortschritt besessenen Zeit aufgekommen sind. Lassen Sie uns also einen Moment innehalten und herausfinden, wie es dazu kam, dass die Liebe im Laufe der Jahrhunderte ein mit so vielen Problemen und Schwierigkeiten besetztes Thema wurde.
Beginnen wir mit den Worten des Apostels Paulus7, denn sie reflektieren in gewissem Maße unsere heutigen Verwirrungen hinsichtlich der Bedeutung der alten Mythen. In seinem ersten Brief an die Korinther schrieb er in Kapitel 13: “Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe – am größten aber unter diesen ist die Liebe.” Das Wort “Liebe” wird in der King-James-Version der Bibel aus dem Jahr 1611 – für die Protestanten noch immer die offizielle Bibelversion – als “Nächstenliebe” (“Charity”) wiedergegeben, was sich vom lateinischen Wort “Caritas” (lat. für Nächstenliebe) ableitet. Da einige Versionen des Textes in Latein abgefasst wurden, ergibt dies Sinn. Doch erst vor etwa zweihundertfünfzig Jahren äußerte der englische Erweckungsprediger John Wesley Zweifel hinsichtlich der Wortherkunft und bestand darauf, dass das Wort “Liebe” besser passe, weil es nicht den Beiklang von Mitleid oder Wohltätigkeit habe, der mit den Spenden der Reichen an bedürftige Arme einhergeht. Das Wort “Caritas” bezeichnet eine Form liebevoller Güte, die sich nicht ohne Weiteres mit dem englischen Wort “Charity” übersetzen lässt, und die Vorstellung davon, was göttliche Liebe ist, wurde dadurch verwässert und sogar verworren. Wesley mag richtig oder falsch gelegen haben, doch wir können davon ausgehen, dass die lateinischen Verfasser klarmachen wollten, dass sie nicht über sexuelle Liebe sprachen, denn dann hätten sie wahrscheinlich das lateinische Wort Amor benutzt.
In der Gesellschaft des frühen europäischen Mittelalters herrschten äußerst verworrene Vorstellungen über die sexuelle Liebe. Wenn einen Mann die Liebe traf, wurde dies damals oft als ein verhängnisvolles Unglück dargestellt, das die so wichtige Loyalität und Ergebenheit gegenüber dem lokalen Feudalherren und seinem Clan gefährdete. Von Beowulf8 bis zu König Artus’ Legenden ist die angelsächsische Dichtkunst voll von erschreckenden Beschreibungen darüber, was geschah, wenn Männer sich in Frauen verliebten, die das Eigentum eines anderen Mannes waren. Über die Liebe vergaßen viele Untertanen ihre Loyalität zum König oder Clan. Dies war auch das Schicksal, das König Artus’ Tafelrunde ereilte. Die Seitensprungaffäre von Lancelot und Königin Guinevere brach den Bund der Treue zwischen König und Untertan – und die Folge war ein Bürgerkrieg. Der machtvolle Einfluss der Liebe wurde zwar anerkannt, doch nur im Sinne gefährlich-anarchischer sexueller Begierden, die nicht beherrscht werden konnten. Denken Sie an den Briefwechsel zwischen Abae-lard und Helo’ise9 in Jean de Meungs Roman de la Rose (1280), aus dem hervorgeht, wie die beiden erfolglos gegen die Sehnsucht kämpfen, die sie füreinander spüren, oder auch an Tristan und Isolde. In jedem dieser Fälle brachte die Liebe nur Unheil über die Protagonisten.
Bei Beowulf, einem angelsächsischen Heldenepos, werden wir Zeuge, wie die Liebe wegen übermächtiger Stammesloyalitäten zum Scheitern verurteilt ist. Als zum Beispiel ein Barde auftritt, um ein Lied für Beowulf und die anderen Anwesenden zu singen, wählt er ein Lied mit dem Namen “Die Schlacht von Finnsburgh”. Das Lied handelt vom friesischen König Finn und seiner Eheschließung mit der dänischen Königin Hildburg, die endlich Frieden zwischen den bis dahin verfeindeten Parteien schaffen soll. König Finn aber sinnt auf Rache für zuvor erlittenes Unrecht und greift deshalb seinen Schwager, den dänischen König Hnsef, an, während dieser Gast in seinem Hause ist – und kurz darauf kommt es zu einer großen Schlacht. Hildburg ist sich unsicher, ob sie ihren Gatten oder ihren Bruder unterstützen soll.
Im Jahr darauf kehren die Dänen zurück, töten Hildburgs Gatten und nehmen sie mit nach Dänemark zurück. Für Hildburg ergibt sich alles andere als ein Happy End, denn sie verliert Verwandte auf beiden Seiten. Es scheint, als ob die Erfordernisse der Loyalität und die des erbarmungslosen Partners der Loyalität – Rache – sich sehr zerstörerisch auf die Liebe auswirken können.
Dies ist eine der sehr wenigen Textstellen in Beowulf, die sich auf das Konzept der Liebe zwischen Mann und Frau bezieht. Beowulf selbst scheint keine Liebesbeziehung zu führen; wir hören nie davon, ob er sich vermählt, obwohl wir nach dem, was geschieht, davon ausgehen können. Er richtet all seine Kräfte darauf, ein loyaler Untertan und schließlich ein rechtschaffener König zu sein.
Die Geschichte von Tristan und Isolde10 weist auf einen ähnlichen Konflikt hin wie den zwischen Hildburg, ihrem Gatten und ihrem Bruder. Bis zum 19. Jahrhundert gab es viele Variationen dieser Erzählung, dann inszenierte Richard Wagner sie als Oper Tristan und Isolde. Die Handlung ändert sich zwar mit jedem Wiedererzählen der Geschichte, doch die grundlegende Botschaft der Liebe bleibt dieselbe. Sie ist übrigens älter als die Geschichte von Lancelot und Guinevere und stellt eines der größten und einflussreichsten Liebesdramen aller Zeiten dar.
In den frühen Versionen der Legende schickt König Marke von Cornwall seinen treuesten Ritter und Verwandten, Tristan, nach Irland, um die irische Prinzessin Isolde, mit der er plant, sich zu vermählen, nach Cornwall zu holen. Isolde fragt ihre Mutter, was sie tun soll, wenn sie feststellt, dass ihr Gemahl, den sie noch nicht kennt, sie nicht liebt. Glücklicherweise ist ihre Mutter eine Zauberin, die ihr eine Flasche mit einem Liebestrank gibt, um auf diese Möglichkeit vorbereitet zu sein (in einigen Versionen ist es ihre Zofe Brangwayn, die ihr den Liebestrank gibt). Alles scheint auf eine glückliche Heirat und die endgültige Wiederherstellung des Friedens zwischen den verfeindeten Königreichen hinauszulaufen, doch dann nimmt das Schicksal seinen Lauf. Tristan und Isolde trinken versehentlich von dem Liebestrank. Er entfaltet wie beabsichtigt seine Wirkung – jedoch an Personen, für die er nicht bestimmt war. Das junge Paar kann seiner Magie nicht widerstehen und verbringt den Rest der Geschichte erfolglos damit, die Sehnsucht zum jeweils anderen zu überwinden. Tristan wird von seinem Verrat an seinem König und Freund verfolgt; Isolde muss sich verstellen, was ihr große Seelenqualen bereitet. Als das Gerücht die Runde macht, dass nicht alles zum Besten bestellt sein soll, beschließt ihre Familie, dass das Friedensabkommen, von dem Isolde ein Teil sein soll, nicht länger aufrechterhalten werden kann, und auch Isolde wird von ihren Verwandten als Verräterin angesehen.
Der erste Punkt, den wir bei dieser Geschichte hervorheben können, ist, dass die Aufzeichner dieser Legende (wer immer sie waren) und ihr Publikum die Liebe als etwas Gefährliches betrachteten, denn sie konnte wichtige politische Bünde und Loyalitäten zerstören, was letztlich auch zu Verrat, Krieg und Tod führen konnte.
Der zweite Punkt ist: Geschichten mit Spannungsbögen wie hier übten auf das Publikum eine große Faszination aus – ein recht deutliches Zeichen dafür, dass das Publikum aus eigener Erfahrung wusste, dass Liebe und sexuelles Verlangen jeden Menschen dazu bringen konnten, die Treue der Familie gegenüber aufzugeben. Jedem im Publikum war dieses Gefühl bekannt, oder sie waren zumindest schon einmal Zeuge solcher Spannungen zwischen Familienmitgliedern gewesen.
Der dritte Punkt – ein wichtiger in Bezug auf die Wahrnehmung – ist, dass die Liebe als etwas angesehen wurde, das von außen auf den Menschen einwirkte, zum Beispiel durch einen Liebestrank oder einen Zauberspruch, gegen den es kein Mittel gibt. Weder Tristan noch Isolde weisen irgendwelche moralischen Schwachpunkte auf, doch gegen die Wirkung des Liebestranks sind sie machtlos.
Wenn Liebe die Menschen von außen trifft – wie zum Beispiel durch Amor und seine Liebespfeile –, können wir vielleicht Mitgefühl für die geplagten Verliebten aufbringen, aber es vermittelt uns kein klares Konzept, was Liebe tatsächlich ist. Im Französischen existiert immer noch eine interessante Redewendung für diese Form plötzlicher, überwältigender Liebe – coup de foudre –, was man übersetzen könnte mit “wie vom Blitz getroffen” oder “wie vom Donner gerührt”. Dies sind beileibe keine schlechten Beschreibungen dessen, was geschehen kann, doch beachten Sie auch, welche Hilflosigkeit diese Redewendungen zum Ausdruck bringen ...
Die Legende von Tristan und Isolde ist vielleicht nichts Neues, aber sie erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit. Im Jahre 2006 erschien eine Verfilmung des Stoffs (Tristan und Isolde)11, die die Vorstellung der Zerstörungskraft der Liebe eindringlich zur Schau stellt. Die Dreiecksbeziehung ist ein vertrautes Thema (auch bei den Desperate Housewives), doch wenn wir auf die Zeit des Mittelalters zurückblicken, spüren wir fast nirgendwo die inspirierende oder regenerative Kraft, die der Liebe sicherlich inne-wohnt. Die einzige Ausnahme davon war die Liebe zu Gott, mit der aber im Laufe der Jahrhunderte immer mehr die Unterdrückung der Sexualität einherging. Das Bild des “armseligen Sünders”, der auf ewig Höllenqualen zu erleiden hat, wenn er nicht Buße tut und der Fleischeslust abschwört, trat nun in den Vordergrund, ebenso wie zu jener Zeit das allgemeine Gefühl vorherrschte, dass die Welt ein einziger Sündenpfuhl mit zahllosen Versuchungen sei – und jeder Mensch durch die Erbsünde sowieso unrein und verdorben … Alles in allem keine allzu guten Aussichten …
Obwohl die Erbsünde in der Geschichte von Adam und Eva12 zunächst als Ungehorsam, der einfach auf Neugier beruhte, angesehen wurde, erklärte die Kirche später, dass der Ungehorsam vielmehr durch sexuelle Begierde hervorgerufen worden war. Die katholische Kirche mit ihren zölibatär lebenden Geistlichen fürchtete die sexuelle Liebe und tut dies bis zum heutigen Tag. Doch diese Furcht führte leider zur Verdrängung und Unterdrückung der Sexualität, mit dem Ergebnis, dass zahllose Geistliche in sexuelle Kindesmissbrauchsskandale verwickelt waren und sind – mit den entsprechenden Folgen für die jungen Seelen dieser Kinder.
In jedem dieser aus der Volks- und Unterhaltungsliteratur herangezogenen Beispiele erkennen wir eine Konstante: Sie alle betrachten die Liebe als ein statisches Konzept. Es wird kein Versuch unternommen zu zeigen, dass Liebe wachsen oder sich wandeln kann; sie kann auf Herausforderungen treffen (“in guten wie in schlechten Zeiten …”), doch es wird so gut wie nie versucht herauszufinden, wie die Liebe entwickelt und vertieft werden kann oder was die Gründe dafür sind, dass sie dahinschwindet und scheitert. Man ist eben entweder verliebt – oder man ist es nicht.
Selbst im herausragenden Liebesgedicht Troilus and Criseyde des englischen Schriftstellers und Dichters Geoffrey Chaucer13 ist die Liebe des trojanischen Prinzen Troilus zu seiner Angebeteten Cressida (Criseyde) durch Umstände, die sie nicht kontrollieren können, zum Scheitern verurteilt. Als Cressida bei einem Gefangenenaustausch mit den Griechen dem griechischen Heerführer Diomedes übereilt verspricht, seine Liebhaberin zu werden, ist Troilus zutiefst verletzt. In seiner Verzweiflung verwandelt er sich in einen beherzten und waghalsigen Krieger, doch als er getötet wird und zur “achten Himmelssphäre” emporschwebt, rät uns Chaucer, darüber nachzusinnen, wie unbedeutend und belanglos sexuelle Liebe und Anziehung eigentlich sind. Sein Rat mag der orthodox-religiösen Stimmung der damaligen Zeit entspringen, doch hinterlässt dies bei uns heutzutage doch eher einen recht farb- und glanzlosen Eindruck.
Doch lassen Sie uns einen Moment innehalten: Unsere heutigen Ansichten und Empfindlichkeiten könnten uns hier in die Irre führen, denn Chaucer gibt uns eine detaillierte Beschreibung von Troilus’ Liebe – seine Sehnsucht, sein Geheimhaltungsbedürfnis, seine Hingabe und seine Verzweiflung angesichts des Verrats – und stellt dieser dann eine ganz andere Perspektive gegenüber, als Troilus zum Himmel aufsteigt. Über allem schwebend schaut er mit einem kritischen Blick hinunter auf das Geschehene und gibt uns die Gelegenheit, alles, was wir beobachtet haben, infrage zu stellen.
Doch Chaucer geht noch weit darüber hinaus. Von Beginn des Gedichts an kehrt er das Klischee von der armen jungen Magd, die erst verführt und dann verlassen wird, in sein Gegenteil, denn es ist der königliche Troilus, der die Rolle des unerfahrenen jungfräulichen Liebhabers einnimmt, und Cressida ihrerseits tritt als lebenserfahrene Witwe auf. Sie handelt pragmatisch und schützt ihren Ruf und Status, statt sich mit moralischen Fragen herumzuschlagen, denn schließlich ist ihr Vater zum Feind übergelaufen. Dies zwingt uns, die Situation anders zu betrachten als nach dem üblichen Klischee vom Ritter und der Magd. Nachfolgende Schriftsteller wie etwa Robert Henryson und Paul L. Dunbar14 fertigten ihre eigenen Versionen der Geschichten an, waren dabei aber Cressida gegenüber nicht annähernd so freundlich gesinnt wie Chaucer. Manchmal scheinen sich ihre Werke eher durch ausgesprochene Gefühllosigkeit und Frauenfeindlichkeit auszuzeichnen. Chaucers Perspektive ist eine ganz andere, denn sie lädt ein zu einer Diskussion über jeden Aspekt der beschriebenen Liebesaffäre. Dabei zeigt er uns eine Gesellschaft, die sich große Mühe gab, dieses störend-lästige Gefühl namens “Liebe” von allen Seiten anzuschauen und zu verstehen.
Verschlossene und engstirnige Menschen haben immer glattzüngige, oberflächliche Antworten parat. Und genau da zeigt sich Chaucers Geistesgröße, denn er lehnt es schlichtweg ab, in Klischees und Stereotypen zu denken. Hier sollte auch erwähnt werden, dass Chaucer als Hofschreiber tätig war, und zur damaligen Zeit waren solche moralischen und philosophischen Diskurse am Hof durchaus willkommen. Der großen Mehrheit des gemeinen Volks blieb jedoch leider keine Freizeit, um sich solch feinsinnigen Gedanken hinzugeben.
Ein weiteres Beispiel für Verwirrungen in der Liebe ist das Mittelalter mit seiner höfischen Liebe. Dies war im Grunde eine Reaktion auf die zu jener Zeit üblichen arrangierten Ehen, bei denen es sich ausschließlich um Besitz drehte. Wo der Bund der Ehe ohne Liebe geschlossen wird, kommt es zu Liebe ohne den Bund der Ehe, und so nahmen die Höfe überall in Europa einen Verhaltenskodex an, bei dem es durchaus akzeptabel war, dass ein Ritter einer fürstlichen Herrin – sogar einer verheirateten – als ihr Verehrer zugesprochen wurde, solange sie keinen Ehebruch begingen. Er wäre ihr treu ergeben, würde sie wie eine Göttin anbeten und mit ihrem Namen auf den Lippen für sie sterben – und das Ganze am besten, ohne seine Gefühle für sie je öffentlich kundgetan zu haben.
Dies zeigt uns, dass Menschen sich auch damals schon der Macht der sexuellen Liebe vollkommen bewusst waren, ebenso wie der Notwendigkeit, den Geliebten oder die Geliebte zu idealisieren. Sie hatten jedoch so gut wie keine Vorstellung davon, wie sie mit diesem triebhaften Verlangen umgehen sollten – oder wie es mit der Religion in Einklang zu bringen sein könnte. Die Religion bestand darauf, dass nur die Liebe zu Gott zählt – doch ich persönlich glaube, diese Einstellung beruht eher auf fehlerhaften Vorstellungen des religiösen “Establishments” als auf Fehlern in der Lebensweisheit, die wir in der Literatur finden. Die Literatur war also eifrig damit befasst, die zu jener Zeit herrschenden gesellschaftlichen Spannungen zu beschreiben – hatte aber keine praktischen Lösungen zu bieten, die sich nicht gegen das allgemein akzeptierte Dogma wandten.
Lassen Sie uns nun in Anbetracht dieser Umstände noch einmal einen Blick auf den so ungemein beliebten Mythos von Tristan and Isolde werfen. Die Geschichtenerzähler gehen sehr ausführlich auf Tristans brüderliche Liebe zu König Marke ein, ebenso wie auf seine ergebene Treue zu ihm als seinem König und seinem Volk. Hier zeigen sich drei verschiedene Aspekte von Liebe und Treue. Letztere wird in der Geschichte auf eine äußerst harte Probe gestellt, als Isolde auf den Plan tritt. Isolde selbst fühlt sich gegenüber ihrem Vater als ihrem engsten Verwandten zu liebevoller Loyalität und Ergebenheit verpflichtet. Tristan und Isolde sehnen sich nach Frieden zwischen den beiden Königreichen und möchten dabei gern die Rolle selbstloser Idealisten einnehmen. Als sie sich verlieben, spüren sie die volle Kraft ihrer Gefühle und wissen, dass – so sehr sie sich auch lieben – ihre Liebe zum Scheitern verurteilt ist. Sie haben nicht, wie einige unserer Politiker, die Möglichkeit zurückzutreten, um “mehr Zeit mit der Familie zu verbringen”. Die Geschichte ist deshalb eine sorgfältige Untersuchung eines ziemlich verwickelten Problems und zeigt eine beachtliche Differenzierung der Kräfte der Liebe, auch wenn sie dabei keine einfachen Antworten liefert. Deshalb ist es wichtig, an dieser Stelle Chaucers Troilus mit ins Spiel zu bringen, denn das Gedicht führt die Diskussion über den Tod hinaus fort. Als Troilus zum Himmel aufsteigt, wird ihm bewusst, dass es eine höhere Form der Liebe gibt, die er zuvor noch nie in Betracht gezogen hatte, und dass seine Trauer zu großen Teilen darauf zurückzuführen ist, dass er sich bis dahin geweigert hatte, das Gesamtbild zu sehen – denn dann hätte er sich schon vorher fragen müssen, was Liebe auf der höchsten Ebene eigentlich ist. Das Äquivalent hierzu sind die Stimmen aus dem Off bei den schon erwähnten Desperate Housewives, nur dass bei Troilus für uns kein Zweifel besteht, wie er über die ganze Situation denkt. Erst an diesem Punkt beginnt Troilus sich zu fragen, was er aus all dem eigentlich lernen sollte.
Diese Frage zieht sich auch durch Shakespeares Theaterstücke.15 Die zum Scheitern verurteilte Liebe zwischen Romeo und Julia lässt sich sehr gut mit Chaucers Gedicht vergleichen. Als die beiden nach ihrem Freitod auf der Bühne liegen und die Monta-gues und Capulets geloben, endlich Frieden zu schließen, wäre es nachlässig von uns, nicht zur Kenntnis zu nehmen, dass Pater Lo-renzos Wunsch, das Zerwürfnis zwischen den beiden Häusern beizulegen, sich schließlich erfüllt – doch zu einem schrecklichen Preis. Die höhere Liebe – Frieden, brüderliche Vergebung und Einsicht – verwirklicht sich nur, wenn die sexuelle Liebe transzendiert wurde. Der Prinz bringt das wunderbar zum Ausdruck, wenn er am Schluss des Stücks sagt: “Seht, welch ein Fluch auf eurem Hasse ruht, dass Liebe eure Freuden töten muss!” Er befiehlt den Montagues und Capulets ausdrücklich, sich auszusprechen, sodass sie und ihre Angehörigen etwas über die verschiedenen Ebenen und Bedeutungen der Liebe lernen – denn ohne diese Einsicht und Offenheit kann der Frieden nicht aufrechterhalten werden. Dies ist mit Sicherheit eine Reflexion dessen, was das Publikum tun würde. Es würde auf das Drama reagieren und im Nachhinein über das Geschehene nachsinnen. Dies erwartete auch Aristoteles von einem Theaterpublikum, was er in seiner Beschreibung der Katharsis – der seelischen Reinigung als Wirkung der Tragödie – als wesentlichen Aspekt eines erfolgreichen Dramas klar hervorhebt. Das Stück soll zu weiterem Nachdenken anregen.
Shakespeares Botschaft ist in zahllosen Produktionen, die es versäumt haben, diesen Punkt gründlich in Betracht zu ziehen, verloren gegangen. Es scheint klar, dass Shakespeare uns auf etwas weit Komplexeres hinweisen will als lediglich auf die sexuelle Anziehung und ihre Herausforderungen (obgleich dies schon an sich ein ziemlich komplexes Thema ist), da Romeos und Julias Beschäftigung ausschließlich mit sich selbst nur ein Aspekt im Drama ist. Das Stück hat viel mehr zu bieten, wenn wir aufhören, uns nur auf das zu konzentrieren, was wir zu sehen erwarten – eine romantische Liebesgeschichte –, und stattdessen in ihm vielmehr eine Erkundung vieler unterschiedlicher Formen von Liebe, Treue und Bindung sehen. Denken Sie an die Liebe, die die Amme für Julia empfindet, und wie sie sie drängt, Romeo aufzugeben und ihr stattdessen, als die Dinge schieflaufen, zur Hochzeit mit Paris rät. Welche Art von Liebe ist das? Welche Art von Treue? Welche Art von Liebe und Treue spürt Pater Lorenzo für Romeo, als auch er zwischen den beiden Häusern Frieden schaffen will, aber auch darauf vorbereitet ist zu lügen, um dies zu bewerkstelligen? Und er verlässt Julia in der Gruft, womit er sie ihrem sicheren Freitod überlässt – den sie nicht hätte begehen können, wenn er geblieben wäre. Ist das Liebe?
Nach der christlichen Glaubenslehre jener Zeit wäre ihre Seele direkt in der Hölle gelandet. Und was soll diese absurde “Treue” der beiden Häuser zu seinem eigenen Namen und Status, aus der sich so viele Streits und Konflikte ergeben? Was auch immer Shakespeare mit seinem Stück beabsichtigte – auf jeden Fall stellt er wichtige Fragen zu unterschiedlichen Formen der Liebe und Bindung. Doch diese entscheidenden Punkte rückten bei fast allen Produktionen in den Hintergrund. Das ist so, als ob man sich bei einem Fünf-Gänge-Menü ausschließlich auf den Nachtisch konzentrieren würde.
Der Krieg zwischen den beiden Häusern führt tatsächlich nur dazu, dass die Beteiligten sich selbst Schmerz und Leid zufügen. Beide verlieren ihre einzigen direkten Erben, was den Untergang beider Häuser besiegelt. Krieg ist eine Methode, sich selbst zu verletzen, und deshalb kein Weg, sich zu lieben. Auch heute, wo wir immer noch tote Soldaten auf den Schlachtfeldern vieler Kriege zu betrauern haben, können wir aus Shakespeares Tragödie eine Menge lernen.
Trotz dieser drängenden Fragen herrschte zu Shakespeares Zeiten unter den gewöhnlichen Menschen die allgemeine Tendenz vor, ihren Söhnen und Töchtern vorzuschreiben, was sie zu tun und wen sie zu heiraten hatten. Die Liebe sollte die durch die Ehen geschlossenen Familienbündnisse nicht scheitern lassen, wenn es sich irgendwie vermeiden ließ. Die Liebe war ja sicher etwas ganz Nettes, doch nur Geld konnte sicherstellen, dass niemand hungern musste. Die Einstellung der Gesellschaft zur Liebe war vielleicht eher hart, nüchtern und pragmatisch, doch die Literatur befasste sich weiter intensiv mit ihr im Versuch, sie zu begreifen. Es überrascht nicht, dass Schriftsteller jener Zeit immer wieder Situationen beschrieben, in denen die Liebe durch rein materialistische Belange vereitelt wurde – denn dies konnte man damals fast überall beobachten.
Zweifellos enthalten diese Geschichten tiefe Einsichten und Weisheiten, doch in jedem Fall, den wir hier betrachtet haben, sahen wir, wie die Zwänge einer materialistischen Gesellschaft die Liebe zwischen zwei Menschen vereitelten. Es scheint, als ob sich die Menschen der Liebe und was sie vermochte durchaus bewusst waren, doch eigentlich ging es ihnen vor allem darum, dass die Liebe kein unüberwindbares Hindernis für geschäftliche Beziehungen, Geld, Eigentum und die Grundbedürfnisse des Überlebens darstellte.
Im 18. und 19. Jahrhundert können wir dann erstmals eine Gegenbewegung feststellen, um das Ungleichgewicht zu beheben. Romanschriftstellerinnen begannen, für die Liebesheirat zu plädieren statt für arrangierte Ehen, und sehr oft können wir mit Freude feststellen, dass die Romancharaktere eine ganze Weile brauchen, bis sie erkennen, dass sie verliebt sind – und so im Verlauf der Entwicklungen eine Menge über sich selbst lernen. Die britische Schriftstellerin Jane Austen überraschte ihre Leser damit, dass eine der Hauptfiguren in ihrem Roman Stolz und Vorurteil16, Elizabeth Bennet, sich weigerte, einen Geistlichen zu heiraten, den sie nicht liebte. Sie beharrt auf ihrem Liebesglück und gewinnt schließlich die Gunst des viel verständigeren Mr. Darcy, der obendrein auch noch sehr wohlhabend ist.
Erst durch die Werke von Jane Austen, George Eliot (Mary Anne Evans), den Bronte-Schwestern und anderen Schriftstellerinnen gewann die Vorstellung, dass die Liebe zwischen Mann und Frau etwas Förderndes und Fruchtbares sein kann, allmählich an Verbreitung. Fast ein Jahrhundert brauchte es bis zu diesem Punkt der Entwicklung, und einige der herausragendsten literarischen Leistungen wurden in dieser Zeit von Frauen erbracht.
Jane Austen war wohl eine der einflussreichsten Schriftstellerinnen in diesem Genre. Denken Sie nur an den Moment in Stolz und Vorurteil, als es Elizabeth Bennet dämmert, dass sie und Darcy füreinander geschaffen und bestimmt sind, oder denken Sie an den Schock, den Emma Woodhouse erleidet, als sie feststellt, dass sie Mr. Knightley liebt und niemand anderen ehelichen kann. In diesen Beispielen wird die Liebe eher wie ein Forschungsobjekt behandelt, dem man sich langsam nähert, als wie ein willkürliches, bereits feststehendes Arrangement. Wir werden Zeuge, wie die Liebe im Verlauf der Zeit in den Charakteren wächst und heranreift. Jane Austen selbst stellt diese Beispiele in komischer Weise einander gegenüber, als sie Emmas Freundin Harriet Smith sich in rascher Abfolge in gleich drei Männer verlieben lässt – und Elizabeth Bennets jüngste Schwester Lydia sich überhaupt in alles verlieben lässt, was eine Uniform trägt, wobei sie nur darauf hinweist, dass ihr jemand “ins Auge gefallen” sei. Diese Seichtheit und Oberflächlichkeit war es, gegen die Jane Austen zu ihrer Zeit ankämpfte, wobei sie gleichzeitig völlig neues und fruchtbares Terrain betrat, als sie darüber schrieb, wie unsere Liebe zu einem anderen Menschen im Laufe der Zeit wachsen kann. Dies war das erste Mal in der Romanliteratur, dass die Liebe als eine dynamische Kraft betrachtet wurde.
Und in gewissem Maße hat uns das an den Punkt geführt, an dem wir jetzt sind.
So begrüßenswert die Veränderungen in der Einstellung zur Liebe durch die Literatur des 19. Jahrhunderts auch waren – es war immer noch eine beschränkte Sichtweise auf das Thema. So endet zum Beispiel nahezu jeder Roman von Jane Austen mit einem glücklichen Paar und deren Heirat. Wir erfahren nicht allzu viel darüber, wie sie ihr Leben ab diesem Zeitpunkt gestalten. Vermutlich halten Kinder und die Pflichten, die Emma als Mr. Knightleys Gemahlin zu erfüllen hat, sie bis an ihr Lebensende beschäftigt, und sie ist ja nur eine Vertreterin der bewussten “Heirat aus Liebe”, von der erwartet wird, dass wir sie billigen. Doch in unserer heutigen Zeit ist der Ausblick auf die Zukunft wesentlich erfreulicher. Wenn man heute einen einundzwanzigjährigen Mann heiratet – wie es bei vielen Austen-Heldinnen der Fall ist –, kann man davon ausgehen, dass man noch etwa sechzig Jahre zusammenleben wird. In der jüngeren Literatur findet sich zu diesem Lebensabschnitt nicht allzu viel, und das ist einer der Gründe, weshalb wir bei diesem Thema vom richtigen Weg abgekommen sind.
