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Die Reiseveranstalter versprechen den Urlaubshimmel auf Erden: Preiswert und rundum sorglos soll er sein. Und tatsächlich bedeutet «all-inclusive» alles – oder aber auch nichts. Denn schnell kann der Urlaub zum Albtraum werden: verdreckte Hotelzimmer, ungenießbares Essen und horrende Nebenkosten. Mikka Bender schaut erstmals hinter die Kulissen des Pauschaltourismus und enthüllt verblüffende und schockierende Fakten. Außerdem zeigt er, wie man sich als Gast gegen die dubiosen Methoden der Reiseanbieter wehren kann, und deckt anhand anschaulicher Fallbeispiele die häufigsten Gefahren und Fallstricke auf.
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Seitenzahl: 200
Veröffentlichungsjahr: 2013
Mikka Bender
Wie Pauschalurlauber getäuscht werden
Die Reiseveranstalter versprechen den Urlaubshimmel auf Erden: Preiswert und rundum sorglos soll er sein. Und tatsächlich bedeutet «all-inclusive» alles – oder aber auch nichts. Denn schnell kann der Urlaub zum Albtraum werden: verdreckte Hotelzimmer, ungenießbares Essen und horrende Nebenkosten. Mikka Bender schaut erstmals hinter die Kulissen des Pauschaltourismus und enthüllt verblüffende und schockierende Fakten. Außerdem zeigt er, wie man sich als Gast gegen die dubiosen Methoden der Reiseanbieter wehren kann, und deckt anhand anschaulicher Fallbeispiele die häufigsten Gefahren und Fallstricke auf.
Rowohlt Digitalbuch, veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, April 2013
Copyright © 2013 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Redaktion Regina Carstensen
Umschlaggestaltung ZERO Werbeagentur, München
(Illustrationsnachweis: FinePic®, München)
ISBN Buchausgabe 978-3-499-63019-4 (1. Auflage 2013)
ISBN Digitalbuch 978-3-644-48761-1
www.rowohlt-digitalbuch.de
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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www.rowohlt.de
Einleitung
1 «alles. aber günstig» – Warum sind wir Reiseweltmeister?
2 «Urlaub ohne Nebenkosten» – Was ist überhaupt all-inclusive?
3 «Im Sommer an den Ballermann, im Winter in die DomRep» – All-inclusive-Reiseziele
4 «Zimmer zur Meerseite» – Was uns Reisekataloge wirklich sagen wollen
5 «Unser Reisebüro hat uns dieses Horror-Hotel verkauft» – So können Sie Ihren Urlaub optimal vorbereiten
6 «Wer sich seinen Urlaub versauen lassen möchte, der kann getrost Kawama buchen» – Warum Hotelbewertungen so wichtig sind
7 «Nur der sehr frühe Vogel fängt den Wurm» – Alltag in einem All-inclusive-Hotel
8 «Helfen kann ich Ihnen sowieso nicht, ich habe keine Zeit für kleine Sorgen» – Wofür der Reiseleiter gut ist
9 «Stellen Sie sich nicht so an, das ist hier ganz normal» – Wie Sie sich richtig beschweren
10 «Bettenburgen im Niemandsland» – Fatale Auswirkungen für das Urlaubsland
11 «Der Heißhunger vieler Gäste lässt nach wenigen Tagen nach» – Das Glück deutscher Reiseveranstalter beim All-inclusive-Modell
12 «Rundum sorglos?» – Angebliche Vor- und tatsächliche Nachteile für All-inclusive-Touristen
13 «Nur das Wetter war okay, sonst nichts» – All-inclusive-Urlauber berichten
14 «Seien Sie froh, dass Sie überhaupt ein Zimmer haben» – Willkür und Allmacht bei den Veranstaltern, Verzweiflung und Ohnmacht bei den Gästen
15 «Verraten und verkauft» – All-inclusive-Reisende gehen vor Gericht
Nachwort
Vor fünfunddreißig Jahren stand ich mit einem Freund am Fuß des Mount Everest. Wir waren sechs Wochen mit einem alten VW-Bus über Land bis nach Kathmandu gefahren, hatten uns dort von einem Sherpa, einem nepalesischen Bergführer, Bergschuhe und Daunenjacken geliehen, waren ein paar Stunden auf dem Dach eines klapprigen und überladenen Busses Richtung Osten gefahren, in einem kleinen Kaff namens Lamosangu ausgestiegen und dann losgewandert. Tagaus, tagein, bergauf und bergab. Nach drei Wochen standen wir auf 5500 Metern Höhe über dem Meeresspiegel, legten den Kopf in den Nacken und schauten uns den Gipfel des höchsten Berges der Welt an. Ich wurde dabei endgültig mit dem Reisevirus infiziert, mein Freund bekam Heimweh. Reisen war für ihn fortan passé. Er liebt sein Zuhause, ist absolut bodenständig und wird dieses Buch nicht lesen. Zu Recht, denn es würde sich für ihn nicht lohnen. Wer aber hin und wieder von Fernweh geplagt wird und die pauschalen Angebote von deutschen Reiseveranstaltern in Anspruch nimmt oder nehmen möchte, der mag in diesem Buch Fakten, Hinweise und Ratschläge finden, die ihm helfen können, nicht in die zahlreich aufgestellten Fallen der Reiseveranstalter zu tappen.
Meine Arbeit als Reiseleiter, Reiseveranstalter, Reisejournalist und Reporter hat es mit sich gebracht, dass ich viele Formen des Unterwegsseins kennengelernt habe. Bei individuellen Reisen, ob nach Tirol oder in den Himalaya, an die Ostsee oder in die Südsee, kommt man mit den Angeboten der großen deutschen Veranstalter nicht in Berührung. Aber die Mehrzahl aller Urlaubsreisen – vorzugsweise in die Sonne – wird pauschal gebucht, das heißt: Alle nötigen Leistungen werden bei einem verantwortlichen Reiseveranstalter gebucht und bezahlt. Und genau diese Leistungen werde ich im Folgenden unter die Lupe nehmen, wobei ich den Schwerpunkt auf die All-inclusive-Angebote lege.
Was wird dem zukünftigen Urlauber in den Reiseausschreibungen und Katalogen bei all-inclusive versprochen, und was bekommt er tatsächlich vor Ort? Begebenheiten, die ich schildere, und Vorkommnisse, von denen ich schreibe, mögen immer wieder unwahrscheinlich klingen, weil schwer vorstellbar. Aber sie sind tatsächlich genau so und nicht anders passiert.
Gerade Pauschalreiseziele haben All-inclusive-Angebote, und die entsprechenden Gegenden habe ich in den letzten sieben Jahren immer wieder aufgesucht. So war ich auf Kreta, Rhodos und Mallorca, an der Costa Brava, in Andalusien, in Sonnenstrand (Bulgarien), in Alanya, Kemer, Side und Belek (Türkei), auf den Kanarischen Inseln (Gran Canaria, Teneriffa und Fuerteventura) in Hurghada (Ägypten), Punta Cana und in der Region Puerto Plata (Dominikanische Republik), in Cancún und an der Playa del Carmen (Mexiko), in Varadero (Kuba) sowie auf den Malediven und den Bahamas. In den dortigen Touristenhochburgen habe ich zahllose Hotels besichtigt und genauestens inspiziert. Mit Hunderten von Touristen, die das All-inclusive-Reisemodell nutzten, habe ich gesprochen und Dutzende von Reiseleitern mit Problemen von Urlaubern konfrontiert, die meine Unterstützung in Anspruch genommen hatten. In der VOX-Fernsehserie Hilfe, mein Urlaub geht baden ist es ja meine Aufgabe, Hotels zu testen, Serviceleistungen zu überprüfen und Feriengästen zu helfen, ihre Rechte gegenüber dem zuständigen Reiseleiter und Veranstalter geltend zu machen. Die dabei gemachten Erfahrungen und Erkenntnisse sind in dieses Buch eingegangen.
Bei meiner Arbeit machte ich mir nicht nur Freunde. Reiseleiter weigerten sich mit mir zu sprechen, Hoteliers bedrohten mich und forderten gedrehtes Filmmaterial ein. Auf Kuba wurden mein Team und ich beispielsweise Tag und Nacht überwacht und bespitzelt, man wollte sogar unsere Ausreise verhindern. Und in der Türkei wurden wir einmal stundenlang von der Polizei verhört, dabei immer wieder bedroht, beschimpft und beleidigt.
Jedes Mal, wenn ich mich in einem All-inclusive-Hotel einbuchte, tat ich dies als normaler Tourist und nicht als jemand, der beim Fernsehen tätig ist. Ich war also inkognito da, nutzte die Hoteleinrichtungen, aß und trank auch in den Häusern, zumindest solange dies nicht meine Gesundheit gefährdete.
Um den Überblick zu behalten und die Unterschiede genau festzustellen, war es für mich wichtig, nicht nur in All-inclusive-Häusern zu wohnen, sondern auch in Urlaubsunterkünften einzuchecken, die – noch ganz klassisch – Übernachtung mit Frühstück, Halbpension oder Vollpension anboten. In diesen Feriendomizilen stellte ich mir die Fragen, die mir auch beim All-inclusive-Modell wichtig waren: Was bekomme ich für mein Geld? Welche Qualität erhalte ich beim Essen, bei den Getränken? Wie werde ich bedient, wie ist der Service überhaupt im Hotel? Wie ist es um die Freundlichkeit bestellt, um die Hilfsbereitschaft, vor allem um die Sauberkeit? Recherchiert habe ich in diesem Fall in Europa auf Zypern, Malta, Teneriffa, in Italien, Kroatien, Spanien und Irland. Die Fernziele waren Nepal, Indien, Indonesien, Thailand, China, Australien, Neuseeland, die Fidschi-Inseln, die Seychellen, Mauritius, Kanada, die USA, verschiedene Karibikinseln, Chile, Brasilien, Südafrika, Namibia, Botswana, Kenia und Nordkorea. Überall hier habe ich in ganz «normalen» Hotels gewohnt. Und nicht zu vergessen: Regelmäßig verbringe ich Nächte in einfachen Frühstückspensionen oder auf Berghütten in Österreich und Italien. Nur auf Zeltplätzen kenne ich mich nicht besonders gut aus.
Mit den über Jahre gesammelten Informationen habe ich, so hoffe ich doch sehr, genügend Kompetenz erworben, um das All-inclusive-Reisemodell in all seinen Facetten beschreiben, um die kritischen und negativen Aspekte beleuchten und Hilfestellungen geben zu können, mit denen sich ein Tourist erfolgreich gegen die unlauteren Machenschaften deutscher Pauschalveranstalter zur Wehr setzen kann.
Damit es dazu gar nicht erst kommen muss, beschreibe ich auch, was alles im Vorfeld einer Reisebuchung zu beachten ist. Denn so einfach, wie die Touristikbranche es ihren Gästen bei All-inclusive-Buchungen glauben machen möchte – etwa mit dem Slogan «Wir kümmern uns um alles» –, ist es nicht. Richtig Urlaub machen ist sogar ganz schön schwer und bedarf einigen Zeitaufwands.
Während bei einer gewöhnlichen Pauschalreise der Gast noch selbst Entscheidungen zu treffen hat, werden ihm diese bei all-inclusive abgenommen. Was eigentlich Zeit sparen könnte. Doch bei diesem Reisemodell begibt er sich zu hundert Prozent in die Hände des Veranstalters. Was unweigerlich die Frage aufwirft: Wird das grenzenlose Vertrauen nun belohnt oder missbraucht? Mit anderen Worten: Sind All-inclusive-Angebote wirklich Rundum-sorglos-Angebote? Sie werden es in diesem Buch erfahren.
Im Dezember 2010 traf ich in einem Vier-Sterne-all-inclusive-Hotel in der Dominikanischen Republik das Ehepaar Weiss aus Flensburg mit ihrer zweijährigen Tochter Miriam. Ich war mit meinem TV-Team in demselben Haus untergebracht. Ein Freund, der ein Reisebüro besaß, so erzählten sie mir bei unserer Begegnung in ihrem Zimmer, hatte ihnen diese Ferienofferte verkauft. Sie waren – davon konnte ich mich nun selbst überzeugen – in einem Raum mit feuchten Wänden untergebracht, in dem es fürchterlich stank, auch aus der Klimaanlage. Daraufhin hatten sie sich ein neues Zimmer an der Rezeption erstritten, doch in diesem Raum waren die Verhältnisse genauso katastrophal wie in dem vorherigen.
Frau Weiss klagte mir ihr Leid: «Unsere Tochter ist seit zwei Tagen krank, sie hustet, hat Fieber und isst nicht. Gestern Nacht waren wir beim Hotelarzt, weil sie einen schweren Hustenanfall hatte und kaum noch Luft bekam. Wir haben dem Arzt, der wirklich nett war, unser Zimmer gezeigt, und er hat gesagt, dass Miriam wahrscheinlich allergisch auf die Feuchtigkeit und den Schimmel reagiert. Wir sind jetzt vier Tage hier, eigentlich wollten wir endlich einmal zusammen einen ruhigen und erholsamen Urlaub erleben. Mein Mann ist Lastwagenfahrer und nicht viel zu Hause. Aber das hier ist kein Urlaub, sondern ein Überlebenstraining. Wir sind vollkommen mit den Nerven fertig. Vergangene Nacht hat mein Mann vor Verzweiflung sogar geheult.»
«Was haben Sie denn jetzt vor?», fragte ich.
«Unser Reiseleiter will uns morgen noch andere Zimmer anbieten, aber ich ahne jetzt schon, dass es nicht viel bringen wird. Die guten Zimmer scheinen belegt zu sein, und die, die man uns zeigen wird, sehen aller Voraussicht nach so aus wie dieses hier. In ein anderes Hotel dürfen wir ohne Aufpreis nicht umziehen, das hat er uns klipp und klar zu verstehen gegeben.»
«Und was sagte er dazu, dass Ihre Tochter in diesem Raum krank geworden ist? Selbst der Hotelarzt hat ja bestätigt, dass die Zustände in Ihrem Zimmer Ursache für Miriams Husten sind.»
«Seine Antwort fiel recht heftig aus. Er meinte, wir seien hier in der Karibik und nicht am Bodensee. Wir hätten uns eben ein anderes Reiseziel aussuchen sollen, Feuchtigkeit in den Zimmern sei in dieser Region normal.»
Diese Ansicht teilte ich nicht. Kurz nach diesem Gespräch mit Familie Weiss rief ich den Reiseleiter an und erklärte ihm mein Anliegen. Nur wenig später fand er sich zu einem Treffen mit mir bereit. Nochmals erzählte ich ihm von Miriams problematischem Gesundheitszustand, von der allgemeinen Situation der Zimmer. Daraufhin besorgte sich der Reiseleiter an der Rezeption drei Zimmerschlüssel, mit einem Gesichtsausdruck, der Bände sprach. Er schien völlig gelangweilt zu sein. Die Schlüssel drückte er mir in die Hand, begleitet von den Worten: «Vielleicht finden Ihre Freunde jetzt ein passendes Zimmer.» Neben seinem Desinteresse strahlte er noch Zynismus und Arroganz aus.
Ein weiterer Tag verging mit Besichtigungen, Wartereien und einem erneuten Besuch beim Hotelarzt. Es gab kein akzeptables Zimmer, und Miriam hustete sich die Seele aus dem Leib. Frau Weiss und ihr Mann waren am Ende mit ihren Nerven und wollten nur noch nach Hause. Der Reiseleiter buchte die Familie auf die Chartermaschine, die am nächsten Tag Richtung Deutschland fliegen sollte, die Flugumbuchungsgebühr landete in seiner Tasche. Damit war sein Job erledigt. Ich habe ihn noch eine Mängelliste unterschreiben lassen und Familie Weiss in den Transferbus zum Flughafen gesetzt. Ein angebliches Rundum-sorglos-Angebot hatte sich in diesem Fall innerhalb weniger Tage zu einem Horror-Abbruchurlaub entwickelt.
Erlebnisse dieser Art gibt es immer wieder. Dennoch: Keine andere Nation auf dieser Welt investiert mehr Geld in «die schönsten Wochen des Jahres» als die Deutschen. Die Stiftung für Zukunftsfragen ermittelte, dass jeder deutsche Urlauber 2011 rund 1000 Euro für Reisen investierte, dass 62 Prozent aller Fernwehgeplagten Urlaub mit Stressabbau verbinden und für 46 Prozent diese Zeit der Höhepunkt eines jeden Jahres ist. Trotz Wirtschaftskrise und Rettungsschirmen sitzen die Deutschen auf gepackten Koffern, denn jeder neunte Bürger (11,3 Prozent) hat sogar die Absicht, möglichst nicht nur einmal, sondern sogar mehrfach jährlich zu verreisen.
Wenn wir Deutschen so gern auf (weite) Reisen gehen, muss es dafür – neben dem Stressabbau – weitere triftige Gründe geben.
Liegt es nur am schlechten Wetter zu Hause?
Fühlen wir uns im eigenen Land nicht wohl?
(Miss)brauchen wir die Reise als Statussymbol?
Sind wir einfach nur wahnsinnig neugierig und wollen ständig fremde Länder und Kulturen erkunden?
Sind unsere Arbeitswelten so unglaublich monoton, dass wir den regelmäßigen Tapetenwechsel suchen?
Liegt es schlussendlich auch daran, dass Reisen einfach billig ist?
Der Reihe nach:
Natürlich treibt das deutsche Wetter viele Bundesbürger in die Flucht. Lange und nasskalte Winter bescheren den hiesigen Reiseveranstaltern regelmäßig ein spontanes Buchungsplus. Sonnenhungrige haben es aber auch schwer hierzulande, so zum Beispiel in Köln: Hier hat im Dezember 2011 die Sonne gerade mal eine dreiviertel Stunde pro Tag geschienen. Fünf Flugstunden weiter südlich, am Roten Meer, strahlte die Sonne im selben Monat täglich rund sieben bis acht Stunden. Und zwar eine warme Sonne!
Aber nicht nur graue Wintermonate, auch verregnete Sommer lassen Reiseveranstalter wie TUI und Konsorten jubilieren. Wir Deutschen sind ja kein lichtscheues Gesindel. Wir lieben die gleißende Helligkeit. Wir wollen uns nur zu gern in die Sonne legen, im Freibad, im Stadtpark oder am Baggersee. Und wenn wegen Dauerregen weder das eine noch das andere möglich ist, surft man im Internet und sucht nach passenderen Orten oder geht dazu in ein Reisebüro. Wenn die heimischen Sommervergnügungsstätten nicht das bieten, was man sich von ihnen erhofft, kehrt man ihnen den Rücken. Ja, das schlechte Wetter vor der eigenen Haustür lässt uns in die Ferne schweifen, das steht fest.
Aber wie sieht es mit der zweiten Überlegung aus: Wir reisen, weil wir uns vielleicht in unserem eigenen Land nicht wohlfühlen.
Das beliebteste Reiseziel der Deutschen heißt seit vielen Jahren Deutschland (weit abgeschlagen folgt Spanien). 37 Prozent der Deutschen verbrachten ihren Urlaub im Jahr 2011 zwischen Flensburg und Oberstdorf, so die Stiftung für Zukunftsfragen. Und rund dreißig Millionen Deutsche können nicht lügen.
Nein, wir fühlen uns schon wohl in unserem Land, auch wenn das touristische Angebot mitunter immer noch etwas schnarchig und altbacken daherkommt. Oftmals ist es aber genau das, was gewollt ist. In den Rotweinstuben an der Ahr muss der Mief der letzten fünfzig Jahre inhaliert werden, das lieben die Gäste. Und auch im Schwarzwald, im Allgäu oder auf Rügen stehen Plüsch und deutsche Gemütlichkeit hoch im Kurs. Die lassen sich sogar beim jüngeren Publikum prächtig vermarkten, ähnlich wie die beliebten Volksmusiksendungen der öffentlich-rechtlichen Sender. Da schauen Millionen zu – und die sind keineswegs alle über neunzig. Und wem die beschauliche Urlaubsvariante auf den Wecker geht, der kann ja das Sylt-Ambiente wählen – und das nicht nur auf Sylt.
Hinzu kommt, dass Deutschland über ein breit gefächertes touristisches Angebot verfügt. Unsere Küsten, unsere Seen, unsere Flüsse, unsere Mittelgebirge, unsere Alpen und unsere historischen Stätten können ein Quell für große Urlaubsfreuden sein. Oftmals kann der Deutsche gleich vor der Haustür Urlaub machen. Was fast im Widerspruch zur ersten Feststellung steht. Aber eben nur fast.
Fazit: Wir Deutschen sind Reiseweltmeister, weil wir auch das «Heimspiel» lieben und unser eigenes Land keinesfalls als Reiseziel aussparen.
Betrachten wir die nächste These. Stimmt es, dass Reisen für uns ein Statussymbol sind?
Bei Touren, die eng mit einer Sportart verbunden sind, ist es ganz sicher so. Wer alljährlich zum Skifahren nach St. Anton, Kitzbühel, Val d’Isère, Davos oder sogar ins amerikanische Aspen fährt, der kann damit seiner Umgebung klarmachen, dass er auf der Sonnenseite des Lebens steht. Gleiches gilt für Golfreisen, die im Winter bevorzugt an die portugiesische Algarve, nach Südafrika oder gleich ans andere Ende der Welt führen, nämlich nach Neuseeland. Mit solchen Expeditionen kann man den Nachbarn hinter der Buchsbaumhecke mächtig beeindrucken. Auch ein Tauchurlaub auf den Malediven, eine Trekkingexpedition in den Himalaya, ein Segeltörn in die Karibik oder eine Kricketreise nach Indien sorgen für ein gutes Image.
Sitzt man als Gastgeber mit neuen oder alten Freunden beim Grillen auf der Terrasse und hat ein paar spannende Geschichten aus fernen Ländern parat, ist das gut fürs eigene Ego. Heutzutage muss man ja auch keine langweiligen Urlaubsdias mehr an die Wand werfen, sondern lässt einfach das smarte iPad kreisen. Und wenn wir uns dann auf den Malediven am Hotelpool neben Dieter Bohlen auf der Liege gesonnt, in Indien einen weißen Tiger in freier Wildbahn gesehen, in der Türkei eine «echte» Breitling für 150 Euro erhandelt oder in Dubai beim Pferderennen so richtig abgesahnt haben, ja dann werden die Würstchen auf dem Grill schon mal schwarz, weil alle Zuhörer an unseren Lippen hängen. Urlaubsgeschichten laufen – kurzweilig erzählt – richtig gut.
Und selbst wer sich nur eine simple Pauschalreise auf sein Urlaubskonto gebucht hat, zeigt zumindest eins: Ich kann mir eine Reise leisten, ich nage nicht am Hungertuch. Der Neidfaktor spielt bei einem billigen Pauschalangebot natürlich keine so große Rolle.
Aber seien wir ehrlich: Ein wenig Missgunst sehen wir natürlich gern in den Augen unseres Gegenübers aufblitzen, wenn wir von unserer letzten Reise erzählen. Und wenn es nur der Neid auf unser erholtes und sonnengebräuntes Aussehen ist.
Dazu ein Beispiel, das ich als typisch bezeichnen würde: Im Spätherbst 2010 befragte ich auf Gran Canaria, am Playa del Inglés, für meine Fernsehsendung Hilfe, mein Urlaub geht baden ein deutsches Ehepaar nach ihren Urlaubsgewohnheiten. Stephanie und Holger, beide Mitte vierzig, waren redselig und wenig kamerascheu, und so ergab ein Wort das andere. Da sie mir erzählten, dass sie nicht zum ersten Mal auf Gran Canaria seien, fragte ich: «Und warum kommen Sie immer wieder hierher? Warum testen Sie nicht einmal eine andere kanarische Insel?»
Holger antwortete wie aus der Pistole geschossen: «Punkt eins: Hier, an der Südküste Gran Canarias, kennen wir uns aus! Punkt zwei: Hier werden wir garantiert braun! Und drittens: Hier bekomme ich die Bild-Zeitung schon morgens, wenn wir zum Strand gehen!»
Da mir das doch ein wenig zu klischeehaft klang, hakte ich nach. «Ich kann das ja alles gut verstehen, aber auf Dauer muss das doch langweilig werden.»
Stephanie war ehrlich und sagte: «Ist es auch manchmal, aber besser fad und schön als spannend und total schrecklich. Ich sage Ihnen: Wir kommen jetzt schon im zehnten Jahr an die Playa del Inglés, immer im November, immer ins selbe Hotel, und seit zehn Jahren liegen wir auf genau diesen beiden Liegen.»
Mir fiel das Mikrofon fast aus der Hand, als ich das hörte. An diesem Sandstrand standen wohl Tausende von diesen mehr oder weniger gleich aussehenden Liegen in Reih und Glied, und die beiden Menschen, die ich gerade interviewte, residierten nun seit zehn Jahren mitten im größten Trubel, am Hauptzugang zum Strand, auf ihren Stammliegen.
«Das heißt, wenn nichts dazwischenkommt, werden Sie Ihren Herbsturlaub auch in den nächsten zehn Jahren auf genau diese Weise verbringen?», fragte ich nach.
«Ja, absolut», bemerkte Holger und strahlte. «Der Urlaub ist bezahlbar, und zudem kommen wir wirklich knackig braun nach Hause. Mehr wollen wir nicht. Was sollen wir auf den Malediven oder den Seychellen? Alles ist viel teurer auf diesen Inseln, auch können sie da nicht stundenlang in der Sonne liegen, weil es viel zu heiß ist. Und dann kommt man genauso aschfahl nach Hause wie man losgefahren ist, dabei hat man viermal so viel bezahlt – das würden wir niemals machen.» Stephanie nickte, alles war gesagt, und es war wieder Zeit für die Bild-Zeitung und das Statusbrutzeln in der Sonne.
Für Holger und Stephanie stimmte einfach alles. Wie bei den meisten Reisen. Nur ganz wenige Urlaubsziele haben einen schlechten Ruf, Sexreisen nach Thailand zum Beispiel. Doch hat man die passenden Freunde, kann man vermutlich sogar mit einem solchen Trip prahlen.
Also: Wer reist, kann ziemlich sicher sein, dass er so sein Image aufpoliert. Reisen sind ein Statussymbol wie das Auto in der Garage. Nicht verreisen heißt: Immer zu Hause sein. Und immer zu Hause sein bedeutet: Man hat kein Geld für Urlaub, kennt sich nicht aus in der Welt und kann nicht mitreden.
Damit sind wir bei der nächsten zu bedenkenden Feststellung angelangt: Wir Deutschen reisen, weil wir interessiert sind an der großen und weiten Welt.
Studienreiseveranstalter bieten, wie ich aus eigener Beobachtung bestätigen kann, dem neugierigen Deutschen die fremde Welt in appetitlichen Happen an: eine kleine Brise Abenteuer, eine große Brise Exotik, eine kleine Brise neue Erfahrungen und ein große Brise Unterwegssein mit Gleichgesinnten.
War ich als Studienreiseleiter unterwegs und traf meine zu betreuende Gruppe am Flughafen in Frankfurt, wurden mir spätestens im Flieger alle fernen Reiseziele dieser Welt aufgezählt, die die Teilnehmer in unterschiedlichsten Formationen in den letzten Monaten in Angriff genommen hatten – von Tahiti bis Anchorage. Und immer wieder bekam ich dabei zu hören:
«Alles gesparte Geld investiere ich in meine Reisen.»
«Zu Hause lerne ich keine Freunde kennen, das klappt nur auf großen Reisen. Da treffen sich eben Gleichgesinnte.»
«Nur dort, wohin nur wenige reisen, findet man heute noch Ursprünglichkeit.»
Doch selbst simple Strandurlaube in reinen Touristenghettos können heute in fernen Ländern verbracht werden. Und wenn ich als Urlauber in der Dominikanischen Republik an einem Ausflug «Land und Leute» teilnehme, will ich doch die Einheimischen und ihre Lebensweisen kennenlernen. Nun muss man an dieser Stelle aber festhalten, dass nur ein verschwindend geringer Anteil von Pauschaltouristen an organisierten Ausflügen teilnimmt. Nichtsdestotrotz: Ein Merengue-Kurs am Beckenrand eines All-inclusive-Hotels in der Dominikanischen Republik findet de facto in der Karibik statt, also in einem exotischen Land. Und damit zeigt der Tanzkursteilnehmer sein Interesse an den Lebensweisen der karibischen Bewohner. Ich gebe zu, diese Argumentation steht auf schwachen Füßen, aber sie steht.
Ganz klar: Wir reisen definitiv auch aus dem Grund, weil wir interessiert sind an der großen, weiten Welt, zumindest ein wenig.
Und wie sieht es mit unseren Arbeitswelten aus? Sind sie wirklich so monoton und anstrengend, dass wir ihnen entfliehen müssen?
Die Arbeitsbedingungen sind sicherlich denen in anderen Ländern der westlichen Welt sehr ähnlich. Der Engländer, Franzose oder Holländer steht nicht anders als der Deutsche am Fließband, sitzt im Großraumbüro oder an der Ladenkasse eines Supermarkts. Natürlich gibt ein eintöniger oder auch ein aufreibender Arbeitsalltag genügend Anlass, ihm – zumindest in den Urlaubswochen – zu entkommen. Der Wunsch nach «Ich bin dann mal weg» aufgrund von stressigen Jobs befeuert also zweifellos die Urlaubsindustrie und treibt uns in die Arme der Reiseveranstalter.
Letzter Punkt: Fährt man in den Urlaub, weil Urlaub machen so günstig ist, im Ausland vielleicht sogar billiger als das Leben im eigenen Land? Das ist pauschal mit «Ja» zu beantworten, vorausgesetzt, man sucht sich kein Urlaubsziel wie Tokio, Moskau, Saint-Tropez oder Saint-Barthélemy aus. Ansonsten gilt: Sobald man sich für einen Ferienort in einem Land entscheidet, in dem die Lebenshaltungskosten niedriger sind als in Deutschland, lässt sich dort auch das Dasein günstiger gestalten. Aber um wie viel billiger? Um davon eine Ahnung zu bekommen, muss man Pauschalreiseangebote genau unter die Lupe nehmen.
Im Januar 2012 bot zum Beispiel der Reiseveranstalter alltours auf Mallorca ein einfaches Hotel für 831 Euro an, und das nicht nur für zwei Wochen oder vier oder sechs, nein, für ganze zwölf Wochen! Einschließlich Flug, Übernachtung im Doppelzimmer und Frühstück. Pro Tag waren das circa zehn Euro. Wenn Sie in dieser Zeit Ihre Wohnung untervermieteten, war ein derartiges Angebot unschlagbar. Und wenn Sie sich auch noch vierundzwanzig Stunden am Tag satt essen wollten, offerierte Ihnen derselbe Veranstalter im Februar 2012 ein einfaches Hotel auf jener spanischen Mittelmeerinsel mit all-inclusive
