Die Ampel ist grün - Joachim Kühnel - E-Book

Die Ampel ist grün E-Book

Joachim Kühnel

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Beschreibung

Ein humorvoller Umgang mit dem täglichen Wahnsinn? Aber Bitteschön! In den Kurzgeschichten aus dem "wirklichen Leben" wird aufgezeigt, dass man mit einer gewissen humorvollen Distanz leichter durch den Alltag und auch Berufsalltag kommen kann. Und: wer viel reist, kann viel erleben. Manchmal überraschend, manchmal sehr menschlich, aber immer humorvoll - wenn man den Blick dafür entwickelt.

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Seitenzahl: 188

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Joachim Kühnel

Die Ampel ist grün

Aus dem Leben eines Optimisten

© 2021 Joachim Kühnel

Umschlag, Illustration: PNGEgg Clipart

ISBN Softcover: 978-3-347-67184-3

ISBN E-Book: 978-3-347-67186-7

2. Auflage

Druck und Distribution im Auftrag des Autors

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter:

tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.

Inhaltsverzeichnis

Zitat

Geleitwort zu diesem Buch

Prolog des Autors

Die Axt im Haus…

Ansichten und Einsichten

Panzer in der Stadt

Sandkasten im Klassenzimmer

Hochwasser im Kaugummi-Automaten

Kultur meditativ-prickelnd

Ein Kirchturm mitten im See?

Mitgegangen - mitgefangen

Auto-Freaks unter sich

Der 29. Februar

Sturm auf dem Bodensee

Der „Zigeunerbaron“

Ein Hobby mit Nebenwirkung

Erfahrungen mit „Models“

Die Ampel ist grün

Reise zu den Wurzeln

Früher war auch nicht alles schlecht

Als Hilfs-Sheriff in Prag

Ein Seminar zum Verlieben

„Hier kriegen Sie geholfen“

Mannheim einmal anders

Unvergesslicher Kabarettabend

Slowenien und die Badenixen

Fasching in Seligenstadt

Smoking macht Kopfweh

Vertrauen hilft

Das „oneidige Bier“

Heilig's Blechle

Beduinen-Showroom

Checkpoint „Charlie“

Realpolitik

Erst Hamburg - dann Berlin

Epilog

Danke

Der Autor

Zitat

Wo Menschen zusammenkommen,

muss man mit Wundern rechnen.

Was wäre die Welt,

würden wir daran glauben.

(Hannah Arendt/Harald Lesch)

Geleitwort zu diesem Buch

Lieber Leser,

die Ampel ist grün? Was soll das? -

So oder so ähnlich wirst du dich fragen, wenn du dieses Büchlein in den Händen hältst.

Dabei kennt jeder die Situation:

Man muss vor einer Ampel warten bis „grün“ kommt - und man merkt es nicht gleich, träumt oder ist unkonzentriert, egal wie:

Man hat eine Gelegenheit verpasst. Ärgerlich!

Und jetzt kommt es auf den Beifahrer an. Wie reagiert er? Mit einem charmanten Weckruf oder zynisch und bissig? Beiß' ich dann zurück?

Kurzum:

Das ganze Repertoire an zwischenmenschlichem Kontaktverhalten kann reaktiviert werden, in Gutem wie in Schlechtem. Die beiden Fahrer haben es in der Hand, in einem solch kritischen Moment zu entscheiden, wird der Tag gut oder nicht.

An diesem Punkt setzt der Autor an. Er ermuntert, in solchen „Ampelsituationen“ einen Vorwärtsdialog zu praktizieren, positiv und mit Humor, nicht negativ und destruktiv.

Sein Buch quillt geradezu über mit praktischen Beispielen. Man merkt die Eigenerfahrung! Und er hat die Gabe zur humorvollen Selbstironie.

Dieses Buch ist in gewissem Sinne die Ergänzung und Fortführung seiner Autobiografie aus dem Jahr 2020. Etliche Leser haben Joachim nach weiteren Geschichten aus seinem bunten Leben gefragt.

Dabei war der äußere Anlass zur Autobiografie eher das Gegenteil von Humor und Ironie. Die Eltern von Joachim waren im letzten Jahr fast zeitgleich schwer erkrankt. Zusammen mit seiner Schwester begleitete er beide Elternteile pflegend bis zum Tod.

Dabei wurden viele Kindheitserinnerungen mit ihm und den Eltern wach. Er schrieb sie nieder, sammelte sie - und erkannte schließlich:

Das sind ja nicht nur Geschichten um meine Eltern, das bin ja ich. Was ich hier niederschreibe, das ist nicht deren Leben, sondern ein Teil von mir. Und es ist herrlich, was mir widerfahren ist!

In einer sehr lebendigen und farbigen Sprache wird die Vergangenheit neu inszeniert; pralles Leben - manchmal traurig, überwiegend heiter, manchmal nachdenklich - auf jeden Fall lesenswert und bereichernd.

Die Ampel ist grün, lieber Leser!

Carpe diem, oder:

Lebe dein Leben jetzt. Dazu will dieses Buch anregen!

Gustav Kohle Ehningen, 7. April 2021

praktischer Arzt

Regisseur des Ehninger Theaterkellers

Prolog des Autors

Die Ampel ist grün, sagt der Optimist

Was ist denn das für ein Buchtitel? Ein Lebensmotto? Die Ideologie eines Optimisten?

Wer weiß, vielleicht denkst du jetzt: Na ist ja klar. Dem Optimisten scheint doch sowieso immer die Sonne…

Tja, wenn das nur so wäre. Natürlich erlebe ich die gleichen Situationen wie jeder andere. Auch mir passieren genau die gleichen Ungeschicke - und schwuppdiwupp - stoße ich, genau wie jeder andere Mensch einmal, ein volles Glas um. Gott bewahre, dass es keine Tasse Kaffee sein möge - das wäre ja wirklich jammerschade…

Und ja, gerade auch mir passiert es immer wieder einmal, dass ich zu unbedacht rede, meiner allgemeinen Begeisterung verfalle und dabei meinem Gesprächspartner nicht aufmerksam genug zugehört oder die Situation falsch eingeschätzt habe.

Wumms:

Da haben wir den Salat. Mein Gegenüber ist verprellt, verärgert, überfahren, fühlt sich unverstanden oder nicht ernst genommen.

Dabei liegt mir all' das fern. Ich persönlich mag einen offenen, zugewandten und respektvollen Umgang untereinander. Die Menschen sind mir wichtig. Sehr wichtig sogar.

Dieses Buch soll uns miteinander einen Führerschein ausstellen. Eine Fahrerlaubnis nicht nur für grüne Ampeln, sondern einen Führerschein mit der Aufforderung, gerade die scheinbar kleinen und unwichtigen Dinge des Alltages mit einem freundlichen Lächeln auf sich wirken zu lassen und darüber möglichst oft zu schmunzeln.

Ich habe lange gebraucht, bis es mir einigermaßen überzeugend gelungen ist, die alltäglichen Unwägbarkeiten, Unpässlichkeiten und ganz besonders die Tücken des Alltags nicht mehr so ganz ernst zu nehmen. Geht das überhaupt, alles nicht so ganz ernst zu nehmen? Das kannst du nicht so recht glauben? Doch, das geht. Nicht immer, aber immer öfter.

Wie bereits erwähnt, passieren mir im Laufe der Woche die gleichen Dinge wie jedem anderen auch. Klar, zum Glück bin ich ja ein einigermaßen normaler Mensch mit vielen Schwächen, aber - auch wieder wie jeder andere - eben auch mit ein paar Stärken.

Ein kluger Mensch hat einmal gesagt:

„Versuche nicht, an deinen Schwächen zu arbeiten und sie zu verbessern. Damit erreichst du höchstens Mittelmaß. Mittelmäßige Menschen gibt es aber schon zur Genüge. Versuche lieber, deine Stärken weiter auszubauen. Damit erlangst du die Chance, auf deinen Gebieten einzigartig zu werden…“

Voilà! Klingt doch super!

Kleine Tücke am Rande:

Es dauert sehr lange, bis man seine wirklichen eigenen Stärken erkannt hat. Leider glaubt man sich selbst ja auch nicht alles. Oft weiß man seine Talente nicht zu schätzen, erachtet sie womöglich als „normal“ und stuft sie daher zuweilen als „wertlos“ ein. „Das kann ja jeder“, ist ein weitverbreiteter Irrglaube. Schnell tauchen Träume auf:

„Ich möchte auch so schnell schwimmen können wie Franzi van Almsick und so toll Fußball spielen wie Kevin Kurányi. Und wenn ich dann noch so singen könnte wie Helene, dann, ja dann…“

Da ist viel zu oft der Wunschtraum der Vater des Gedankens. Schon rennt man wieder dem falschen „Ideal“ nach. Davon könnte ich ein Lied singen (wenn auch nicht so schön wie besagte Helene). Denn wer sieht schon gerne außer den schönen, erfolgreichen Seiten eines Stars auch noch dessen Schattenseiten. Wer fragt sich schon ernsthaft, ob er selbst mit dieser Situation dauerhaft umgehen könnte. Das fängt doch schon beim Dorfbürgermeister an. Das ist ein toller Job. Chef der Gemeinde. 200 Mitarbeiter. Du hast das Sagen. Die Presse meldet sich regelmäßig, du gibst die Berichte und Interviews heraus. Du wirst zu Geschäftsessen eingeladen und kommst regelmäßig im Gemeindeblatt auf die Titelseite. Du fühlst dich geehrt.

Und die Kehrseite der Medaille?

Sehr lange Arbeitstage, DU musst entscheiden und vorher hoffentlich gut abwägen. Wenn doch etwas daneben geht wirst DU beschimpft. Plötzlich kannst du dich in deiner Gemeinde und in den Nachbargemeinden nicht mehr völlig frei bewegen. Es ist auf einmal nicht mehr egal, wo du oder deine Familie einkaufen oder zum Friseur geht. Wenn du da nicht aufpasst, dann heißt es ganz schnell, du würdest Diesen oder Jenen bevorzugen. Es riecht nach (Achtung, böses Wort!) Vetternwirtschaft… Willst du das???

Es stellt sich also die Frage, was wirklich zu DIR selbst passt. Du kannst es mir ruhig glauben:

Ich habe da schon viel darüber nachgedacht. Nicht ganz so einfach. Da sind viele Versuche und somit - fast schon zwangsläufig - auch Fehl-Versuche angesagt. Lassen wir uns nicht beirren. Überhaupt als Optimisten. Denn immerhin kann man es ja mal probieren. Auch hier ist der bunte Weg durch die schöne Lebenslandschaft das Ziel.

Sehr vieles ist eine Frage der Einstellung und des eigenen Umgangs mit den Situationen. Manchmal gelingt das ganz gut. Oft treibt es aber bunte Blüten und die Sache misslingt gründlich.

Dann steht man vielleicht schmunzelnd, vielleicht kopfschüttelnd vor sich selbst und wundert sich.

Wie heißt es doch in so manchem Bonmot:

„Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst“.

Klingt alles total verrückt. Aber vielleicht ist doch ein bisschen was dran. Denn ich habe für mich entdeckt, dass mit genügend innerem Abstand und den Blick mehr auf die Menschen fokussiert, es oft einfacher wird, das gerade Erlebte zu ertragen. Und das, ohne gleich zu verzweifeln. Dazu findest du in diesem Buch ein paar „Schwänke“, die mir selbst tatsächlich so widerfahren sind. Es „menschelt“ halt überall.

Zurück zur Erinnerung an die „grüne Ampel“. Diesem symbolhaften Sinnspruch der Kommunikationswissenschaftler. Man mag es ja kaum glauben, aber diese simple Aussage kann für viele Irritationen sorgen. Sie kann Missverständnisse auslösen oder sogar zu Streitereien bei Paaren führen. Auch darüber berichte ich etwas später in diesem Buch.

Andererseits ist in gewissem Sinne das Statement „die Ampel ist grün“ für mich tatsächlich zu einer Art Lebensmotto geworden. Denn ich bin im Grunde ein positiv denkender Mensch. Mir ist die philosophisch anmutende Frage, ob das Glas „halb voll“ oder „halb leer“ ist, inzwischen ziemlich einerlei. Für mich ist es bestenfalls interessant, überhaupt ein Glas zu haben (gell Alex*). Als Optimist bin ich, gepaart mit meiner Lebenserfahrung recht sicher, dass sich der Rest finden wird (schon wieder: Alex!). Optimistisch eben. Und dem Optimisten ist ja grundsätzlich alles erlaubt, das nicht ausdrücklich „verboten“ ist. Und selbst zu diesen Themen fällt dem erfahrenen Optimisten meist auch noch etwas ein… Positives Denken und Erleben stellt damit aber auch eine gewisse Verantwortung dar. „Wegsehen“ oder vor Problemchen „wegducken“ gilt nicht. Ich vertraue da durchaus auf meine Stärken. Du siehst schon: „Segen und Fluch“ vereint.

Das kann natürlich manchmal Überraschendes zu Tage fördern. Legen wir also los, lassen uns nicht beirren, denn:

Die Ampel ist ja grün.

Joachim

* PS:

Für diejenigen, die sich momentan nichts unter dem Ruf nach „Alex“ vorstellen können:

Alex ist meine Lieblingswirtin und damit die Chefin unserer Stammkneipe.

Möge sie die Corona-Krise gut überstehen.

Die Axt im Haus…

Ich möchte mit einem etwas schwereren Thema beginnen. Denn dieses Thema hat mich damals – ach was, bis heute - beeindruckt, sobald ich daran denken muss. In den frühen 60er Jahren wohnte ich mit meinen Eltern in Böblingen in der Friedrich-List-Straße. Meine Mutter hatte dort ihre erste kleine Lebensmittelfiliale der Firma Klett anvertraut bekommen. Wir wohnten im gleichen Haus direkt nebenan, praktisch in einer Art Dienstwohnung. Ringsherum, in den direkt angrenzenden Nebenstraßen, fanden sich überwiegend Zweifamilienhäuser. Entlang des Straßenverlaufes stadtauswärts in Richtung Freibad und Stadion befanden sich sehr lange Reihen aus ziegelbewehrten Reihenhäusern. Immer jeweils gleich 10 oder gar 12 Reihenhäuser. Kleinstadt-typische Bauweise der Nachkriegszeit.

Schräg gegenüber zum Lebensmittelgeschäft stand auch so ein Zweifamilienhaus. Außen mit roten Ziegelsteinen ummauert. Eigentlich sah es etwas einfach, vielleicht sogar traurig aus. Vielleicht wirkte es auch nur so auf mich, weil ich ja inzwischen wusste, was hinter der Fassade ablief.

In diesem Haus wohnte eine Arbeiterfamilie mit vier Kindern. Tagsüber sah alles aus wie überall in diesen Tagen: vier munter herumtollende Schulkinder im Alter zwischen etwa 6 Jahren und 12 Jahren. Die Mutter hängte am Waschtag die Wäsche der Familie – und das ist bei vier Kindern und zwei Elternteilen schon auch viel Wäsche – auf dem Hof neben dem Haus auf die Leine. Die war zwischen Wohnhaus und Holzlagerschuppen gespannt. Davor stand, für mich sah das damals bedrohlich aus, ein grober Hackklotz mit eingehauener Axt. Die Mutter der Familie kam auch zum Einkaufen zu meiner Mutter ins Geschäft. Nur Gemüse kaufte sie nie, denn das hatte die Familie selbst im Garten.

Manchmal war ich auch zum Spielen dort bei dieser Nachbarsfamilie im Hof. Von Weitem sah alles ganz üblich und normal aus. So wie bei vielen anderen Familien auch. Aber irgendwie fühlte sich das Zusammenleben, ja sogar das Spielen mit diesen Kindern anders an, als das Zusammensein mit den anderen Kindern die ich aus meiner Schule kannte. Wie ich diese Zeilen gerade schreibe fällt mir auf, dass ich die Kinder dieser Familie nie in meiner Schule getroffen habe. Dabei waren die doch in etwa in meinem Alter. Und wir wohnten „gleich nebenan“. Also mit Blick auf das Einzugsgebiet der Ludwig-Uhland-Schule sicher kein Problem. Hm, das ist mir bislang noch überhaupt nicht bewusst gewesen.

Wie gesagt, tagsüber ging es annähernd normal zu. Das eine oder andere Mal haben wir auch in deren Wohnhaus gespielt. Das kam aber sehr selten vor. So wie ich überhaupt eher selten bei dieser Nachbarsfamilie war. Aber wenn es später wurde, so gegen 16 Uhr, dann wurde die Familie stiller. Das Spielen musste beendet werden. Alles wurde aufgeräumt. Die Mutter führte noch einen Kontrollblick auf den Zustand der Kinder durch. Dann war es auch bald so weit:

Der Vater kam mit seinem Moped von der Arbeit nach Hause. Blaue Arbeitshose an, kariertes Hemd, Hosenträger und Schiebermütze. Eigentlich ein schöner Moment, wenn der Vater endlich von der Arbeit nach Hause zurückkehrt. Sollte man meinen. Nicht so in dieser Familie. Ich als damals 8- oder 9-jähriger Steppke, hatte den Eindruck, dass hier alle verängstigt waren. Es lag am frühen Abend fast immer eine bedrückende, abwartende Stille über dem Haus und dem Hof, in dem wenige Zeit zuvor noch die Kinder gespielt hatten.

Ich erinnere mich an eine für mich besondere Begebenheit, bei der ich zufällig noch im Haus war, als der Vater von seiner Arbeit nach Hause kam. Mit mürrischem Gesicht betrat der die Wohnküche. Mich betrachtete er nur kurz, ebenfalls mit diesem grantigen Gesichtsausdruck. Nun mussten sich alle seine Familienmitglieder um den Küchentisch setzen. Der Vater setzte sich an die Stirnseite des Tisches. Ich wurde völlig ignoriert. Jetzt brachte die Mutter das Abendessen in Form von aufgeschnittenem Brot und einem Stückchen Wurst auf den Tisch. Der Vater hatte zu meiner Überraschung eine 7-strählige Lederpeitsche direkt bei seiner rechten Hand, gleich neben seinem „Hirschfänger“ auf dem Tisch liegen! Was sollte das denn sein? So etwas habe ich ja noch nie gesehen. Eine Peitsche und ein „Hirschfänger“ als Messer auf dem Tisch. Des Rätsels Lösung ließ nicht lange auf sich warten. Bei jeder Kleinigkeit und sei es auch nur die Tatsache, dass ein Kind sich überhaupt getraut hatte etwas zu sagen, ergriff der Vater die Peitsche und hieb quer über den Esstisch auf das Kind ein. Ich hielt die Luft an. Alle waren verschreckt – die Mutter selbst wortlos. Sie kannte das Prozedere wohl schon zur Genüge. Es war furchtbar, erniedrigend, erschreckend.

Ich glaube, es war das letzte Mal, dass ich mit dieser Familie Kontakt hatte.

Ansichten und Einsichten

Ich habe ein schönes Zitat von Katja Ebstein in ihrer Biografie gefunden. Dieser Erkenntnis kann ich mich nur anschließen und möchte sie gerne mit dir teilen:

"Gelebtes Leben ist eben auch immer die Summe von Begegnungen mit besonderen Persönlichkeiten – egal, ob bekannt oder unbekannt, ob es sich um eine langjährige Beziehung oder nur um ein kurzes, aber nachhaltiges Zusammentreffen handelt.

Dazu zählen selbstverständlich auch die Begegnungen mit Landschaften, Lebensorten, mit der Literatur und natürlich der Musik."

(aus "Das ganze Leben ist Begegnung" von Katja Ebstein)

Als Optimist bin ich ein Freund von interessanten Begegnungen. Besonders von Begegnungen, die ich selbst erlebt habe und die mich beeinflusst und manchmal sogar nachhaltig geprägt haben.

Panzer in der Stadt

Ach ja, die Friedrich-List-Straße. Diese Straße hatte es in sich. Immer war etwas, manchmal auch außergewöhnliches, „geboten“. Damals noch als B14 eine wichtige Hauptverkehrsachse, die quer durch Böblingen verlief. Von Herrenberg her führte sie über Land nach Böblingen. Über den Elbenplatz von den beiden Stadtseen her kommend bis hinaus zum Freibad und dem heutigen Stadion. Gar nicht weit vom Salon des späteren „Weltmeister-Friseurs“ Meister Keller entfernt, war das Lebensmittelgeschäft meiner Mutter. Direkt vor dem Ladengeschäft meiner Mutter befand sich ein Fußgängerüberweg. Wegen des dort verlaufenden, die B14 überquerenden Schulweges, war dieser Überweg zusätzlich zum Zebrastreifen mit beleuchteten Verkehrsteilern ausgestattet. Das war damals etwas ganz neues in Böblingen und ganz städtisch modern. Diese Einrichtung diente der Sicherheit der Fußgänger und der vielen Schüler, die dort ihren Schulweg fanden. Die B14 war damals sehr stark befahren. Aus diesem Grund standen dort über mehrere Jahre zu den Zeiten des täglichen Schulbeginns auch Schülerlotsen, die den jüngeren Kindern beim Überqueren der gefährlichen Straße behilflich waren.

Doch mindestens einmal je Quartal wurde der eine oder andere Verkehrsteiler umgefahren oder zumindest deutlich beschädigt. Zerborstenes gelbes Glas oder ein schief stehender Verkehrsteiler waren die stummen Zeugen des Missgeschicks eines glücklosen Autofahrers. Es war einfach zu viel los, die Straßen zu schmal und zu eng.

Und dann auch noch das:

Als im Böblingen der Nachkriegszeit, bzw. der frühen Wirtschaftswunderzeit noch Panzer der US-amerikanischen Streitkräfte regulär stationiert waren und die Panzerkaserne ihren Namen zu recht hatte, fuhren jede Woche mehrfach Panzer und Schwertransporter mit Militärgut beladen durch die Stadt. Auch durch die Friedrich-List-Straße. Mitten durch die Stadt, an den Häuserzeilen vorbei, über Zebrastreifen und knapp am Gehweg entlang. Ein Heidenlärm mit großen Erschütterungen, die schon von weitem zu spüren waren. Später wurde es etwas besser mit dem Lärm und den Straßenschäden, denn auch die Panzer wurden nun auf neuen Tiefladern transportiert. Allerdings mussten die Verkehrsteiler dann abmontiert werden, da die Fahrzeuge zu breit waren. An dem besagten Fußgängerüberweg wurde dann eines Tages eine Fußgängerampel aufgebaut. Als sogenannte Bedarfsampel. Da konnte man dann einen Knopf drücken, wenn man die Straße ordnungsgemäß überqueren wollte. Kaum eine Weile später schaltete die Ampel dann für den Durchgangsverkehr auf Rot. Die Fußgänger konnten dem grünen Ampelmännchen folgen. Ach herrje: Wegen des derzeitigen „Gender-Quatsches“ in der deutschen Sprache weiß ich nun nicht einmal, ob ich überhaupt noch „Ampelmännchen“ sagen darf. Vielleicht heißt es ja nun genderneutral „Ampel-Mensch“? Also so ein Schmarrn…

Auf jedem Fall konnte man damals zumindest noch dem grünen Ampelmännchen folgen und auf diese Weise sicher die andere Straßenseite erreichen.

Das Dumme war nur, dass wenige Sekunden danach die Ampel die Fahrt für den inzwischen angestauten Verkehr wieder frei gab. Das mag die wartenden Autofahrer sicher gefreut haben. Aber das Anfahren der vielen Autos geht leider nicht geräuschlos von statten. Und die damaligen alten Dieselmotoren in den LKW, Lieferwagen und weitverbreiteten Daimlers verabschiedeten sich mit einem Abschiedsgruß bestehend aus einer gut sichtbaren und auch riechbaren Auspuffwolke.

Bei all dem Verkehr wurde sehr viel Staub und Schmutz aufgewirbelt. Als ordentliche Ladenbesitzerin und Hausfrau musste meine Mutter jeden Morgen mit dem Handfeger die Schaufenster und die Badezimmerscheiben, die sich auf der gleichen, der Straße zugewandten Seite des Hauses befanden, abfegen. Ansonsten war es im Zimmer und im Laden „Zappen duster…“

Da wäre es interessant gewesen zu hören, was die heutige Feinstaub-Fraktion in der Landespolitik dazu sagen würde. Weißt du, ich meine diese Leute, die am liebsten alle Autos aus Stuttgart verbannen würden, weil am Neckartor Deutschlands höchste Feinstaubkonzentration gemessen wurde. Ich bin sicher, dass damals sämtliche Feinstaubmessgeräte explodiert wären. Aus damaliger Sicht wären solche Anflüge von Umweltschutz und Abgasbeschränkungen belächelt worden. Auch wenn es gerade den Anwohnern an Hauptstraßen so manches Mal zu viel wurde. Aber:

Der neu aufkommende Wohlstand in der Wirtschaftswunderzeit hatte eben seinen Preis. Die Menschen waren doch froh, dass es wieder etwas Ordentliches zum Einkaufen gab und dass alle einen Arbeitsplatz hatten. Eben die klare Wahl des kleineren Übels.

Sind wir also zufrieden, dass wir inzwischen diese Probleme in der damaligen Schärfe nicht mehr haben. Ich hoffe inständig, dass uns die Corona-Krise aus 2020/21 mit Blick auf Arbeitsplatzsicherheit, Gastronomie und Einkaufsmöglichkeiten im örtlichen Einzelhandel nicht wieder ein paar Jahrzehnte „zurück beamt“.

Sandkasten im Klassenzimmer

Ganz in der Nähe unserer Wohnung in der Friedrich-List-Straße, befand sich auch die Ludwig-Uhland-Schule. Das war die Grund- und Hauptschule, die diesen Stadtbezirk in schulischer Hinsicht abdeckte. Die Schule selbst war ein zu der Zeit sehr modernes Gebäude, das sich elegant und langgezogen auf dem hoch gelegenen „Galgenberg“ befand. Im linken, eingeschossigen Flügel befanden sich die Klassenräume für die ersten beiden Klassen. Aufgrund der damaligen geburtenstarken Jahrgänge waren auch an dieser Schule die Klassenstufen mehrzügig ausgelegt. So gab es gleich mehrere „Erste Klassen“. Das Gebäude war umrahmt von weitläufigen Schulhöfen mit einem aus Stein gearbeiteten großen „Pelikan-Springbrunnen“ mitten auf dem Haupt Hof als zentralem Element. Gleich daneben Sportplätze und ein kleiner Buchen-Hain, der rechts bis an das separate Gebäude heranreichte, in dem sich im Untergeschoss das Hallenbad befand und oben drüber die Sporthalle der Schule. Auf der anderen Seite, links neben der Schule befand sich ein kleines Rondell von vielleicht 15 Metern Durchmesser. Dieses Rondell war ummauert und etwa 2-3 Meter hoch. Auf diesem künstlichen, mit einem Metallgeländer eingefassten Hügel, den man über etliche Steinstufen erreichen konnte, befand sich eine riesige Eiche. Darunter standen ein paar Sitzbänke aus Holz. Von hier oben hatte man eine fantastische Aussicht auf die Stadt.

Als Kinder schauderte es uns manchmal doch etwas, wenn wir uns vorstellten, dass der bizarre Name „Galgenberg“ eben tatsächlich von einem Galgen hier oben stammte. Ich dachte so manches Mal, dass den Gehängten die schöne Aussicht nun auch nichts mehr nützte.

Wenn man sich als Schüler dann fast schon „erwachsen“ fühlte, weil man in den mittleren, zweigeschossigen Gebäudeteil der Schule umziehen durfte, fühlte man sich sehr geehrt. Nun durfte man bereits in die dritte Klasse zum Lehrer Hödl gehen. Das war schon etwas Besonderes. Der Lehrer Hödl war sehr respektiert und beliebt. Er war sofort zu erkennen. Auch für die jüngeren Schüler, denn er fiel schon rein äußerlich auf:

Ein Mann im mittleren Alter, er trug im Gegensatz zu den meisten anderen Lehrern keinen der damals weit verbreiteten weißen Kittel, dafür aber stets ein „Franzosen-Käppi“.

Worauf sich praktisch alle Schüler freuten, war der berühmte Sandkasten im Klassenzimmer beim Lehrer Hödl. Der war legendär. Hier fand Heimatkunde-Unterricht mit praktischem Bezug zur direkten städtischen Umgebung statt. Da wurde der Entdeckergeist von uns Schülern geweckt.

Denn neben dem üblichen Schulunterricht gab es zwei Besonderheiten beim Lehrer Hödl:

1) Wir durften per Übertragung aus dem Rektorat über den Lautsprecher, der in der Klassenzimmer-Ecke direkt in Deckenhöhe montiert war, den Schulfunk hören. Da gab es 30 Minuten super interessante Themen zu hören. Ein Hörfunkprogramm speziell für uns Schüler. Das Beste war aber, wenn der Moderator vom damaligen Süddeutschen Rundfunk, Willy Seiler, speziell die Schüler der Ludwig-Uhland-Schule in Böblingen über das Radio grüßte. Der kannte zwar nicht uns persönlich, aber eben die Schule. Und:

Er fuhr täglich unten mit dem Zug vorbei, wenn er nach Stuttgart ins Studio fuhr. Das hat uns jedes Mal beeindruckt, wenn der Mann aus dem Radio an uns gedacht hat. Das war zumeist zu einem Ferienbeginn der Fall. Das hat uns dann besonders gefreut…