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«Was an der Welt wäre eigentlich schlechter, wenn im Straßenverkehr alle die Regeln befolgen würden?» Als Oliver Uschmann diese Frage in einem Kurs zum Punkteabbau hörte, war er genauso empört wie die Charaktere in diesem Buch. Sie können doch nichts dafür, dass das Leben ihnen manchmal in die Quere kommt. Da kann man doch nicht auch noch auf Verkehrsregeln achten! Und überhaupt: Die anderen sind doch die, die so fahren, als hätten sie ihren Führerschein im Lotto gewonnen! Die Autoren blicken tief in die deutsche Autofahrerseele: Das ist mal erschreckend, mal ärgerlich und mal berührend, in der Zuspitzung aber stets lustig und lehrreich.
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Seitenzahl: 310
Veröffentlichungsjahr: 2016
Oliver Uschmann • Sylvia Witt
Ein Blick in die deutsche Autofahrerseele
«Was an der Welt wäre eigentlich schlechter, wenn im Straßenverkehr alle die Regeln befolgen würden?» Als Oliver Uschmann diese Frage in einem Kurs zum Punkteabbau hörte, war er genauso empört wie die Charaktere in diesem Buch. Sie können doch nichts dafür, dass das Leben ihnen manchmal in die Quere kommt. Da kann man doch nicht auch noch auf Verkehrsregeln achten! Und überhaupt: Die anderen sind doch die, die so fahren, als hätten sie ihren Führerschein im Lotto gewonnen!
Die Autoren blicken tief in die deutsche Autofahrerseele: Das ist mal erschreckend, mal ärgerlich und mal berührend, in der Zuspitzung aber stets lustig und lehrreich.
Oliver Uschmann und Sylvia Witt haben mit der «Hui-Welt» rund um die Romanreihe «Hartmut und ich» seit 2005 einen Kosmos geschaffen, in dem das Rasen und Reisen besonders in den späten Folgen eine bedeutsame Rolle spielt. Die beiden Vielfahrer haben seit Erwerb des Führerscheins zusammen über 1,5 Millionen Kilometer hinter sich gebracht. Ihre Romane, Jugendbücher und humorvollen wie ernsten Ratgeber hat das Duo, das auf dem Land bei Münster lebt, bereits rund 750000-mal unter die Leute gebracht.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, August 2016
Copyright © 2016 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Umschlaggestaltung ZERO Werbeagentur, München
Umschlagabbildung FinePic, München
Ampelfotografien Daniel Sauthoff
ISBN 978-3-644-56601-9
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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www.rowohlt.de
Motto
Vorwort oder Lappen weg!
Kekse und Sünder
Erste Sitzung
Franks Fahrfreuden
Juttas Fahrgeschichte: Bei Onkel Ludwig pocht es
Straßenverkehrsordnung, Paragraph 12 (Ausnahmen)
Thomas’ Fahrgeschichte: Immer im Gespräch
Das Cockpit
Ralphs Fahrgeschichte: Lückenlose Langeweile
Alberne Fragen
Karins Fahrgeschichte: Tempo wegen Tempos
Da schnallst du ab!
Rainers Fahrgeschichte: Dreifelderwirtschaft
Die Testfahrt
Zweite Sitzung
Engel, die Einhörner transportieren
Juttas Fahrgeschichte: Die Ampel war grün!
Alles richtig gemacht
Thomas’ Fahrgeschichte: Der Fluchtwagen
Das Wohnzimmer
Ralphs Fahrgeschichte: Die Leerfahrt
Meter pro Sekunde
Karins Fahrgeschichte: Leergelaufen
Schaschlikspieß und Pfefferbriefchen
Dritte Sitzung
Rentner und Einparker
Juttas Fahrgeschichte: Der Zettel am Transporter
Strafgesetzbuch, Paragraph 142
Thomas’ Fahrgeschichte: Die Flasche
Klar Schiff machen
Ralphs Fahrgeschichte: Ladungsparodie
Mit Verben
Rainers Fahrgeschichte: Das Feuer und das Rad
Was wäre, wenn …?
Drei Monate später …
Zen oder die Kunst, einfach nur Auto zu fahren
www.franksfahrfreuden.de/gaestebuch
Schlaue Verbindungen
Unsere Quellen – eine Auswahl
Ein herzliches Dankeschön an …
Ich fahr, fahr nur auf der Mittelspur,
fahr, fahr auf der Mittelspur,
ja, auf der Mittelspur fahr’n,
da kommt man immer gut an.
– Paranoid Hendroid, «Mittelspur»
Der Song zum Buch – gleich hier hören:
Im Herbst 2013 habe ich, Oliver Uschmann, meinen Lappen verloren. Der war zwar zu dem Zeitpunkt auch schon eine kleine Plastikkarte im gleichen Format wie die der Krankenkasse oder die Baumarkt-Bonuskarte. Aber als ich ihn mit 18 Jahren machte, war er noch ein Stück Papier, so groß wie eine kleine Speisekarte – der absolute Angeber unter den Taschendokumenten. Im Grunde passte er gar nicht in die Geldbörse. Man musste ihn im Mantel tragen, wie einen Agentenausweis. Aus Tradition sagt man daher bis heute, wenn es einen trifft: «Der Lappen ist weg!»
Natürlich passiert das immer nur den anderen.
Denkt man.
Bis man selbst ohne Lappen dasteht.
Der Schock saß tief. Weniger, weil ich für eine Weile auf den Zug ausweichen und mit dem Fahrradanhänger zum Supermarkt fahren musste, sondern eher, weil ich es nun endgültig schwarz auf weiß hatte: Ich gehöre zu den Verkehrssündern.
Ich?
Einer der Bösen?
Wie kann das sein?
Denn erstens bin ich ein freundlicher Mensch. Und zweitens sind die Bösen doch die anderen! Die Bösen fahren immer nur ihr eigenes Tempo, nehmen niemals Rücksicht und drängen jeden aus dem Weg, der ihnen in die Quere kommt. Die Bösen ignorieren Regeln. Nicht wie die Cops oder die Sanitäter, die das dürfen und müssen, um Leben zu retten. Nein. Die Bösen ignorieren die Regeln immer, obwohl sie dafür erdacht wurden, das Leben der Menschen zu schützen und das Miteinander in zivilisierte Bahnen zu lenken. Die Bösen glauben, dass die Regeln nur für Sonntagsfahrer gelten, nicht aber für sie, die wahrlich Besseres zu tun haben.
So sind sie, die Bösen.
Und ich, Oliver Uschmann, hätte nie, nie, niemals gedacht, dass ich eines Tages zu ihnen gehöre würde. Bis er weg war, der Lappen.
Nachdem ich den Führerschein wiederhatte, tat ich, was jeder Mann tun sollte, dessen Frau in Flensburg eine blütenweiße Weste hat: Ich hörte auf meine bessere Hälfte. Da die Reform des Bußgeldkatalogs und somit auch die Reform der Kurse, mit denen man sein Punktekonto schmelzen lassen kann, unmittelbar bevorstand, meldete ich mich im Frühjahr 2014 für eines der letzten klassischen Aufbauseminare für punkteauffällige Kraftfahrer an, kurz ASP. Dieser Kurs war, ganz ohne Übertreibung, eine Offenbarung. Dem Leiter und Fahrlehrer gelang es tatsächlich, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dazu zu bewegen, ihre Verhaltensmuster, Gefühle und Gewohnheiten hinterm Steuer in aller Klarheit zu erkennen und infrage zu stellen. Aus trotzigen erwachsenen Kindern wurden in wenigen Wochen gelassene Fahrer aus Überzeugung. Jedenfalls aus den meisten. Keine Verbote, keine Gebote hatten dazu geführt, sondern die Einsicht, dass das Leben als achtsamer Mensch tatsächlich besser ist.
Besser für die Sicherheit.
Besser für den Geldbeutel.
Besser für die Seele.
Die Menschen, die ich in dem Seminar kennenlernte, waren Sünder, genau wie ich. Impulsive, fluchende, scheiternde, allzu menschliche Sünder. Die perfekte Inspiration für ein paar Charakterzüge der Figuren in diesem Buch! Ich machte tonnenweise Notizen, und dann vermischten Sylvia und ich sie mit den Erfahrungen und Gewohnheiten aus meiner persönlichen Fahrbiographie. Wir ließen das Material liegen. Genau 365 Tage. Der Deal lautete: Fahre ich mir in dieser Zeit keine neuen Punkte ein, machen wir daraus ein Buch.
Was soll ich sagen?
Ich habe in der gesamten Zeit lediglich zehn Euro Strafgebühr verursacht, weil ich vergessen hatte, die Parkscheibe ins Cockpit zu legen.
Wir, Oliver Uschmann (immer noch vier Punkte) und Sylvia Witt (seit jeher null Punkte), Vielfahrer und Philanthropen mit Verständnis für die «Sünder» dieser Welt, hoffen, dass dieses Buch Ihnen beim Lesen so viel Freude macht, wie es uns beim Schreiben bereitete. Und dass es Sie im Bestfall dazu anregt, das gelassene Fahren ebenfalls auszuprobieren. Dann haben Sie durch jedes Blitzerbußgeld, das Sie sparen, den Kaufpreis gleich mehrfach wieder raus!
Da die Handlung im letzten Seminar vor der Punktereform spielt und heute etwas andere Punkte und Strafen gelten, geben wir bei den «Sünden», die Jutta, Thomas, Ralph, Karin und Rainer begangen haben, immer beide Werte an: die, die vor der Reform gegolten haben und die viele von Ihnen noch im Kopf haben werden; und die, die Sie sich seit der Reform einhandeln können. Doch diese Zahlen können Ihnen nach der Lektüre eigentlich egal sein: Mit den Geschichten unserer fünf Sünder und den weisen Worten von Fahrlehrer Frank im Hinterkopf werden Sie alle möglichen Punkte fortan von vornherein vermeiden – und dabei ganz in Ihrer Mitte sein.
Wir wünschen Ihnen eine gute Fahrt!
Sylvia Witt & Oliver Uschmann
Da sitzen sie also, denkt Frank, meine neuen Sünder. Gekommen, damit ich sie von ihren Punkten in Flensburg befreie.
Wie immer, wenn er ein Seminar gibt, hat er alle Tische zu einer großen Tafel zusammengeschoben. Die Sonne scheint durch die große Fensterfront der Fahrschule auf die Tische mit den Keksen und den kleinen Mineralwasser- und Colaflaschen. Der Beamer ist eingeschaltet und wirft ein helles Rechteck auf die Wand, in dem Herzlich willkommen! steht. Staubkörner tanzen im Lichtstrahl.
Vier der sechs Teilnehmer, die in den kommenden Wochen an dem Kurs in der Fahrschule Franks Fahrfreuden teilnehmen, sind bereits da. Auf den Mappen, die vor ihnen liegen, steht ASP-Aufbauseminar. Sie alle sind hergekommen, weil sie Punkte abbauen wollen, doch es geht immer um mehr als das. Frank kennt ihre Namen und ihr Sündenregister bereits. Mit jedem von ihnen hat er bei der telefonischen Anmeldung zum Kurs rund eine halbe Stunde geplaudert. Nicht aus Höflichkeit, sondern um ein Gefühl dafür zu bekommen, mit welchem Typ Verkehrssünder er es zu tun hat. Dennoch kann es immer wieder Überraschungen geben. Wie sich jemand am Telefon und in der ersten Sitzung des Kurses gibt, zeigt meistens noch nicht sein wahres Gesicht. Als vorhin die ersten Teilnehmer eintrafen und vorne am Schreibtisch neben der Tür zur Toilette und dem Sideboard mit den Broschüren ihre Kursgebühr bezahlten, hat Frank trotzdem seine inneren Wetten abgeschlossen. Wie ein Profiler, denkt er sich. Einer, der gerne schon mit der ersten Einschätzung recht hat.
Nun sitzen sie jedenfalls da, an der Tafel aus zusammengeschobenen Tischen. Der hagere, in die Länge geschossene Mann, der gerade eine der weißen Schüsseln anhebt und fragend in die Runde der Teilnehmer schaut, ist Ralph. Ein Lkw-Fahrer Ende 50 mit mehr als zwei Jahrzehnten Berufserfahrung auf dem Bock. Nach dem, was Ralph am Telefon über seine Punkte und Strafen erzählt hat, gehört er zum Typ der Nüchtern-Vernünftigen. Kein Straßenrambo, sondern ein guter Mann, der lediglich Befehlen, Notwendigkeiten und Sachzwängen folgt. Und in der Tat: In diesem Gesicht sieht Frank keinen fahrlässigen Menschen. Einerseits. Andererseits hat er bereits zu viele Lastkraftwagenfahrer kennengelernt, um auf diese innere Wette hohe Summen zu setzen.
«Keks?», fragt Ralph und strahlt dabei wie ein kleiner Junge in einem alten Kinderfilm. Als wäre im Prinzip jeder Tag erst einmal ein guter, bis er das Gegenteil beweist. Nur sein linkes Auge teilt diese Einstellung nicht. Es zuckt, als hätte da die Wirklichkeit ein Wörtchen mitzureden.
Neben Ralph sitzt eine kleine, leicht untersetzte Frau mit einer Gesichtshaut, die von vielen Jahren intensiven Rauchens zeugt. Sie streckt den Arm aus und nestelt gezielt ein Waffelröllchen aus der Keksmischung. Jutta, eine Lehrerin. Hier ist sich Frank sicherer. Bei ihren Kindern in der Klasse mag sie engagiert und fürsorglich sein, aber auf der Straße ist sie der Typ Die Aggressive. Natürlich würde sie selbst das niemals von sich denken, in ihrem unschuldigen roten Kleinwagen, der draußen vor dem Schaufenster der Fahrschule nicht einmal zwei Drittel der Parkplatzlänge einnimmt. Als Frank vorhin die Tische gedeckt, den Beamer angeworfen und die Keksschüsseln gefüllt hat, hat er gehört, wie Jutta der kleinen Runde auf dem Bürgersteig mitteilte, was sie davon halte, hier mitmachen zu müssen. Kokolores sei das alles, hatte sie gesagt und dabei ihre Zigarette geschwenkt, als wollte sie das Haus mit dem Qualm einrahmen. «Totaler Kokolores!» Jetzt sitzt sie am anderen Kopfende der Tafel, genau Frank gegenüber. Er weiß, was das bedeutet. Sie sitzt da nicht, weil es keinen anderen Platz mehr gab, sondern um zu sagen: Du bist Lehrer, ich bin Lehrerin – erzähl mir hier bloß keinen Scheiß!
Die junge Frau mit dem dunkelblonden Pony, die neben Ralph auf der rechten Seite sitzt, winkt dankend ab. «Ich esse Kekse lieber selbst gemacht», sagt sie. Karin. Als sie vorhin eintraf, musste Frank auf dem Anmeldebogen noch mal ihr Geburtsdatum prüfen. Er konnte nicht glauben, dass das tatsächlich die Teilnehmerin sein sollte, die ihre einzigen drei Punkte loswerden muss, um sich als Beifahrerin ihrer bald 17-jährigen Tochter im ersten Führerscheinjahr eintragen zu dürfen. Sie war kaum älter, als sie damals Mutter wurde, und sieht jetzt noch mädchenhaft aus mit ihren rosigen Wangen, den leichten Sommersprossen und der dezenten Stupsnase. Der Fahrertyp, zu dem sie gehört, ist selten. So selten, dass er in den üblichen Listen der Rollen, die Menschen hinter dem Steuer einnehmen, nicht vorkommt. Er ist eine Eigenkreation von Frank. Fahrer wie Karin – die fast immer Fahrerinnen sind – nennt er: die Aufgewühlten. Und zumindest nach dem, was sie ihm am Telefon erzählt hat, gehört sie dazu. Ganz wie beim gutmütig Kekse verteilenden Ralph könnte er sich allerdings auch bei ihr täuschen.
Ein wenig verlegen streicht Karin sich eine Haarsträhne hinters Ohr. Frank fällt auf, wie der Blick des vierten Teilnehmers wie hypnotisiert an Karins Ohrmuschel kleben bleibt. Thomas. Der Mittvierziger hat sich vorhin ziemlich ungeschickt draußen angeschlichen und Ralph, Jutta und Karin, die schon vor der Tür warteten, von der anderen Straßenseite aus beobachtet. Frank konnte sein schwarzes, vom Gel glänzendes Haar zwischen den hellen Blüten der Buschrosen gut erkennen, die gegenüber einen winzigen Park mit Christus-Statue einrahmen. Solche kleinen Ecken mit Kies, Mülleimer und Sitzbank zur christlichen Einkehr finden sich in jedem Dorf der Gegend, einem tief katholischen Landstrich. Dass aber ausgerechnet gegenüber seiner Fahrschule, in der er Sündern dabei hilft, Ablass in Flensburg zu erlangen, ein Kreuz mit dem Mann steht, der die ganze Menschheit von ihrer Schuld erlöst haben soll, ist natürlich Zufall, aber ein schönes Bild. Und dass ausgerechnet Thomas sich unter dem Kreuz hinter den Büschen versteckte, um die anderen Sünder heimlich in Augenschein zu nehmen, erst recht. Schließlich ist der Vertreter für Schreibwaren, der sich alle seine Punkte nicht mit dem Dienstwagen, sondern in der Freizeit eingefahren hat, als Fahrer vom Typ Der Imponierer der Gefährlichste von allen – und würde das ebenfalls niemals selbst von sich glauben. Darauf, ihn richtig einzuschätzen, setzt Frank in seinem inneren Wettbüro die höchste Summe. Doch so verschieden die Gründe sind, weswegen das Punktekonto der vier voll ist – eine Rolle teilen alle, die in Franks Kurse kommen, ohne Ausnahme: die Rolle des Opfers. Niemand, der hier zwischen Mappen, Keksen und Kugelschreibern sitzt, glaubt, selbst zu den Sündern zu gehören.
Thomas nimmt sich ein Nusskipferl. Ralph stellt die Schüssel wieder auf den Tisch. Karin schaut zu Frank, wie eine Schülerin, die wartet, dass der Lehrer den Unterricht offiziell beginnt. Thomas kann den Blick nicht von ihrer Ohrmuschel lassen. Wie ein schlafender Hund schnauft der Beamer leise seine Staubluft aus. Frank weiß: Es gibt viel zu tun.
Um die Ursachen gefährlichen Verhaltens im Straßenverkehr zu begreifen, vor allem aber, um diese Ursachen den Menschen begreiflich zu machen, unterteilen Seminarmappenautoren und Kursleiter das Verhalten punkteauffälliger Fahrer in verschiedene, immer wieder auftauchende Rollen. Zu den häufigsten zählen Der Imponierer, Der Aggressive sowie Der Kämpfer und Sieger.
Dem Verkehrspsychologen Jörg-Michael Sohn zufolge gibt es starke Parallelen zwischen Fahrstil und Lebensstil. Impulsive Menschen, die auch abseits der Straße gerne die Regeln brechen, nehmen es auch hinter dem Steuer mit den Vorschriften nicht so genau. Charaktere, die das Leben als Kampf um Chancen und Ressourcen betrachten, neigen dazu, sich auf keinen Fall und von niemandem «ausbremsen» zu lassen.
Wie Frank und viele andere Kursleiter wissen, erschöpfen sich die Gründe für Verkehrssünden allerdings nicht in den durchaus wahren Klischees vom aggressiven Karrieristen in Luxuslimousine mit eingebauter Vorfahrt. Mindestens ebenso gefährlich sind Menschen, die sich scheinbar selbstlos um alles und jeden kümmern und dabei dermaßen hektisch und nervös werden, dass ihnen jeder andere, der sich am selben Tag ins Auto gesetzt hat, wie ein nutzloser Sonntagsfahrer vorkommt, der bei weitem nicht so dringende Gründe hat, ans Ziel zu kommen, wie sie.
Grob verkehrswidrig innerorts rechts überholt (mit Sachbeschädigung). Keine Punkte, da bereits Straftat nach StGB.
«Es gab zwar keine Punkte dafür, aber ich muss einfach mit der Geschichte anfangen, die mich am meisten aufgeregt hat. Vorher aber noch mal ganz offiziell: Ich bin Lehrerin von Beruf. Mehr muss ich, glaube ich, nicht sagen, oder?»
Die Runde schaut abwartend zu Jutta, die schon nach dem ersten Satz eine Pause gemacht hat. Das gefällt ihr, denn das funktioniert manchmal sogar in der Schule. Ist die Klasse unaufmerksam, hilft es nicht, zu brüllen, sondern im Gegenteil, immer leiser zu werden.
«Ich bin Lehrerin! Hallo? Ihr wisst, was das bedeutet, oder?»
