12,99 €
Aus welchen Gründen neigt unsere Gesellschaft immer stärker zu den politischen Extremen, welche Faktoren sorgen für die tektonischen Veränderungen in politischen Spektrum? Greta und Trump, Klima und Migration, das sind für Oliver Luksic die neuen Pole rechts und links der politischen Auseinandersetzung. Moralisch aufgeladene, unversöhnliche Positionen haben den alten Gegensatz von Kapital und Arbeit ein Stück abgelöst und schaukeln sich gegenseitig hoch. Der Kompromiss und der Diskurs werden immer schwieriger, da beide Positionen von Angst und Empörung geprägt sind. Rationale Distanz und Optimismus sind die Antworten auf die neue Polarisierung, um die offene Gesellschaft nicht zu gefährden.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 110
Veröffentlichungsjahr: 2019
Oliver Luksic
Wie die neue Polarisierung die offene Gesellschaft gefährdet
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikationin der Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografische Daten sind im Internet überhttp://dnb.de abrufbar.
Das Werk ist in allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt.Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig.Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen,Mikroverfilmungen und die Einspeicherung in und Verarbeitungdurch elektronische Systeme.
wbg Theiss ist ein Imprint der wbg.
© 2020 by wbg (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), DarmstadtDie Herausgabe des Werkes wurde durch die Vereinsmitglieder der WBG ermöglicht.Satz: SatzWeise, Bad WünnenbergEinbandabbildung: Trump & Greta © Miriam JacobiEinbandgestaltung: Fee-Gloria Groenemeyer
Besuchen Sie uns im Internet: www.wbg-wissenverbindet.de
ISBN 978-3-8062-0094-2
Elektronisch sind folgende Ausgaben erhältlich:eBook (PDF): 978-3-8062-0098-0eBook (epub): 978-3-8062-0101-7
Buch lesen
Innentitel
Inhaltsverzeichnis
Informationen zum Buch
Impressum
Vorab
Die neuen Antipoden: It’s the identity, stupid!
Identitätsbedürfnis und Empörungskultur
Spaltende Moralisierung
Angst-Unternehmer Greta und Trump: Vaterland und Mutter Natur
Ökoritäres Denken: der grüne Flirt mit Öko-Diktatur und Gewalt
Sortierte Lebenswelten: der Verlust des Privaten und der Vielfalt
Die autoritäre Versuchung
Raus aus „Null“ und „Eins“: Binäre Aufklärung
Pumpkapitalismus und Populismus: Die Rückkehr des Ökonomischen
Universalismus und Aufklärung statt Identitätspolitik und Romantik
Anmerkungen
Die Welt wird immer komplexer, das Bedürfnis nach einfachen Wahrheiten wächst. Es scheint, dass die politische Mitte, die Grundlage stabiler westlicher Demokratien, erodiert und neuartige Formen des Populismus entstehen. Die offene Gesellschaft ist von Autoritarismus bedroht, der sowohl eine äußere als auch eine innere Bedrohung darstellt. Die großen Umwälzungen des frühen 21. Jahrhunderts wie Globalisierung, Digitalisierung oder Migration sind für viele Menschen mehr Bedrohung als Chance und lösen ein Bedürfnis nach Identität und Zugehörigkeit aus. Während die politische Debatte früher vom Gegensatz Kapital und Arbeit geprägt wurde, sind Klima und Migration heute die bestimmenden Pole. Dialog und Kompromiss werden immer schwieriger, wenn der Diskurs sich moralisiert und radikalisiert. Greta und Trump stehen stellvertretend für die neuen Angst-Unternehmer, die auf Empörung und Angst setzen. „Entpörung“ als rationale Distanz ist die notwendige Antwort.
Die weit verbreitete Zukunftsangst, die heute westliche Gesellschaften zu belasten scheint, hat verschiedene Quellen. Einerseits werden Ängste in Sachen Umwelt und Klimazerstörung mobilisiert. Andererseits wird vor dem Ende des christlichen Abendlandes bzw. der eigenen Kultur gewarnt. Der Aufstieg der Einen bedingt ein Erstarken der Anderen. Die politische Debatte dreht sich nicht mehr, wie noch im 20. Jahrhundert, um sozio-ökonomische Fragen. Stattdessen prägen kulturelle Streitfragen den öffentlichen Diskurs. Ob Gender, Migration, Klima oder Religion: Der von beiden Seiten beklagte Kontrollverlust führt zu parallelen Lebenswelten und einem aggressiven Diskurs, der keinen Dialog und Kompromiss mehr kennt. In diesen neuen Erzählungen werden Bürger zu Opfern, eine neue Empörungskultur entsteht.
Empörung ist kein guter Ratgeber. Denn die gewohnten, quasi-institutionalisierten, Formen der Kritik und Prozesse der Debatte und des Ausgleichs sind immer weniger gewünscht. Sie wirken nicht mehr und stattdessen entstehen immer stärkere Zentrifugalkräfte, die negativ auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt einwirken. Die Moralisierung des Alltags und des Privaten ist eine gefährliche Entwicklung. Der speziell deutsche Rigorismus hat Wurzeln bei Martin Luther und in der Romantik.
Das Bedürfnis zu einer Art „identitären“ Abgrenzung wächst mit dem Unwohlsein der Menschen einer immer komplizierteren Gegenwart. Die Moralisierung des politischen Diskurses schwächt den Kern der Demokratie – Dialog und Kompromiss – immer mehr, bis bestehende Mechanismen unmöglich werden. Ohne Vertrauen in die Zukunft kann Demokratie, aber auch Marktwirtschaft, nicht funktionieren. Wenn die düsteren „Zukunftsvisionen“ von Greta und Trump weiterhin den öffentlichen Diskurs bestimmen, entsteht ein neuer Kulturkrieg, der unsere liberale, westliche Gesellschaft von innen aushöhlt und zerstört. Dieses Phänomen ist in Deutschland und anderen entwickelten, westlichen Gesellschaften derzeit, in verschiedenen Stadien, zu beobachten. Die Gründe für diese Entwicklungen und mögliche Auswege sollen in diesem Essay untersucht werden.
Klar ist: Empörung ist keine Lösung. Der immer stärker moralisierte, alarmistische und unversöhnliche Diskurs in Medien und Politik führt zu einer Spirale der Dauer-Erregung und Polarisierung. Wenn der Blick auf die rationale Sach-Ebene verloren geht und Mut und Optimismus keine Rolle mehr spielen, droht ein neues Zeitalter der Extreme.
Der Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital dominierte lange die politische Agenda. Mindestens seit der Industriellen Revolution galt er als Kernthema moderner Gesellschaften. Für Bill Clinton war im Präsidentschaftswahlkampf 1992 noch klar „It’s the econonomy, stupid!“. Aber nicht nur der Blick auf die neue politische Landkarte verrät, dass es heute nicht mehr klassische ökonomische Debatten, nicht mehr Sozialismus und Liberalismus sind, die Debatten bestimmen. Kultur- und Identitätsfragen bestimmen die Agenda.
Ob Brexit, Trump, der Aufstieg der AfD oder der grüne Hype 2019 (vor allem im deutschsprachigen bzw. nordeuropäischen Raum, was es später zu erklären gilt): Die neuen gesellschaftlichen Bruchlinien sind nicht ökonomischer, sondern kultureller Natur. Von einer Klassengesellschaft kann trotz berechtigter Kritik an sozialen Missständen keine Rede mehr sein. „Die Politik war während beinahe des gesamten 20. Jahrhunderts geprägt von wirtschaftlichen Themen“, schreibt Francis Fukuyama in einem Essay im Magazin „Foreign Affairs“.1 „Heute hingegen ist sie weniger von ökonomischen oder ideologischen Sorgen bestimmt als von Fragen der Identität.“ In einer materiell halbwegs saturierten Gesellschaft nimmt Unzufriedenheit scheinbar nicht mehr ab, sondern zu. Kann es also sein, dass je größer der Wohlstand der Allgemeinheit wird, sich der Einzelne umso schlechter fühlt?
Der Sozialpsychologe Steven Pinker zeigt, dass das Leben der Menschen auf dem Planeten in der Summe sehr viel besser geworden ist. „Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt“ – der Untertitel seines lesenswerten Buches „Aufklärung jetzt“ spricht Bände. Mit zahlreichen Statistiken stellt er nachvollziehbar dar, was sich für die Menschen verbessert hat: Die Lebenserwartung ist massiv gestiegen, die Arbeitszeit gesunken, die Zahl der Demokratien gestiegen, Krankheiten wurden eingedämmt oder ausgerottet. Pinker erklärt in seinem Buch aber auch, wieso der offensichtliche Fortschritt nicht gewürdigt wird: Die Gegner der Aufklärung mobilisieren Wut und Zukunftsangst, starke Emotionen. Ob autoritäre Populisten oder andere „Schwarzmaler“, er attackiert rechte und linke Fortschrittsfeinde. Er warnt vor dem Klimawandel und setzt auf Kernkraft und Innovation.
In den USA, der einzigen demokratischen Weltmacht unserer Zeit, sind bereits zwei politische Parallelwelten entstanden. Obwohl beide bereits lange Bestand haben, besteht heute ein scheinbar unüberbrückbarer Unterschied zwischen einem ländlichen, von weißen Männern geprägten, Amerika und einem eher städtischen, multikulturell, feministisch und eher linksalternativ geprägten Milieu. Ein Blick auf die politische Landkarte in Deutschland verrät, dass AfD (ländliche Gebiete im Osten) und Grüne (Städte im Westen) ähnliche Milieus in Deutschland vertreten und dabei eine Art kultureller Hegemonie für diese entwickelt haben.
Nachdem die AfD in der Anfangsphase zunächst primär eine direkte Reaktion auf die Euro-Rettungspolitik von Angela Merkel schien, war schnell zu beobachten, dass kulturelle Fragen immer dominierender wurden. Nation und Identität, die Angst vor Fremden und vor drohender Überfremdung. Gleichzeitig die radikale Gegenbewegung und das Ablehnen aller so gearteten Sorgen.
Je stärker die AfD, desto stärker die Grünen und umgekehrt. Die Parteien der Mitte, die sich in dem identitätsgetriebenen Diskurs nicht in ein schwarz/weiß-Schema einordnen lassen, verlieren relativ an Bedeutung.
Die Gelbwesten-Bewegung in Frankreich ist ein weiteres spannendes Beispiel für die neue Brisanz des Populismus. Sie belegt die neue Sortierung des politischen Diskurses jenseits des klassischen Rechts-Links-Schemas. Ähnliches gilt auch für das Brexit-Votum im Vereinigten Königreich. Klassische parteipolitische Linien lösen sich länderübergreifend auf und neue politische Antipoden entstehen.
Identität ist der zentrale politische Gedanke, um den das Denken und Handeln der grünen und linken Bewegung auf der einen, aber auch das Denken der neuen Rechten zentral kreist. Der amerikanische Philosoph Rorty sprach von der „kulturellen Linken“2, die sich mehr mit Fragen von Geschlechtern und Ethnien als sozialer Ungleichheit befasste. Der Soziologe Andreas Reckwitz spricht von der „Kulturalisierung der Politik“.3
Die neue Identitätskultur bestimmt den öffentlichen Diskurs links und rechts der Mitte. Das Kultivieren von Unterschieden, die radikale Abgrenzung zur anderen Seite und ein hohes Maß an Selbstfixierung kennzeichnen die Identitätspolitik, die in unterschiedlichen Maßen ein Stück Abkehr von freiheitlichem Denken bedeutet. Politische Diskurse werden moralisch aufgeladen und aggressiv geführt.
Auf der einen Seite steht dabei die urbane, linksalternative Elite. Sie nutzt Identitätspolitik, etwa durch ein hohes Maß an politischer Korrektheit, um ein Stück weit kulturelle Hegemonie über ihre Mitmenschen zu erlangen, da eine Unterscheidung durch Konsum, wie früher, heute nicht mehr möglich ist. Weite Teile der Medien, die ebenfalls dieser Klientel zugerechnet werden müssen, unterstützen dies öffentlichkeitswirksam. Der ökologisch korrekte Konsum und die politisch korrekte Lebensführung sorgen dann für einen permanenten Rechtfertigungszwang für all jene, die sich anders verhalten.
„Emotio schlägt ratio“. Das Problem der klassischen Volksparteien ist, dass der Ausgleich der Interessen, das abwägende Element, in einer solchen neuen Konstellation nicht mehr gefragt ist. Nicht mehr das große Ganze, sondern die eigene homogene Gruppe, steht im Vordergrund.
Der Liberale hat es in einem solch moralisch aufgeladenen, aggressiven Diskurs besonders schwer. Wer sachlich und nüchtern argumentiert, wirkt für viele nicht kompetent, sondern unsympathisch. Der kühle Kopf wird im Auge des Betrachters oft zum kalten Herz. Wer moralisch argumentiert, ist im Vorteil. Wer nüchtern abwägt, wirkt nicht engagiert und emphatisch.4
Das zeigt sich am Beispiel des Klimaschutzes. Dieser ist keine Sachfrage mehr, sondern auch ein Stück Identitätsfrage geworden. Nicht die rational beste Lösung, sondern das unbedingte Glaubensbekenntnis zur drohenden Apokalypse und die gesinnungsethisch naheliegende Lösung dominieren weite Teile des Diskurses.
„Wir müssen unbedingt davon wegkommen, uns über Identitätspolitik zu streiten. Stattdessen müssen wir hin zu Sozial-, Wirtschafts- und Finanzpolitik. Da muss die SPD unbedingt ihren Beitrag leisten. Unter gar keinem Fall darf sie die Polarisierung in kulturellen Fragen befeuern“, meint der Politologe Timo Lochocki, Politikprofessor in North Carolina: „Die Grünen sind nicht das Vorbild.“ Ganz im Gegenteil, sie tragen kräftig zur Polarisierung bei.5
Das neue Bedürfnis nach Identität ist global. Der moderne Zeitgeist ist pessimistisch, der Weltuntergang wird ständig beschworen. Sei es eine Welle der Überflutung durch schmelzende Eisberge oder eine Flut an Migranten: Die mediale Sucht nach Ängsten, Skandalen und Sensationen wird von sozialen Medien verstärkt, in denen sich vor allem Extrempositionen durchsetzen. Diese neue Empörungskultur ist die Ursache der zunehmenden Polarisierung und Spaltung, welche die offene Gesellschaft bedroht.
Während in der Vergangenheit Veränderungen eher langsam verliefen und den kurzen Lebenszeitraum häufig überschritten, sind die beschleunigten Veränderungen des 21. Jahrhunderts so sicht- und fühlbar für den Einzelnen wie für keine bisherige Generation. Dieses Tempo führt bei Vielen heute vor allem zu einer enormen Verunsicherung. Der Mensch scheint nicht mehr nur Zuschauer und Nutznießer, sondern fühlt sich als Opfer von Veränderungen. Damit steigt das individuelle Unbehagen. Der Mensch lässt sich von negativen Ereignissen stärker beeindrucken als von positiven, die Medien verstärken diesen Eindruck.1 Ist der Mensch emotional etwa noch im Steinzeitalter und hält nicht Schritt mit technologischen und gesellschaftlichen Quantensprüngen?
Der Anstieg an Information sorgt dabei zunehmend für Orientierungslosigkeit statt für mehr Wissen. Die schiere Menge und die dauernde Erreichbarkeit lähmen mehr, als dass sie intellektuell beflügeln. Die Veränderungen im 21. Jahrhundert nehmen zu und beschleunigen sich zugleich. Die Rolle der Vermittlung von Wissen wird wichtiger, die der eigenen Erfahrung dagegen schwindet. Das enorme Potenzial an Informationen, das im Internetzeitalter zur Verfügung steht, überwältigt und -fordert selbst Allgemeingebildete. Was wir über die Welt wissen, wissen wir daher durch die Medien, wie schon Niklas Luhmann zu Recht feststellte. Im Blick auf die politische Landschaft beobachtet er, dass mehr oder minder ungehemmt moralisiert wird. Gerade die Medien tragen dazu bei, „den Eindruck entstehen zu lassen, dass politische Kultur eine Kultur der wechselseitigen Beleidigung ist, die so deutlich gewählt sein muss, dass jeder sie auch ohne besondere Vorbildung versteht“.2
Die Welt dreht sich immer schneller. Seit dem Ende des Kalten Krieges und dem Durchbruch des Internets kam es nicht zum „Ende der Geschichte“, wie von Fukuyama prophezeit, sondern zu einer Beschleunigung aller Prozesse.3 Globalisierung und Digitalisierung führen heute zu einer Form der ständigen globalen Echtund Gleichzeit. In dieser Welt fühlen sich offensichtlich immer mehr Menschen unwohl und entwickeln ein Bedürfnis nach neuen, klaren Zugehörigkeiten. Die Welt wird unübersichtlicher, das Bedürfnis nach Identität, Sicherheit und Kontinuität wächst. Gleichzeitig hat die Intensität politischer Debatten ohne Zweifel zugenommen. Die bisher bekannte Art der Öffentlichkeit befindet sich ein Stück weit in Auflösung, die gesellschaftlichen Gruppen scheinen langsam zu zersplittern.
Globalisierung bedeutet im Kern, dass Grenzen verschwinden, Grenzen der Entfernung, Grenzen der Kommunikation. In den letzten Jahrzehnten war es vor allem wachsende Mobilität von Gütern, Menschen und Ideen sowie das Internet, die das Zusammenwachsen befördert haben. Insbesondere die Digitalisierung hat die Wahrnehmung von Raum und Zeit grundlegend verändert. Die Welt erscheint dem Einzelnen jetzt instabiler, weil Nachrichten den Einzelnen nun öfter und vor allem viel gezielter und intensiver erreichen, als es früher der Fall war. Flüchtlinge und Terrorismus sind kein neues Phänomen, werden aber auch durch die Digitalisierung globalisiert. Laut Außenminister Steinmeier „gerät die Welt aus den Fugen“4
