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Über Medien, Hochschulen, Parlamente und Finanzsystem gestalten die Kapitaleliten die Meinungsbildung und somit das Denken der Bürger. Diese Fähigkeit des Kapitals, die dominante Denkweise zu lenken, wird von den Bürgergesellschaften der Industrieländer gravierend unterschätzt. In den vergangenen 30 Jahren entstanden 50%-Demokratien. Die Demokratie ist auch sonst gefährdet, aber die fortlaufende Konzentration des Kapitalbesitzes zerstört unsere Staatsform, die effektive Handlungsfreiheit unzähliger Menschen und den notwendigen Zusammenhalt der Gesellschaft, nicht nur in den USA.
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Seitenzahl: 227
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Gil Ducommun
Die Aushöhlung der Demokratie
Kapitalkonzentration und Macht
© 2015 Gil Ducommun
Umschlaggestaltung: Chantal Ducommun
Lektorat und Layout: Carl Polónyi
Verlag: Edition Menschenklang, Hindelbank, Schweiz
ISBN
Paperback
978-3-9524330-8-9
e-Book
978-3-9524330-9-6
Das Werk, einschliesslich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Inhaltsverzeichnis
Kürzel
Einleitung
Kapitel 1: Konzentration des Kapitals - Pluto-Demokratie
Vermögensverteilung – Welt und einige OECD-Länder
Welt
OECD-Länder
USA
Deutschland
Frankreich
Grossbritannien
Schweiz
Elf Folgerungen
Erkenntnisse von Thomas Piketty
Kapitel 2: Schuldenkrise - Wachstum auf Pump
Einleitung
Die Entstehung der Finanzkrise und ihre Folgen
Gesamtverschuldung
Die Sozialisierung der Schulden
Fazit zu Kapitel 2
Kapitel 3: Kapitalmacht
Einleitung
Kapitalmacht in der Politik
Kapitalmacht in der Forschung und Bildung
Kapitalmacht in den Medien
Kapitalmacht in der Fiskalpolitik – Steuerwettbewerb
Kapitel 4: Die kriminelle Kultur des Finanzsystems
Einleitung
Finanzkriminalität in Aktion
Kurzer Schluss zur Finanzkriminalität
Kapitel 5: Wo ist der Kopf? – Ideengeschichtliche Ursachen
Der Kopf stinkt
Der Liberalismus versagt
Die Mont Pelerin Society MPS
20 Schlussfolgerungen und vier Thesen
Nachwort
Anhang
Anhang 1: Ergänzende Informationen zu Kapitel 1
Anhang 2: Ergänzende Informationen zu Kapitel 3
Anhang 3: Ergänzende Informationen zu Kapitel 4
Dank
Über den Autor
Quellen
Kürzel
AG
Aktiengesellschaft
AIA
Automatischer Informationsaustausch (neuer OECD-Standard)
AHV
Alters- und Hinterbliebenenversicherung (sogenannte 1. Säule)
BCG
Boston Consulting Group
BKG
Bankkundengeheimnis, meist fälschlich Bankgeheimnis genannt
BIP
Bruttoinlandprodukt (jährliche Wertschöpfung eines Landes, nur monetär vergütete Güter)
BIZ
Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (Basel)
CDS
Credit Default Swap bzw. Swaps
CEO
Chief Executive Officer (US-amerikanische Bezeichnung für das geschäftsführende Vorstandsmitglied bzw. den Vorstandsvorsitzenden oder Generaldirektor)
CHF
Schweizer Franken
CVP
Christliche Volkspartei (Schweiz)
CS
Credit Suisse
ESTV
Eidgenössische Steuerverwaltung
EZB
Europäische Zentralbank
FDP
Freisinnig-demokratische Partei (Schweiz)
FINMA
Schweizerische Finanzmarktaufsicht
FSA
Financial Services Authority (Britische Finanzaufsicht bis Ostern 2013)
HMRC
Her Majesty’s Revenue and Customs
HNWI
High Net Worth Individual(s)
HSBC
Hongkong & Shanghai Banking Corporation Holdings PLC (London)
ICIJ
Internationales Konsortium investigativer Journalisten
Insee
Institut national de la statistique et des études économiques (Nationales Institut für Wirtschaftsstatistik und Wirtschaftsstudien, Frankreich)
IWF
Internationaler Währungsfonds (englisch: IMF)
FED
Federal Reserve, US-amerikanische Zentralbank
KMU
Kleinere und mittlere Unternehmen
NGO
non-governmental organisation (Nichtregierungsorganisation, NRO)
NZZ
Neue Zürcher Zeitung
OECD
Organisation for Economic Co-operation and Developement (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung)
SBG
Schweizerische Bankgesellschaft (deutscher Name der heutigen UBS bis 1997)
Seco
Staatssekretariat für Wirtschaft, Bundesbehörde in Bern
SGB/USS
Schweizerischer Gewerkschaftsbund/Union sindicale suisse bzw. Unione sindacale svizzera
SNB
Schweizerische Nationalbank
SP
Sozialdemokratische Partei (Schweiz)
SRF
Schweizer Radio und Fernsehen
SVP
Schweizerische Volkspartei
UBS
Union Bank of Switzerland
WEF
World Economic Forum, Davos
WTO
World Trade Organisation (Welthandelsorganisation), Genf
Kapitel 1
Konzentration des Kapitals – Pluto-Demokratie
Eine Million ist Wohlstand, 100 Millionen sind Macht.
Vermögensverteilung – Welt und einige OECD-Länder
Dieses Unterkapitel präsentiert die Verteilung des Eigentums nach dreissig Jahren der fortlaufenden Konzentration des Kapitalbesitzes.
Sehr grosse und sehr kleine Zahlen übersteigen unser Vorstellungsvermögen. Das betrifft die Dimension des Weltraumes und des Mikrokosmos ebenso wie die Zahlen über die grössten Vermögen. Wir können die Bedeutung dieser Dimensionen nicht recht erfassen, sie sind unvorstellbar. Trotzdem lohnt es sich, beim Lesen ab und zu innezuhalten und den Dimensionen nachzuspüren.
Eigentlich wollte ich die Verhältnisse grafisch darstellen. Oft präsentieren uns die Statistiken die Vermögensverteilung nach Zehnteln, so genannten Dezilen, der Bevölkerung. Aber diese Darstellungen erfüllen unseren Zweck nicht. Denn nicht, was das oberste Dezil besitzt, interessiert hier, sondern die obersten ein bis zwei Promille. Allein diese sind für die Machtkonzentration des Kapitals relevant. Es sind Vermögen von über zehn Millionen (Euro, US-Dollar, Schweizer Franken), also solche, wo grosser Wohlstand zu einem politischen Machfaktor wird. Die Superreichen mit über 50 Millionen Vermögen bilden weniger als ein Promille der Steuerzahler. Innerhalb der Grenzen einer Buchseite lassen sich diese Ausmasse nicht darstellen. Würde man ein Vermögen von einer Million mit einem Zentimeter darstellen, erhielte der Milliardär 1 000 Zentimeter, also eine zehn Meter hohe Säule. Auch lässt sich ein Tausendstel grafisch kaum darstellen; auf diesen Tausendstel der superreichen Bürger kommt es bei der Machtfrage aber an.
Da ist ein Bild anschaulicher: Normalbürger haben die Kraft, 50 Kilogramm zu stemmen – oder fast, Superreiche reissen mit ihrer Macht aber 50 Tonnen und mehr in die Höhe. Das sind in etwa die Machverhältnisse der Menschen in den alten Demokratien.
Weiteres Zahlenmaterial und Quellen befinden sich im Anhang zu diesem Kapitel am Schluss des Buches.
Welt
Vermögensverteilung in der Welt
Das oberste Prozent hat ein Reinvermögen von jeweils über 588 000 Dollar.
Der reichste Zehntel hat ein Reinvermögen von jeweils über 72 000 Dollar.
Die Welt zählt 24 Millionen Millionäre, 40 Prozent davon leben in den USA.
Was das oberste Promille weltweit besitzt, wird nicht publiziert. Das wäre jedoch machtpolitisch relevant.
Die Privatvermögen reicher Personen nahmen zwischen 2000 und 2009 um 75 Prozent auf 200 000 Milliarden Dollar zu.
Anteil an der Weltbevölkerung in %
Anteil am Weltvermögen in %
oberes
1
43
obere
2
>
50
obere
10
85
untere
50
1 oder 2
Quelle: CS Wealth Report 2010
Reinvermögen in US $ in %
Anteil Weltbevölkerung in %
Anteil am Weltvermögen
unter 4 000
50
unter 10 000
68
3,3
über 1 Mio.
0,5
38,5
Weltweit verwaltete Vermögen
2007: 111 600 Milliarden US Dollar
2009: 111 500 Milliarden US Dollar
2010: 121 800 Milliarden US Dollar
2007 brach in den USA die Finanzkrise aus. Erwartet wird eine weitere jährliche Zunahme der Vermögen von sechs Prozent.
Offshore verwaltete Vermögen
Offshore bedeutet: ausserhalb des Landes angelegt. Von den rund 120 000 Milliarden Dollar sind dies 7 400 Milliarden. Davon verwaltet die Schweiz ein Viertel bis ein Drittel (2 100 bis 2 800 Milliarden Dollar, je nach Quelle, davon 1 000 Milliarden aus Europa). Weitere grosse Offshore-Finanzplätze sind die Kanalinseln1, Luxemburg, die USA und Singapur.
High Net Worth Individuals (HNWI)
In der Bankensprache sind dies Personen, die über eine Million Dollar freies Anlagevermögen besitzen. Davon gibt es weltweit elf Millionen, von diesen wiederum 3,37 Millionen in Asien, 3,35 Millionen in den USA und 250 000 in der Schweiz.
„Ultra High Net Worth Individuals“ sind Steuerpflichtige mit über 30 Millionen Dollar Anlagegeldern.
Superreiche – Vermögen über 50 Millionen US-Dollar
Die Welt zählt circa 80 000 Superreiche mit einem Vermögen von über 50 Millionen US-Dollar, rund die Hälfte in den USA (Schweiz: schätzungsweise 1 000 bis 1 500 Steuerpflichtige).
Machtpolitisch nenne ich diese 80 000 Superreichen den höheren Geldadel oder Kapitaladel, welcher den traditionellen Adel des Mittelalters, dessen Macht sich auf Landbesitz gründete, ersetzt hat.
Zahlen zum hohen Geldadel mit über 100 Millionen Dollar Vermögen finden sich in der folgenden Tabelle.
61 Inder sind Milliardäre und besitzen 22 Prozent des indischen Gesamtvermögens.
„Welt der Reichen “
(aus: Bilanz – Das Schweizer Wirtschaftsmagazin, 24/2013)
Im Jahr 2013 betrug das Weltvermögen 240 881 Milliarden Dollar und nahm um 4,9 Prozent zu.
Land
Anzahl Supersuperreiche > 100 Mio. $
Durchschnittsvermögen pro Erwachsener, in $
China
2 296
22 230
Russland
1 021
10 976
USA
14 546
301 140
Japan
861
216 694
Deutschland
1 551
192 232
Frankreich
880
295 933
Italien
748
241 383
Spanien
470
123 997
Brasilien
719
23 278
Schweiz
903
512 562
Lesebeispiel: Deutschland weist 1 551 Supersuperreiche mit einem Vermögen von jeweils über 100 Millionen Dollar auf. Das Durchschnittsvermögen deutscher Erwachsener beträgt etwa 192 000 Dollar. Die Vermögen der deutschen Supersuperreichen betragen somit in etwa das 520-Fache des Durchschnittsvermögens deutscher Erwachsener.
Der hohe Geldadel (Supersuperreiche, unter ihnen besonders die Milliardäre) bestimmt heute massgeblich den Gang der Welt. Es sind Grossaktionäre, mit bedeutendem Einfluss auf die Politik, den anderen, bekannteren Machapparat. In den meisten Ländern überschneiden sich diese beiden Machteliten: politische Elite und Kapitaladel.
Die Schweiz weist eine sehr hohe Dichte an Supersuperreichen auf. Das Durchschnittsvermögen der Schweizer liegt gut 200 000 Dollar über jenem in den anderen wohlhabenden Demokratien. Die 300 reichsten Schweizer besassen im Jahr 2013 564 Milliarden Franken, im Durchschnitt besass jeder von ihnen 1 880 Millionen. Der beinahe zehnprozentige Zuwachs in einem Jahr betrug 52 Milliarden – eine Folge der Erholung der Aktienkurse.
Gini-Index
Ungleichheiten in der Verteilung werden mit dem Gini-Index gemessen.
Im folgenden Rechteck würde eine vollkommen gleiche Verteilung eine Diagonale bilden.
Abb. 1: Ungleichheit der Verteilung, grafisch dargestellt
Je grösser die Ungleichheit, desto grösser wird der „Bauch“ der Verteilungskurve unterhalb der Diagonale, also die Fläche zwischen der Diagonale und der tatsächlichen Verteilung. Diese Fläche im Verhältnis zur Fläche des Dreiecks ergibt den Gini-Index. 0 bedeutet demnach totale Gleichheit der Verteilung, 1 bedeutet totale Ungleichheit (eine Person besitzt alles Vermögen).
Der Gini-Index der weltweiten Vermögensverteilung dürfte bei 0,9 liegen, also extrem hoch sein, da hier auch die Vermögensunterschiede zwischen reichen und armen Ländern ins Gewicht fallen. Typischerweise liegt der Gini-Index der nationalen Vermögensverteilung bei 0,7 bis 0,8 (hohe Ungleichheit), jener der Einkommensverteilung bei 0,3 (mittlere Ungleichheit).
OECD-Länder
Die alten liberalen Industrieländer mit Marktwirtschaft haben sich in der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) zusammengeschlossen, deren Sitz in Paris ist. Später sind weitere Länder mit ähnlicher Gesellschaftsordnung hinzugekommen. Die OECD publizierte im Jahr 2008 die Studie Growing Unequal?. Das Zahlenmaterial datiert aus den Jahren 2000 bis 2002. Neuere Übersichtsdaten der OECD habe ich nicht gefunden.
Meine Länderrecherche zu gutem Zahlenmaterial über das oberste Prozent der Vermögenden lässt berechtigte Zweifel aufkommen in Bezug auf die Stichhaltigkeit der folgenden Zahlen.
Vermögensverteilung in Industrieländern, oberes Zehntel
Anteil an Bevölkerung in %
Anteil am Gesamtvermögen in Prozent
UK, 2000
USA, 2001
Kanada, 1999
Dtschld., 2002
Italien, 2002
obere
1
10
33
15
16
11
obere
5
30
58
37
38
29
obere
10
45
71
53
55
42
Gini-Index
0,66
0,84
0,75
0,80
0,61
(OECD: Growing Unequal?, 2008)
Grossbritannien und Italien haben in diesem Kontext eine relativ mässige Ungleichheit, Kanada befindet sich im Mittelfeld. In Anbetracht der weiteren Zahlen erstaunt es, dass der Gini-Index der USA (0,84) nur so wenig höher liegt als jener von Deutschland.
Ausserdem hat in den zwanzig Jahren von 1985 bis 2005 die Ungleichheit der Einkommensverteilung in fast allen OECD-Ländern signifikant zugenommen, besonders nach dem Jahr 2000 (OECD: Growing unequal?) Zum Vergleich: Der durchschnittliche Gini-Index der Einkommensverteilung der OECD-Länder lag um das Jahr 2005 bei 0,32.
USA
Vermögensverteilung in den USA (2010)
Anteil an der Gesamtzahl der Haushalte in Prozent
Anteil am Gesamtvermögen in Prozent
obere 1
35
obere 5
63
obere 20
89
untere 80
11
untere 40
0,3
Quelle: Prof. G. William Domhoff, University of California and Santa Cruz: „Who Rules America? Power in America – Wealth, Income & Power“, im Internet auf: WWW2.ucsc.edu/whorulesamerica/power/wealth.html (aufgerufen im Januar 2015).
Der Gini-Index der USA liegt mit 0,80 (oder 0,84; je nach Quelle variieren die Angaben) etwas unter jenem der Schweiz, aber immer noch im Spitzenfeld der Ungleichheit der Vermögensverteilung.
Das reichste Prozent der Haushalte besass im Jahr 2001 33,5 Prozent der Wertpapiere; 2007 war dieser Wert auf 38,3 Prozent gestiegen.
Die Bevölkerung der USA hat kein Bewusstsein von der reellen Vermögensverteilung im Land.
Weiteres gutes Material habe ich nicht gefunden. Daher folgen einige Informationen zur Einkommensverteilung.
Einkommensverteilung
Der Gini-Index der USA betreffend Einkommensverteilung beträgt 0,45. Für die Verteilung der Einkommen bedeutet das eine sehr grosse Ungleichheit.
Die Ungleichheit der Einkommen hat ab 1980 deutlich zugenommen:
Das oberste Promille verdiente im Jahr 1980 weniger als drei Prozent des Gesamteinkommens, im Jahr 2002 fast sieben Prozent.
Das Prozent mit den höchsten Einkommen erhielt 1985 neun Prozent der Einkommen, 2008 aber 18 Prozent.
Die Gehälter der CEOs (Vorstandsvorsitzenden, Generaldirektoren) nahmen von 1990 bis 2005 um 300 Prozent zu, jene der Arbeiter um 4,3 Prozent. Die neoliberale Zeit (1980–2008) hinterlässt eine Kluft: das beträchtliche Wachstum der Ungleichheit.
Aus anderer Quelle: Der Anteil der fünf Promille Topverdiener am US-Gesamteinkommen stieg zwischen 1980 und 2007 von sieben Prozent auf 20 Prozent und nahm mit der Finanzkrise von 2007 bis 2010 auf 16 Prozent ab.
Das Durchschnittseinkommen dieses halben Prozents beträgt über 1,5 Millionen US-Dollar im Jahr.
Die Auszahlung der Gehälter der Unternehmensleiter erfolgte zwischen 1989 und 2007 immer mehr über Aktienoptionen, deren Anteil an ihrem Einkommen von 34 auf 74 Prozent zunahm. Hier zeigt sich, wie die Grossaktionäre (sehr oft institutionelle Anleger wie Pensionskassen und Versicherungen) die Manager an ihre Interessen gebunden haben, indem sie sie in Aktien bezahlen.
Der bestverdienende Hedgefondsmanager kassierte im Jahr 2005 1,5 Milliarden Dollar, der 25. Fondsmanager 130 Millionen. Vier Jahre zuvor verdiente dieser 25. Fondsmanager erst 30 Millionen.
Viele Zahlen zur neoliberalen Einkommenswelle in den USA stammen aus einem Artikel von Hansueli Schöchli in Der Bund vom 11.10.2006.
Das sind bewegende Zahlen, wenn man sie auf sich wirken lässt.
Deutschland
Werden im Jahr 2007 die Vermögen der reichsten 380 Haushalte (einer von 100 000) in Deutschland mit eingerechnet, so erhöht sich das private Nettogesamtvermögen für das Jahr 2007 von 6 100 Milliarden Euro auf 7 225 Milliarden. Diese Information erweist sich für das Thema Machtkonzentration des Kapitals als besonders wertvoll.
Sie wirft Fragen auf: Wie kommt es, dass da plötzlich elf Hundertmilliarden Euro dazukommen? Wie akkurat sind denn die üblichen offiziellen Statistiken bezüglich der Vermögen in Deutschland und in anderen Ländern?
Das reichste Prozent der Deutschen über 17 Jahre besitzt gemäss der einen Statistik 23 Prozent des Gesamtvermögens, gemäss der Studie über die reichsten 380 Haushalte jedoch 35,8 Prozent. (SOEP/DIW)
Der Gini-Index beträgt somit für 2007 entweder 0,64 (mittleres Feld der Ungleichheit) oder 0,81 (eine Spitzenposition wie die USA).
Das deutsche private Bruttovermögen – also ohne Abzug der Schulden – betrug im Jahr 2006 10 400 Milliarden Euro.
Vermögensverteilung in Deutschland (2007)
Anteil an der Bevölkerung über 17 Jahre in Prozent
Vermögen dieses Anteils in Mrd. Euro
Anteil am Gesamtvermögen in Prozent
durchschnittl. Vermögen in Mio. Euro
0,0001 (38 Haushalte)
132
1,67
0,001 (380 Haushalte)
419
5,28
1 100/Haushalt
0,1 (70 000 Personen)
1 627
22,5
23,2/Pers.
0,5 (350 000 Personen)
2 252
31,2
1 (700 000 Personen)
2 590
35,8
3,7/Pers.
10
4 813
66,6
Weitere 40 %
2 310
32
Ärmere 50 %
103
1,4
38 Haushalte (ein Millionstel aller Haushalte) besitzen mehr Vermögen als die unteren 50 Prozent, im Durchschnitt nahezu vier Milliarden Euro.
380 Haushalte haben im Durchschnitt ein Vermögen von 1,1 Milliarden.
Das reichste halbe Prozent (350 000 Personen über 17 Jahre) besitzt nahezu einen gleich grossen Anteil am Gesamtvermögen (31,2 Prozent) wie 90 Prozent der Bevölkerung (33,4 Prozent); es sind 63 Millionen Personen.
Zehn Prozent der Bevölkerung verfügen über zwei Drittel der Vermögen, die restlichen 90 Prozent über das verbleibende Drittel.
Wenn Vermögen ab etwa zehn Millionen zu demokratisch relevanter Macht werden, betrifft dies in etwa die obersten zwei Promille.
Über die Entwicklung der Vermögensungleichheit in der neoliberalen Zeit ab 1980, insbesondere den Anteil des obersten Prozents, scheint es keine leicht zugänglichen Zahlen zu geben.
Frankreich
Die Internetsuche nach detaillierten Daten über die Vermögensverhältnisse in Frankreich erweist sich im Vergleich zur Recherche in Bezug auf die USA, Deutschland und die Schweiz als ernüchternd. Das Institut national de la statistique et des études économiques (Insee) scheint die einzige Institution zu sein, welche überhaupt solche Daten liefert.
Gibt man bei der Internetsuche die Stichwörter „Vermögensverteilung“ oder „Besitzverteilung“ ein, beziehen sich die meisten Dokumente lediglich auf die Einkommen und ihre Verteilung. An der Glaubwürdigkeit der Zahlen kann man durchaus zweifeln.
Das Insee liefert beispielsweise für 2010 nur grobe Zahlen.
Vermögensverteilung 2004 und 2010 (in Prozent)
Anteil der Bevölkerung
Anteil am Vermögen 2004
Anteil am Vermögen 2010
oberes 1
13
obere 10
46
48
obere 50
93
93
untere 50
7
7
Vermögensverteilung (Insee, 2010)
Gesamtbevölkerung in 10-%-Schnitten (Dezilen)
Anteil am Gesamtvermögen in Prozent
Kumuliert
untere 10 % (1. Dezil)
0
0
2. Dezil
0
0
3. Dezil
1
1
4. Dezil
1
2
5. Dezil
5
7
6. Dezil
7
14
7. Dezil
9
23
8. Dezil
12
35
9. Dezil
17
52
obere 10 % (10. Dezil)
48
100
Die unteren 50 Prozent der Haushalte vereinigen sieben Prozent der Vermögen auf sich, die oberen zehn Prozent hingegen 48 Prozent (in anderen Quellen fand ich die Zahl 61 Prozent).
Die detaillierten Verhältnisse im obersten Prozent bleiben unbekannt; sie wären im Kontext dieses Kapitels aber die entscheidende Information.
Das höchste Vermögen in Frankreich beträgt circa 21,2 Milliarden Euro, das Zehnthöchste 3,8 Milliarden. Über welchen Anteil am Gesamtvermögen die 3 500 superreichen Haushalte (ein Zehntausendstel) verfügen, sucht man vergeblich.
Die Lektüre diverser Dokumente lässt vermuten, dass die Ungleichheit der Vermögen und Einkommen in den vergangenen zwanzig Jahren erheblich zugenommen hat.
Grossbritannien
Die Suche nach detaillierten Aufstellungen über die Vermögensanteile im Besitz der einzelnen Dezile der Bevölkerung sowie über das oberste Dezil und das oberste Prozent erweist sich, ganz ähnlich wie für Frankreich, als mühselig bis ergebnislos.
Die Behörde Her Majesty’s Revenue and Customs (HMRC) liefert für die Zeit von 2005 bis 2007 folgende Daten:
Vermögensverteilung
Gesamtbevölkerung in Dezilen
Anteil am Gesamtvermögen in Prozent
Kumuliert
untere 10 Prozent (1. Dezil)
0
0
2. Dezil
1
1
3. Dezil
2
3
4. Dezil
4
7
5. Dezil
6
13
6. Dezil
7
20
7. Dezil
9
29
8. Dezil
11
40
9. Dezil
15
55
obere 10 Prozent (10. Dezil)
45
100
Die untersten 50 Prozent verfügen über 13 Prozent des Gesamtvermögens, die obersten zehn Prozent über 45 Prozent.
Die reichsten 20 Prozent der Bevölkerung verfügen über 60 Prozent der Vermögen, die restlichen 80 Prozent über die verbleibenden 40 Prozent.
Über die Vermögen des reichsten Prozents konnte ich keine Angaben finden. Will Paxton vom Institute for Public Policy Research (Ippr) schreibt 2002, das reichste Prozent der Briten habe seinen Anteil am Gesamtvermögen zwischen 1988 und 1999 von 17 auf 23 Prozent gesteigert.
Auch die anderen von mir gelesenen Texte lassen vermuten, dass die Ungleichheit in der Vermögensverteilung markant zugenommen hat.
Zahlen zur Einkommensverteilung
Aufgrund des fehlenden Materials über die Vermögensverhältnisse im Folgenden Hinweise über die Entwicklung der Einkommen.
Am 4. Mai 2010 hat der NZZ-Korrespondent Peter Rasonyi seine Analyse der Veränderung in den Einkommensverhältnissen über die dreissig Jahre von 1979 bis 2008 veröffentlicht. Während der neoliberalen Welle unter Margret Thatcher hat sich die soziale Kluft demnach massiv vergrössert: Der Gini-Index der Einkommensverteilung der Haushalte wuchs zwischen 1979 und 1990 von 0,25 auf 0,34. Unter Premierminister Major bis 1997 blieb er nahezu konstant bei 0,33. Unter der New Labour, also den Regierungen von Tony Blair und Gordon Brown, stieg der Index bis 2008 nochmals leicht auf 0,36, womit Grossbritannien unter den Industrieländern eine der höchsten Ungleichheiten in der Einkommensverteilung aufweist.
Diverse Studien zeigen, wie die soziale Mobilität ab 1970 in England stagnierte oder zurückging. Das heisst: Die Chance, über eine berufliche Laufbahn die soziale Leiter emporzuklettern, ging eher zurück.
Unter den konservativen Tory-Regierungen bis 1997 nahmen die realen Einkommen, je höher sie waren, umso kräftiger zu. Unter den New-Labour-Regierungen wuchsen die Einkommen der unteren Hälfte stärker als die der oberen, mit Ausnahme der beiden Enden. Die untersten fünf Prozent der Einkommen nahmen unterdurchschnittlich zu, die obersten stiegen überdurchschnittlich (allerdings weniger als in der Tory-Zeit). Das starke Einkommenswachstum der oberen fünf Prozent erklärt sich durch den Aufschwung der Finanzindustrie auf dem Finanzplatz London und den Kanalinseln sowie die Managergehälter. Die Welle der exorbitanten Gehälter und Boni schwappte in den 90er Jahren von den USA nach Grossbritannien und ganz Europa herüber, ja letztlich um die ganze Welt. Der Arbeitsmarkt für Spitzenmanager wurde globalisiert.
