Die Ausreißer. Der Weg zurück - Thomas Sonnenburg - E-Book

Die Ausreißer. Der Weg zurück E-Book

Thomas Sonnenburg

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13,99 €

  • Herausgeber: Goldmann
  • Kategorie: Ratgeber
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2010
Beschreibung

Konkrete Hilfestellung und Rat aus der Praxis

"Die Ausreißer" waren von Anfang an ein Überraschungserfolg und machten Thomas Sonnenburg zu Deutschlands Streetworker Nr. 1. Komasaufen, Schuleschwänzen, Drogen – sie gehen täglich durch die Presse und sind die Horrorvorstellung aller Eltern von Teenagern. Thomas Sonnenburg wendet sich Jugendlichen zu, die von zu Hause weggelaufen sind, und hilft ihnen, nicht endgültig auf die schiefe Bahn zu geraten. Zusammen mit der erfahrenen Pädagogin Simone Winkelmann präsentiert er fünf beispielhafte Fälle und erläutert typische Probleme und deren Ursachen. Besorgte Eltern, Verwandte und Erzieher erfahren, wie sie erste Anzeichen erkennen und die Heranwachsenden unterstützen können.

Mit Checklisten und Adressen.

Ausgezeichnet mit dem deutschen Fernsehpreis "Beste Reality-Sendung" und nominiert für den Adolf-Grimme-Preis 2009.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 261

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Inhaltsverzeichnis
Vorwort
EINLEITUNG
Streetwork und die Entwicklung des TV-Formats
Das Fernsehgesicht und der Mensch dahinter
Professionalität in der Arbeit – Grundlage meines Handelns
Die Entscheidung für das Buch
DIE GESCHICHTE VON JENNY
Mit dem Wunschkind beginnt die Talfahrt
Jung sein – was für ein Drama!
Vom eigenen Bett zum Matratzenlager unter Brücken
Kontaktaufnahme und Beziehungsaufbau
Die Straße – oder Beziehungen zum Überleben
Scheitern auf der ganzen Linie
DIE GESCHICHTE VON MARLIES
Nesthäkchen – diese Rolle ist hier nicht zu vergeben
Umwelt formt den Menschen
Der Blick über den Tellerrand hinaus
Geschwister und Konkurrenz
Marlies’ Flucht
Meine Arbeit beginnt
Faszination Pferde
DIE GESCHICHTE VON CENGIZ
Wechselspiele und Feindbilder
Die Situation entgleist vollständig
Der Alltag wird zum Spießrutenlauf
Vater ist nicht gleich Vater
Die Konflikte spitzen sich zu‹‹
Ene, mene, muh und raus bist du
Flucht nach vorn
Nichts geht mehr – wie im Spiel so auch im wahren Leben
Heimatgefühle auf der Straße
Unterwegs sein bestimmt meine Arbeit
Das Trauma – Ablehnung durch geliebte Menschen
DIE GESCHICHTE VON BODIL
Spuren hinterlassen – die Familie prägt
Muntere Kinderschar – da geht’s schon mal zur Sache
»Ich will, dass ihr mich hört!« – das Sandwichkind
Ein Haus im Grünen – die Lösung?
Wenn jede Bagatelle zum Supergau wird
Der Ausstieg zeichnet sich ab
Die Flucht aus der Enge der häuslichen Erziehung
Leben auf der Straße
Erstes Treffen mit dem jungen Glück
Schritt für Schritt – Tausche Outdoor-Camp gegen Leben mit Kind
Zwei Welten treffen aufeinander
Familie gründen auf der Straße
Abkehr von der Straße
Neues Leben – Eltern sein
DIE GESCHICHTE VON NICO
Ouvertüre des Dilemmas
Sucht – Beziehungskiller Nummer eins
Heimtückische Ruhe vor dem Sturm
Mein Einsatz beginnt
Auf in die Ferne, um sich näherzukommen
Etappen der Annäherung
Verhandlung eines Abkommens
Schwesterchen komm tanz mit mir, beide Hände reich ich dir
Auswege aus dem Dilemma
Rückschläge gehören zum Tagesgeschäft
DER VERSUCH EINES FAZITS – Bestandsaufnahme meiner Arbeit
Ausgangssituationen in den Familien
Sucht – für viele Familien ein Thema
Klare Regeln – die schwerste aller Aufgaben
Wenn Streit aus dem Ruder gerät
Abhauen oder gehen dürfen ist der große Unterschied
STRATEGIEN ENTWICKELN – Die Zusammenarbeit beginnt
Erste Schritte der Eltern aus der Isolation
Zusammenarbeit zwischen Familie und Coach/Streetworker
Zurückkommen heißt nicht immer zu den Eltern heimkehren
DER KAMPF DER GENERATIONEN – Ein zeitloses Thema
Pubertät – Zerreißprobe für die gesamte Familie
Reibung erzeugt Wärme – warum Eltern Widerstand bieten müssen
SO KANN ERZIEHUNG GELINGEN – Emotionale Zuwendung, Grenzsetzung und ...
Emotionale Zuwendung – Grundbedürfnis aller Menschen
Rituale geben Sicherheit – auch beim Erwachsenwerden
Das Interesse am Freundeskreis – Anteilnahme ohne Bevormundung
Starke Einflüsse von außen
Klare Regeln und Grenzen – Rahmen für Orientierung und Gefahrenschutz
Durchhalten lohnt sich – wenn Regeln selbstverständlich werden
Verhandlungsgeschick will gelernt sein
Zur Erziehung gehört auch Konsequenz
Im täglichen Miteinander spielerisch Mitbestimmung lernen
Früh übt sich – Jahr um Jahr ein bisschen mehr Verantwortung
Breite Palette für das Training von Mitbestimmung
RÜCKSCHAU & AUSBLICK – WERDEN WÜNSCHE WAHR?
Was bleibt mir jetzt?
Nachwort Buch war anstrengend
ANHANG – Glossar
Adressen
Register
Bildnachweis
Copyright
Bild 25
Bild 26
Bild 1
Bild 2
Vorwort
Schnorren, Punks, Abrisshäuser, Pöbeln – wollen das die Menschen zur besten Sendezeit im Fernsehen sehen? Stört das nicht die Ästhetik? Bringen diese Themen Entspannung, Unterhaltung und Spaß? All das und noch vieles mehr ging mir vor der Ausstrahlung der ersten Staffel durch den Kopf. Meine pädagogische Arbeit, die ich über so viele Jahre auf den Straßen Berlins ausgeübt habe, sollte plötzlich im Mittelpunkt eines neuen Coachingformats über die Arbeit eines Streetworkers beim Fernsehsender RTL stehen. Einerseits war ich motiviert, diesen Jugendlichen eine Stimme zu geben, mit einer anderen Sichtweise ihrem Schicksal eine neue Richtung zu ermöglichen und sie aus der Anonymität ihrer Existenz als Straßenkinder zu holen. Andererseits war ich skeptisch, ob diese Art von realistischer Darstellung wirklich bei den Menschen da draußen ankommt.
Als die ersten Folgen der Serie »Die Ausreißer« im Fernsehen zu sehen waren, überschlugen sich Zeitungsjournalisten und Talkshowmoderatoren bei der Einschätzung und Kritik dieses Formats. Ob sich RTL der politischen Tragweite seines »Babys« bewusst war, habe ich nie hinterfragt. All diese Überlegungen wurden dann urplötzlich und realistisch überschattet vom unerwarteten und tödlichen Unglücksfall eines der Jugendlichen, mit denen ich gearbeitet hatte. Der Schock saß tief. Dabei stand und steht für mich immer im Mittelpunkt: Ich mache nur, was ich vor mir und meinem Gewissen vertreten kann. Weder nachgestellte Szenen noch unrealistische Maßnahme zum Vertrauensgewinn bei den Jugendlichen kommen für mich bei der Fernseharbeit infrage. Stattdessen stehen für mich die fachliche Begründbarkeit und moralische Unbedenklichkeit im Fokus. Genau diese ehrliche und lebensnahe Darstellung war am Ende das Erfolgsrezept. Eltern von Jugendlichen, die von zu Hause weggelaufen sind, melden sich seit einiger Zeit von sich aus bei mir und möchten mit mir zusammenarbeiten. Das motiviert mich und macht mir Mut, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben.
In diesem Buch möchte ich darüber schreiben, wie schmal der Grat ist zwischen einer realistischen Darstellung des Lebens auf der Straße, dem Wunsch des Senders, erfolgreich zu sein, und den eigenen Ansprüchen an meine Arbeit. In fünf ausgewählten Fallbeispielen will ich aufzeigen, wie Jugendliche durch eigenes Handeln oder auch oft unverschuldet in besondere Lebenssituationen kommen. Die daraus resultierenden Erkenntnisse fasse ich anschließend in einem Ratgeberteil mit praktischen Hinweisen zu pädagogischem Handeln von Erwachsenen und Eltern zu
Berlin, November 2009
Thomas Sonnenburg
EINLEITUNG

Streetwork und die Entwicklung des TV-Formats

Spannend war diese Aufgabenstellung von Beginn an! Am Anfang stand, wie fast immer, bloß eine Idee. Als klar wurde, dass die Medien sich der Problematik Straßenkinder in Deutschland wiederholt annehmen wollten und dass dieses Mal der Versuch konkret wurde, hinter die Kulissen sozialer Arbeit zu schauen, erntete die Journalistin einer Berliner TV-Produktionsfirma vor allem aus der Sozialarbeitergilde viel spöttisches Lächeln, zynische Reaktionen und Ablehnung. Die Verantwortlichen eines großen Fernsehsenders dagegen, die Kollegen der RTL-Redaktion »Comedy« (kurioserweise eine Redaktion mit anderen erfolgreichen Coachingformaten wie »Super Nanny« und »Raus aus den Schulden«), horchten auf und waren interessiert.
Sie erkannten ziemlich schnell das Potential dieser Idee.
Das Grundkonzept zu diesem Zeitpunkt war, Straßenkinder medial zu begleiten. Man wollte zeigen, was Straßenkinder sind, wie sie leben, welche Probleme sie haben und wie sich die Auswüchse des Sozialstaates auf sie auswirken. Das Thema ist spannend, das Thema hat politische Brisanz, das Thema hat das Zeug zu guten Quoten. Doch es sollte nicht nur abgebildet, nicht nur »das Elend« gezeigt und nicht nur »draufgehalten« werden. Das hatten andere auch schon gemacht, und es versprach wenig neuen Erfolg in der Welt des Fernsehens. Also fiel die wichtigste Entscheidung in der Konzeption der neuen Sendung, die für einen Host. Ein Protagonist musste gefunden werden, der all das »Spannende in der Welt der Straßenkinder« als Hauptperson begleitet, der weiß, wovon er spricht und was er tut, der glaubhaft ist in seiner Art und in seiner Arbeit. Wie viele Sozialarbeiter, Kolleginnen und Kollegen, in Deutschland gecastet wurden, weiß ich bis heute nicht. Beim Antrittsbesuch einer freien Journalistin bei Gangway e.V., dem Verein für Straßensozialarbeit in Berlin und größtem Träger für Straßensozialarbeit in Deutschland, mit der Idee, das neue Format vorzustellen, hatte ich das erste Mal persönlich Kontakt mit meiner zukünftigen Chefredakteurin. Auch ich erzählte ihr, wie so viele andere Kollegen, wer ich bin, wie ich mit den Jugendlichen arbeite, welche Methoden ich bei meiner Arbeit favorisiere und vor allem, welche Berufserfahrung ich hatte. Nach mehreren Monaten der internen Entscheidung in den Gremien bei RTL waren am Ende zwei Protagonisten in der engeren Auswahl übriggeblieben. Aus diesem Duo fiel die Wahl auf mich.
Der Auftrag war nun, einen Pilotfilm zu machen, der in einer senderinternen Marktforschungsstudie einem »Forschungspublikum« vorgestellt werden sollte. Ziel dieses Beispielfilms war, Erkenntnisse darüber zu liefern, wie erfolgreich solch ein neues Fernsehformat in der Zukunft sein würde und auf welchem Sendeplatz, zu welcher Uhrzeit es bei RTL laufen sollte.
»Mein Gott, was für eine Maschinerie setzten die Verantwortlichen in Gang. Der Druck wurde größer.«

Eine Entscheidung treffen

Ich kann heute nicht mehr sagen, wie lange ich tatsächlich mit der Entscheidung schwanger ging, ob ich diesen Job tatsächlich machen soll und unter welchen Bedingungen ich ihn annehme. Was kann ich fordern? Was erwartet mich in der neuen Welt der Medien? Wie weit darf ich mich als Fachmann einbringen und welches Mitspracherecht habe ich? Wie hoch ist der finanzielle Wert einer Hauptrolle in einem solchen Fernsehformat? Was passiert mit den Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden bei einer medialen Begleitung? Was sagen meine Kolleginnen und Kollegen zu meiner Entscheidung? Was tue ich, wenn die ganze Sache floppt? Wer berät mich? Diese und noch ganz andere Gedanken haben mich sehr beunruhigt und mich dennoch auch getrieben. Ich selbst fand die Idee, nach so vielen Jahren praktischen Wirkens zeigen zu können, was und wie ich arbeite, spannend, und ich sah die reale Chance und Möglichkeit, mein Arbeitsumfeld und meinen Job als Streetworker öffentlich zu machen.
Zu guter Letzt war es 2006 mein damals 14-jähriger Sohn, der zu mir sagte: »Papa, wenn du deinen Job so machst wie immer und wenn du bleibst wie immer, dann mach es einfach. Dann versuch dein Glück!« Wichtig waren in dieser Phase der Entscheidung aber auch meine besten Freunde. Darunter sind einige, die schon seit Jahren in der Medienbranche arbeiten. Sie haben mir zugehört, mich beraten, mir Mut gemacht, mich aber auch immer wieder auf die Schattenseiten des oft »schmutzigen« Geschäfts Fernsehen hingewiesen.
»Ich war also gewarnt und vorbereitet. Doch ich hatte trotzdem keine Ahnung.«
Die Geschäftsführerin meines bisherigen Arbeitgebers Gangway e.V. in Berlin ließ mir eine Hintertür offen. Sie war es, die mich in Absprache mit meinen Teamkollegen für eine befristete Zeit unbezahlt zur Produktion des Pilotfilms von meiner Arbeit als Streetworker in den Straßen Berlins freistellte und mich mit Ratschlägen und Hinweisen fachlich begleitete. Ihr Vertrauen in die Richtigkeit meiner Entscheidung trug wesentlich dazu bei, dass ich in meiner Arbeit für das Fernsehen viel unverkrampfter und entspannter wurde.
Trotzdem ließ ich mich von einem Anwalt für Medienrecht vertreten. Zu unsicher erschien mir das Feld meines Agierens, zu sensibel fand ich selbst mein Tun, zu sehr war ich in brenzligen Situationen fast schon grenzüberschreitend im Einsatz. Ich wollte mich absichern, so gut es ging, und brauchte einen Vertrauten, der in der Lage war, meine Interessen zu vertreten. Jemand, der mir Sicherheit gab und eintrat für meinen klaren Standpunkt zu Fragen meiner eigenen Fachlichkeit, der professionellen Einstellung gegenüber den mir anvertrauten Jugendlichen sowie meines Anspruchs an die Seriosität und Machbarkeit meines Agierens vor der Kamera.
»Ich gebe zu, ich hatte zu Beginn meiner Fernsehtätigkeit oft Angst. Damals hatte ich meinen Platz noch nicht gefunden.«

Streetwork im Fernsehen

Und dann war er da, der erste Fall!
Vor mir stand, im November des Jahres 2006, auf dem Hamburger Hauptbahnhof ein 16-jähriger junger Mann. David hatte große Probleme. David nannte sich Fuchs und war genau das, was sich die Fernsehmacher gewünscht hatten. Unangepasst, rebellisch, aufmüpfig. Er lebte als Punk auf der Straße, schlief in Fußgängertunneln und schnorrte schräg gegenüber der berühmten Davidwache direkt auf dem Hamburger Kiez. David hatte seit vielen Jahren Zoff mit seiner Mutter in der hessischen Provinz und bot die Fallhöhe, die Bilder und das Drama, das die Menschen vor den Bildschirmen so spannend finden würden.
Ja, und ich, was sollte ich jetzt machen? Ich tat das, was ich konnte. Ich versuchte, zu dem Menschen David Vertrauen aufzubauen, ich verbrachte Zeit mit ihm, ich gab ihm ein Stück Zuversicht, ich habe hinterfragt, ohne zu werten, und ich motivierte ihn, neu zu überlegen. Wir wurden ziemlich schnell ein Team. Die erste Zerreißprobe erlebte die gemeinsame Arbeit in den Situationen, als die Kamera ganz dicht an ihm dran war, als die Redakteurin sehr intime Fragen stellte, als David in seine Seele blicken lassen sollte. In diesen Grenzsituationen, wenn dem Zuschauer deutlich wird, was eigentlich in diesem jungen Leben schiefgelaufen ist, schreit in mir, seinem Betreuer, Beschützer und Begleiter, alles laut auf.
»Was kann ich vertreten? Wie weit lasse ich Kamera plus Kameramann und Tonassistent in den brenzligen Szenen an David ran? Welche Fragen von außen lasse ich überhaupt zu?«
Jeder neue Tag war für mich ein Erkenntnisgewinn in der Weiterentwicklung des Fernsehstreetworkers. Ich erkannte schnell, dass die Arbeitstage ohne Kamera die entscheidenden wurden. An diesen Tagen legte ich die Grundlage für unser gemeinsames Verhältnis, das später vor der Kamera so vertraut und authentisch aussah.
Bild 3
Die Arbeitstage ohne Kamera sind entscheidend
Bild 4
David und ich arbeiteten einige Monate zusammen. Fuchs wollte von Hamburg nach Berlin ziehen, er wollte in die Hauptstadt. Glücklicherweise bekam er sehr schnell einen Platz in einer sozialpädagogischen Kriseneinrichtung im Prenzlauer Berg, einer Einrichtung, die ich bereits sehr lange aus meiner Arbeit als Streetworker für Gangway e.V. kannte. David lernte neue Bezugspersonen kennen – der inzwischen fast 17-jährige junge Mann aus Hessen wurde Berliner. Irgendwann nach der Eingewöhnungszeit in der Kriseneinrichtung bekam Fuchs eine betreute Wohnung. Ich konnte den Fernsehfall David abschließen, als Vertrauensperson und Ansprechpartner blieb ich ihm auch weiterhin erhalten. Die Beziehung zu seiner Mutter und der Familie hatte eine neue Qualität, sein Leben bekam wieder Sinn und Struktur. Das dachten alle, die ihn kannten und keine andere Entwicklung an David bemerkten, so wie ich.
Ein Jahr nach den Dreharbeiten und drei Tage vor seinem tödlichen Unfall, einer menschlichen Tragödie ohnegleichen, hatten wir noch gemeinsam seine unmittelbare Zukunft geplant. David wollte ein Praktikum auf einem Abenteuerspielplatz im Berliner Prenzlauer Berg machen. Doch dazu kam es nie, denn David wurde einen Tag vor seinem 18. Geburtstag stranguliert an einem Heizungsrohr in seiner Wohnung am Helmholtzplatz von seinem Betreuer gefunden.
»In diesem Moment brach auch für mich eine Welt zusammen. Scheiße, David war tot.«
Für mich nicht der erste Jugendliche, den ich über meine Arbeit kennengelernt hatte und der für sich beschloss, diesen Weg zu gehen. Aber es war »mein« David, der junge Punk, den Millionen Menschen vom Fernsehen her kannten. War seine Entscheidung die logische Konsequenz aus der gemeinsamen Fernseharbeit? War ihm der Druck zu viel geworden? Hatte Fuchs viel größere Probleme, als seine Betreuer und ich sie jemals in ihrer ganzen Tragweite erkannt hatten?

Ein kompetenter Background für den Frontmann

Unmittelbar nach Auswertung der Marktforschungsstudie zum David-Film gab es den offiziellen Startschuss für die Produktion der »Ausreißer«. Das Format sollte in Serie gehen. Doch ich fühlte mich alleingelassen. Ich musste mich besinnen, musste meine Fragen stellen dürfen, ich wollte Antworten. Ich entschied mich, meine Kollegin Simone Winkelmann zu fragen, ob sie mich in der weiteren Arbeit als Fernsehstreetworker unterstützen wollte. Ich brauchte eine loyale Partnerin, und ich wusste um ihre Qualitäten als Sozialarbeiterin. Das Aufgabenfeld, die Verantwortung und die neuen beruflichen Anforderungen bei der Weiterentwicklung vom Streetworker zum Familiencoach schrien geradezu nach Zusammenarbeit und fachlichem
Austausch. Zusammen haben wir das Anforderungsprofil ihres Jobs als Coach erarbeitet und sowohl die Redaktion in Berlin als auch RTL in Köln von der Notwendigkeit dieser zusätzlichen personellen und fachlichen Ressource überzeugt. Der Sender entschied unkompliziert und schnell, sodass Simone ab diesem Zeitpunkt das Fachcoaching für mich und das gesamte Team der »Ausreißer«-Redaktion übernommen hat. Die Beantwortung der oben aufgeworfenen Fragen zu David ist mir in ihrer Komplexität nicht möglich. Ich weiß aber, dass David in mir einen Menschen fand, zu dem er Vertrauen hatte, vielleicht mehr Vertrauen als zu allen anderen vorher. In der kurzen Zeit unseres Miteinanders gelang es mir jedoch nicht, Davids unterentwickeltes Selbstbewusstsein soweit aufzubauen, dass er beispielsweise den Mut gehabt hätte, mit mir über seine innersten Probleme zu sprechen. Diese Erkenntnis wurde seit Davids frühzeitigem Tod zu einem meiner Leitmotive:
»Niemals darf ich in meiner Tätigkeit vergessen, dass die jungen Menschen bereits vor unserem Zusammentreffen ganz viele unterschiedliche Lebenserfahrungen gemacht haben, die sie sehr beeinflusst und geprägt haben.«
Somit habe ich auch stets nur begrenzten Raum, Zeit und Intensität für die direkte Arbeit mit den Jugendlichen zur Verfügung. Exakt diese Dimensionen kann ich als Ressourcen nutzen, mehr nicht.

Selbstdarstellung, Voyeurismus oder reale Darstellung einer Randgruppe

Es ist für jede Familie tragisch,ein solches Unglück wie das Davids zu erleben und zu verarbeiten. Doch zu wissen, dass der eigene Sohn sich unter der Drauf- und Ansicht einer breiten Fernsehöffentlichkeit so positiv entwickelt hat, und er dann doch mit einer ureigenen, vielleicht ganz bewussten und klaren Konsequenz seinem Leben ein Ende bereitet, das ist nicht nur tragisch, das hinterlässt eine tiefe Ohnmacht. Davids Mutter hat mir persönlich niemals einen Vorwurf gemacht. Im Gegenteil, sie ist an die Öffentlichkeit gegangen und hat allen »Besserwissern«, allen »Klugscheißern« und allen Kritikern mitgeteilt, was ich für ihren Sohn als Bezugsperson geleistet und was ich David bedeutet habe.
»Diese klare und eindeutig positive Haltung hat mich darin bestärkt, weiterzumachen und das einmal Begonnene fortzuführen.«
Was ist von dieser Erfahrung um Davids Schicksal geblieben? Vor allem Respekt. Noch mehr Achtung vor den Lebensgeschichten, vor den Persönlichkeiten, mit denen ich arbeite, vor den Wünschen und Hoffnungen der jungen Menschen. Der sinnlose Tod Davids hat wachgerüttelt. Auch diejenigen in der Branche oder in verantwortlichen Positionen in der Redaktion und im Sender, die bisher vielleicht eher unprofessionell und oberflächlich im Tagesgeschäft agiert haben, die gedacht haben, es entstehen Filme für die beste Sendezeit und mehr nicht. In aller Brutalität und Deutlichkeit wurde jetzt jedem klar, der sich damit auseinandersetzte oder auseinandersetzen musste: Hier passiert das tatsächliche Leben, hier findet die Realität statt. Die Problematik dieser Jugendlichen rückt in den Fokus einer breiten Öffentlichkeit! Aber diese Öffentlichkeit schockt nicht nur, sie zeigt auch Wege auf, sie benennt Probleme in Familien und der Gesellschaft und sie macht Mut.
Geblieben sind aber auch unterschiedlichste Fragestellungen:
>> Ist es notwendig, diese Schicksale im Fernsehen zu zeigen?
>> Warum muss eine breite Öffentlichkeit teilhaben an diesen Geschichten?
>> Weshalb gehen Menschen mit ihren Schicksalen an die Öf fentlichkeit?
>> Und wie kann man als subjektiv Betroffener Antworten geben, wenn jeder Leser sofort sagt: Ach ja, nun legitimiert der Sonnenburg sein eigenes Tun.

Ich versuche eine Erklärung

Immer mehr Familien haben bereits vor dem ersten Kontakt zu mir oder unserem Team ihre – teilweise sehr negativen – Erfahrungen mit den Jugendhilfestrukturen in unserem Land gemacht. Sie sind an Grenzen gestoßen, haben sich und ihr Problem nicht verstanden gefühlt, sind ämtermüde und enttäuscht. Andere sind von der Exklusivität des Hilfs- und Unterstützungsangebots bei den »Ausreißern« überzeugt. Es gibt auch Hilfesuchende, die sich sicher sind, dass ihr Gang an die Öffentlichkeit anderen Menschen Mut macht, es ihnen gleich zu tun, und dass eine solche Öffnung Raum für Entwicklung bietet. Sie lässt einen Einblick in Strukturen zu und kann deutlicher machen, was, wo, wann und wie schiefgelaufen ist.
»Meine bisherigen Erfahrungen zeigen mir, dass man einen Zustand schonungslos zeigen muss, um wirklich etwas daran zu verändern.«
Nicht in der Art und Weise, dass die Menschen, mit denen ich arbeite, ihre Würde und ihren Stolz verlieren, aber in aller Deutlichkeit. Nur dann wird allen Beteiligten und nicht zuletzt dem Zuschauer klar, was hier eigentlich passiert ist, wo die Ursachen für Verhalten jeglicher Art liegen, welche Gründe es für das Gehen individueller Lebenswege gibt. Die Arbeit im Fernsehen erfordert ein enormes Maß an selbstkritischer Weitsicht für die Tragweite aller Entscheidungen und ein politisch korrektes Verhalten. Nicht die plumpe Darstellung einer bestimmten Situation im Leben des Jugendlichen steht im Fokus meines Agierens, nein, es ist der Weg, den der Jugendliche geht.
Am Anfang meiner Arbeit versuche ich immer, ausgehend von einer bestimmten Fallhöhe, den Prozess der Veränderung darzustellen. Ehrlichkeit ist dabei wichtig. Ich will Niederlagen auf allen Ebenen zeigen, um diese als Entwicklungsantrieb für Neues zu nutzen. Das Offenlegen von Problemen auf diesem Weg der Erkenntnis hat seine Berechtigung und kritische Auseinandersetzung gehört dazu. Dass gerade aber auch dieses schonungslose Zeigen im Fernsehen die Voyeuristen auf den Plan ruft, lässt sich nicht vermeiden. Natürlich wird es immer wieder Menschen geben, die sich mit ihrer ureigensten Arroganz von den gezeigten Schicksalen entfernen und nur glotzen.
»Ich möchte aber nicht zusehen. Ich möchte verändern.«
Klar, das geht nur in ganz langsamen Schritten und auch nur in ganz kleinen Teilen und an bestimmten Stellen, aber es funktioniert. Es geht beispielsweise dann, wenn ich als Fachmann über das RTL-Format hinaus in Talkshows oder öffentlichen Fachdiskussionen die Möglichkeit bekomme, von meinen Erfahrungen zu berichten und Sozialarbeit als das, was es ist – nämlich Beziehungsarbeit -, begreifbar zu machen. Oder wenn ich mithelfen kann, als öffentliche Person den Finger draufzulegen auf die Stellen, die es lohnt zu überdenken, zu verändern und umzugestalten. Schwierig wird es immer dann, wenn Thomas Sonnenburg, der »Fernsehstreetworker«, als Sinnbild für die Rettung ganzer Teile der Gesellschaft, die abzudriften drohen, gesehen wird. Das hier ist kein Größenwahn meinerseits, ganz bestimmt nicht. Doch die Zuschriften im Kummerkasten meiner Homepage und durch das dortige Kontaktformular könnten in ihrer Problembenennung nicht vielschichtiger und bunter sein.
Bild 5
Sozialarbeit rückt in den Fokus der Öffentlichkeit
Als Fachmann für die »Stillproblematik« zwei Monate alter Säuglinge scheine ich ebenso anerkannt wie als »Sexualtherapeut« einer 35-jährigen Frau, die Probleme mit ihrem 21-jährigen Liebhaber hat. Das ist einerseits die Gefahr in diesem Job, andererseits macht es deutlich, wie die Menschen in unserem Land auf Unterstützung angewiesen sind, auf Ratschläge bauen und wie sehr sie Hilfe suchen.
»Wenn es mir gelingt, in meiner Profession als TV-Coach einen Anteil zu leisten, dass die gesellschaftsrelevante Arbeit des Sozialarbeiters in seiner Komplexität in Deutschland aus einer Nische in den Blickpunkt der Menschen rückt, wenn Jugendliche, mit denen ich arbeite, einen Namen und eine Geschichte bekommen, und wenn es gelingt, sensibler im Umgang miteinander zu sein, dann ist das mehr, als ich mir jemals vorgestellt habe.«

Das Fernsehgesicht und der Mensch dahinter

Die prägenden Bezugspersonen meiner Kindheit

In den letzten zwei Jahren wurde ich immer wieder in Talkshows, auf meiner Homepage und natürlich im Alltag auf der Straße befragt. Die Fragen waren immer ähnlich.
>> Wie, Herr Sonnenburg, schaffen Sie einen solchen Job?
>> Wie kannst du so ruhig bleiben, Thomas?
>> Was qualifiziert Sie für die Arbeit mit den Jugendlichen?
>> Tommi, wie hältst du das alles eigentlich aus?
>> Wie kommen Sie mit dem Schicksal der jungen Menschen klar?
Wie soll ich das jetzt beantworten?
Hier ein Versuch. Dabei blicke ich gerne zurück in meine eigene Kindheit. Ich selbst hatte eine sehr engagierte Mutter und zwei tolle Omas. Meine Urgroßmutter Marie und vor allen Dingen meine Oma Lola waren wunderbare Menschen, die mich nachhaltig geprägt haben. Meine Mutter zog meinen Bruder und mich alleine groß. Das war nicht immer einfach, nicht für sie und natürlich auch nicht für uns Jungs. Mir hat immer der Vater gefehlt. So weiß ich von Phasen in meinem damals noch jungen Leben, als ich meine Mama bat, doch bitte unbedingt mal einen Papa mit nach Hause zu bringen. Ja, es gab Versuche, doch der richtige Mann für meine Mama und für uns Brüder war nie dabei. In Erinnerung geblieben ist mir aber, dass ich gerne Kind war. Dass ich viel Liebe erfuhr, dass ich mich sehr aufgehoben und behütet gefühlt habe. Meine Urgroßmutter zum Beispiel hat mir während des Schlafs immer Zettel auf mein Bett gelegt und mir so die Fußballergebnisse der 74er Weltmeisterschaft mitgeteilt.
Sie hat sich sogar soweit mit meinem Hobby auseinandergesetzt, dass sie mir u.a. den Namen des Torschützen Lato, eines der ganz Großen des polnischen Fußballs, aufgeschrieben hatte. Diese Aktion, diese Einstellung, das sich Draufeinlassen meiner alten Oma auf meine Fußballverrücktheit hat sich mir bis heute eingeprägt. Das war ein Alleinstellungsmerkmal meiner Omi, kein anderer Junge aus der Klasse hatte diesen Service zu Hause.
»Warum ich das jetzt an dieser Stelle schreibe? Weil ich in diesen Phasen, bereits ganz früh in meinem Leben, erfahren habe, wie wohltuend es als Kind ist, wenn sich Erwachsene auf seine Wünsche und Bedürfnisse einlassen.«
An meiner Erziehung hatten viele Jahre lang die Großmütter und meine Mutter fast im Gleichklang ihren Anteil. Ich wuchs sowohl bei meiner Mutter als auch bei meinen Großmüttern auf. Die Unterschiedlichkeit beider Lebenswelten konnte größer nicht sein. Zu Hause gab es keinen Fernseher, meine Mutter war, als Bibliothekarin auch logisch, eine Verfechterin des frühen Lesens. Jeden Abend gab es eine Geschichte. So bestimmten beispielsweise alle Ausgaben der fantastisch märchenhaften Smaragdenstadt-Bücher (der Harry Potter der DDR) von Alexander Wolkow meine Kindheit. »Der schlaue Urfin und seine Holzsoldaten«, »Der Zauberer der Smaragdenstadt« und »Die sieben unterirdischen Könige« bereicherten meinen Alltag und beflügelten meine Phantasie. Bei meinen Omis hatte ich das Kontrastprogramm. Dort durfte ich fernsehen, dort durfte ich im Wochenendhaus sein, dort verbrachte ich meine Ferien.
»Das Grundgefühl war aber hier wie dort gleich – ich wurde geliebt!«
Diese positiven Erlebnisse wurden für mein ganzes späteres Leben wichtig. Ich erfuhr das im Alltag, was viele meiner heutigen Klienten als Erfahrungen nicht mitbringen: bedingungslose und aufrichtig ehrliche Liebe. Laut wissenschaftlichen Studien über frühkindliche Bindungsbeziehungen sind es gerade die wichtigen frühen Jahre der Beziehung zwischen Mutter und Kind bzw. auch Vater und Kind, die für die – im weiteren Lebenslauf – so wichtigen emotionalen wie sozialen Anpassungen und auch für die Gesundheit des Individuums Mensch verantwortlich sind.

Geborgenheit, Liebe und Nähe

Eine schöne Kindheit ist dennoch keine Garantie für ein später durchweg glückliches, unbeschwertes Leben. In der Kindheit werden die Grundlagen gelegt, hier lernt der Mensch sich in den unterschiedlichsten Situationen zu verhalten. Dass Eltern ihre Kinder mit Respekt und emotionaler Zuwendung auf dem Weg zum Erwachsensein begleiten, ist nachgewiesenermaßen ein wichtiger Bestandteil. Doch lebt das Kind sein Leben ab einer bestimmten Phase immer allein.
»Für mich persönlich sind die Erinnerungen an meine Kindheit getragen von diesem Miteinander in der Familie. Das hat mich sehr beeinflusst.«
Die Möglichkeit, für mich wählen zu können, was ich zum Beispiel spielen, basteln oder lesen mochte, was ich später als Beruf lernen wollte, oder dass ich mir meine Freizeitbeschäftigung selbst suchen konnte, hat meine Selbstständigkeit gefördert. Dieses Autonomiestreben wurde nie durch Strafen, überharte Konsequenzen oder übertriebene Kontrolle gehemmt. Mit diesem Grundgerüst – keinem Korsett – habe ich mich in das Abenteuer Leben begeben. Wusste ich doch, egal was passiert, ich kann immer wieder heimkommen. Ich kann immer wieder sagen: »Hallo, da bin ich, es hat nicht geklappt«, und ich werde wieder in meinen Hafen »Familie« einfahren dürfen.
Schon frühzeitig war in mir ein enormes Gerechtigkeitsempfinden ausgeprägt. Wurde nach meinem Gefühl etwas unberechtigterweise gegen mich entschieden, dann wurde ich böse – nein, ich wurde richtig jähzornig. Das waren die Momente in meiner Kindheit und Jugend, die ich rückblickend als sehr kritische Augenblicke beschreibe. Nicht nur für mich selbst, auch für meine Umwelt waren meine Ausbrüche im Nachhinein nicht nachvollziehbar. Ich hatte diesbezüglich niemals ein Unrechtsbewusstsein, aber der Grad meiner eigenen Reaktion hat auch mich immer wieder überrascht. Daran arbeitete ich später selbst sehr viel.
»Ich wollte andere Menschen nicht körperlich oder seelisch verletzen, aber verändern wollte ich.«
Vielleicht ist deshalb meine Kommunikationsbereitschaft in diesem hohen Maße entwickelt. Ganz früh als Kind schon habe ich diskutiert, habe nach Lösungen gesucht und wollte diese mit allen Beteiligten immer wieder besprechen. Bereits im Kindergarten habe ich den Streit zwischen anderen Kindern im Sandkasten versucht zu schlichten.

Stärken meiner Kindheit werden Beruf

Logisch erscheint deshalb mein heutiger Beruf. Doch so einfach war es nicht. Es war der Umweg, den ich genommen habe. Dieser Lebensabschnitt war in meinem Reifeprozess zu einer eigenständigen Persönlichkeit ein wichtiger Entwicklungsschritt. Die unter anderem körperlich schwere Arbeit als Elektromonteur an riesigen industriellen Anlagen hat mich stark gemacht, hat mir eine Menge Disziplin abverlangt (zum Beispiel eine Acht-Stunden-Schicht lang bei minus 15 Grad irgendwelche Manometer an der Außenhaut eines Hochofens zu wechseln) und mir vor allen Dingen gezeigt, was ich nicht wollte. Ich hatte mein Faible längst entdeckt: Ich wollte »mit Menschen arbeiten«. Die mir mehr durch Zufall dargebotene Chance, diesen neuen Weg zu gehen, nutzte ich.
Mit den von einer Fachhochschule versehentlich doppelt an eine Freundin verschickten Immatrikulationsunterlagen bewarb ich mich um einen Studienplatz. 1985 begann ich, Kulturwissenschaft zu studieren.
»Das war die bis dahin beste Entscheidung meines Lebens.«
Endlich hatte ich Gleichgesinnte um mich herum, endlich durfte ich experimentieren, durfte kreativ sein und endlich hatte ich auch Ziele. Das 1988 abgeschlossene Studium ermöglichte mir einen sehr interessanten und abwechslungsreichen Beruf. Ich machte Kultur und arbeitete täglich mit und für den Menschen. Die politische Wende in unserem Land und mein Umzug von Eisenhüttenstadt nach Berlin haben mir zusätzliche Möglichkeiten eröffnet. Als Seminarleiter habe ich von 1991 an mit jungen Menschen gearbeitet. In Workshops beschäftigten wir uns mit den globalen Zusammenhängen der Gesellschaft, redeten über Liebe, Freundschaft, Sexualität, haben die Umweltpolitik kritisiert und uns mit vielen unterschiedlichsten Thematiken auseinandergesetzt. Diese Arbeit hat mir viel Spaß bereitet. Hier konnte ich mich einbringen, konnte meine Lebenserfahrung weitergeben, und hier habe ich gelernt empathisch zu sein, mich in andere Menschen einzufühlen.
»Das Wort Empathie wurde zum Schlüssel.«
Als ich 1993 die Chance hatte, etwas völlig Neues zu machen, habe ich gekämpft, um diese Möglichkeit zu nutzen. Was war passiert?
Ein Freund hatte mir von einem neuen Verein in Berlin erzählt. Einem Verein, der nach dem amerikanischen Vorbild der Streetwork mit Jugendlichen aus Gangs und Cliquen auf der Straße arbeiten wollte. Das klang mehr als spannend. Sofort habe ich mich dort beworben, wurde aber abgelehnt. Schließlich hatte ich keine Ausbildung als Pädagoge.
Aber ich fühlte mich doch so fit für diesen Job. Ich wollte in diesem Beruf arbeiten, ohne zu wissen, was diese Arbeit eigentlich beinhaltet. Also bin ich einfach zu einer Teamsitzung in diesen Sozialverein gegangen, habe gesagt »da bin ich« und blieb einfach. Ja, das waren Zeiten damals. Für mich sollte dies der Beginn eines bis heute faszinierenden Abschnitts meines Lebens sein.

Professionalität in der Arbeit – Grundlage meines Handelns

Streetwork – nicht nur Ausbildung, vielmehr ein Engagement

Meine Arbeit wurde mein Leben. Da hatte ich doch glatt gefunden, was ich immer gesucht hatte. Noch heute erinnere ich mich sehr gerne an diese Zeit des Lernens und Entdeckens. Streetwork, ein Zauberwort, als Methode der sozialen Arbeit für mich völlig unbekannt und plötzlich der Inhalt meines Berufslebens. Aber was ist Streetwork?
Streetwork – Amerika, Jugendliche um brennende Tonnen in New York, Bandenkriege in den Ghettos der Weltmetropolen, jugendliche Gangster, Drogenbosse, Zuhälter in fetten Autos und dazwischen der Streetworker.
»Streetwork beginnt immer mit dem ersten ›Hallo‹ und ist doch so viel mehr.«
Streetwork ist methodisches Vorgehen, es ist eine psychosoziale und gesundheitsbezogene Dienstleistung. Es ist der Kontaktaufbau und die Beziehungsarbeit im Lebensumfeld der Klienten. Der Zugang ist der Schlüssel zu allem, das wurde mir sehr schnell klar.
Ich arbeitete an vorderster Front, setzte mich dort ein, wo andere psychosoziale Hilfsangebote keine Chance mehr hatten. Gefordert werden vom Streetworker solche professionellen Einstellungen und Arbeitsprinzipien wie Niedrigschwelligkeit, Lebensweltorientierung, Vertraulichkeit, Parteilichkeit und Freiwilligkeit.
Schnell spezialisierte ich mich auf Gruppenarbeit. Ich arbeitete nicht mit Obdachlosen, nicht mit Prostituierten, nicht mit Nichtsesshaften, nicht mit Drogenabhängigen oder Strafentlassenen. Mein Handlungsfeld innerhalb der mobilen Jugendarbeit wurde die Arbeit mit gewaltbereiten und gewaltorientierten Jugendlichen aus jugendlichen Gruppierungen. Und da war ich nun und sollte in Berlin-Pankow arbeiten. Pankow, ehemals Wohnort von Honecker & Co, Regierungskrankenhaus am Rande der Großstadt, Villenvorort mit viel Grün.
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Aufsuchen und Einlassen – wichtige Bestandteile meiner Arbeit
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Keine brennenden Tonnen, keine Straßenbarrikaden, keine Spritzen im Park, kein Straßenstrich. Was tat ich da eigentlich? Hört sich ja einfach an. Man geht auf die Straße, sucht Jugendliche an ihren Treffpunkten auf, spricht mit denen, guckt denen beim Biertrinken zu, staunt über die Unmengen an Marihuana, die sie konsumieren, fährt ein bisschen in den Urlaub mit denen und verbringt seine Zeit als Freizeitanimateur für freche, stinkende, faule, gewaltbereite und aggressive junge Menschen. Ist es das wirklich? Nein, es ist natürlich sehr viel mehr.