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Wir müssen in Ruhe Überlegungen anstellen, - auch wenn es wohl sehr knapp werden kann oder wir vielleicht schon zu spät dran sind. Wie bei einer Notfallsoperation, dürfen wir nichts unversucht lassen. (aus dem Vorwort von Herbert Rauch) Der vorliegende Sammelband kann als eine Weiterführung jener Bücher, die im Kurz-Jargon der Autoren und eines eher kleinen Kreises von "Eingeweihten" auch als "Titanic I" und "Titanic II" bezeichnet werden, angesehen werden. "Titanic I" steht dabei für das Buch "Die Wende der Titanic. Wiener Deklaration für eine zukunftsfähige Weltordnung", "Titanic II" für "Glo-c-al Balance. Der Umbau der Titanic". Der Schwerpunkt von Titanic II lag in der Vorstellung des SEED-Konzepts. SEED steht dabei für "Secure-Base Earth Equilibrium Development" und ist als Entwurf einer Architektur einer zukunftsfähigen (Welt-)Gesellschaft zu verstehen. "Titanic III" ("Die Baustellen der Titanic") - das vorliegende Werk - schließlich enthält eine Sammlung von Artikeln, die im Laufe der letzten 10 Jahre entstanden sind und als Vertiefung, Weiterführung und Ergänzung der Inhalte von "Titanic I" und "Titanic II" gesehen werden können.
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Seitenzahl: 748
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Für
Birgit Doll und Willy Lenk,
zwei wunderbare Menschen, die diese Arbeit unterstützt haben, und viel zu früh
von uns gegangen sind
ist vielen zu sagen. An den Diskussionsprozessen mit langen Abenden, Klausuren, und Einzelgesprächen sind mehrere Dutzend Personen beteiligt. Einige Namen sollen besonders genannt werden – für Hinweise und Ermutigungen, auch für Kritik, Korrekturen und sinnvolle Kürzungen (in alphabethischer Reihenfolge): Gilbert Ahamer, Alexander Dworak, Alexander Erner, Peter Fleissner, Heinz Gattringer, Ilse Kleinschuster, Inge Kuhn, Martin Lämmerhofer, Florian Mölzer, Christof Paparella, Wolfgang Pekny, Christine Polzin, Raphael Rauch, Günter Robol, Alec Schaerer, Thomas Schauer, Konrad Schwinghammer, Margarita Schubert, Peter Paul Sint, Nikola Winter, Floor Wolff, u.v.a.
Gedenken und danken wollen wir an dieser Stelle aber auch allen jenen Diskurs-Teilnehmenden bei ESD, die als pionierhaft und konstruktiv Vorkämpfende viel Anregung und Energie beigetragen haben, aber schon von uns gegangen sind (in alphabetischer Reihenfolge): Manfred Arndt, gest. 2005, - Richard Douthwaite, gest. 2011, - Karin Feiler, gest. 2007, - Konrad Ginther, gest. 2012, - Hans-Werner Mackwitz, gest. 2010, - Gerhard Margreiter, gest. 2006, - John McRuer, gest. 2009, - Kurt Rothschild, gest. 2010, - Ulrike Schneider, gest. 2007, Manfred Schön, gest. 2013, - Christiane Thurn-Valsassina, gest. 2008, - Helmut Waldert, gest. 2004.
Vorwort 1 (Ernst Schriefl)
Vorwort 2 (Herbert Rauch)
Teil I: Blicke in die Vergangenheit
Zwei extreme Gesellschaftsalternativen: Extreme Basisdemokratie versus extreme Autokratie –
Berichterstattung zu Großexperimenten und Schlussfolgerungen daraus
(H. Rauch)
Kommentar von Wolfgang Berger
Überlegungen zu Begeisterung, Furor und dem Numinosen.
Eine etwas andere Sicht auf die Zeit des Nationalsozialismus
(H. Rauch)
Teil II: Analysen der Gegenwart
Überlegungen zu den politischen Grundbegriffen „Links“ und „Rechts“ (H. Rauch)
Kommentar von Alfred Weinberg (Psycho- und Sozialtherapeut, Köln, 2012)
Heiße Zeiten – wird die Erde unbewohnbar? (E. Schriefl)
Überlegungen zur Migrationsfrage und Europa (H. Rauch)
Die Migrationsfrage und Europa I: Europa und die „neue große Flüchtlingswelle“
Die Migrationsfrage und Europa II: „Demokratie“ und Europa im 21. Jahrhundert
Die Migrationsfrage und Europa III: Europa, quo vadis - „Multikulti“-ismus oder „Regional“-ismus
Die Migrationsfrage und Europa IV: Historische Überlegungen zur islamischen Kultur
Die Migrationsfrage und Europa V: Pro und Contra „Kultur-Rassismus“
Die Triebkräfte der ökologischen Zerstörung (E. Schriefl)
Die IPAT Formel
Bevölkerung – das Wachstum geht weiter. Genug für die Bedürfnisse aller?
Materieller Reichtum, Wohlstand und Wirtschaftswachstum
Resümee
Hoffnungsträger Technologie – viele offene Fragen und ungelöste Probleme (E. Schriefl)
Die blinden Flecken der Energiewende
Atomkraft – ja bitte?
Elektromobilität – Rebound-Effekte überall
Ultima Ratio Klima-Engineering?
Die Entkoppelung von „Umsatzdynamik“ und „sozialer Sicherheit“ (H. Rauch)
Kommentar von Gerhild Schutti (2014)
Demokratie und Sokratischer Diskurs (H. Rauch)
Kommentar von Karin Vater
Überlegungen zur Theorie des Konfliktes im 21. Jahrhundert (H. Rauch)
Die Wirksamkeit ökologischer Politik in der bisherigen Praxis (E. Schriefl)
Umweltpolitische Instrumente – ein kleiner Überblick
Die ökologische Steuerreform – in Theorie und Praxis
Der Emissionshandel – das Grundprinzip
Öko-Steuer versus Emissionshandel – Vergleich und Resümee
Teil III: Perspektiven für die Zukunft
Was getan werden müsste – Konturen einer Öko-Politik mit globaler Dimension (E. Schriefl)
Globale Institutionen, die den Primat der Ökologie absichern
Globale Klimapolitik
Globaler Naturschutz
Bevölkerungspolitik – Maßnahmen zur Begrenzung des Bevölkerungswachstums
Migrationspolitik – Maßnahmen zur Steuerung und Begrenzung von Migration
Bausteine einer Postwachstumsökonomie
Energiespeicher, Atomenergie, Klima-Engineering – einige technologisch besonders „harte Nüsse“
Freiheit – Gleichheit – Regenerativität (H. Rauch)
Kommentar von Nikola Winter (2/2015)
„Neue Großfamilie“ – das Kind im Zentrum (H. Rauch)
1. Grundbegriffe vorweg: Ego – Intimität – Milieu – Kindeswohl – Familie – Respekt
2. Gruppendynamisches vorweg
3. Formen von Familie
4. Die architektonischen Optionen für die „neue Großfamilie“
5. Partnerbeziehung
6. Alltagsbewältigung
7. Alltag des Kindes
8. Das gute „Einvernehmen“
9. Wie was fördern?
Überlegungen für ein „Europa der Regionen“ (H. Rauch)
1. Der „Planetarische Imperativ“ und Europa
2. „Europa als Staatenbund (EG)“ oder „Europa als europäischer Zentralstaat (EU)“
3. Die Hauptakteure und ihre Agenden in einer EG (erste Vorschläge)
4. Warum EG und nicht EU – als Modell für „Global-Governance-Strukturen“
EXKURS (erste Annäherung): No-border, no-nation?
ANHANG: „Für einen Europäischen Demokratischen Grunddienst in der EU“ (EDC )
Innovative Instrumente der Klimapolitik (E. Schriefl)
Cap and Share / Cap and Dividend
Personal Carbon Trading
Gesellschaftskonzepte - Alternativen zum „Neoliberalismus“ (H. Rauch)
I. Die Herausforderung
II. Sieben alternative Richtungen – mit verschiedenen Ansätzen
III. Herrschende Lösungsansätze
ANHANG: Anmerkungen zum Neo-Matriarchatsansatz von Claudia von Werlhof
Abbildungsverzeichnis
Die Herausgeber / Autoren
Ernst Schriefl
„Was lange währt, wird endlich gut“. Dieses berühmte Zitat hat auch eine gewisse Gültigkeit für das vorliegende Werk – zumindest meiner Ansicht nach. Wobei der erste Teil des Zitats („Was lange währt“) sicher richtig ist, wenn man ihn auf den relativ langen Entstehungsprozess dieses Buchs bezieht. Ob das Ergebnis dieses Prozesses auch wirklich gut geworden ist, mag aber nicht nur der befangenen Selbsteinschätzung der Autoren, sondern auch dem Urteil der geschätzten Leserinnen und Leser überlassen bleiben.
Der vorliegende Sammelband kann als eine Weiterführung jener Bücher, die im Kurz-Jargon der Autoren und eines eher kleinen Kreises von „Eingeweihten“ auch als „Titanic I“ und „Titanic II“ bezeichnet werden, angesehen werden.
„Titanic I“ steht dabei für das Buch „Die Wende der Titanic. Wiener Deklaration für eine zukunftsfähige Weltordnung“, erschienen 2005 im oekom Verlag1. Diese Publikation schaffte es damals sogar, in die Liste der „Top Ten der Zukunftsliteratur“, veröffentlicht von der Robert Jungk Bibliothek für Zukunftsfragen, aufgenommen zu werden.
Der Schwerpunkt von „Titanic II“ (Langbezeichnung „Glo-c-al Balance. Der Umbau der Titanic“)2 lag in der Vorstellung des SEED-Konzepts. SEED steht dabei für „Secure-Base Earth Equilibrium Development“ und ist als Entwurf einer Architektur einer zukunftsfähigen (Welt-)Gesellschaft zu verstehen. „Der Umbau der Titanic“ erschien erstmals in kleiner Auflage Ende 2014 und wurde im Rahmen einer Diskussionsveranstaltung im Dezember 2014 der interessierten Öffentlichkeit präsentiert. Mit am Podium war während dieser Veranstaltung auch der frühere österreichische Vizekanzler Erhard Busek (ÖVP).
„Titanic III“ („Die Baustellen der Titanic“) – das vorliegende Werk – schließlich enthält eine Sammlung von Artikeln, die als Vertiefung, Weiterführung und Ergänzung der Inhalte von „Titanic I“ und „Titanic II“ gesehen werden können. Es sind aber auch einige (in Bezug auf „Titanic I“ und „Titanic II“) neue Themen und Aspekte hinzugekommen.
Die Artikel in „Titanic III“ sind – grosso modo – im Laufe der letzten fünf Jahre entstanden. Diese Entstehungszeit gilt zumindest für die Endversion der meisten Artikel, zum Teil allerdings reichen konzeptionelle Gedanken, erste Entwürfe und frühere Fassungen auch schon deutlich weiter zurück und so umspannt der Entstehungsprozess einen Zeitraum von in etwa 10 Jahren.
Dieser lange Entstehungsprozess liegt einerseits darin begründet, dass die meisten Beiträge mehrere Überarbeitungszyklen durchlaufen haben und zum Teil auch zwischendurch in einem kleineren Kreis diskutiert wurden. Andererseits gibt es aber auch den banalen Grund, dass ich über lange Zeiträume nicht so viel Zeit dem Redigieren und Layoutieren der Artikel widmen konnte, wie das notwendig gewesen wäre, um einen schnelleren Fortschritt zu gewährleisten. So lagen bereits Anfang 2017 die meisten Artikel von Herbert Rauch in einer der Endversion sehr ähnlichen Fassung vor.
Auf den ersten Blick mag daher einiges, was hier angeschnitten wird, nicht mehr ganz zeitaktuell wirken beziehungsweise Bezüge zu Themen und Ereignissen aufweisen, die aus jetziger Sicht scheinbar schon weit zurückliegen. Auf den zweiten Blick aber enthalten alle Artikel auch Gedankengänge und Argumentationslinien, die über das jeweilige tagesaktuelle Geschehen (weit) hinausweisen.
Als Beispiel dafür sei der Beitrag „Überlegungen zur Migrationsfrage und Europa (fünf Artikel zu fünf Zeitpunkten)“ von Herbert Rauch genannt. Diese fünf Artikel entstanden zwischen Oktober 2015 und April 2016, also unmittelbar während (des Höhepunkts) der Flüchtlings- und Migrationskrise der Jahre 2015 und 2016. Diese Artikel „atmen“ sozusagen den Geist der damaligen Zeit, sie sind geprägt von der Wucht und Dramatik der damals auf uns Europäer einprasselnden Ereignisse, die uns aus der Komfortzone holten und wohl niemanden so richtig kalt ließen, egal wie man sich nun dazu positionierte.
Dennoch – trotz aller spezifischen Zeitbezogenheit werden uns die darin angesprochenen Problembereiche, Konfliktlinien und eventuell auch „Lösungs-“Ansätze wohl noch über die nächsten Jahre und Jahrzehnte begleiten – auch wenn tagesaktuell jeweils andere Themen präsenter sein mögen, wie beispielsweise die aktuell alles überlagernde Corona-Pandemie. Aber dies kann in ein, zwei Jahren bereits wieder deutlich anders sein.
Im Spätsommer 2019 war ich mit dem Korrigieren, Redigieren und Layoutieren der Artikel von Herbert Rauch (fürs erste) fertig, danach begann ich an meinen Texten zu arbeiten. Wobei zunächst eigentlich nur ein Artikel von meiner Seite geplant war, nämlich eine Art Übersicht zu den „Alternativen“, wie das Herbert Rauch – schon seit längerem – angeregt hatte. Es kam aber dann doch etwas anders.
Mit „Alternativen“ sind in diesem Kontext im Wesentlichen Ansätze und Konzepte gemeint, die eine ökologisch-soziale Wende verfolgen und sich ausreichend von einer „Mainstream“-Politik unterscheiden. Zuvor hatte ich bereits einige Vorträge zu dieser Thematik in einem kleinen öffentlichen Rahmen (zuletzt 2015 im „Klub logischer Denker“ in Wien) gehalten.
Nachdem ich im Herbst 2019 mit dem Schreiben begann, wurde mir relativ rasch klar, dass das, womit ich damals begonnen hatte, deutlich den Rahmen eines einzelnen Artikels sprengen und auch thematisch vom ursprünglichen Ziel etwas abweichen würde. Der Text, der im Laufe des Jahres 2020 immer mehr wuchs und den ich schließlich im November 2020 in einer ersten Fassung fertigstellte, nahm mit der Zeit immer mehr das Format eines eigenständigen Buches an und soll auch als solches nach momentaner Planung im Laufe dieses Jahres (2021) veröffentlicht werden3. Etwa die Hälfte dieses Textes ist in Form von sechs eigenen Artikeln in diesem Sammelband integriert.
Eine Übersicht zu den „Alternativen“ hat nun Herbert Rauch selbst verfasst (Beitrag „Gesellschaftskonzepte – Alternativen zum „Neoliberalismus““), aber auch in meinen Texten werden einige „Alternativ“-Ansätze vorgestellt und besprochen (wenn auch nicht in einer systematischen Übersicht), insbesondere in den Artikeln „Was getan werden müsste – Konturen einer Öko-Politik mit globaler Dimension“ und „Innovative Instrumente der Klimapolitik“.
Einen Schwerpunkt meiner Artikel bilden Bestandsaufnahmen in verschiedener Hinsicht. Eine Bestandsaufnahme der Klimakrise („Heiße Zeiten – wird die Erde unbewohnbar?“), der Triebkräfte der ökologischen Zerstörung („Die Triebkräfte der ökologischen Zerstörung“), der Potenziale der Technologie zur „Lösung“ der ökologischen Krisen („Hoffnungsträger Technologie – viele offene Fragen und ungelöste Probleme“) sowie der Wirksamkeit der bisherigen Umwelt- und Klimapolitik („Die Wirksamkeit ökologischer Politik in der bisherigen Praxis“).
Programmatisches findet sich im Beitrag „Was getan werden müsste – Konturen einer Öko-Politik mit globaler Dimension“, eher innovative, bisher noch nicht umgesetzte Ansätze der Klimapolitik werden im Beitrag „Innovative Instrumente der Klimapolitik“ vorgestellt und diskutiert.
Mit Herbert Rauch verbinden mich mittlerweile eine etwa 15-jährige Freundschaft, die Teilnahme an zahlreichen (oft gemeinsam organisierten) Diskussionsabenden sowie an mehreren mehrtägigen Seminaren und Klausuren, mittlerweile auch die Publikation zweier gemeinsamer Bücher (wenn man das vorliegende dazuzählt). Ich hatte auch in der von Herbert Rauch gegründeten NGO „European Association for the Promotion of Sustainable Development“ (ESD) längere Zeit offiziell die Funktion des Obmanns inne, auch wenn ich diese Funktion zugegebenermaßen deutlich aktiver ausüben hätte können. In weniger schmeichelhafter Weise könnte man auch sagen, dass ich diese Funktion vernachlässigte.
In inhaltlicher Hinsicht gibt es Verbindendes und Trennendes, wenn man die Beiträge von Herbert Rauch und mir betrachtet und vergleicht. Insgesamt ist es wohl so, dass meine Sicht der Dinge etwas pessimistischer scheint, wobei ich diese eher als nüchtern-realistisch einstufen würde. Ich habe weniger Vertrauen in die Lösungskompetenzen und -möglichkeiten – welcher Akteure auch immer, was die drängenden global-ökologischen Problembereiche betrifft. Beziehungsweise sehe ich tendenziell sehr deutlich die Hemmnisse und Widersprüche, die mit „Lösungs-“Vorschlägen jedweder Art einhergehen können und auch tatsächlich einhergehen. Daher bin ich sehr vorsichtig im Identifizieren von „Lösungen“, auch wenn ich im Artikel „Was getan werden müsste – Konturen einer Öko-Politik mit globaler Dimension“ ein globalökologisches Programm – mit Mut zur Lücke – skizziert habe.
So finde ich das SEED-Konzept, das Herbert Rauch in „Titanic II“ vorgestellt hat, durchaus sehr gut durchdacht und beachtenswert, aber es ist vermutlich einerseits nicht hinreichend und in einigem, insbesondere was die ökologische Dimension betrifft, auch nicht konkret genug. In „Titanic II“ habe ich daher auch das SEED-Konzept einer wohlwollenden Kritik unterzogen.
Es gibt fallweise deutlich andere Schwerpunkte in den Analysen und Argumentationslinien, wenn man die Beiträge von Herbert Rauch und mir vergleicht. Beispielsweise kommt in diesem Band in Herbert Rauchs Texten 33 mal das Wort „Neoliberalismus“ vor. Ein beispielhaftes Zitat aus dem Artikel „Gesellschaftskonzepte - Alternativen zum „Neoliberalismus““ sei an dieser Stelle angeführt:
„In den OECD-Ländern jedoch fällt in dieser Sammlung bald auf, dass die Krux unserer Zeit darin besteht, dass wir in ein System („Neoliberalismus als Doktrin und Regime“) hineingeschlittert sind, das im Laufe der Zeit grosso modo das „Gemeinwohl“ (national, supranational und global) systemisch eher zurückdrängt, diesem zu wenig Raum gibt. Viele Kritiken des finanz-dominierten Neoliberalismus zeigen das wohl auf, jedoch „verschluckt“ das herrschende System diese Kritiken wieder.“
Wie oft hingegen kommt der Begriff des „Neoliberalismus“ in meinen Texten vor? Gar nicht. Das bedeutet nicht, dass ich problematische Entwicklungen im Zuge dessen, was man als „Neoliberalismus“ bezeichnet, im Sinne von Deregulierung, Liberalisierung und Privatisierung sowie einer zunehmenden Ungleichverteilung von Vermögen und Einkommen, nicht anerkennen würde, aber das Phänomen Neoliberalismus hat für mich nicht diesen zentralen Stellenwert, nicht diese zentrale Analyse- und Erklärungskraft.
Der starke Hinweis auf den Neoliberalismus als zentrale Ursache vieler Probleme und Krisen kann nämlich auch mit den zwei folgenden Assoziationen einhergehen: Erstens, dass vor dem Neoliberalismus alles (oder zumindest vieles) besser gewesen wäre und zweitens, dass mit einem Überwinden des Neoliberalismus alles (oder zumindest vieles) besser würde. Diesen Assoziationen, die sich bei der Lektüre von Herbert Rauchs Texten aufdrängen können, stehe ich jedoch skeptisch gegenüber. Insbesondere gilt das für die erste Assoziation.
Wenn man den Beginn des Neoliberalismus etwa mit den 1980er-Jahren ansetzt und global-ökologische Entwicklungen betrachtet, war vor dem Neoliberalismus gar nicht alles besser. Ganz im Gegenteil. Die Phase der Nachkriegszeit bis in die 1980er-Jahre war in den sogenannten westlichen Industrieländern von einer Phase des stürmischen Wachstums gekennzeichnet. Der Konsum pro Kopf und auch die Bevölkerungen wuchsen sehr schnell, wenn sich auch mit dem Einsetzen des sogenannten „Pillenknicks“ in den 1960er-Jahren das Bevölkerungswachstum deutlich zu entschleunigen begann, was zumindest für die reicheren, entwickelteren Länder gilt. Der Antagonist zur westlichen Welt, die Sowjetunion und die mit ihr assoziierten Satellitenstaaten des sogenannten „Ostblocks“ versuchten mit dem Westen wettzueifern, was das Wohlstandsniveau betraf. Sie verloren schließlich in der Konkurrenz der Systeme, aber eine mit der Brechstange durchgepeitschte Industrialisierung hatte durchaus erhebliche Kollateralschäden für die natürliche Umwelt dieser Länder hinterlassen.
Interessanterweise erhöhte sich etwa zeitgleich (ab den 1980er-Jahren) mit einem stärker werdenden Neoliberalismus auch die Bedeutung von Umweltbewusstsein und Umweltpolitik. Auch wenn frühe Ausläufer der Umweltbewegung bereits in die 1960er und 1970er-Jahre (und eventuell sogar noch weiter) zurückreichen, begann die Institutionalisierung von Umweltpolitik erst so richtig in den 1980er-Jahren, was zumindest für Europa gilt. Davor wurde Industrialisierung nicht nur im „Osten“, sondern auch im „Westen“ weitgehend ohne Rücksicht auf deren Folgen für die natürliche Umwelt und die menschliche Gesundheit betrieben. Technologischer Umweltschutz (zunächst hauptsächlich im Sinn von Filterungs- und Reinigungstechnologien) nahm erst in den 1980er-Jahren richtig Fahrt auf.
Was wäre nun, wenn es gelänge, den Neoliberalismus wieder zurückzudrängen? Wenn also Deregulierungen und Privatisierungen wieder zurückgenommen würden, die öffentliche Hand wieder mehr Bedeutung bekäme, der Finanzsektor stärker reguliert würde, eine Vermögenssteuer eingeführt würde, um Schieflagen der Einkommens- und Vermögensverteilung entgegenzuwirken – und eventuell einiges Andere mehr. All diese Maßnahmen mögen zwar für eine global-ökologische Wende notwendig sein, aber sie sind sicher nicht hinreichend für eine derartige Wende, zumindest meiner Ansicht nach. Denn ihnen fehlt zunächst und zuvorderst die ökologische Qualifizierung, auch können sie allein noch keinen Weg in eine Postwachstumsökonomie weisen. Es könnte sogar sein, dass eine Abkehr vom Neoliberalismus in ökologischer Hinsicht kontraproduktiv wäre, wenn diese zu einer gleichmäßigeren Verteilung der Einkommen und Vermögen führte, was wiederum Massenwohlstand und damit auch Massenkonsum begünstigen könnte.
Es gibt aber auch zahlreiche Gemeinsamkeiten in den Sichtweisen von Herbert Rauch und mir. Dazu zählen eine Positionierung „jenseits von Links und Rechts“ (siehe dazu den Artikel „Überlegungen zu den politischen Grundbegriffen „Links“ und „Rechts““), eine Skepsis gegenüber extremen Gesellschaftsentwürfen (siehe „Zwei extreme Gesellschaftsalternativen“), ähnliche Ansichten zur Migrationsdebatte (siehe „Überlegungen zur Migrationsfrage und Europa“ sowie den Abschnitt zur Migrationspolitik im Artikel „Was getan werden müsste – Konturen einer Öko-Politik mit globaler Dimension“).
Auch verbindet uns ein gemeinsames Menschenbild. Ein Menschenbild, das auf Basis naturwissenschaftlicher Erkenntnisse versucht, den Menschen so anzuerkennen, wie er ist. Dieses fußt also auf den Erkenntnissen einer empirischen evolutions- und biologie-orientierten Anthropologie.
Die von Herbert Rauch formulierte und empirisch belegte „Synoptische / Systemische Sozialanalyse“ beurteile ich als sehr beachtenswerten Ansatz, der meines Erachtens nach (deutlich) mehr Erklärungskraft und Relevanz besitzt als vieles aus der „Mainstream“-Soziologie (wobei natürlich auch eine erhebliche Vielfalt in der Soziologie besteht, Soziologen und Soziologinnen mögen mir diese Vereinfachung verzeihen).
So stehen also die Beiträge von Herbert Rauch und mir in diesem Sammelband nebeneinander, wenn auch in einem groben zeitlichen Raster (Teil I: Blicke in die Vergangenheit, Teil II: Analysen der Gegenwart, Teil III: Programmatisches und Ausblicke) angeordnet. Die Leserin / der Leser möge sich schließlich selbst ein Urteil bilden.
Am Ende dieses Vorworts seien noch einige editorische Hinweise angeführt. Jeder Artikel steht für sich als eigenständige Einheit. Das bedeutet, dass einem Artikel zugehörige Literaturverweise und Endnoten am Ende dieses Artikels angeführt sind (und sich also nicht am Ende des Buchs befinden, wie man das sonst erwarten würde).
Zwei Arten von Anmerkungen befinden sich in den Artikeln: Fußnoten und Endnoten. Fußnoten werden für Literaturzitate und kürzere Anmerkungen (bis zu fünf Zeilen als Richtwert) verwendet, sind mit Symbolen wie “*“ gekennzeichnet und stehen am Ende der jeweiligen Seite. Längere Anmerkungen bzw. Exkurse sind in Endnoten ausgelagert. Diese sind pro Artikel nummeriert und sind am Ende des jeweiligen Artikels ausgeführt.
Wir verwenden in diesem Buch keine „modernen“ Formen einer geschlechtergerechten Schreibweise (wie die „Innen“- oder „*innen“-Schreibweise). Das gilt für alle Artikel bis auf den Kommentar von Gerhild Schutti zum Artikel „Die Entkoppelung von „Umsatzdynamik“ und „sozialer Sicherheit““ (sie verwendete in diesem Kommentar die „Innen“-Schreibweise, was wir auch so gelassen haben).
Fallweise sind beide Geschlechter angeführt (im Sinne von „Leserinnen und Leser“, wie auch zu Beginn dieses Vorworts), dies wurde aber nicht konsequent durchgehalten.
Wenn also im Folgenden das generische Maskulin (für die Plural- und Singularform) verwendet wird, ist die weibliche Form auch mitgemeint (also ist beispielsweise „Bürgerinnen und Bürger“ gemeint, auch wenn nur „Bürger“ steht).
Zu guter Letzt wünsche ich noch eine anregende, spannende Lektüre.
Wien/Salzburg, im März 2021
1 Rauch Herbert, Strigl Alfred (2005): Die Wende der Titanic. Wiener Deklaration für eine zukunftsfähige Weltordnung, oekom Verlag
2 Rauch Herbert, Schriefl Ernst (2015): Glo-c-al Balance. Der Umbau der Titanic, 2. Auflage, BoD – Books on Demand (geplante Neuauflage 2021)
3 Zurzeit (März 2021) geplanter Titel: „Öko-Bilanz. Wo wir stehen, was zu tun wäre, wohin wir steuern. Ein Versuch einer nüchternen Bestandsaufnahme“, veröffentlicht im Self-Publishing bei Books on Demand oder eventuell auch in einem Sachbuchverlag. Erscheinungsdatum voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte 2021.
Herbert Rauch
Wir müssen in Ruhe Überlegungen anstellen, – auch wenn es wohl sehr knapp werden kann oder wir vielleicht schon zu spät dran sind. Wie bei einer Notfallsoperation dürfen wir nichts unversucht lassen. Dennoch würde ein verzweifeltes Durcheinander der Instrumente die Lage nicht besser machen. Es gibt wohl keine Alternative zu einem ruhigen Durchziehen jedes Tempos, denn wie beim Schwimmer erfordert das Erreichen des Ufers das ruhige Durchziehen eines Tempos nach dem anderen.
Am leichtesten und schnellsten wäre noch das Einschränken unseres Konsums, aber kaum wer ist bereit dazu, eventuell die Krux unserer Demokratie: Die Mengen der Wähler wollen, soweit wir es ersehen können, „eine allgemeine Normalität“, auch wenn es Schritt für Schritt in eine immer gefahrvollere Zukunft geht. In den USA sieht es so aus, als ob zu viele sich sagen: lieber tot als eine Zukunftsfährte verlassen, die seit 1776 – also seit 224 Jahren – offensichtlich immer mehr veraltet: 1776 gab es noch keinen Kant, keine französische Revolution, keine Elektrizität, – an die nukleare Bedrohung und Digitalisierung etc. gar nicht zu denken …
Da wir von der Demokratie aber wohl kaum lassen können, müssten die Massen und kühne Politiker endlich große gemeinsame Schritte machen, – aber beide können es nicht, lieber philosophieren sie über den Abgrund. Dabei wäre es so einfach: kein Fleisch, kein Fliegen, keine Fast-Fashion, mehr die (letzten?) Augenblicke genießen, – und halt eine Grundversorgung für alle, womit sowieso nur max. 10 Prozent (der im Arbeitsprozess Stehenden) beschäftigt wären.
Wir arbeiten also wider besseres Wissen grosso modo weiter wie bisher. Es wird immer unwahrscheinlicher, dass es gelingen kann, zu sehr braut sich hinter der Normalität einer offenbar mental erschöpften Menschheit Neues Undurchschaubares zusammen – es ist einfach zu viel passiert; die Mehrheiten sind vom Tempo und der Irritation der schier unfassbar schnellen Veränderungen irritiert, die nun eher hinter allen Fassaden (die ja noch aus dem 19. Jahrhundert stammen) abzulaufen scheinen als den Bürgern bewusst zu werden.
Bestseller-Ablenkungen gibt es viele, aber machen sie noch Sinn? Die Reichen kämpfen um den Status Quo, die Massen müssen nolens volens vorerst mal an die Mietsorgen und andere Lebenshaltungskosen denken: Also lasst mich doch in Ruhe … Arme Folgegenerationen, ihre Eltern sind mehrheitlich kaum mehr fähig, den Kopf über Wasser zu halten, und an Morgen zu denken.
Wien, im Dezember 2020
Herbert Rauch, Kommentar von Wolfgang Berger
Übersicht:
Fallbeispiel extreme Basisdemokratie
4
: „Unibrennt“ – die „Studentenrevolution“ im Audimax der Wiener Universität, 1112/2009
Fallbeispiel extreme Autokratie
5
: „Bhagwan-City – der Pharao von Rajneeshpuram“, Oregon, 1980-85
Schlussfolgerungen.
Neben den realen westlichen demokratischen und weiteren vom globalisierten Neoliberalismus dominierten Gesellschaften (die etwa aus sich heraus eine Grün-Bewegung
1
bzw. -Partei oder auch Piraten-Parteien hervorgebracht haben),
den realen östlichen autoritär-demokratischen und ebenso vom sich globalisierenden Neoliberalismus dominierten Gesellschaften (China, Singapur u.a.); und
den kleineren und größeren Schwellen- und Entwicklungsländern, die dazu Zwischenstufen einnehmen, sei noch auf zwei – leicht in Vergessenheit zu geraten drohende – reale Experimente hingewiesen, die auch versuchten „teil-souverän“ (sich selbst Gesetze gebend) zu sein bzw. zu werden. Dazu gehören eine extreme Basisdemokratie und eine extreme Autokratie.
1. Extreme Basisdemokratie („Alle sollen alles mitentscheiden“)
Das „Plenum des Volksganzen“ entscheidet alles, die „repräsentative Demokratie“ ist damit de facto abgeschafft. Das hat das Experiment der Studierenden in Wien – genannt „Unibrennt“ – im November bis Dezember 2009 versucht. Im Folgenden eine Kurzbeschreibung:
+ Es gab ein sogenanntes „Plenum“ im Auditorium-Maximum der Universität Wien, an dem jeweils zwischen 100 und 1000 Personen teilnahmen. Viele Diskurse wurden via „Live-stream“ ins Internet gestellt, selbst aus Deutschland kamen einige begeisterte Zurufe, etwa von kleineren Privatsendern.
+ Geleitet wurden die Diskussionen abwechselnd von etwa 10 Personen in moderator-artigen Funktionen, mindestens die Hälfte davon weibliche Studierende höherer Semester, die eine enorme Arbeit ohne stabilen Stab leisteten.
+ Ein paar Arbeitskreise (Presse, Küche, Technik …) hielten sich wochenlang, mit oft nur einer Handvoll stabilen Mitarbeitern, und ein bis zwei Dutzend variierenden freiwilligen Teilnehmern (die kamen und gingen, um mitzuarbeiten – nach eigenem Gutdünken).
+ Die praktisch als „Gratis-Küche“ neben dem Audimax eingerichtete Versorgungsküche wurde von den Teilnehmern, aber zunehmend auch von Außenstehenden (Obdachlosen, Arbeitslosen, …) in Anspruch genommen. All dies zehrte deutlich an den Nerven der haupt-tätigen Küchenbetreuer, die zwar Materialspenden von Außenstehenden immer wieder bekamen, aber kaum stabile personelle Hilfeleistung vor Ort; eventuell auch weil für Neue die „Organisations-Form des Arbeitens“ kaum ersichtlich war. Ein Anknüpfen war für Neuankömmlinge schwierig und schien von „Eigenermächtigung“ abhängig; wenn man fragte: „Wo soll ich helfen, wen soll ich fragen“, kam zur Antwort: „Es gibt keinen Chef (Ende)“. Wer nicht sehr selbstbestimmt sich einen Überblick verschaffte, ging einfach wieder weg.
+ Da das Audimax Tag und Nacht – als „Besetzung“ – auch belebt werden musste (schon damit das Rektorat oder eine Behörde den Saal nicht absperrte), mussten auch etliche „besetzende Studierende“ dort übernachten. Dazu gesellten sich aber mit der Zeit immer mehr – bis zu 100 – Obdachlose, manche etwas betrunken.
+ Die Sicherheit der weiblichen Personen (meist Studentinnen) wurde hie und da zu einem Problem. Der Antrag eines Burschen, für die Nacht eine Ordner-Wachgruppe einzurichten, wurde aber vom Plenum – als nicht genug basisdemokratisch – nieder-diskutiert und per Adhoc-Abstimmung im sog. Plenum (personell immer schwankend) abgelehnt.
+ Nach den Vorstellungen einiger „wortgewaltiger“ Tonangebender sollte alles „plenar“ im Audimax – also pur basisdemokratisch – entschieden werden. Es war dabei im Kern eine ideologische Richtung mit ca. zwei Dutzend Personen gegeben, die an einer „basisdemokratischen Linie“ – ihrer Ideologie – festhielten (das war aber so nicht an- und kaum aussprechbar, denn es sollte (!) ja keine vorgegebene Linie geben).
+ Etliche Pop-Gruppen kamen abends und es wurden Konzerte und Partys gefeiert; oft bis tief in die Nacht.
+ Es wurden Gastvortragende eingeladen, die insbesondere über Nachhaltigkeit und Bildung referierten und mit den gerade Anwesenden – manchmal 150, oft 250, bei Jean Ziegler sogar etwa 1500 – querbeet diskutierten.
+ Es wurden hie und da auch auf dem Podium Arbeitskreise mit 15 bis 30 Personen abgehalten – im Stil ähnlich den Selbsterfahrungsgruppen, sehr „volatil“ in der De facto-Teilnehmerschaft.
+ Durch Selbsterschöpfung der etwa zwei Dutzend Gründer (und durchgehend aktiven Trägerpersonen) ist dieses Experiment aber nach etwa 9 Wochen ausgesprochen sang- und klanglos ausgelaufen. Weihnachten 2009 hat dazu den Termin vorgegeben, da waren dann nur mehr wenige Personen im Raum des Audimax, und die Polizei konnte ohne Probleme und Widerstand die letzten Teilnehmenden einfach hinausweisen, einfach so ...
FAZIT: Es gibt nach wie vor Leute, die einen „Traum vom neuen Menschen“ damit verbinden, dass alle alles mitentscheiden sollten (nur eventuell einige komplexe Bereiche werden ausdrücklich delegiert, auch vom Plenum, aber auch von den Gründern). Dies wird manchmal moderater, manchmal radikaler angesetzt, letzteres mit anarchistischen Zügen.
Von dieser Initiative gingen aber schließlich etliche „Direkt-Demokratie-Impulse“ aus, auch wenn überspannte Vorstellungen – gleichsam empirisch – mit dem Ablauf/Ende des Experimentes entkräftet schienen.
Nicht bedacht wird meines Erachtens in der gesamten Diskussionen dazu (wozu unter anderem auch jene über ein „bedingungsloses Grundeinkommen“ (BGE) gehört), dass es in praktisch allen westeuropäischen Staaten eine in der Wiederaufbauzeit der 1950-1970er Jahre errichtete Infrastruktur gibt, die nach wie vor – in weltweitem Vergleich – sehr gut funktioniert, ja in Wien speziell immer weiter verbessert wurde, und viele „Experimente“ – und so auch dieses de facto ermöglichten2. (Ob daher Ähnliches in den weniger infrastrukturstarken USA und anderen Staaten überhaupt möglich wäre, ist zweifelhaft; eventuell mit Sponsoren – aber das heißt letztlich wieder in Abhängigkeiten).
2. Reales Experiment – Extreme Zentralautokratie
„Alles wird vom einem Zentrum her geregelt, alle darunter sind grundsätzlich gleich, aber funktional gegliedert.“ – Dieses Experiment gab es in der Großkommune „Bhagwan-City“ in Rajneeshpuram (Oregon/USA), welche zwischen 1980 und 1985 bestand und mit etwa 5000 Bewohnern und gut 100 bis 1000 mal so vielen Sympathisanten (und deren Spenden) weltweit ein erstaunliches Ausmaß erreichte.
Kurzbeschreibung:
+ Alle wurden als gleichwertig aufgefasst (allerdings gab es eine „Leitungs-Frauschaft“, das Team rund um Ma Anand Sheela (einer seit den Anfangstagen in Bombay (Mumbai) enge Vertraute von Bhagwan). Dieses Team leitete die gesamte praktischen Arbeit, alle verstanden sich ja als Sannyasins des „Meisters“ Bhagwan. Sheela wurde von diesem zu diesem Leitungsposten (Generalsekretärin, die sodann alle Entscheidungen intern und extern traf) berufen, der Meister zog sich ins „Schweigen“ zurück. Er sprach aber angeblich etwa einmal pro Woche mit der Generalsekretärin. Die Gleichheit der Campusbewohner war gegeben – hinsichtlich dem Zugang zur Erfüllung der Grundbedürfnisse, der gütermäßigen und auch der „sozialen“ Ausstattung. Begabung, Charakter, Neigungen waren natürlich als unterschiedlich anerkannt, wurden aber nur sekundär für die oft wechselnden Arbeitsfunktionen – zu der man von der Frauschaft eingegliedert wurde – betrachtet. Fach-Ausbildungen (Ingenieure, Landwirtschaftliches, etc.) wurden jedoch besonders für eingeteilte Leitungsfunktionen von Arbeitsteams (für Bauen, Landwirtschaft, Landschaftspflege, Elektrifizierung, Straßenbau, Flugplatzbau, etc.) sehr wohl bei der Arbeitseinteilung berücksichtigt.
+ Geld war im Innenkreislauf nicht präsent, da intern nicht benötigt, wohl aber extern: als hereinkommend (via Spenden, Gastgebühren und dem Verkauf von landwirtschaftlichen Produkten; insbesondere die Gäste eines Festivals zahlten auch einen Beitrag, etwa wie in einem Mittelklassehotel; auch etliche Einsteiger zahlten eine Art „Apanage je nach eigenem Vermögen“ etc.); oder Geld floss also herein (Beiträge und Spenden) und hinaus beim Einkauf (technischer und anderer Güter), aber intern war kein Geldfluss im Spiel.
+ Alles Essen war vegetarisch – Richtung vegan – und war gemeinsam in einer Art riesigen Zentralmensa erhaltbar, einfach wenn man sich zur richtigen Zeit einfand.
+ Mehrere Busse fuhren – in „Paternoster“-Manier – unaufhörlich ihre Runden in dem Areal; man stieg einfach zu oder aus. Das Areal entsprach in etwa der Größe etwa Wiens oder Hamburgs. Es war eine angekaufte abgeweidete und schon vor längerem aufgegebene Schafgroßfarm in Mitten von Oregon (das etwa drei Mal so groß wie Österreich ist und ca. 4 Mio Einwohner hat).
+ Mitarbeiter – praktisch alle Sannyasins (= Schüler des Meisters Bhagwan) – arbeiteten dort, wo sie von dem Stab der Generalsekretärin oder dieser direkt eingeteilt wurden. Der Kern des Stabes bestand bloß aus einer Handvoll weiblicher Stabsmitglieder des Chefbüros. Diese „Stabsstelle“ wurde von Sheela, einer Inderin in den frühen Dreißigern, geleitet. Sie entsprach dem Typus einer tüchtigen Powerfrau, voll hingegeben dem Ziel, wiewohl aber nicht an den Meister als Person, da auch sehr ego-ehrgeizig. Die Gesamt-Leistung der Kommune wurde von allen Lieferanten und Gästen als enorm gut anerkannt, denn es sammelte sich dort ja auch in einer Art „weltweiten Selbstselektion“ Bildung, Können und bestimmte Charakterzüge (darunter auch eine etwas unkritische Hingabe-Neigung an ein „gefühltes Ideal“, das vor dem Hintergrund der westlichen Konsum-Gesellschaft als Kontrapunkt sich für die meisten auch lange Zeit sehr gut anfühlte).
+ Man betrieb ein 99 %-iges Recycling bzgl. des eingesetzten Materials.
+ Man lebte in 4-8-Personen-Bungalows (wobei jeder bald seinen eigenen Raum hatte, die alle uniform aussahen, hygienisch, praktischkomfortabel, und bei Bedarf sogar tragbar wie Großzelte (aus Holz) waren).
+ Egoprobleme der Mitarbeiter, wie Liebeskummer und Ähnliches, wurden als „Problemchen“ lächelnd abgenickt, sofern sie überhaupt erwähnt wurden (das galt ja als „veraltet-bürgerlich“, und wurde daher schon bei sich selbst „weggedrückt“).
+ Solange eine überwältigende Mehrheit in Bhagwan (der später – etwa 1987 dann Osho genannt wurde) den „Erleuchteten Guru“ (quasi unfehlbar) sah, war für die meisten auch eine „tolle Zeit“ gegeben, wie sie auch jetzt noch aussagen. Sie vermuteten, alle Grund-Leitinstruktionen kamen vom Meister; was aber ex post anzweifelbar ist, da nach dem Zusammenbruch sich eine tiefe Auffassungskluft zwischen Meister und Generalsekretärin – die dann sogar für 39 Monate in den USA ins Gefängnis musste – herausstellte. Was genau zwischen Meister und Generalsekretärin ablief, ist bis heute recht unklar, jedenfalls kam es etwa Ende 1984 zu einem Streit, wonach Sheela per Privatflugzeug mit dem Stab den Riesencampus verließ, und in Deutschland war, bis zur Auslieferung an die Justiz der USA.
+ In der Aufbauzeit (1980-1984) wurden von allen Dortigen alle Zweifel, sofern es sie gab, unterdrückt. Man übte sich ja im „Surrender“, einer Art mentalen Hingabe an die Person des Gurus – als einem „Tor“ zur Existenz, was einen Bewusstseinssprung einleiten sollte und konnte, was aber auch eine Art von „vorauseilendem Gehorsam“ förderte. Viele wollten auch bei ersten Zweifeln zunächst keine Spielverderber sein, und brachten sich nach wie vor voll ein, ähnlich wie bei einem „klosterartigen Betrieb“ in der Aufbauphase.
+ So gelang zunächst sehr viel Aufbauleistung und auch – grosso modo – sehr viel freudiges Zusammenleben.
+ Nur Kinder bekommen, Kinder haben und mitlebend groß werden lassen, gelang nicht, jedenfalls war davon nichts zu sehen (es war meines Erachtens nach auch thematisch ausgeblendet, und eventuell schon vom Guru her unerwünscht; manche berichten von Aufforderungen zur Sterilisation bei Männern und Frauen).
+ Wenn wir rückblickend zusammenfassen, wer daran teilgenommen hat, sowohl in der Phase „Poona I“, der „Oregon-Bhagwan-City-Bau“-Phase, als auch in der „Poona II“-Phase, so muss man Folgendes feststellen:
Überwiegend waren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, sowohl als tragende leitende Mitarbeiter (von der Generalsekretärin bis zu den Tellerwäscherhilfen) jüngere und „mittelalte“ Leute (also zwischen 20 und 50), viele Vollakademiker, viele Halbakademiker, viele Intellektuelle allen Kalibers (z.B. war auch Peter Sloterdijk in Poona I eine Zeitlang Teilnehmer). Viele waren beruflich bereits erprobt, manche davon sehr erfolgreiche Berufstätige. Was die Ethnie bzw. die nationale Herkunft der Teilnehmer anbetrifft, waren es überwiegend Europäer (aus UK, aus den drei deutschsprachigen Ländern – Deutschland, Schweiz, Österreich, aus den Niederlanden, etwas weniger schon aus Italien, Skandinavien, auffallend wenige aus Spanien, Frankreich, Osteuropa, Russland (wobei letzteres auch mit den Reiseerlaubnissen zusammenhängen mag). Außerhalb Europas kamen viele aus den englischsprachigen Ländern USA und Australien, ferner etliche aus Asien (relativ viele aus Japan, Südkorea, weniger schon aus Indonesien, Philippinen, Thailand, und dem restlichen Südostasien), einige, aber doch recht wenige aus dem lateinamerikanischen Raum; und auffallend – kaum Leute aus dem arabischen Raum, so gut wie niemand aus Subsahara-Afrika, wenig Schwarze (und wenn – dann aus den USA). Einige tragende Kräfte kamen aus Indien, so zum Beispiel die erste (Ma Laxmi) und auch die zweite Generalsekretärin (Ma Sheela), der relativen Menge nach aber waren doch eher wenige Inderinnen und Inder beteiligt (es war ja fast riskant, als indisch-inländischer „Sannyasin“ in Poona während der Poona-Epochen (1970-80, 1987-90) herumzugehen, wegen der Irritation, die mit der „orange-farbigen Kleidung“ gegenüber den gläubigen Hindus und den wenigen, aber radikaleren gläubigen Muslimen gegeben war). Auch in Oregon waren sehr wenige Personen, die den weiten Weg aus Indien auf eigene Kosten mitgekommen waren. Bhagwan (später eben Osho genannt) hatte ja überall viele Politiker – geradezu generell – in seinen Reden angegriffen (so auch in Oregon explizit Ronald Reagan und in den Poona-Epochen u.a. sogar Mahatma Gandhi und Indira Gandhi, nicht aber Nehru).
Sagen die relativen Zahlen der Teilnehmer etwas aus, dann waren die genannten Länder generell offener gegenüber einer spirituellinspirierten alternativen Lebens- und Arbeitsweise (in Rajneeshpuram „working meditation“ genannt). Was sagen aber auch die nichtteilnehmenden Länder/Ethnien aus (keine Leute aus dem arabischen, dem schwarzafrikanischen, und relativ sehr wenige aus dem französisch-spanisch-portugiesisch orientierten Kulturkreis)? Lag es an den Reisekosten, einer gewissen Skepsis, einer Verschlossenheit, oder einer kulturell anderen Grundlage – etwa weniger historische Aufklärungsphase – in diesen Kulturräumen? Oder auch daran, dass der Meister von 1970 bis 1980 täglich – ohne Ausnahmetage – etwa je einen zweistündigen Vortrag hielt, meist in englischer Sprache, anfangs auch oft in Hindi, nie aber in französischer oder spanischer oder einer original-asiatischen Sprache? Gute Englischkenntnisse waren also sicher ein Merkmal der gebildeten Teilnehmer, aber wohl auch nicht das einzige Merkmal. Jedenfalls waren gut die Hälfte aller Sannyasins Voll- oder Halbakademiker, und schon offen für neue spirituelle Formen und Lebensweisen.
+ Die Arbeitseinteilung machte – wie bereits erwähnt – ein zentrales Planungsbüro (später „Sheela-Gang“ genannt), und die von ihr als (mehr oder weniger) „akademische Profis“ zur Planung Eingeladenen, die auch zum Teil zu den „Erstjüngern“ des Gurus gehörten, und die jedenfalls alle intelligent, enthusiastisch und mit gewissen Führungsqualitäten ausgestattet waren. Oft auch echte Profis, sogar „Namen“ auf ihrem Gebiet waren dabei. Die Endentscheidung in praktischen Angelegenheiten hatte immer Sheela, die als Powerfrau am Ende der Debatte keinen Widerspruch duldete.
Beispielsweise ist mir bis heute nicht klar, ob Sheela bei ihren mindestens wöchentlichen Audienzen bei Bhagwan von diesem Sachanweisungen bekam oder nur spirituelle und allgemeine Hinweise. Daher ist unklar, ob die extrem feindselige Diplomatie der Sheela-Gruppe gegenüber den Oregoner Behörden, gegenüber den Nachbargemeinden, unter anderem über Anweisung vom Meister oder allein aus dem Temperament Sheelas erfolgte, ja der Meister gegenüber dieser Diplomatie unwissend geblieben war, wie er danach behauptete. Ihre und seine Interviews danach lassen die Frage ungelöst. Dies ist allerdings der „dunkle Fleck“ auf der Weste dieses tollen Experimentes, und viele Schüler (etwa zwei Drittel) verließen danach die Sannyasin-Bewegung.
(Da Sheela ja wöchentlich bei Bhagwan in einer Art Privataudienz war, und ihre Auftritte und Streitgespräche im öffentlichen TV zu sehen waren, wäre es eigenartig, wenn Bhagwan von den wilden öffentlichen Auftritten Sheelas im TV nichts gewusst hätte. Ich – und vermutlich viele – hatten vielmehr angenommen, dass Bhagwan sie zu diesem scharfen Auftreten vielmehr aufstachelte, diese zumindest guthieß.)
+ Das Ende von Rajneeshpuram war für viele enttäuschend – oder zumindest irritierend. Dennoch baut sich die Bewegung aus dem alten Kern wieder auf, neue Interessierte kommen hinzu. Die vielen Bücher (gut 500 Bücher etwa, die die wörtlichen – aber lektorierten – Wiedergaben seiner „Morgen-Lectures“ und „Abend-Darshans“ darstellen, und viele Reflexionen über alle bekannten Propheten, Religionsgründer und anderes enthalten) wirken quasi als sein Vermächtnis. Dies steht nach wie vor – und seit 2000 wieder erblühend – in großem Ansehen (beispielsweise hat das indische Parlament alle Bücher Bhagwans in die Ehrenhalle des Parlamentes nach seinem Tod (1990) gestellt).
Diese Kommune war jedenfalls eine neuartige Gemeinschaft: spirituellexistenzphilosophisch-tantrisch-pragmatisch-leistungsorientiert, einerseits liberal und libertär, aber auch sehr diszipliniert, arbeitsam und enorm leistungsfähig. In Summe war diese Kommune für vier Jahre auch nach außen sichtbar sehr leistungsstark und auch als solche angesehen.
Sie kamen fast alle aus einer Meditationserfahrung und –übung, und sahen – genau wie offiziell unterstrichen – Arbeiten als „Working Meditation“ (genannt „Worshipping“) an. Daher lief fast alles immer ohne Stress und eher freudig und lustig ab, aber auch in der Richtung des jeweiligen Projektes unhinterfragt. Was meistens ein Vorteil war, weil nie herumgeredet wurde, und alle Energie in die Umsetzung ging. Die Einstellung aller war: „Der Bhagwan wird schon wissen, warum, wieso und wozu!“ Sheela und ihre „Gang“ tat auf „bossy“, aber sicher im Auftrag Bhagwans. Die „Worshipper“ waren auch meist gut gelaunt, und „machten drauflos“, was gerade eingeteilt war.
Dabei bekamen auch die persönlichen Befindlichkeiten – als Ego-Trips bezeichnet – tatsächlich immer weniger Bedeutung: Liebeskummer, Liebesfreude, Beziehungserlebnisse, auch Krankheiten, und Anderes. Das alles konnte sein, wurde aber nie zum Thema gemacht. „Ganz entspannt im Hier und Jetzt“, so lautet auch der Titel des weltbekannt gewordenen Buches des Stern-Reporters Jörg Elten6, der sein Ankommen in Poona 1978 darin ausführlich und persönlich beschrieb. Die meisten dort Tätigen konnten sich damit in etwa identifizieren.
Der Kern dieser Bewegung schloss sich dann eben als Community zusammen, kaufte schließlich (um ca. 5 Mio. US-$) eine abgeweidete Schaf-Farm im Zentrum des riesigen Bundesstaates Oregon im Nordwesten der USA, und brachte in weniger als fünf Jahren diesen Landstrich (von der Fläche Groß-Hamburgs) gut re-naturiert (hinsichtlich Wasserläufen, Bodenbeschaffenheit etc.) zum Blühen. Es waren allerdings auch mehr Akademiker in der Community als Ungelernte, insbesondere aus Deutschland, Holland und England, auch aus den USA und Australien. Kaum jemand kam – wie bereits ausgeführt – aus den romanischen, wenige nur aus den asiatischen Ländern und praktisch keine aus den afrikanischen oder arabischen Staaten.
Nach vier bis fünf Jahren steilen Aufstiegs vom Zeltlager zur Kleinstadt mit Flughafen und eigener Wasserkraftanlage, brach allerdings die Community an – zuvor kaum wahrnehmbaren – internen Spannungen zusammen. (Meines Erachtens nach wahrscheinlich letztlich aufgrund von Spannungen zwischen Osho, dem Meister, und Sheela, der Generalsekretärin, und einigen Cliquen rund um diese zwei Zentralpersonen. Man sprach eben von einer „Frauen-Gang“ in der Geschäftsführung, was aber unbedeutend war, wenn in den Augen aller Worshipper alles letztlich „irgendwie von Bhagwan angeleitet kam“. Dazu kam Druck von außen, vor allem durch US-Behörden, mit denen es sich die Community – unnotwendigerweise eskalierend trotz anfänglicher willkommener Aufnahme in Oregon – verscherzt hatte.)
Aus meiner Rückschau könnte alles aus einer übertriebenen Arroganz hervorgegangen sein, die im Ursprung nicht von den Sannyasins, sondern vom Meister selbst ausging, und von der Generalsekretärin in ihrer persönlichen Art (als große Selbstinszenierung einer Sekten-Powerfrau, nie vom Meister kontrolliert oder gar eingebremst) ins Rampenlicht gebracht wurde. Über all dies erlaubte sich aber keiner der spirituellen Schüler (darunter etliche Dozenten, Universitätsprofessoren, Manager etc.) ein Urteil, auch innerlich nicht. Man machte einfach brav mit, und hatte eigentlich ganz überwiegend „eine gute Zeit“ dabei, wie die meisten Interviewten aussagten (mit diversen Sendern und Zeitungen kamen mit der Zeit doch viele öffentlich gemachte Gespräche zustande).
Dass der Meister bis zu 93 Rolls-Royce Autos anschaffen ließ7, um mit jedem einen Tag auf ein „Drive-by“ zu fahren, wurde von den meisten Schülern als Gag begriffen, der die Aufmerksamkeit des materialistischen Westens auf die Schaufel nehmen sollte – quasi in Konkurrenz mit all den Aufmerksamkeit-suchenden Werbelinien und Polit-Kampagnen. Und dieser Test wurde in den Augen der Schüler des Meisters, aber auch in den Augen etlicher Künstler erfolgreich bestanden: Und so wurde auch eher belächelt, wie sehr sich die „bürgerliche Welt“ gerade nur darüber (!) aufregen konnte (Schlagzeilen machend: es gibt ja tausende Sekten immer wieder, aber nur diese schaffte damit die meisten Schlagzeilen ohne jemandem weh zu tun: die vielen Rolls-Royce wurden danach mit großem Gewinn an Sammler verkauft).
Mit der Zeit waren aber doch Etliche in der näheren Umgebung der zwei Zentralfiguren „irritiert“ – durch die eher unerleuchteten („shakespear’ischen“) Cliquen-Kämpfe an der Spitze. (Deren genauere Geschichte harrt noch der Aufarbeitung. Aufzeichnungen dürften eventuell bei der Universität Portland / Oregon und der Sannyas-Bewegung in den Zentren Poona, Zürich und Köln zu finden sein. Eine auf Objektivität bedachte Studie des Journalisten Sven Davisson bietet wahrscheinlich einen der besten Einstiege zur Bewegung rund um Osho und in die Geschichte von Rajneeshpuram8.
Jedenfalls war „Bhagwan-City“ ein neuartiges, großangelegtes und für viele nach wie vor großartiges Experiment, eine echte Alternative (aber eventuell mit grundlegenden Fehlern) zum bürgerlichen Gesellschaftsmodell produktivistischer Art (sei letzteres mehr kapitalistisch oder mehr sozialistisch angelegt9).
Auch die eher „unerleuchtet“ wirkenden Interviews des Meisters mit anreisenden Journalisten nach dem Abflug der im Streit abgereisten Generalsekretärin Sheela (wo er auf Sinn-Fragen zynisch meinte, er könne dem Journalisten mal gern sein Badezimmer zeigen) ließen viele im „Nirgendwo“ (ob gewollt?). Die „erleuchtetste“ Erklärung dafür wäre, dass der Meister sich absichtlich dumm, und somit als „Heiliger unbrauchbar“ machen wollte, wozu auch die Inszenierung des Streites mit Sheela gehören könnte, die aber auch noch heute in Interviews ihre Irritation andeutet.
Das „als Heiliger unbrauchbar“ zu sein wäre dem Meister somit wohl gelungen, eventuell als das „Über-Meister-Stück“ in der Geschichte, da er schon in Poona I angedeutet hatte, er werde seine Kommune nicht in die Versuchung bringen, eine Art durchorganisierte große Kirche zu werden, dessen Fundament ein „heilig-zu-machender-Gründer“ sei. Seine Vorträge („Lectures“ genannt) werden jedoch nach wie vor sehr nachgefragt, seine Bücher auch. Und nun immer mehr auch von Leuten, die erst nach seinem Tod von ihm erfuhren, oder durch Zufall auf ein Buch von ihm stießen.
3. Schlussfolgerungen
Welche Schlussfolgerungen könnte man nun – bezogen auf das „basisdemokratische“ Experiment Unibrennt einerseits und das „zentralautokratische“ Experiment Bhagwan-City andererseits, beide als Prototypen und im Vergleich verstanden, ziehen?
Struktur der Organisation
+ Ohne bewusst verfasste Struktur irgendeiner Art (festgelegt in einer Form von Verfassung) ist jede Organisation nach kurzem – wie im gegebenen Fall von „Unibrennt“ und wahrscheinlich allgemein – nicht über längere Zeit lebensfähig, selbst bei bestem Willen, großem Engagement und hoher Intelligenz. Es kommt zur sozialen Implosion aus Selbsterschöpfung der tragenden Initiatoren, vor allem wegen ideologisch „zwänglerischem“ Vollpartizipationswunsch aller an allen Entscheidungen (eine Art „Basisdemokratie total“ – wie im Fallbeispiel Unibrennt).
+ Bei pyramidaler Struktur mit hocheffektiver Durchorganisation kommt es – selbst bei einem (auch noch so erleuchteten) spirituellen Meister an der Spitze – zu einer „Pharao-Herrschaft“ ohne Korrektur-Kommunikation. Und sodann relativ bald zu einer Implosion aus psychischer Selbstunterdrückung aller kritischen Regungen bei den vielen, ggf. tausenden Teilnehmern (trotz großartiger Leistungen, meist von Schülern des Meisters in einer Haltung von „total surrender“). Dies bewirkt, wie bei der Sannyasin-Kommune Rajneeshpuram/Oregon, lange Strecken ohne Kritik und also ohne Korrekturen der politischen Struktur(en).
+ Zusammenschauende Hypothese:
Es scheint also sinnvoll, eine „angemessene“ soziale Struktur bewusst zu bilden. Angemessen dem äußeren „Kontext“ gegenüber, und angemessen der inneren „Kultur“ gegenüber. Die Struktur soll der „gegebenen Herausforderung“, die gewöhnlich aus den umfassenden Bedingungen historisch hervorgeht, gerecht werden.
„Strukturablehnung“ (wie Unibrennt zeigt) ebenso wie eine „Strukturtotale“ (wie Rajneeshpuram zeigt) kann dem kaum gerecht werden. Eine strukturelle Balance als Leitbild in einer Ordnung von Freiheit und Sicherheit könnte aber in der Informationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts jeweils sorgfältig gesucht und auch gefunden werden (und sodann eine gewisse Entscheidungs-Hierarchie, eine gewisse Verantwortungs-Elite und auch eine gewisse offizielle und allgemein anerkannte funktionale Rollenteilung beinhalten). Diese sollte korrektur-offen sein im Bewusstsein der Imperfektion jedes Menschen, der Menschheit insgesamt und aller menschlichen Werke, inklusive der politisch-gebildeten Strukturen. „Balance“ scheint einfach als Konzept, aber im Vollzug sehr schwierig zu sein – große Leistungen gehen oft mit einem Vollkommenheitswahn oder zumindest einer Vollkommenheitssehnsucht einher. In einer Balance-Konzeption darf, kann und muss die sogenannte Elite Verantwortung für die Entscheidungsfällung haben, aber auch deren Folgen in angemessener kultureller Ausrichtung und angemessenem Ausmaß (er)tragen. Damit wäre immer noch viel Freiraum für kulturelle Vielfalt und selbstbestimmtes (Privat)-Leben geschaffen.
FAZIT: Der Hausverstand würde einen „vernünftigen Weg“ vorschlagen, der weit von jedem der Extreme entfernt ist, aber auch von den offensichtlichen Schieflagen der autoritär-globalisierenden oder neoliberalen Gesellschaftsarchitekturen abweicht (letztere sind heute zumindest in den OECD-Staaten vorherrschend), schon aus ökosozialen Gründen.
Die nächsten „Schritte“ müssen nicht unbedingt genau in die Mitte von Althergebrachtem führen. Denn das Soziale, das Leben in Gesellschaft ist vieldimensional. Jede Skalierung auf einer Dimension wird dem nicht gerecht. Auch ein Pendelschlag von einem Extrem in ein anderes ist als gewollte Lösung naiv und nicht sinnvoll.
+ SEED (Secure Base Earth Equilibrium Development) schlägt daher (wie in dem Buch „Der Umbau der Titanic“10, schon breiter ausgeführt) – ganz undogmatisch und vorläufig – in dieser Situation am Beginn des 21. Jahrhunderts eine global-lokale Balance („Glo-c-al Balance“) vor. Wie wäre in dieser Orientierung sodann insbesondere „Freiheit und Sicherheit“ – zunächst einmal provisorisch als Start in die Zukunft – in Balance zu bringen? Kern einer solchen Sozialarchitektur, die ökologisch und sozial „generationentauglich“ sein soll, ist – auf die kürzeste Formel gebracht:
(a) die Unterscheidung von Infrastruktur und Nicht-Infrastruktur, und deren entsprechend unterschiedliche Handhabung (von der Verfassungsebene bis zur Lokal-Ebene, wobei
Infrastruktur-Gestion nur im Gemeinwohl-Interesse
legitim und legal ist);
(b) die
Teilhabe
aller Bürger des 21. Jahrhunderts an der jeweiligen teil-souveränen (schließlich welt-verbundenen) Gesellschaft über einen Demokratischen Grunddienst (DG) und eine Grundsicherung (GS) für alle (mit monetären und nicht-monetären Komponenten);
(c) die Verankerung von
Globalkooperation durch Globalabkommen
(die vor allem die Ressourcenfrage zukunftsfähig eingrenzen soll, was dann auf alle Souveränitätsebenen klar durchschlägt), und
(d) die Verbindung von
Innovationskraft durch Eigeninitiative (Entrepreneurship)
in allen selbst-gewählten/verfassten Organisationsformen (mit der Möglichkeit von „alle entscheiden alles“ bis „einer entscheidet alles“, und allen Möglichkeiten dazwischen) mit der Stabilität von gemeinwohlorientierten Infrastrukturen auf allen Ebenen.
Mit diesen vier Komponenten – möglichst gleichzeitig in Kraft gesetzt – sollte hinsichtlich des Ressourceneinsatzes eine „Verschlankung der Gesellschaft“, die also mehr Lebensqualität bei weniger Ressourcendurchsatz weltweit ermöglicht, gelingen können. So sollten Haushalte und Öffentlichkeit sich gut entwickeln können. Ein gesunder, wenn auch güter-schlankerer Lebensstil kann sogar mehr Gerechtigkeit und Schönheit bringen, und auch neue Ebenen erforschbar machen: Der Weltraum ist die wirklich große noch „fast unbegangene“ Zukunftsebene, die aber hier nur angedeutet wird, aber bald „angeplant“ werden könnte, – und wozu die Erde als „secure base“ (!) sichergestellt werden muss. Die weltweite Einigung auf ein „Secure–Base–Ziel“ ist also ein deutlicher und global vorstellbarer „Nebenzweck“ beim Auftakt einer neuen Ära. Hauptzweck und Leitbildgeber ist und bleibt Lebenssicherung, Lebensfreundlichkeit und Entwicklungsfähigkeit – des Menschen und allen Lebens – auf dem Planeten Erde.
+ Wenn man SEED (nur) als Transitions-Modell betrachtet, so könnte ein Überdenken des Modells von Rajneeshpuram (nennen wir es „Campus-Modell“, gemäß den Leitsätzen „Spielerisch Bewusst Leben“ und „Arbeit als Meditation“)“ auch näher zu überlegen sein:
Nach einer gewissen Übergangszeit könnte man tatsächlich ganz neue Modelle des „Zusammen-(Über-)Lebens“ des Homo sapiens auf dem Planeten Erde ausprobieren.
Rajneeshpuram scheiterte unter Anderem an der Autokratie- und der Diplomatie-Frage. Macht war zu sehr in einem Zentrum konzentriert. Schüler des indischen Meisters Osho schrieben zwar danach ein „Manifesto“ einer „Coincidentia oppositorum“11, einer Theorie, dass die soziale Zukunft eine starke Zentralisierung und eine starke Dezentralisierung vereinigen müsste3, aber dies wurde bislang kaum erreicht, wäre aber weitere Experimente wert. Die Größe der Community reichte in Oregon zunächst nur für eine zentralisierte Einheit, und erreichte schon dabei eine unkorrigierte Schieflage.
Stärken, Schwächen und Verbesserungsmöglichkeiten
Wo lagen die Stärken und Schwächen des in Rajneeshpuram gelebten Modells, in welcher Hinsicht gibt es Möglichkeiten der Korrektur und der Verbesserung?
Die entscheidenden „positiven“ (lebensfreundlichen) Momente in Rajneeshpuram (Oregon, USA) waren:
+ Es gelang „spielerisch“, mit allen Mitarbeitern die Arbeitssituationen als Meditation(en) zu organisieren. Sie kamen aus der Meditation – und sie praktizierten Arbeiten als Meditation weiter (im Sinne des „Worshippens“).
+ Dadurch war es auch kein Problem, alle Mitspieler „klösterlich“ als Geschwister zu sehen. Gleiches Essen, gleiche Wohnsituation, gleicher monetärer Null-Lohn. Aber die „Community“ hatte für alle Lebensnotwendigkeiten gesorgt. Sie war praktisch (fast) autark. (Allerdings kaufte und verkaufte sie: Sie kaufte technische Geräte ein, verkaufte Gemüse und Ähnliches aus ihren Großgärten. Und sie bezog auch viel Geld (in Weltwährungen aller Art) aus den „Apanagen“ der Einsteiger und den Spenden der Sympathisanten).
+ Formen von „Working Meditation“ – im Gegensatz zu „strengernsten“ fremdbestimmten Erwerbstätigkeiten (vom Tellerwäscher bis zum Millionär, wo es gilt, die Zähne für ein fernes Ziel zusammenzubeißen) – könnten tatsächlich eine Lösung für viele normale allgemeine soziale Spannungen sein.
Zumal auch „Liebesglück – ja oder nein“ nicht zu einem weitgefächerten sozialen Problemfeld wurde: Es war dort (und ist noch) so in Poona, dem auch kommerziell orientierten, aber schön ausgestalteten Meditations-Ressort als Nachfolger im Zentrum Indiens. Es war normal, beides zu haben, mal so (Lust), mal so (Arbeit). Ja sogar, dass einige mehr von dem, weniger von dem anderem hatten. Und dabei verschwindet auch das „Gewinner-“ (the winner takes it all“), und „Verlierer-Syndrom“ („loser, loser ...“). Solange man zur Gemeinschaft gehört, ist alles ok – mal da und mal dort zu leben, also möglichst bewusst zu existieren. Und in der Gemeinschaft darf man auch als verschlossene Person, als Spaßmacher-Person, und in allen Facetten dazwischen leben. Man trägt ja seinen geregelten Teil in irgendeiner Worship-Arbeit bei, und ist dann Herr seines Rückzugsraumes.
Wo lagen die Schwächen?
+ Machtspiele entwickelten sich – wie überall – auf eigenartige Weise und konnten offenbar auch dort nicht „weg-meditiert“ werden (was man ja auch schon von diversen Klosterhistorien weiß). Macht wurde jedoch als Konflikt auch kaum bearbeitbar, da es an der Spitze eine „erleuchtete“ und also unantastbare Person als Instanz gab, die nicht in Frage gestellt werden durfte. Derart Ausgeblendetes müsste also auch hier neu, tiefer und breiter überlegt werden, sollte man es für eine breitere Anwendung umsetzen wollen.
+ Kinder bekommen und aufziehen war kein Thema, und also auch nicht geglückt. (Familien gab es also (fast) keine in der Organisation der Campus-Community.) Das Thema wäre neu zu bearbeiten, etwa in Vergleichen mit anderen Communities mit Familien. Könnte es gelingen? – Warum nicht.
Was wäre also zu lernen bzw. zu verbessern?
+ Neue Groß-Familien ermöglichen
+ Was den Umgang mit Kindern betrifft, können Anleihen an dem postpädagogischen (nicht-erzieherischen) Konzept der „Amication“ von Hubertus von Schoenebeck genommen werden12. Amication steht dabei für den Versuch, Kinder als Freunde und nicht als Dressurobjekte zu verstehen und zu behandeln (Stichworte „Unterstützen statt erziehen“, „Freundschaft mit Kindern“, „Selbst-Verantwortungs-Training“).
+ Periodische Wahlen abhalten
Der zentrale Führungsstab – oder jedenfalls zumindest die Generalsekretärin – sollte etwa alle „n“ Jahre neu gewählt werden können. Wiederwahlen mit einer gewissen Begrenzung (etwa bis zu 4-mal) könnten möglich sein. Auch dies wäre nicht viel anders als in einem normalen Staat der OECD in den Post-2000er-Jahren. (Kurz, eine richtige Verfassung würde sich notwendigerweise entwickeln.)
+ Güterverteilung
Der entscheidende Unterschied zu einem Marktmodell mit Gewinnmotiv (wenn auch das bereits kurz erläuterte SEED-Modell dies nur für die Nicht-Infrastrukturbereiche vorsieht) liegt in der
+ A-priori Gleichverteilung der Güter per capita (womit das (neoliberale) soziale Hauptproblem – Güter-Status als Ranking-Leiste – im Prinzip abgelöst wäre), und in
+ der Vollversorgung mit allem Lebensnotwendigem (Nahrung, Wohnen, Medizin) und einer Art Versicherung aller Mitmachenden.
Allerdings ist alles nur realisierbar, solange die Organisation funktioniert. Diese war in beiden Großexperimenten jedoch noch nicht auf staatlicher Dimension erprobt. Dort war also alles doch relativ klein, letztlich relativ abhängig von den umgebenden Behörden und der Meinung des Volkes rundum, aber dies ist noch kein prinzipielles Gegen-Argument, sondern ein erweitertes Experimentierfeld. Wenn Erfolg generell nicht so bier-ernst genommen wird, und wenn grundsätzlich alle mit allem Lebensnotwendigem versorgt sind, wird auch die eigentlich alberne Statusfrage – in Familie, Schule, Berufsarbeit, etc. – sekundär; man kann sich auf die Existenz in Meditation in allen Lebenslagen hin orientieren, Sozialstatus hin oder her.
+ Die Arbeit als Meditation
Damit ist der Lohn durch das Dabei-sein, Tätig-sein, Mit-tun und Versorgt-Sein schon eingelöst. Organisierte Arbeit löst die Probleme der Versorgung, zwar je nach Gelingen mehr oder weniger gut, aber im Prinzip komplett. Solange diese Art Meditations-Organisation lebendig funktioniert, sind alle in etwa gleich gut grundversorgt. Sie werden auch, gesteuert durch einen Planungsstab, für mehr oder weniger passende Stellen eingesetzt, um die notwendige Arbeit zu leisten. Es gibt also kein Bewerben, Suchen, Bangen, Feilschen, Verhandeln, Verträge-machen etc.; nur ein „Dazu-gehören“ und „Tätig-sein“ ist wichtig. So kann das Gemeinwohl leicht vor das Partikularwohl von Unternehmen als Einzelorganisation gestellt werden (niemand macht ja intern „Gewinn“).
Und tatsächlich war auch dort schon dies meist deutlich auf das Gemeinwohl im Aufbau ausgerichtet. „Dabeisein“ gibt Identität und Aktivität. Und es ergibt sich viel Freiraum – nach innen und auch nach außen, den der Einzelne für ein „Gutes Leben“ nützen könnte.
+ Macht?
Alles spitzt sich also (etwa wie in der Katholischen Kirche) auf die Frage zu: Wer bestimmt das „Gemeinwohl“, wie kommt es dazu? Diese Macht wird dann wohl jeweils beim obersten Planungsstab liegen; und ob periodische Wahlen die aufgestauten Probleme (einigermaßen, wer braucht schon Perfektion?) lösen können, bleibt zu sehen. Prima vista könnte es auf eine „ent-plutokratisierte13“ Demokratie-Variante hinauslaufen.
Da alle gleich versorgt sind, und tätig sind, wo sie eingeteilt werden (was früher „Arbeitsplatz“ hieß), wird die Balance der Macht über die Dauer zum Kernproblem werden. Ohne Meister, der über alles erhaben ist, auch normalerweise nicht in Frage gestellt werden kann, wird es hin und wieder dazu deutliche Spannungen geben. Sie werden eben gelöst werden müssen, mit der Zeit immer mehr ohne den Sozialkitt einer tragfähigen Hingabe von Schülern an einen spirituellen Meister (Sannyasin-Sein). Also eher mit normaler Justiz und mit Wahlkämpfen (= also demokratisch). Marktgeschehen wird es geben können, wäre aber zweitrangig geworden – durch zentrale und dezentrale Planung zu einem Großteil ersetzt. Cliquenkämpfe in den Planungsebenen, als „verdeckte Graben-„ oder „offene Rede-Kämpfe“, eventuell auch als (kleine) Verschwörungen, werden wohl nicht abzuschaffen sein.
Wie würde man damit fertig? Und dabei konstruktiv genug, um „Lebensfreundlichkeit“ zentral zu erhalten? Jedenfalls müssten Macht und Machtspiele (bzw. -kämpfe) thematisiert werden, wie übrigens überall; keine Organisation ist a priori davor gefeit (weder konfessionelle, noch ethnische noch sonstige Organisationen; und wie man sah, eben auch Rajneeshpuram nicht). Und die Austragung dieser sollte innerhalb kontrollierbarer Grenzen stattfinden, beispielsweise um öffentliche Ämter – eben auch öffentlich transparent! Ein Stufenbau von Rechtsordnung(en) von lokaler bis zu globaler Ebene könnte diese Grenzen sichern. Aber wer sichert die Sicherung? (So sind wir wieder bei Platon angelangt: Wer wird die Wächter bewachen? …)
Letztlich sichert die jeweils geltende Rechtsordnung immer die- oder derjenige, die oder der die tatsächliche Macht hat. Zuvor geht sie historisch aus den Auseinandersetzungen der sozialen Kräfte hervor. Dies wird sich wahrscheinlich eine Zeitlang historisch nicht viel anders weiterbewegen können – von Herausforderung zu Herausforderung. (Eine „Secure-Base-Grundthese“ könnte dabei (soweit voraussehbar) für alle der „vernünftigste“ Ansatz sein, weit von perfekt, aber das kann und soll ja gar nicht angepeilt werden: die provisorisch bestmögliche Lösung ist gut genug!)
+ Neue Herausforderungen für die Zeit nach der Aufbauphase
Für die Zeit nach dem Aufbau wird man sich eventuell viele „olympische Spiele“ einfallen lassen müssen, um gemeinsam reizvolle Betätigungsinhalte zu haben, oder man macht gleich mit „Secure-Base für exoplanetarische Expeditionen“ ernst. Dies kann meines Erachtens das wirklich große neue Ziel der Menschheit werden. Alle einend als Mannschaft im Weltraum, wo „anthropologische Konstanten“ und so auch die Rivalität nicht (voluntaristisch) abgeschafft, aber allgemein anerkannt in die zweite Reihe gestellt werden können, wie bei einer Fußballmannschaft im Turnier. Und auch nur das nahe gelegene (!) Universum ist wohl die größte derzeit denkbare Liga.
4 Quelle: Protokoll von 25 Stunden teilnehmender Beobachtung – beim IfS, Wien (Institut für Sozialanalyse) dokumentiert.
5 Wikipedia v. 15.3.2012: „Der Begriff Autokratie (griech. αυτοκρατία, von αυτός, autós, „selbst“, und κρατείν, krateín, „herrschen“) bedeutet Selbstherrschaft. Als Autokraten (grch. αυτοκράτης, autokrátes, „selbst Herrschender“) bezeichnet man dementsprechend einen Allein- oder Selbstherrscher, der in einem bestimmten Gebiet die Herrschaftsgewalt aus eigener Machtvollkommenheit ausübt und in seiner Machtfülle durch nichts und niemanden eingeschränkt ist.“
6 Elten (1979)
7https://de.wikipedia.org/wiki/Osho (abgerufen am 12.1.2021)
8 Davisson (2003)
9 Vgl. die Bücher von Alain Lipietz, z.B. Lipietz (1993)
10 Rauch/Schriefl (2015)
11 Valcarenghi et. al. (1990)
12 von Schoenebeck (2004), https://www.amication.de/hubertus_von_schoenebeck.html (abgerufen am 17.1.2021)
13https://de.wikipedia.org/wiki/Plutokratie (abgerufen am 19.1.2021): „Die Plutokratie (altgriechisch πλουτοκρατία plutokratía „Reichtumsherrschaft“, von πλοῦτος plútos „Reichtum“ und κρατεῖν krateín „herrschen“) oder Plutarchie (ἄρχειν archein „anführen“) ist eine Herrschaftsform, in der Vermögen die entscheidende Voraussetzung für die Teilhabe an der Herrschaft ist, also die Herrschaft des Geldes (Geldherrschaft; sinnähnlich auch „Geldadel“ genannt).“
Kommentar von Wolfgang Berger
Grundsätzlich finde ich es interessant, die zwei Gesellschaftsexperimente „Ohne Struktur“ und „Pyramidale Struktur“ gegenüberzustellen. Reduziert auf die Betrachtungsweise des organisatorischen Aufbaus sind dann auch die Schlussfolgerungen richtig (Implosion).
Zu bedenken möchte ich aber zwei Punkte geben: Erstens ist für mich fraglich, ob alle pyramidalen Strukturen zu einer Implosion führen. Wenn man z.B. die christlichen Kirchen ebenfalls als pyramidale Strukturen sieht, so muss man feststellen, dass diese bereits mehrere Jahrtausende bestehen. Ein anderes Beispiel ist die „Scientology Sekte“, die ebenfalls wirtschaftliche Aufschwünge erfährt. Der zweite Punkt besteht für mich in der Intention der pyramidalen Spitze bzw. der Autokraten: Und zwar insbesondere, ob die Leitfiguren/Autokraten von der Ausübung und Vermehrung von Macht geleitet sind oder ob, wie im Falle von Osho, die Intention darin besteht, ein „Buddhafeld“ zu kreieren, d.h. eine Situation entstehen zu lassen, in der möglichst viele Menschen die optimalen Bedingungen vorfinden, um in ihrer spirituellen Entwicklung voranschreiten zu können.
„Wirkliche“ spirituelle Leitfiguren wie Jesus, Buddha, diverse Zen-Meister oder (zumindest für mich) Osho kreierten solche „Buddhafields“ und ich tue mir schwer, diese – wenn man so will – „Menschenansammlungen“ um spirituelle Leitfiguren, die ihrer Intention entsprechend keine Gesellschaftsprototypen oder alternative Gesellschaftsformen entwickeln wollen, als pyramidale Strukturen mit anderen politisch oder macht-intendierten pyramidalen Strukturen zu vergleichen.
