Glo-c-al Balance - Herbert Rauch - E-Book

Glo-c-al Balance E-Book

Herbert Rauch

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Beschreibung

Schwerpunkt des Buchs ist die Vorstellung und Diskussion des SEED-Konzepts. SEED steht für "Secure-Base Earth Equilibrium Development". SEED ist ein Konzept, in dem das Primat der Lebensfreundlichkeit die gesamte "Zivilisations-Architektur" des 21. Jahrhunderts prägen soll (so z.B. "Lebensplatz vor Arbeitsplatz", d.h. weg vom Wachstumsdogma, hin zu "Regenerativität"). Das Konzept wird auf drei Ebenen beschrieben: der globalen, der institutionellen, der instrumentellen Ebene. Nach einleitenden Grundgedanken und einer Konkretisierung des SEED-Konzepts wird dieses in einem Kommentar-Teil aus verschiedenen Perspektiven diskutiert.

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Seitenzahl: 489

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Für

Richard Douthwaite

Wir möchten dieses Buch dem großartigen Vordenker, inspirierenden Autor, Gründer und Leiter der irischen NGO "FEASTA" Richard Douthwaite widmen, der u.a. auch Hauptreferent der ESD-SUSFOR Konferenzen 2006 und 2008 in Wien war. Leider musste er 2011 – viel zu früh – diese Welt verlassen.

Abstract

SEED (Secure-Base Earth Equilibrium Development) nennt sich die in der Folge dargestellte Architektur von Impulsen für ein Zivilisationskonzept, das seine Skizzen auf drei Ebenen abhandelt:

Global (Abkommen zur Sicherung der Ökologie und der Menschenwürde (Rechte/Pflichten und Subsistenz)),

Institutionell (Codewort „MOWI“: Marktfreiheit, Organisationsfreiheit, Währungsfreiheit, Investitionsfreiheit als lex generalis – die durch die strikt ökosozialen leges speciales als starkes Regelwerk „gerahmt“ werden),

Instrumentell (Codewort „AGORA“: Ausbau der Demokratie, Demokratischer Grunddienst und Grundsicherung, Ordnungssteuern, Reguliertes Einkommen, Agenturenvielfalt).

Angelangt in der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts müssen wir zudem aber auch erkennen, dass „grenzenloser Wohlstand und auch grenzenlose Emanzipation“ – selbst wenn diese für alle erreichbar wären – keine Lösung für „erfülltes Leben“ sein können. Lebenswert ist ein Leben mit Chancen – wert der Begeisterung: Dafür stehen tatsächlich erstmals in der Menschheitsgeschichte ungeahnte neue Tore offen. „Genug für alle“ (Suffizienz) ist Voraussetzung – und erreichbar. Erstmals werden so aber auch großartige Dimensionen in Raum und Zeit (nach innen und nach aussen) dem Menschen zugänglich.

Die Menschheit braucht dazu jedoch in jedem Fall eine „sichere Lebensbasis“(„Secure-base“). Eine solche ist derzeit nur auf diesem unserem Planeten Erde möglich. Daher schlagen wir in SEED als Orientierungsideal sehr strenge ökologische „Limits“ vor (etwa das „1er-Ziel“: 1 ha Äquivalent ökologischer Fußabdruck pro Kopf, und 1°C Klimaerwärmung – sollen nie überschritten werden). Wenn Derartiges klar genug und mehrheitsfähig wird, können sich auch die praktischen Schritte realisieren, die dazu nötig und hoch an der Zeit sind, zunächst vor allem:

Ein

globaler Grundkonsens

, festgeschrieben als Basis eines auszuhandelnden

„Global-Deal“

, einem zeitgemäßen globalen Abkommen, das den zerstörerischen „globalisierten“ Standortwettbewerb beendet und starke Rahmenregeln setzt (inkl. einer gegenseitigen Zusicherung von Menschenwürde, rechtlich, subsistenzmäßig u.ä.m.).

Jeder Teil-Souverän (Region, Staat etc.) kann dann alle Folgeschritte „nach seiner Facon“ (

Subsidiaritätsvorrang

schafft Dezentralisierung) umsetzen. (Etwa eine

„Schubumkehr“

bei den Neuressourcen mittels „progressiven Verbrauchssteuern/ Staffeltarifen“; diese und ähnliche Schritte für alle Kernbereiche werden im Haupttext näher ausgeführt).

Nimmt man nur die Laufrichtung der gegenwärtig zivilisatorischen Eigendynamik in den Blick, scheinen die Aussichten für die Menschheit trüb. Wir müssen aber zugeben, dass der Mensch auch ein „Problemlösungs-wesen“ ist, das ohne Probleme nicht leben (eventuell sogar überleben) kann. So schienen viele Probleme, die sich der Menschheit in Laufe der Geschichte stellten, zunächst unlösbar, unüberbrückbar, wie heute. Genau diese Situation fordert aber die Lebenskraft in Form von Kreativität, Richtiger-Fragestellung-und-Konzentration-auf-deren-Lösung etc. so stark heraus, dass neue Perspektiven und Ansätze doch realisierbar werden können.

Inhalt

Abstract

Anstelle eines Vorworts – ein fiktives Interview

Der ökologische Fußabdruck im globalen Vergleich

Kurzfassung von “SEED”

Einleitung

Strategische Leitlinien

Drei Ebenen-Plan

Exkurs

A.

Einleitende Grundgedanken

(H. Rauch)

Warum und wozu - Utopie nicht Dystopie

EXKURS: Bevölkerungsentwicklung

Mentalräume und Grundbalance

Sozialräume

Grundkonsens am Beginn des 21. Jahrhunderts?

Politik, Milieu und Ökonomie

Selbst und Gemeinschaft

Funktionale Ordnung

Historische „Verortung“

Die Brennpunkte der „Sozialen Frage“

Die Brennpunkte der „Ökologischen Frage“

Vom Ende der Epoche des „Produktivismus“

Grundgedanken zur “Leitidee” von SEED

Das BALANCE-PRINZIP und die Souveränität

Die „A-G-O-R-A Gesellschaft“ als operative Balance von „Freiheit und Sicherheit“

Fragen an die derzeitige „Leitkultur“ der Wirtschaft

EXKURS: Denkmögliche Leitideen einer zukünftigen Zivilisation

Einheit und Vielfalt: Pionierfall „HAUS EUROPA“

EXKURS: Die „Gemeinsame Herausforderung“ als Ausgangspunkt für Strategieentwicklung

Eine Weltautorität – Ja oder Nein?

Gegenwärtig noch wirksame Grundsätze und Konzepte

Zukunftsweisende Grundlinien und Vorbilder

„Wandelschmiedende“ Allianzen

„Balance-fähige“ Zukunftsperspektiven (E. Morin, R. Douthwaite u.a.)

EXKURS: Richard DOUTHWAITE’s Erbe

EXKURS: Erfahrungen mit Transition

B.

Konkretisierung

(H. Rauch)

Die erste Ebene: Globale Ebene

Die 1. Stufe: Ein LEITBILD – Lebensfreundlichkeit als Generationenfähigkeit (Regenerativität)

Die 2. Stufe: Zwei KONTEXTBEDINGUNGEN im 21. Jahrhundert: Globalität und Ökologie

Die 3. Stufe: Drei GRUNDLINIEN: Jede eine Conditio-sine-qua-non

Exkurs: Strategische Orientierungen

Einleitung: Zum Modus der Transition

Acht strategische Leitpunkte

Die zweite Ebene: Institutionelle Ebene

Die 4. Stufe: Vier Freiheiten (M-O-W-I)

Die dritte Ebene: Instrumentelle Ebene

Die 5. Stufe: Fünf Instrumente (A-G-O-R-A)

Zusammenfassende Übersicht und Vergleiche

Ad 1. Aufgabe: Grundversorgung sichern

Ad 2. Aufgabe: Infrastruktur sichern

Ad 3. Aufgabe: Lebensfreundliches Milieu schaffen, insbesondere Menschenrechte sichern

Ad 4. Aufgabe: Sicherheit (Innere und Äussere)

Ad 5. Aufgabe: Wirtschaftskreisläufe

Ad 6. Aufgabe: Zukunftsfähigkeit

C.

Kommentare

Kommentar zum SEED-Programm (P. Heintel)

Gedanken zum Diskursbuch „Der Umbau der Titanic“ (G. Hoppenberger)

Kommentar zu den vier Freiheiten und fünf Instrumenten von SEED (E. Schriefl)

Ökologische Ziele in SEED

Wo lässt sich SEED in der Welt der Systemwandelvorschläge positionieren?

„Wie hältst Du's mit dem Wachstum?“

Sind die vorgeschlagenen Instrumente adäquat?

Sind die Vorschläge ausreichend? Wo könnte es Lücken geben?

Schlussbemerkung(en)

Was könnte das 21. Jahrhundert bringen? Szenarien und Thesen (E. Schriefl)

Grenzen der Belastbarkeit der Ökosphäre

Grenzen der Verfügbarkeit von Ressourcen

Zukunftsszenarien

Thesen zur weiteren Entwicklung im 21. Jahrhundert

D.

Glossar

Die (sieben) Gesellschaftsbereiche

Die Institutionenlandschaft

Die (zwölf) globalen Großregionen

Titanic I: Die Wende der Titanic

Der Washington Consensus

Die Hauptpunkte einer Wirtschaftsreform nach David KORTEN (Abstract der Publikation „Bailout“)

Menschenrechte und Menschenpflichten

Soziodynamik – die vergessene (verdrängte?) Komponente des Zukunftsdiskurses

Soziobiologie (Perspektiven und Kritik)

Die NGO „ESD“ (European Association for the Promotion of Sustainable Development)

Literaturverzeichnis

Teile A und B

Teil C

Abbildungsverzeichnis

Endnoten

Index

Die Herausgeber / Autoren

Anstelle eines Vorworts – ein fiktives Interview

Können Sie uns in drei Sätzen sagen, worum es in diesem „Gesellschaftskonzept“ geht – genannt SEED (Secure-Base Earth Equilibrium Development)? 2005 haben sie ja unter dem Titel „Die Wende der Titanic“ eine Kursänderung des Schiffes vorgeschlagen?

Nun, die TITANIC – eben Metapher für unsere gesamte planetare Zivilisation mit ihrer Technologie- und Sozialform – mit der wir diesen Planeten Erde derzeit „durchpflügen“, soll nun neben der Richtungsänderung (Wende der Titanic) am besten „KLAR-SCHIFF“ machen. Die Erdkruste, dünn wie eine Apfelschale im Verhältnis zur Masse des Apfels, soll bewusst zur „Secure Base“ (zur „Sicheren Basis“ für die Zukunft des Lebens auf dem Planeten und für den Aufbruch in eine neue Epoche) werden: Wenn alle voneinander lernen, können alle angemessen gut überleben, in einer Art „global-lokaler BALANCE“ (mit dem Ideal eines globalen „Einser-Zieles“: d.h. ökologischer Fußabdruck pro Kopf max. 1 Hektar-Äquivalent, und tolerable Erderwärmung: max. 1 °C). Das sollten wir in etwa 30 Jahren – mit sinnvollen aber zügigen Übergangsregeln – erreicht haben.

Das sind aber enorme Anforderungen?

Grenzenloses Wachstum und individueller Güter-Wohlstand kann wohl nicht alles sein, um das Leben zu erfüllen. Wieso haben wir etwa bei wachsendem Welt-BIP immer mehr Einsamkeit, Depression, Unruhen und Suchtgefahren (also Elend, auch bei Reicheren) und wachsende Armut (in aller Welt)? Und dies trotz gut über hundert Jahre historischer Versuche mit Sozialismus und Kapitalismus. Eine neue Epoche wird vielleicht durch den Sprung zu ganz anderen Zielen charakterisierbar werden. Wie auch immer, in jedem Fall brauchen wir diesen Planeten als „Secure-Base“.

Wir sollten also zunächst auf dieses „Sichere-Basis-Ziel“ hinarbeiten, unsere Zivilisation „regenerativ“ machen (und das wird wohl eine Art umfassende Kreislaufwirtschaft sein, wie u.a. Michael BRAUNGART ausführt), wo wir z.B.

mit umfassenden Globalen Abkommen den Rahmen für „Ressourcen-Vernunft“ legen,

mit Regionaler Subsidiarität die Grundversorgung jeweils vor Ort sichern,

mit unternehmerisch-organisatorischer Innovation (etwa steuerlich eine „Schubumkehr zu Upcycling“ massiv fördern u.a.m.) echte Generationenfähigkeit mit großen Schritten voranbringen (ein „Global-Eco-Deal“ wäre eine sinnvolle Option für alle).

Vom Sirius, dem schönen fernen Stern, aus gesehen könnte man sagen: „In der eigenartigen Spezies Mensch streitet man sich noch immer über obsolet gewordene Wachstumsprobleme, obwohl das Gegenteil notwendig ist.“

„KLAR-SCHIFF“ heisst

„natursaubere“ Ozeane,

„intakte“ Vegetation und Fauna,

vernünftige zukunftsfähige Lebensweisen („Buen-Vivir“) für alle (die sogar „erfüllender“ sein können als jene in der güter-betonten Ära, die so oder so zu Ende geht …).

Die Lebensfähigkeit der eigenen Spezies auszubauen, heisst heute, das „Güterwachstum“ hinter sich zu lassen, und die 4 R: „Rohstoffsparsamkeit, Regionalisierung, Re- bzw. Up-cycling, Reparatur“ primär voranzustellen. Ein Weggehen vom „Mehr“ wird sodann freigespielte Leistungskapazitäten bringen, die es erlauben, auch neue Tore und Dimensionen zu öffnen. (Über die Hälfte der Erwerbsarbeitsbevölkerung arbeitet heute noch zum Schaden der kommenden Generationen – für eine Wegwerfgesellschaft und deren Produktkreisläufe). Das ist alles schon mehr oder weniger bekannt. Es kann aber nicht ruck-zuck, quasi über Nacht, ganz anders werden. Übergangsregelungen für eine neue Epoche wird es wohl brauchen, und darum geht es in dem hier anskizzierten „Gesellschafts-Gebäude“ SEED: der Schaffung einer entwicklungsoffenen planetaren Zivilisation der „Secure-Base“.

Sind dann dort alle gleichgeschaltet, gibt es keine Unterschiede mehr?

Alle Menschen sind einzigartig, also auch sinnvoll differenzierbar. So sind in SEED auch angemessene Unterschiede in Einkommen und Vermögen möglich – je nach Funktion und Leistung, und auch hinsichtlich des vorgegebenen Besitzstandes (aber „vernünftig“ und nicht „gemeinwohlgefährdend“). Das Gemeinwohl im 21. Jahrhundert erfordert ja, dass wir insgesamt den „Neuressourcendurchsatz“, d.h. das, was wir aus der Erdkruste (inkl. der Atmosphäre) entnehmen und in ihr wieder deponieren, auf einen Bruchteil des heutigen Durchsatzes herunterfahren, und so ein „regeneratives System“ ermöglichen.

Alles unwahrscheinlich - was dann?

Wir könnten als Spezies auch untergehen, als zu träge und unflexible Primatenabkömmlinge, zumal wenn Demokratie zu langsam reagiert. Aber es wäre schade, die Erkundung neuer „Räume“, ja eventuell die Existenz der Spezies, wegen lächerlicher Güterbesitzstreitigkeiten oder veralteter Gottesvorstellungen aufs Spiel zu setzen. Zumal ein Leben auf dem MUTTERSCHIFF „ERDE“ für die Menschheit in einer Zivilisation mit viel individueller Freiheit und sozialer Stabilität bereits für einige gegeben, und für viele / alle möglich ist und wunderbar sein kann: Wenn „der natürliche Kontext“ (die Natur) voll respektiert wird, und wir eine „glo-c-ale“ Balance – mit der Natur und untereinander (Arm-Reich, Nord-Süd) erreichen.

Abschließend – wieso hat die Demokratie (und wir finden ja alle nichts besseres) so viele ignorante Wähler und auch wegschauende Experten, die weiter auf BIP-Wachstum setzen: Wirtschaft und Gewerkschaft gleichermaßen, was nachweislich unsere Lebensbasen untergräbt (Tropenwälder, Polkappen, Gletscher, Unwetter, AKW-Unfälle, ...)?

Viele Wähler – ja auch Experten – flüchten aus ihren „mulmigen Zukunftsgefühlen“ immer weiter in das Planen neuer Konsumträume; Angebote gibt es genug. Die „Konsumdemokratie“ steckt also in einer Falle, manche denken insgeheim an Super-Innovationen. Und manche junge Idealisten erhoffen vielleicht einen „neuen Gut-Menschen-Typus“ – gegen alle evolutionäre Erfahrung. Diese Erfahrung besagt vielmehr, dass die soziale Dynamik der menschlichen Gesellschaft aus vielfältigen Kräften kommt, die auch soziale Geschiebe und gefährliche Reibungen erzeugen, unbeeindruckt von hehren Wünschen. So kann z.B. auch ein wohlwollend erträumter Sozialismus früher oder später als Monopolhierarchie in eine Form von Stalinismus führen (die Angst der Cliquen voreinander wird zu groß). Oder dezentrale autonome Gebiete könnten sich letztlich in Stammeskämpfen aufreiben (abgesehen von dem Verlust der persönlichen Freiheiten, der mit solch überschaubar kleinen Sozialgebilden einhergeht). Andererseits zerstört – vor unseren Augen – die derzeit herrschende Kapitalismusform immer mehr Lebensbasen und auch Menschen, die als Verlierer übrig bleiben.

Gibt es also überhaupt einen Ausweg?

Die Demokratien müssten sich intern für einen „Global-Eco-Deal“ reif machen, denn der „Eco-caust“ rollt bereits – mit plötzlichen oder schleichenden Naturveränderungen – immer deutlicher heran. Es kommen wichtige Jahre für die Menschheit!

DANK

ist vielen zu sagen. An den Diskussionsprozessen mit langen Abenden, Klausuren, und Einzelgesprächen sind mehrere Dutzend Personen beteiligt. Einige Namen sollen besonders genannt werden – für Hinweise und Ermutigungen, auch für Kritik, Korrekturen und sinnvolle Kürzungen (in alphabethischer Reihenfolge): Gilbert AHAMER, Silvia ANNER, Gabriele BLATTL, Jürgen BOZSOKI, Wolfgang CERNOCH, Ralph CHALOUPEK, Raimund DIETZ, Alexander ERNER, Peter FLEISSNER, Heinz GATTRINGER, Janica GAUSELMANN, Miguel HERZ-KESTRANEK, Ursula HILPERT, Fritz HINTERBERGER, Otmar HÖLL, Ilse KLEINSCHUSTER, Inge KUHN, Martin LÄMMERHOFER, Pendo MARO, Harald ORTHABER, Christof PAPARELLA, Wolfgang PEKNY, Madeleine PETROVIC, Christine POLZIN, Raphael RAUCH, Günter ROBOL, Klaus und Ulrike SAMBOR, Alec SCHAERER, Thomas SCHAUER, Manfred SCHÖN, Konrad SCHWINGHAMMER, Peter Paul SINT, Alfred STRIGL, Sebastian VOINA, Alfred WEINBERG, Floor WOLFF, u.v.a.

Besonderen Dank wollen wir Nikola WINTER aussprechen, für die Unterstützung des internen Lektorats und für die Erstellung einiger Graphiken.

Gedenken und danken wollen wir an dieser Stelle aber auch allen jenen Diskurs-Teilnehmenden bei ESD, die als pionierhaft und konstruktiv Vorkämpfende viel Anregung und Energie beigetragen haben, aber schon von uns gegangen sind (in alphabetischer Reihenfolge): Manfred ARNDT, gest. 2005, - Richard DOUTHWAITE, gest. 2011, - Karin FEILER, gest. 2007, - Konrad GINTHER, gest. 2012, - Hans-Werner MACKWITZ, gest. 2010, - Gerhard MARGREITER, gest. 2006, - John McRUER, gest. 2009, - Kurt ROTHSCHILD, gest. 2010, - Ulrike SCHNEIDER, gest. 2007, Manfred SCHÖN, gest. 2013, - Christiane THURN-VALSASSINA, gest. 2008, - Helmut WALDERT, gest. 2004.

Der ökologische Fußabdruck im globalen Vergleich

Abbildung 1: Ökologischer Fußabdruck im Ländervergleich. Die Größe eines Landes ist hier proportional zu dem Ökologischen Fußabdruck (der Summe der Bewohner) dieses Landes. Quelle: www.worldmapper.org. Datenquelle: The Living Planet Index, 2006.

Der Ökologische Fußabdruck eines Landes misst die Fläche, die benötigt wird, um den Lebensstil bzw. Konsum der Bevölkerung dieses Landes zu ermöglichen. In die Messung des Ökologischen Fußabdrucks fließt u.a. der Konsum von Nahrungsmitteln, Treibstoffen, Holz und Fasern ein. Auch Kohlendioxidemissionen werden in dieser Maßzahl berücksichtigt.

Die USA, China und Indien haben die größten Ökologischen Fußabdrücke. China und Indien sind allerdings auch die Länder mit den größten Bevölkerungen. Der durchschnittliche Ökologische Fußabdruck eines Bewohners der USA liegt um einen Faktor fünf über dem globalen Durchschnitt und fast um einen Faktor zehn über einem nachhaltigen Niveau (Daten aus 2006).1

1 Die Erläuterungen hier sind eine (freie) Übersetzung des Begleittexts zur Abbildung auf www.worldmapper.org. Letzte verfügbare Darstellung auf www.worldmapper.org.

Kurzfassung von “SEED”

Herbert Rauch

Einleitung

ESD stellt hier mit SEED ein Konzept1 vor, in dem das Primat der „Lebensfreundlichkeit“ die gesamte „Zivilisations-Architektur“ des 21. Jahrhunderts prägen soll (so z.B. „Lebensplatz vor Arbeitsplatz“, d.h. weg vom Wachstumsdogma, hin zu „Regenerativität“). Klimawandel und Ressourcenknappheit werden immer deutlicher2. Sie sind allgemein bekannt, ja akzeptiert, nicht aber das „Wie“ eines „Systemwandels“, der dringend ansteht.

Es findet ein neuartiger Lernprozess im Informations-Zeitalter statt, dessen Ausgang ungewiss ist, wo aber der Einsatz jedes Einzelnen zählt und Gemeinschaften – „Patchworks“ aller Art in Privatleben, Beruf und Gesellschaft – neu entstehen. Weltweite Rahmenregeln – mit „Vorsorge“ vor „Erfindungshoffnung“2 – sollen dabei eine lebendige „Vielfalt von Kultur“ in vielen Regionen ermöglichen und eine ausreichende „Global-Governance“ mit „Subsidiaritäts-Vorrang der Regionen“ (die EU besteht derzeit aus etwa 270) handlungsfähig machen.

Die von einigen so verehrten Lehrmeister der Ökonomie (von SMITH, über MARX und ENGELS, über SCHUMPETER, KEYNES bis zu HAYEK, FRIEDMAN u.a.) sind für unser „globales 21. Jahrhundert“ in jedem Fall – wie immer man zu deren Grundideologie stehen mag – nicht mehr „universalistisch“ (Globalität und Ökologie mitberücksichtigend) genug. Und der sogenannte „Washington Consensus“ von 1990 verstärkt dies noch einmal einseitig in Richtung „Neo-liberalismus“.

In ihrer Zeit haben sie die enorme globale Bedrohung der sozialen und ökologischen Herausforderung noch nicht ermessen können. Kurz, wir müssen nun – nolens volens – erneut „suchen“, was für dieses 21. Jahrhundert „angemessen“ ist. Dennoch wird hier (bei SEED, dem Konzept für den Umbau der „Titanic“) nur an jenen institutionellen „Schrauben“ gedreht, wo dies unbedingt notwendig ist, um die lebenswichtigen Ziele für eine neue Epoche erreichen zu können. Die nötigen Transformationen werden auch so groß genug sein.

SEED geht dabei davon aus, dass der Mensch weder „mutieren“ muss, noch alle „zwangsbeglückt“ werden sollen: weder durch Total-Kooperation noch durch Total-Konkurrenz, weder durch Dogmen noch durch endgültige Lösungen. Wenn wir akzeptieren können, dass jede Lösung imperfekt ist, macht ein „relatives Optimum“ Sinn, welches das erreichbar Beste an Technologie und sozialem Ausgleich in Ansatz bringt und „Generationenfähigkeit“ tauglich verankern kann. Eine zivilisierte Menschheit im Informationszeitalter wird wohl nicht mehr auf immer gravierendere Katastrophen warten müssen, die „Mehrheiten“ und Regierungen so erschüttern, dass „planetar Notwendiges“ endlich richtungsweisend angepackt – und nicht „als Alarmismus ausgeblendet“ wird, – oder?

Noch sind viele Menschen – und so auch Wähler in Demokratien – teilweise in „hollywood-artigen Wohlstands-Träumen“ verfangen, unruhig zwar, aber dennoch alles „Traumhindernde“ verdrängend. Und doch – mit bewusster Anstrengung – warum sollte, angekommen in einer weltumspannenden audiovisuellen und digitalen Gesellschaft, „Freiheit und Sicherheit“ nicht „mit Vernunft“ in Balance zu bringen und ein „ressourcen-verträgliches Buen-Vivir“ zu erlangen sein. („BUENVIVIR“ ist der aus Lateinamerika stammende „Code“ für ein „gutes Leben aller, moderat genug, um auch für alle Menschen erreichbar“ zu sein.) Die EU könnte dabei in unserer globalen Welt – wie eigentlich erwartet von vielen auf allen Kontinenten – eine Pionierrolle für das 21. Jahrhundert übernehmen.

Strategische Leitlinien

SEED stellt zu diesem Zweck einige grundlegende Ansatzpunkte zur Diskussion. Die vier wichtigsten seien auch in der Kurzfassung hier angeführt, nämlich:

Der

Mensch ist nicht mehr das einzige Maß

aller Dinge (womit die Neuzeit begann), sondern das

Leben insgesamt

auf diesem Planeten.

Erwerbsarbeit kann nicht mehr das Zentrum

unserer Zivilisation und unseres Lebensablaufes (und somit auch der Identität) sein. Neue Ziele und Dimensionen (neue Räume ...), sowie Lebensfreude und Zeitreichtum können in den Mittelpunkt der Zivilisationsgestaltung treten (kurz: Lebensplätze – nicht Arbeitsplätze – werden zentral).

Globalabkommen

, etwa als „JOINT GLOBAL COORDINATION“ (einem breiten „Global-Deal“) aller großen Kräfte – der Staaten, der Trans-National-Corporations (TNCs

3

), der Verbände von Klein- und-Mittelbetrieben (KMUs), der IGOs (Inter-National- und auch Inter-Governmental-Organisations), der NGOs (Non-Governmental-Organisations) – also der gesamten Menschheit auf diesem Planeten, werden gebraucht, um dem zerstörerischen Standortwettbewerb im Geiste eines „veralteten Produktivismus

7

3

(bisher als Kommunismus oder Kapitalismus virulent, das Heil in „Mehr-Güter-haben“ suchend) zu beenden, und eine

Balance

von Lokal und Global, von Ökologie und Sozialem zu schaffen.

Wir brauchen dazu u.a. eine sozioökonomische Trennung zwischen Infrastrukturbereichen einerseits und den anderen Arbeitsbereichen andererseits:

Infrastrukturbereiche (Wasser- und Energieversorgung, Bildungs- und Gesundheitswesen, Verkehrs- und Telekommunikationswesen, Justiz und Verwaltung inkl. dem Sicherheitswesen und allem Förderwesen für Kultur, Sport, Unterhaltung etc.) – sind strikt im Gemeinwohlinteresse (von öffentlicher oder privater Hand) zu leiten;Nicht-Infrastrukturbereiche (= alle anderen Arbeitsbereiche; wie die Herstellung von Gütern und Dienstleistungen – der Handel aller Art für Konsum und Investition etc.) können auch bzw. werden überwiegend durch Marktdynamiken im unternehmerischen Partikularinteresse geführt werden können.

Dabei ist weiters auch bezüglich des Eigentums-Konzeptes sinnvoll zu differenzieren, nämlich in

„sog.

Kleines Eigentum

“ (d.h. alle für den Haushaltsbereich i.w.S. – inkl. Mobilität, Nutzgarten, also viele im allgemeinen frei verfügbaren „Gegenwartsgüter“) einerseits und in

„sog.

Großes Eigentum

“ (Millionen-Investitionen, die z.B. über Rodung der CO

2

-absorbierenden Urwälder verfügen, also insbes. „Zukunftsgüter“ betreffen) andererseits. Letzteres („Großes Eigentum“, Zukunftsgüter betreffend) bedarf im 21. Jahrhundert einer Art „

Gemeinwohlvorbehalt

“ in der Gestion, wie und durch wen auch immer Derartiges verantwortlich geleitet, gemanagt oder kontrolliert werden mag. Dies hat nichts mit Klassenkampf zu tun, sondern mit Überleben

4

.

Drei Ebenen-Plan

Zur Umsetzung dieser Maximen schlägt SEED einen „Drei Ebenen-Plan“ vor (wie für jede „Berg-Tour“ - sind Pläne notwendig, sie bieten vorläufige Orientierung, ohne Fixum zu sein). In SEED ist dabei eine globale, eine institutionelle und eine instrumentelle Ebene vorgesehen:

1. Ebene: Globale Ebene

(auf der die ersten drei Stufen des SEED-Planes „gelagert“ sind):

1. Stufe:

Ein Global–Abkommen - also ein „Global-Deal“ (dies wird nicht oktroyiert, sondern zwischen allen Global-Players4 ausverhandelt werden müssen) über „weltweite Grundlinien“, die generell auf dem Primat der Lebensfreundlichkeit aufgebaut sind (d.h. a priori generationen- und weltweit zu bedenken), um den Herausforderungen der Zeit zu entsprechen.

2. Stufe:

Globalität und Ökologie sind wohl als vorgelagerte Rahmenbedingungen im 21. Jahrhundert allgemein zu akzeptieren, was naheliegt:

Zur Globalität (zu unterscheiden von Globalisierung) schreibt z.B. Edgar MORIN5: „ …globalisieren was lebensförderlich ist und de-globalisieren was lebenshinderlich ist“ (immer natürlich generationen- und weltweit gedacht).Zur Ökologie ist zu unterstreichen, dass die menschliche Zivilisation eingebettet ist in die lebendige Natur des Planeten: Aber solch ein „planetarer Imperativ“ wird erstmals in der Geschichte schlagend, indem er der „Eingriffstiefe“ des Menschen Grenzen setzt (zeitlich und räumlich: die bewohnbare Erdkruste inkl. der Atmosphäre ist ja – wie bekannt – so dünn wie eine Apfelschale in Relation zum Apfel).

3. Stufe:

Ein lebensfreundliches Globalabkommen wird drei Bedingungen voranstellen müssen (da allgemein angestrebt), wobei jede heute bereits als eine „Conditio sine qua non“ für eine „gedeihliche Entwicklung“ anzusehen ist, nämlich:

3.1. die erwähnte „Regenerativität“ – anstelle von Wirtschaftswachstum – wird das vorgelagerte Paradigma im 21. Jahrhundert werden. Irreversible (Gesellschafts-)Pfade widersprächen dem. Wenn auch das sog. „Einser-Ziel“ (1 ha-Äquivalent ökologischer Fußabdruck pro Kopf, 1°C Klimaerwärmung seit dem vorindustriellen Niveau) eine ambitionierte Zielvorgabe für die Grenzsetzungen im gesamten Neuressourcendurchsatz (also bzgl. Quellen und Senken) ist, wäre genau dies der Anstrengung wert, und Sinn eines erheblichen Zivilisationsumbaues. Dann können auch neue Kräfte, also Arbeit und Ressourcen (= Material und Energie) für die Erkundung neuer Räume (innerer Räume und äußerer Räume) frei werden.

3.2. „Buen-Vivir“ (das erwähnte von Lateinamerika kommende Konzept von einem „Guten-Leben – erreichbar für alle“) steht insbesondere für

die dauerhafte Erfüllung der Grundbedürfnisse (= Subsistenzsicherung),für Gewaltfreiheit, undfür eine „Kultur des Wohlwollens“6 (alle sollen wohl bestehen können).

3.3. „Menschenwürde“: Grundsätzlich sind dabei auch die Menschenrechte – im Informationszeitalter weltweit – als „unabdingbar“, ja für viele bereits als selbstverständlich, anzusehen; sie brauchen durchsetzbare allgemeine Geltung; natürlich ist ebenso selbstverständlich, dass Menschenwürde auch „Menschenpflichten“ umfasst.

2. EBENE: Institutionelle Ebene

(auf der die vierte Stufe des SEED-Planes gelagert ist, welche vier grundlegende Freiheiten verankert):

4. Stufe:

M-O-W-I: Dieser „Code“ betrifft die Institutionen des jeweiligen (teil-) souveränen Systems: Überlebensfähige Zivilisationen richten sich nach dem Kontext (Umfeld, Natur), - nur untergehende verbleiben in „veraltetem Wahn“7 (etwa bzgl. Wachstum). Vier teilweise historisch hart errungene „institutionelle Freiheiten“ brauchen gemäß SEED aber nicht aufgegeben zu werden. Sie müssen jedoch „mit Augenmaß“ gehandhabt, d.h. den nun spürbaren planetaren Gegebenheiten gemäß ausgerichtet und neu justiert werden, nämlich:

4.1. „M“ für Marktfreiheit - als lex generalis – für alles, das nicht per Abkommen oder Gesetz (als lex specialis) davon ausgenommen und geregelt ist. Dabei sind ausreichend strenge ökosoziale Regeln selbstverständliche Voraussetzung; auch Marktanteils- und Ressourcenregelungen (selbst in absoluten Messdaten) sind nach regionalen und ökologischen Erfordernissen möglich. Soviel „Planifikation“ kann, ja wird nötig werden, setzt aber globale bzw. mindestens supranationale Abkommen voraus, um „Standort-Dumping“ zu unterbinden. (Pionier-Allianzen werden eventuell vorangehen, durch den steigenden ökologischen und sozialen Druck werden alle aufgewachten „Überlebenswilligen“ nach und nach folgen.) Entscheidend ist, dass die unternehmerische Kraft an Innovation und Organisation zur Erreichung eines generationenfähigen ökologischen Fußabdrucks mit einfließt, so dass „innovative Ressourceneinschränkung“ (aus einer Art „Schubumkehr“ der Erfolgsbe“preis“ung, z.B. mittels progressiver Neuressourcen-Steuern/Staffeltarife) stattfindet, und dennoch „das Notwendige“ – oft auch so erst das richtig Qualitätsvolle – zustande gebracht werden kann.

4.2. „O“ für Organisationsfreiheit: Unternehmen, Vereine, öffentliche Hand, kurz alle „Agenturen“ haben eine Organisationsverfassung, z.B. Statuten, die die Entscheidungswege regeln – etwa von „Einer entscheidet alles“ (Einzelunternehmer) bis „Alle entscheiden alles“ (rein basisdemokratische Gebilde). Aber der Einzelne (!) kann wählen, wo er arbeiten bzw. leben will. So werden Unternehmen, Genossenschaften, Organisationsversuche, ebenso wie Großfamilien jeder Art möglich, ja sich frei weiterentwickeln – in „Kontextvernunft“ (also Vernunft orientiert am jeweiligen Umfeld).

4.3. „W“ für Währungsfreiheit: Eine global-gültige Import-Export-Währung wird durch einen zentralen Abschnitt des Globalabkommens (Bretton Woods II) auch „global“ geregelt werden müssen; daneben sind aber auch supranationale, nationale und diverse regionale Währungen möglich; diese können sich selbständig bilden und auch wieder auflösen (sozusagen „atmen“). Allerdings muss auch dabei eine Form gefunden werden, „dem Staat (Souverän oder Teilsouverän) zu geben, was des Staates ist“: Also angemessene Steuern in der Währung des Souveräns sind periodisch zu überweisen, denn schließlich benutzen auch LETS-Gemeinschaften8 aller Art die Infrastruktur ihres Umfeldes.

4.4. „I“ für Investitionsfreiheit: Agenturen (als Überbegriff für „Organisationen aller Art“ inkl. dem Einzelunternehmen) können grundsätzlich nach eigenem Gutdünken im Rahmen der Abkommen und Gesetze agieren. Das Anpeilen des „Einser-Zieles“ wird durch die Klima- und Ressourcensituation immer dringlicher werden; viel Druck für globale bzw. entsprechende supranationale Abkommen und deren Durchsetzung wird sich aus den voraussichtlich zunehmenden ökologischen und sozialen Problemen weltweit ergeben. In diesem Lichte ist aber die Logistik- und Initiativkraft der KMUs und TNCs besonders gefragt, – um eben „mit weniger Material und Energie mehr Lebensqualität“ auf den Markt bzw. in die (glo-c-ale) Gesellschaft zu bringen. Entsprechende Gesetze (global, supranational, national, regional, kommunal) werden alle nötigen Details strikt regeln müssen. Die sodann in solchen Rahmen „freien Investitionen aus der Initiativkraft unbürokratischer Unternehmen“ können aber der Forschung und Innovation die Türen weit öffnen, Chaos vermeiden und Versorgung sowie Weiterentwicklung sicherstellen (die „Schubumkehr“ stellt ja eine Umpolung der wirtschaftlichen Erfolgsorientierung dar). Steuern, Zertifikate u.ä. sind denkbare Instrumente der Regelung dafür (was ja die Idee der „Ökosteuern“ (H.C. BINSWANGER) schon seit langem anpeilt). Agenturen können also Investitionsreserven ansparen, und dann im Rahmen ökosozialer Gesetze anlegen. Privatpersonen, aber auch Unternehmer, können legal nie größere Beträge als es den allgemeinen Einkommensmaxima entspricht, aus Agenturen „entnehmen“. (Große Privatvermögen werden also derart und durch weitere Gesetze abschmelzen, und daher immer weniger als „läufiges Anlagekapital“ im globalen Kreislauf schädlichen Finanzdruck aufbauen können.) Die Vernichtung ökologischer Lebensbasen im Namen einer illegal gewordenen Finanzfreiheit um kurzfristigen Vorteils willen könnte so einmal als „Vergehen an der Zukunft“ eingestuft werden.

3. EBENE: Instrumentelle Ebene

(auf der die fünfte Stufe des SEED-Planes gelagert ist, welche konkrete Maßnahmen der Umsetzung vorschlägt):

Abbildung 2: Das SEED Konzept im Überblick. Quelle: Vortrag (Folienpräsentation) von Christof PAPARELLA über SEED am 20.6.2014 in Wien / Kunstraum-Ringstraßen-Galerien.

2 Längere Anmerkungen sind als Endnoten ausgeführt. Diese sind nummeriert und am Ende des Buches im Abschnitt „Endnoten“ zusammengefasst. Fußnoten (für kürzere Anmerkungen und Literaturhinweise) sind mit Symbolen wie “*“ (etc.) gekennzeichnet. Weiters soll darauf hingewiesen werden, dass in diesem Buch aus Gründen der Lesbarkeit auf „Gendern“ (Innen-Schreibweise o.ä.) verzichtet wird. Selbstverständlich sind immer beide Geschlechter in gleicher Weise angesprochen.

3 Vgl. Alain LIPIETZ, Vert Esperance, 1992.

4 Vgl. Jared DIAMOND, Kollaps, 2005.

5 Edgar MORIN, Stephane HESSEL, Paris, 2012, dt.: Wege der Hoffnung, Berlin, 2012.

6 Vgl. Helga KERSCHBAUM, Kultur des Wohlwollens. Die Anima Magna Kultur, 2004.

7 Vgl. z.B. Jared DIAMOND, Kollaps, warum Gesellschaften untergehen oder überleben, 2005.

8 LETS steht für Local Exchange Trading Systems und ist ein Sammelbegriff für Tauschkreise oder Tauschringe. Hier werden v.a. Dienstleistungen, teilweise auch Waren, ohne den Einsatz der nationalen Währung mit Hilfe eines eigenen Verrechnungssystems getauscht.

Exkurs

Überlegungen zu der viele Jahrhunderte alten Inschrift vom „Chinesischen Glücksrad“9:

Das „Chinesische Glücksrad“

Krieg erzeugt Elend Elend erzeugt Demut Demut erzeugt Achtsamkeit und Fleiß Achtsamkeit und Fleiß erzeugen Wohlstand Wohlstand erzeugt Hochmut Hochmut erzeugt Krieg.

Sind wir nun – etwa seit einem halben Jahrhundert des enormen naturwissenschaftlichen Fortschritts – im Krieg mit der Natur? Sollten wir aber nicht in einer bereits für die Spezies Mensch im Grunde großartigen Welt – mit Penicillin, Energiereichtum, Haushaltsgeräten aller Art, Robotern in Fabrikshallen und bald überall ... – in der „besten aller Welten“ sein, seitdem Menschen sich erinnern können?

Zu unserem Schrecken fahren wir aber auf einer Schiene des – in Summe sich vergrößernden – Wohlstands immer näher an einen möglichen Untergang der Zivilisation heran. Wieso?

Wieso ist das, was alle Annehmlichkeiten hervorruft, auch gleichzeitig eine Schiene zum Untergang? Was früher in der Geschichte der Menschheit trotz aller Tragik dennoch „planetar harmlos“ gewesen ist, ist nun „planetar hochgefährlich“ geworden.

Was würde eine Systemreform also bedeuten:

Der Ressourcendurchsatz (bzgl. Atmosphäre und Bodenbelastung, Ozeane und Süßgewässer, Flora und Fauna) muss erheblich verringert werden, und

Die sozialen Spannungen („Nord-Süd“, Armutsschichten-Reichtumsschichten in allen Staaten) müssen in konstruktive Bahnen

10

gebracht werden,

damit wir als Spezies überleben, unddamit wir als Gesellschaften (als Weltgesellschaft) entwicklungsoffene Pfade einschlagen können (Kriegerisches und Chaotisches vermeiden, das alles erschweren könnte, was „Buen-Vivir“ bedeutet).

9 Eine viele Jahrhunderte alte Überlieferung; - eine Haustafel im Wiener Ersten Bezirk, Dorotheergasse stellt diesen Spruch öffentlich aus.

10 Vgl. Holacracy und Sozialanalyse. Tatsächlich sollte Derartiges für die politische Ebene weiterentwickelt werden. Siehe www.holacracy.org.

Teil A

Einleitende Grundgedanken

Herbert Rauch

Warum und wozu -Utopie nicht Dystopie

Diese Abhandlung beschäftigt sich mit einer konkreten Utopie, einem konstruktiven Entwurf für ein „Morgen“, das bald erreicht sein sollte. Die Frage ist: Wie kann eine – lebenstaugliche – kommende Weltgesellschaft aussehen, durchaus ohne pulverisierende Umstürze und (blind-)wütenden Revolutionsgestus, ohne Abschaffungsfantasien bzgl. Geld und Markt, Unternehmertum und Globalität? Auch werden wir wahrscheinlich auf diesem Planeten noch länger „verwaltungsgegliedert“ in Staaten und Suprastaaten leben, sosehr wir – in Abwägung aller Für und Wider – auch immer mehr auf stärkere Globalinstitutionen zusteuern sollten.

Aber WIE können dafür zukunftsfähige, „lebenstaugliche Strukturen“ grosso modo gestaltet sein? Wie würden wir sie uns wünschen? Was könnten wir dafür entwerfen? Mit welchen Inhalten können wir dazu in einer breiter angelegte Diskussion beitragen?

2005 hat ESD in „Die Wende der Titanic“11 folgende 10 Punkte als „Notwendigkeiten“ der Zukunftsfähigkeit (Dauerlebensfähigkeit) anskizziert:

1. Zukunftsfähiger Paradigmenwechsel, eingeleitet durch

Verfeinerung statt „Quantitäts-Konsumerimus“Erdung statt bedenkenloser Rohstoff-AusbeutungGlobalsolidarität statt globaler StandortkonkurrenzAktivverantwortung statt Apathie und Ausblendung

2. Zukunftsfähige Wirtschaftsverfassung

3. Zukunftsfähige Gesellschafts- und Bürgerpolitik

4. Zukunftsfähige Familien- und Gesundheitspolitik

5. Zukunftsfähige Natur-Regeneration

6. Zukunftsfähige Konfliktkultur

7. Zukunftsfähige Nord-Süd-Entwicklung

8. Zukunftsfähige Weltregierbarkeit (Global-Governance)

9. Zukunftsfähige Sofortmaßnahmen

10. Ergänzungen (als Aufforderung an alle Leser).

Die nun folgende Utopie – eben keine Dystopie12 – wird sich sowohl mit der Gestaltung von gesellschaftlichen „Innenräumen“ als auch mit der Gestaltung des „Zusammenspiels“ der Gesellschaften (die trotz Globalisierung noch immer erhebliche Differenzen aufweisen) befassen. Auf beiden Ebenen wird vor allem das „Institutionen–Gerüst“12 in entscheidenden Punkten umzugestalten, zu re-“form“-ieren sein, um eine Chance auf echte Nachhaltigkeit (also Generationenfähigkeit, Zukunftsfähigkeit – Begriffe die hier synonym verwendet werden) zu haben.

„Ausblendung“ als psycho-soziales Phänomen – das Problem jeder Zivilisation, bevor sie Geschichte wird – ist auch gegenwärtig Kern des Dilemmas: Am Ausgeblendeten, sei es aus mentaler Bequemlichkeit, Trägheit („kollektive Trance“), Konfliktscheuheit und wahrscheinlich überwiegend aus kurzsichtigem Interessenkalkül (mit oder ohne mentale Korruption), gingen die meisten Zivilisationen zugrunde; wahrscheinlich mehr als an äußeren Feinden13.

Heute ist dies neben der Crux des systemimmanenten Wirtschaftswachstums(zwanges), der viel zu wenig als Problemquelle öffentlich beachtet wird, auch die Tatsache, dass jedes Regime von der Soziodynamik des „Anthropos“ – nolens volens – bereits planetar betroffen ist. (Früher oder später läuft jedes Regime in „soziale Dilemmata“ hinein, egal wie „gut“ oder „gut gemeint“ die Strukturen zunächst geplant und angelegt waren.)

Alles ist eben a priori imperfekt, und sollte daher auch a priori eher flexibel angelegt und behandelt werden: Die Erfahrung sagt: Wenn der Kontext sich ändert, ist auch Strukturänderung sinnvoll13. Jedes sture Festhalten an dem, was früher einmal „passend“ war, ist (über die Jahre krampfhaft weitergeführt) kontraproduktiv und erzeugt letztlich unnötiges Leid und Kosten. Es kann aber immer ein „relatives Optimum“ geben, auch in der Sozialarchitektur. Daher sollten wir uns endlich von allen „Super-Idealen“ und ihren Opfern dafür verabschieden, und bescheiden schlicht „das Vernünftige“14 tun (auch wenn es nicht mit mathematischer Stringenz definierbar ist). Auch dabei sind oft große Schritte angesagt, die in der Umsetzung radikal und schwierig genug sind.

Unhinterfragt wie eine Art Grundkonsens war in der unmittelbaren Nachkriegszeit das „Wirtschaftswachstum“, das „Häuschen im Grünen“, das „Mehr-Güter-aller-Art-haben“. Das wird uns nun immer mehr zum Problem. Für viele ist das heute noch unhinterfragt der „Lebens-Traum“!

Und was ist heute unhinterfragt hinzugekommen? Zum Beispiel die Emanzipation. Aber wenn die Emanzipation des Einzelnen immer „unbegrenzter“ sein soll, wie ist das mit Zukunftsfähigkeit vereinbar? Braucht dann nicht jeder Einzelne den gesamten „Güterpark“ in Haushalt und Mobilität, der ja dann auch unbedingt jedem – sogar weltweit – zustehen sollte (wie manches Denklager meint)? Dann muss noch mehr erzeugt werden, noch mehr „geräte-artig“ (statt persönlich interaktiv) kommuniziert werden, etc. Es wird also Zeit, sowohl die alten als auch die heute gerade „modischen Slogans“ zu hinterfragen.

Ein Vorbild könnte dabei auch das Denken in den Anden-Regionen werden, wo ein „Immer-Besseres-Erstreben-Wollen“ sogar im Gegensatz zum „Gut-Leben/Buen-Vivir “ angesehen wird, wie es z.B. Alberto ACOSTA (ehemals Minister in Ecuador) formuliert hat.

Grundsätzlich stecken in allen sozialen Architekturen (wie auch in diesem Entwurf) normative Annahmen. Man denke nur an die ökonomische Klassik (im meist vereinfachenden Gefolge von Adam SMITH mit Annahmen wie jener vom nutzen-rationalen Einzelmenschen, von der vollkommenen Information, u.a.m.). Wichtig und „relativ neu nur in ihrer besonderen Betonung und Abstimmung“ sind in diesem Entwurf (SEED) insbesondere die folgenden Grundannahmen:

1. Das erwähnte Konzept des Buen–vivir aller. Das lateinamerikanische Codewort zielt auf

Bedürfnisabsicherung in einem Ausmass, dass es für alle Menschen auch erreichbar bleibt (also eher „ressourcenmäßig moderat“), und ein Optimum anZeitsouveränität für alle Menschen“ (das bedeutet ein Fördern, aber auch ein Fordern aller Bürger, was letztlich auf mehr selbstbestimmte Lebenszeit hinausläuft).

2. Das Konzept einer weltweiten Balance (Balance von „Gemeinwohl und Partikularinteressen“, „Natur und Kultur“, „Freiheit und Sicherheit“ etc.).

3. Das Konzept einer Glo-c-al Governance (global-lokale Regierbarkeit), in der Zentralität und Dezentralität immer wieder neu in Einklange zu bringen sind (wir sagen: im Zweifel mit „Subsidiaritätsvorrang“).

Zum zentralen Konzept der Balance soll schon eingangs der Unterschied zum Begriff des Gleichgewichts herausgestellt werden. „Balance“ bringt eine flexiblere Metapher ins Spiel als das Konzept des „Gleichgewichts“: Wenn man einer Henne einen Geldsack mit vielen Münzen um den Hals hängt, sodass die Henne sich weder „vor – zurück“ noch „links – rechts“ bewegen kann, hat man mit „gleichem Gewicht“ bewegungslose Ruhe hergestellt. Balance kann man sich jedoch eher wie eine Schaukel vorstellen, wo jemand immer wieder durch angepasste Gewichtsverlagerungen den Ausgleich von der Mitte aus sucht, sodass keiner der an den Enden der Balken sitzenden Teilnehmer zu fest auf den Boden aufschlägt, obwohl ständig Bewegung stattfindet.

Heute könnte sich dies auf eine Art „Gesellschaft der Suffizienz und Resilienz“ beziehen, etwa mit einem „Globalregionalismus“ als Souveränitätsform und einer „ressourcenbewussten Organisation“15 der Wirtschaft weltweit. Das im Teil B folgende 3-Ebenen-Modell (SEED) arbeitet in dieser Richtung einen konkreteren Vorschlag aus. Das Prinzip der Balance versucht hier aus der historisch so oft „passierten“ Pendelbewegung – zu viel Freiheitsstreben einerseits (bringt Ungerechtigkeiten u.ä. durch „Chaos-Gewinner“), zu viel Sicherheitsstreben andererseits (bringt Ungerechtigkeiten14 unter anderem durch bürokratische oder ähnliche Zwangssituationen und ihre Gewinner) – bewusst herauszutreten.

Jede Gesellschaftsordnung basiert zentral auf Vorstellungen über Gerechtigkeit (derartiges scheint dem zoon politicon mitgegeben – woher auch immer): Die seit 1945 insbesondere vorherrschende Vorstellung dazu war (und ist noch teilweise): „Leistung für Teilhabe“, also „(Arbeits-)Leistung als Berechtigung für (Gesellschafts-)Teilhabe“.

Wir fragen: Kann das noch stimmen, oder treibt es unweigerlich zu einem Wirtschaftswachstumszwang? Und was wäre als zeitgemäße Form von Gerechtigkeit heute, in der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts, besser angemessen?

Hier wird versucht, wie schon eingangs angedeutet, die angesprochenen grundlegenden Veränderungen („den Systemwandel“) mit einem Minimum an "Schraubendrehen“, „Schraubenaustauschen“ oder „Schraubenergänzen“ (also Veränderungen auf institutioneller und instrumenteller Ebene) zu bewirken. Dennoch, in jedem Fall müssen „so viele“ Drehungen, Austausche und Ergänzungen vorgenommen werden, als not-wend-ig sind, um die Not (durch eine derzeit nicht mehr zukunftsfähige Zivilisation) „zu wenden“. Dazu sind Diskurse und Orientierungen wichtig. Kritik und Protest allein ist zu wenig. Konkrete Vorschläge sind nötig!

Wir gehen nun davon aus, dass mindestens folgende Schritte zu entwerfen sind, die die „politische Gestaltung“ einer „Kultur der Lebensfreundlichkeit“ (die wir dezidiert bejahen und auf die wir – wie praktisch alle, die wir kennen – hinauswollen) ausmachen, nämlich:

(a) Die Vertiefung einer Leitidee, wobei hierzu die Berücksichtigung

der wichtigsten Rahmenbedingungen (Einbettung in Ökologie, erreichte Globalität - angelangt in der Informationsgesellschaft) unddie Voranstellung von unabdingbaren Satzungen /„Conditiones“ (z.B. bzgl. Sicherung der Lebensbasen, der Menschenwürde und der Subsistenz) gehören; weiters

(b) die Einigung auf grundlegende Strukturlinien (in SEED: die „vier institutionellen Freiheiten“): Marktfreiheit, Organisationsfreiheit, Währungsfreiheit, Investitionsfreiheit; sowie

(c) die Einigung auf Kerninstrumente der Umsetzung (in SEED die „fünf instrumentellen Felder“): Codewort „A-G-O-R-A“ für Ausbau der Demokratie, Grundsicherung-und-Demokratischer Grunddienst, Ordnungssteuern, Reguliertes Einkommen, Agenturenvielfalt)

So ergibt sich das Bild einer zukünftigen Gesellschaft, in der wir uns persönlich auch gut vorstellen könnten, zu leben, ja gerne zu leben. Und dabei sollte auch die Transition in die nächste Epoche als sozialer Prozess gut tragbar sein. Wir sind der Überzeugung, dass das eigene Denken, Fühlen, Kommunizieren, und aller Umgang mit seiner Umgebung dabei nicht ohne Wirkung ist, im Gegenteil. Je mehr wir einen „friedfertigen Übergang“ – eine Transition – mitdenken und „aktiv herbeiarbeiten“ und mitgestalten, desto wahrscheinlicher wird solch ein Übergang15.

Sich immer wieder dazu nur in Negativität zu üben, protestierend draufloszureden, Ironie und Zynismus zu verbreiten, ist ausweichend und letztlich auch verantwortungslos, ebenso wie ein passives „Sich-Dahintreibenlassen-als-Nutznießer-einer-Gegenwart-solange-es-noch-geht“. Auch Perfektionismus ist eher Ausrede, und besonders heute nicht gefragt: Die Entwicklung wird nach ein, zwei Generationen ja bereits wieder größere Schritte der Veränderung erfordern. Diese werden aber die nächsten Generationen „schon machen“, sofern wir ihnen „den Planeten und die Lebensbedingungen des Menschen nur intakt genug übergeben“ können.

Wir stellen dazu aber klar fest, dass wir im ESD-Diskursforum die Zukunftsdiskussion mit möglichst zeitgemäßen Ansätzen, Einstellungen und neuen Ideen, aber ausdrücklich „ohne Dogmen“ beginnen, und „ohne Endlösungen“ zu Resultaten bringen wollen. Diese (daher also immer vorläufigen) Resultate sind ein angedachtes „relatives Optimum“ hinsichtlich eines für die nächste Zeit realistischen Zivilisationsmusters, und sei es nur für eine Transitions-Ära. Sie gehen immer von der als grundlegend erachteten „Balance-Ordnung zwischen (überwiegend individuell verankerter) Freiheit und (überwiegend kollektiv verankerter) Sicherheit“ aus.

So bleibt dieser Diskurs zu SEED und die Umsetzung auch immer „work in progress“, ja der Diskurs soll weitergehen, die vorläufig beste Lösung soll sich umsetzen, aber die danach beste wird – und soll – bald auch diese überholen. Leben ist immer relativ „provisorisch“, nur „Endlösungen“ wollen endgültig sein, werden aber schnell dreist und totalitär.

Alle folgenden Sozialkonstruktionen sind hier „idealtypisch“ zu verstehen. Ausarbeitungen und Feinjustierungen werden daher immer auch, sofern als grundsätzlich diskussionswürdig und annehmbar erachtet, regional (und eventuell auch sektoral) bedingte Anpassungen vorzunehmen haben.

EXKURS: Bevölkerungsentwicklung

Die Bevölkerungsentwicklung, die hier nur als einer der wichtigsten großen Faktoren allgemein erwähnt werden kann, hat natürlich einen sehr starken Einfluss auf jeden Trend. Allerdings – wie zu hoffen und anzunehmen – kommt es zu einem baldigen Einpendeln, und dann sogar zu einem schrittweisen Rückgang der Weltbevölkerung. Damit könnten viele Lösungen leichter werden (wobei sich damit aber auch etliche neue Problemfelder, wie z.B. vermehrte Altenversorgung in einer Übergangsphase, auftun).

Dass die Suprastaaten, Staatskomplexe, ja Kontinente dabei eine auch recht unterschiedliche Entwicklung nehmen können und werden, zeigt die rasante historische Entwicklung seit der Jahrtausendwende16, wobei sich neue Problembereiche auftun (Tragefähigkeit der Klein-Regionen und der Großregionen, Überalterung, Transport, unterschiedliche Klimaveränderungen). Auf diese großen Bereiche soll hier aber nicht weiter eingegangen werden. In jedem Fall erleichtert eine möglichst „Sichere Basis auf der Erdoberfläche für unsere Spezies“ die Bearbeitung und Lösung aller absehbaren und noch neu dazukommenden Probleme. Und in jedem Fall verstärkt sich dabei die Pionier- und Moderator-Rolle Europas. Europa soll sich eben nicht zurückziehen oder gar verkriechen, nur weil z.B. China und Indien wirtschaftlich und bevölkerungsmäßig (noch) so enorm wachsen.

11 Herbert RAUCH, Alfred STRIGL, Die Wende der Titanic. Wiener Deklaration für eine zukunftsfähige Weltordnung, oekom Verlag, München, 2005.

12 Vgl. Wikipedia v. 20.5.2011: „Eine Dystopie oder Anti-Utopie ist eine Geschichte, die in einer fiktiven Gesellschaft spielt, die sich zum Negativen entwickelt hat, und stellt somit einen Gegenentwurf zu Thomas MORUS’ Utopia dar …“

13 Vgl. Jared DIAMOND, Kollaps, 2005: Gemäß Diamond sind es fünf Punkte, die zum Kollaps beitragen, darunter auch Umweltzerstörung und Klimaschwankungen (weiters: feindliche Nachbarn, Wegfall von Handelspartnern, falsche Reaktion der Gesellschaft auf Veränderung).

14 Vgl. Claus LEGGEWIE u. Richard MÜNCH, Politik im 21. Jahrhundert, 2001.

15 Vgl. u.a. auch Stéphane HESSEL, Interview vom 19.7.2012.

Mentalräume und Grundbalance

Im Sinne des Grundsatzes der Verfeinerung (wie schon in „Die Wende der Titanic I“ angeführt) ist nun auch eine Unterscheidung in „Innere und Äußere Welt“ notwendig:

Die sogenannte „Innere Welt“ (Mentalraum) bezeichnet hier jene Sphäre, in der jeder Mensch jenseits aller gerade geltenden Rechtsvorstellungen voll zu respektieren ist („die Gedanken sind frei“).

In der sogenannten „Äußeren Welt“ herrschen Differenzierung und Funktionalität vor (z.B. Straßenverkehr). Hier müssen geregelte und regelfreie Räume unterschieden werden, um gelingende Zivilisation zu ermöglichen: Unbeschränkte Freiheit, allgemeine Regellosigkeit kann mehr Chaos, Unfälle und auch Ungerechtigkeiten bringen. Angemessene Regelung ist in der „Äußeren Welt“ sinnvoll und notwendig.

Und jedes soziale „Außen“ ist beim Menschen mit einem psychischem „Innen“ verbunden. „Innen“ und „Außen“ sind in concreto natürlich jeweils an ihre Ära gebundene Hilfskonstrukte, etwa Zeitgeist-Widerspiegelungen, die jedoch helfen, diese „Teile der Welt“ besser zu begreifen. Innen (das „Mental-Psychische“) und Außen (das „Sozial-Strukturelle“) sind – so hier die These – untrennbar „verstrickt und verwoben“, also interdependent16.

Die „Innere Welt“ ist uneingeschränkt zu respektieren, von allem Anbeginn an. Somit ergibt sich eine sehr respektvolle Einstellung gegenüber jedem Einzelmenschen – dem Kleinkind, dem Schulkind, so wie auch jedem Erwachsenen gegenüber, in welches Schicksal er sich auch immer verstrickt haben mag, wie z.B. Hubert v. SCHÖNEBECK deutlich in der „Amication“ bezüglich Kindheit und Jugend ausführt17.

Demgegenüber ist aber eine klare und oft streng erscheinende „Kodex-Regelung“ des „äußeren Verhaltens“ sinnvoll, mit der wir einander am Marktplatz, vor den Behörden, in allen Infrastruktureinrichtungen und auf allen Gesellschaftsebenen begegnen, und womit wir schließlich „die Freiheit der äußeren Bewegung“ im weiten Land der Zivilisation uns gegenseitig ermöglichen: Öffentliche Ordnung „erschafft“ uns die vielen großen allgemeinen Räume, den Ladentisch und das Theater, den Gerichtssaal und die Straße, die Museen und die Fabriken, die Kunstateliers; und auch die Beweglichkeit über Land und Stadt, Regionen und Staaten, national und international, aber auch die Abschottung der Privat- und der Intimsphären, die kleine Küche samt Vorraum, die Wohnung (mit unserem Hausrecht, ob in der Mietwohnung, im Einfamilienhaus oder der Prachtvilla), und ebenso den öffentlichen Park, die Schifffahrt und die Eisenbahn, die Polizisten und die Parlamentarier, die Geschäftsleute und die Arztordinationen. Und es erlaubt auch – im rechtlichen Rahmen bleibend – die vielen großartigen und vielleicht auch umstrittenen Dinge, wie Grenzbereiche der Kunst, des Extremsports und der Fanbewegungen, ruhiges Familienleben ebenso wie Beziehungsexperimente.

Kurz, all dies, was eine moderne, post-moderne und vielleicht bald post-post-moderne Zivilisation ausmacht, und ohne die sie kümmerlich und eng wäre. Um sich in diesem „weiten Land der Zivilisation“ anzusiedeln, bedarf es letztlich auch so etwas wie einer Basis für eine angemessene „Politische Philosophie“. Eine solche ist ja (zumindest rudimentär) immer gegeben, in den Grundannahmen einer Organisation oder Bewegung, oft implizit, unbewusst und unausgegoren, grobschlächtig und plump, auch manchmal ausgearbeitet und fein gesponnen.

Das für unser 21. Jahrhundert angemessene und vertiefende Grundnetz eines sozialen Verständnisses könnte etwa bei Luciano DE CRESCENZO ansetzen und dann zu Edgar MORIN (siehe die Punktation gegen Ende von Teil A) führen. In DE CRESCENZOs humorvollem Werk „Also sprach Bellavista“ legte er auch eine tiefsinnige Basis für eine „Soziale Grund-Balance“18.

Abbildung 3: Die „Soziale Grundbalance“, in Anlehnung an DE CRESCENCO, 1986.

Im diesem Koordinaten-Schema der Zwischenmenschlichkeit, also zwischen voller Isolation im „Ego-Bezug“ und voller Hingabe im „Liebes-Bezug“ einerseits, und zwischen „voller Freizügigkeit/Freiheit“ und „voller Durchreglementierung/Sicherheit“ im Sozialen andererseits, lässt sich im Zentrum ein „Ort“ finden, der von „Balance“ geprägt sein soll. Wollen wir in unserer Zivilisation – meines Erachtens zu Recht – EGO(formung) und LIEBE der Privatsphäre überlassen, so müssen wir diesen beiden aber im „Sozialen“ einen entsprechenden Raum gewähren. In der „Mitte“ dieses Raumes jedoch soll für diese, insgesamt wohl überwiegend private Sphäre, ein gewisses Maß, eben ein „relatives Optimum“ an „Freiheit“ und „Sicherheit“ geschaffen werden. Und zwar am besten „wohltemperiert“, d.h. nach allen Seiten umsichtig und sanft, aber auch fest und klar: Also eine zivilisatorische Ordnung, die die „Freiheit“ des Nachbarn und daher auch meine ermöglicht (so z.B. sein und mein Hausrecht). Und bei kurzer Betrachtung schon wird klar, dass eine Gesellschaft voll-freizügiger Egomanen ebensowenig erstrebenswert und lebensfreundlich wäre wie eine Gesellschaft vollhingebender Durchreglementierender oder Durchreglementierter17.

In diesem, der historischen Zeit gemäß jeweils etwas anders geformten „Zentrum“, dem zivilisatorisch zentralen Raum, ist sodann auch der Ort für Gemeinwohl, und damit auch für alle Überlegungen hinsichtlich des „Tributes des Einzelnen an die Gesellschaft“. So können auch die inneren und äußeren Freiräume entstehen und gesichert werden, wo nicht nur das Hausrecht unantastbar ist, sondern auch der öffentliche Raum unantastbar allen zur Verfügung steht, die ihn nicht beschneiden, stören oder gar zerstören wollen. Das alles macht „Zivilisation“ aus.

Damit lässt sich – jenseits des historisch gewordenen „Links“ und „Rechts“ des 19. und 20. Jahrhunderts – nun auch eine „gesellschaftliche Grundbalance“ für das 21. Jahrhundert etablieren und eben immer wieder, wo nötig, (nach)justieren. Da diese vorliegend skizzierte Gesellschaftsarchitektur auf dieser Grund–BALANCE (besonders bezogen auf Markt bzw. kurz „Wirtschaft“ einerseits und Staat/Suprastaat/Global-Governance bzw. kurz „Hoheitsverwaltung“ andererseits) aufbaut, könnte man diese Grund-Balance auch als den tragenden konzeptiven und wohl auch ethischen Untergrund, als „das Prinzip“ des Procedere des gesamten Entwurfes (SEED) ansehen18. (So wie „Regenerativität“ das substantielle Prinzip aller Regelungen sein soll, was weiter unten ausgeführt wird.)

16 Vgl. z.B. Ulrich BRAND, Post-Neoliberalismus, 2011, S. 179.

17 Hubert v. SCHÖNEBECK, Amication, Freundschaft mit Kindern, 2000.

18 Luciano DE CRESCENCO, Also sprach Bellavista, 1986.

Sozialräume

Beziehen wir uns nun auf den gesellschaftlichen Raum, jenen gesellschaftlichen Raum, der innerhalb eines „Souveränitätssystems“, also des jeweiligen „Rechtsordnungs-Raumes“, gegeben ist. Dort findet sich vor allem (anfangs des 21. Jahrhunderts) neben Nationalstaaten und einigen Suprastaaten (und auch ein paar vollautonomen Regionen) das seit 1945 schnell sich entwickelnde „Internationale System“. Aber noch ist die „Globale/Planetare“ Schale unterinstitutionalisiert für die riesigen Aufgaben, die warten.

Die folgende Skizze der Sozialarchitektur zielt nun darauf ab, im Diskurs um Zukunftsfähigkeit für die (historisch wahrscheinlich entscheidenden) kommenden Dekaden grobe, aber konkrete Anhaltspunkte für ein Leitbild aufzuzeigen.

Grundkonsens am Beginn des 21. Jahrhunderts?

Wenn wir auf die Ebene des Sozialen näher eingehen, so erweist sich das erwähnte Konzept der „Grund-Balance“ für unsere Aufgabe der Zukunftsgestaltung auch als weiterhin brauchbar: Es drückt u.a. aus, dass es keine konkrete prästabilisierte überepochale Fixierung gibt; ja dass alle Fixierungen eine Belastung (insbesondere der „Freiheit auf Zukunft“) darstellen würden. Aller Kontext (und heute insbesondere die Ökologie) verändert sich permanent, die „Uferlandschaft des Zeitstromes“ verändert sich immerfort. Also ist auch ein jeweilig zeitbezogenes Einjustieren und Neu-Einstellen des „Sozialen“ angebracht, ja nötig. Die „Conditio humana“ allerdings bleibt wohl noch eine Weile (sind wir doch kaum zehntausend Jahre im Zustand einer Zivilisation) bestehen.

Dennoch sind wir in diesen wenigen Jahrtausenden als Spezies bereits in einer hochtechnologischen und planetaren Ära angelangt, wo der gesellschaftliche Kampf, der einmal vor allem als Kampf um Territorien begonnen hat, immer mehr ein „geistiger“ werden kann, ja eventuell werden „muss“. Schon weil eine materielle Kampf-Eskalation heute ohne die Gefahr der Zerstörung unabsehbar vieler Lebensbasen in keine „sieg-sichere Alternative“ münden kann (was immer „Sieg“ in der Vergangenheit der menschlichen Geschichte bedeutet haben mag).

„Eskalationsfähigkeit“ hat sich also im Rahmen dieses relativ kleinen Erdballes in letzter Instanz selbst ad absurdum geführt. Umso wichtiger wird also die „geistige“, insbesondere die gewaltfreie und diskursorientierte Auseinandersetzung. Aus-einander-setzung, d.h. die Standpunkte in den Raum stellen, in den öffentlichen Raum stellen, die Argumente vorbringen, und zwar so „sichtbar“, dass alle Gewillten sie erfassen können (Bring-Schuld). Die Gegenargumente sind ebenfalls „dorthin“ – in die Öffentlichkeit – zu bringen, und dort zu hören (Öffentlichkeit bedeutet Hol- und Bring-Schulden bezüglich gesamtgesellschaftlich relevanter Information). So kann man dann gemeinsam zu Einsichten kommen, so kann die „Resonanz“ der Vielen auf die Botschaften der Wenigen oder gar Einzelnen erwogen und spürbar werden, vom Applaus und Buh über die vielen Presseartikel, TV-Thematisierungen bis zu den „Internet-Stürmen“ der Jetztzeit. Und schließlich kann man so zu gemeinsamen Entscheidungen kommen: Entweder über Repräsentanten mit Mandat oder heute auch – wenn passend – über direkte oder indirekte demokratische Abläufe.

Für diese „geistige Auseinandersetzung“ ist aber dennoch ein gewisser, wenn auch nie vollständiger, allgemeiner Grundkonsens zur „Individual- und Sozial-Kultur“ wichtig. In der Nach-1945-Zeit war es zunächst in dieser Hinsicht „leicht“: Wiederaufbau“ war allen klar und wohl eindeutig historisch sinnvoll. Nun, am Beginn des 21. Jahrhunderts, wird es schwieriger: Was ist eigentlich klar genug, um für einen „planetaren Grundkonsens“ geeignet zu sein? Darüber wogt – nicht nur derzeit besonders in der arabischen Welt – ein Kulturkampf, der schon blutige Schrammen mit sich bringt. In der sogenannten „westlichen Welt“ (und im Sinne der Wirtschaftsglobalisierung sind teilweise auch China und Indien, Brasilien und Südafrika und andere Staaten schon einzubeziehen) tobt unter der Decke eine andere Aus-ein-ander-setzung. Diese näher zu ergründen, wird Aufgabe unserer Dekade sein. Dazu gehören unbedingt:

die

„gemeinsame

Herausforderung

der Zeit“

zu erkennen und bewusst ins Zentrum zu stellen, und demgegenüber Partikularinteressen in einem Rahmenregelwerk, wo nötig, klar unterzuordnen;

den problemrelevanten

Kompetenzen

„Raum“ (eine angemessene Sozialform) zu geben;

Konflikte

, Konkurrenzen, Rivalitäten – und nicht nur „er-wünschte“ Kooperationen – anzuerkennen und damit Soziales von gefährlichen „Verdrängungsrückständen zu entgiften“, und so handhabbar zu machen,

Einstellungen

bezüglich eines „angemessenen Dienstes an der Gemeinschaft“ in gleichem Maße zu fördern wie jene einer „angemessenen Entfaltung des Selbst“

19

.

Eine lebensbejahende Grund-Einstellung bringt dabei auch die Frage ins Spiel, ob nicht grundsätzlich eine „Fülle alles „Lebenswichtigen“ (nicht aber alles „Luxusverwöhnendem“) auf diesem Planeten vorhanden ist, und nicht (nur) ein permanenter Mangelzustand. Letztere Sicht führt ja zu einer Verhaltenseinstellung, die permanent hortet und rafft, und mit dieser zu einer Wirtschaftslogik der Ausbeutung von Natur und Anderen kommt. Dennoch muss diese Sicht neu diskutiert werden: Fülle versus Mangel. Eine Fülle wovon? Vieles, das jetzt verfügbar ist – nicht nur an Luxusgütern, sondern auch an Lebenswichtigem – fußt ja noch auf nichtnachhaltigen Produktionsweisen.

Nehmen wir an, es ist möglich, mit nachhaltigen Produktionsweisen und -mengen zu wirtschaften, dann bedeutet dies für die Sozialebene, dass „jeder Aktive“ aus dieser Einstellung (der Fülle des Notwendigen) möglichst aus seiner eigenen Mitte (durch diese Einstellung „beruhigt“) respektvoll an die Mitte des anderen herangehen kann und soll. Was Nutzen bedeutet, kann neu hinterfragt werden, neu konnotiert werden.

Diese Art von „Individual-Kultur“ kann vielleicht auch zu den Grundlagen einer zukunftsfähigen „Gesellschaftsideologie“ gehören. (Immer ist eine Weltsicht und eine Werteordnung beim „Sozialen des Menschen“ mit im Spiel; kurz, das belastete Wort „Ideologie“ auszublenden oder wegzuzaubern ist sinnlos.) Damit wird auch die durchaus nicht zu vermeidende, ja eher bewusst zu pflegende Auseinandersetzung über Grundwerte, Kernziele und Sichtweisen nicht nur siegenwollend und kritisch führbar: Es kann, darf und soll sich dabei im Diskurs auch ein „konstruktives Tor“ öffnen, z.B. „ein neues Drittes“ sichtbar werden. Oder es wird – und warum nicht – „nur ein Kompromiss“ erreicht, was insbesondere in der Demokratie wahrscheinlich eine häufige Wegmarke sein wird. Wir alle wollen leben, und zwar nicht nur heute, sondern „im Heute mit einer tragfähigen Perspektive/Hoffnung auf morgen“. Und insbesondere wer Kinder hat „auch für viele Übermorgen“. Soviel „Lebensfreundlichkeit“ dürfen, können und wollen wir als Kern eines neuen Grundkonsenses des 21. Jahrhunderts bereits jetzt annehmen.

Politik, Milieu und Ökonomie

Mit dieser Grundlage der Lebensfreundlichkeit sollte eine erste Schneise auch frei sein für eine zukunftsfähige Sozialkultur. Dabei wird die Ökonomie (zurück vom „Größenwahn aller Genialen, die meinten sie hätten das „Schlüsselverständnis“ gefunden19) wohl wieder „ein“, aber nicht mehr „der“ Kernbereich der Zivilisation sein. Unter einem viel bewussteren Gesamtblick auf das soziale Ganze (und damit auch auf alles Wirtschaftliche) wird ein „Primat des Politischen“ seinen Platz im Aufbau finden (als „Polis“ ist ja das Ganze der sozialen Zivilisation zu verstehen).

War bis zum Fall der Berliner Mauer (9.11.1989) in Westeuropa – vor dem Hintergrund einer mehr oder weniger nach wie vor sozialen Marktwirtschaft – die Ökonomie für jedermann das Hauptfeld der persönlichen, familialen, regionalen und nationalen Profilierung (mit einem zuerst „Wiederaufbau-fördernden“, dann „Status-gebenden“ Nutzenbegriff) unangezweifelt im Zentrum, so begann sich das seit mindestens einer Dekade auch im allgemeinen Verständnis zu wandeln.

Wird nunmehr nicht eine vertraute Milieu–Zugehörigkeit20 in überschaubaren Kreisen auf jeder Ebene immer mehr zum neuen „Sozialkriterium“? Wie sähe dann solch eine Verteilung aus? Welche Milieu–Schichten sind wie stark vertreten?

Das Sinus-Institut, das Menschen nach ihren Lebensauffassungen und Lebensweisen gruppiert, filterte 2011 für Deutschland folgende 10 „Milieus“ heraus21 (hier als Auflistung grob formuliert, mit groben Prozentangaben bezogen auf die Gesamtbevölkerung, in Anlehnung an die Ergebnisse von Sinus-Deutschland, 2011):

Oberschicht: ~31 %

(a) Konservativ-etabliertes Milieu: ca. 10 %

(b) Liberal-intellektuelles Milieu: ca. 7 %

(c) Milieu der Performer: ca. 7 %

(d) Expeditives Milieu: ca. 7 %

Mittelschicht: ~30 %

(e) Sozialökologisches Milieu: ca. 7 %

(f) Adaptiv-pragmatisches Milieu: ca. 9 %

(g) Bürgerliche Mitte: ca. 14 %

Unterschicht: ~ 39 %

(h) Traditionelles Milieu: ca. 15 %

(i) Prekäres Milieu: ca 9 %

(j) Hedonistisches Milieu: ca. 15 %

Das Koordinatenschema, in dem sich diese 10 Milieus lokalisieren lassen, beruht auf den Koordinaten:

Soziale Lage (unterteilt in Unterschicht-MittelschichtOberschicht) und

Grundorientierung (unterteilt in Tradition-Modernisierung-Neuorientierung).

Die Achse der Grundorientierung wird dabei mit folgenden Stichworten weiter untergliedert:

Traditionsverwurzelung: „Festhalten“;

Modernisierte Tradition: „Bewahren“;

Modernisierung: Lebensstandard, Status und Besitz, „Haben & Genießen“;

Individualisierung: Emanzipation und Authentizität, „Sein & Verändern“;

Neuorientierung: Multioptionalität, Beschleunigung, Pragmatismus, „Machen & Erleben“;

Neuorientierung mit Exploration, Refokussierung, neue Synthesen, „Grenzen überwinden“.

Die Sinus-Zukunftsforschung und auch deren Trendforschung zielt auf mögliche „Milieuentwicklungen“ (und setzt sie in Beziehung zur strategischen Unternehmensplanung der Kunden). Sinus ist also in seiner Arbeit ein Dienstleister, und nimmt den Rahmen des gegenwärtigen Systems als ceteris paribus hin. Es wird also dort sicher nicht gegen den „Mainstream“ geforscht – im Unterschied etwa zu Max WEBER, Pierre BOURDIEU22 u.v.a., die die eigene Meinung unbekümmert um Verkaufserfolge artikulierten. Dennoch werden auch bei SINUS wichtige über den Wirtschaftszweck hinausgehende, allgemein brauchbare Grunddimensionen und empirische Daten erarbeitet und ersichtlich.

Um soziale Milieus „griffig“ zu machen, bedienen sich die Sinus-Studien eines rechtwinkeligen Koordinatensystems, in dessen Feld sich überlappende „Sozialkreise“ lokalisieren lassen; eine echte Bereicherung in der angewandten