Die Berater - Ralf Jansen - E-Book

Die Berater E-Book

Ralf Jansen

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Beschreibung

Peter Richards und Hanno Thies sind Berater, keine Freunde. Früher waren sie Kollegen einer auf Strategieberatung spezialisierten Company, und immer war es um den besseren Plan, das geschicke Timing, die interessantere Transaktion, das größtmögliche Geld gegangen. Aberheute hat einer der beiden eine offene Rechnung. Ein raffiniertes, ein brutales Spiel nimmt seinen Lauf. Zwei Menschen sterben. Zwischen Frankfurt, London und Zürich entwickelt sich ein Duell, bei dem ein Unschuldiger zu verlieren droht. Zwei Kommissare der Frankfurter Mordkommission sehen sich mit einem FAll konfrontiert, der so ungewöhnlich wie unlösbar zu sein scheint.

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Seitenzahl: 227

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weissbooks.w

Impressum

Ralf Jansen

Die Berater

Roman

© Weissbooks GMBH Frankfurt am Main 2015

Alle Rechte vorbehalten

Konzept Design

Gottschalk + Ash Int’l

Umschlaggestaltung

Julia Borgwardt, borgwardt design

unter Verwendung eines Motivs von

© Roz Woodward, Studio-Annika

Foto Ralf Jansen

© Michael Utz

Erste Auflage 2015

ISBN 978-3-86337-086-2 (EPUB)

Dieses Buch ist auch als gedruckte Ausgabe erhältlich

ISBN 978-3-86337-074-9

Der Autor auf facebook

ralf.jansen.buchautor

weissbooks.com

Ralf Jansen

Die Berater

Kriminalroman

Inhalt

DIE HAUPTPERSONEN

Prolog

Herbst 2009

Drei Wochen später

Mittwoch, 28. April 2010

Donnerstag, 29. April 2010

Freitag, 30. April 2010

Samstag, 1. Mai 2010

Sonntag, 2. Mai 2010

Montag, 3. Mai 2010

Dienstag, 4. Mai 2010

Mittwoch, 5. Mai 2010

Freitag, 7. Mai 2010

Samstag, 8. Mai 2010

Montag, 10. Mai 2010

Dienstag, 11. Mai 2010

Mittwoch, 12. Mai 2010

Freitag, 14. Mai 2010

Samstag, 15. Mai 2010

Sonntag, 16. Mai 2010

Dienstag, 18. Mai 2010

Mittwoch, 19. Mai 2010

Donnerstag, 20. Mai 2010

Freitag, 21. Mai 2010

Sonntag, 23. Mai 2010

Dienstag, 25. Mai 2010

Danksagung

Die Berater

DIE HAUPTPERSONEN

Pieter Richards

Partner in der Strategieberatung Steward & Myers; sein Ziel: Deutschlandchef der Firma zu werden

Oliver Storm

Derzeitiger Deutschlandchef von Steward & Myers

Pierre Lundine

Europachef von Steward & Myers in London

George McCarlin

Partner im Londoner Büro von Steward & Myers; Förderer des internen Konkurrenten von Richards um die Position als Deutschlandchef

Sebastian und Sabine

Mitarbeiter im Team von Pieter Richards

Mara

eine Zufallsbekanntschaft von Pieter

Hanno Thies

ehemaliger Kollege von Pieter Richards

Stephanie Thies

Ehefrau von Hanno Thies

Theodor von Wetzstein

Studienfreund von Pieter und sein Anwalt

Hajo Ludewig

Vorstandsvorsitzender (CEO) der SysAG

Maik Lasarczyk

Finanzvorstand (CFO) der SysAG

Daniel Kemper

IT-Leiter der SysAG

Yvonne Sahler

Assistentin von Daniel Kemper

Erwin Schwab

Gründer und Inhaber der ITec

Bilz

ehemaliger Militärpolizist, der sich als Privatdetektiv mehr schlecht als recht über Wasser hält

Peter Widmann

Mitarbeiter der BaFin im Referat »Marktanalyse«

Heike Dingler

Oberkommissarin beim K11 der Frankfurter Mordkommission

Hannes Weilbach

Hauptkommissar beim K11 der Frankfurter Mordkommission; leitender Ermittler

Fiete

Clubbesitzer und Rotlichtgröße in Frankfurt

Dimitri & Aljoscha

Russische Zwillinge in Diensten von Fiete

Firmen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Prolog

Herbst 2009

Frankfurt am Main

Die zwei Männer schwiegen seit einigen Minuten. Bedächtig zogen sie an ihren Zigarren. Hin und wieder nickte einer der beiden leicht mit seinem Kopf.

Draußen war es noch nicht so kalt, dass man das Kaminfeuer wirklich gebraucht hätte. Dennoch, es gab dem Raum im ersten Stock eine besondere Atmosphäre. Lediglich acht schwere braune Ledersessel und vier niedrige Tische mit jeweils einem großen Aschenbecher standen im hinteren Kaminzimmer. Nur zwei der Sessel waren zu der späten Zeit jetzt noch belegt. Die meisten Mitglieder hatten den privaten Club, der über eine steile Treppe im Nebengebäude des renommierten Frankfurter Hofs zu erreichen war, längst wieder verlassen. Waren nach Hause in ihre Villen im Taunus verschwunden, zurück in ihre Büros gegangen oder aßen mit ihren Kunden, Ehefrauen oder Geliebten zu Abend.

»Einhundert Millionen, dein letztes Wort?«, fragte der, der genickt hatte.

»Einhundert Millionen«, bestätigte der andere.

Beide schwiegen erneut. Nur das leise Knacken eines Holzscheites im Kamin war zu hören.

Dann straffte sich die Körperhaltung von Hajo Ludewig.

»Gut. Also lass mich mit meinen Leuten reden. Wir telefonieren morgen Mittag, einverstanden?«

»In Ordnung. Du weißt, ich würde das Geschäft gerne mit dir machen.«

Die beiden Männer rauchten schweigend zu Ende, dann standen sie gemeinsam auf.

Erwin Schwab, der Gründer und Inhaber von ITec, und Hajo Ludewig, Vorstandsvorsitzender der börsennotierten SysAG, gaben sich die Hand.

»Ich höre morgen von dir«, sagte Schwab, während er zupackend Ludewigs Hand schüttelte.

Drei Wochen später

Zuerst hörte man nur das Quietschen der Reifen. Dann röhrten die 345 PS auf, als der Fahrer Vollgas gab. Doch das schien niemanden zu beeindrucken. Weder einen der letzten Nachtschwärmer, noch die Handvoll morgens ins Büro eilender Banker. Auch die Prostituierten oder die abgerissenen Typen, die die Taunusstraße nachts als Bett benutzten, schien es nicht zu interessieren. Keiner hob den Kopf, als der schwarze Porsche die direkt neben den Bankentürmen liegende Hauptstraße des Frankfurter Rotlichtviertels ein kurzes Stück entlang raste.

Um diese Zeit war es noch kein Problem, direkt gegenüber des Moulin Rouge einen Parkplatz zu finden. Der grauen Fassade des Nachtclubs dort haftete etwas Verruchtes an. Um neun Uhr abends würde er seine Türen für das zahlende Publikum wieder öffnen. Zielstrebig und mit energischen Schritten ging der Porschefahrer über die Taunusstraße auf den Nebeneingang zu.

Irgendwann hatte er in einem seiner Firmenseminare gelernt, dass ein aufrechter Gang Selbstbewusstsein demonstriert. Also gab er sich besondere Mühe. Doch bevor er auf die goldene Klingel in der Mitte der Tür drückte, blickte er verstohlen nach beiden Seiten. Seine zur Schau gestellte Selbstsicherheit schien mit einem Mal verschwunden zu sein.

Die schmale Klappe auf Augenhöhe öffnete sich.

»Ich habe um halb elf einen Termin.« Klang seine Stimme gepresst? Ihm schoss kurz der Gedanke durch den Kopf, ob der Typ hinter der Klappe seine Unsicherheit spüren konnte, so wie Hunde angeblich die Angst von Menschen spüren. Er zwang sich, den starr durch die Klappe blickenden Augen nicht auszuweichen, während er die kleine Münze durch die Öffnung reichte, die ihm als Eintrittskarte diente.

»Was für ein Affentheater«, dachte er. Der Gorilla kannte ihn doch, wieso konnte er nicht wie jeder andere Mensch einfach die Tür öffnen. Dimitri oder Aljoscha, er konnte die beiden Iwans nie auseinanderhalten, hatten jetzt wohl genügend Türstehermacht bewiesen. Die schwere Eingangstür ging auf und er betrat den von ein paar Leuchtstoffröhren nur mäßig beleuchteten Flur. Die beiden Flügel der Tür auf der rechten Seite, die dem Showraum als Notausgänge dienten, standen offen.

Er hörte das Klatschen eines nassen Putzlappens aus dem noch verwaisten Club, in dem »Erotisches Varieté in besonderem Ambiente für die gehobene Klientel« geboten wurde. Jeden Tag bis vier Uhr morgens. So jedenfalls stand es in den Werbeprospekten, die in Stapeln in den umliegenden Frankfurter Hotels auslagen.

Neugierig spähte er kurz nach rechts, als er dem Russen die Treppe in den ersten Stock hinauf folgte. In den an den Innenwänden angebrachten Spiegeln konnte er im Halbdunkel die etwa zwanzig Lounge-Inseln und Sessel in der raumbestimmenden Farbe Rosa sehen, die sich um eine halbrunde Bühne gruppierten. Eine Frau mit einem Kopftuch wischte die Bühne.

Im Treppenaufgang des alten Hauses roch es so modrig, als wäre der Putz früher einmal nass geworden. Doch alles war absolut sauber und sah wie poliert aus. Er griff an den Handlauf des hölzernen Geländers, der sich warm anfühlte und seine leicht feuchten Handflächen zu trocknen schien.

Der Teppichboden schluckte die Schritte der beiden Männer, die jetzt den langen Flur im ersten Stock entlanggingen. Die tiefrot gestrichenen Türen der sogenannten Privatzimmer passten nicht so recht zur Wandfarbe, die ihn irgendwie an Marzipanschweinchen erinnerte.

Die Tür zum Chefbüro, das ganz am Ende des langen Ganges lag, stand offen.

Fiete thronte hinter seinem wuchtigen Schreibtisch, der exakt in der Mitte des Raumes stand. Wie bei den ersten beiden Treffen trug er ein blitzsauberes weißes Hemd, das bei dem massigen Körper vermutlich maßgeschneidert war. Seine Haare hatte er im Nacken zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Obwohl der Mann lächelte, blieben seine Augen kalt. Seine Brutalität, die durch die Aknenarben, mit denen sein rundliches Gesicht übersät war, noch unterstrichen wurde, konnte man fast greifen.

Mit einem Brieföffner in der rechten Hand reinigte er seine Fingernägel. Links hinter Fiete stand der andere Russe. Mit einer lässigen Geste zeigte der Clubbesitzer mit dem Brieföffner auf die beiden Sessel vor seinem Tisch. Unter anderen Umständen hätte sich der Besucher niemals in diese abgewetzten und zum Teil aufgerissenen cognacfarbenen Möbel gesetzt. Die Dinger sahen aus, als stammten sie direkt aus dem Sperrmüll. Die beiden Armlehnen glänzten speckig im Morgenlicht, das durch das einzige Fenster auf der linken Seite des Raums in das Büro fiel. Aber da musste er jetzt durch, wenn sein Plan gelingen sollte. Er sah kurz aus dem Fenster auf die graue, mit unzähligen bunten Graffitis verschmierte Wand des gegenüberliegenden Hauses. Das Nachbargebäude war so nah, dass man es fast mit der Hand greifen konnte.

An der Wand hinter Fiete hingen zwei Poster einer Frankfurter Boxveranstaltung und ein paar abgewetzte Boxhandschuhe, um die dreckige, ehemals weiße Bandagen gewickelt waren. Ein dunkelbraunes Regal mit einigen penibel beschrifteten Ordnern in verschiedenen Farben zog sich fast über die ganze Wand. Die cremefarbene Ledercouch mit dem kleinen modernen Stahltisch auf der rechten Seite des Raums passte so gar nicht zu der übrigen Einrichtung. Das Fenster über der Couch war mit einer schwarzen Folie blickdicht beklebt, das Fensterbrett vollgestellt mit silbernen und goldenen Pokalen unterschiedlicher Größe. Ihm fiel ein, dass man an diesem Fenster von der Straße aus das Logo und den Namen des Clubs lesen konnte. Rechts hinter ihm stand der große Schrank, in dem er bei seinem ersten Termin den Tresor gesehen hatte. Ansonsten herrschte trotz der spärlichen Möblierung ein ziemliches Durcheinander – was vielleicht an den zwei Dutzend Kartons lag. Halb so groß, wie die, die man für Umzüge meist benützt, waren sie in der linken Ecke des Raums sowohl an der Fensterseite als auch an der Türseite aufgestapelt. Zeitungen und Magazine bedeckten fast jede freie Ablagefläche. Der ganze Raum roch wie sein Besitzer: nach Schweiß, altem Fett und zu viel Rasierwasser.

Fiete grinste immer noch. Er nuschelte ein »Wie geht’s?« heraus, ohne dass er darauf wirklich eine Antwort erwartete. Dann tippte er mit dem Brieföffner auf die zwei Blätter Papier, die mitten auf dem Schreibtisch lagen.

»Eine Unterschrift hier und hier und das Köfferchen mit meiner halben Million Barinvestition in unser kleines Geschäft, zwei schöne neue Ausweise und, wie bestellt, dieses kleine Wunderkästchen hier …«, er hob ein schwarzes Plastikkästchen in der Größe einer Zigarettenschachtel hoch, »… gehören dir, mein Freund.«

Mittwoch, 28. April 2010

London

Die Boeing 737 landete mit mehr als einer Stunde Verspätung in London-Heathrow. Obwohl er noch etwas Reserve eingeplant hatte, hoffte er, dass es nicht zu lange dauerte, bis sie endlich aus dem Flieger kamen. Pieter Richards wuchtete seine fast zwei Meter in derselben Sekunde aus dem Sitz in der zweiten Reihe, als der Flieger seine Parkposition eingenommen hatte. Die Stewardess reichte ihm sein Sakko. Er trug heute seine »Kampfmontur«: ein blütenweißes Businesshemd, das ein kleines Stück aus dem Ärmel des anthrazitfarbenen Anzugs herausragte, so dass man die einfach gehaltenen Manschettenknöpfe erkennen konnte. Darüber eine Weste, ebenfalls in anthrazit, und eine tiefrote Krawatte. In der linken Hand hielt er die Tasche mit dem Laptop, in der rechten seinen Blackberry. Er checkte kurz seine E-Mails, nachdem sich dieser automatisch ins englische Netz eingeloggt hatte. Von außen wurde an die Tür der Flugzeugkabine geklopft. Sekunden später schob er sich an dem älteren Herrn vor ihm vorbei, um als Erster aus dem Flieger zu kommen. Er freute sich auf den Tag, an dem er als »Hon«, der höchsten Klasse der Vielflieger, den Sitz mit der machtvollen Nummer A1 haben würde. Dann stand ihm beim Aussteigen keiner mehr im Weg herum, der es nicht fertigbrachte, seinen Kram rechtzeitig zusammenzupacken. Mit großen Schritten machte er sich auf den Weg zum Heathrow Express Zugang. Zwanzig Minuten ohne Unterbrechung brauchte er in die City bis zur Paddington Station. Dort musste er in die Tube, die Mutter aller U-Bahnen, und dann an der Baker Street nochmal in die Metropolitan Line umsteigen. Normalerweise benötigte er für die gesamte Strecke vom Flughafen bis zur Aldgate Station 45 Minuten. Wenn er jetzt noch die Wartezeit dazurechnete, konnte es knapp werden. Er sah auf seine Uhr. Der nächste Zug fuhr in acht Minuten. Er entschloss sich, das Risiko einzugehen.

Als sich der Zug pünktlich in Bewegung setzte, begann sich Pieter etwas zu entspannen. Wenn er heute die Präsentation erfolgreich über die Bühne bringen würde, dann war er seinem großen Ziel einen gewaltigen Schritt nähergekommen. Im Frühjahr 2011 wollte er seinen Chef, Oliver Storm, auf dessen Posten als Chef der deutschen Beratung von Steward & Myers beerben. Dann hatte er es endlich geschafft. Schade, dass er das seinem Stiefvater nicht mehr unter die Nase reiben konnte. Der hatte immer gesagt, bevor er sich das Hirn versoffen hatte, dass aus Pieter nie etwas werden würde. Und jetzt stand er kurz davor, in den Zirkel der Macht aufgenommen zu werden. Doch dazu musste er sich zunächst dem internen Auswahlverfahren stellen. Seine Zahlen und Beurteilungen waren hervorragend, so dass er von dieser Seite nichts zu befürchten hatte. Besser aufgestellt konnte er gar nicht ins Rennen gehen. Die Präsentation heute war ein wichtiger Meilenstein, dem in etwa zwei Wochen die persönlichen Interviews mit dem europäischen Managing Partner und seinem Leadership-Team folgen würden. Pieter startete seinen Laptop und öffnete seine Charts, um den Ablauf seiner Präsentation ein letztes Mal durchzugehen.

Punkt 11 Uhr Londoner Zeit schloss der Europachef von Steward & Myers die Tür des Konferenzraums. Pierre Lundine begrüßte seine Partnerkollegen zur vorletzten Runde der Entscheidungsfindung über die Nachfolge des Deutschlandchefs, der im kommenden Jahr ins »early retirement« gehen würde. Pieter Richards würde als erster der beiden Finalisten seinen Businessplan präsentieren.

»Danach steht uns Pieter noch für eine kurze Fragerunde zur Verfügung.« Der Franzose hatte sich sofort nach seiner Begrüßung wieder hingesetzt und sprach nun in lockerem Plauderton. «Nach unserem Businesslunch geht es dann um halb zwei mit der Präsentation von Charles Smith-Leroy weiter. Die meisten kennen ihn ja hier aus dem Londoner Büro.« Einige der Anwesenden nickten. »Tja, und dann müssen wir uns natürlich irgendwann auch entscheiden, n’est-ce pas?« Er klatschte einmal in die Hände und wandte sich Pieter zu: »Nun denn, wir hören …«

Pieter hatte schon oft vor hochkarätigem Publikum gesprochen. Deshalb hatte er auch keine Bedenken, dass er der Herausforderung rhetorisch nicht gewachsen sein könnte. In allerletzter Minute war er, als ob es Teil seines Plans gewesen wäre, im Konferenzraum erschienen und hatte seinen Computer mit dem Beamer verbunden. Dann griff er nach dem handlichen Funksender, mit dem er seine Präsentation steuern konnte, ohne dass er dazu am Laptop stehen musste.

»Ladies and Gentlemen«, begann er nach einem kurzen Blick in die Gesichter der elf obersten Führungskräfte von Steward & Myers in Europa, »36 Millionen Euro!« Seine Stimme war kräftig und selbstbewusst. »36 Millionen Euro«, wiederholte er etwas leiser. »Das ist der Betrag, den wir in Deutschland im kommenden Geschäftsjahr mit den neuen Services erwirtschaften können, die ich Ihnen heute vorstellen will. Lassen Sie uns kurz visualisieren, wie sich das für unser Unternehmen und vor allem für Sie ganz persönlich auszahlen würde …«

Eine Stunde später beendete er seine Präsentation und suchte mit seinen grünen Augen Kontakt mit Pierre Lundine. Er wirkte in diesem Moment wie ein Habicht, der Beute erspäht hatte und kurz vor dem Zuschlagen war. Pieter nahm eine typische Beratergeste ein: Den linken Ellbogen stützte er mit dem quer vor den Bauch gelegten rechten Arm, Daumen und Zeigefinger der linken Hand berührten sein bartloses Kinn und die schmalen Lippen. Der Ärmel des italienischen Maßanzugs rutschte etwas nach unten und ließ den Blick auf eine teuer aussehende Uhr zu. »Pi«, wie ihn seine Mitarbeiter hinter vorgehaltener Hand in Anspielung auf seine intellektuellen Stärken nannten, verkörperte den Erfolg, den alle anstrebten, die ihre Karriere bei einer Beratung begannen. Mit durchtrainiertem Körper und aufrechter Kopfhaltung stand er da und wartete. Ein paar graue Haare mischten sich unter sein ansonsten dunkles glattes Kopfhaar. Auch einige Falten, die sich auf die Haut seines leicht sonnengebräunten Gesichts eingegraben hatten, waren wohl ein Tribut an die Jahre, die er geopfert hatte, um aus der Bedeutungslosigkeit herauszukommen und heute hier zu stehen. Einzig die zwar schlanke, aber doch etwas zu große Hakennase passte nicht ganz zu seinem fast klassischen Aussehen. Wie auch die Koteletten, die ein wenig an Elvis Presley erinnerten. Würde die Partnerschaft seinem Business Case zustimmen, dann hätte sich seine Zielstrebigkeit ausgezahlt. Dann hätte er es endgültig allen gezeigt. Dann würde auch er dazugehören, zum Zirkel der wirklich Mächtigen der Branche.

Lundine sah in die Runde.

»Meine Herren«, die einzige weibliche Teilhaberin auf internationaler Ebene wurde kurzerhand in die männliche Runde miteinbezogen, »gibt es Fragen an Pieter?«

Van Houten, der holländische Länderchef ergriff als Erster das Wort. Das Konzept sei gut durchdacht und, da er den deutschen Markt ja aufgrund der nachbarschaftlichen Nähe kenne, halte er auch die Zahlen für durchaus realistisch.

Noch während Pieter ihm einen dankbaren Blick für die Unterstützung seines Konzepts zuwarf, schnellte der Oberkörper von George McCarlin wie eine Sprungfeder auf. Es war, als hätte der dürre, immer blass aussehende, aber mächtige englische Teilhaber nur auf sein Stichwort gewartet.

»Insbesondere die Zahlen bezweifle ich in hohem Maße. Wir spüren ja nach wie vor die Ausläufer der Wirtschaftskrise, auch wenn das Geschäft wieder anzieht. Die Frage, die wir uns stellen sollten, ist doch die, ob wir mit diesem Konzept nicht zu stark auf einen Bereich fokussieren, der unsere eigentliche Stärke, die Strategieberatung, zu wenig unterstützt.« Er drehte sich seinen Kollegen zu und vermisste die Bestätigung seiner Worte in den Gesichtern der Anderen. Er musste wohl noch nachlegen. »Wir alle kennen ja Pieter als ehrgeizigen und motivierten Partnerkollegen.« Jetzt nickten die meisten der Teilnehmer. McCarlin hatte sie langsam da, wo er sie haben wollte. Ebenfalls nun nickend, drehte er seine Argumentation in aller Ruhe in einen Angriff um. »Aber bei diesem Konzept scheint mir doch eher der Wunsch Vater des Gedankens zu sein.« Seine Stimme wurde schneidender. »Ich habe auf Basis der aktuellen Zahlen bei uns nachgerechnet und komme zu einer weit weniger optimistischen Einschätzung. Eine absolut professionelle Präsentation, keine Frage, die unsere Kunden sicher auf den ersten Streich überzeugt hätte.« Leises Gelächter war zu hören. »Aber intern sind wir doch noch um einiges kritischer.« Der Ton seiner Stimme wechselte erneut. Jetzt klang er hart und streng. »Die Zahlen sind nach meiner Recherche deutlich zu hoch angesetzt. Ich glaube nicht, dass der Markt das hergibt.«

McCarlin lehnte sich zurück und sah Lundine an. Mit Pieter hatte er während der ganzen Tirade kein einziges Mal Blickkontakt aufgenommen.

Pieter trat einen Schritt nach vorne, holte tief Luft und begann zu sprechen.

»George, vielen Dank für Ihre Meinung. Wie Sie schon richtig sagten, hätte die Präsentation unsere Kunden überzeugt. Momentan sind Sie meine Kunden. Und tatsächlich habe ich ein großes Interesse daran, unsere Firma weiter voranzubringen. Natürlich sind wir keine Hellseher, aber ich denke, wenn wir den Trend weiter in die Zukunft entwickeln, dann bestätigen sich eben genau diese Zahlen. Und was Ihr Argument der möglichen einseitigen Fokussierung betrifft: Mein Ziel für heute war es, Ihnen, basierend auf meiner Expertise und meiner Erfahrung, Chancen aufzuzeigen, wie wir ganz konkret den Benefit für uns und unsere Company steigern können. Ich bin mir sicher, dass wir, wenn wir die anderen Sparten ebenfalls unter die Lupe nehmen, auch da Möglichkeiten finden, unser Geschäft zu erweitern.« Gut die Hälfte der Anwesenden nickte nun deutlich mit dem Kopf.

Doch McCarlin war noch nicht fertig. »Pieter, dass Sie von Ihren Zahlen überzeugt sind, davon gehe ich mal aus. Und ich habe bestimmt nichts gegen ehrgeizige Ziele. Aber warum hat dann Oliver, den wir hier alle sehr schätzen, es nicht geschafft? Obwohl doch, wie Sie sagen, die Chancen bestehen? Das klingt jetzt ein bisschen so, als hätten Sie den Job besser als er gemacht.«

Der eine oder andere im Raum hielt jetzt spürbar die Luft an. Oliver Storm, Pieters Chef, war fraglos ein erfolgreicher Berater. Allerdings hatte er in den letzten Jahren als Deutschlandchef nach Pieters Geschmack viel zu defensiv agiert und so den einen oder anderen Marktvorteil ungenutzt gelassen. Und er hatte eine Eigenschaft, die nicht wenige Partner auf oberster Ebene an den Tag legten: Er verfolgte oft nur noch die Ziele, die ihm persönlich einen Vorteil brachten. Auch wenn der Köder gut platziert war, würde Pieter dem Londoner Partner den Gefallen nicht tun und in die ausgelegte Falle tappen.

»George, es geht momentan sicher nicht darum, die fraglos großen Leistungen von Oliver für Steward & Myers zu bewerten. Wir sind doch hier zusammengekommen, um über die Zukunft zu sprechen. Natürlich haben wir diese Ideen auch mit Oliver diskutiert. Nur er wird sie eben nicht mehr umsetzen können und wollen, da er im Sommer nächsten Jahres in Pension geht.«

McCarlin schwieg. Er wollte nicht zu destruktiv auftreten. Heute Mittag würde er seine nächste Chance nutzen, um seinen Kandidaten in ein besseres Licht zu rücken.

Nach gut einer halben Stunde ebbten die Fragen ab. Lundine stand auf und machte sich mit einer schwungvollen Bewegung, als wollte er mit seinen Armen die Anwesenden aus dem Raum kehren, als Erster auf den Weg zum Stehbuffet. Pieter stöpselte seinen Laptop vom Beamer ab und schaltete den Rechner aus. Er sah auf, als ihn eine Hand sanft am Arm berührte.

»Sei vorsichtig. McCarlin wird alles tun, um seinen Mann auf den Posten zu bringen. Du weißt, er hat einen enormen Einfluss hier im Büro.« Van Houten hatte in letzter Zeit viel mit den Londoner Kollegen zu tun gehabt.

»Danke für deine Unterstützung. Was denkst du, wie es momentan für mich aussieht?«

»Naja, hier im Gremium, das hast du sicher selbst bemerkt, steht es momentan eher fünfzig zu fünfzig. Für den einen oder anderen bist du zu progressiv, und das kann natürlich auch unbequem werden. Manchmal denke ich mir, die haben hier immer noch Angst, dass ihr Deutschen den dritten Weltkrieg anzetteln könntet.« Beide grinsten. »Aber was ich damit sagen will: Wenn es dir gelingt, die deutsche Practice noch um einiges leistungsfähiger zu machen als jetzt, dann dürfte dem einen oder anderen hier klar werden, dass er ebenfalls Gas geben muss.«

Pieter nickte. Genauso dachte er auch. Je höher er im Unternehmen aufstieg, umso weniger konnte er sich den politischen Spielchen entziehen. Er musste sich zum einen mit starken Visionen für die Zukunft positionieren, andererseits durfte er aber auch nicht zu bedrohlich auftreten.

»Wenn sich Oliver deutlicher für Dich einsetzen würde, käme das bestimmt nicht schlecht. Bisher hält er sich meiner Meinung nach zu sehr im Hintergrund. Aber machen wir uns nichts vor: Sein Wort hat immer noch Gewicht hier im Leadership-Team, und wenn er sich künftig sichtbar aktiver hinter dich stellt, dann dürfte das eigentlich klappen.« Er klopfte Pieter jovial auf den Oberarm und ging ebenfalls nach draußen.

Van Houten hatte Recht. Und nicht nur damit, dass Pieters Chef ihm deutlicher den Rücken stärken sollte. McCarlin hatte sich erstaunlich schnell ruhigstellen lassen. Hatte der noch ein Ass im Ärmel, das er bei seinem Kandidaten ziehen konnte, von dem Pieter nichts wusste?

Donnerstag, 29. April 2010

Frankfurt a. M.

Die Morgensonne fiel in schmalen Streifen durch die Verdunkelung in den schalldichten Besprechungsraum im 23. Stock des modernen Frankfurter Bürogebäudes. Das exklusive Leder des Chefsessels von Hajo Ludewig knarrte leicht, als sich der Vorstandsvorsitzende der SysAG mit einem knappen »Danke, Herr Richards« wieder den anderen am Tisch zuwandte. Pieter wusste, dass Ludewig der geplanten Firmenübernahme mit großen Erwartungen gegenüberstand. Durch den Kauf und die Integration der ITec hatte er in seinem Alter jetzt zum letzten Mal die Chance, sich noch ein paar Lorbeeren für die Ruhmeshalle der CEOS zu verdienen. Jo Brauner, der direkt dem Finanzvorstand berichtete und als Head of Mergers & Aquisitions die interne Projektsteuerung verantwortete, wollte diesen Deal ebenfalls mit allen Mitteln, genauso wie die anderen Prüfer, Berater, Anwälte und Steuerfachleute im Raum. Und nicht zuletzt für Pieter kam es auf einen erfolgreichen Abschluss an.

Zielstrebig und ehrgeizig hatte er es vor seiner Zeit bei Steward & Myers geschafft, dass man ihn bei Seykin Consulting – einer der großen internationalen Beratungen, intern nur ›SC‹ genannt – nach nur acht Jahren zum jüngsten Teilhaber in der deutschen Firmengeschichte ernannt hatte. Wenn auch zu einem hohen Preis. Nicht nur körperlich war er in dieser Zeit an seine Grenzen gekommen. Auch seine angeschlagene Ehe mit einer Ärztin war nicht mehr zu retten gewesen. Trotz des Ortswechsels nach Frankfurt, der Heimatstadt seiner Ex-Frau, und dem Wechsel zu Steward & Myers, die ihren Sitz ebenfalls in der Bankenmetropole hatte. Denn als Teilhaber verbrachte er auch hier die meiste Zeit im Büro oder war auf Geschäftsreisen unterwegs. Und doch gelang es ihm in der Regel, bei aller Anspannung gut gelaunt zu sein. Er hatte immer ein offenes Ohr für jeden, der seinen Rat brauchte. Vielleicht ein Grund mehr, warum ihn viele bei der kleinen, aber feinen Beratung gerne als neuen Deutschlandchef sehen würden. Und er wollte diesen Job mit aller Macht.

»Meine Herren, gibt es Fragen an Herrn Richards oder seine Mitarbeiter?« Pieter zog mit einem Arm den Sessel heran, den er vor der Präsentation zur Seite gestellt hatte, um mit voller Präsenz sprechen zu können, und setzte sich an den Kopf des Konferenztisches. Von Ludewig selbst und seinem Personaler, der ihm in die neu aufzustellende Konzernzentrale folgen würde, hatten er und sein Team nichts zu befürchten. Für den operativen Vorstand hatte er sich mit seinen Leuten ebenfalls eine Karotte ausgedacht, den sie ihm bei Bedarf vor die Nase halten konnten. Zwei Manager hatten sie jedoch noch nicht im Boot. Mit fragendem Blick und leicht hochgezogenen Augenbrauen wartete er darauf, welcher von beiden zuerst sein Gift versprühen würde. Der Finanzvorstand, der die meiste Zeit wie eine Glucke auf dem Firmengeld saß, als ob es sein eigenes wäre. Oder der noch recht junge IT-Leiter. Bei dem Finanzmann hatte nicht einmal die Einladung in eines der Frankfurter Nobel-Restaurants Wirkung gezeigt. Und der im Gegensatz zu Pieter meist nachlässig gekleidete Leiter für Informationstechnologie hatte schlichtweg Angst um seinen Job. Von Anfang an hatten beide versucht, Pieter in die Suppe zu spucken, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.

Schon an der Art, wie der Finanzvorstand Luft holte, war klar, wer loslegen würde. Lasarczyk beugte sich nach vorne. Man wisse ja nicht, sagte er, wie viel das Ganze am Ende des Tages tatsächlich koste und wie die Integration des Targets ablaufen solle. Man sei ja gewohnt, dass die Berater wie jetzt eloquent und nett herumstolzierten, solange es um die Sicherung ihrer Honorare gehe. Zur Umsetzung kämen dann aber oft die Unerfahrenen in ihren Konfirmandenanzügen. Und die ganzen Risiken, die mit so einer feindlichen Übernahme eines Konkurrenten verbunden seien! Man wolle ja in der Presse nicht als Heuschrecke bezeichnet werden und den guten Ruf verlieren.

Bisher nur Blablaba…, dachte Pieter.

Doch dann ließ Lasarczyk seine Bombe platzen.

London

George McCarlin schloss die Tür zu seinem Büro im noblen Financial District in London. Der Deutsche hatte sich gestern nicht schlecht geschlagen, das musste er anerkennen. Aber das hieß noch lange nicht, dass er die Ziellinie vor seinem Kandidaten überschreiten würde. Vielleicht musste er doch noch mehr als bisher über die Vergangenheit des Konkurrenten seines Zöglings herausbekommen. Jeder auf dieser Ebene hatte eine Leiche im Keller liegen. Und wenn es darauf ankam, dann musste man das eben nutzen, um dem eigenen Mann einen Vorteil zu verschaffen.

McCarlin öffnete seinen privaten Mailaccount und schrieb eine kurze Mail. Er brauchte jetzt schnellstens Ergebnisse von dem Deutschen, den er im Zuge seiner Ermittlungen über Richards ausfindig gemacht und mit ein paar Detailinformationen versorgt hatte.

Frankfurt a. M.