Die Bibel - faszinierend, einzigartig und voller Geheimnisse - Rob Bell - E-Book
Beschreibung

Die Bibel. Mit ihr begann der Buchdruck und sie ist das meistverkaufte und meistgelesene Buch der Welt. Von vielen als das unfehlbare Wort Gottes verehrt, ist sie gleichzeitig eine Bibliothek von 66 Büchern, die über einen sehr langen Zeitraum von unterschiedlichsten Menschen in unterschiedlichsten Gegenden und Kulturen verfasst wurden. Rob Bell hat ein faszinierendes Buch darüber geschrieben, warum die Bibel auch im 21. Jahrhundert noch genauso relevant ist wie vor 2.000 Jahren. Er liefert erstaunliche Einsichten, wie sie als Quelle des Glaubens und als Antwort auf Lebensfragen dienen kann. Dazu vermittelt er eine ganz neue Art und Weise, ihre Texte zu lesen. Die Bibel trägt lebensverändernde Kraft in sich. Rob Bell zeigt, wie Sie diese Kraft in Ihrem eigenen Leben zur Entfaltung bringen.

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Seitenzahl:340

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Über die Autoren

Rob Bell hat bereits zahlreiche Bücher geschrieben, von denen einige zu Bestsellern wurden. Außerdem ist er Pastor und gefragter Redner auf Konferenzen rund um den Globus. Das TIME-Magazine zählte ihn 2011 zu den 100 einflussreichsten Menschen der Welt. Rob Bell ist verheiratet und hat drei Kinder.

Prof. Dr. Thorsten Dietz lehrt als Professor für Systematische Theologie an der Evangelischen Hochschule Tabor und ist Privatdozent an der Universität Marburg.

Damit sein Segelbot bei starkem Wind nicht kentert, lehnt sich der Skipper manchmal weit über die Bordwand hinaus. Rob Bell macht es in seinem Buch über die Bibel ähnlich. Mit diesem Buch allein wird man den Kurs in Sachen Bibel nicht halten können, aber es ist ein Gegengewicht zu allerlei Einseitigkeiten der christlichen Tradition. Ein herausfordernder „Störer“, der aufruft, manche allzu vertrauten Sichtweisen über die Bibel zu überdenken. So verstanden kann man es mit Gewinn lesen.

Dr. Ulrich Wendel, Chefredaktuer von Faszination Bibel

Dieses Buch ist grandios! Frech, leidenschaftlich und höchst inspirierend entschlüsselt Rob Bell die biblischen Texte und bringt sie zum Strahlen. Ich habe gelacht, gestaunt und neu verstanden, wie viel Lebenskraft darin steckt. Klasse.

Fabian Vogt

Er hat es wieder getan! Rob Bell hat wieder ein Buch geschrieben, das ich ab einem bestimmten Punkt nicht mehr aus der Hand legen konnte. Sein Buch über die Bibel ist einfach zu lesen, aber alles andere als leicht zu verdauen. Befremdlich und inspirierend zugleich. Ein Feuerwerk an Pointen und neuen Einsichten. Aber die haben es in sich. Man muss bereit sein, die Brillen seiner bisherigen Prägung abzulegen und sich auf eine völlig neue Sichtweise einzulassen. Wer Lust hat, querzudenken und die Bibel unter ungewöhnlichen Blickwinkeln neu zu betrachten und neu zu entdecken, wird bei der Lektüre von „Die Bibel“ voll auf seine Kosten kommen.

Klaus Douglass

Rob Bells Buch ist ein echter Knaller! Manche mögen die Bibel für ein antikes Buch halten, dessen Haltbarkeitsdatum längst abgelaufen ist, andere sehen darin gar eine schriftliche Standleitung zum Himmel. Rob Bell nimmt uns mit auf eine Reise in das Buch der Bücher, die deutlich macht, dass beide Blicke zu kurz greifen. Mich inspiriert es total, wie er an das alte Buch herangeht und es in unsere heutige Zeit sprechen lässt. Sowohl für Menschen der einen als auch der anderen Kategorie dürfte sein Buch Neues, Ungewohntes und Herausforderndes zu sagen haben, weil er sich den harten Fragen und Widersprüchen stellt, aber nie von oben herab antwortet, sondern, so wie ein guter Reisebegleiter das nun mal tut, einem lediglich hilft, das vor einem Liegende mit neuen Augen zu betrachten.

Jakob – Jay – Friedrichs, Podcaster bei Hossa Talk und seit über 30 Jahren Kirchenkabarettist mit superzwei (früher nimmzwei)

… und zu versuchen,

die Fragen selbst lieb zu haben

wie verschlossene Stuben und wie Bücher,

die in einer fremden Sprache geschrieben sind.

Forschen Sie jetzt nicht nach Antworten,

die Ihnen nicht gegeben werden können,

weil Sie sie nicht leben könnten.

Und es handelt sich darum, alles zu leben.

Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht

leben Sie dann allmählich – ohne es zu merken –

eines fernen Tages in die Antwort hinein.

Rainer Maria Rilke

Inhalt

Vorwort

Einführung: Nach fünfundzwanzig Jahren im Geschäft

TEIL 1 – Es steckt mehr dahinter

1. Mose und sein Lebenssaft

2. Jemand schrieb etwas auf

3. Steinewerfer und Sich-Verdrücker

4. Wer hat für Jesus die Rechnungen bezahlt?

5. Anakephalaiossathai

6. Warum die Flughöhe wichtig ist

7. Rauchende Öfen und Feuerfackeln

8. Und das Fett schloss sich um die Klinge

9. Die Sache mit den Perlen und den Säuen

10. Den Diamanten drehen

11. Larry am Flughafen

TEIL 2 – Das Wesen dieses Mehr

12. Flut

13. Fisch

14. Sohn

15. Er hatte keinen Schimmer, wovon ich redete

16. All diese Gewalt

17. Wir sollen was womit machen?

18. Beifall für Sidon!

19. Er kann den Namen nicht mal aussprechen

20. Diese Sache mit Melchisedek und warum wir sie toll finden und wissen, dass sie wahr ist

21. Wie hat Jesus denn nun die Bibel gelesen?

22. Der Ecstasy-Faktor

23. Alles gehört euch

24. Menschliches und Göttliches

TEIL 3 – Wohin uns dieses Mehr führt

25. Babel

26. Zwei oder drei Arten von Apokalypse

27. Das Buch der Offenbarung, natürlich

28. Warum Amerikaner oft die zentralen Themen der Bibel überlesen

TEIL 4 – Die Fragen, die immer gestellt werden

29. Was sollen eigentlich all diese Stammbäume?

30. Warum steht das 3. Buch Mose / Leviticus in der Bibel?

31. Was ist mit all den Leuten, die plötzlich tot umfallen?

32. Musste Jesus sterben?

33. Was ist mit der Prädestination?

34. Und all der Zorn?

35. Was ist mit der Sünde?

36. Ist die Bibel das Wort Gottes?

37. Ist die Bibel autoritativ?

38. Was ist mit all den Widersprüchen?

39. Ist die Bibel irrtumslos?

40. Ist die Bibel inspiriert?

41. Was ist die beste Frage, die man stellen kann, wenn man die Bibel liest?

42. Was ist die schlechteste Frage, die man stellen kann, wenn man die Bibel liest?

43. Was ist noch eine beste Frage, die man stellen kann, wenn man die Bibel liest?

Und noch eine Bemerkung über Wachstum und Veränderung

Weiterführende und vertiefende Literatur

Vorwort

Rob Bell ist einer der bekanntesten und strittigsten Geister der christlichen Welt, in den USA, aber auch international. Die 2018 über ihn veröffentlichte Dokumentation „Rob Bell – The Heretic“ zeigt: Sein Wirken hat ihm ein Etikett beschert. Er wird von manchen Christen als Häretiker, als „Irrlehrer“ bezeichnet.

Nun müsste man lange überlegen, welche einflussreichen Christenmenschen der Kirchengeschichte nicht so bezeichnet worden sind. Die Reformatoren – sie waren die Erzhäretiker ihres Jahrhunderts. Die pietistischen Väter des 18. Jahrhunderts wurden nicht nur vonseiten der kirchlichen Orthodoxie kritisiert. Sie haben sich teilweise auch gegenseitig erbittert bekämpft. Graf Zinzendorf stritt sich heftig mit John Wesley, dem Begründer des Methodismus. Vor Zinzendorf warnte wiederum der bekannte Dichter Gerhard Tersteegen wie auch der schwäbische Pietist Johann Albrecht Bengel, der seinerseits von Zinzendorf scharf kritisiert wurde … Wer sich den Titel „Häretiker“ wirklich verdient, wird in der Regel erst im Laufe der Jahrhunderte sichtbar.

Wer einwenden möchte: „Aber hat nicht der Apostel Paulus ganz klar gewarnt, sich auf falsche Lehre einzulassen?“, der möge einen Moment lang bedenken, dass dieser Paulus seine ehemaligen Glaubensgenossen so aufgebracht hatte, dass er in der ganzen damals bekannten Welt als Häretiker galt. Und: Warum wollten die Gegner Jesu ihn noch einmal zu Tode bringen?

Wenn ein Theologe von anderen Christenmenschen „Häretiker“ genannt wird, heißt das zunächst einmal: Er schreibt Neues, Ungewohntes. Christen fühlen sich von ihm herausgefordert. Er regt sie auf beziehungsweise an. Na klar, die Geschichte kennt viele christlichen Irrwege. Wer neue Wege betritt, kann in die Irre gehen. Umgekehrt gilt auch: Wer sich neuen Gedanken verschließt, kann leicht übersehen, dass die alten Antworten in veränderten Zeiten nicht mehr tragen. Statt sich durch Etikettierungen und Schubladen die nähere Beschäftigung mit einem Theologen zu ersparen, sollte man sich fragen: Warum wird das bisherige Denken nicht mehr als genügend erfahren? Müssten wir nicht zumindest die alten Antworten neu erklären? Warum genau macht sich da jemand neue Gedanken?

Was kann man von diesem Buch erwarten? Rob Bell ist der Überzeugung, dass die Bibellektüre vieler Christen eingerostet ist. Wenn überhaupt, dann suchen sie Bestätigung für Überzeugungen, die sie schon lange haben. Darum lesen sie nicht mehr genau, darum lassen sie häufig eigene Fragen oder Zweifel nicht zu. Nicht selten lesen sie auch die Bibel selbst immer weniger.

In dieser Situation macht Bell Lust, die Bibel neu zu entdecken. Es geht ihm um drei wesentliche Einsichten: Bei der Bibel handelt es sich a) um eine antike Bibliothek, die b) mit ihren Gedichten, Briefen und Geschichten c) uns selbst mit unserem Denken und Fühlen verwandelt.

a) Die Bibel ist nicht nur ein Buch, sondern eine Bibliothek. Genauer: Die Bibel ist eine Schriftensammlung der Antike. Wer sorgfältig hinsieht, merkt es auf jeder Seite. Viele Aussagen klingen auf einmal ganz anders oder neu, wenn man Näheres über das Bedeutungsspektrum der hebräischen oder griechischen Wörter des Urtextes erfährt. Immer wieder verweist Bell auf die antiken und vor allem jüdischen Hintergründe der bekannten Geschichten. Kenntnisse des geschichtlichen Hintergrundes der Bibel führen uns nicht von ihr weg, sondern in sie hinein.

Dabei entdecken wir: Die Bibel ist ein menschliches Buch. Vielen Christinnen und Christen ist beigebracht worden, die Bibel als Gottes Wort zu lesen. Darum sind ihnen manchmal die menschlichen Seiten der Bibel nicht ganz geheuer. Sie fürchten, durch die Berücksichtigung der historischen Zusammenhänge dem göttlichen Charakter der Schrift nicht gerecht zu werden. Aber die Bibel ist nun einmal ein geschichtliches Buch. Dieser Einsicht kann man nicht ausweichen, wenn man sie wirklich liest – und man muss es auch nicht. Denn wer sich auf die menschlichen Autoren der Bibel einlässt, merkt: Sie alle sind von Gott fasziniert. Und diese Faszination ist ansteckend, je länger je mehr. Gottes Wort ist die Bibel nur in dieser menschlichen Gestalt, nicht an ihr vorbei.

b) Rob Bell stammt aus einer Frömmigkeitstradition, in der die Wahrheit der Bibel sehr stark betont wurde. Als höchste Form des Bekenntnisses zur biblischen Wahrheit galt die Aussage: Die Bibel ist völlig irrtumslos. Rob Bell hat mit dieser Frömmigkeit nicht einfach gebrochen. Im Studium der Bibel hat er gelernt: Ja, die Bibel ist voller Wahrheit. Auch im Sinne einer buchstäblichen Irrtumslosigkeit? Nein, natürlich nicht. Sie ist nicht weniger als irrtumslos, sie ist mehr. Wer eine Bibel ohne Fehler sucht, hat nicht zu hohe, sondern zu geringe Erwartungen an sie. Irrtumslosigkeit wäre Vollkommenheit – bei einem Telefonbuch im Moment seines Erscheinens. Warum scheinen für eine solche Wertschätzung der Bibel poetische Texte weniger wahr zu sein als wissenschaftliche Prosa?

Die Bibel bietet eine Fülle von Sprachformen. Vom Anfang aller Dinge oder dem Ende der Welt lässt sich nicht einfach berichten. Die poetischen Ausdrücke der Psalmen, der Prophetie oder des Zeugnisses von der Schöpfung berühren tiefer, als exakte wissenschaftliche Prosa es je könnte. Die symbolische Sprache der Offenbarung des Johannes vermittelt Trost und Hoffnung in düsteren Zeiten. Gerade das Neue Testament ist voller Briefe. Menschen in einer ganz bestimmten Situation werden ermutigt oder ermahnt. Die Wahrheit der Bibel ist nicht ort- und zeitlos. Vor allem aber: Die Bibel ist voller Geschichten, Erzählungen von historischen Begebenheiten, aber auch Gleichnissen. Und durch all diese Geschichten hindurch zieht sich wie ein roter Faden die Geschichte Gottes mit seinen Menschen.

c) Wer sich auf die Bibel wirklich einlässt, wird von ihr verändert. Darum geht es vor allem. Die Bibel vermehrt nicht nur unser Wissen über Gott und die Welt. Sie verändert uns. Sie versetzt uns in Beziehung zu Gott, dem Geheimnis des Universums. Sie öffnet uns die Augen für Gewalt und Unrecht. Sie schützt uns vor der falschen Faszination von Besitz, Macht und Gewalt. Sie gibt den Müden Hoffnung, den Niedergeschlagenen Trost und den Verzweifelten Mut. Die Bibel ist nicht nur „nütze zur Lehre“, sondern „auch zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, dass der Mensch Gottes vollkommen sei, zu allem guten Werk geschickt“ (2Tim 3,16-17).

Muss man Rob Bell alles abnehmen, was er in diesem Buch über die Bibel schreibt? Bloß nicht! Ja, Bell setzt sich immer wieder kritisch auseinander mit solchen Denkweisen, die die Wahrheit für sich gepachtet zu haben glauben. Wer ihn verstanden hat, liest auch ihn nicht mehr unkritisch. Wer die Bibel neu aufschlägt mit Neugierde und Entdeckerfreude, der hat dieses Buch verstanden.

Thorsten Dietz

Einführung: Nach fünfundzwanzig Jahren im Geschäft

Zu Anfang ein bisschen was darüber, wie dieses Buch entstanden ist.

Meine erste Predigt habe ich gehalten, als ich Anfang zwanzig war. Und es hat mich gepackt. Ich habe auf der Stelle beschlossen, dass ich mein Leben dem Ziel widmen würde, die Kunst des Predigens zurückzuerobern.

Ich predigte für mein Leben gern.

Ich tue es noch heute.

Heute noch mehr als je zuvor.

Und Predigten – so viel verstand ich damals schon – sind etwas, wobei man sich auf die Bibel bezieht. Also ging ich aufs theologische Seminar, studierte Griechisch und Hebräisch (die beiden Sprachen, in denen die Bibel ursprünglich geschrieben wurde) und außerdem noch Geschichte und Hermeneutik und Exegese und Literar- und Textkritik – und das alles, um besser predigen zu können.

Schließlich bekam ich einen Job in einer Gemeinde und begann, jede Woche eine Predigt zu halten. Und dann passierte eines Tages etwas, das alles auf den Kopf stellte.

Ich hatte gerade wieder mal gepredigt und stand nach dem Gottesdienst noch mit den Leuten zusammen und unterhielt mich mit ihnen. Da kam ein Mann auf mich zu – er hieß Richard – und er sagte:

Sie liegen falsch.

Wie bitte?, fragte ich. Wieso liege ich falsch?

Richard begann, eine scheinbar endlose Liste von Dingen abzuspulen, die in der Episode der Bibel, über die ich gerade gepredigt hatte, vonstattengingen. Hintergrund und Bezüge und Sinn und Anspielungen und Humor und Spannung und Geschichte. Je mehr er nannte, umso klarer wurde mir: Ja, ich lag wirklich falsch.

Und dann sagte er:

Sie wissen schon, dass Jesus Jude war?

Wie bitte? Jesus war Jude?, fragte ich. Ich kann mir vorstellen, dass Sie jetzt in Gelächter ausbrechen, denn das liegt ja so klar auf der Hand. Und ja, ich wusste, dass Jesus Jude war. Aber nicht so, wie Richard es wusste. Irgendetwas an diesem völlig selbstverständlichen Satz löste eine Explosion in mir aus.

Richard redete weiter. Er betonte, dass Jesus in der jüdischen Welt des ersten Jahrhunderts gelebt hat, mit ihren politischen und wirtschaftlichen Bedingungen, mit ihren Geschichten und Insiderwitzen. Und, so fuhr er fort, je mehr man von dieser Welt wusste, umso lebendiger würde die Botschaft von Jesus werden. Immer wieder tauchte Richard in meinem Büro auf und ließ mir kopierte Artikel von Leuten da, von denen ich nie gehört hatte – Artikel, die Begriffe wie mikwe und ketubah erklärten oder wie die Steuersätze damals waren und wer Shammai und Hillel waren und warum das eine Rolle spielte. Richard machte mich mit seinen Freunden bekannt, sie luden mich zum Essen ein und wir diskutierten und debattierten und lachten und jonglierten mit der Bibel aus reiner Freude an der Sache. Und sie kannten sich aus. Es war umwerfend. Ich konnte kaum mithalten. Immer wieder kamen sie mit klugen politischen Kommentaren oder subversiver Dichtung oder Widersprüchen im Text, die die Verfasser absichtlich eingearbeitet hatten, um damit auf etwas wirklich Raffiniertes hinzuweisen, was unter der Oberfläche lag. Sie nahmen sich einen Vers oder einen Abschnitt vor, über den ich auch schon viel gehört hatte, und fingen an, ihn zu diskutieren und auf den Kopf zu stellen, und sie kamen auf eine Bedeutungstiefe und Aussagekraft und einen Überraschungseffekt, die mir nicht aufgefallen waren – es war, als tanzten sie zu der Musik des Textes.

Das steht in der Bibel? Immer wieder musste ich mich das fragen. Wie hatte ich das übersehen können? Es war, als würde sich eine bis dahin schwarz-weiße Bibel plötzlich bunt färben, als würde eine zweidimensionale Bibel auf drei oder auch neun Dimensionen anwachsen.

Ganz allmählich schlich sich das, was ich da lernte, in meine Predigten ein und – was wichtiger war – auch in mein Leben.

Und wenn einem einmal die Augen geöffnet sind, kann man sie nicht mehr vor der Wahrheit verschließen. Wenn man einmal auf den Geschmack gekommen ist, kann man ihn nie mehr nicht mehr schmecken.

Immer öfter kamen nach meinen Predigten Leute zu mir, manchmal offensichtlich verunsichert, und fragten:

Wieso habe ich das noch nie so gehört? Das ist einfach so viel einleuchtender! Das ist doch so viel gefährlicher und interessanter und provokativer und zeitgemäßer und progressiver und poetischer und überzeugender und witziger …

Mit der Zeit wurde mir klar: Ich hatte nicht nur ein paar neue Details über die Bibel gelernt, nein, ich war dabei, die Bibel auf eine ganz neue Weise zu lesen. Eine Weise, auf die ich bisher noch nicht gestoßen war. Bis jetzt. Eine Weise, hinter die ich jetzt nicht mehr zurückkonnte.

Und deswegen habe ich dieses Buch geschrieben: Ich möchte Menschen helfen, die Bibel auf eine bessere Weise zu lesen. Denn sehr viele Leute wissen nicht, wie sie die Bibel lesen sollen. Und deswegen lesen sie sie entweder gar nicht oder sie lesen sie falsch und das verursacht jede Menge Unheil.

Für manche Menschen ist die Bibel ein veraltetes Buch voller primitiver, barbarischer Legenden, die längst überholt sind. Und so ignorieren sie sie – und verpassen dadurch alle die progressiven und aufgeklärten Ideen, die zuallererst durch die Autoren der biblischen Bücher in der Menschheitsgeschichte aufgeleuchtet sind – Ideen und Ideale, die wir noch längst nicht verwirklicht haben, Ideen und Ideale, die auch unserem heutigen Bewusstseinszustand und unserer tatsächlichen Praxis noch immer meilenweit voraus sind.

Und dann gibt es da die Leute, die zwar ständig im Munde führen, wie wichtig und zentral und göttlich inspiriert die Bibel ist, die sie aber dann mit ihrer übertriebenen Buchstabengläubigkeit und ihren erstickenden Interpretationen geradezu abschlachten. Leute, die annehmen, dass die Bibel nur genau diese eine einzige Aussage trifft und wenn man die verstehe, dann habe man sie gut verstanden.

Aber Sie, meine Leser – für Sie wünsche ich mir, dass Sie die Bibel mit ganz neuen Augen lesen lernen.

Noch ein paar Gedanken, bevor wir dann einsteigen.

Erstens: Die Bibel ist kein christliches Buch. Ich betone das, weil die Bibel für viele Menschen ein Buch für eine bestimmte Gruppe von Menschen ist, die sie für sich reklamiert und in Anspruch nimmt und dazu nutzt, sich von allen anderen abzugrenzen. Aber nein, Freunde – die Bibel ist ein Buch, das davon redet, was es heißt, ein Mensch zu sein. Und, Freunde – das sind wir doch, vor allem das: Menschen.

Wenn Sie also diese Einführung lesen und sich dabei fragen, ob dies wieder nur eins von diesen frommen Büchern ist, die versuchen, Sie für die eigenen Reihen zu gewinnen und am Ende zu bekehren, oder ob es Sie mit dieser ganzen Insidersprache nerven wird, die nur Leute verstehen, die schon zum Klub gehören, dann sage ich: Nein, so ein Buch ist das nicht. Dies ist ein Buch über eine ganze Bibliothek von Büchern, die sich um Themen drehen wie: Verlust und Zorn und Transzendenz und Sorge und Herrschaft und Geld und Angst und Stress und Freude und Zweifel und Gnade und Heilung. Und wer möchte darüber denn nicht reden?

Zweitens: Man muss nicht an Gott glauben, um die Bibel zu lesen. Um genau zu sein – und das werden Sie im Folgenden noch entdecken: In der Bibel wimmelt es nur so von Menschen, die mit dem Gedanken, es könnte einen Gott geben, ringen und kämpfen und daran zweifeln, dagegen aufbegehren und Gegenargumente anführen. Wenn Sie also vielleicht ratlos sind, wie Sie das ganze Gerede über Gott, das Sie im Lauf der Zeit gehört haben, verdauen sollen – umso besser: Dann ist dies das Buch für Sie. Denn genau mit diesen Dingen befassen sich die Verfasser der Bibel in dem, was sie schreiben.

Drittens, dieses Buch ist nicht klar strukturiert. Im Ernst, wir werden von Thema zu Thema und von Story zu Story und von Motiv zu Motiv springen, werden uns zwischen Dichtung, Geschichte, Gleichnissen und Schimpftiraden bewegen. Und zwar mit voller Absicht.

Ja, es gibt in diesem Buch einen großen Bogen, eine Flugbahn sozusagen. Ich will versuchen, Sie an einen ganz bestimmten Ort mitzunehmen – aber nicht auf direktem Weg, sondern mit zahllosen Irrungen und Wirrungen. Ich habe dieses Buch deshalb so aufgebaut, weil auch die Bibel so konzipiert ist. Ja, auch in der Bibel gibt es eine bewusst gewählte Anordnung, aber es gibt auch unendlich viele Stellen, an denen man unwillkürlich denkt: Wo kommt das denn jetzt her?

Seit fünfundzwanzig Jahren lese und studiere und erforsche und bedenke und lese wieder und predige ich nun schon die Bibel. Und ich finde sie heute fesselnder und geheimnisvoller und interessanter und gefährlicher und entlarvender und hilfreicher und seltsamer und persönlicher und inspirierender und göttlicher und unterhaltsamer als je zuvor.

Sie können sich also entspannen – es bestehen gute Chancen, dass Sie dieses Buch genießen werden. Vielleicht ertappen Sie sich sogar bei der Frage:

Wie konnte ich das bisher übersehen?

1 Mose und sein Lebenssaft

Im 5. Buch Mose lesen wir:

Bei seinem Tod war Mose 120 Jahre alt. Bis zuletzt waren seine Augen klar und seine Lebenskraft ungebrochen.

Das ist einigermaßen klar, richtig? Mose war alt … und dann starb er.

Gibt es dazu sonst noch was zu sagen? Ehrlich gesagt, eine ganze Menge. Lesen Sie den zweiten Satz noch einmal:

Bis zuletzt waren seine Augen klar und seine Lebenskraft ungebrochen.

Fällt Ihnen etwas Ungewöhnliches auf? Zum Beispiel an der Formulierung: und seine Lebenskraft [war] ungebrochen?

Mose ist doch gerade gestorben, oder?

Und Sterben ist üblicherweise etwas, was geschieht, wenn man seine Lebenskraft verliert. Warum also möchte der Autor uns wissen lassen, dass Mose starb, obwohl seine Lebenskraft ungebrochen war?

Ein paar Worte zum Ausdruck Lebenskraft. Das Alte Testament wurde auf Hebräisch geschrieben, und im Hebräischen steht für Lebenskraft das Wort leho.

Leho heißt wörtlich: Lebenssaft oder Frische.

Er starb, aber er war noch voller Lebenssaft?

Er verschied, aber seine Frische war noch nicht geschwunden?

Eine andere Übersetzung sagt,

seine Kraft war nicht verfallen (L).

Wieder eine andere:

Er war noch rüstig (NLB).

Und der JPS-Thora-Kommentar bemerkt, dass Ibn Ezra den Vers so verstand, dass Mose

noch keine Falten hatte.

Lebenssaft?

Kraft war nicht verfallen?

Er hatte keine Falten?

Was will dieser Autor uns damit über Mose sagen?

Die Formulierung mit dem Wort leho, nur um sicher zu sein, dass wir es alle verstehen, ist ein Euphemismus für sexuelle Potenz. Das will uns der Erzähler hier über Mose zum Zeitpunkt seines Todes sagen.

Ganz richtig, Freunde. Als Mose, der große Führer der Israeliten, der Befreier, der seine Leute aus der Sklaverei herausführte, der Held, der sich dem Pharao entgegenstellt, der, der den Sinai bestieg und dort oben Gott begegnete, die überragende Figur der ganzen hebräischen Bibel – als dieser Mose starb,

war er noch im Vollbesitz seiner sexuellen Potenz.

Nur damit das klar ist.

Womit sich natürlich die Frage stellt: Warum?

Warum möchte der Verfasser, dass sein Leser das begreift?

Um die Frage zu beantworten, müssen wir noch weiter zurückgehen in die Geschichte von Mose und seinem Volk, zurück zu einem Mann namens Abraham. Abraham hatte viele Söhne und viele Söhne hatten Abraham zum Vater und Mose war einer von ihnen.

Abraham, so erfahren wir im 1. Buch Mose, dem ersten Buch der Bibel, verließ sein Vaterhaus und alles, was ihm vertraut war, und machte sich auf eine Reise in ein neues Land. Zu diesem Zeitpunkt der Geschichte tat man das nicht, denn die Menschen hatten die Vorstellung, die Geschichte sei zyklisch und alles, was schon einmal geschah, würde sich wiederholen. Sie glaubten, sie wären in einen Kreislauf der Ereignisse hineingeboren und stürben auch irgendwo innerhalb dieses Kreislaufes, der sich endlos wiederholte.

Mit anderen Worten: Es gibt nie etwas Neues.

Was den eigenen Vorfahren passierte, würde irgendwann einem selbst auch passieren und danach den eigenen Kindern … die gesamte Familiengeschichte drehte sich im Kreis.

Aber dann verlässt Abraham sein Elternhaus. Er verlässt diesen Kreislauf. Er macht sich auf in eine neue Zukunft, eine, die es bisher so nicht gegeben hat. Niemand vor ihm hatte so etwas getan, denn niemand vor ihm hatte die Welt und das Leben und die Zukunft so betrachtet wie er.

Es war eine neue Idee in der Geschichte der Menschheit – dass man nicht in einem ewigen Kreislauf gefangen war, dass man nicht endlos immer nur das wiederholen musste, was bereits passiert war.

Aber wir sind gerade erst am Anfang. Denn wenn wir die Bedeutung dieser Geschichte über Abraham verstehen wollen, müssen wir noch ein wenig weiter zurückgreifen und sehen, dass die Verfasser des ersten Mosebuches auch die Geschichte von Abraham im Rahmen einer umfassenderen Geschichte erzählt haben.

In den ersten Kapiteln des ersten Buchs Mose gibt es eine auffällige Steigerung der Gewalt. Die Entwicklung beginnt damit, dass ein Mann namens Kain seinen Bruder Abel tötet, und dann eskaliert die Gewalt kontinuierlich und die gesamte Menschheit gerät in eine Abwärtsspirale von immer heftigeren Konflikten und umfassenderer Zerstörung. Bis wir das Ende von Kapitel 11 erreichen – das Kapitel, bevor wir Abraham begegnen – haben die Menschen bereits Weltreiche begründet, um die Massen zu unterdrücken, und umfassende Systeme des Unrechts etabliert.

Wie viel schlimmer kann es denn noch werden?

Diese Frage liegt in der Luft, wenn der Erzähler uns diesen Mann Abraham vorstellt, der den Entschluss fasst, alles hinter sich zu lassen und etwas Neues zu beginnen. Er verlässt seine Heimat, aber er verlässt damit auch eine komplette Lebensweise.

Der Erzähler möchte seinem Leser sagen, dass Abraham eine Bestimmung hat, die er erfüllen muss. Es ist die Bestimmung, Vater einer neuen Art von Menschen zu werden und damit für die Menschheit eine neue Epoche einzuläuten – eine Epoche, die nicht auf Gewalt, sondern auf Liebe begründet ist. Wie Abraham im Kapitel 12 gesagt wird, sollen alle Völker der Erde … durch dich gesegnet werden.

Das war eine neue Idee. Sie würden andere Völker nicht mehr unterwerfen, sondern sie segnen?

Wie formt man Menschen von einer neuen Art, die die Welt in eine neue Richtung führen?

Indem man Kinder hat.

Und wie bekommt man Kinder?

Indem man Sex hat.

Und zum Sex gehören – richtig gelesen – Lebenssaft und Frische.

Wenn der Verfasser uns also sagt, dass Mose keine Falten und seine Frische noch nicht verloren hatte und noch im Vollbesitz seiner Lebenskraft war, dann sagt er uns damit, dass Mose immer noch in der Lage war, an der Erschaffung dieses neuen Volkes mitzuwirken, das die Welt in eine neue Richtung führen sollte, fort von Gewalt und Zerstörung.

Kann diese Welt sich in eine neue Richtung bewegen oder sind wir gefangen, dazu verurteilt, denselben alten, ermüdenden Kreislauf von Konflikten immer wieder zu wiederholen?

Das ist die Frage, um die sich die ganze Abraham-Mose-Geschichte dreht.

Aber damit kratzen wir gerade erst an der Oberfläche. Denn Abrahams Sippe fand sich irgendwann in der Sklaverei der Ägypter wieder, als Eigentum des ägyptischen Herrschers, des Pharao. Und dort begegnen wir Mose, der sich gegen den Pharao erhob und die Israeliten schließlich aus der Sklaverei herausführt in die Wüste und nicht müde wird, sie an ihre Bestimmung zu erinnern, dass sie eine neue Art Menschen für diese Welt sein sollen.

Warum ist das so wichtig?

Weil man als Sklave nur eine einzige brennende Frage hat: Werden wir auf ewig Sklaven bleiben?

Oder anders gesagt: Wird der Pharao auf ewig Macht über uns haben?

Oder noch anders gefragt: Wer hat die Götter auf seiner Seite – wir oder der Pharao?

Oder noch einmal anders: Sind die entscheidenden Kräfte des Lebens für uns oder gegen uns?

Oder noch mal anders: Sind wir hier, um zu leiden, oder sind wir hier, um etwas anderes, etwas Größeres und Besseres zu vollbringen?

Oder noch anders: Was hat das letzte Wort – Freiheit oder Unterdrückung? Wer gewinnt am Ende – Unrecht oder Freiheit?

Als nun Mose sein Volk aus Ägypten herausführte, ging es nicht nur um die Befreiung einer einzelnen Sippe – nein, es war die Antwort auf eine Frage, die die Menschen seit Jahrtausenden gestellt hatten:

Ist unser Leben in Stein gemeißelt und unveränderbar oder können wir uns frei machen von allem, was uns versklavt, was immer es ist?

Aber es ging nicht nur um die Beantwortung dieser Frage. Diese Geschichte über Mose und den Auszug aus Ägypten war auch eine Warnung an jeden, der je einen anderen tyrannisiert hatte, an jeden, der je einem Untergebenen seinen Willen aufgezwungen hatte, an jeden, der je Macht und Einfluss missbraucht hatte, um die schwächere Position eines anderen auszunutzen und ihn zu demütigen:

Die Zeit, in der ihr an der Macht seid, läuft ab, denn die entscheidenden Mächte des Universums sind aufseiten der Unterdrückten, der Verlierer, der Ohnmächtigen.

Für diese Sippe von Israeliten war es also wirklich, wirklich wichtig, diese befreiende und berauschende Idee an eine nächste Generation weiterzugeben. So konnte man die Welt verändern, indem man die eigene Befreiung verinnerlichte und dann diese Freiheit und Freude und Unabhängigkeit an die eigenen Kinder weitergab.

Und wie kommt man zu Kindern?

Durch Sex.

Und wie hat man Sex?

Nun, wie wir wissen, hat das etwas zu tun mit Lebenssaft und Frische.

Können Sie mir noch folgen?

Sehen Sie, was wir gerade getan haben?

Begonnen haben wir mit ein paar obskuren Begriffen aus dem vierunddreißigsten Kapitel des fünften Buches Mose über einen Mann namens Mose. Dann sind wir nur ein ganz klein wenig unter die Oberfläche getaucht und in null Komma nichts sind wir auf einen hintergründigen, etwas derben, recht komischen, listigen, unerwarteten sexuellen Euphemismus gestoßen, der uns in einen früheren Abschnitt der Geschichte mitgenommen hat. Dieser wiederum führte uns zurück zu einer anderen Geschichte, die ein wenig später spielt, und im Nu hatten wir es zu tun mit Gewalt und Hoffnung und Verzweiflung und Sklaverei und Unterdrückung und Weltreichen und Vorstellungskraft und menschlichem Bewusstsein und der Geburt von neuen Ideen, die noch nie jemand so gedacht hatte. Sie haben das alles gelesen und dabei an sie gedacht, diese Leute damals. Als wir jedoch darüber sprachen, ob die Dinge sich ändern können oder nicht oder ob sie in Stein gemeißelt sind und man nichts am Lauf der Dinge ändern kann, wurde Ihnen klar:

Diese Frage haben Sie sich auch schon mal im Blick auf Ihr eigenes Leben gestellt, stimmt’s?

Es begann also mit einer Bestätigung der sexuellen Potenz von Mose, aber nur eine oder zwei Seiten später haben wir schon über die Verzweiflung gesprochen, mit der wir alle von Zeit zu Zeit liebäugeln, oder nicht?

Wir begannen mit einer Zeile über sein Leben, die führte uns zu einer Zeile über ihr Leben, diese wiederum leitete uns zu Ihrem Leben und meinem Leben, und das führte uns aus der Vergangenheit in die Gegenwart und die Zukunft des Lebens überhaupt.

Und das alles, weil wir eine Zeile gelesen haben, eine Zeile in …

der Bibel.

Warum soll man sich mit so einem seltsamen alten Buch abgeben?

Weil es ein Buch über die damals ist, das irgendwie zu Ihnen und zu mir hier und jetzt redet, und es kann die Art und Weise, wie wir über alles auf dieser Welt denken und fühlen, verändern.

Aber ist das denn nicht eigentlich eine Bibliothek von Büchern, die über etliche Jahre hin von Leuten geschrieben wurden, die nichts voneinander wussten und ihre eigenen Vorstellungen und Meinungen und begrenzten Perspektiven hatten?

Ja, natürlich. Und es ist sogar noch merkwürdiger, wie wir sehen werden.

Aber unterstützt es denn nicht Gewalt und jede Menge von primitivem und barbarischem Verhalten, das wir hinter uns gelassen haben?

Nein, und ich möchte gern, dass Sie sehen, woher diese Ansicht kommt und warum sie abwegig ist.

Aber Sie müssen doch zugeben, dass es in der Bibel jede Menge Gewalt gibt – wie etwa die, die Sie jetzt in Ihrer Darstellung der Exodus-Geschichte ausgelassen haben – und dass ein Großteil davon im Namen Gottes verübt wurde oder weil die Beteiligten glaubten, Gott hätte ihnen diese Gewaltakte geboten.

Absolut. Es gibt viele solche Geschichten in der Bibel und wir werden uns eine Reihe davon ansehen, weil mehr dahintersteckt, als die meisten Leute realisieren.

Aber es scheint so, als ob eine Menge Leute, die am meisten davon reden, wie wichtig und zentral und notwendig die Bibel ist, die gefährlichsten und interessantesten Passagen über Sex und Politik und Macht und die Armen allzu gern übergehen oder beschönigen oder zensieren.

Ja, das ist nur zu wahr! Dies ist ein gefährliches, subversives, deutliches, verdorbenes, ehrliches, befremdliches, widersprüchliches, paradoxes, gnadenlos hoffnungsvolles Buch, das etliche ziemlich atemberaubende Behauptungen über so ziemlich alles aufstellt. (Gefällt Ihnen die Formulierung gnadenlos hoffnungsvoll? Mir hat sie es enorm angetan.)

Aber geht es in der Bibel denn nicht letztlich um Jesus und dass es einen engen Weg gibt und nur wenige ihn finden und alle anderen in der Hölle schmoren werden?

Nein, darum geht es nicht. Die Bibel ist größer und umfassender und integrativer und annehmender und aufgeklärter als das, und zwar, weil die Geschichte von Jesus größer und umfassender und integrativer und annehmender und aufgeklärter ist als das.

Aber ganz ehrlich – ist sie nicht todlangweilig?

Wenn es Sie langweilt, wenn Sie die Bibel lesen, dann lesen Sie die Bibel nicht wirklich.

Also schön, wie liest man die Bibel denn dann?

Darum geht es in diesem Buch. Weil es leicht ist, die Bibel zu lesen und eine ganze Welt an Verrücktheit und Freude und Hoffnung und Anzüglichkeit und Folgerungen zu verpassen, die nur wenig unter der Oberfläche liegen.

Diese ganze Welt ist Thema dieses Buches.

Fangen wir also am Anfang an.

2 Jemand schrieb etwas auf

Am Anfang

schrieb jemand etwas auf.

Und so bekamen wir die Bibel.

Ein paar Leute schrieben ein paar Dinge auf.

Liegt auf der Hand, oder?

Und stimmt.

Und es ist absolut wichtig, dass wir damit anfangen.

Die Bibel ist nicht vom Himmel gefallen; sie wurde von Menschen geschrieben.

Viele der Geschichten in der Bibel haben als mündliche Erzählungen begonnen, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden, bis sie schließlich jemand gesammelt, redigiert und tatsächlich aufgeschrieben hat, manchmal erst Jahrhunderte später. Das sind Jahre über Jahre, in denen Menschen um Feuer zusammensaßen, lange, staubige Straßen entlangwanderten und sich in Zelten und Hütten und Gärten trafen, um diese Geschichten, Gedichte, Briefe und Berichte zu hören und zu diskutieren und zu debattieren und anzupassen und zu verändern.

Die Leute, die diese Bücher schrieben, hatten jede Menge Material, aus dem sie auswählen konnten.

Es waren unzählige Geschichten im Umlauf, tonnenweise Berichte wurden überliefert, es gab Unmengen von Material, das sie berücksichtigen konnten. Oder auch nicht.

Im alttestamentlichen Ersten Buch der Könige schreibt der Verfasser in Kapitel 11:

Und was sonst noch von Salomo zu berichten ist, von allem, was er getan hat, und von seiner Weisheit, steht das nicht geschrieben im Buch der Geschichte Salomos? (ZB)

Tja, tut es wohl – nur, dass wir nicht den Schimmer einer Ahnung haben, worauf dieser Autor sich bezieht! Interessanterweise geht er offensichtlich davon aus, dass wir es nicht nur wissen, sondern auch Zugang zu dieser Chronik haben. Was aber nicht der Fall ist.

Etwas Ähnliches findet sich im Johannesevangelium, wo es heißt:

Noch vieles mehr hat Jesus getan. Aber wollte man das alles eins nach dem anderen aufschreiben – mir scheint, es wäre wohl auf der ganzen Welt nicht genügend Platz für die vielen Bücher, die dann noch geschrieben werden müssten.

Als wollte der Verfasser den Sack zubinden mit der Bemerkung: Ja, ich habe massenweise Stoff weggelassen.

Die Autoren der biblischen Bücher haben also nicht einfach nur aufgeschrieben – sie haben ausgewählt und bearbeitet und Entscheidungen darüber getroffen, welcher Stoff und welcher Inhalt der Absicht diente, mit der sie schrieben, und welcher auch nicht.

Der Verfasser des Lukasevangeliums:

Auch ich habe mich entschlossen, allem von Anfang an sorgfältig nachzugehen und es [ …] der Reihe nach aufzuschreiben.

Aus dem Buch Esther: Folgendes ereignete sich … (NLB)

Am Ende des Johannesevangeliums:[ …] die hier aufgezeichneten Berichte wurden geschrieben, damit ihr glaubt …

Diese Autoren wollten ganz bestimmte Aussagen machen, sie wollten ihren Lesern für ganz bestimmte Dinge die Augen öffnen, ihnen ihre Einsichten mitteilen, es gab Geschichten, die sie erzählen wollten.

Was diese Verfasser am Ende schufen, war eine Bibliothek. Die Bibel ist eine Sammlung von Büchern, die von etwa vierzig verschiedenen Autoren über einen Zeitraum von grob fünfzehnhundert Jahren auf drei Kontinenten verfasst wurden. Diese Bibliothek ist gewaltig und höchst facettenreich und beackert ein riesiges Terrain. Zu verschiedenen Zeitpunkten in den letzten paar tausend Jahren haben Menschen darüber entschieden, welche Bücher zu ihrer Bibel gehören sollten und welche nicht. Menschen hatten die Bücher geschrieben, aus denen schließlich die Bibel wurde, und andere Menschen haben darüber entschieden, dass diese Bücher Teil der Bibel werden sollten oder auch nicht. Diese Leute trafen sich und diskutierten und entwickelten Kriterien und trafen sich nochmals und diskutierten und am Ende trafen sie Entscheidungen. Entscheidungen darüber, was die Bibel überhaupt ist.

Es ist wichtig zu betonen, dass diese Autoren – und die Leute, die darüber entschieden, ob ihre Bücher in die Bibel aufgenommen wurden oder nicht – ganz reale Menschen waren, die zu ganz bestimmten Zeiten an ganz bestimmten Orten lebten. Die Motive, aus denen heraus sie schrieben, waren beeinflusst durch die Zeit und den Ort, an dem sie lebten, durch Kontexte und Seelenlagen und ihre persönliche Geschichte und durch Wirtschaft und Politik und Religion und Technologie und zahllose andere Faktoren.

Was besagt es über die Welt, in der Abraham lebte, dass er, als ihm gesagt wird, er solle seinen Sohn opfern, nicht nachfragt oder um Anweisung bittet, wie er das tun soll? Er macht sich auf den Weg, als sei es das Natürlichste von der Welt, dass ein Gott das von ihm verlangt.

Die David-und-Goliat-Geschichte beginnt mit Technologie – die Philister verfügten über ein neues Metall, das die Israeliten nicht kannten. Die ganze Geschichte wird plausibel durch jene Urangst, die entsteht, wenn dein Nachbar Waffen besitzt, die du nicht hast. Speere zum Beispiel. Oder Gewehre. Oder andere Waffen.

Im Römischen Reich gab es eine Kernaussage der militärischen Propaganda, die mit den Worten begann: Es ist uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen. Wenn der Apostel Petrus dieselbe Formulierung verwendet – es ist uns kein anderer Name unter dem Himmel gegeben –, spielt er damit auf etwas an, was seine Leser sehr gut verstanden.

Reale Menschen, die an realen Orten

zu realen Zeiten schrieben,

die entschieden, dieses Material einzubeziehen,

die entschieden, anderes Material wegzulassen.

Und wie sich herausstellt, waren das, worüber sie schrieben, Dinge wie Liebe und Angst und Schulden und Pflicht und Zweifel und Zorn und Skepsis und Hass und Technologie und Scham und Hoffnung und Verrat – eben die Kämpfe und Themen, über die wir heute, Jahrtausende später, immer noch reden. Und darum ist es so ungemein wichtig, ihre Schriften nicht so zu lesen, als seien sie direkt vom Himmel gefallen. Denn, wenn wir das tun, dann fühlen wir uns nicht mit den Personen der Bibel verbunden, weil wir nicht verstehen, dass die Bibel ein durch und durch menschliches Buch ist.

Sehen wir uns also jetzt ein paar der Geschichten an, die diese realen Menschen, die zu realen Zeiten an realen Orten lebten, uns erzählen. Wir beginnen mit einer Geschichte, in der Jesus mit dem Finger auf den Erdboden schreibt, denn wenn wir die Bibel lesen, ist es wichtig, nicht zu vergessen, dass normalerweise mehr dahintersteckt, als vor Augen liegt.

3 Steinewerfer und Sich-Verdrücker

Im Johannesevangelium gibt es eine Geschichte über eine Frau, die dabei ertappt wird, dass sie Sex mit einem Mann hat, der nicht ihr Mann ist. Eine Gruppe von besorgten Religionsvertretern bringt sie – und nicht den Kerl! – zu Jesus und zitiert die Thora (die ersten fünf Bücher der Bibel, die auch Das Gesetz oder die fünf Bücher Mose heißen), die bestimme, dass die Frau für das, was sie (die beiden?) getan hatte, gesteinigt werden müsse.

Sie versuchen, Jesus aufs Glatteis zu führen, indem sie fragen, ob die Frau NACH DEM GESETZ getötet werden solle. (Das fühlt sich an, als müsse hier die FESTSTELLTASTE eingeschaltet werden, oder?) Aber Jesus will nichts davon wissen. Er bückt sich und schreibt etwas auf den Boden. Dann sagt er:

Wer von euch noch nie gesündigt hat, soll den ersten Stein auf sie werfen!

Dann schreibt er noch etwas auf die Erde, die Männer verschwinden einer nach dem anderen, bis nur noch Jesus und die Frau zurückbleiben. Er fragt, ob jemand sie verurteilt hat, sie sagt nein und er sagt ihr, dass er sie auch nicht verurteilt und dass sie ihr Leben in Sünde hinter sich lassen soll.

Ende der Story.

Aber der Anfang von Fragen …

Was hat er auf den Boden geschrieben?

Und warum hat das, was er da geschrieben hat, und das, was er gesagt hat, die Religionsvertreter dazu gebracht, sich davonzustehlen?

Und warum waren die älteren Männer die ersten, die gingen?

Warum erwähnt Johannes diese Details überhaupt?

Die Geschichte von der Frau und den religiösen Autoritäten, die sie steinigen wollen, findet sich am Anfang des achten Kapitels des Johannesevangeliums. Wer ein wenig zurückblättert zu Kapitel sieben, liest dort, dass gerade das Laubhüttenfest stattfindet.

Das Laubhüttenfest gehört zu den sieben großen Festen des hebräischen Kalenders. (Sie sind alle aufgelistet in 3. Mose, Kapitel 23.)Es gab Frühlingsfeste und Herbstfeste, sie richteten sich nach dem landwirtschaftlichen Zyklus von Aussaat und Ernte. (In den Agrargesellschaften des Altertums waren Feste ein Bestandteil der Kultur – man setzte bestimmte Zeiten fest, um den Göttern für die letzte Ernte zu danken und dann um weitere Fruchtbarkeit der Saat und gute Ernten zu bitten.)

Die Reihe der Frühjahrsfeste begann mit dem Passah, dann folgte

das Fest der ungesäuerten Brote, dann

das Fest der Erstlingsfrüchte,

dann

Pfingsten oder das jüdische Wochenfest.

Die Herbstfeste begannen mit dem

Posaunenfest (dem jüdischen Neujahrsfest), dann folgte

der große Versöhnungstag und dann

das Laubhüttenfest.