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Der Autor, Ragnar Helgi Ólafsson, muss die Bibliothek seines Vaters, einst Verleger und selbst Autor, ausräumen und nimmt sich dafür ein Wochenende vor. Sehr schnell wird klar, dass diese Zeitplanung eine Schnapsidee ist. Also entscheidet er sich dafür, zufällig Bücher aufzuschlagen. Er gleitet so in Gedanken und Zitaten nicht nur von Titel zu Titel, sondern jede aufgeklappte Seite bringt ihn zu anderen Fragestellungen:
Hat jedes Buch einen eigenen, einzigartigen Geruch? Können wir jemals über den Verlust der verbrannten Bibliothek in Alexandria hinwegkommen? Was haben seltsame regionale Geschichten über Geister, Feen und arme Bauern in Island im 19. Jahrhundert mit dem 21. zu tun? Wann genau wird die Sonne voraussichtlich ausbrennen? Und wie können diese Fragen dazu beitragen, unserem Leben und unserer Existenz heute einen Sinn zu geben?
Überraschend, melancholisch, poetisch, persönlich, allgemein, aber auch komisch ist Die Bibliothek meines Vaters eine Erzählung über den Umgang mit Erbe, privatem und literarischem, und der Frage, was wir eigentlich in eine nächste Generation hinüberretten wollen und können. Und wie das überhaupt geht, wenn unsere traditionellen Wurzeln immer mehr von einer globalen Kultur verschluckt zu werden drohen. Dieses Buch ist im besten Sinne des Wortes sinnstiftend.
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Seitenzahl: 203
Veröffentlichungsjahr: 2025
Übersetzt mit finanzieller Unterstützung von
Die Arbeit der Übersetzer am vorliegenden Text wurde vom Deutschen Übersetzerfonds gefördert.
BÓKASAFN FÖDUR MINS
Copyright © Ragnar Helgi Ólafsson, 2018
Vermittlelt von Copenhagen Literary Agency ApS, Copenhagen Erweiterungen und Kürzungen der englischsprachigen Fassung: English translation copyright © Larissa Kyzer, 2023
Copyright für die vorliegende Fassung: © mikrotext 2025, Berlin
www.mikrotext.de
Cover: Inga Israel, Ragnar Helgi Ólafsson
Covervorlage: privat
Satz: Sarah Käsmayr
Schriften: Minion und Zenon
ISBN 978-3-948631-63-5
Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG („Text und Data Mining“) zu gewinnen, ist untersagt.
Der Autor muss die Bibliothek seines Vaters ausräumen und möchte es an einem Wochenende erledigen. Schnell wird klar, dass diese Zeitplanung eine Schnapsidee ist. Also entscheidet er sich dafür, zufällig Bücher aufzuschlagen. Er gleitet so in Gedanken und Zitaten nicht nur von Titel zu Titel, sondern jede aufgeklappte Seite bringt ihn zu anderen Fragestellungen: Hat jedes Buch einen eigenen, einzigartigen Geruch? Können wir jemals über den Verlust der verbrannten Bibliothek von Alexandria hinwegkommen? Was haben seltsame regionale Geschichten über Geister, Feen und arme Bauern im Island des 19. Jahrhunderts mit dem 21. zu tun? Wann genau wird die Sonne voraussichtlich ausbrennen? Und wie können diese Fragen dazu beitragen, unserem Leben und unserer Existenz heute einen Sinn zu geben?
Ragnar Helgi Ólafsson wurde 1971 in Reykjavík geboren, wo er auch lebt. Der mit Preisen ausgezeichnete isländische Schriftsteller ist auch als Bildender Künstler, Verleger, Musiker, Grafiker und Vogelretter tätig. Seine Gedichtbände Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können und Lose Blätter sowie seine Story-Sammlung Handbuch des Erinnerns und Vergessens sind im Elif Verlag erschienen. Die Bibliothek meines Vaters, im Original 2018 erschienen, wurde in der Kategorie Sachbuch für den Isländischen Literaturpreis nominiert.
Jón Thor Gíslason, geboren 1957 in Hafnarfjörður (Island), und Wolfgang Schiffer, geboren 1946 in Nettetal / Lobberich, arbeiten seit gut zehn Jahren zusammen und haben neben Publikationen in Literaturzeitschriften und Anthologien bereits mehr als zehn Übertragungen vornehmlich von Bänden isländischer Lyrik veröffentlicht.
Ragnar Helgi Ólafsson
Requiem
Aus dem Isländischen von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer
In Erinnerung an meinen Vater und Großvater
TEIL I: Geschichten über Unfälle im Bezirk Skefilsstaðir zu Wasser und zu Land
TEIL II: Die Autobiografie des Björn Eysteinsson
TEIL III: Der Debattierklub von Sauðárkrókur
TEIL IV: Annalen aus Islands früheren Zeiten und neue Blätter der Geschichte
TEIL V: Erinnerungen jenseits von Tod und Gräbern
TEIL VI: Ein Psalm am Ende der Reise
EPILOG:Heute schien die Sonne
ANMERKUNGEN
ZITAT-QUELLEN
„Welche Suche?“
fragt mein Vater.
„Die Suche nach mir“, antwortet
der Mann im Traum.I
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Diese Geschichte ist wahr.
Wir wissen nicht, welche
Kräfte hier am Werk sind,
welches Spektakel hier inszeniert wird.
Vielleicht sind die Ereignisse,
von denen hier die Rede ist,
längst vergangen, sind nur ein sich endlos
wiederholender Film.II
I Valgarður L. Jónsson: Unvergessliche Ereignisse im Schlaf und im Wachzustand (Eftirminnileg atvik í svefni og vöku), veröffentlicht in Vermischtes aus Borgarfjörður VI. S. 181.
II Die Exkursion von 1920 (Skemmtiferðin 1920), ein Reisebericht aus den handschriftlichen Aufzeichnungen der Jugendvereinigung Morgenrot in Akranes, 26. September und 10. Oktober 1920, neuveröffentlicht in Vermischtes aus Borgarfjörður I, S. 213.
Die Bibliothek meines Vaters umfasst mehr als viertausend Bände. Das ist eine grobe und vorsichtige Schätzung. Auf diese Zahl bin ich heute Morgen gekommen, indem ich die Regale gezählt und dann mit der durchschnittlichen Anzahl der Bücher in jedem Regal multipliziert habe. Die Bücher im Keller habe ich nicht mitgezählt. Auch nicht die Stapel und Kisten mit Büchern in der Garage. Ja, und zugegebenermaßen auch nicht die Bände und Mappen im Hausflur.
Ich sitze im Arbeitszimmer meines Vaters. In zwei Monaten wird meine Mutter in eine neue Wohnung ziehen. Sie kann nur einen Bruchteil dieser Bücher mitnehmen. Der Kalender zeigt den 27. März 2016. Es ist auf den Tag genau acht Jahre her, dass mein Vater gestorben ist, und nun haben mein Bruder und ich die Aufgabe, diese viertausend Bände von hier wegzubringen, sie irgendwo unterzubringen, wo sie hingehören oder auch nicht – jedenfalls irgendwo, das nicht hier ist.
Ich stehe vor vier Wänden, die vom Boden bis zur Decke vollgestopft sind mit Büchern.
Ich hatte geplant, dies an einem langen Wochenende zu erledigen. Nun stelle ich fest, dass ich den Umfang dieses Projekts vielleicht ein wenig unterschätzt habe.
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Manchmal liest man etwas, und es wird einem plötzlich klar, daß man bisher überhaupt nichts erlebt, gefühlt, erfahren hat. Ich begreife jetzt, daß das meiste, was ich erlebt habe, klinisch und anatomisch gewesen ist …III
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Ich ziehe es in Betracht, eine Niederlage eingestehen zu müssen – vorsorglich. Das wird ein gewaltiges Unterfangen. Außerdem ist mir seltsam wehmütig, wenn ich an die Arbeit denke, die auf mich wartet. Was wahrscheinlich nicht nur daran liegt, dass dies die Bibliothek meines Vaters ist. Ich vermute, es hängt nicht weniger damit zusammen, dass es überhaupt eine Bibliothek ist, so einfach ist das. Das allein wäre schon Grund genug, immer noch eine weitere Tasse Kaffee zu trinken, bevor man sich an die Arbeit macht. Es ist schon lange her, dass mein Vater gestorben ist, und doch kommt es mir – wie allen anderen auch – so vor, als sei erst eine kurze Zeit verstrichen. Wenn ich jetzt durch diese Sammlung gehe, so ist mir, als würde ich mich zum zweiten Mal von ihm verabschieden, oder vielleicht sollte ich sagen, noch einmal. Etwas anderes ist mir auch klar: Ich verabschiede mich nicht nur von diesen speziellen Büchern, sondern vom Buch als solchem, vom Buch als Idee und als Objekt. Als diese Bücher in diesen Raum kamen, waren sie größer als Bücher heute, sie waren eine ganz andere Art von Objekt – ihr Verhältnis zum Leser, zur Welt, zur Gegenwart und zur Kultur war ein anderes als heute. Es spielt keine Rolle, um welche Art von Buch es sich handelt, wer der Autor ist, ob es in hochwertiges Leder gebunden ist oder nicht. Es gilt für Bücher im Allgemeinen.
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Das Bemerkenswerteste an diesem Ereignis ist, dass der Janus kurz nach seinem Tod meiner Großmutter erschien und ihr Dinge mitbrachte, die ursprünglich ihr gehörten. Daraus können wir schließen, dass er sie ihr zurückgeben wollte, da er selbst keine Verwendung mehr für sie hatte.IV
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Vielleicht sollte ich das nicht so ernst nehmen. Vielleicht sind Bibliotheken einfach überflüssig geworden. Vielleicht brauchen die Menschen keine physischen Bücher, Filme, Schallplatten oder Fotos mehr. Ihre Fotos sind in einer Cloud gespeichert. Jedes nur erdenkliche Musikstück kann im Internet gefunden werden. Es ist zu einer Banalität geworden, aber Musik, Texte, Bilder – eigentlich das gesamte menschliche Wissen – sind in unserer Reichweite. Ist das nicht das Grundgefühl – oder gar die Forderung – der heutigen Zeit? Dass alles (auch die Menschen) überall und zu jeder Zeit verfügbar ist und dass es nie aufhört?
Wenn eine Playlist oder ein Album bei einem Streaming-Dienst an ihr Ende kommt, wird automatisch ein Algorithmus aktiv und spielt dir ähnlich kategorisierte Lieder vor. Diese Kategorien sind in dem immanenten Klassifizierungssystem festgelegt. Sie sind selten überraschend und selten besonders interessant. Die Anbieter von Inhalten geben sich aber nicht damit zufrieden, bereits produzierte Musik oder Filme und so weiterzuempfehlen. Heutzutage produzieren sie Sendungen, um die Anforderungen ihrer eigenen Algorithmen zu erfüllen. Jede zweite Fernsehserie, die in den letzten Jahrzehnten ausgestrahlt wurde, ist wieder von den Toten auferstanden. Jetzt muss das System dir nicht mehr ähnliche Inhalte vorschlagen, es kann dir einfach mehr von exakt demselben anbieten. Neue Folgen, gleicher Inhalt, passt perfekt.
Ob das nun gut oder schlecht ist, sei dahingestellt, aber die von solchen Algorithmen offerierte Orientierungshilfe unterscheidet sich grundlegend von dem Vorgang, in einer Bibliothek zu stöbern, sich zu verlaufen und wahllos ein Buch aus dem Regal zu nehmen, es durchzublättern und auf etwas völlig Unerwartetes, Absurdes zu stoßen – auf ein Element einer Sammlung, die ausdrücklich nicht die eigene ist, auf etwas, das das komplette und totale Gegenteil von dem ist, was du heute oder gestern gelesen hast:
Die Legende besagt, dass Vigfús in jungen Jahren derart aufdringlich gegenüber Frauen war, dass er dazu verurteilt wurde, in Gesellschaft nie mehr aufrecht zu gehen, sondern zu kriechen, wenn er einem anderen Menschen begegnete. Von keinem anderen Isländer ist bekannt, dass er eine solche Strafe erhalten hat. Aus diesem Grund wurde er der Kriechende Fúsi genannt. Es ist offensichtlich, dass dieser Fluch der Grund dafür war, dass Fúsi es vorzog, nur wenig Zeit in Gesellschaft anderer zu verbringen.V
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Vermutlich erwartet das Buch das gleiche Schicksal wie die Musik und, wenn ich es mir recht überlege, das Familienfotoalbum. Es scheint uns zu genügen, zu wissen, dass unsere Fotos irgendwo sind, dass sie theoretisch zugänglich sind. Ob sie nun in einer Schachtel im Keller liegen oder in einer Wolke in einem fremden Land schweben, spielt dabei keine Rolle. Die meisten Menschen würden es als unwiderruflichen Verlust ansehen, wenn all ihre 4 × 6-Fotoabzüge bei einer Überschwemmung durchnässt oder bei einem Brand zu einem Plastikklumpen zusammenschmelzen würden. Und doch kramen die wenigsten von uns so oft in ihrer Schachtel mit alten Fotos herum. Die meisten Menschen wissen nicht mal mehr, wo genau im Haus diese Schachtel ist. Falls sie sich überhaupt an ihre Existenz erinnern.
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Das Lesen und Sammeln von Büchern
lastet schwer auf dem klakkar.VI
Klak- kur n, mask. pl. klak- kar
Die Querstange an einem Packsattel,
an der ein Bündel aufgehängt wird.VII
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Wie auch immer, ich muss herausfinden, wie wir diese Bibliothek loswerden. Mein Ziel ist es – wie immer – dies auf entschiedene, ideologisch unzweideutige Weise zu tun. Klare Linien! Das ist immer mein Ziel.
Ich erinnere mich selbst daran, dass es nicht so ist, als würde ich einen Berg versetzen oder einen Stein dazu bringen wollen, auf dem Wasser zu treiben. Letztendlich sind es nur ein paar Bücher, die ich entsorgen muss – auch wenn es, wenn ich so recht überlege, schon ein paar mehr sind als nur ein paar.
Ich werde mir die Sache noch einmal durch den Kopf gehen lassen.
Ich beginne damit, mir eine Tasse Kaffee zu holen, und blättere wahllos in einem Buch.
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Anfang des 18. Jahrhunderts gab es in Iða in der Gemeinde Skálholt einen jungen Mann namens Hinrik Hinriksson. Er war handwerklich und gestalterisch begabt. Er versuchte, sich einen geflügelten Mantel anzufertigen, an dem er Flügel aus Vogelschwingen anbrachte. Dies gelang ihm so gut, dass er sich, wenn er den Mantel trug, in der Luft halten und eine kurze Strecke fliegen konnte. In Balance zu bleiben, war dabei das Schwierigste: Sein Kopf wollte immer nach unten kippen und seine Beine nach oben. Dennoch wagte er einen Flug über den Fluss Hvítá bei Skálholtshamar – der Fluss ist dort sehr schmal – und es gelang ihm gut. Aber die Menschen hielten es für ihre Pflicht, seiner Waghalsigkeit Einhalt zu gebieten, und so wurde ihm sein Mantel abgenommen und zerstört, und es wurde ihm verboten, einen neuen anzufertigen; kurz darauf starb er.VIII
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Egal, wie oft ich diese Buchrücken überfliege, es gibt hier kein Buch über die Bibliothek von Alexandria. Ich nehme an, Bibliotheken denken nicht gerne über ihre eigene Vergänglichkeit nach. Und doch gibt es in einem der Bände hier im Arbeitszimmer meines Vaters ein Bild von dieser Bibliothek – da bin ich mir sicher. Ich weiß nur nicht, wo genau es sich versteckt. Es ist ein Kupferstich. Dem Stil nach zu urteilen, stammt er wahrscheinlich aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts oder aus dem frühen 20. Dieses Bild hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Ich könnte es aus dem Gedächtnis zeichnen, und zwar so detailgenau, dass es kaum vom Original zu unterscheiden wäre, falls man das Original denn fände.
Die Bibliothek stand am Rand des Hafens. Auf Anweisung der Bibliothekare hatte der Hafenmeister die Aufgabe, jedes Schiff, das in den Hafen einlief, durchsuchen zu lassen. Was an Bord an Schriftstücken auch immer gefunden wurde – Rollen, einzelne Blätter, Handschriften – es wurde beschlagnahmt und zu den Schreibern der Bibliothek gebracht. Wenn die Besitzer Glück hatten und es sich leisten konnten zu warten, erhielten sie eine Kopie des Textes, bevor sie wieder in See stachen. Das Original jedoch würde in dieser Bibliothek verbleiben, der größten, die die Welt je gesehen hat.
Die Bibliothek von Alexandria war wirklich ein Weltwunder. Der Kupferstich (den ich immer noch nicht finden kann) zeigt sie in Flammen, mit Feuerzungen, die wie Wellen durch das Gebäude brechen. Um die Katastrophe zu unterstreichen, sind die oberen zwei Drittel des Bildes ausschließlich dem Rauch und dem Feuer vorbehalten. Unten, fast auf Höhe der Bildunterschrift, rennen die winzigen Bibliothekare hektisch umher, werfen die Hände in die Luft und sind außer sich vor Kummer. Caesars Soldaten stehen an der Seite, bewegungslos, die Speere im Anschlag, während die wertvollen Schriftrollen in Rauch aufgehen.
Plutarch hat behauptet, das Feuer sei ein Unfall gewesen. Das scheint wahrscheinlich. Die Bibliothek von Alexandria in Brand zu setzen, ist eine so unfassbare Tat, dass es schwerfällt zu glauben, irgendjemand könnte so etwas mit Absicht tun. Aber was auch immer es war – Unfall oder Brandstiftung – das Ergebnis ist dasselbe.
Man sagt zum Beispiel, in der Bibliothek hätten sich neun Bände Schriften der Sappho von Lesbos befunden. Ein vollständiges Gedicht, einige wenige teilweise und eine Reihe von Fragmenten, zum Teil mit kaum mehr als ein oder zwei Wörtern – das ist alles, was von Sapphos Werk in unsere Hände gelangt ist. Die neun Bände sind zu Asche verbrannt.
Schon als Kind habe ich den Brand von Alexandria als eines der traurigsten Ereignisse der Menschheitsgeschichte empfunden. „All das Wissen, all die Schönheit, verloren und nie wiederzufinden. Schrecklich. Eine Katastrophe“, dachte ich.
Angesichts der Gräueltaten, die sich in diesem Jammertal im Laufe der Jahrtausende ereignet haben, ist mir klar, dass meine tiefe Trauer über diese Papyrusrollen in Alexandria vielleicht ein etwas eigenartiges Werteempfinden widerspiegelt.
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Das Pfarrhaus in Akranes. Die letzten Bauernhäuser dort. Verlassen im Jahr 1937. 1947 dem Erdboden gleichgemacht. Aus dem Gedächtnis gezeichnet.IX
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Ich beginne mit dem Bücherregal, das dem Fenster am nächsten steht. Es ist ein ziemliches Durcheinander hier. Viele dieser Bücher stammen aus den Jahren 1940–1980. Es gibt ein paar vereinzelte aus dem 19. Jahrhundert, aber auch ein paar aus der ersten Hälfte des 20. Die meisten Bücher aus den Jahren 1980–2000, also aus der Zeit, als meine Mutter und mein Vater ihren eigenen Verlag betrieben, scheinen jedoch in der Garage gelagert zu sein. Warum ist das so?
In diesen Regalen befinden sich auch einige noch ältere handschriftliche Manuskripte. Darunter das einer Anthologie, die ein Bauer aus dem Kreis Húnavatn im Nordwesten Islands mit eigener Hand geschrieben und (natürlich erst viel später) schön in blaues Leder gebunden hat. In diesem Band hat der Bauer – wahrscheinlich aus geliehenen Büchern – vier berühmte Isländersagas, einige mittelalterliche þættir und drei der legendenhaften Sagen abgeschrieben. Das ist kein dünnes Heftchen; es ist acht Zentimeter dick. „Eine Art Lebenswerk“, denke ich bei mir. Wahrscheinlich gab es für diesen Bauern, der so unbedingt sein persönliches Exemplar dieses so wichtigen Lesestoffs haben wollte, keine andere Möglichkeit, als dass er ihn selbst abschrieb. Eine gedruckte Ausgabe der Isländersagas zu besitzen, lag zweifellos weit jenseits der Möglichkeiten eines einfachen Bauern in Húnavatn. Am unteren Rand der handgeschriebenen und schön verzierten Titelseite steht das Jahr: 1884.
In dem acht Zentimeter dicken Türstopper des Bauern stecken viele Worte. Ich habe keinen Zweifel daran, dass er an die Macht der Worte glaubte. Diese Ansicht teilte er mit den Frauen und Männern in den Sagas, die er kopierte. Verwünschungen, Verzauberungen, Beschwörungen der Elemente – all das waren Worte, die der Bauer gut verstand. Die Isländer des Mittelalters wussten aus Erfahrung, dass Worte Gewicht haben. Zurückhaltung war daher kein ungewöhnlicher Charakterzug, die Menschen wägten ab, was sie sagten. Dem Volksglauben nach konnte ein kraftaskáld, ein Dichtermagier, mit ein paar gut gewählten Worten oder einem poetischen Zauberspruch sogar in die Gesetze der Natur eingreifen. Magie ist eng mit Sprache verbunden und im Isländischen sogar noch mehr mit der Schrift. Nehmen wir das Wort bókstafur, das „Buchstabe“ oder „Schriftzeichen“ bedeutet. Das ist eine Zusammensetzung aus den Wörtern bók (Buch) und stafur (Vers / Stab) und hat eine gemeinsame Wurzel mit Wörtern wie galdrastafur (Zauberstab / Symbol) und rúnastafur (Rune), die beide eng mit der Hexerei verbunden sind. Wir modernen Menschen schütteln natürlich den Kopf über solcherart Glauben, aber können wir wirklich leugnen, dass etwas Unsichtbares – und sogar etwas ein wenig Mystisches – geschieht, wenn ein Text gelesen wird? Dieser Vorgang mag klein und trivial erscheinen und ist meistens (aber nicht immer) auf den Geist der lesenden Person beschränkt, aber es bleibt die Tatsache, dass eine Idee Gestalt angenommen hat, dass im Gehirn neue Verbindungen hergestellt wurden, physische Neuronen ihre Form verändert haben: Worte haben die Realität unmittelbar beeinflusst und verändert.
Von meinem Vater habe ich die Angewohnheit übernommen, in einem Wörterbuch zu blättern, um das „richtige Wort“ zu finden. Vielleicht kommt das daher, dass ich als Kind abergläubisch war, Angst vor der Dunkelheit hatte und schon immer vorsichtig war, wenn es um bestimmte Wörter ging. Als mein Vater krank wurde, war ich also vorsichtig mit meinen Worten. Selbst nachdem er die Diagnose erhalten hatte und die Krankheit mit ihrem wissenschaftlich korrekten Namen in seiner Krankenakte vermerkt worden war, dauerte es lange, bis ich mich traute, dieses Wort auch auszusprechen. Wenn sich die Freunde meines Vaters auf der Straße erkundigten, wie es ihm gehe, redete ich um die genaue Diagnose herum, aber vor allem vermied ich die Fachbezeichnung. Ich denke, ich habe insgeheim geglaubt, dass, solange ich nicht genau dieses Wort gebrauche und es laut ausspreche, seine Bedeutung nicht vollends Realität werden wird – dass, solange ich nicht das „richtige Wort“ nenne, nichts geschrieben ist, nichts in Stein gemeißelt ist, alles geändert werden kann.
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Reykjavík, 29. Juli 2006.
Meine liebe Una,
als du anfingst, sprechen zu lernen,
verlor ich die Fähigkeit dazu.X
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Hier, im untersten Regal, steht eine Enzyklopädie – acht vollfarbige Bände im Folioformat mit Fotos, die in einem so groben Farbraster gedruckt sind, dass man die einzelnen magenta- und cyanfarbenen, gelben und schwarzen Punkte mit bloßem Auge zählen kann, wie auf einem Gemälde von Seurat oder einem anderen Pointillisten aus dem 19. Jahrhundert. Nicht weniger prächtig sind die kleinen Diagramme im Stil der 1970er-Jahre: Freuds Traumsymbole, eine Dampfmaschine oder eine Ratte, die in einem Käfig eingesperrt ist, um konditionierte Reaktionen zu erklären.
Energie, Der Geist, Schiffe, Gesundheit und Krankheit, Das Rad und Licht und Vision, sie sind alle hier. Aber ich kann das, was ich suche, nicht finden: Die Sonne. War sie nicht doch Teil dieser übersetzten Ausgaben der Life Science Library? Ist sie verloren gegangen? Oder war sie Teil einer anderen Reihe von Enzyklopädien?
Es ist wahrscheinlich das Beste, dass genau dieses Buch verloren gegangen ist, denn es ist ein gefährliches, ein Band, von dem ich jetzt weiß, dass er ganz oben im Regal stehen sollte, neben Anaïs Nins Das Delta der Venus und dergleichen – das heißt: außerhalb der Reichweite von Kindern.
Ich erinnere mich an dieses Buch, Die Sonne, wegen seiner Wirkung, die es auf mich und mein Leben hatte. Ich las darin zum ersten Mal etwas über das „Ausbrennen der Sonne“.
Als ich etwa neun Jahre alt war, sah ich im Fernsehen eine amerikanische Dokumentation über die Wunder des Kosmos. Ein Übersetzer redete auf Isländisch über die sprechenden Menschen und die bewegten Bilder der im Weltraum schwebenden Planeten hinweg. Er lieferte sein Voiceover in einem flachen, feierlich-monotonen Tonfall ab, wie man es heute nur noch selten hört, es sei denn in den täglichen Sendungen des staatlichen Rundfunks über aktuelle Todesfälle und anstehende Beerdigungen. Wie beiläufig erwähnte diese knochentrockene Stimme etwas, das „Ausbrennen der Sonne“ genannt wurde – so viel weiß ich noch. In Anbetracht der Schwere des Themas ist mir jetzt klar, dass der Sprecher den absolut richtigen Ton getroffen hat.XI
Als ich am nächsten Tag von der Schule nach Hause kam, nahm ich Die Sonne aus dem Regal und setzte mich auf das braune Ledersofa im Wohnzimmer. Die späte Wintersonne schien durch die großen Fenster mit ihrem eigentümlichen Licht, einer Art Licht, das die Partikel in der Luft sichtbar macht. Ich meine diese Staubteilchen (oder was auch immer das ist), die ständig um uns herumschweben, aber so beschaffen zu sein scheinen, dass Kinder sie viel deutlicher sehen können als Erwachsene. Das Sofa war an sonnigen Winternachmittagen immer angenehm sonnengebadet und warm. Da lag ich nun und schlug den Begriff in Die Sonne nach. Meine Ergebnisse waren wie folgt: In weniger als vier Milliarden Jahren wird die Sonne ihren gesamten Vorrat an Wasserstoff aufgebraucht haben. Das ist unvermeidlich. Sie wird im wahrsten Sinne des Wortes „ausbrennen“, aber vorher wird sie sich zu einem wogenden Inferno ausdehnen und alle Sterne in der Nähe grillen. Das ist unvermeidlich. In gleicher Weise ist das Schicksal der Erde besiegelt: Die Erde wird ihr Leben als verkohltes, rußgeschwärztes Brikett beenden, eine kalte Ruine auf einer stillen und ewigen Umlaufbahn um die lichtlosen Überreste der Sonne. Auch das ist unvermeidlich. Der Autor des Textes schränkte seine Vorhersage zwar ein wenig ein, indem er sagte, „es gäbe noch einige Unbekannte“, kam aber dennoch zu dem Schluss, es sei unbestreitbar, dass der Todeskampf der Sonne jegliches Leben vernichten würde – und, um ehrlich zu sein, auch alles andere, einschließlich aller Bibliotheken auf dem Planeten Erde. Unvermeidlich.
Ich weiß noch, dass ich mich zunächst regelrecht benommen fühlte. Dann überkam mich ein plötzlicher Anflug von Wut. War das allgemein bekannt? War es Teil der amtlichen Aufzeichnungen? Eine bekannte Tatsache? Wie konnte es sein, dass die Leute über so etwas schwiegen? Nichts taten? Sie machten einfach weiter, backten Brot, gingen zur Arbeit, heirateten, schrieben Bücher, bauten Häuser, bekamen Kinder …
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1. Jón Gíslason, Bauer in Skálarhnjúkur, 2. Juni 1804, Ertrinken. 2. Sigríður Jónsdóttir, Hausfrau in Foss, 23. Dezember 1816, Erfrieren. 3. Jón Dagsson, obdachloser Vagabund, 16. Mai 1817, Erfrieren (Schneesturm). 5. Þórunn Ólafsdóttir, Kind in Illugastaðir, 26. Mai 1832, Ertrinken. 7. Jónas Jónasson, Laufbursche in Fannlaugarstaðir, 23. Dezember 1839, Erfrieren (Schneesturm). (…) 66. Sigurður, Knecht in Selnes, 1. Mai 1908, Selbstmord. 69. Baldvin Gíslason, Knecht in Víkur, 17. Dezember 1913, Ertrinken. 70. Jón Magnússon Ósmann, Fährmann an der Mündung des Héraðsvatn, 24. April 1914, Ertrinken. Es wird vermutet, dass Jón im westlichen Teil der Héraðsvatn-Mündung ertrunken ist, aber sein Leichnam wurde nach Skefilsstaðir im Skagafjörður getrieben (und deshalb ist Jón in dieser Liste enthalten, obwohl er streng genommen nicht innerhalb der Grenzen des Bezirks Skefilsstaðir gestorben ist).XII
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Im untersten Regal neben dem Fenster stehen Faksimile-Reproduktionen von Erstausgaben älterer Werke, darunter die berühmte Literaturzeitschrift Fjölnir aus dem 19. Jahrhundert – zwei dicke Bände. Aber es gibt hier auch echte Erstausgaben, einige sogar in gotischer Frakturschrift gesetzt. Das ist eine strenge Schriftart. Die Frakturschrift dominierte die Psalmenbücher vom Beginn des Buchdrucks bis weit ins 19. und sogar frühe 20. Jahrhundert hinein. Die Kirche liebte ihre gotische Schrift und hielt an ihr fest. Es hat etwas seltsam Beruhigendes, über einen derart soliden Beweis dafür zu stolpern, dass der Konservatismus der Kirche kein neuer Trend ist.
Die überwiegende Mehrheit der Bücher hier ist jedoch in lateinischer Schrift gesetzt, normal gedruckt, die neueren im Offsetdruck, die älteren mit beweglichen Lettern, die einzelnen Buchstaben so tief in die porösen Blätter gepresst, dass man sie mit der Fingerspitze ertasten, mit geschlossenen Augen lesen kann. Das komplette Werk von Þorgils Gjallandi, ein vollständiger Satz von Gunnar Gunnarssons Gesamtwerk, gebunden in weiches, schwarzes Leder, das gesamte Werk von Halldór Laxness (alles Erstausgaben, jedes Buch in seinem ursprünglichen Format), aber alle in dasselbe helle „Internationale“-rote Leder gekleidet, Gráskinna I und II (Sigurður Nordals und Þórbergur Þórðarsons berühmte Volksmärchen-Anthologien) und so weiter, Regale über Regale über Regale.
Die Anzahl der Bücher, die man als þjóðlegur fróðleikur einstufen würde – was man etwas unscharf als „Volkstümliche Begebenheiten“ bezeichnen könnte – hat mich überrascht. Mir war durchaus bewusst, dass Bücher dieser Art einen großen Teil der bis weit ins 20. Jahrhundert hinein, bis in die 1980er- und 1990er-Jahre, veröffentlichten Titel ausmachten. Der Höhepunkt lag wahrscheinlich irgendwann in den 1950er-Jahren. Ich weiß das, aber dennoch – die Menge der Bände in der Bibliothek meines Vaters, die unter diese Kategorie fallen, verblüfft mich, um ehrlich zu sein.
