Die Bilder meiner Mutter - Stephan Wackwitz - E-Book

Die Bilder meiner Mutter E-Book

Stephan Wackwitz

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Beschreibung

Stephan Wackwitz erzählt das Leben seiner Mutter, wie es war und wie es hätte sein können – mit Warmherzigkeit und Einfühlung, mit Intelligenz und Genauigkeit. Hineingeboren in eine schwäbische Industriellenfamilie in Esslingen am Neckar, flieht die 1920 geborene Margot vor dem autoritären Vater ans Berliner Lettehaus, wo sie das Modezeichnen erlernt. Aber trotz frühen künstlerischen Erfolgen und einer Amerikareise gelingt es ihr im Wirtschaftswunder-Deutschland nicht, aus ihrer Begabung mehr zu machen als das Hobby einer Ehefrau und Mutter in der deutschen Provinz. Das 20. Jahrhundert hat Frauen wie ihr alle Möglichkeiten eröffnet – und sofort wieder verschlossen.

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Seitenzahl: 237

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Stephan Wackwitz

Die Bilder meiner Mutter

 

 

Über dieses Buch

 

 

Stephan Wackwitz erzählt das Leben seiner Mutter, wie es war und wie es hätte sein können- mit Warmherzigkeit und Einfühlung, mit Intelligenz und Genauigkeit. Hineingeboren in eine schwäbische Industriellenfamilie, flieht die 1920 geborene Margot vor dem autoritären Vater ans Berliner Lettehaus, wo sie das Modezeichnen erlernt. Aber trotz einer Amerikareise gelingt es ihr in den 50er Jahren nicht, aus ihrer Begabung mehr zu machen als das Hobby einer Ehefrau und Mutter in der deutschen Provinz. Das 20.Jahrhundert hat Frauen wie ihr alle Möglichkeiten eröffnet- und sofort wieder verschlossen.

Sie war genau siebzig Jahre auf der Welt, 1920 bis 1990. Es war kein bedeutendes Leben, aber doch beispielhaft für die Möglichkeiten, die das 20.Jahrhundert den Frauen eröffnete- und zugleich vorenthalten hat. Stephan Wackwitz

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Impressum

 

 

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

© S.Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2015

Covergestaltung: Nicole Lange, Darmstadt

Coverabbildung: Marion Wackwitz

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-403505-5

 

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Inhalt

Zwei Tagebücher vom Sterben

Matria Historia (Wundermuscheln)

Esslingen am Neckar

Brief über den Vater

Die Legende vom Künstler

Stuttgart

Die Zerbrochenheit

Revolutionary Road

Eine vertrauliche Mitteilung aus dem Jahr 1960

Verblühender Frühling (Selbstbildnis als Radiobastler)

The Ice Storm

Märchen (Das Recht, ein anderer zu werden)

Ein erweiterter Kunstbegriff

Ellingen

Dank

Zwei Tagebücher vom Sterben

»Danach fuhr er in einem Schnellzug durch eine Hügellandschaft im Abendlicht, kam in ein Tal und sah auf Hügeln einzelne Männer wie Standbilder stehen, die alle auf ihn deuteten und ihm Vorwürfe machten.«

Hermann Lenz,

Tagebuch vom Überleben und Leben

Als der Tod im Jahr 1988 sich in unserer Familie einquartierte, haben wir ihn erst nicht wahrgenommen und dann lang nicht ernst genommen. Und dann hat er sich, mit den Metastasen im Körper meiner Mutter, von Tag zu Tag mehr ausgebreitet in unserem Leben und unseren Gedanken, bis er unübersehbar und allgegenwärtig geworden ist zwischen uns. Zum Schluss war meine Mutter dann schon in einem anderen Land als wir, die wir noch jahrzehntelang weiterleben würden auf verschiedene Weisen in unseren unterschiedlichen Lebensläufen. Aber wir hatten gesehen und konnten nicht mehr vergessen, wie der Tod ins Leben tritt. Seine trügerische Harmlosigkeit, wenn das Sterben beginnt. Sein riesenschlangenhaftes Würgen am Schluss. Sein vollkommenes Desinteresse an allem, was menschlich ist.

Zum Abschluss der Berufstätigkeit meines Vaters fuhren meine Eltern im Sommer 1987, voller Vorfreude auf den gemeinsamen Ruhestand, in einem neugekauften Auto durch Frankreich. Auf einer langen, geraden Strecke schlief mein Vater am Steuer ein. Das Auto kam von der Fahrbahn ab und überschlug sich. Mein Vater hatte nur ein paar blaue Flecken. Aber bei meiner Mutter war einer der oberen Halswirbel gebrochen. Sie wurde in das nächste Krankenhaus gebracht, wo man ihr einen sogenannten Halofixateur anlegte. Das heißt, man befestigte einen Metallring mit Hilfe von vier Schrauben an ihrem Schädel und verankerte dieses Gerüst durch Schienen in einer Oberkörpervergipsung, um alle Halsbewegungen zu unterbinden. Der gebrochene Wirbel wuchs während eines qualvollen halben Jahrs, das meine Eltern erst in einem französischen Krankenhaus, dann in einer kurz zuvor gekauften Ruhestandswohnung im Schwäbischen verbrachten, tatsächlich wieder zusammen. Aber als die deutschen Ärzte meine Mutter aus dem Gipspanzer geschnitten hatten, diagnostizierten sie einige Wochen später Brustkrebs.

Operationen, Bestrahlungen. Chemotherapie. Der Tod machte es sich für zwei Jahre in unserer Familie bequem. Wir lernten ihn aus der Nähe kennen. Damals schickte die Zeitschrift Brigitte ihren Abonnentinnen zum Jahreswechsel Taschenkalender als Werbegeschenke und Treueprämien. Die beiden DIN-A6-großen Brigitte-Taschenkalender von 1989 und 1990 aus dem Nachlass meiner Mutter, die jetzt vor mir liegen, sind aus goldfarbenem Kunstleder. Auf den ersten Blick wirken sie kostbar, auf den zweiten erkennt man, wie billig sie sind. Rechts unten ist das große Brigitte-B zusammen mit der Jahreszahl aufgeprägt, was den irgendwie geschmiedeten oder geschmeidehaften Eindruck verstärkt. Die Brigitte-Jahresgabenkalender aus den letzten beiden Lebensjahren meiner Mutter sehen aus wie zu breit und zu platt geratene Goldbarren. Die Vorsatzblätter zeigen eine hellbraune, an Buchgestaltungstraditionen der zwanziger Jahre angelehnte Schlierenmarmorierung mit roten, blauen und grünen Einsprengseln. Irgendwie kam mir die vorgebliche Erlesenheit dieser in Wahrheit massenproduzierten Notizkalender immer wie ein Hohn auf den Inhalt vor, mit dem meine Mutter sie in den Jahren 1989 und 1990 füllen sollte.

Sie hatte während der zurückliegenden 68 Jahre nie Tagebuch geführt. Aber in ihren beiden letzten muss meine Mutter das Bedürfnis empfunden haben, ihre verrinnende Lebenszeit durch das Schreiben intensiver zu gestalten. Vielleicht glaubte sie unterbewusst, ihr sich immer deutlicher abzeichnendes Ende damit sogar irgendwie hinauszögern zu können. An jedem Tag ihres Zusammenlebens mit dem Tod hat sich meine Mutter Notizen gemacht. So sind zwei Tagebücher vom Überleben und Sterben entstanden und auf mich gekommen, die mich (nachdem ich sie während eines Besuchs bei meinem Vater an mich genommen habe) unablässig beschäftigt, geängstigt, deprimiert, aber schließlich auf eine paradoxe Weise auch getröstet haben.

Die Notate in ihrer schönen, girlandenartigen und sehr gut lesbaren Schrift beginnen am 1. Januar 1989: In der Mittagszeit um den Katzenkopf. Abends mit B.T. telefoniert und mit V.v.Z., die sehr angeknackst ist von seinem Seitensprung. Den F.s gratuliert, nur er ist dran. Die letzte, schon sehr zittrige Eintragung stammt vom 24. August 1990: Der schlimmste Tag meiner Krankheit. Wie kurz vor dem Zusammenbruch. Unser wunderschöner Schrank. Ich kann kaum atmen. Draußen schrecklich heiß. St. und Inez kommen. An diesem Sommertag im Jahr 1990 hatte sie noch eine Woche zu leben.

Aber merkwürdigerweise sind die Tagebuchnotizen meiner Mutter durchaus nicht alle verzweifelt und düster. Viele von ihnen bringen heute, beim Lesen nach fast fünfundzwanzig Jahren, schöne gemeinsame Wochenenden aus meiner Erinnerung herauf; oder Urlaubstage, die ich mit meiner damaligen Frau bei meinen Eltern verbracht habe. Aber auch historische Erinnerungen werden wach, während ich in den goldenen Notizbüchern blättere und ihre Eintragungen mit meinen eigenen Tagebüchern vergleiche. Es waren die letzten Jahre der deutschen Westrepublik. Politisch waren meine Eltern und ich das ganze zurückliegende Jahrzehnt sehr weit auseinander, fast verfeindet, gewesen. Jetzt hatten wir uns sozusagen auf Rufweite angenähert. In den letzten Jahren meiner Mutter lebten die beiden Generationen unserer Familie, vielleicht zum ersten Mal seit den fünfziger Jahren, innerlich wieder in demselben Land. Meine Eltern waren in ihren politischen Ansichten, aber auch in ihren kulturellen Gewohnheiten und in ihrer Lebensweise angesteckt worden von mir, meiner Frau, meiner Schwester, von jüngeren Freunden.

Aber es war andererseits auch umgekehrt gewesen. Meine Eltern hatten auch uns angesteckt. In meinem Leben als junger Ehemann und Sprachlehrer im Frankfurter Universitätsviertel Bockenheim wurden die Haltungen und Denkgewohnheiten meiner revolutionären siebziger Jahre allmählich ersetzt durch die innenarchitektonischen, intellektuellen und modischen Annehmlichkeiten, die mein erstes Gehalt ermöglichte. Was mit mir und vielen anderen in diesen Jahren langsam, fast unmerklich passierte, hat die Grünen-Politikerin Antje Vollmer – sie sympathisierte in den siebziger Jahren noch mit der maoistischen KPD, Ende der Achtziger war sie schon Mitglied des Deutschen Bundestags – im Rückblick treffend bezeichnet als »Einwanderung ins eigene Land«. Ein Riss durch das letzte Jahrhundert begann sich zu schließen. Nicht lang mehr, und auch im Leben der Nation würde »zusammenwachsen, was zusammengehört«. Unsere Erdgeschosswohnung, deren kleiner Garten in eine fast dörflich stille Hinterhoflandschaft überging, lag in der Jordanstraße, ein paar Häuser entfernt von der Karl-Marx-Buchhandlung. Joschka Fischer hatte sie mitbegründet. Er amtierte jetzt als Umweltminister in Wiesbaden. Seine Vereidigung in jenen berühmten Turnschuhen war schon Legende. Nach der Arbeit blätterte ich dort in Neuerscheinungen. Manchmal saß Daniel Cohn-Bendit in dem kleinen Verkaufsraum und führte vor bewundernden Buchhändlerinnen das große Wort. Der grüne Finanzfachmann und spätere Stadtkämmerer Tom Koenigs, berühmt dafür, dass er in den sechziger Jahren sein beträchtliches Erbe an den Vietcong verschenkt hatte, war fast jeden Samstag in der »Karl Marx« und versorgte sich mit staunenswert hohen Bücherstapeln. Sein Leben – oder zumindest, was ich mir damals unter seinem Leben vorstellte – erschien mir als ein beneidenswerter und tröstlicher Kompromiss zwischen den Ideen von 1968 (die in mir zu veralten und zu verblassen begannen) und einer neuen Zeit. Aber auf eine Weise, die ich mir selber damals nur ungenau hätte erklären können, sah ich in Tom Koenigs (mit dem ich nie ein Wort gewechselt habe) auch eine Kompromissfigur zwischen den verfeindeten kulturellen Sphären, in deren Bann meine Eltern und ich so lange gelebt hatten und einander oft so fremd gewesen waren.

Zum ersten Mal führte ich das Angestelltenleben, das mein Vater damals schon hinter sich hatte. Morgens fuhr ich mit dem Fahrrad die Bockenheimer Landstraße entlang zur Arbeit in der Nähe der Banktürme im Westend, vorbei am berühmten Institut für Sozialforschung und im Schatten der großbürgerlichen Villen der Jahrhundertwende, die ein paar Jahre zuvor in bürgerkriegsartigen Straßenkämpfen vor der Zerstörung gerettet worden waren und jetzt schon wieder Firmenfilialen beherbergten. Die Bürgersteige waren belebt durch eine Freiluft-Modenschau aufsehenerregend elegant gekleideter Sekretärinnen und Bankmänner. Im Drahtkorb auf dem Gepäckträger lag das Buch, das ich nach Erledigung der Unterrichtspflichten beim Goethe-Institut auf der Terrasse meines Lieblingsrestaurants in den Niddaauen lesen würde. Im Hörsaal VI der nahe gelegenen Universität holte ich die akademischen Bildungserlebnisse nach, die während meines Studiums (ich hatte mich damals vor allem als Funktionär des kommunistischen »MSB Spartakus« verstanden) an mir vorbeigegangen waren. Es war ein glückliches, finanziell abgesichertes, ästhetisches, linksbürgerliches, »grünes« und ein bisschen ahnungsloses Leben.

Meine einzige Sorge war der Gesundheitszustand meiner Mutter. Wir telefonierten alle paar Tage, und mindestens einmal im Monat waren wir für ein Wochenende oder manchmal auch nur für einen Nachmittag zu Besuch bei meinen Eltern im Schwäbischen. Wir waren, nach der Entzweiung und Entfremdung der sechziger und siebziger Jahre, wider Erwarten doch noch eine ganz gut funktionierende und füreinander einstehende Familie geworden. Im Rückblick scheint mir, dass wir am Vorabend der Wiedervereinigung doch eigentlich gefühlt oder geahnt haben müssten, welche Umstürze uns bevorstanden. Aber noch im Frühling 1989 habe ich mir nicht im Entferntesten vorstellen können, dass das Land, in dem ich aufgewachsen war, schon im Herbst des übernächsten Jahres (und für alle Zukunft) nicht mehr dasselbe sein würde wie im Jahr zuvor. Und meine Mutter schon tot.

Die Ruhestandswohnung meiner Eltern am Rand der mittelalterlich-barocken württembergischen Provinzstadt Schwäbisch Hall bildete im Urlaub und an verlängerten Wochenenden den Ausgangs- und Zielpunkt meiner oft mehrtägigen Fußmärsche und Radtouren. An manchen Tagen kam ich nach langen Wanderungen durch das Hohenloher Land erst am Abend wieder zurück. Wie alle Wohnungen meiner Eltern über die Jahre waren die beiden Etagen unterm Dach eines anonymen Neubaus, wo sie die Möbel, Erb- und Erinnerungsstücke ihres zurückliegenden Lebens um sich versammelt hatten, eine Innenarchitektur meines Heimatgefühls. Manchmal holte mich mein Vater mit dem Auto irgendwo ab, wenn ich zu weit gelaufen war und es zu Fuß vor Einbruch der Dunkelheit nicht mehr nach Hause geschafft hätte. Auch in den schlimmsten Krankheitsmonaten meiner Mutter gab es gemeinsame Ausflüge zu Museen und Restaurants in der Umgebung von Hall. Abends das hübsche Konzert im Hof des Rößler-Hauses in Untermünkheim. Auch werden teure Anschaffungen verzeichnet in den scheinvergoldeten Brigitte-Kalendern, ein unbekümmertes Sich-etwas-Leisten, das sozusagen übermütig geworden war durch die Ahnung und schließlich Gewissheit, es werde nicht mehr lange möglich sein. So kauften meine Eltern in den letzten beiden Lebensjahren meiner Mutter ein paar ihrer schönsten Antiquitäten und alten Bücher; und einen luxuriösen Pelzmantel für sie. Sie gewöhnten sich an, in ziemlich teuren Restaurants zu essen. Sie wählten Die Grünen, und wir schimpften gemeinsam auf Helmut Kohl. Sie waren besorgt über das »Waldsterben«, von dem damals noch viel die Rede war, ernährten sich »bewusst« und kauften auf dem Haller Samstagsmarkt ihr Gemüse bei Biobauern. Wie meine Frau und ich in unserem Frankfurter Ehestand, genossen auch meine Eltern in diesen zwei Jahren, während der Tod sich schon am Horizont ihres Lebens herumtrieb, die politische Zivilisierung der westdeutschen achtziger Jahre und das ökologisch eingefärbte savoir vivre, das sich im letzten Jahrzehnt der alten Bundesrepublik auch in der Provinz ausbreitete.

Meine Mutter pflegte bis zum Schluss ihre modischen und künstlerischen Interessen, die in den letzten vier Jahrzehnten freilich nur noch schwache Erinnerungen an ihr damals schon jahrzehntelang zurückliegendes Künstler-Berufsleben gewesen waren. Ihr innenarchitektonischer Ehrgeiz, ihr Schneidern und Basteln, die Stellung von »Geschmack« in ihrem persönlichen Universum von Wertungen und Interessen waren Ruinen ehemals ernsthafter Absichten, Leistungen und einer künstlerischen Ausbildung, die durchsetzungskräftigere Schüler von Professoren, bei denen auch sie gelernt hatte, in bedeutende internationale Karrieren geführt hat. Was sie vielleicht gar nicht wusste und worüber sie jedenfalls nie gesprochen hat. Bei meiner Mutter waren diese Begabungen, seit mein Vater zu Beginn der sechziger Jahre so viel verdiente, dass die Familie damit über die Runden kam, zu einem unverbindlich-hausfraulichen Schneidern und Inneneinrichten verkümmert. Den ganzen Tag Regen und an dem blauen Rock genäht; oder: am Namensschild gepinselt; oder: den grauen Rock genäht; oder: vormittags den gelben Seidengürtel genäht. Oder, in einer Formulierung, die ihren persönlichen Desillusionsroman im Frühling 1990 sentenzenhaft zusammenfasst: Ostereier bemalt. Doof. Ich kann gar nichts mehr. Und sie machte sich bis zuletzt, wie während ihres gesamten Lebens, unentwegt Gedanken über ihre Garderobe, ihr Aussehen und vor allem ihr Körpergewicht: der blaukarierte Rock ist schön geworden, wenn ich nur nicht so dick wär.

Meine Eltern besuchten die Ausstellungseröffnungen im Schwäbisch Haller Würth-Museum. Besuche langjähriger und neuer Bekanntschaften werden notiert, Freundschaften zu ehemaligen Kollegen meines Vaters gepflegt. Unsere F.s in Hessental abgeholt. Zum Kaffee kommen noch die S.s dazu, dann fahren wir noch nach Schöntal, wo die Sonne durch die Schwüle kommt und die 2 sehr interessiert und begeistert sind. Wenn meine Frau und ich aus Frankfurt herüberkamen, führten wir in Sommernächten Gespräche beim Wein auf der Terrasse, machten Autotouren, Besichtigungsausflüge, im Winter Schneespaziergänge. Unsere 2 Frankfurter kommen um 12. Schön zus. gegessen. ½ Katzenkopfspaziergang, dann Adventskranz. Nach 4 Uhr fahren sie wieder. Immer so schön mit den beiden. Die Freude meiner Eltern an meinen ersten beruflichen Stationen und literarischen Erfolgen war während dieser beiden Jahre eine Ermutigung und ein Ansporn (S. ruft an und erzählt, daß die Frankfurter Rundschau einen Text von ihm will!). Aber sie nahmen auch Anteil an meinen Sorgen, vor allem an meinen damals schon unübersehbaren Eheproblemen. Es gab Familienberatschlagungen, mütterliche Nachfragen, gemeinsame Zweifel und Entschlüsse. St. ruft an: sie haben ihm die Programmabteilung in Tokyo angeboten!! Nach dem 1. Schock finden wir das ganz toll. Schöner Abendspaziergang bei Neunkirchen. Abends ruft St. noch einmal an und wir schwätzen darüber. Vorher Anruf von K. Meine Mutter notierte Gespräche über meine Lektüreerlebnisse, zu denen sie mich lange befragte (Abends kommt St. auf dem Weg nach München. Wie immer schöner Abend. Jetzt beschäftigt er sich auch noch mit der Kabbala!). Oder wir verbrachten Stunden vor dem Fernseher. Das gemeinsame Anschauen der Tagesthemen wurde in diesen politisch bewegten Jahren ein Ritual bei meinen Besuchen. Hier der Tagebucheintrag meiner Mutter vom 11. November 1989 (die Mauer hatte sich über Nacht geöffnet): 36,7. Stephel ruft an: er hat wahrscheinlich einen Nabelbruch. K.N., die 77jährige Amerikanerin, zum Kaffee. Abends geht S. mit einem ehemaligen Kollegen essen und wir sehen wieder im T.V., was sich in Berlin abspielt. Daß wir das noch erleben! St. angerufen und beruhigt. Besser gefühlt mit meiner Blase. Wir sahen uns Video-Mitschnitte aus der Sammlung meines Vaters an, vor allem Interviews und Talkshows mit den Protagonisten der friedlichen deutschen Revolution, während die DDR vor unseren Augen zusammenbrach und schließlich verschwand. Wir waren politisch glücklich und als Familie politisch einig in diesen beiden Jahren. Ich vergeß mich manchmal, bis es wieder rabenschwarz wie ein Gespenst vor mir steht.

Denn die guten Abende, Ausflüge und Tage waren nur Ruhepausen in einem Prozess des langsamen, durch trügerische Scheinverbesserungen bloß verzögerten Niedergangs. Etwas zog sich zusammen um meine Mutter, etwas Unheimliches begab sich in ihren Organen. Ihr Leben floss hinterrücks ab aus ihr, bis in den letzten Wochen nichts mehr übrig war von der realistischen, kunstsinnigen, emotional instabilen, warmherzigen, unberechenbaren und empfindlichen Frau, mit deren Begabungen, Enttäuschungen und Hoffnungen mein ganzes bisheriges Leben so eng verbunden gewesen war. Die Stelle unterm Arm tut immer noch weh und ich bin wieder voller Angst. Oder: Wundervolles Wetter. Knochenszintigramm. 1 Stelle im Oberarm ist faul. Dr. P. vermutet, daß es von der Bestrahlung kommt. Wieder kein wirkliches Aufatmen. Noch nach Sauzenbach, der Gasthof ist aber zu. Kränklichkeiten, unter denen sie ihr Leben lang gelitten hatte, lang schon gewohnte Spätfolgen ihrer Kriegsverwundung, verbanden sich auf unheimliche Weise mit Veränderungen, die jetzt den Tod ankündigten: Mit Migräne aufgewacht. Gu geht allein zum Markt. Den ganzen Tag und die Nacht irre Kopfweh. Um 4 aufgestanden und Gu macht mir Kaffee. Gegen 5 wieder eingeschlafen. Immer noch die Stiche im Kopf, so Angst vor meiner Zukunft. 37,6. Müde und schlapp. Gu geht auf meine Bitte allein zu F.s, ich bleib im Bett.

Eines Morgens, als ich aus dem Gästezimmer herunterkam, saß meine Mutter verängstigt, klein und grau auf dem Wohnzimmersofa, gehüllt in eine Decke, die ich ihr zum Geburtstag geschenkt hatte. Sie konnte uns nicht sagen, wo es ihr weh tat. Denn es tat ihr alles überall weh. Vor allem aber fühlte sie, wie ihre Lebenskraft sie verließ. Etwas Unsichtbares und Erbarmungsloses schien sich in ihrer Nähe aufzuhalten. Ich glaubte, diese Anwesenheit spüren zu können. Sie hatte seit Stunden dort in der Dunkelheit und schließlich Dämmerung gesessen, ohne Licht zu machen, ohne uns zu wecken. 7. Januar. Wir sind so verzweifelt, daß wir beide weinen.

Bald war nicht mehr erkennbar, was schlimmer war, die Krankheit oder ihre Behandlung. Gu bringt St. z. Bahnhof. Blutabnahme bei P. Er sagt: Krebszellen bilden Wasser, das sich in der Lunge sammelt und nicht abfließen kann + Chemotherapie ist das einzig Wirksame. Entsetzl. deprimiert. Vormittags im Bett. Die Schmerzen im rechten Brustkasten lassen nach, nur beim Husten. Scheußliches Wetter. Ein paar Wochen später: Nach Stuttgart zur 6. Chemo. 1 Durchleuchtung der Lunge. Abends Tablette gegen den Husten u. herrlich geschlafen. 124 lb. ?! Ultraschall ergibt keine Reduktion. Frau G. sagt bei der Visite, sie versuchten jetzt ein anderes Mittel. 2. und 3. Lunge durchleuchtet. Lungenszintigramm. Die Ärztin sagt: alles in Ordnung. Vibrosen von der Bestrahlung. Der Schmerz rechts von einer vom Husten gebrochenen Rippe. Um 3 Chemo. Nochmal 3 mal durchleuchtet. N. kommt raus und spricht mit mir (zieml. verdächtig?) Gegen Bestrahlungsschäden spricht der lange Zeitraum u. die Lage (nicht im Bestrahlungsfeld). Er will C.T. abwarten. Visite mit Prof. I. Er hofft auf die neue Chemo. Vorher Herz-Ultraschall. Der Arzt sagt, es hätte sich nichts verändert. Abends noch Comp. Tomographie. Daheim, ohne BH: 127 lb. Dr. P. spricht lange mit uns: höchstwahrscheinlich doch Krebszellen in der Lunge. St. kommt dazu mit herrlichem Blumenstrauß. Daheim K. angerufen und gesagt, daß wir nicht mehr kommen.

Und dann zwei Wochen später die Erkenntnis, dass all die chaotische medizinische Quälerei umsonst gewesen und alles verloren war: Mit Gu. bei Dr. P., der einen Bericht vom Marienhospital hat. Als ich frage: »Es sieht nicht gut aus?« Sagt er: »Nein, es sieht nicht gut aus.« Brustkrebs steht nur still, wenn es keine Metastasen gebildet hat. Also bin ich zu spät gekommen. Tief traurig.

Ihre Schrift wird nach dieser Eintragung von Tag zu Tag zittriger und mühsamer. Trotzdem aber hatte meine Mutter auch jetzt, wenige Wochen vor ihrem Tod, und nachdem sie wusste, dass sie keine Chance mehr hatte, Hoffnungen, die sich auf wenigstens noch ein paar Monate, vielleicht sogar ein Jahr des Weiterlebens trotz Metastasen richteten. Und es gab noch gute Tage. Schöne leere Fahrt mit Wolken und Sonne zu P. und F. Er untersucht mich vor dem Essen: er sieht in der nächsten Zeit keine dramatische Veränderung. Von Wasser im Herzbeutel keine Spur. Der Hustenreiz: Verklebungen von Bauchfell und Rippenfell, die sich beim Atmen aneinander reiben. Keine Anstrengungen machen. Nicht sprechen beim Treppensteigen, aber 1 x tägl. an die Luft. Er hat 1 Patientin mit Metastasen, die seit 20 Jahren damit lebt (Brustkrebsoperation mit 65, heute ist sie 80). Alles in allem bin ich jetzt wieder viel mutiger. Er meint, es sind Bestrahlungsschäden. Herrliches Mittagessen, dann Ruhe in P.s Boudoir. Nach Kaffee und Kuchen zurück über fast leere Straßen (Fußball-WM). Zeichnung von Dürnstein und Hohenlohe-Buch mitgebracht. So ein schöner Tag!

Aber der Tod hatte dann doch kein Mitleid mit ihr. Das Wochenende, bevor meine Frau und ich nach Tokyo ausreisen (auswandern) würden (wie wird er mir fehlen, hatte sie schon vor Monaten notiert), verbrachten wir in Schwäbisch Hall. Meine Mutter war verändert. Sie stand kaum noch auf, meistens lag sie mit dem Gesicht zur Wand in ihrem Bett. Es war etwas Kreatürliches in dieser Verschlossenheit. Tiere, sagt man, ziehen sich zum Sterben zurück von ihren Artgenossen. Sie verstecken sich, wenn sie fühlen, dass ihr Ende kommt. Als ich Jahre später unsere Katze vom Sterilisieren aus der Veterinärklinik nach Hause holte, setzte sich das Tier zwei Tage lang auf meinen Lieblingssessel, den Kopf in der Ecke zwischen Rücken und Armlehne, verkrochen vor der Welt und dem Schmerz und (wie mir vorkam) vor der Scham über seinen Zustand. Ich weiß, dass es ein unangemessener Vergleich ist, aber ich hatte diese Haltung im Sommer 1990 bei meiner Mutter gesehen. Nur einmal sprachen wir noch zu zweit, und sie sagte, vielleicht würden wir das nächste Weihnachten alle zusammen feiern. »Manchmal hat man doch auch ein bisschen Glück, oder?« Am Sonntagnachmittag verabschiedeten wir uns. Meine Mutter sah mich an wie schon von jenseits der Schwelle ins Unbekannte, die sie ein paar Tage später überschreiten würde. Als ich in der Tür stand, ging ich, einer unklaren Eingebung folgend, ein letztes Mal zurück und küsste sie auf die Stirn, wo (wie ich später irgendwo gelesen habe) hinduistischen Traditionen zufolge sich das sechste Chakra befindet, der Sitz des geheimen Wissens. Ich habe meine Mutter nicht wiedergesehen.

Matria Historia (Wundermuscheln)

Sie war genau siebzig Jahre lang auf der Welt, 1920 bis 1990. Die Lebenszeit meiner Mutter deckt sich mit dem »kurzen zwanzigsten Jahrhundert« der totalitären Ideologien und Regimes. Es war kein bedeutendes Leben, aber doch, wie mir im Lauf meines Nachdenkens über sie immer mehr einleuchtete, beispielhaft für die Möglichkeiten, die das zwanzigste Jahrhundert den Frauen in Europa und Amerika eröffnet – und zugleich vorenthalten hat. Als ich vor mehr als zehn Jahren damit begann, mich mit der Geschichte meiner Familie schriftstellerisch zu befassen, war die Biographie meiner Mutter in den Hintergrund meiner Aufmerksamkeit gedrängt durch die eindrucksvoll-problematische Gestalt meines Großvaters und durch die ausgleichende, sozusagen historisch richtigstellende Familienrolle seines ältesten Sohns, meines Vaters (deren Geschichten anderswo erzählt worden sind). Inzwischen aber ist mir klargeworden, dass sich im Leben meiner Mutter – sozusagen unter der Hand – Vorausahnungen und Kristallisationskerne einer Zukunft jenseits der kommunistischen und faschistischen Weltrevolutionen des letzten Jahrhunderts verwirklicht haben, während wir Familienmänner auf unterschiedliche Weise in diese zerstörerischen Umwälzungen verwickelt gewesen sind. Und ich weiß, dass dieses lang nur Geträumte und Zukünftig-Potentielle jetzt, im einundzwanzigsten Jahrhundert, gesellschaftlich in den Vordergrund tritt.

Das letzte Jahrhundert war, wenn auch auf überwiegend pathologische Weise, männlich. Dagegen ist mir die Gegenwart des Jahres 2014, und eben nicht nur meine, inzwischen lesbar geworden als Entfaltung spezifisch weiblicher Lebens- und Denkmotive, die sich als autobiographische Spuren noch in den goldenen Notizbüchern vom Sterben meiner Mutter finden. In den letzten Echos ihrer Lebensmusik treten diese Zukunftsmotive sogar ganz besonders deutlich umrissen hervor: Kunst, Mode, Familie, Kinder, Innenarchitektur, der Körper, die Psyche, das Spazierengehen, Briefeschreiben, Tagebücher, das Wetter, die Landschaft, die Träume, die Bemühung um Weisheit und Lebensfreude, die Arbeit am eigenen Bild und dem der Welt. Statt der heroischen, öffentlichen und blutigen Männeranstrengungen des zwanzigsten Jahrhunderts, die Welt ein für alle Mal und unwiderruflich zu ändern (Anstrengungen, deren Scheitern im Jahr ihres Todes endgültig zutage trat), verwirklichte das Leben meiner Mutter einen privaten, »kleinen« Heroismus, dessen Spielregeln sie denen der Kunst abgeschaut hatte. Denn dieses Heldentum verwirklichte sich in kreativer Umdeutung der Welt und des eigenen Lebens. Es war ein Heroismus des Anders-Hinsehens, Lebenskunst. Ich habe in vielerlei Lagen bewundert und tröstlich gefunden, wie es meiner Mutter oft (und auch in denkbar schlechten Zeiten) gelang, die Realität und das schwer Erträgliche aus einem Blickwinkel zu betrachten, der dann auf einmal eine überraschende Möglichkeit freigab, sich trotz allem – und wenn auch vielleicht nur einen Moment lang – zu freuen. Plötzlich schönes Wetter. Gu fährt St. zum Bhf. Hall. Gedacht: ganz gleich, was kommt: die Zeit, wo ich noch normal leben kann, die will ich auch so nutzen u. nicht die Krankenrolle spielen. Nachm. bei F.s der Kleinen das Jäckle gebracht. Sie ist ganz wonnig. Dann kommt D. mit Erd- und Himbeeren aus dem Garten. Anruf von M.

Solche Lebenskunst ist abseits der »großen« (meist mehr oder weniger katastrophalen) Geschichte im privaten Alltag vieler Menschen seit unvordenklichen Zeiten geübt worden. Aber das historisch Neue des späten zwanzigsten und vollends des einundzwanzigsten Jahrhunderts schien mir beim Durchsehen der Hinterlassenschaften meiner Mutter darin zu bestehen, dass der Heroismus des Privatlebens heute öffentlich wirksam geworden ist. Er hat gesellschaftliche Relevanz gewonnen in den vielfältigen Geschichten der Selbstbefreiung und des Sich-Emanzipierens, deren Errungenschaften wir heute, im Zeitalter einer »Überwindung der Schwere« (Peter Sloterdijk), genießen können. Zumindest wir Bürgerinnen und Bürger der reichen, entwickelten, transatlantischen Gesellschaften genießen sie, die wir heute auf der ganzen Welt um Bundesgenossen werben und Beitrittsgebiete assoziieren. Besitz, Bildung, Kontakte, günstige Zufälle und Mut sind auch im freien Westen ungleich verteilt. Und doch haben sich die Glückschancen in unserem Teil der Welt für so viele Menschen so vielfältig vermehrt, dass es meiner Mutter noch um 1960 herum märchenhaft vorgekommen wäre, wenn sie in die Zukunft hätte sehen können.

Im letzten Jahrhundert hat Heldentum generationenlang darin bestanden, im Interesse zweier Chimären – der »Klasse« oder der »Rasse« – das Leben hinzugeben. Heute ist Heldentum, wenn überhaupt noch die Rede von ihm ist, ein Heroismus individueller Selbstverwirklichung und eines eigenen Lebens. Das Heldentum des einundzwanzigsten Jahrhunderts verwirklicht sich nicht in der Aufopferung für irgendeinen Endsieg, sondern in den kleinen Triumphen des Weiterlebens. Die »Überwindung der Schwere« ist ein alltägliches Geschäft. Und das in den reichen und freien Ländern inzwischen angebrochene Zeitalter des Genderfeminismus, der Psychoanalyse, der Schwulenbewegung, der Toleranz, der Selbstverwirklichung, der cosmetic surgery als Massenphänomen, der creative industries, der ökologisch korrekten Ernährung, der selbstgebastelten Religion (oder vielmehr »Spiritualität«), der political correctness, der allgegenwärtigen Kunst und der emphatischen Anerkennung alles Fremden – das Zeitalter des Lebenskonstruktivismus – hat seinen Ursprung in den vergessenen Kontinenten des Privatlebens. Im Haus, im Alltag, in der Familie. Weswegen das einundzwanzigste Jahrhundert, wie mir im Fortgang meiner Mutterforschungen mehr als einmal vorgekommen ist, im Privaten (das dann in bestimmten geschichtlichen Augenblicken offenbar tatsächlich politisch wird) am genauesten studiert werden kann.

Als ich klein war, in den fünfziger Jahren, gab es in Spielzeugläden und Schreibwarengeschäften sogenannte »Wundermuscheln« zu kaufen, die mich sehr faszinierten und die auch meine Mutter liebte. Im Innern einer großen Muschel, die mit einem Papierstreifen verschlossen wurde, waren an einem Faden Blumen aus Seidenpapier befestigt, die sich, wenn man die Wundermuschel am Abend in ein Glas Wasser legte, bis zum Morgen (tatsächlich wie durch einen Zauber) entfalteten und dann als kleiner Strauß für einen Tag oder zwei im klaren Wasser standen. Vielleicht könnte man sagen, dass die Hoffnungen, Träume und Talente ganzer Frauengenerationen in den demokratischen Gesellschaften der Jetztzeit so entfaltet worden sind, wie die unscheinbaren Papierschnitzel im Innern jener Kindheitswundermuscheln sich entrollten, in die Höhe stiegen und scheinhaft aufblühten. Ich glaubte angesichts der Papiere meiner Mutter zu verstehen, welches Erbe wir alle aus dem letzten Jahrhundert in unser heutiges und künftiges Leben mitgenommen haben und mitnehmen dürfen. Lang mit mein Stephan telefoniert. Er sagt, er würde mir so viel verdanken an Anregungen, Schöpferischem u. Märchenwelten. Man müßte das mal sagen. Sehr gefreut.