Die blaue Stunde - William Boyd - E-Book
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Die blaue Stunde E-Book

William Boyd

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Beschreibung

Los Angeles, 1936. "Bitte setzen Sie sich mit mir in Verbindung. Es gibt so viel zu erzählen", steht in dem Brief, den die ehrgeizige junge Architektin Kay eines Tages auf ihrer Türschwelle findet. Geschrieben hat ihn ein gewisser Dr. Carriscant, der behauptet, ihr Vater zu sein, und ihr eine ganz und gar unglaubliche Geschichte erzählt, die sich 1902 in Manila zugetragen haben soll. Hat er tatsächlich sechzehn Jahre in philippinischen Gefängnissen verbracht, für einen Mord, den er nicht begangen hat? Für eine Frau, die die Liebe seines Lebens war? Carriscant überredet Kay, mit ihm nach Lissabon zu reisen, wo sich der Schlüssel zu allem befinden soll. Auf der langen Schiffsreise, während der sich Vater und Tochter näherkommen, erzählt er ihr, welch betörende Leidenschaft und böses Schicksal ihn heimsuchte. Und welches Geheimnis sich hinter Kays Geburt verbirgt.

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William Boyd

Die blaue Stunde

Roman

Aus dem Englischen von Matthias Müller

Kampa

für Susan

Er wischte den Donner fort, dann die Wolken,

Dann die kolossale Illusion des Himmels. Und doch

War das Firmament blau. Er wollte Luft, die nicht

wahrnehmbar war.

Er wollte sehen. Das Auge sollte sehen

Und nicht berührt werden vom Blau …

 

… Hätte er es sich besser vorstellen können:

Er säße auf einem Sofa auf einem Balkon

Über dem Mittelmeer, smaragd

Sich in Smaragde verwandelnd. Er sähe zu, wie die Palmen

Mit ihren grünen Ohren in der Hitze flattern. Er würde

Ein Glas goldenen Weins beobachten und eines Dampfers Spur

Und sagen: »Was ich summe, scheint

Der Rhythmus dieser himmlischen Pantomime zu sein.«

 

Wallace Stevens, Landscape with Boat

Prolog

Ich erinnere mich an diesen Nachmittag, noch am Anfang unserer Reise – wir saßen auf Deck in der milden Sonne des mittleren Atlantiks, der Tag war dunstig, der Himmel hing blassblau über den Schiffsschornsteinen –, als ich meinen Vater fragte, was es für ein Gefühl sei, ein Messer in die Hand zu nehmen und in lebendes menschliches Fleisch zu schneiden. Er wurde ernst und dachte eine Weile nach, bevor er antwortete.

»Das kommt darauf an, wo man schneidet«, sagte er. »Manchmal ist es so, als würde man mit einem Messer durch Lehm oder Modellierwachs schneiden. An manchen Tagen meint man, man würde in einen kalten Pudding schneiden, oder … in ein kaltes, rohes Hühnchen.«

Er sann noch eine Weile nach, griff dann in seine Jackentasche und zog ein Skalpell heraus. Er entfernte das kleine Lederetui, das die Klinge schützte, und reichte mir das schmale Messer.

»Hier. Sieh selbst.«

Ich nahm das Skalpell. Es war klein wie ein Federhalter, aber viel schwerer, als ich es mir vorgestellt hatte. Er betrachtete die Überreste unseres Mittagessens auf dem Tisch: ein Stück Käse mit dicker gelber Rinde, eine Schale Obst, vier Äpfel und eine grüne Melone, ein paar Brötchen.

»Mach die Augen zu«, sagte er. »Ich hab was für dich, das dir dieses Gefühl haargenau vermitteln kann.«

Ich schloss die Augen und nahm das Skalpell fest zwischen Daumen, Zeige- und Mittelfinger. Ich spürte seine Hand auf meiner, den sanften Druck seiner Finger. Dann hob er meine Hand, und ich fühlte, wie er sie nach vorn lenkte, bis die Klinge auf eine Oberfläche traf, die fest, aber gleichzeitig elastisch war.

»Mach einen Schnitt«, sagte er. »Einen kleinen Schnitt. Du musst drücken.«

Ich drückte. Was immer es sein mochte, in das ich schnitt, es gab leicht nach, und ich vollführte einen Schnitt von ein paar Zentimetern oder so, ruhig und ohne Hast.

»Lass die Augen zu … Wie hat es sich angefühlt?«

Ich überlegte ein paar Sekunden, bevor ich antwortete. Meine Beschreibung sollte treffend und genau sein.

»Es hat sich angefühlt wie … wie kalte Butter, aus dem Kühlschrank. Oder wie ein Lendensteak, wie wenn man ein zartes Steak durchschneidet.«

»Siehst du?«, sagte er. »Da ist nichts Mysteriöses dran, nichts, wovor man erschrecken müsste.«

Ich öffnete die Augen und sah sein breites, kantiges Gesicht, das mich anlächelte, fast triumphierend, als habe er bei irgendeinem Disput recht behalten. Er hielt mir seinen entblößten linken Unterarm hin. Die Ärmel seines Jacketts und seines Hemds waren bis zum Ellbogen zurückgeschoben. Auf der Muskelwölbung, gut fünfzehn Zentimeter oberhalb seines Handgelenks, war ein dünner, fünf Zentimeter langer Schnitt, aus dem hellrote Blutstropfen hervorquollen.

»Siehst du«, sagte er. »Es ist ganz leicht. Ein wunderschöner Schnitt. Gerade, mit gleichmäßigem Druck, und das bei geschlossenen Augen.«

Im gleichen Moment verwandelte sich der Ausdruck auf seinem Gesicht in eine Art Trauer, die mit Stolz vermischt war.

»Weißt du«, sagte er, »aus dir wäre eine erstklassige Chirurgin geworden.«

Los Angeles, 1936

1

Ich bog vom Sunset Boulevard ab und fuhr den Micheltoreno hinauf zur Baustelle. Der Himmel war bewölkt, und ein böiger und penetranter Wind zerrte an den Blättern der kleinen Palmen, die der Bauunternehmer am Straßenrand angepflanzt hatte. Als ich am Bordstein vor der Nummer 2265 hielt, sah ich den alten Mann. Es war das erste Mal, dass er mir so richtig auffiel, aber gleichzeitig erinnerte ich mich aus irgendeinem Grund sogleich, dass ich ihn am Bauplatz hatte herumlungern sehen. Als er merkte, dass ich zu ihm hinüberstarrte, sah er erst auf seine Hände und dann – höchst eigenartig – auf seine Schuhsohlen, als sei er in einen Hundehaufen oder auf ein ausgespucktes Kaugummi getreten. Als er nichts entdecken konnte, drehte er sich um und marschierte eilig davon.

Ich schenkte dem nicht viel Beachtung. Er sah verlottert und unsicher aus, vielleicht jemand, der Arbeit suchte. Vielleicht war ihm auch nicht klar, dass ich die Architektin war. Das passierte ständig. Ich vergaß den Vorfall wieder, als ich meine Schuhe aus- und ein Paar Gummistiefel anzog. Das Haus war an einen Hang gebaut, und durch die Regenfälle der vergangenen Woche waren die nackte Erde und der Lehm um das Haus herum feucht und rutschig.

Dieses kleine, fast vollendete Haus auf dem steilen Grundstück war meine Zukunft, und welchen Ärger es mir in Zukunft auch noch bringen mochte, jedes Mal, wenn ich es sah, verspürte ich immer noch einen kleinen Schauer von … von was? Von Liebe, nehme ich an, oder etwas Ähnlichem. Ich hatte dieses Haus erträumt, hatte es entworfen, leitete den Bau, und am Zaun hing der augenfällige Beweis dieser Tatsache – mein Schild. K.L. Fischer, Architektin. Die kleine blaue Tafel war allerdings ein bisschen verschandelt, weil der Name meines Expartners nicht gerade elegant entfernt worden war – nie mehr Eric Meyersen –, ein schlichter Strich mit schwarzer Farbe, und weg war er. Ich wünschte mir, ich könnte die Erinnerung an unsere Partnerschaft ebenso leicht entfernen: Meyersen und Fischer, fünf Jahre Lügen und Intrigen, Betrügereien und miese Tricks. Mein einziger Trost war, dass ich wusste, dass er eines Tages bekäme, was er verdiente.

Ich trat über die Schwelle in die dunkle Diele. Von oben kam das Geräusch von Hämmern und Sägen und der fröhliche Tenor von Larry Rugola, dem Vorarbeiter, der If you was the only girl in the world trällerte. Ich ging langsam zu den unteren Zimmern. Das Haus war klein, sein Grundriss war durch die Form des Grundstücks diktiert worden, und es hatte zwei Stockwerke. Der zweite Stock bestand aus zwei Schlafzimmern, einem Badezimmer, einer breiten Veranda und der erste aus einem großen Wohnzimmer, mit Esszimmer, Küche und Hofgarten. Die Fassade zur Straße hin bestand aus einer Reihe von cremefarbenen gestaffelten Wänden, flache Rechtecke aus gestrichenem Beton, so angeordnet, dass Lücken blieben – aus Glas, aus Raum – oder sie sich leicht überlagerten, was aussah, als ob das Haus zurückwiche. Die strenge Geometrie dieser Komposition wurde durch die zwei Kiefern am Straßenrand, die ich hatte stehen lassen, betont und kontrapunktiert. Die Gegenüberstellung von sehnigen, knotigen Kiefernstämmen und glattem, sonnenüberflutetem Beton mit klaren, harten Schatten funktionierte außergewöhnlich gut. Die Talfassade war reiner Internationaler Stil: senkrechte Glasfronten mit harten Horizontalen und vereinzelten vertikalen Gipspaneelen. Die durch die Veranda gebildete Lücke sah aus, als sei ein gesamtes Segment des Gebäudes wie von Riesenhand entfernt worden, aber ihre räumliche Einheit, die durch die Eichenbalken des Spaliers gebildet wurde, blieb erhalten.

Im Innern war alles schlicht gehalten. Niedrige Decken, Schränke, Wandschränke und Täfelung aus Teakholz, die Wände entweder aus Glas – mit herrlicher Aussicht – oder aus glattem gelbbraunen Putz. Die Böden waren aus blassem buttergelben Eichenholz, und dort, wo ich dachte, ein weicheres Material würde die strengen Flächen ausbalancieren, hatte ich grob gewebten Teppichboden ausgelegt. All das wurde natürlich vor meinem geistigen Auge lebendig, während ich zwischen den Holzstapeln, blonden Holzspänen und herumliegendem Werkzeug stand, die Wände waren noch ungestrichen, Elektrokabel baumelten aus zukünftigen Steckdosen. Wir waren noch nicht ganz fertig.

»Ah, Mrs. Fischer.« Larry kam die Treppe heruntergepoltert, in der Hand einen Zimmermannshammer, den er kreisen ließ wie ein Straßenräuber seinen Revolver. »Wir haben die Paneele immer noch nicht. Die von der Holzfirma haben gesagt …« Er grinste mich scheu, aber wissend an. »Sie haben gesagt, eine Bestellung von der Größenordnung könne nur gegen eine Baranzahlung erfolgen.«

»Aber wir haben bei denen doch ein Kreditkonto, verdammt noch mal!«

»Das hab ich denen auch gesagt. Aber der Typ hat gemeint, das Konto lautet auf Meyersen und Fischer. Von K.L. Fischer wüsste er nichts.«

Ich drehte mich abrupt um und ging zur verglasten Fensterfront. Ich betrachtete das Panorama: Silver Lake war der Phantasiename, den man dem Gebiet um den künstlichen See gegeben hatte, der im Einschnitt zwischen zwei Gebirgsketten lag, nördlich der Innenstadt und östlich von Hollywood. Zwischen Pfefferbäumen und Eichen schlängelten sich schmale Schotterstraßen an den Hängen entlang. Der Micheltoreno war eine der Längsten, er begann am Sunset Boulevard und führte kurvenreich bergauf, bergab bis hin zum See. Von da oben konnte man nach Osten wie nach Westen blicken, und hier an den Steilhängen bot sich ein eindrucksvoller Ausblick auf die weitläufige Stadt, an manchen Stellen bis zum Ozean, dessen fischschuppiges Glitzern eine schimmernde Linie am Horizont bildete. Ich konzentrierte mich ganz auf das, was ich sah, registrierte das Gleißen der Sonne auf den Dächern der Autos, die den Sunset Boulevard entlangfuhren, sah einen kleinen Mann, der eine große mexikanische Decke auf die Leine hängte, eine Frau in einem kobaltblauen Bikini, die sich auf einem mit Teerpappe gedeckten Dach sonnte. Ich legte meine Fingerkuppen auf das warme Glas und spürte, wie die winzigen Schallvibrationen der Stadt durch die transparente Wand hindurchbebten. Die Frau auf dem Dach rieb sich den Bauch mit etwas ein, das wie Oleo-Margarine aussah. Als ich mich wieder beruhigt hatte, sagte ich Larry, dass ich selbst zur Holzhandlung fahren würde, um die Sache zu klären.

»Ach ja – dieser alte Knacker war schon wieder hier und hat nach Ihnen gefragt. Glaub jedenfalls, dass Sie gemeint waren.«

»Wie, welcher alte Knacker?«

»Er war gerade eben hier. Er hat mich gefragt, ob Sie … lassen Sie mich überlegen … ob Sie Carriscant heißen. Ja, Carriscant, glaube ich. Ob Sie Miss Carriscant sind.«

»Carriscant?«

»Ich hab ihm gesagt, er müsse sich irren. Es gebe eine Miss Fischer, aber keine Miss Soundso. Und die habe auch immer Fischer geheißen, soviel ich …« Er hielt inne und spähte – für Larrys Verhältnisse – wirklich besorgt in mein angespanntes Gesicht.

»Ich hoffe, ich hab nicht – ich meine –«

»Nein. Komisch, ich hab nur gerade … Nein, alles in Ordnung. Kein Problem.«

2

Ich heiße Kay Fischer. Ich heiße Kay Fischer, und zu dem Zeitpunkt, wo diese Geschichte beginnt, war ich zweiunddreißig Jahre alt, geschieden und von Beruf Architektin. Ich war einsachtundsechzig groß (das bin ich noch immer), brünett und hatte hellbraune Augen. Ich besaß ein hübsches rundes Gesicht und einen scharfen Verstand. Wie die meisten Leute, die wissen, dass sie intelligenter sind als die große Mehrheit der Mitmenschen, denen sie im Laufe ihres Lebens begegnen, veranlasste mich meine Intelligenz manchmal, ein wenig grausam zu sein. In jener Zeit rauchte ich zu viel, und ich trank und aß auch zu viel, vermutlich, weil ich damals öfter traurig als glücklich war, mit dem Ergebnis, dass meine ehemals schlanke Figur mollig geworden war. Aber das war mir egal, ja wirklich, das war mir egal.

 

Ich kam von der Holzfirma zurück, wo ich, nach jahrelanger uneingeschränkter Kreditwürdigkeit, zweihundert Dollar in bar einzahlen musste, um ein neues Konto zu eröffnen. Angestellte, mit denen ich seit Beginn meiner beruflichen Tätigkeit zu tun gehabt hatte, zitierten jetzt in bedauerndem Ton Vorschriften und Bestimmungen und verwiesen mich an den jungen Geschäftsführer in seinem gläsernen Büro. »Sie sehen das falsch«, sagte ich dieser blinzelnden grauen Person. »Meyersen ist derjenige, der pleite ist. Jedenfalls wird er es sein, wenn ich mit ihm fertig bin.« Der Mut der Verzweiflung ließ meine Stimme dröhnen. Vorschriften seien eben Vorschriften, erwiderte der Geschäftsführer und wich geschickt meinem Blick aus. Schließlich legte ich kleinlaut das Geld auf den Tisch.

Ich bewohnte ein kleines Apartment in einer Seitenstraße der Laurel Avenue in West Hollywood in einem Apartmentblock, den man unter Berufung auf die kolonialspanischen Zeiten schamloserweise ›Escorial Apartments‹ genannt hatte. Zu Hause angekommen, machte ich mir eine Kanne starken, sämigen Kaffee und grübelte wieder über Verrat und Eric Meyersen nach. Das Taylor-Haus in Pasadena, die Einkaufspassage in Burbank … Drei Jahre Arbeit, drei Jahre meiner Arbeit gehörten jetzt Meyersen und seiner schicken neuen Firma. In plötzlicher unbändiger Wut rief ich meinen Anwalt George Fugal an, aber sein Telefondienst ließ mir ausrichten, er sei übers Wochenende nicht in der Stadt. Trotzdem schmeckte der brühheiße, aromatische Kaffee ausgezeichnet. Ich rauchte drei Picayunes hintereinander, um auf hundertachtzig zu bleiben, und lief rachsüchtig in meinem Zimmer auf und ab.

Viel hatte ich nicht gegen die derbe Funktionalität des Escorial ausrichten können. Ich hatte meinen Möbelbedarf auf ein Minimum reduziert und den unebenen Verputz der Innenwände glätten und weiß streichen lassen. Zwischen zwei Breuer-Sesseln aus Leder und Chrom stand ein niedriger Glastisch auf einem blau-gelben Teppich von Gertrud Arndt. Das einzige weitere Möbelstück im Raum war mein Zeichentisch. An den Wänden hingen keine Bilder, und meine Bücher hatte ich im Schlafzimmer. Ich fand, ich hatte damit das Höchstmaß an Kargheit und Wohnlichkeit erreicht, das in einem Apartmentblock in Los Angeles zu verwirklichen war. Meine Losung stammte von Hannes Meyer: Nur das Nötigste, kein Luxus.

Die Escorial Apartments wurden 1963 von einem Grundstücksmakler abgerissen, und an ihre Stelle hatte man drei hässliche neue Häuser gesetzt. Als ich dort wohnte, umsäumten die edleren Apartments – meins gehörte nicht dazu – einen kleinen aquamarinblauen Swimmingpool. Wenn ich mich aus meinem Küchenfenster lehnte und um die Ecke schaute (was ich immer tat, wenn ich meine Kaffeekanne ausspülte), konnte ich gerade noch das hell leuchtende Dreieck seines flachen Endes erkennen. Die Nachmittagssonne erleuchtete die Ziegeldächer und den mandarinenfarbenen Putz der Bungalowwände und schickte Kaskaden von Lichtreflexen über die gläsernen Sichtblenden der Balkone. Ich hörte das Platschen von Wasser und das fröhliche, kehlige Lachen einer jungen Frau, und ich hatte plötzlich das dringende Bedürfnis, ebenfalls zu schwimmen, in das chlorgetränkte Blau einzutauchen, um mich von Meyersen und den kleinen bei der Holzfirma erlittenen Kränkungen zu reinigen. In meinem Schlafzimmer wählte ich einen Badeanzug aus und stieg aus meinem Kleid, aber als ich dann im Spiegel auf dem Kosmetiktisch meinen Hintern und meine Oberschenkel sah, entschied ich mich, doch lieber zu arbeiten. Die Vorstellung, mich vor den Bewohnern des Escorial zu entkleiden, war mir einfach zu peinlich.

Also setzte ich mich an mein Reißbrett, justierte die Arbeitsleuchte und rollte die Pläne für die Innengestaltung von Micheltoreno 2265 auf. Mein Credo als Architektin war denkbar einfach: Welchen Raum benötigte ich oder mein Kunde, und wie sollte er gestaltet werden? Die große Befreiung durch die neuen Materialien des zwanzigsten Jahrhunderts hatte die architektonischen Prioritäten verlagert: Der Raum ist wichtiger als das, was den Raum umschließt. Andere haben es beredter ausgedrückt als ich, aber für mich waren Fassaden aus Gips, Glasziegel und Stahlbeton, Bakelit und Chrom, Sperrholz und Aluminium ein Segen, solange sie dem Raum dienten, den sie umschließen sollten. Mein zweites Kriterium hieß Schlichtheit. Das Ziel war, den Raum zu gestalten und nur ein Minimum für dessen Konstruktion aufzuwenden. Das Haus am Micheltoreno war, wenn man so wollte, als ein Ensemble von Luftblöcken gedacht. Einige dieser Blöcke befanden sich zwischen Gipswänden, einige waren transparent durch Glaswände eingefasst, andere durch Balken, Holzlatten und Balkonträger, und andere durch die organischen Formen der Bäume, die ich hatte stehen lassen, als das Gelände vorbereitet wurde.

Mein aktuelles Dilemma war, dass ich einen Einbauschrank im Schlafzimmer brauchte, was bedeutete, den Raum zu verkleinern. Zugegeben, es gibt ernstere Probleme in der Welt, aber wenn ich mich für den Einbauschrank entschied, würde das Schlafzimmer nicht mehr exakt dieselbe Quadratmetergröße besitzen wie die Veranda, die sich draußen anschloss, der Raum, den ich entworfen hatte, und die Harmonie, die mir vorschwebte, würden gestört sein. Ich spielte eine Weile in Gedanken mit den Dimensionen und machte einige Skizzen, bis sich schließlich eine Lösung ergab. Bau den Schrank ein, und lass ihn auf der Veranda dann eine Entsprechung durch zwei Holzpfeiler haben, zwei exzentrische ›Stützen‹ für ein Spalier, das als Sonnenblende fungiert. Ihre Funktion wäre nur symbolisch, aber die Symmetrie bliebe erhalten, und die Veranda würde eine räumliche Wiederholung des angrenzenden Schlafzimmers bilden. So weit, so gut. Jetzt fragte ich mich, was ein Bett meinen leeren Luftblöcken antun würde …

Der Portier rief vom Empfang aus an.

»Hier ist ein Herr für Sie, Mrs. Fischer.«

Ich sah auf meine Uhr: Philip Brockway, mein Exmann, war früh dran. Ich wusste, dass er von mir Geld leihen wollte. Ich hatte es ihm unterstellt, als er anrief, und er hatte es so heftig abgestritten, dass ich wusste, richtig gelegen zu haben. Er wolle mich nur besuchen, sagte er, und hatte noch irgendein lahmes Gewäsch von wegen »alten Zeiten« hinzugefügt.

Dennoch schlenderte ich den Weg entlang zum Empfang, ohne allzu hart mit Philip ins Gericht zu gehen. Er war so hübsch, mit seinem attraktiven, weichlichen Gesicht, seiner Klein-Mädchen-Nase und seinem dichten hellbraunen Haar. Ich würde eine Weile mit ihm spielen, ihn dazu bringen, mich auf einen Cocktail einzuladen, bevor ich schließlich nachgab und ihn dann dafür bezahlte, dass er mich wieder allein ließ.

Ich stieß die Schwingtüren zum Foyer auf und sah den Mann von der Baustelle, der nach Miss Carriscant gefragt hatte. Er war alt, grauhaarig, breitschultrig und untersetzt, und, wie beim letzten Mal, in Schwarz gekleidet. Er hielt seinen Homburg vor sich wie ein Lenkrad umklammert und kam drei Schritte auf mich zu, wobei er mich durchdringend anstarrte, als suche er nach einem Anzeichen von Wiedererkennen. Seine eigene offenkundige Unsicherheit machte es mir leicht.

»Was wollen Sie?«, fragte ich. »Warum sind Sie …«

»Miss Carriscant?«

»Nein. Nein, ich bin nicht Miss Carriscant.«

Er streckte die Hand aus und berührte meinen nackten Arm, flüchtig, als wolle er sich vergewissern. Seine Finger fühlten sich trocken und schwielig an.

Ich rief den Portier. »Peter, dieser Herr möchte gehen.«

»Sie sind Kay Carriscant.«

»Ich bin Kay Fischer. Sie gehen mir mit Ihrer penetranten Art, auf Ihrem Irrtum zu beharren, reichlich auf die Nerven, Mr. …«

»Schon gut, schon gut. Sie waren einmal Kay Carriscant. Sie wurden am Nachmittag des 9. Januar geboren. Ich bin nämlich …«

»Würden Sie mich jetzt bitte in Ruhe lassen, Mr. Wie-auch-immer-Sie-heißen? Allmählich wird mir dieser Unsinn zu …«

»Ich heiße Carriscant. Salvador Carriscant. Wissen Sie, wer ich bin?«

»Natürlich nicht.«

Durch die scharfe Ablehnung in meiner Stimme, ihre eindeutige Gereiztheit veränderte sich sein Blick. Ein Schatten von Traurigkeit trat in seine Augen, und für einen Augenblick wurde ein tiefer Schmerz sichtbar. Aus irgendeinem Grund besänftigte mich das, und er tat mir leid wegen seiner hoffnungslosen Suche nach Miss Carriscant.

»Was wollen Sie?«, sagte ich, wieder freundlicher. »Wer sind Sie?«

Sein Gesicht schien sich zu straffen und nach unten zu ziehen, als hätte er Schmerzen im Bauch. Er schloss kurz die Augen und schürzte die Lippen. Er seufzte.

»Ich bin Ihr Vater«, sagte er.

3

Philip nahm die fünf Zehndollarscheine, die ich ihm gab, so beiläufig an, als handele es sich um Zigaretten. Er versuchte, nicht zu lächeln, und faltete sie in seine Brieftasche aus Kalbsleder.

»Danke, Kay. Ich stehe tief in deiner Schuld.«

»Das stimmt. Wir sind bei zweihundert, und es geht weiter …«

»Na ja, ist ja doch nur Geld.«

»Nur mein Geld«, sagte ich lachend. Philip war heute Abend richtig süß, auf seine unverwechselbare Art, und ich genoss es. Wir saßen in einer Piano-Bar namens Mo-Jo’s in der Innenstadt, Ecke Broadway/Third Avenue, ein Schuppen, den Philip gut kannte und wo er Kredit hatte. Es war ein eigenartiger Laden, eine seltsame Mischung aus polynesischer Idylle und einem Fischerdorf auf Nantucket. Im Foyer musste man durch einen Perlenvorhang und ging anschließend auf einer Holzbrücke über einen kleinen Bach. Dann stand man in einem schwach beleuchteten Raum vor der Bar, die mit Signalfähnchen und Fischernetzen mit Korkschwimmern geschmückt war. Die Barkeeper trugen gestreifte Westen und dazu rote Halstücher. Üppige Haine aus Topfpalmen schirmten intime Nischen ab, die aus Holzkisten und Treibholz gestaltet waren. Geschnitzte und von hinten angestrahlte Wasserspeier dienten als Wandleuchter und warfen ein diffuses, rötlichgelbes Licht auf ein großes, mit Bambus eingerahmtes Wandgemälde eines aufgetakelten Segelschiffs, das vor einem eisigen Wind segelte. Es war die Antithese all dessen, woran ich als Architektin glaubte, und ich konnte nur darüber lachen. Philip und ich dachten uns aus, was Mo-Jo wohl seinem Designer gesagt haben mochte. »So im Stil: Moby Dick trifft auf Paul Gauguin, verstehst du?« »Irgendwie heiß und dampfend, aber gleichzeitig nüchtern und schlicht.« »Nathaniel Hawthornes feuchter Traum.« Auf jedem Tisch stand eine vergoldete Klingel, mit der man eine der angebräunten Cocktail-Kellnerinnen – rückenfreies Top mit Nackenband über Bambusröcken, Blumen hinterm Ohr – rufen konnte, die sonst hinter der Bar saßen und mit Matrosen zankten. Als Philip hinüberlangte, um auf die Klingel zu drücken, berührte er wie zufällig meine Brüste.

»Du hast dich verändert, Kay. Irgendwie … sind sie größer geworden. Gefällt mir. Äh, sie stehen dir gut.«

»Soll das ein Kompliment sein?«

»Okay. Wie wär’s damit: Kann ich heute Nacht mit zu dir?«

»Und was würde die kleine Miss Platinblond dazu sagen?«

»Das ist nicht fair. Das ist schon längst vorbei. Das weißt du ganz genau.«

»Nein.«

»Bitte …«

»Nein. Philip. Nein.« Überdruss schlich sich in meinen Tonfall, die Erinnerung an alte Streitereien. Und er wusste, dass er besser daran tat, nicht weiter zu bohren.

Er stand auf. »Ich muss aufs Klo. Ich nehm noch mal dasselbe.«

Ich sah zu, wie er leichtfüßig zwischen den Tischen hindurchspazierte. Sein großer, schmaler Körper schlängelte sich zwischen Kellnerinnen und Gästen hindurch, mal die linke, mal die rechte Schulter vorschiebend, als tanze er. Wie dieser schottische Tanz, der eine Acht beschreibt. Wieso erinnerte es mich an einen schottischen Tanz? Ich lächelte, als ich mir Philips bleichen Körper vorstellte, fast unbehaart, und seine schlanken Fesseln, die Achillessehne gespannt und sichtbar wie bei einem Mannequin. Er war ein tüchtiger, aber egoistischer Liebhaber, den Kopf immer in der Beuge zwischen meinem Hals und meiner Schulter begraben, ohne auch nur einmal aufzublicken, mich anzugucken oder mir in die Augen zu sehen, bis zum Schluss.

Ich bestellte uns beiden noch einen Drink und dachte an diesen Mann, Salvador Carriscant, der behauptete, mein Vater zu sein.

Als Carriscant seine abwegige Behauptung aufgestellt hatte, erwiderte ich ihm sofort, dass mein Vater tot sei, aber das verwirrte ihn kein bisschen, sondern er packte meinen Unterarm nur noch fester und sagte leise und eindringlich: »Dein Vater steht hier jetzt vor dir. Lebendig und atmend. Ich weiß, dass ich dir Unrecht getan habe, aber jetzt brauche ich deine Vergebung. Deine Vergebung und deine Hilfe.«

Ich rief abermals nach Peter und riss meinen Arm aus Carriscants Klammergriff.

Peter tauchte schnell hinter ihm auf, packte seine Ellbogen und presste sie zusammen. »Okay, Bruder. Raus.«

»Lassen Sie mich los«, sagte Carriscant, und seine Stimme bebte plötzlich vor Zorn. »Rühren Sie mich nicht an. Ich warne Sie.«

Die besondere Nachdrücklichkeit in Carriscants Stimme veranlasste Peter zu gehorchen. Carriscant ging rückwärts durch die schmiedeeisernen Eingangstore des Escorial, hielt aber immer noch seinen hartnäckigen, flehenden Blick auf mich gerichtet.

»Wir müssen uns nur unterhalten, Kay«, sagte er. »Dann wird sich alles klären.« Das Wort »klären« sprach er affektiert aus, wie ein Engländer. Und zum ersten Mal fiel mir auf, dass er einen Akzent hatte. Irgendwie englisch, aber doch schwer zu orten, und durch diese leicht formelle Perfektion gekennzeichnet, die sich bei zweisprachig aufgewachsenen Menschen feststellen lässt. »Bitte, Kay, mehr verlange ich nicht.« Seine Kiefermuskeln spannten sich, und sein breites, kantiges Gesicht schien zu erröten, als bringe die Anstrengung, sich mir zu erklären, ihn beinahe zum Platzen. Dann wandte er sich um und schritt, erstaunlich schwungvoll für einen alten Mann, davon, den Asphaltweg entlang und über die Straße.

Philip und unsere neuen Drinks trafen gleichzeitig ein. Er ging in die Knie und rutschte am Geländer entlang, bis sich unsre Oberschenkel berührten.

»Ich bin morgen bei einer Lunchparty am Strand eingeladen. Bei Lisa van Baker. Hast du Lust mitzukommen?«

»Geht leider nicht.«

»Aber es werden Filmstars anwesend sein«, sagte er, die Hände gespreizt und die Augenbrauen hochgezogen in gespieltem Entsetzen über meine Gleichgültigkeit.

»Ich kann Filmstars nicht ausstehen.«

»Na schön, und was für eine Attraktion kannst du mir als Alternative anbieten?«

»Ein Essen bei mir.«

4

Ich sah zu, wie meine Mutter geschälte und entkernte Apfel in eine Blechschüssel schnitt. Die scharfe, abgewetzte Klinge teilte das blassgelbe Fruchtfleisch mühelos in dünne Scheiben, mit einem rutschenden, knirschenden Geräusch, wie vorsichtige Schritte auf verharschtem Schnee. Meine Mutter nahm es beim Scheibenschneiden sehr genau, alle Scheiben mussten exakt gleich sein, sie war ganz und gar bei der Sache. Sie war eine kleine Frau, schüchtern und bescheiden. Solange ich zurückdenken kann, trug sie ihr Haar immer auf dieselbe Weise – aus dem Gesicht gekämmt und zu einer Haarkrone hochgesteckt. Sie hatte keine bemerkenswerten Gesichtszüge. Erst wenn sie ihre Brille aufsetzte, bekam ihr Gesicht etwas Charakteristisches.

Sie lebte mit meinem Stiefvater Rudolf Fischer in einem kleinen Haus in Long Beach. Es war ein alter kanariengelber Bungalow aus Holz mit Schindeldach und einer später angebauten Garage für zwei Autos, die einen großen Teil dessen einnahm, was früher einmal eine ungleichmäßige Rasenfläche gewesen war. Eine Zypressenhecke trennte die Garage von einem flamingorosa gestrichenen Haus gleicher Bauart. Hier war ich aufgewachsen, aber nicht geboren. Mein Geburtsort war in der ehemaligen deutschen Kolonie auf Neuguinea. Es kam mir immer wieder wie einer der grausameren Widersprüche meines Lebens vor: geboren auf Neuguinea, aber aufgewachsen in Long Beach. An meinen leiblichen Vater hatte ich nicht die geringste Erinnerung. Rudolf – Pappi, wie meine Mutter und ich ihn nannten – war immer Teil meines Lebens gewesen, mit seinem grobschlächtigen rötlichen Gesicht, seiner Glatze, eingerahmt von den schütteren Haaren, und der eigentümlichen Warze unter dem rechten Mundwinkel, hart und glänzend wie ein abgelutschtes Bonbon, das dort kleben geblieben war. »Wie Oliver Cromwell«, pflegte er zu sagen, »gibt’s mich nur mit Warze.« Er war ein grobknochiger, freundlicher Mann, hinter dessen Liebenswürdigkeit sich ein schwacher Charakter verbarg. Das eigentliche Kraftzentrum im Haus war meine adrette, zurückhaltende Mutter, auch wenn Pappis polterndes Wesen das Gegenteil nahezulegen schien. Nur in der Familie wusste man Bescheid.

Pappi war Amerikaner, in zweiter Generation, Sohn westfälischer Einwanderer, die ganz bewusst aufgehört hatten, deutsch zu sprechen, kaum, dass sie die ersten englischen Sätze zu Stande bringen konnten. Um sich anzupassen, sorgten sie dafür, dass ihre Kinder einsprachig amerikanisch aufwuchsen. Meine Mutter hatte aufgehört, deutsch zu sprechen, als sie ihn heiratete, und sie behauptete von sich, dass sie inzwischen sogar auf englisch träume. Aber ich hörte sie immer noch, wenn sie sich unbeobachtet fühlte, ihre Lieblingslieder singen: An die ferne Geliebte und Es war, als hätt’ der Himmel.

Ich blickte über meine Schulter ins Wohnzimmer. Pappi saß in einem Sessel und hörte Radio, mit offenem Mund, lachbereit. Meine Mutter verteilte die Apfelscheiben sorgfältig auf einem flachen Kuchenboden.

»Erzähl mir von Vater«, sagte ich.

»Pappi? Oh, sein Bein ist immer noch wund. Ich habe ihm gesagt …«

»Nein, ich meine, von meinem wirklichen Vater.«

Sie spülte sich nachdenklich die Hände unter laufendem Wasser ab und sah mich dann mit einem ihrer durchdringenden Blicke aufmerksam an. Es war in Augenblicken wie diesem – wenn ich sie überraschte –, dass ich ihre Härte erkannte und wusste, woher ich meine hatte.

»Hugh.« Sie sprach seinen Namen leise aus, schien ihn zu kosten wie eine unbekannte Frucht, ein exotisches Dessert. »Was soll ich sagen? Es ist schon so lange her.«

Hugh Paget, mein Vater, ein englischer Missionar und Lehrer, war meiner Mutter, Annaliese Leys, einer Lehrerin, 1903 in Deutsch-Neuguinea begegnet und hatte sie geheiratet. 1904 wurde ich geboren, und zwei Monate später war Hugh Paget schon tot, in einem Feuer zu Asche verbrannt. Zwei Jahre später wurden Mrs. Paget und ihr Kind unter die breiten Fittiche von Rudolf Fischer genommen, Witwer, Kaufmann und Coir- und Hanf-Importeur aus Los Angeles, USA. Seine Firma verkündete stolz, dass siebzehn Prozent aller Fußmatten in Südkalifornien aus Coir von Fischer Coir hergestellt seien. Rudolf und Annaliese wurden 1907 getraut und ließen sich in Long Beach nieder.

»Und seine Eltern, seine Verwandten?«, fragte ich beiläufig und suchte in meinen Taschen nach Zigaretten.

»Als ich ihn kennenlernte, waren seine Eltern schon tot. Es gab eine Schwester, Meredith, in Coventry. Oder vielleicht Ipswich. Sie sind viel umgezogen. Eine Zeit lang haben wir uns noch geschrieben, aber dann haben wir den Kontakt verloren.« Sie lächelte. »So ist das eben. Am Anfang gibt man sich alle Mühe, die Erinnerung am Leben zu halten. Es ist nicht leicht. Bei jedem geht das Leben eben in eine andere Richtung weiter, und nach einer Weile …«

»Hast du noch ihre Briefe?«

»Das bezweifle ich. Warum auf einmal dieses Interesse?«

»Ich … ich bin einfach nur neugierig. Man macht sich eben so seine Gedanken.«

»Sicher. Ich denke auch an ihn.« Sie sah traurig aus, während sie sich diesen Fremden – meinen Vater – ins Gedächtnis rief.

Ich zündete mir eine Zigarette an. »Darf ich das Foto sehen?«

»Natürlich. Wann?«

»Jetzt.«

 

Hugh Paget stand vor einem quadratischen Wellblechgebäude. Es hatte ein Dach aus Palmenblättern mit hölzernen Kreuzblumen an beiden Seiten. Er trug einen Mantel aus Drillich und eine Hose, die in Moskitostiefeln steckte, und seinen Hals umschloss das weiße, steife Kragenband des Geistlichen. Ich sah einen schlanken, groß gewachsenen Mann mit unscharfen Gesichtszügen, und ich wusste, dass sich ein persönliches Gesicht nicht einmal mit einem Vergrößerungsglas zu Tage fördern lassen würde. Ein Windstoß hatte eine Haarlocke angehoben, und das Foto hatte diese momentane Unordentlichkeit für alle Zeiten so festgehalten. Es kam mir wie eine Art Anhaltspunkt vor, eine Gebärde, die auf sein Wesen hindeutete – etwas Jungenhaftes, Begeisterungsfähiges, Linkisches. Ich versuchte, in dieses wenig aussagekräftige Bild eine Persönlichkeit hineinzuinterpretieren, aber wie gewöhnlich ohne Erfolg.

Blonde Haare. Blonde Haare. Meine waren dunkel.

»Du hast doch bestimmt irgendwelche Hochzeitsfotos gehabt.«

»Ich hab dir doch gesagt, bei dem Brand haben wir alles verloren. Das hier lag in der Kapelle. Da habe ich Glück gehabt.«

Ich ließ es vorläufig dabei bewenden. Ich wusste, dass sie noch eine Weile bereitwillig weiterreden würde, aber dann würde sie sich bestimmt allmählich wundern, was mich zu diesen ganzen Fragen veranlasste, und dann würde sie selbst welche stellen. Und was würde ich dann sagen? Eigentlich konnte ich mir nicht einmal selbst erklären, warum ich bezüglich meines Vaters plötzlich so neugierig war. Wieso reagierte ich auf die Andeutungen eines Fremden? Andeutungen, die ganz offensichtlich abwegig waren? Wer war Salvador Carriscant, und warum wollte er ausgerechnet in mir sein verschollenes Kind sehen? Los Angeles war voller Spinner, aber was mich bei Carriscant beunruhigte, war, dass er keineswegs gestört wirkte. Und wie war es möglich, dass er etwas über Hugh Paget wusste? Und wieso tauchte er jetzt auf, über dreißig Jahre nach dem Tod meines Vaters, um zu behaupten, dass dieser Mann ein Schwindler gewesen sei? Die ganze Vorstellung war lächerlich, sagte ich mir, und ich war drauf und dran, meiner Mutter von dem komischen Kerl zu erzählen, als meine Stiefschwester Bruna mit ihren beiden Töchtern Amy und Greta an der Haustür erschien und mich unterbrach. Pappis übertriebene Bezeugungen von Liebe und Zuneigung erfüllten das kleine Haus.

Meine Mutter schob den Kuchen in den Backofen und wischte sich die Hände sorgfältig an ihrer Schürze ab.

»Wann wurde ich geboren?«, fragte ich. »Ich meine, zu welcher Tageszeit?«

»Oh, nachmittags gegen halb fünf. Warum?«

»Ach, nur so. Reine Neugier.«

»Dein Kostüm gefällt mir, Kay«, sagte sie mit einem schwach angedeuteten Lächeln. »Du siehst schick aus. Steht dir gut.«

Damit war das Thema beendet. Ich bedankte mich und machte ihr im Gegenzug ein Kompliment wegen ihrer hübschen Brosche. Dann gingen wir hinüber ins Wohnzimmer.

5

Als ich den Schlüssel ins Schloss steckte, sah ich, dass die Ecke eines Briefumschlags unter meiner Eingangstür hervorlugte. Ich bückte mich, zog ihn hervor und steckte ihn in meine Tasche. Drinnen legte ich ihn auf den Zeichentisch und holte mir einen kleinen Whisky. Ich wusste, dass der Brief von Carriscant war, obwohl er keinen Absender trug.

Ich spürte sofort, dass ich mich an irgendeinem Wendepunkt befand. Wer kennt nicht das Gefühl, wenn man die verschiedenen Richtungen vor sich sieht, die das Leben nehmen kann? Den Moment, in dem man spürt, dass die nächste Entscheidung, die man fällt, möglicherweise endgültig ist, dass es kein Zurück mehr gibt? Dass nichts mehr so sein wird, wie es war? Ich konnte den Brief ungeöffnet zerreißen. Ich konnte den Mann in Zukunft ignorieren oder die Polizei rufen, wenn er nicht aufhörte, mich zu belästigen. Oder ich konnte den Brief öffnen, lesen, was der Mann zu sagen hatte, und mich so noch weiter in seine seltsame Welt ziehen lassen, in seine sonderbare Obsession, die um mich und unser Verhältnis kreiste.

 

Ich öffnete den Brief:

Meine liebe Kay,

ich weiß, Sie werden sich fragen, ob Sie es mit einem Verrückten zu tun haben. Glauben Sie mir, das ist nicht der Fall. Ich bin so normal wie Sie. Wir müssen uns nur in Ruhe aussprechen, ohne Angst vor Störungen. Ich werde Sie nicht weiter behelligen, sondern möchte Sie nur wissen lassen, dass ich in Olive Street 105 wohne. Nur noch die nächsten zehn Tage. Bitte setzen Sie sich mit mir in Verbindung. Es gibt so viel zu erzählen.

Dr. Salvador Carriscant

Ich hatte meine Entscheidung getroffen.

6

Ich kam aus dem Third-Street-Tunnel heraus und fuhr die Hill Street entlang, machte einen Bogen hinauf die Fifth hoch und dann weiter zur Olive Street, oben in Bunker Hill. Von dort aus konnte ich den Turm der neuen City Hall sehen, hoch und weiß, leuchtend im Kreuzlicht der Strahler. Zwischen den alten Häusern und über leere Grundstücke hinweg sah ich den Wilshire Boulevard aufblitzen, ein glühender Pfeil, der sich seine sechzehn Meilen nach Westen dem Ozean und dem zimtfarbenen Streifen der untergehenden Sonne entgegenbahnte.

Olive Street 105 war ein altes Anwesen im Queen-Anne-Stil, wahrscheinlich in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erbaut. Es war schön asymmetrisch und nicht so überladen wie andere, die ich schon gesehen hatte. Es hatte ein Dach aus Schindeln, die im Fischschuppenmuster aufgelegt waren, und einen großen Kuppelturm mit einem verbogenen Blitzableiter. Eine Veranda verlief um Dreiviertel des Hauses, und der kunstvoll gearbeitete Balkonfries war stellenweise schlimm mitgenommen, sodass er aussah wie der zerfranste Rand einer Papiertischdecke. Auf einem Gelände, das früher einmal Rasen gewesen sein mochte, stand ein staubiger Pfefferbaum, an dem ein Autoreifen hing. Das alte Herrenhaus verrichtete jetzt niedrige Dienste als Unterkunft für Gastarbeiter. Ein handbeschriebenes Schild im Fenster verkündete: ZIMMER1 $. Auf der Vordertreppe saßen einige Männer und rauchten – kleine, braunhäutige Leute in billigen, aber sauberen Kleidern. Ich hielt sie für Japaner.

Ich fuhr an den Straßenrand und wartete. Aber auf was? Ich war mir nicht ganz sicher, hatte aber das Gefühl, ich müsse momentan die Initiative übernehmen. Selbst Carriscant heimlich beobachten, so wie er mich beobachtet hatte, bevor wir diese folgenschwere und von ihm mit so viel Ernst erflehte Verbindung aufnahmen.

Ungefähr vierzig Minuten später erschien Carriscant an der Haustür. Er trug eine enge blaue Jacke im Marinestil und hatte seinen Homburg auf. Ich stieg aus dem Wagen und folgte ihm zu der Seilbahn, die von Bunker Hill zur Hill Street hinunterfährt. Ich kam mir ziemlich unauffällig vor, beinahe männlich gekleidet. Ich trug eine Hose und einen Trenchcoat und hatte eine Baskenmütze tief in die Stirn gezogen.

Carriscant stieg in die kleine beigefarbene Drahtseilbahn-Kabine und ging ganz nach vorn, wo er sich setzte. Ich wartete, bis die Bahn im Begriff war loszufahren, schlüpfte im letzten Moment noch hinein und blieb an der Tür stehen. Es gab einen kleinen Ruck, und die Bahn begann ihre Abfahrt hinunter zu den verkehrsreichen Straßen. Es war ein klarer Abend, so klar, dass ich die Lichter von Huntingdon Park und Montebello erkennen konnte, und im Süden das Glühen der großen orangeroten Feuerfackeln auf den Dominguez-Ölfeldern bei Compton.

Ich folgte Carriscant, als er die Hill Street überquerte und Richtung Main Street ging. Hier war auf den Gehsteigen viel Betrieb. Auf beiden Seiten gab es Kinos, Varieté-Theater, Spielhallen, Schießbuden und Amüsier-Arkaden. Unter den Passanten waren viele Mexikaner und Gruppen von Matrosen aus dem Marinehafen von San Pedro. Carriscant blieb vor einem Buchantiquariat stehen und stöberte eine Weile in den Kästen, die vor dem Schaufenster aufgereiht waren. Ich drehte mich um, blickte ins Fenster eines Steakhauses und widmete meine Aufmerksamkeit den Fleischstücken, die auf dem Bett aus zerstoßenem Eis, auf dem sie aufgefächert lagen, unnatürlich rot wirkten, wie fette Spielkarten aus Gummi. Schließlich zog Carriscant weiter und betrat einen dieser gleißend hell erleuchteten Esslokale, die die ganze Nacht geöffnet haben, und setzte sich ganz hinten in eine Ecke. Ich ging ein paar Mal vor dem Fenster auf und ab und beobachtete, wie er seine Bestellung aufgab. Mir fiel auf, dass er seinen Hut nicht absetzte, und als ich mich ein drittes Mal auf einen Spähgang begab, sagte ich mir, dass jedes weitere Zögern albern wäre. Ich drückte die Glastür auf und ging zu ihm hinüber.

Er schien nicht im geringsten überrascht zu sein, mich zu sehen, worüber ich mich einen Augenblick lang ärgerte, und ich bedauerte schon meine Spontaneität. Er erhob sich halb von seinem Platz und tippte sich an den Hut. Diese förmliche Geste schien ihn daran zu erinnern, dass er das Ding überhaupt auf dem Kopf hatte. Er nahm den Hut behutsam ab und legte ihn auf den leeren Stuhl neben sich. Dann strich er sich die Haare mit zwei langsamen Bewegungen glatt. Er sah müde aus, viel älter plötzlich, und das helle Licht des Raums warf harte Schatten über sein Gesicht, wodurch die Falten auf einmal wie tiefe Wunden wirkten. Ich setzte mich ihm gegenüber.

»Ich würde Ihnen gern etwas zu essen anbieten …«, begann er.

»Nein, danke. Ich bin hier, um mit Ihnen zu sprechen. Ihr Brief … Sie schreiben, dass Sie Hilfe brauchen.«

»Das tue ich, allerdings.« Er lächelte mich an. »Sind Sie mir hierher gefolgt?«

»Ja.«

Er lachte. »Liebe Kay.«

Das überging ich. »Sind Sie in Schwierigkeiten?«

»In Schwierigkeiten?« Er schien über das Wort nachzudenken, als betrachte er dessen Semantik. »Nicht wirklich, aber ich brauche Hilfe. Ich bin hier fremd, völlig fremd.«

Ein Kellner brachte ihm sein Essen, einen großen Teller mit einem dunklen Eintopfgericht und etwas, was nach Kartoffelbrei aussah. Er durchsuchte den Eintopf demonstrativ nach Fleisch und schnitt dann die wenigen knorpeligen Streifen in kleine Würfel, bevor er zu essen begann.

»Am Schienbein eines Zaunkönigs ist mehr Fleisch dran«, murmelte er zornig. »Was sie einem hier anbieten, ist eine Schande«, sagte er. »Dafür gibt es keine Entschuldigung. Besonders nicht in diesem Land. Ich würde ja selbst kochen, aber in meiner Pension gibt es keine Möglichkeit dazu.«

»Kochen Sie gern?« Ich wusste, dass ich nur Konversation um der Konversation willen machte, und ärgerte mich deswegen über mich selbst. Aber ich fühlte mich in seiner Gegenwart seltsam befangen. Als hätte ich meinen Heimvorteil verloren, indem ich seiner Einladung nachgekommen war. Er wirkte im Gegensatz dazu sehr entspannt und lächelte mich geduldig an.

»Ich bin Koch. Ich koche für mein Leben gern.«

»Soll das heißen, dass das Ihr Beruf ist?«

»Ja. Zumindest war er es die letzten fünfzehn Jahre.«

»Ihren Brief haben Sie aber mit ›Doktor‹ unterschrieben.«

»Zuerst war ich Arzt, dann wurde ich Koch.«

 

Er aß sein Essen mit verblüffender Geschwindigkeit, als fürchtete er, dass ihm jemand den Teller wegschnappen könnte. Seine Konzentration und seine Energie waren beinahe erschreckend. Als er fertig war, sagte er, er sei müde und wolle nicht weiter reden. Wir gingen zurück zur Seilbahn – dem ›Angel Flight‹ –, die uns wieder hoch nach Bunker Hill bringen sollte. Er schwieg, aber ich bemerkte, dass er fast ängstlich die Stadt um sich herum betrachtete, eingeschüchtert von ihrer Ausdehnung und Geschäftigkeit, von ihrem Lärm und der Helligkeit. Im diffusen Licht der Straßenbeleuchtung nahm seine Haut einen deutlich dunklen Ton an, sodass man ihn für einen Mexikaner oder Latino hätte halten können. Ich dachte wieder an dieses Geschenk der Vaterschaft, das er mir so unverhofft gemacht hatte, und wie absurd all das war. Im Vergleich zu seiner Haut war meine blass und matt. Dass wir beide dunkle Haare und braune Augen hatten, hätte in einem Vaterschaftsprozess nur wenig Aussagekraft gehabt.

An der Tür seiner Pension verabredeten wir uns für den nächsten Tag. Die kleinen Männer saßen immer noch auf der Treppe zum Eingang, wo wir sie vor einer Stunde verlassen hatten. Sie starrten mich neugierig an, aber weder feindselig noch boshaft.

»Warum sind hier so viele Japaner?«, fragte ich ihn leise.

Er drehte sich um und sprach die Männer in einer Sprache an, die ich nicht kannte. Sie lachten, herzlich amüsiert, wie es schien.

»Japaner?«, sagte er tadelnd. »Diese Männer sind Filipinos.«

7

Ich saß mit Salvador Carriscant auf der Holzbank eines roten Straßenbahnwagens, der schaukelnd und ratternd bei Sawtelle den Pico überquerte und dann in westliche Richtung durch die Bohnenfelder nach Santa Monica fuhr. Hier und da war der Boulevard erweitert worden, und die kleinen niedrigen Läden waren großenteils abgerissen worden, um der neuen Straße Platz zu machen. Bald würde jedermann mit dem Auto zum Strand fahren können. Die Straßenbahn hielt an der Station Ocean Avenue, und Carriscant und ich wanderten hinunter zum Ocean Park. Wieder fiel mir auf, dass das Gedränge der Leute, der Lärm und die grellen Farben ihn gleichzeitig anzogen und hilflos machten. Wir blieben bei den japanischen Spielhallen stehen und sahen Frauen und Männer, die eher um Waren als um Geld spielten. Dann spazierten wir an den Beach Clubs und den vielen Piers, an der Achterbahn und den Karussells vorbei. Die Luft schwirrte von den Juchzern der Kinder und dem gereizten Summen der schnellen Boote, die Angler zu den Angelkähnen hinausbrachten, alte Schoner ohne Masten und hölzerne Klipper, die knapp hundert Meter vor dem Strand ankerten. Nur die Affenfarm schien ihn aufzuregen. Die Menge um die Käfige war zwei Meter breit, und als wir uns hindurchgedrängt hatten, um zu sehen, was sie so interessierte, sah ich, wie seine Miene von Neugier in Abscheu umschlug, als er die melancholischen Schimpansen und neurotischen, abgemagerten Gibbons betrachtete, die hinter engen Gitterstäben kauerten. Er fasste mich am Ellbogen und steuerte mich weg.

»Was ist denn?«, fragte ich.

»Diese Affen in ihren Käfigen. Das gefällt mir nicht … Sie erinnern mich an jemand.« Er wechselte das Thema. »Gehen wir was essen«, sagte er. »Ich hab Lust auf Fisch.«

Wir gingen in eines der neuen Apartmenthotels, das Sovereign, das einen öffentlichen Speisesaal besaß. Carriscant bestellte gegrillte Spanische Makrele, die er mit seiner üblichen Konzentration aß. »Die ist frisch«, sagte er, wenn auch widerstrebend. »Das Beste, was ich bis jetzt in Amerika gegessen habe.« Seine erfolgreiche Wahl von der Speisekarte vertrieb den Zorn, der von der Affenfarm verursacht worden war, und ich spürte, wie er sich zunehmend wohler fühlte.

»Ich konnte nie genug Fisch bekommen«, sagte er. »All die Jahre nicht, obwohl wir nicht weit von der Küste gewohnt haben. Wir mussten immer sämtliche Fische verkaufen, die wir gefangen haben.«

Ich drängte ihn nicht, noch fragte ich ihn, was »all die Jahre« heißen sollte, auf die er sich bezog. Es würde später noch Zeit genug sein, ihn zu befragen, und außerdem hatte ich das Gefühl, er werde mir sowieso alles von allein erzählen, wenn ich ihm nur die Zeit ließ. Mir wurde klar, dass dieser Ausflug ans Meer nur eine Hilfe für uns beide war, einander näherzukommen – ein Vater stellt seine Beziehung zu seiner lange verlorenen Tochter wieder her –, und mein Schweigen, meine Zurückhaltung verstärkten diesen Wunsch. Ich wusste, das würde ihm guttun.

Und dann fragte ich mich, warum ich ihm den Gefallen tun sollte, warum ich diese – diese Freundschaft, diese sich entwickelnde Beziehung ermutigen sollte. Er kannte mein Geburtsdatum. Aber was bewies das schon? Er wusste, zu welcher Tageszeit ich geboren war, aber das konnte auch eine genial geratene Vermutung, ein Zufallstreffer sein … Aber in der Art, wie er mit mir umging, lag eine Zuversicht, die etwas anderes zu sein schien. Er wusste, was er wollte, und das mit einer Selbstverständlichkeit, die, das fühlte ich, kein Scharlatan vortäuschen konnte. Sein Verhalten war nicht aufgesetzt und nicht geschauspielert. Er wollte mich nicht beeindrucken. Im Gegenteil, er schien sich in meiner Gegenwart zu entspannen – als wolle er nichts anderes als sie –, und das wiederum entspannte auch mich.

Er sah jetzt von seinem Essen auf und schenkte mir ein knappes, herzliches Lächeln, wobei sich sein breites Gesicht kurz in Falten legte. Vielleicht, dachte ich, vielleicht weil Rudolf Fischer so eindeutig nicht mein Vater war und Hugh Paget nichts als ein Mythos, konzentrierte ich mich allzu sehr auf diesen Kandidaten, weil er eben aus Fleisch und Blut und hier und jetzt bei mir war. Ich wusste, es war eine Art Versuchung, eine Art Verführung, und während ich diesen kräftigen, ansehnlichen alten Mann betrachtete, merkte ich auch, dass er jemand war, dem ich gar nicht so leicht widerstehen konnte, wie ich gedacht hatte.

Als ich ihn fragte, ob er noch einen Nachtisch wünsche, antwortete er, er würde lieber noch mal einen Fisch essen. Er bestellte ein Thunfischsteak und aß es langsam und mit andächtigem Genuss, während ich ein Eis aß und eine Zigarette rauchte. Nach seiner zweiten Portion Fisch bestellte er sich einen Cognac, den billigsten des Hauses. Er stocherte sich diskret mit einer Federkielspitze – er trug ein kleines Päckchen davon in der Tasche bei sich – in den Zähnen und spülte sich dann, wie es schien, mit dem Cognac den Mund aus.

Ich fing an – höchst untypisch für mich – zu plaudern, um die Verlegenheit zu verbergen, die mich bei seiner Zahnpflege, dieser dentalen Toilette, überkam. Er hörte höflich zu, als ich ihm von Santa Monica, Venice und Malibu erzählte, wie ich sie im Laufe der Jahre kennengelernt hatte, aber dabei war ich mir die ganze Zeit bewusst, wie er an seinem Cognac nippte, und dann hörte ich sogar, wie der Alkohol in seinem Mund aufschäumte, nachdem er einen Schluck genommen hatte und die Flüssigkeit zwischen seine Zähne spülte.

»… und den Roosevelt Highway gab’s damals noch gar nicht«, sagte ich. »Ich meine, jetzt kann man auf ihm die ganze Küste entlang bis nach Oxnard fahren, aber ich erinnere mich, wie ich einmal mit Pappi hier runtergefahren bin – ich muss ungefähr zwölf gewesen sein …«

»Zwölf?«

»Ja, ich …«

Er runzelte die Stirn. »Das muss ungefähr 1916 gewesen sein.«

»Kann sein. Zwölf oder dreizehn, schätze ich. Pappi hatte diesen Kunden – es war J.W. Considine –, der am Malibu Beach ein Haus hatte, und wir mussten vom Santa-Monica-Pier mit dem Boot da rausfahren. Damals war es wirklich am Ende der …«

»Kay –«

Ich hörte sofort auf zu reden. Mir wurde klar, dass er gar nicht zugehört hatte.

»Wenn ich in Kalifornien einen Mann suchen will«, sagte er, »wie müsste ich da vorgehen?«

»Kommt drauf an … Wissen Sie, wie er heißt?«

»Er heißt Paton Bobby. Ich weiß nur, dass er in Kalifornien lebt. Jedenfalls hat er das mal.«

Ich drückte meine Zigarette aus. »Paton Bobby? Wissen Sie sonst noch was über ihn?«

»Er ist etwas älter als ich. Ich glaube, er war Polizist.«

»Das könnte hilfreich sein. Sonst noch was?«

»Das war’s.«

Ich sah ihn an. Ich wusste, dass unsere Gemeinsamkeit – als was sie sich auch immer erweisen mochte – jetzt begann. Unwiderruflich.

»Darf ich wissen, warum Sie ihn suchen?«

Er lächelte ein schwaches, traumverlorenes Lächeln. Seine Stimmung war umgeschlagen, seit ich meinen Kindheitsausflug nach Malibu, mein Alter und das Jahr erwähnt hatte. Ich hatte ihn auf eine Zeitreise geschickt, vielleicht sogar an einen Ort, wo er niemals Fisch zu essen bekommen konnte. Und seine Gedanken waren dort geblieben.

»Entschuldigen Sie, was haben Sie gesagt?«

»Warum müssen Sie diesen Paton Bobby finden?«

Er seufzte, blickte auf seinen leeren Teller, drehte seine Gabel, sodass die Zinken abwärts zeigten, und wandte dann seinen Blick wieder mir zu.

»Ich denke, man kann es so ausdrücken …«, erwiderte er, mit freundlicher Miene, die Augen unschuldig weit geöffnet. »Ich suche einen Killer.«

8

Philip füllte den Scheck mit offensichtlichem, aber lächerlich übertriebenem Stolz aus und überreichte ihn mir mit einer höfischen Verbeugung.

»Auszuzahlen an Mrs. Kay Fischer – zweihundert Dollar«, sagte er mit einem Grinsen.

»Du hast also einen Job?«, fragte ich.

»Und ein Bankkonto. Ich habe sechs Wochen Arbeit bei MGM. Ich bin der dritte Drehbuchautor für Four Guns for Texas.«

»Klingt wie ein Traumjob.«

»Klingt nach Geld.«

Wir saßen in meinem Büro am Hollywood Boulevard. Aus meinem Bürofenster konnte ich die drei obersten Stockwerke des Guaranty Building und die staubige Krone einer Palme sehen. Ich hatte drei Räume über dem Textilgroßhändler Tex-Style Imports Co. gemietet, der sich spezialisiert hatte auf Blue jeans, Arbeitshosen und Arbeitsstiefel, die für die petrochemische Industrie gedacht waren. Der Raum mit Blick auf den Boulevard war mein Büro, und von dort aus führte ein kleiner Korridor zu einer fensterlosen Kammer, in der mein einsamer Assistent Ivan Feinberg arbeitete. Mary Duveen, meine Sekretärin, hatte ihren Schreibtisch im Empfangsbereich am Flur, wo sie eingezwängt zwischen zwei Reihen von Aktenschränken saß. Es war alles ein bisschen schäbig und provisorisch, besonders verglichen mit dem, was ich bei Meyersen und Fischer gehabt hatte, aber seit dem großen Bruch und dem darauffolgenden Prozess hatte ich lernen müssen, mit weniger zufrieden zu sein. Ich hatte von einem meiner früheren Kollegen gehört, dass Meyersen mein altes Büro bezogen hatte. Vielleicht war es das gewesen, was er die ganze Zeit gewollt hatte? …

Ich nahm Philips Scheck, faltete ihn und schob ihn in meine Brieftasche. Er hatte sich die Haare schneiden lassen und trug ein neues Sportsakko aus Leinen mit grünlichem Schottenmuster sowie eine weite eierschalenfarbene Hose. Ich fand, mit seinen kurzen Haaren wirkte er noch jünger, wie ein ewiger College-Boy. Einen Moment lang packte mich Selbstmitleid, denn ich dachte an unsere kurze Ehe zurück und an das, was ich verloren hatte, als ich ihn rausschmiss. Ich hatte das ›Mrs.‹ beibehalten, nicht um meine Kunden zu beeindrucken, sondern weil es sie lockerer machte. Aber ich hatte meinen Mädchennamen wieder angenommen. Die Verbindung von beidem erschien mir wie eine ideale Darstellung meines gesellschaftlichen und privaten Status. Aber Philip hatte darauf beleidigt und verletzt reagiert: Ich würde mir mein Butterbrot auf beiden Seiten belegen, sagte er vorwurfsvoll. Aber geht es im Leben nicht gerade darum, hatte ich erwidert. Sei das nicht das Ziel, dem wir alle nachjagten? Es war nur ein kurzer Anfall von Selbstmitleid, der schnell überstanden war.

»Filme«, sagte ich forsch-fröhlich. »Wirst du bei dem hier endlich deinen Namen auf der Leinwand sehen?«

»Die Chance besteht.«

Ich lachte. »So wie die, dass Elefanten eines Tages fliegen lernen, hm?« Ich stand auf. »Ich geh mit dir runter. Ich muss was essen.«

Als wir die beiden Stockwerke zur Straße hinuntergingen, fragte ich Philip, ob er eine Ahnung habe, wie man einen Mann namens Paton Bobby aufspüren könne, der Mitte Sechzig und möglicherweise einmal Polizist gewesen war.

»Schon mal das Telefonbuch probiert? Wer ist Paton Bobby?«

»Ein Freund von mir muss ihn finden. Ich dachte, du wüsstest vielleicht, wie.«

Er zuckte mit den Achseln. »Du könntest einen Privatdetektiv beauftragen, schätze ich … Oder vielleicht könnte ich auch den Chef des Sicherheitsdienstes im Studio fragen –« Er grinste. »Hast du das mitbekommen? ›Im Studio‹ – ich bin für den Erfolg geboren – ich kann ihm einfach nicht entgehen. Dieser Typ war früher mal Cop, vielleicht hat er eine Idee.«

Wir schlenderten den Bürgersteig entlang zu einem Straßenverkäufer. Die Sonne brannte mir heiß auf den Schädel, und ich öffnete den obersten Knopf meiner Bluse. Es war ein schöner Tag. Am babyblauen Himmel trudelten ein paar makellose Wolken dahin. Eine frische Brise spielte in den Kronen der neu angepflanzten Palmen, die noch kaum halb so hoch waren wie die Straßenlaternen, es hörte sich an wie das Knipsen von Nagelscheren oder wie Streichhölzer, die auf die Oberfläche eines Glastisches getippt werden. Das harte Licht reflektierte von den weißen Wänden der Gebäude auf der anderen Straßenseite, und ich setzte meine Sonnenbrille auf. Es gab inzwischen zu viel moderne Stromlinienarchitektur für meinen Geschmack. Geschwungene Wände, geschwungene Glasfassaden. Dazu Spiegelpaneele an jeder Ecke. Friese in Rot und Schwarz, um die horizontalen Linien zu betonen, Baldachine, die um die Ecken verliefen oder bei jeder Gelegenheit in Innenhöfe hinuntertauchten … Was war hier los? Und alles wurde durch die Beschriftungen und Schilder zunichte gemacht, die in grellen Primärfarben an den Gebäuden hingen oder auf den Dächern auf hölzernen Plakatwänden angebracht waren, lauthals ihre Botschaft in die Welt hinausschrien: GUTES CHOW! HAM ’N EGGS, FOTO, GESCHENKE, PARKEN. Wir gingen durch eine stechende Duftschwade von gebratenen Zwiebeln, als wir an STEAKS VON HARROLDS HOLZKOHLE-GRILL vorbeikamen, und steuerten auf den silber glänzenden Imbisswagen zu. Ich bestellte einen Super-Chili-Dog mit Senf und einer Extraportion Zwiebeln.

Philip berührte meinen Arm. »Sag mal, Schatz, du hast doch nicht irgendwelchen Ärger, oder?« Er zeigte aufrichtige Anteilnahme. Mir war klar, dass ich immer noch an ihm hing.

»Nein, natürlich nicht«, versicherte ich ihm. »Es geht um einen alten Mann, den ich kenne, und der muss irgend so einen Typ aufspüren.«

Philip blickte mich durchdringend an, nicht ganz überzeugt. Ich bekam meinen Chili-Dog und bezahlte. Ich sah Philip an, dass er sich fragte, wie viele ›alte Männer‹ ich wohl kannte und warum ausgerechnet er dabei helfen sollte, wenn sie irgendwelche vermissten Personen aufspüren wollten.

»Sieh mich nicht so an. Du brauchst überhaupt nichts zu tun, wenn du nicht willst.«

»Nein, nein, ich werde sehen, was sich machen lässt.«

Ich hielt es nicht mehr aus. Ich biss heißhungrig in meinen Chili-Dog, und die durchdringende Hitze stieg mir mit einem Schwall in die Nase. Mit einem Finger schob ich mir einen widerspenstigen Zwiebelring in den Mund. Ich kaute. Philip blickte mich leicht angewidert an. »Ich hatte eigentlich vor, dich zum Abendessen einzuladen, aber wenn ich sehe, was du so zum Mittagessen vertilgst, wirst du wahrscheinlich keinen Hunger haben.«

»Ha-ha. Ruf mich doch einfach später mal an. Vielleicht hast du ja Glück.«

 

Als ich in mein Büro zurückkam, wartete dort George Fugal auf mich, ein breites Grinsen auf seinem schmalen Gesicht. George war ein hochgewachsener, schlaksiger Vierzigjähriger von sprunghaftem, ruhelosen Wesen, das schwer in Einklang zu bringen war mit einem beruflichen Verhalten, das man nur als auf die Spitze getriebene Pedanterie beschreiben konnte. Er hatte braunes lichtes Haar, große wässrige Augen, und sein fliehendes Kinn hatte stets einen blauen unrasierten Schimmer. Hätte ich nicht gewusst, dass er Anwalt war, hätte ich ihn als Kleinkriminellen auf Bewährung eingestuft oder als einen Schuldner auf der Flucht vor der Steuerfahndung. George blickte sich fortwährend um, egal, wo er sich befand. In Restaurants bestand er darauf, mit dem Rücken zur Tür zu sitzen, um mehr Anlass zu haben, nervös auf seinem Platz herumzurutschen.

»Und wie lautet die frohe Botschaft?«, fragte ich ihn.

»Wir haben einen Käufer für das Haus. Ganz sicher. Eine …« Er schlug in seinem Notizbuch nach. »Eine Mrs. Luard Turner. Angenehme Dame. Ich habe ihr gerade alles gezeigt.«

»Ich muss es aber erst fertig stellen. Ich hoffe, das hast du ihr klargemacht«, sagte ich mit leicht undankbarer Widerborstigkeit. Urplötzlich war ich traurig. Jemand wollte mein Haus kaufen. Jemand anders würde in meinen sorgfältig entworfenen Luftwürfeln wohnen.

»Das weiß sie, das weiß sie. Aber sie hat sich in das Haus verliebt. Hat Klasse, sagt sie. Allererste Klasse, sagt sie. Das sind ihre Worte, Kay, haargenau ihre Worte.«

Er schwatzte weiter drauflos, aufgeregt und voller Freude für mich, während sein Blick von mir zu Mary zur Bürotür und zum Abfalleimer wanderte. Wir waren auf den Verkauf angewiesen, um eben jenen Gewinn zu machen, der K.L. Fischer das Überleben sichern und der Firma ermöglichen sollte, größere und interessantere Aufgaben in Angriff zu nehmen. Aber dennoch traf mich mein Verlust hart.

»Wir haben es geschafft, Kay«, sagte George Fugal. »Du bist wieder da.«

Ich lächelte ihn an. Irgendwie mochte ich nicht glauben, dass es so einfach sein konnte.

9

Wie für die Kunst, so gilt auch für die Architektur, dass alles um so genauer stimmen muss, je mehr man reduziert. Je mehr man sich des Überflusses entledigt und je mehr man eliminiert, desto größer werden der Druck auf das und die Bedeutung dessen, was übrigbleibt. Wenn ein Raum nur eine Tür und ein Fenster haben soll, dann müssen diese beiden Öffnungen exakt auf das Raumvolumen abgestimmt sein, das zwischen den vier Wänden, dem Boden und der Decke enthalten ist. Sie müssen mit äußerster Präzision geformt und gestaltet werden. Ein Inch, ja ein halber Inch, kann den entscheidenden Unterschied zwischen Perfektion und Pfusch ausmachen. Verzichtet man auf Ornamentik und Ablenkung, wird die Proportion zum entscheidenden Faktor.

Mein ästhetischer Mentor, meine Inspiration in alledem war der deutsche Architekt Oscar Kranewitter (1891–1929). Er war ein Freund von Gropius und, wie er, stark beeinflusst von den strengen Grundsätzen des Johannes Itten. Kranewitter selbst war eines der ersten Mitglieder des Deutschen Werkbunds und lehrte zwischen 1923 und 1925 gelegentlich am Bauhaus. (Nach einem wilden Streit mit Hannes Meyer – es kam zu Handgreiflichkeiten – verließ er das Bauhaus und kehrte nie wieder zurück.) Es gibt keinen Zweifel, dass man Kranewitter – wäre er nicht bei einem tragischen Autounfall ums Leben gekommen – sicherlich zu den wichtigsten deutschen Architekten und Wegbereitern des Internationalen Stils gerechnet hätte. Wegen seines anspruchsvollen Wesens und der strengen Disziplin, die er sich und seinen Auftraggebern auferlegte, baute er letztlich nur wenig, und seine Veröffentlichungen beschränken sich auf einige wenige Artikel in so obskuren Fachzeitschriften wie Metall und Neue Europäische Grafik. Und in diesen stringenten Aufsätzen führte er das Konzept der Armut in die Architektur ein. Für Kranewitter hat dieses abstrakte Substantiv eine höchst komplexe Bedeutung: Für ihn verliert das Wort jegliche negative oder abwertende Konnotation, seine Überlegungen rücken es in die Nähe von ›Reinheit‹. Umgesetzt hat Kranewitter diese schwerverständliche Theorie in seinem Meisterwerk, dem Lothar-Haus (1924–1929) in Obertraubling bei Regensburg. Während der fünfjährigen Bauzeit nahm Kranewitters fanatische Detailbesessenheit legendäre Ausmaße an, und seine Vorstellung von Armut gewann plastische Form. Als das Haus so gut wie vollendet war, ließ er die gesamte Decke des Esszimmers herausreißen und vier Zentimeter höher setzen. Er entwarf alle Möbel selbst (Teak, Chrom und Leder waren die einzigen Materialien, die er benutzte), und es gab weder Teppiche noch Vorhänge. Die Böden waren aus poliertem dunklem Feuerstein. Die Farbe der Wände war weiß im Erdgeschoss und blassgelb im ersten Stock (Gelb ist eine ›hellere‹ Farbe als Weiß – so jedenfalls Kranewitter – und daher eher geeignet für Räume oberhalb ebener Erde). Sämtliche Türen waren aus Aluminium geschmiedet und ungestrichen, ebenso die massiven und eigens entworfenen Heizkörper, die zentral gespeist wurden. Die Räume wurden von nackten Glühbirnen beleuchtet. Während eines Luftangriffs auf Regensburg im Zweiten Weltkrieg wurde das Haus von einer verirrten Bombe zerstört.

Je mehr ich Kranewitter studierte, desto mehr musste ich die Hingabe dieses Mannes und die unbeirrbare Geradlinigkeit seiner Ideen bewundern. Strenge, Klarheit und Genauigkeit erschienen mir als Eigenschaften, die es wert waren, angestrebt zu werden. Kranewitters Armut hat weder etwas Tristes noch etwas Armes, ganz im Gegenteil: Sie besitzt eine befreiende, reinigende Qualität. Je mehr das zwanzigste Jahrhundert fortschreitet und je komplizierter unser aller Leben ist, je stärker die hektischen Aufforderungen der Warengesellschaft – ›Iss! – Kauf! – Spiel! – Konsumiere! – Hab Spaß!‹ – eingreifen und jede Sekunde unseres Lebens bestimmen, desto reizvoller kamen mir die Ruhe und Leere und das saubere, sich abschirmende und nicht korrumpierbare Wesen jener Welt vor, die Kranewitter zu schaffen versuchte.

Dies waren Ziele, die ich in meiner eigenen Arbeit verwirklichen wollte, und sie manifestierten sich in den beiden Gebäuden, die nach meinen Plänen realisiert wurden: dem Taylor-Haus in Pasadena und dem Einkaufszentrum in Burbank. Alles Unwesentliche ist entfernt. Die Innengestaltung ist kompromisslos schlicht, alle Linien sind entweder horizontal oder vertikal. Sogar in einem solchen Tempel zügelloser Konsumfreudigkeit wie einem Einkaufszentrum – der amerikanischen Antithese zu Armut – ist Kranewitters asketische Philosophie gegenwärtig. Und es funktioniert.