Die Brüder Ludwig und Georg Büchner - Gero Jenner - E-Book

Die Brüder Ludwig und Georg Büchner E-Book

Gero Jenner

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Beschreibung

Seit dem 18. Jahrhundert liegen Glauben und Wissen miteinander im Streit. Kunst und Wissenschaft kämpfen um die Vorherrschaft in den Köpfen. Es ist ein seltener Glücksfall, wenn dieser Kampf sich in zwei historischen Gestalten gleichsam verkörpert – wenn also die Philosophie von ihrem Sockel steigt und uns lebendig vor Augen tritt. Georg Büchner ragt als einer der größten der deutschen Literatur hervor, aber es bedurfte mehr als eines halben Jahrhunderts, bevor Dantons Tod, Leonce und Lena, Lenz und Woyzeck die ihnen gebührende Anerkennung errangen. Georgs jüngerer Bruder Ludwig erwarb sich mit Kraft und Stoff schon zu Lebzeiten einen weit über Deutschland hinausstrahlenden Ruhm. Ein und dieselbe Familie brachte einen großen Denker hervor und einen noch größeren Dichter. Wie sieht eine Synthese der beiden Pole aus?

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Seitenzahl: 287

Veröffentlichungsjahr: 2025

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ibidem-Verlag, Hannover - Stuttgart

Inhalt

Verlag

Einleitung – eine Handvoll Fakten

Wie wurde Georg Büchner zu seiner Zeit, wie wurde er später gesehen?

Wer war Georg Büchner?

Der Einfluss der Naturwissenschaften auf Georg und Ludwig

Teil I – Georg: Die Macht der Bilder

Kunst der Befreiung und Kunst der Vertiefung

Kunst der Befreiung

Bei Büchner steht Revolution als Inhalt im Vordergrund

Kunst der Vertiefung: Suche nach einer überdauernden moralisch-ästhetischen Ordnung

Ist es so? Soll es so sein, wie es ist?

Aber was IST überhaupt Wirklichkeit?

Das Bedürfnis nach Sicherheit

Notwendigkeit und furchtbare Last

Auf der Suche nach Sinn stößt der Dichter auf das Geheimnis

Sicherheit und Freiheit – die beiden Grundbedürfnisse des Menschen

Wo bleibt da die Botschaft des Dichters?

Das Nichts ist der zu gebärende Weltgott

Kirchliche Religion und überkirchliche Mystik

Dem Schönen stellt Büchner das „Überschöne“ entgegen

Das Menetekel der Langeweile und des erlösenden Schlafs

Teil II – Ludwig: Die Macht des Denkens

Porträt Ludwig Büchner

Écrasez l’infâme – wir haben es in der Hand, die Welt zu erkennen und sie zu beherrschen!

Wer sind die Gegner, wer die Verfechter der Wahrheit?

Methode und Inhalt der wissenschaftlichen Wahrheit

Das Verstandene ist das Tote, aber es garantiert Überleben und Sicherheit

Das überempirische Weltbild der empirischen Wissenschaften

Wenn das Bestreben nach Sicherheit zur Konstruktion falscher Weltbilder führt

Kunst: Georgs Blick in die Tiefe – Schwämme und das Fell des Jaguars

Ein halbes Jahrhundert nach Büchner entdeckt die Wissenschaft Zufall und Freiheit

Der Zufall wird mit Sinnlosigkeit gleichgesetzt

Wissenschaft ist trans-moralisch und trans-ästhetisch

Kunst: Georg konfrontiert die Alltagslogik mit der entlarvenden Anti- und Überlogik

Wissenschaft: eine Weltsicht der Vertiefung. Die grenzenlose Expansion von Logik und Experiment

Kunst: Die Kunst der Befreiung lässt keine kollektive Vertiefung zu

Wissenschaft – eine demokratische Weltanschauung

Teil III – Das Verstandene ist das Tote

Der Sinn der Vergangenheit

Die vier Illusionen der wissenschaftlichen Weltsicht

Kunst: Spiel als Ausdruck der höchsten Freiheit

Wenn sich der Wissenschaft der Blick auf die Freiheit öffnet

Der Riss zwischen Glauben und Wissen, Kunst und Wissenschaft geht mitten durch Sprache und Gesellschaft

Was wurde aus diesem Gegensatz in unserer Zeit?

Kunst: Alles aus zweiter und dritter Hand?

Für eine Versöhnung zwischen Wissen und Glauben, Kunst und Wissenschaft

Biografische Daten und Zeitumstände

Äußere Einflüsse

Zeittafel

Bibliografie

Namensverzeichnis

Anmerkungen

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Einleitung – eine Handvoll Fakten

Die vorliegende Arbeit über die beiden großen Brüder Büchner, Georg und Ludwig, will und kann eines nicht sein: eine weitere Biografie. Über das kurze Leben des Ersten gibt es bereits mehrere Biografien, und zwar drei hervorragende, auf die sich dieses Buch in seinen Angaben stützen kann: Erstens, Georg Büchnervon Jan-ChristophHauschild, zweitens Georg Büchner – Epoche – Werk von Michael Hofmann und Julian Kanning und, last not least, Georg Büchner von Hermann Kurzke.

Es soll hier auch nicht darum gehen, die literarischen Wurzeln und Einflüsse aus dem Elternhaus auf Georg Büchner in größere Tiefen zu verfolgen. Auch das haben die drei genannten Werke schon in vorbildlicher Weise getan. Absicht und Ziel dieser Arbeit liegen auf einer anderen Ebene. Am Beispiel von Georg und Ludwig möchte ich die Konfrontation von Glauben und Wissen, Kunst und Wissenschaft exemplarisch erhellen, denn in den beiden Brüdern gelangt sie gleichermaßen zu konkreter Verkörperung – und zwar von Anfang an auf eine paradoxe, zunächst nur schwer verständliche Weise. Das Paradox beginnt mit dem Einfluss, den beide Brüder zu ihren Lebzeiten besaßen bzw. entbehrten.

Zu Lebzeiten hat der Ältere nichts gegolten. Nur ein einziger Literaturfreund hat ihn überhaupt bemerkt. Hätte Karl Gutzkow, der mäßig bekannte Herausgeber des Literaturblattes Phönix, ihm nicht begeisterten Beifall gespendet, wäre das Drama Dantons Tod wohl überhaupt nicht an die Nachwelt gelangt. Aber auch Gutzkow wagte es nicht, das Manuskript ohne starke Eingriffe zu publizieren. Die drastischen Schilderungen aus der sexuellen Sphäre glaubte er der Öffentlichkeit nicht zumuten zu können. Trotz seiner Bemühungen blieb der Widerhall allerdings gering. Mehr als ein halbes Jahrhundert musste nach Georg Büchners Tod im Jahre 1837 vergehen, bis das Stück 1902 in Berlin seine erste Aufführung erlangte.

Dirigent Zufall hat den Stab über Georg Büchner allerdings nicht zu brechen vermocht. Heute wird er in seinem Heimatland als dramaturgisches Genie und ein großer Meister der Sprache neben den Größten wie Shakespeare und Goethe gefeiert, aber die Umstände hätten nur um ein weniges widriger ausfallen müssen und die Welt hätte nie etwas von diesem außerordentlichen Manne gehört.

Ganz anders verhält es sich mit seinem um elf Jahre jüngeren Bruder Ludwig Büchner. Kurz nach Beginn der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde dieser mit seinem Werk Kraft und Stoff zu einem der bekanntesten Schriftsteller seiner Zeit. Ludwig Büchners Ruf drang weit über die Grenzen des deutschen Reichs hinaus. Man darf wohl sagen, dass er zu einem der wortmächtigsten Verteidiger und Propagandisten des zwar seit der Aufklärung nicht mehr neuen, aber erst jetzt mit einer Fülle praktischer Erfolge zunehmend erstarkenden wissenschaftlichen Weltbildes wurde. Seine Lehre war Propaganda und Attacke zugleich. Sie war Propaganda mit der Verheißung einer künftigen besseren Welt. Sie war zugleich eine gnadenlose Attacke und Abrechnung mit der alten Welt, denn das neue Wissen wird mit größter Emphase und Überzeugung gegen den Glauben in Stellung gebracht – nicht anders als in neuerer Zeit in den Schriften von Bertrand Russell oder in Richard DawkinsGotteswahn.

Einerseits will Ludwig Büchner in Kraft und Stoff begründen, warum der moderne Mensch Wahrheit nur noch durch die Lupe der Wissenschaften erkennt, andererseits beschwört er zur gleichen Zeit den radikalen Gegensatz zu allen traditionellen Lehren, welche noch an andere als an wissenschaftliche Wahrheiten glauben.

Paradigmatisch stehen die beiden Brüder für einen Gegensatz, der bis in unsere Zeit andauert und an Schärfe und Brisanz nichts verloren hat. Aber sie stehen auch für ein paradoxes Ergebnis. Wir wissen, dass der Siegeszug der Wissenschaften einem Strom gleicht, der seit dem frühen neunzehnten Jahrhundert zunehmend breiter und reißender wurde. Auf seinem Weg hat er die bestehenden Traditionen wie Treibgut mit sich fortgerissen. Im 19. Jahrhundert war es gerade einmal der europäische Zipfel Eurasiens und in der neuen Welt war es Nordamerika, wo die neue Methode Fuß gefasst hatte. Heute ist Wissenschaft in der ganzen Welt etabliert, in China ebenso wie in Indien, in Russland genauso wie auf dem afrikanischen Kontinent. Die ökonomische und militärische Stärke der Staaten bemisst sich unmittelbar an ihrer wissenschaftlichen und der darauf begründeten technischen Kompetenz.

Der Strom, dessen Quelle zur Zeit der Gebrüder Büchner noch in Europa lag, hat sich zu einem Meer ausgeweitet, dass sämtliche Kontinente umspült. Warum spreche ich dennoch von einem Paradox?

Weil uns dieses mit größter Deutlichkeit gerade im Falle der beiden Brüder Georg und Ludwig entgegentritt. Von Ludwig Büchner, dem argumentativ äußerst scharfsinnigen, zu seiner Zeit hervorragend instruierten Mann ist heute mit keinem Wort mehr die Rede. Er ist total vergessen und wird es für alle Zeit bleiben, weil die jeweils neuere wissenschaftliche Erkenntnis die älteren ablöst und ins Nirvana des Vergessens drängt. Georg Büchner hingegen, der so lange Zeit ganz Unbeachtete, wurde ins Pantheon der unsterblichen Geister aufgenommen. Mit Sicherheit wird er dort so lange bleiben, wie es die deutsche Sprache gibt.

Wie kommt es zu diesem denkwürdigen Gegensatz zwischen Kunst und Wissenschaft? Warum kann die Kunst unseren Geist so nachhaltig faszinieren, dass die Gedanken und Bilder eines Georg Bücher auf uns wie eine Droge wirken, von der wir nicht lassen können, obwohl andererseits doch kein Zweifel daran bestehen kann, dass während der vergangenen dreihundert Jahre Wissenschaft und Technik uns selbst und unsere physische Umwelt radikaler verändert haben als Kunst und Religion zusammen?

Georg und Ludwig Büchner, die beiden durch das Datum ihrer Geburt nur elf Jahre getrennten Brüder, wuchsen in derselben Familie, der gleichen Umgebung auf. Sie waren weitgehend denselben Einflüssen und Anregungen ausgesetzt, dennoch hat sich jeder von ihnen die ideale Welt auf ganz andere Art vorgestellt. Der eine von ihnen konnte sie nur in den Bildern und Begriffen der Kunst ausdrücken, der andere war sich ebenso gewiss, dass nur die Sprache der Wissenschaft den Blick auf die Wahrheit öffnet.

Um diesen Konflikt wird es in diesem Buche gehen. Natürlich ist er nicht erst in der Familie Büchner zum Ausbruch gekommen, sondern existierte von Anfang an als Opposition zur Aufklärung selbst. Viel wichtiger aber ist und verleiht dieser Arbeit erst ihre Aktualität, dass der Konflikt genauso in unsere Zeit hineinreicht und vermutlich immer erneut aufbranden wird. Es ist ein Riss, der mitten durch unsere Weltanschauung geht.

Bis heute besteht eine einfache Lösung darin, dass wir uns einfach zu einem der beiden Gegensätze bekennen, so als hätte nur die Wissenschaft recht oder würde eigentlich nur Kunst bis in die Tiefe blicken. Aber so einfach ist das Paradox nicht aufzulösen, zumal dann nicht, wenn man zur Seite der Kunst auch noch den Glauben (die Ideologie etc.) rechnet. Dann stehen Kunst und Glauben dem Wissen und der Wissenschaft gegenüber. Der Blick auf die beiden Brüder zeigt uns aber auf exemplarische Art, wie sich die beiden Weltansichten begegnen, gegenseitig herausfordern, teilweise ineinander übergehen und wie sie notwendig koexistieren. Das macht die Brüder Büchner so wichtig für die Geistesgeschichte nicht nur unseres Landes. Die Biografie ihres Denkens und Hoffens ist mehr als nur ein deutsches Ereignis – in beider Leben wird eine Auseinandersetzung zwischen Glauben und Wissen, Kunst und Wissenschaft sichtbar, die von da an zu einem Basso Continuo menschlichen Denkens und Hoffens überhaupt werden wird.

Wie wurde Georg Büchner zu seiner Zeit, wie wurde er später gesehen?

Als Georg Büchner im Alter von nur 23 Jahren verstarb, war nicht abzusehen, dass die Öffentlichkeit sich je für den Verstorbenen interessieren würde. Als Wissenschaftler war er unbedeutend, als Dichter wurde er, wie schon bemerkt, zu seinen Lebzeiten nur von einem einzigen Mann, Karl Gutzkow, „entdeckt“ und gepriesen. Ohne ihn hätten die Manuskripte auch irgendwo in einer Schublade verschwinden können – dem Vergessen preisgegeben. Die Wirkungsgeschichte eines der größten deutschen Dichter beginnt erst mehr als ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod, nämlich gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Es ist sein Bruder, Ludwig Büchner, der in der zweiten Hälfte zu internationalem Ruhm gelangt.

Seine Zeitgenossen haben sich nicht durchgehend positiv über Georg Büchner geäußert. Carl Vogt, einer der frühen Kommilitonen aus Gießen, gab als alter Mann 1896 zu Protokoll. „Offen gestanden, dieser Georg Büchner war uns nicht sympathisch. Er trug einen hohen Zylinderhut, der ihm immer tief unten im Nacken saß, machte beständig ein Gesicht wie eine Katze, wenn’s donnert, hielt sich gänzlich abseits… sein schroffes, in sich abgeschlossenes Wesen stieß uns immer wieder ab… und da er offenbar mit politischen Umtrieben zu tun hatte, ein- oder zweimal auch revolutionäre Äußerungen hatte fallen lassen, so geschah es nicht selten, dass man abends, von der Kneipe kommend, vor seiner Wohnung still hielt und ihm ein ironisches Vivat brachte: ‹Der Erhalter des europäischen Gleichgewichtes, der Abschaffer des Sklavenhandels, Georg Büchner, er lebe hoch!› – Er tat, als höre er das Gejohle nicht, obgleich seine Lampe brannte und zeigte, dass er zu Hause sei.“

Hermann Kurzke fasst das Charakterbild so zusammen: „Er war kein Kneipenbursch, kein Gemütsmensch, kein Raucher und Biertrinker, eher ein Hamlet, ein Intellektueller, spröde und spritzig, absprechend und herb.“

Sein Bruder Ludwig geht ausschließlich auf die politischen Absichten des früh Verstorbenen ein, wenn er 1850 über ihn sagt: „Was seinen politischen Charakter anlangt, so war Büchner noch mehr Sozialist als Republikaner.“ Das stimmt mit den Angaben zusammen, die sein engster Freund, August Becker, über ihn hinterließ. „Wenigstens sagte er /Georg/ oft, der materielle Druck, unter welchem ein großer Teil Deutschlands liege, sei eben so traurig und schimpflich als der geistige.“

Die spätere Würdigung des Dichters, die zugleich mit seinem Ruhm im neuen Jahrhundert begann, musste sich darauf beschränken, die Wesensart dieses Mannes aus seinen wenigen hinterlassenen Werken zu erschließen. Als erstes der drei Stücke kam Leonce und Lena auf den Theaterspielplan, und zwar 1895 in München, als letztes, aber mit der stärksten Wirkung Woyzeck, 1913 ebenfalls in München uraufgeführt. Die erste Aufführung von Dantons Tod ereignete sich 1902 in Berlin.

Von da an meldeten sich, wie das in Deutschland so üblich ist, sogleich die Ideologen zu Wort und begannen einander heftig zu bekämpfen. Auch diesen Gegensatz hat Hermann Kurzke in eine knappe und treffende Formel gefasst. „Wie sich der Expressionismus spaltet in zwei wilde Heerhaufen, deren einer die linke, deren anderer die rechte Revolution verehrt, – so spaltet sich das Büchner-Bild in den sozialistischen Realisten einerseits und den heroischen Pessimisten andererseits, in einen Proto-Marx und einen Proto-Nietzsche.“ Und einige Sätze später: „Bis seit der 68er-Bewegung der «heroische Pessimist» unter Faschismusverdacht gerät und der linksradikale Büchner in Ost und West beinahe einhellig meinungsführend wird.“

Wer war Georg Büchner?

Büchner wuchs in gutbürgerlichen Verhältnissen auf und war „ein vielfach gefördertes Landeskind. Er durfte das renommierteste der nur fünf Landesgymnasien besuchen. Das großherzogliche Ministerium hatte ihm auf Antrag seines Vaters das Studium in Straßburg gestattet… Studenten gehörten damals zu einer zahlenmäßig winzigen Elite. Nicht einmal jeder hundertste Einwohner Hessen-Darmstadts hatte studiert, und nicht einmal jeder tausendste war aktuell immatrikuliert. Studentsein war etwas Besonderes. Man gehörte einer Körperschaft mit eigenem Recht, eigener Sprache, eigenen Sitten und Gebräuchen an und fühlte sich, auch wenn man demokratische Ansichten vertrat, als eine Art Aristokratie. Man verachtete die Bürger («Philister»), auch wenn man sich nach der Burschenherrlichkeit meist widerstandslos in Philisterium einfügte… /Als er sich habilitierte/ war er mit seinen 23 Jahren nicht einmal sensationell jung. Das durchschnittliche Habilitationsalter lag bei 25 Jahren“ (HK).

Wie beschreibt der junge Student sich selbst?

Aus Gießen schreibt der 21jährige an seine Familie in Darmstadt. „Ich verachte Niemanden, am wenigsten wegen seines Verstandes oder seiner Bildung, weil es in Niemands Gewalt liegt, kein Dummkopf oder kein Verbrecher zu werden, – weil wir durch gleiche Umstände wohl Alle gleich würden, und weil die Umstände außer uns liegen.“ Das ist ein klares Bekenntnis zur fundamentalen Gleichheit aller Menschen, wie sie es in der Wirklichkeit nicht gibt, aber die Französische Revolution sie als Forderung ein halbes Jahrhundert zuvor erhoben hatte. Bei gleichen Umständen wären auch die Menschen einander gleich. In diesem Sinne lässt er Lenz, den ihm geistverwandten Dichter, die universale Liebe zu allen Menschen bekennen. „Man muss die Menschheit lieben, um in das eigentümliche Wesen jedes einzudringen, es darf einem keiner zu gering, keiner zu hässlich sein, erst dann kann man sie verstehen.“

Dieser Maxime folgte der Student in Gießen auch bei der Wahl seiner wenigen Freunde. Der Pfarrersohn August Becker hatte sein Studium der Theologie 1832 aus Geldmangel abbrechen müssen, ein Jahr lang als Hauslehrer im Vogelsberg gearbeitet und lebte seitdem im Haushalt seiner Mutter in Gießen. Dort galt er „als «Faulenzer» und «Tagedieb», als «verlottertes und verlumptes Genie». Gerade er aber wurde Büchners engster Freund und war «lange Zeit» sogar der «einzige Vertraute seiner teuersten Angelegenheiten»: der heimlichen Verlobung mit Wilhelmine Jaeglé. Im Gegenzug offenbarte ihm Becker bedrückende «Einzelheiten aus seinem Leben»“ (JH).

In dieser Einstellung, alle Menschen als gleich und letztlich als gleich liebenswert zu betrachten, ist Büchner allerdings keinesfalls konsequent. Wenn die Umstände die einen zu Verbrechern machen, die anderen zu Dummköpfen, dann sorgen sie vermutlich auch dafür, einige in Verächter ihrer Mitmenschen zu transformieren. Diese aber nimmt Büchner von seiner allgemeinen Liebe aus und erlaubt sich durchaus Gefühle des stärksten Widerwillens. „Der Hass ist so gut erlaubt als die Liebe, und ich hege ihn im vollsten Maße gegen die, welche verachten. Es ist deren eine große Zahl, die im Besitze einer lächerlichen Äußerlichkeit, die man Bildung, oder eines toten Krams, den man Gelehrsamkeit heißt, die große Masse ihrer Brüder ihrem verachtenden Egoismus opfern. Der Aristokratismus ist die schändlichste Verachtung des heiligen Geistes im Menschen; gegen ihn kehre ich seine eigenen Waffen,“ so heißt es in demselben Brief.

Büchner ist sich bewusst, dass die postulierte Gleichheit durchaus nicht darauf hinauslaufen muss, dass unter gleichen Umständen alle Menschen auch gleich gut, gleich gesittet, gleich wohlwollend zueinander wären. An einer Stelle lässt er seinen Helden Danton die Frage stellen. „Was ist das, was in uns lügt, hurt, stiehlt und mordet? Puppen sind wir von unbekannten Gewalten am Draht gezogen; nichts, nichts wir selbst.“ Und Camille Desmoulins lässt er in gleichem Sinne sagen: „Wir alle sind Schurken und Engel, Dummköpfe und Genies, und zwar das alles in einem: die vier Dinge finden Platz genug in dem nämlichen Körper.“

Selbst wenn die äußeren Umstände für alle Menschen gleich sind, ist in allen von ihnen das Gute ebenso angelegt wie das Böse, denn jene „unbekannten Gewalten“ können eben auch im Menschen selbst liegen. Das würde die Macht der äußeren Umstände relativieren, sie vielleicht auch ganz aufheben. Georg Büchner war nie ein konsequenter Denker wie später sein Bruder Ludwig. Er war nie auf nur eine einzige Deutung der Verhältnisse eingeschworen oder gar auf dogmatische Aussagen, wie wir Mensch und Wirklichkeit deuten sollten oder gar müssen. Gerade das macht die faszinierende Vieldeutigkeit seiner Dichtung aus.

Nur das Mitleiden mit den Ärmsten klingt bei ihm immer echt. Am 1. Januar 1836 schrieb er aus Straßburg an die Familie: „Ich komme vom Christkindelsmarkt, überall Haufen zerlumpter, frierender Kinder, die mit aufgerissenen Augen und traurigen Gesichtern vor den Herrlichkeiten aus Wasser und Mehl, Dreck und Goldpapier standen. Der Gedanke, dass für die meisten Menschen auch die armseligsten Genüsse und Freuden unerreichbare Kostbarkeiten sind, machte mich sehr bitter.“

Wie jeden intellektuell reizbaren Menschen konnte ihn seine geistige Beweglichkeit ungeduldig, vielleicht auch unduldsam und für einfachere Menschen schwer erträglich machen. Er schätzt sich selbst wohl ganz realistisch ein, wenn er im selben Brief sein eigenes Verhalten so beschreibt. „Daher erklärt sich mein Betragen gegen alte Bekannte; ich kränkte Keinen und sparte mir viel Langeweile; halten sie mich für hochmütig, wenn ich an ihren Vergnügungen oder Beschäftigungen keinen Geschmack finde, so ist es eine Ungerechtigkeit; mir würde es nie einfallen, einem Andern aus dem nämlichen Grunde einen ähnlichen Vorwurf zu machen. Man nennt mich einen Spötter.“

Ein Spötter ist ein Mensch, der es mit intellektueller Bravour versteht, jede Behauptung zu relativieren, ad absurdum zu führen oder gar der Lächerlichkeit preiszugeben. Deshalb ist Hermann Kurzke wohl beizupflichten, wenn er den jungen Mann folgender Art charakterisiert. „Er konnte zynisch sein, mutwillig und frech, war aber nie unsittlich, blieb immer sehr keusch, sehr deutsch… Was auffällig fehlt, ist Zärtlichkeit… Gemütlichkeit kam da nicht auf, Witz schon eher, Lachen über kecke Pointen, das lerchentrillernd aufstieg über einem See aus Melancholie… /Dabei gehört/ „die souveräne Enttabuisierung des Sexuellen… zu den erstaunlichsten Tatbeständen bei Georg Büchner… /Doch/ Büchners sexuelle Metaphorik ist zwar witzig, aber nicht warm, nicht herzlich… Impotenzangst trieb ihn wie nur je einen Intellektuellen… Immer noch beschäftigt uns die Frage, woher Büchner die unerhörte Freizügigkeit /bei der Beschreibung des Sexuellen/ hatte. Es fällt auf, dass die sexuelle Emanzipation nur als Prostitution in Erscheinung tritt.“

In Frankreich hat diese Freizügigkeit eine lange Tradition. Und wie wir wissen, hat der Student sich nirgendwo so wohlgefühlt wie in Straßburg, diesem französisch verzauberten Deutschland. Man braucht nur an den Marquis de Sade zu denken oder an die Gefährlichen Liebschaften von Choderlos de Laclos. In den romanischen Ländern gehörte sexuelle Freizügigkeit ebenso zur Zeit des Rokokos wie zu den Vorrechten des Adels. Doch es war ausschließlich der Witz dieser ganz andersartigen Beziehung zwischen den Geschlechtern, der auf Georg Büchner abfärbte – abgesehen von seiner Sprache ist er gerade in dem Punkte der Beziehung von Mann und Frau sehr konservativ und sehr deutsch. Während in romanischen Ländern wie Frankreich und Italien der Liebhaber (Cicisbeo, Abbé etc.) zumindest in den Kreisen der Aristokratie zur anerkannten Institution werden konnte, war das in Deutschland nur ausnahmsweise der Fall – im Bürgertum überhaupt nicht. In Deutschland durfte das unverheiratete Mädchen sich viele Freiheiten erlauben, aber von der verheirateten Frau erwartete man Treue. In den romanischen Ländern war es genau umgekehrt. Ein junges Mädchen musste unberührt in die Ehe gehen, oft wurde es bis dahin in einem Kloster eingesperrt. Um noch einmal Hermann Kurzke sprechen zu lassen: „Büchners Ehen fußen auf absoluter Liebe. Er ist in dieser Hinsicht ein Romantiker… Die romantischen Lieben verwirklichen sich, wenn es so weit kommt, als starke Ehen. Mit Danton und Julie, Camille und Lucile, Leonce und Lena, auch (ohne Trauschein) Woyzeck und Marie spielen Ehen im schmalen Werk Buchners eine auffallend große Rolle… Für ihn bleibt das innerste Ziel die Ehe. Insofern ist er konservativ.“

Dieser Konservativismus drückt sich auch darin aus, dass er eben nicht die Laufbahn des Revolutionärs einschlug, sondern eine gutbürgerliche Karriere. Während er am 6. April 1833, zur Zeit seines ersten Aufenthaltes in Straßburg, in einem Brief an die Familie noch bekennt: „Wenn in unserer Zeit etwas helfen soll, so ist es Gewalt. Wir wissen, was wir von unseren Fürsten zu erwarten haben. Alles, was sie bewilligten, wurde ihnen durch die Notwendigkeit abgezwungen. Und selbst das Bewilligte wurde uns hingeworfen, wie eine erbettelte Gnade und ein elendes Kinderspielzeug, um dem ewigen Maulaffen Volk seine zu eng geschnürte Wickelschnur vergessen zu machen.“

Das war mehr als nur der jugendliche Überschwang eines Zwanzigjährigen. Die Welt war nicht so, wie sie sein sollte, davon war Büchner bis zu seinem Tod überzeugt. Nachdem er aber durch den Landboten im Großherzogtum Hessen zu einem steckbrieflich gesuchten Kriminellen erklärt worden war, änderte er seine Lebensplanung. Mit selbstverzehrendem Fleiß schlug er die gutbürgerliche, rettende Laufbahn des Wissenschaftlers ein und erlaubte sich nur noch nebenbei Ausflüge in die Dichtung, obwohl er nur dort seine eigentlichen Bedürfnisse, Sehnsüchte und vor allem sein größtes Können offenbart.

Es ist aber nicht länger zu übersehen, dass sich in ihm eine weitere Wendung vollzogen hatte – und in ihr bekundete sich mehr als nur die Angst, seiner Familie Schande zu bereiten. Die Welt war nicht so, wie sie sein sollte, diese Erschütterung hat er nie überwunden und nie infrage gestellt. Aber jetzt tritt ein bohrender Zweifel hinzu: vielleicht konnte sie gar nicht anders sein? Wir sahen: in seinen auf den Landboten folgenden Werken und in manchen der oben zitierten Briefe bricht sich dieser Zweifel wieder und wieder Bahn. So kam es dazu, dass er bei seinem zweiten Aufenthalt in Straßburg aller praktischen politischen Tätigkeit abschwört und dort wie auch in Zürich, seiner letzten Lebensstation, mit politisch Aktiven keinen Verkehr mehr sucht.

Der wirkliche Georg Büchner ist daher ungleich vielschichtiger, schillernder und viel weiter von aller Eindeutigkeit entfernt als der Büchner der Ideologen. Büchner ist ein geistsprühender Intellektueller, er ist ein – noch dazu kurzsichtiger – Büchermensch. Seine Liebe zum Volk ist eher platonisch. Als Anführer einer Rotte von Revolutionären kann man sich den jungen Mann schwerlich vorstellen, deswegen haben ihm einige seiner Kommilitonen ja auch jene von Carl Vogt bezeugten ironischen Vivats dargebracht. Die Rolle des Handelnden war ihm nicht auf den Leib geschnitten – aber gerade deswegen hat ihn dieser Menschentyp so sehr fasziniert. Er selbst vermochte sich nur in der Rolle des Betrachtenden zu entfalten, und diese Rolle ließ ihn schnell zu einem Skeptiker werden. Anders als der unglückliche Hamlet hatte er zwar kein aus den Fugen geratenes Königreich zu heilen, aber für einen Sohn aus guter Familie musste die steckbriefliche Fahndung der Behörden ein ebenso großes Unglück bedeuten.

Goethe hat den Gegensatz der zwei Naturen, die in jedem Menschen schlummern – wenn auch jeweils in ganz unterschiedlichem Maße – auf den Punkt gebracht, als er sagte. „Der Handelnde ist immer gewissenlos, es hat niemand Gewissen als der Betrachtende.“ Und der junge Büchner hatte mehr von diesem Gewissen als die meisten Menschen. In einem Brief an seine Verlobte, vermutlich aus der dritten Januarwoche 1834, bekennt er: „/Beim Studium der Revolution/ gewöhnte ich mein Auge ans Blut. Aber ich bin kein Guillotinenmesser.“

Sein Gewissen hätte ihm derartige Grausamkeiten unmöglich gemacht. Schon der Anblick der frierenden Kinder am Weihnachtsmarkt in Straßburg bereitete ihm Pein. Und darin ähnelt der Dichter ja auch einigen seiner großen Figuren. Danton wird sich zunehmend bewusst, dass Revolution ein Spiel mit der Grausamkeit ist – auch er wird von seinem Gewissen gepeinigt. Nur wenn man wie Robespierre alle Gefühle der Menschlichkeit in sich abtötet, kann man zu einem gewissenlos Handelnden werden.

Georg Büchner „war in der Landboten-Zeit als Robespierre angetreten und hatte den Danton in sich doktrinär erstickt. Er war als Linksradikaler angetreten, dem die Theorie über das Leben ging, und hatte nun den Gemäßigten in sich entdeckt, dem die individuelle Menschlichkeit wichtiger war als die Weltverbesserung“ (HK).

Und so sind, wie Hofmann und Kanning diesen Widerspruch wohl am treffendsten beschreiben, „Büchners Figuren… Leidende; Kämpfende, die das Kämpfen aufgegeben haben… Seine Texte beschreiben eine postrevolutionäre und an den Ideologien (ver-)zweifelnde Welt, deren Widersprüche keineswegs aufgehoben sind, sondern in extremem Maße hervortreten, während diejenigen, die Veränderungen brauchen und wollen, gelähmt erscheinen, weil Befreiung auch an den Aporien der Befreiungsideologien scheitert.“

Der Einfluss der Naturwissenschaften auf Georg und Ludwig

Der Einfluss des Elternhauses, der gelesenen Literatur und der im Großherzogtum Hessen vorherrschenden protestantischen Religion ist bedeutsam, interessiert heute aber nur noch den Historiker oder den Germanisten. Deswegen habe ich die entsprechenden Angaben an das Ende dieser Arbeit zu den Biografischen Daten verlegt. Tiefgreifender und heute nach wie vor aktuell ist ein weiterer Einfluss, weil dieser sowohl die historischen Ereignisse selbst wie die Literatur und die Religion entweder rechtfertigte oder erschütterte. Ich spreche von der neuen Weltanschauung, die in der Renaissance zuerst Gestalt gewann, im 17. und achtzehnten Jahrhundert mit der Aufklärung zur Herrschaft gelangte und heute nicht nur unser Denken, sondern die Wirklichkeit selbst radikal beherrscht und immer tiefgreifender verändert. Die Rede ist vom naturwissenschaftlichen Denken, das an die Stelle des Glaubens das Wissen setzt.

Wir werden sehen, dass nicht nur in der Kunst zwei einander teils widersprechende teils ergänzende Tendenzen bestehen, eine Kunst der Befreiung einerseits, eine Kunst der Permanenz und der Vertiefung andererseits. Auch Weltanschauungen sind diesem Widerstreit ausgeliefert. Georg Büchner steht in einer langen Tradition, die von den beiden nahezu gleichzeitig lebenden Dichtern Shakespeare und Cervantes bis zu ihm selbst und in die Moderne reicht. In der Renaissance begann die Demontage einer Weltanschauung, die bis dahin Europa beherrscht und geeint hatte. Sehr schön drückt dies der hellsichtige Kulturhistoriker Lewis Mumford (1963) aus: „Vom fünfzehnten bis zum siebzehnten Jahrhundert lebten die Menschen in einer leeren Welt: in einer Welt, die täglich leerer wurde. Sie sprachen ihre Gebete, sie wiederholten die überkommenen Formeln; sie versuchten sogar, das verlorene Heilige zurückzuholen, indem sie längst vergangenen Aberglauben von neuem belebten: daher die Wildheit und der hohle Fanatismus der Gegenreformation, seine Ketzerverbrennungen und Hexenverfolgungen inmitten einer Zeit wachsender Aufklärung. In einem Rausch der Gefühle, wenn auch nicht der inneren Überzeugung, warfen sie sich zurück in den mittelalterlichen Traum: sie schlugen den Stein, malten und schrieben. In der Tat, wer vermochte jemals so machtvoll den Stein zu gestalten wie Michelangelo, wer schrieb mit größerer Kraft und Ekstase als Shakespeare? Unter der Oberfläche, welche diese Werke der Kunst und des Denkens bildeten, lag jedoch eine tote Welt, eine leere Welt, ein Vakuum, welches noch so viel Glanz und Bravour nicht zu füllen vermochten. Die Künste schossen in die Höhe wie hundert strömende Fontänen, denn gerade in den Momenten der kulturellen und gesellschaftlichen Auflösung pflegt der Geist mit einer Freiheit und Hingabe zu arbeiten, die sich nicht zu äußern vermögen, solange die soziale Ordnung stabil ist und das Leben als ganzes mehr Befriedigung gewährt… Mechanische Erfindungen... waren die Antwort auf einen dahinschwindenden Glauben... Die hin und her schweifenden Energien des Menschen, die sich während der Renaissance in Wiese und Garten verströmt, in Grotten und Höhlen ausgelebt hatten, wurden mittels Erfindungen auf einen Strahl von Wasser oberhalb eines Antriebswerks konzentriert. Diese Ströme brauchten nicht länger zu funkeln, zu plätschern, zu kühlen und zu erfreuen: Sie wurden einem engen und genau umrissenen Zweck dienstbar gemacht, dem Zweck nützlich zu sein und Arbeit zu leisten. Leben, das hieß nun arbeiten. Welche andere Art von Leben kennen Maschinen denn auch? Der Glaube hatte sich nun endlich ein neues Ziel aufgestellt: nicht das Ziel, Berge zu bewegen, sondern Maschinen.“

Demontiert wurde in der Renaissance der Glaube – und mit ihm der Aberglaube, an deren Stellen das Wissen treten sollte. Die überkommene Religion wurde auf einmal von allen Seiten bedrängt und dem Zweifel ausgesetzt, vor allem in den damals geistig lebendigsten Städten wie etwa Florenz. Der große Kulturhistoriker Jacob Burckhardt (1928) bemerkt dazu. „Eine mächtige Quelle aller Zweifel an der Unsterblichkeit war zunächst der Wunsch, der verhassten Kirche, wie sie war, innerlich nichts mehr zu verdanken... Im Augenblick des Todes mag sich mancher wieder nach den Sakramenten umgesehen haben, aber Unzählige haben während ihres Lebens, zumal während ihrer tätigsten Jahre, unter jener Voraussetzung /des Zweifels/ gelebt und gehandelt. Dass sich daran bei vielen ein allgemeiner Unglaube hängen musste, ist an sich einleuchtend und überdies geschichtlich auf alle Weise bezeugt. Es sind diejenigen, von welchen es bei Ariost heißt: sie glauben nicht über das Dach hinaus. In Italien, zumal in Florenz, konnte man zuerst als ein notorisch Ungläubiger existieren, wenn man nur keine unmittelbare Feindseligkeit gegen die Kirche übte...“

Aber die italienische Renaissance war noch nicht endgültig zum bloß Nützlichen zu bekehren. Leonardo da Vinci, in dem sich alle modernen Tendenzen seiner Zeit wie in einem Brennspiegel bündelten, war ein forschender Wissenschaftler, wie es nur je einen gab. Doch in seiner Kunst war es sein höchstes Ziel, die Gesetze des Schönen zur Perfektion zu bringen. Das Bestreben, die Regelmäßigkeiten der Natur zu erkennen und sie zu bändigen, hatte sich noch nicht von dem Bestreben nach Schönheit gelöst. Auch die Inhalte des Glaubens blieben daher als Gegenstände der Kunst weitgehend erhalten. Eben deshalb konnte derselbe Burckhardt behaupten, dass die ewig wiederholten Madonnenbilder jener Zeit nicht das Müdeste, sondern das Beste des damaligen Kunstschaffens waren. Schönheit war ein Ideal, welches die Erkundung der Natur und des darauf gegründeten neuen Wissens mit den äußeren Symbolen des Glaubens versöhnte.

Doch ein Jahrhundert später, in der englischen Renaissance des glorreichen Elisabethanischen Zeitalters, war es damit vorbei. Die Befreiung fand auf ganzer Linie statt, in der Kunst wie in der nun siegreich durchbrechenden neuen Weltanschauung. Bei Shakespeare ist von Gott keine Rede mehr. Es ist, als wäre die Religion zu seiner Zeit bereits abgeschafft. Einer der größten Künstler des 19. Jahrhunderts, der wie kein anderer die Wirklichkeit, wie sie ist, abbilden wollte, aber im hohen Alter zum religiösen Fanatiker wurde, hat das sehr wohl erkannt. Eben deshalb lehnte er die Werke des großen Engländers auch mit entschiedenem Unwillen ab. Leo Tolstoi erkannte, dass die religiöse Deutung der Welt bei diesem Dichter vom Ende des 16. Jahrhunderts alle Bedeutung verloren hatte. Shakespeare hatte sich, wie es scheint mühe- und vorbehaltlos, von ihr befreit. Auch gab es in England anders als ein Jahrhundert zuvor nicht mehr die Personalunion von Kunst und Wissenschaft in einer einzigen, alle anderen überragenden Person von der Art Leonardo da Vincis. Neben Shakespeare, dem Schöpfer einer ganz und gar säkularen Kunst, gab es einen Francis Bacon, den Lordkanzler unter Jakob I., dem Nachfolger Elisabeth I. Neben all seinen sonstigen Tätigkeiten entwarf dieser Mann in Nova Atlantis gleichsam nebenher noch das Programm des neuen zu seiner Zeit bereits herrschenden Weltbilds, das ein Jahrhundert später im Siècle des Lumières dann endgültig zur Herrschaft gelangen sollte.

"The End of Our Foundation /einer wissenschaftlichen Akademie/ is the Knowledge of Causes and secret motions of things; and the enlarging of the bounds of human empire, to the effecting of all things possible,” sagt Francis Bacon in diesem 1614 veröffentlichten Werk und beschreibt damit auf bündige Weise den Machttrieb, welcher der neuen Weltanschauung die Richtung weisen wird. Bacons Atlantier werden als Menschen geschildert, die sich im Bewusstsein ihrer alles durchdringenden Ratio zutiefst glücklich fühlen und den Erfindern in ihrer Mitte besondere Verehrung und Statuen widmen. Man sieht, Bacon sah schon zu seiner Zeit die Verleihung der Nobelpreise voraus.

Die Atlantier sehen nicht mehr und nicht weniger als den Sinn ihres Lebens und das Ziel einer tätigen Existenz darin, eine ihnen bis dahin fremd und ungezähmt gegenüberstehende Natur durch überlegenes Wissen geistig zu enträtseln und materiell zu beherrschen. Bildlich gesprochen herrscht auf Atlantis jene ewige Mittagssonne, mit welcher das Siècle des Lumières zwei Jahrhunderte später die Welt erhellen wird. Im Umfeld des Menschen kann und soll es von da an nichts Dunkles mehr geben. Auch wenn Bacon selbst es noch nicht so deutlich zu sagen wagt, ist die Verheißung doch unüberhörbar: Der Mensch steht jetzt gottgleich über einer von ihm durchschauten, von ihm bezwungenen Natur. Indem er sie berechnet und nach Gutdünken manipuliert, wird er zu ihrem Schöpfer. Für den Gott der Theologen, der diese Stelle bis dahin besetzte, ist da kein Platz mehr vorhanden.

Ganz in diesem Sinne kann der historische Louis-Sébastien Mercier, eine der Figuren in Dantons Tod, dann auch in seiner Utopie Das Jahr Zweitausendvierhundertvierzig voller Enthusiasmus die Frage stellen „Wo wird die Vervollkommnung des Menschen noch enden, seitdem er über Geometrie, die mechanischen Fertigkeiten und die Chemie verfügt?“1

Spätestens mit dem Lordkanzler und Wissenschaftspropheten Francis Bacon hatte sich die europäische Intelligenz endgültig von ihrem bis dahin gültigen religiösen Weltbild verabschiedet und „befreit“ – allerdings auch von jenem umgreifenden Ideal des Schönen, wie es die italienische Renaissance noch ersehnte und in Bild und Architektur auch in hohem Grade verwirklicht hatte. Bald zeigte sich, dass das neue wissenschaftliche Weltbild trans-moralisch und trans-ästhetisch war.

Diese Folgerung war jedoch keinesfalls unumstritten, denn an genau diesem Punkt schieden und scheiden sich bis heute die Geister – manchmal verläuft der Riss quer durch ein und dieselbe Familie. So im Fall von Georg und Ludwig Büchner. Beide sind sich bewusst, dass sie in einer Welt voller Ungerechtigkeiten leben. Auch der elf Jahre jüngere Ludwig Büchner war keineswegs unpolitisch, er hat seinen verstorbenen Bruder auch nie für dessen politische Tätigkeiten getadelt. Für ihn stand jedoch außer Frage, dass es die neue naturwissenschaftliche Weltlehre war, welche allein imstande sein würde, diese Ungerechtigkeiten durch geistige Aufklärung aus der Welt zu schaffen. Glaube und Aberglaube, also Unwissenheit war es, welche die Menschen bis dahin ins Unglück stürzten. Der Kampf gegen das Unwissen und damit die Förderung und Verbreitung des Wissens, sind für ihn die einzige Therapie, um die Umstände dieser Welt bleibend zum Besseren zu verändern. Ludwig Büchner liegt damit ganz auf der Linie von Bacon, Mercier, Voltaire, Kant und allen anderen, die das Heil des Menschen in der Befreiung aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit sehen.

Das Wort „Heil“ ist hier durchaus wörtlich zu verstehen, denn die neue Weltanschauung trat mit dem gleichen Anspruch auf Erlösung und vollständige Erklärung aller Rätsel auf wie bis dahin nur die Religion. Das Système de la Nature des Baron de Holbach glaubte auf alle Fragen eine Antwort zu geben. Was bisher noch Geheimnis und Rätsel war, würde schon bald von der Forschung aufgedeckt und enträtselt werden.