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Die zwölf Hauptthesen des Buches 1 Ein universales Gewissen lässt sich von den Jägern und Sammlern bis in unsere Zeit nachweisen. 2 Der Ursprung sozialen Friedens ist derselbe wie für den Krieg - erst die Etablierung verbindlicher Regeln macht Menschen berechenbar füreinander. Die Andersartigkeit dieser Regeln in jeder Kultur führt aber zwangsläufig zu gegenseitiger Unberechenbarkeit und zu Kriegen. 3 Die beiden Triebkräfte der Geschichte sind das universale Gewissen und der Zufall der Erfindungen, die alle sozialen Verfestigungen aufreißen und sie neugestalten. Die vier Zeitenbrüche: Homo Loquens (Spracherwerb), Homo Domesticus (Ackerbau), Homo Technologicus (Industrielle Revolution) und Homo Deus sive Diabolus (Postfossile Zivilisation) sind alle aus unvorhersehbaren Erfindungen hervorgegangen. 4 Vor etwa zwölftausend Jahren trat mit dem zweiten Zeitenbruch die agrarische Abhängigkeitsformel in Kraft, welche in sämtlichen Massenkulturen die Unterjochung der Nahrung produzierenden Mehrheit (mindestens 80% der Bevölkerung) bewirkte. 5 Üblicherweise wird der Kapitalismus als das wesentliche Kennzeichen der neuen mit der Industriellen Revolution einsetzenden Epoche gesehen, er ist aber nur Teilaspekt einer umfassenden „Privatisierung von Macht“. 6 Der vielgeschmähte Wettbewerb ist eine Voraussetzung für die Gleichheit der Chancen. Hierarchische Gesellschaften und Diktaturen unterdrücken den Wettbewerb. Doch nur der gebändigte Wettbewerb dient dem Menschen. 7 Lange vor Marx wurde die klassenlose Gesellschaft von der Aufklärung gefordert. Sie sollte alle erblichen Privilegien abschaffen und diese vollständig durch individuelles Wissen und Können ersetzen sollte. Dieses Ziel wurde aber nur teilweise erreicht. 8 So begünstigt etwa der Mechanismus der Zinsen die Reichen und Superreichen unabhängig von eigener Leistung in so hohem Grade, dass sich daraus ein ständiger leistungsloser Geldfluss von unten nach oben ergibt. 9 Das universale Gewissen verlangt einen gerechten Staat, wo die Unterschiede von materieller Belohnung und immateriellem Ansehen der Bürger auf allgemein akzeptierten Maßstäben beruhen. 10 Wissenschaft und Technik sind ungemein wirksame Instrumente in der Beherrschung der Natur, aber sie drohen sich in Selbstzwecke zu verkehren, die dem Menschen ebenso dienen wie schaden. Unsere vermeintliche Herrschaft über die Natur könnte sehr wohl in deren ökologische und nukleare Vernichtung umschlagen. Das vorherrschende Wettrennen der Nationen erlaubt keine Trennung der nützlichen von den schädlichen Auswirkungen. Aus holodoxer Sicht ist das erst in „Einer Welt“ möglich. 11 Wissenschaft und Technik sind trans-moralisch und trans-ästhetisch. Menschen werden aber durch gemeinsame moralische Werte füreinander berechenbar und zusammengehalten. 12 Der Staat ist ein moralischer Zweck mit technischen Mitteln. Das Wettrennen der Nationen erhebt aber die Mittel zum Zweck. Nur „Eine Welt“ kann wirksam gegen diese Pervertierung vorgehen. Nur sie kann die nationalen Egoismen beseitigen und dem universalen Gewissen zum Sieg verhelfen.
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Seitenzahl: 570
Veröffentlichungsjahr: 2025
EineWelt!
Kein Turmbau zu Babel
Eine kritische Philosophie der Geschichte vom Jagen und Sammeln bis zum Wettrennen der Nationen
Gero Jenner
Jenners durch die Aktualitäten des Tages veranlasste, aber nie nur auf diesen fixierte Erörterungen grundlegender politischer, ökologischer, sozialökonomischer und kultureller Fragen zählen zum Anregendsten, das derzeit an klar formulierter historischer Soziologie im deutschen Sprachraum zu finden ist. Karl Acham(Professor für Soziologie, Graz)
At last I’ve had a chance to read your sweeping, trenchant, and extraordinarily erudite manuscript. It’s rife with integrative insight about science and the human condition, and coins a wonderful term – holodoxy - that gives a name and legitimacy to the vital discipline of whole-system studies now emerging. The appreciation of indeterminate bifurcation in social evolution -- “different solutions to the same problem” — is an important contribution that invites thinking about different solutions, or scenarios, for the global future. Also, the compelling case for “universal consciousness”, the basis for a common human proj ” the basis for a common human project going forward, could not be more timely in our divided world. Without doubt, the book will launch readers into a panoramic view of where we’ve been and where we are, and a richer understanding of what we face and what we can do. Paul Raskin, Autor von Earthland.
In seinem großangelegten sozio-historischen Überblick zeigt Jenner, dass der Übergang zur Postfossilen Ära einen Bruch mit dem bisherigen nationalen Gegeneinander erzwingt. Gemeinsam werden wir die Zerstörung der Lebensgrundlagen beenden oder gemeinsam den Globus und uns selbst zerstören. Eine Analyse voll überraschender Ein- und Ausblicke. Ernst Ulrich von Weizsäcker, Umweltwissenschaftler
Ich habe mit größtem Interesse und auch Bewunderung Ihr Buch Homo Faber /Titel inzwischen geändert/ gelesen. Ich bin voll mit Ihrer Schlussfolgerung einverstanden. Die Menschheit wird nur überleben, wenn sie sich als Einheit versteht. Ihr ausgezeichnetes Buch wird helfen, das kollektive Bewusstsein zu verändern. Jean Ziegler, Autor und Soziologe
Mit großem Gewinn habe ich die Kapitel von Seite 1 bis Seite 118 gelesen. Sie haben hier aus Ihren fundierten Kenntnissen der Ethnologie, Philosophie und Psychologie überzeugend dargelegt, wie die menschliche Entwicklung sehr wahrscheinlich verlief und wie Faber sich seine Welt entwarf. Hinzu kommen Ihre wichtigen Ausführungen zum "universalen Gewissen", das sich tatsächlich in allen Weltanschauungen und Religionen irgendwie wiederfindet … Ab Kapitel "Die Fossile Revolution" stimme ich in der Zuordnung der Ursachen für die moderne Entwicklung der menschlichen Gesellschaften Ihrer Darlegung nicht zu. Ich bin dezidiert der Auffassung - und diese Erkenntnis habe ich mir langjährig erarbeitet - dass nicht die "fossile Revolution "Ursache“ für die moderne industrielle und gesellschaftliche ist, sondern die "empirisch-analytische und mathematisch-formalisierte Wissenschaftsmethode, die an der Schwelle vom 16. zum 17. Jahrhundert durch Persönlichkeiten wie Gilbert, Galilei, Kepler, Newton und Francis Bacon entdeckt wurde. Rolf Kreibich, ehemaliger Präsident der Freien Universität Berlin
Auf diesen kritischen Einwurf antworte ich in Kapitel „Der Übergang vom moralischen zum naturwissenschaftlichen Weltbild“(siehe 0). Prof. Kreibich ist unbedingt recht zu geben: das plötzlich weit geöffnete Füllhorn fossiler Energie darf natürlich nicht als Ursache der industriellen Revolution aufgefasst werden.
Die vorliegende Arbeit hat mehrere Häutungen erlebt. Zunächst wollte ich sie unter dem Titel veröffentlichen Sapiens wohin? – Was uns Holodoxie über die Zukunft von Mensch und Gesellschaft verrät. In dieser Fassung hatte ich sie den eben genannten Kommentatoren vorgelegt. Die Bekanntschaft mit Ray Dalios wichtigem Werk The Changing World Order – Why Nations Succeed and Fail regte mich dann zu dem Titel an Zeitenbruch und Weltneuordnung – Das Ende von Aufstieg und Fall großer Mächte. Am Ende aber habe ich mich dann zu dem jetzt vorliegenden Titel entschlossen, weil er in größter Knappheit die Intention des Buches zum Ausdruck bringt.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Die zwölf Hauptthesen des Buches
Was wir wissen und was wir nicht wissen können
Zeitenbruch: Das Ende von Aufstieg und Fall großer Mächte
Wie spielt sich ein Zeitenbruch ab?
Die Fremden von jenseits der Grenze
Was treibt den letzten und gefährlichsten Zeitenbruch an?
Von Wert und Unwert humaner Erfindungen
Zwischenstaatliche Anarchie erzeugt verderbliche Neuerungen
Die holodoxe Analyse materieller Erfindungen
Welche Rolle fällt der modernen Wissenschaft zu?
Binnen- und Außenmoral
Das universale Gewissen
Warum das universale Gewissen den Krieg nicht verhindert
Die materiellen Lebensgrundlagen erweitern Freiheit oder engen sie ein
Das Ende eines Jahrtausendtrends: eine vereinte Menschheit
Der Blick auf das Vergangene erschließt uns die Zukunft
Teil I - Erster Zeitenbruch: Homo loquens (Vom Affen zum Sapiens)
Homo vagans et faber (Jäger und Sammler)
Ein frühes Artensterben
Gewaltbereitschaft
Totemismus – frühestes Zeugnis des universalen Gewissens
Verbrechen und Gewissen
Die soziale Struktur der jagenden Horden
Gleichheit in kleinen Horden
Teil II - Zweiter Zeitenbruch: Homo domesticus (Ackerbau)
Agrarzivilisationen und endemische Ungleichheit
Unterschiedliche Lösungen für das Problem der Ungleichheit
Die Macht der Waffen und die agrarische Abhängigkeitsformel
War der agrarischen Abhängigkeitsformel zu entkommen?
Das universale Gewissen im Christentum
Die europäische Aufklärung
Ohnmacht der Vernunft angesichts der agrarischen Formel
Teil III – Dritter Zeitenbruch: Homo technologicus (Fossile Revolution)
Die Nutzung schlummernder Energien
Einerseits: ein welthistorischer Erfolg für die Teile, die Individuen
Gleichheit durch Wettbewerb
Die Privatisierung von Wissen und Macht
Proteste gegen die Privatisierung der Macht
Wissen, Wissenschaft und technisches Können
Der zeitweise Vormarsch der Demokratie
Aber warum eigentlich Demokratie?
Der Staat – ein moralischer Zweck mit technischen Mitteln
Die Transformation des Globus
Andererseits: ein existenzbedrohender Misserfolg für das Ganze
Die Störung des Gleichgewichts in der Natur
Die Störung des Gleichgewichts in der Welt des Menschen
Empathie macht vor Grenzen halt
Die Störung des sozialen Gleichgewichts innerhalb von Staaten
Hobbes‘ Naturzustand: kein Gleichgewicht zwischen den Staaten
Teil IV – Vierter Zeitenbruch: Homo Deus sive Diabolus (Das Ende von Aufstieg und Fall großer Mächte)
Gewaltige Hürden vor der notwendigen Weltneuordnung
Längst überwunden geglaubte Übel kehren zurück
Atomare Rüstung
Woran scheitert unser Gewissen?
Das holodoxe Prinzip in der postfossilen Epoche
Die Vereinten Nationen – Verkörperung des Universalen Gewissen?
Grausamer Leviathan, milder Hegemon
Es wird keine beständige multipolare Weltordnung geben
Untergangspessimismus im vierten Zeitenbruch?
Eine Welt: die planetarische Schicksalsgemeinschaft
Ein Grund zur Hoffnung
Auf dem Weg zu einem Neuen Bewusstsein
Vertiefendes
Einheit versus Absonderung (Separatismus)
Natur versus Kultur
Indien - Ehrfurcht vor dem Leben
Plato und der totalitäre Staat
Der Übergang vom moralischen zum naturwissenschaftlichen Weltbild
Eine globale Schwemme künstlicher Stoffe
Müll: Die Aufhebung des natürlichen Stoffwechsels
Subjektives Wollen, objektive Gesetze
Bevölkerung
Verkehr
Abschied von der Wegwerfgesellschaft
Das Modell der britischen Kriegswirtschaft
Entfremdung
Marx
Geld
Freihandel
Kriegspsychose
Weltregierung
Benjamin Libet
Gestörte Weltanschauung – die „Wissenschaftsreligion“
Alle gegen alle: der Cyberkrieg gegen Wahrheit und Vernunft
Überkomplexität und Überwachungsstaat
Weltleitwährung
Nordstream 2
Donald Trump
Heiße und kalte Gesellschaften
Bibliographie
Personenverzeichnis
Sachverzeichnis
Anmerkungen
1 Ein universales Gewissen lässt sich von den Jägern und Sammlern bis in unsere Zeit nachweisen (1, 2, 3). Es besteht darin, dass Frieden im menschlichen Zusammenleben immer als letztes und höchstes Ziel gesehen wurde.
2 Der Ursprung sozialen Friedens ist allerdings derselbe wie für den Krieg. Während die Etablierung verbindlicher Regeln Menschen berechenbar füreinander macht, bringt die Andersartigkeit dieser Regeln in jeder Kultur zwangsläufig gegenseitige Unberechenbarkeit hervor und führt zu Kriegen: es gibt eine Binnen (Bruder-) und eine Außen(Feindes-)Moral (4, 5, 1). Die beiden Tendenzen - einerseits zu größeren Einheiten, andererseits zu separatistischer Trennung - sind zwar immer gleichzeitig vorhanden. In welthistorischer Perspektive wiegt aber die erste dermaßen vor, dass man von einem Quasigesetz reden darf. Erst der Abschluss dieser Entwicklung, die Vereinigung zu „Einer Welt“, vermag den zerstörerischen Gegensatz von Bruder- und Feindesmoral aufzuheben (35).
3 Die beiden Triebkräfte der Geschichte sind das universale Gewissen und der Zufall der Erfindungen, die alle sozialen Verfestigungen aufreißen und sie neugestalten. Die vier Zeitenbrüche: Homo Loquens (Spracherwerb), Homo Domesticus (Ackerbau), Homo Technologicus (Industrielle Revolution) und Homo Deus sive Diabolus (Postfossile Zivilisation) sind alle aus unvorhersehbaren Erfindungen hervorgegangen (7, 8, 9, 34). Der erste Zeitenbruch aus einer Erfindung der Evolution, die drei anderen aus Erfindungen des Menschen selbst.
4 Vor etwa zwölftausend Jahren trat mit dem zweiten Zeitenbruch die agrarische Abhängigkeitsformel in Kraft, welche in sämtlichen Massenkulturen zur Unterjochung und Ausbeutung der Nahrung produzierenden Mehrheit (mindestens 80% der Bevölkerung) führte. Nur kleine sogenannte „Gartenkulturen“ bildeten eine bemerkenswerte Ausnahme von dieser Regel (10). Die Erlösung der Nahrung produzierenden Mehrheit aus dieser Quasi-Sklaverei geschah durch die Industrielle Revolution und wäre ohne die Nutzung fossiler Energien nicht möglich gewesen (9, 11).
5 Üblicherweise wird der Kapitalismus als das wesentliche Kennzeichen der neuen mit der Industriellen Revolution einsetzenden Epoche gesehen (12). Aus holodoxer Sicht ist die von diesem Zeitenbruch ausgelöste wirtschaftliche und technische Neuordnung jedoch nur Teilaspekt innerhalb einer umfassenden „Privatisierung von Macht“, die alle Bereiche erfasste und politisch zum ersten Mal eine echte Demokratie möglich machte, welche die gesamte Bevölkerung und beide Geschlechter umschließt (12).
6 Der vielgeschmähte Wettbewerb ist eine Voraussetzung für die Gleichheit der Chancen. Hierarchische Gesellschaften und Diktaturen unterdrücken den Wettbewerb. Doch nur der gebändigte Wettbewerb dient dem Menschen (13). Der anarchische Wettbewerb - das Wettrennen der Nationenum die größere ökonomische und militärische Macht - hebt alle Regeln auf und könnte durchaus zur Selbstauslöschung der Menschheit führen (14).
7 Lange vor Marx wurde die klassenlose Gesellschaft von der Aufklärung gefordert, die alle erblichen Privilegien abschaffen und sie vollständig durch individuelles Wissen und Können ersetzen sollte. In einer gerechten Gesellschaft sollten ausschließlich persönliche Fähigkeiten den Rang – also die materielle Belohnung wie das Ansehen - des einzelnen Bürgers bestimmen (15, 16). Daraus ergibt sich aber ein unlösbares Problem. In Gestalt der produzierenden Wirtschaft ist demokratischen Staaten ein undemokratisches Prinzip von vornherein eingebaut (36).
8 Selbst in funktionierenden Demokratien übt ein überdurchschnittliches Eigentum an Geld oder knappen Gütern (Rohstoffen etc.) bis heute einen von Wissen und Können unabhängigen Einfluss auf die soziale Stellung aus(17).1 So begünstigt zum Beispiel der Mechanismus der Zinsen die Reichen und Superreichen unabhängig von eigener Leistung in so hohem Grade, dass sich daraus ein ständiger leistungsloser Geldfluss von unten nach oben ergibt (17, 18). Auch durch bewusste Umverteilung in entgegengesetzter Richtung kommen Demokratien auf Dauer nicht dagegen an, dass Reichtum sich selbst vermehrt. Abgeschafft werden können leistungslose Einkommen aber nicht, solange das Wettrennen der Nationen besteht. Das ist erst in „Einer Welt“ möglich.
9 Das universale Gewissen verlangt einen gerechten Staat, wo die Unterschiede von materieller Belohnung und immateriellem Ansehen der Bürger auf allgemein akzeptierten Maßstäben beruhen, also auf der Qualifizierung durch Wissen und Können (19, 20).
10 Wissenschaft und Technik sind ungemein wirksame Instrumente in der Beherrschung der Natur, aber sie drohen sich in Selbstzwecke zu verkehren, die dem Menschen ebenso dienen wie schaden. Die Spirale wachsender Komplexität des technischen Fundaments moderner Gesellschaften macht aus der Welt einen babylonischen Turm, indem sie immer mehr wechselseitig unverständliche Teilsprachen hervorbringt (21). Und noch viel bedrohlicher: unsere vermeintliche Herrschaft über die Natur könnte in deren ökologische und nukleare Vernichtung umschlagen. Das vorherrschende Wettrennen der Nationen erlaubt keine Trennung der nützlichen von den schädlichen Auswirkungen. Aus holodoxer Sicht ist das erst in „Einer Welt“ möglich.
11 Wissenschaft und Technik sind trans-moralisch und trans-ästhetisch (22, 9, 23). Menschen werden aber durch gemeinsame moralische Werte füreinander berechenbar und zusammengehalten. Andernfalls zerfallen sie in einander bekämpfende Subkulturen. Eine gestörte Weltanschauung blendet diesen zentralen Punkt aus (20, 24, 25).
12 Der Staat ist ein moralischer Zweck mit technischen Mitteln(26). Vor dem Übergang der vorindustriellen moralischen Weltanschauung in die moderne naturwissenschaftlich geprägte galt die moralische Fundierung des Staats überall in der Welt als selbstverständlich (20, 27). Das Wettrennen der Nationen erhebt aber die Mittel zum Zweck (auch die apokalyptischen Endzeitwaffen und die technikbewirkte Vergiftung der Umwelt), solange dem einzelnen Staat daraus Vorteile erwachsen (28, 29, 30, 31, 32). Nur „Eine Welt“ kann wirksam gegen diese Pervertierung vorgehen. Nur sie kann die nationalen Egoismen beseitigen und dem universalen Gewissen zum Sieg verhelfen (33).
Rückversicherung bei der Geschichte ist so etwas wie eine «Erdung» des Blicks in die Zukunft. Herfried Münkler
Vor tausend Jahren wäre es noch unmöglich gewesen, die Zukunft von Mensch und Gesellschaft vorherzusagen. Aber selbst noch vor hundert Jahren hätte man darin ein aussichtsloses Beginnen erblicken müssen – die Optionen für ganz unterschiedliche Entwicklungswege waren einfach zu vielfältig. Das hat sich seit der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts radikal geändert. Es stehen uns nur noch wenige Optionen offen. Wir müssen uns zwischen ihnen entscheiden, weil einige von ihnen uns ins Nichts zu führen drohen.
Ich möchte… Halt! Dieser Anfang könnte so manchen Leser von vornherein stutzig machen. In einem Buch, das sich wissenschaftlich mit Vergangenheit und Gegenwart befasst, ist es nicht üblich, das eigene Ego in den Vordergrund zu rücken. Im Gegenteil verlangt eine ehrwürdige wissenschaftliche Tradition der objektiven Berichterstattung das eigene Ich möglichst völlig hinter den Fakten verschwinden zu lassen. Ein beunruhigter Leser könnte daher fragen: Warum weicht der Autor gleich am Beginn seiner Ausführungen von diesem bewährten Schema ab? Warum geht er gleich zu Beginn von seinen eigenen Präferenzen aus?
Meine Antwort ist ebenso einfach wie entschieden. Es wird in diesem Buch nicht nur um Fakten gehen, also um das, was wir aus der Vergangenheit und von der Gegenwart wissen oder was wir im besten Fall alles wissen könnten. Fakten sind da - und sie sind unwiderruflich. Wir können sie nur leugnen oder durch Fakes oder verzerrende Darstellung absichtlich verfälschen. Aber wie jedem Autor, der sich über Mensch und Gesellschaft äußert, geht es mir letztlich immer um das Werdende und noch zu Gestaltende. Es geht um die Zukunft, wie wir sie uns aufgrund unseres aus der Vergangenheit geschöpften Wissens – denn über ein anderes verfügen wir nicht – erst imaginieren und anschließend verwirklichen wollen. Von der Zukunft selbst aber besitzen wir kein Wissen. Da gibt es eben nichts anderes als unser Wollen, denn die Zukunft des einzelnen Menschen ebenso wie die der gesamten Menschheit steht niemals erkennbar wie eine Tatsache vor unseren Augen. Wir sind die Akteure, die sie mit unseren Absichten und Zwecken erst noch gestalten.
Hier liegt der Grund, warum der Verfasser sich einer Unehrlichkeit zeihen müsste, wenn er in seinen Worten über die Zukunft das eigene Ich versteckt. Niemand kann ehrlicherweise von sich behaupten, über ein sicheres Wissen von der Zukunft zu verfügen. Letztlich drückt jeder nur das eigene Wollen, die eigenen Präferenzen aus. Er sagt uns, wie diese Zukunft seiner Meinung nach aussehen könnte oder wie sie unbedingt aussehen muss, um für kommende Geschlechter akzeptabel zu sein, vielleicht sogar, um den Kindern und Enkeln überhaupt ein Überleben zu ermöglichen. Wenn nur wenige Optionen bestehen, wie in den einleitenden Sätzen behauptet, dann könnte die Zukunft allerdings weniger unbekannt sein, als es auf den ersten Blick scheint.
Zukunft ist ja keinesfalls generell und grundsätzlich unvorhersehbar. Die Wissenschaften von der Natur sind bekanntlich in einer weit besseren Position als die Wissenschaften vom Menschen. Seit den Zeiten der Babylonier gibt es ein Wissen um die Zukunft, das für die kommenden Jahrtausende gültig und offenbar unanfechtbar ist. Seit jener Zeit ist der Mensch in der Lage, Mondfinsternisse und Sternenkonstellationen für kosmische Zeitläufe vorauszuberechnen. Da macht es deshalb keinen Sinn, wenn ein Forscher das eigene Ich erwähnt. In naturwissenschaftlichen Texten ist es zu Recht verpönt, einen Satz mit dem Bezug auf die eigene Person einzuleiten. Die Natur richtet sich nicht nach menschlichem Wünschen und Wollen; der Lauf der Sterne nicht nach menschlichen Werten, moralischen Grundsätzen und unseren Vorhaben für die Zukunft. Die Gesetze der Natur gelten seit Anfang und manche von ihnen vielleicht bis zum Ende der Zeit.
Jeder weiß aus eigener Erfahrung, dass sich unser Wissen vom Menschen in dieser Hinsicht deutlich von unserem Wissen über die unbelebte Natur unterscheidet. Mit einer Wahrscheinlichkeit von an die 99% sagt die Physik ein Verlöschen der Sonne in fünf Milliarden Jahren voraus. Aber welcher Staat in zweihundert Jahren den Globus beherrschen wird und ob es die heute bestehenden dann überhaupt noch geben wird – diese Voraussage ist bislang niemandem gelungen und scheint überhaupt unmöglich zu sein. Wir tappen jedoch nicht allein dann im Dunkeln, wenn von der Zukunft des Menschen die Rede ist. In einem gewissen Maße gilt das sogar noch von der Vergangenheit. Die Naturwissenschaften brauchen keine Scheu zu haben, die Vergangenheit bis an den Anfang von Raum und Zeit, also bis zum sogenannten „Urknall“, auszuleuchten. Alle Bereiche der Natur und selbst noch die Richtung der Zeit erscheinen ihr gleichwertig. Und moralisch macht es für einen Forscher keinen Unterschied, ob er sich mit der Milchstraße, mit Sagittarius oder mit dem Verhalten von Elektronen in einem Atom befasst.
Im Hinblick auf die Vergangenheit von Mensch und Gesellschaft bedarf es aber besonderer Anstrengung, nur die Fakten sprechen zu lassen und nicht das eigene Wünschen und Wollen, die eigenen (Vor)-Urteile, Präferenzen oder inneren Widerstände. Wenn Deutsche über die unseligen dreizehn Jahre reden, in denen Hitler ihre Geschichte besudelte, ist es vielen von ihnen unmöglich, über die Tatsachen – zum Beispiel die Ausrottung ihrer jüdischen Mitmenschen - mit derselben Gleichgültigkeit zu reden, wie sie es über Sonnen- oder Mondfinsternisse tun. Wenn es um die gemeinsame Zukunft geht, dann ist uns ein Festhalten an den Tatsachen ohnehin nicht mehr möglich, eben weil es die Tatsachen noch gar nicht gibt. Es ist unser Wollen, das sie erst noch hervorbringen soll (siehe Subjektives Wollen, objektive Gesetze).
Gut und schön, könnte ein ungeneigter Leser an dieser Stelle einwerfen. Ist damit nicht im gleichen Atemzug einem prinzipiellen Verzicht das Wort geredet? Wenn jeder, der sich zur Zukunft des Menschen äußert, nur seine ganz persönliche Meinung zum Besten gibt, eine Meinung, die so beliebig ist wie jede andere auch, welchen Sinn macht es dann, die Zukunft überhaupt zu erörtern?
Die Frage erscheint durchaus berechtigt. Mancher Naturwissenschaftler hat darauf wohl auch auf Anhieb eine Antwort parat. Es mache tatsächlich keinen Sinn, wird er sagen. Gesetze, wie sie uns die Natur offenbart, suchen wir vergebens im humanen Bereich. Über die Zukunft des Menschen seien keine objektiven – von den persönlichen Wunschvorstellungen und Befürchtungen des Autors unabhängige - Aussagen möglich.
Hätte der Naturwissenschaftler mit seinem Einwand recht, dann wäre der Verfasser der erste, der selbst dem geneigten Leser gleich zu Anfang empfehlen müsste, das vorliegende Buch wie alle anderen zu diesem Thema unbeachtet zur Seite zu legen. An die Lektüre von Meinungen, die jeder haben und die jeder verwerfen kann, brauchen und sollten wir unsere Zeit nicht vergeuden. Wissen ist ein überaus wertvoller und zudem auch vermehrbarer Schatz, Meinungen sind beliebig, sie führen uns keinen Schritt weiter.
Doch eine solche auf die Naturwissenschaften begründete Perspektive ist in Wahrheit unhaltbar. Die meisten Menschen wollen zum Beispiel den Frieden und verabscheuen den Krieg. Zwar ist es richtig, dass unser Wissen über Mensch und Gesellschaft nicht auf Gesetzen beruht. Menschliche Freiheit entzieht sich einer Gesetzesmechanik, die auf der Aufhebung aller Freiheit beruht. Der Mond kann nicht darüber entscheiden, wann und ob er die Sonne verfinstern wird. Ein Mensch an der Spitze eines Staates kann aber sehr wohl bestimmen, ob er den Befehl zur Vernichtung seiner Mitmenschen erlässt oder ob er einen Friedensvertrag unterschreibt. Wünschen und Wollen bestimmen also sehr wohl die Zukunft einer Gesellschaft, aber sie werden dabei von kollektiver Erfahrung aus ihrer jeweiligen Vergangenheit gelenkt. Gewiss erlaubt uns dieses Wissen um das Vergangene niemals eine exakte Vorausberechnung wie sie in den Naturwissenschaften die Voraussage von künftigen Supernovae oder von Sonnenfinsternissen über Jahrtausende oder sogar Jahrmillionen ermöglicht. Insofern sind alle Voraussagen weit weniger verlässlich als in den Wissenschaften der unbelebten Natur, aber sie sind dennoch möglich – und sie sind es heute sogar in besonderem Maße, weil die Zukunft uns Menschen auf diesem Globus eben nur noch wenige Optionen offenhält. Diese grundsätzliche Feststellung möchte ich gleich zu Beginn an einem sehr überzeugenden Beispiel illustrieren: dem bemerkenswerten Buch Why Nations succeed and fail.
Dieses Werk eines bekannten amerikanischen Investors und vielfachen Milliardärs ist deswegen so bemerkenswert, weil es zugleich die Möglichkeiten und die Grenzen der Vorhersage menschlichen Handelns erhellt. Das Thema, das dieser Autor behandelt, ist keineswegs neu. In England hatten sich schon Adam Smith und nach ihm David Ricardo gefragt, warum es gerade ihrem Land – der damals so kometenhaft aufstrebenden Großmacht Great Britain – gelang, erfolgreich an allen Rivalen vorbeizustreben. In Deutschland hatte kein Geringerer als Max Weber diese Frage ebenfalls aufgegriffen und dabei außer dem wirtschaftlichen auch ein ideologische Moment ins Spiel gebracht (die protestantische Ethik). Schließlich hatte der amerikanische Historiker Paul Kennedy die gleiche Frage in einem Werk mit fast identischem Titel aufgegriffen und Daron Acemoglu hat wie schon Adam Smith nach den ökonomischen Voraussetzungen gefragt. Das aber sind nur wenige aus einer ganzen Fülle von Namen, von denen jeder einzelne einen mehr oder weniger bedeutenden Beitrag zu diesem Thema geliefert hat.
Das besondere Verdienst Ray Dalios liegt darin, den Aufstieg und Fall großer Mächte als eine Art von naturgesetzlichem Vorgang verstanden und im Einzelnen analysiert zu haben. Er unterscheidet zwischen Aufstieg, Höhepunkt und Abstieg großer Nationen, wobei er diese drei Phasen jeweils noch in zwei Abschnitte unterteilt. Auf den Gipfelpunkt größter Machtentfaltung folge ein Abstieg, der zu Anfang meist allmählich verlaufe, dann aber meist in einem militärisch bewirkten Kollaps ein plötzliches Ende finde. Aufgrund seiner eigenen Erfahrung als Investor und Finanzexperte liefert uns Dalio eine quantitativ genaue Analyse der finanziellen und ökonomischen Verschiebungen, die sich während dieser drei Phasen und sechs Abschnitte jeweils in der Real- wie der Finanzwirtschaft vollziehen. Schon am Gipfelpunkt der Machtentfaltung vermag der finanztechnisch geschulte Experte den Keim für den späteren Machtverlust zu erkennen. Immer sei es ein hoher Grad an Verschuldung, der dem jeweils führenden Staat zwar lange Zeit größte Vorteile verschafft, aber in Wahrheit den Grund für seinen unaufhaltsamen Niedergang legt. Dalio beschreibt, ohne es selbst so zu formulieren, den Aufstieg und Fall großer Mächte nach dem Muster einer klassischen, griechischen Tragödie. Gerade in dem Moment, wo der Held sich seines Siegs für alle Zeit sicher wähnt, haben die Götter seinen Untergang schon beschlossen.
Ich bekam das große Buch von Dalio erst in die Hand, als ich die erste Version der vorliegenden Arbeit unter dem Titel Sapiens wohin? Was uns Holodoxie – die Lehre vom Ganzen – über den Menschen und seine Zukunft sagt bereits fertiggestellt hatte. Nach der Lektüre wurde mir endgültig klar, dass der Aufstieg und Fall großer Mächte oder Das Wettrennen der Nationen, wie ich diese historische Bewegung schon immer benannte, nicht mehr ist als eine – eher knapp bemessene - Etappe der Weltgeschichte. Dalio hat ein Phänomen auf meisterhafte Weise beschrieben, das für die vergangenen fünfhundert Jahre gültig ist. Bei seinen Studien hat er vor allem zwei ehemalige und ein gegenwärtiges Weltreich ins Auge gefasst: den Aufstieg und Fall der Niederlande sowie des britischen Weltreichs einerseits und natürlich den seines eigenen Landes, der Vereinigten Staaten von Amerika.
Darum, um sein eigenes Land, ist es Dalio vor allem zu tun. Denn alle Geschichtsschreibung will der Gegenwart dienen. Sie macht uns mit den Lehren bekannt, welche uns die Vergangenheit für die Bewältigung aktueller Krisen erteilt. Für einen Amerikaner gehört Mut dazu, seine Mitbürger mit einer so wenig willkommenen Wahrheit wie dem Niedergang der eigenen Nation zu konfrontieren, zumal der Autor in seinem Buch wieder und wieder betont, dass die von ihm beschriebenen Gesetze von Aufstieg und Niedergang „universell“ und daher „zeitlos“ gültig seien. Das kann und soll natürlich bedeuten, dass sie ausnahmslos gelten, also auch für die Vereinigten Staaten. Der Niedergang seines eigenen Landes ist für Dalio ebenso gewiss wie der historische Niedergang der Niederlande oder des ehemaligen britischen Weltreichs. Eine kluge Politik könnte ihn zwar verzögern, aber mehr als einen Aufschub lassen universell und zeitlos gültige Gesetze nicht zu.
In dieser Arbeit hatte ich schon vor der Bekanntschaft mit diesem wichtigen Autor eine seiner Schlussfolgerung entgegengesetzte Auffassung betont: Das Wettrennen der Nationen ist eine historisch einmalige Erscheinung. Bis vor fünfhundert Jahren konnte davon noch keine Rede sein, im 21. Jahrhundert wird und darf davon nicht länger die Rede sein, und zwar aus einem elementaren Grund: Die Menschheit würde andernfalls ihre Lebensgrundlagen zerstören - und sich selbst noch dazu.
In Bezug auf Dalios Werk In Bezug auf Dalios Werk Why Nations Succeed and Fail leite ich daraus eine Folgerung von entscheidender Bedeutung ab. Die von Dalio entdeckte Kurve von Aufstieg und Fall großer Mächte ist weder „zeit–los“ noch „universell“. Wir wissen: Während des längsten Teils menschlicher Geschichte, zur Zeit der Jäger und Sammler, hatte es ohnehin noch keine Reiche, geschweige denn Großreiche, gegeben. Daher konnten sie auch weder steigen noch untergehen. Es stimmt, dass nach dem Übergang zur Sesshaftigkeit schon im dritten Jahrtausend vor Christus zum ersten Mal Großreiche entstanden, die aufstiegen, einen Verfall durchmachten oder auch ganz aus der Geschichte verschwanden. Man denke etwa an das Reich der Assyrer. Aber von einem Wettrennen der Nationen konnte bis vor fünfhundert Jahren nirgendwo auf dem Globus die Rede sein. Meere, Gebirge und Wüsten, also die elementaren Gegebenheiten der Geografie, sorgten verlässlich dafür, dass Großreiche wie das Ägypten der Pharaonen, China, Indien und die Incas in der Neuen Welt sich über Hunderte, einige von ihnen auch über Tausende von Jahren ungestört zu entfalten vermochten. Die bloße Idee eines Wettrennens mit und gegen andere Nationen jenseits ihrer Grenzen war damals noch unbekannt.2
Ich spreche daher von einem Zeitenbruch, der etwa mit dem Aufkommen der kapitalistischen Wirtschaft vor fünfhundert Jahren in Europa begann. Das Wettrennen der Nationen und - ihn begleitend - der Aufstieg und Fall großer Mächte hat erst seit dieser Zeit auf die von Dalio beschriebene quasigesetzhaft-mechanische Art stattgefunden. Aber es geht hier nur in zweiter Linie um die Vergangenheit. Diese interessiert uns Heutige nur aus dem einzigen Grund, um aus ihr für die eigene Gegenwart und Zukunft zu lernen. Und da gewinnen wir gleich eine zweite Erkenntnis. Nicht nur dass wir – sehen wir von wenigen Ausnahmen einmal ab – von einem zyklischen Aufstieg und Fall großer Mächte überhaupt erst sehr spät reden können, es stellt sich außerdem heraus, dass es ihn in Zukunft in der gewohnten Art nicht mehr geben wird. Wir selbst haben die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass der einfache Stafettenwechsel von einer zur nächsten Supermacht nicht mehr infrage kommt. Für diese folgenreiche Behauptung kann ich paradoxerweise Dalio selbst zum Zeugen machen. Eher beiläufig macht er an einer Stelle seines Buches eine Bemerkung, welche seine auf angeblich zeitlosen und universell geltenden Gesetzen beruhende Analyse nicht nur relativiert, sondern sie schlicht entkräftet. Er sagt: So my view is that inventiveness and increases in living standards will probably get a lot better a lot faster — if humanity doesn’t kill itself first.
Ich kann nicht umhin in diesem beiläufig geäußerten Satz eine Ungeheuerlichkeit zu erblicken. Denn eine solche Alternative und apokalyptische Option so nebenbei hinzuwerfen, als hätten wir zwar stets damit zu rechnen, bräuchten uns aber nicht weiter damit zu befassen, ist in Wahrheit eine zwar verständliche, aber dennoch unverzeihliche Unterlassung. Wenn es stimmt, dass die Menschheit aufgrund ihres wissenschaftlich-technischen Könnens zum ersten Mal in der Geschichte Gefahr läuft, sich selbst umzubringen, müsste diese Ungeheuerlichkeit dann nicht Ausgangspunkt für alle weiteren Überlegungen sein? Dürfen wir eine solche Frage überhaupt beiläufig stellen, so als wäre sie ein schlechter Scherz, der leider nicht ganz zu vermeiden ist, aber dennoch ein Scherz, den wir mit einem Achselzucken erledigen?
Mein Anliegen in dieser Arbeit besteht darin, die Ungeheuerlichkeit ernst zu nehmen. Seit der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts hat die Menschheit mehr als nur die Voraussetzungen für eine Zeitenwende, sie hat einen Zeitenbruch geschaffen, d.h. eine Situation mit potenziell tödlichem Ausgang, wenn sie nicht rechtzeitig darauf reagiert. Ja, es gibt den Aufstieg und Fall großer Mächte, und er verläuft weitgehend nach den von Ray Dalio beschriebenen Gesetzen. Aber wenn er so weiter verläuft wie in den vergangenen fünfhundert Jahren, dann wird nicht nur die führende Macht abgelöst - das sind gegenwärtig immer noch die Vereinigten Staaten - dann wird auch nicht einfach ein neuer Zirkel in Bewegung gesetzt, also der weitere Aufstieg der neuen Supermacht China, nein, dann wird – und genau das ist es, was ich in diesem Buch zeigen will – das Wettrennen der Nationen in ein Wettrennen zum Tode münden und zu gegenseitiger Vernichtung.
In diesem Zusammenhang dient ein weiteres Buch besonders erwähnt zu werden, das ich gleichfalls erst nach Beendigung des vorliegenden in die Hand bekam: Welt in Aufruhr von Herfried Münkler. Der Autor beschreibt und bewertet die multipolare Ordnung der großen Mächte, wie sie voraussichtlich während der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts bestehen wird, aber ohne die USA als Hegemon, der durch seine Übermacht den Frieden zu garantieren vermag. “Multipolare Systeme mit Hegemon weisen meist eine große Stabilität in ihrem Innern auf und haben eine starke Disposition zum Frieden zwischen den Staaten, während in multipolaren Systemen ohne Hegemon – also solchen, in denen die Hegemonialposition umstritten ist und keiner sie dauerhaft innehat – das Verhältnis zwischen den /verschiedenen Macht-/ Polen immer wieder aufs Neue austariert werden muss.“ Die kommende Zeit wird viel konfliktanfälliger sein, weil die USA nicht mehr in der Lage und auch nicht mehr willens sind, die Rolle als Weltpolizist weiterhin auszuüben. „In den USA /stellt sich/ die Frage, warum man … die Aufgaben der Weltgemeinschaft übernehmen und die damit verbundenen Kosten tragen solle, um dann doch nur Kritik und Widerspruch dafür zu ernten, bis hin zu Terroranschlägen …“ Die neue Ordnung ist prinzipiell instabil. Das ist Ausgangs- wie Endpunkt für dieses Buch.
Der Mensch sei ein Zoon politikon, so Aristoteles. Dauerhaft leben und überleben kann er nur mit und unter Seinesgleichen. Alles, was er an Gutem aber auch beinahe alles, was er an Leid erfährt, wird ihm von seinen Artgenossen zuteil. Diese Wahrheit erfährt jeder Mensch schon zu Beginn der eigenen Existenz, nämlich in der kleinsten Zelle der Gesellschaft, dort wo diese sich selbst reproduziert: in der Familie. Eine glückliche Kindheit - so die Erfahrung der Menschheit seit ihrem Bestehen vor einigen Millionen Jahren und so die wissenschaftliche Bestätigung vor einem Jahrhundert durch Sigmund Freud - bildet die Grundlage für alles weitere geistige und seelische Wachstum und Wohlbefinden. Doch selbst eine glückliche Kindheit garantiert dem Einzelnen kein konfliktfreies Leben. Nachdem seine Eltern ihm die wichtigsten geistigen und körperlichen Überlebensfähigkeiten übermittelten, muss er sich spätestens am Ende des zweiten Jahrzehnts von der Familie lösen und zu einem eigenständigen Individuum reifen. Diese Emanzipation von einem der engsten Abhängigkeitsverhältnisse überhaupt ist eine erste schwere Prüfung, aber sie ist in den Genen vorprogrammiert – der erste große Konflikt ist unausweichlich. Das erste von drei Abhängigkeitsverhältnissen soll und muss aufgelöst werden.
Spätestens während dieses Übergangs tritt eine zweite Abhängigkeit in Kraft. Nun fordert die Gesellschaft ihr Recht von dem zur Selbständigkeit gereiften Individuum. Dieses hat sich nun in der Gruppe – am Arbeitsplatz, in der Universität etc. - und im großen Ganzen eines Staates zu bewähren. Hier genießt der Einzelne nur wenige Rechte, während er sich sehr vielen Pflichten zu beugen hat. Hatte er sich soeben – meist nicht ohne Konflikte und manchmal sogar unter Leiden – von jener ersten Abhängigkeit gelöst, die während der frühen Lebensjahre noch eine totale war, so muss er jetzt die Erfahrung machen, dass die ihn umgebende Gesellschaft Abhängigkeiten der verschiedensten Art noch viel unnachsichtiger von ihm verlangt. Es gibt keine Gesellschaft – mit Ausnahme jener, die in Bürgerkriegen zerfällt und im Chaos endet - wo nicht menschengemachte Gesetze herrschen, denen der Einzelne bei Strafe gehorchen muss. So tritt jeder von einer ursprünglichen, biologisch vorgegebenen Abhängigkeit zwangsläufig in eine andere, welche jede Gesellschaft auf eigene Weise erschafft, nämlich mit Hilfe von eigenen Sitten, Normen, juristische Ge- und Verboten etc. Die ungeschriebenen Gesetze der Sitte können dabei ebenso herrisch Unterwerfung von ihm verlangen wie die geschriebenen einer Verfassung.
Die Aufzucht und Erziehung des einzelnen Menschen in einer Familie verläuft überall auf der Welt seit Beginn der Geschichte auf ziemlich ähnliche Art, dagegen lässt der zweite Abhängigkeitskreis die erstaunlichsten Unterschiede erkennen, weil jede Gemeinschaft ihre Mitglieder auf eigene Weise formt und Gehorsam von ihnen verlangt. Schon früh haben Menschen einen Blick über den Zaun geworfen und dabei zu ihrer Verblüffung festgestellt, dass ihre Artgenossen jenseits der Grenze anderen Gesetzen gehorchen und anderen Idealen folgen. Der antike Militärstaat Sparta, wo neunzig Prozent der Bevölkerung als Sklaven die Nahrung für sich und die oberen zehn Prozent ihrer Herren erwirtschaften mussten, hatte sich völlig andere Gesetze verordnet als Athen, das seine Nahrung weitgehend aus Übersee importierte und dafür mit Luxusgütern bezahlte. Auch Athen kam nicht ohne Sklaven aus, aber in weit geringerer Zahl, und sie wurden besser behandelt.
Diese fundamentalen Unterschiede blieben nicht unbemerkt. Kein Geringerer als Platon machte sich im Staat Gedanken darüber, wie die Ordnung eines vollkommenen Gemeinwesens aussehen sollte, wo statt Willkür und Tradition allein Gerechtigkeit herrscht. Statt vom Egoismus Einzelner oder dem Eigennutz der Gruppen korrumpiert zu werden, sollte eine solche Gesellschaft allein den Geboten der Vernunft gehorchen. Platon hatte die griechische Geschichte mit ihren dauernden Revolten vor Augen. Auf die Monarchie folgte eine aristokratische Ordnung, die wiederum konnte in die Herrschaft des Volks, in Demokratie, übergehen, ebenso war aber auch der Niedergang in eine Herrschaft der Schlechtesten möglich – die Ochlokratie. Mit seiner Schrift über den Staat wollte Platon dieses andauernde Auf-und-Ab beenden, denn die politischen Umwälzungen hatten ja regelmäßig blutige Bürgerkriege zur Folge. Platons Schrift bezeichnet einen theoretischen Durchbruch. Sieht man von ähnlichen staatskritischen Überlegungen zu etwa der gleichen Zeit während der „Streitenden Reiche“ in China ab, so war dies einer der ersten Versuche, die Ordnung eines idealen Staats auf Gewissen und Vernunft zu begründen.3
Die genannten beiden Abhängigkeiten, denen der Mensch sich als Zoon politikon ausgesetzt sieht - die biologische in der Familie und die darauffolgende soziale innerhalb einer Gruppe, einer Nation oder eines Staats - bildeten zu keiner Zeit einen abgeschlossenen Horizont. Es kommt noch ein dritter Abhängigkeitskreis hinzu; und dieser konnte schon für die ersten Menschen zur größten Gefahr und Herausforderung werden. Auch die kleinen Horden der Jäger und Sammler mussten damit rechnen, anderen Horden auf ihren Wanderungen zu begegnen. Dabei blieb ihnen eine erschütternde und für sie äußerst gefährliche Erfahrung selten erspart. Diese Fremden redeten oft eine andere und für sie unverständliche Sprache, sie pflegten einen anderen zwischenmenschlichen Umgang, sie gehorchten Regeln, die unter Umständen in krassem Widerspruch zu denen der eigenen Gruppe standen.
Eine derartige Erfahrung musste deswegen so einschneidend sein, weil sie das gegenseitige Verhalten unberechenbar macht. Bei einer unvorhergesehenen Begegnung konnte ein glücklicher Zufall Frieden und Einverständnis bewirken, vielleicht sogar den Zusammenschluss zu einer größeren Gruppe. Ein unglücklicher Zufall – bloße Angst vor den Fremden - konnte aber ebenso dazu führen, dass man die Waffen zückte und gegen den anderen Menschen so verfuhr wie gegen eine zu erlegende Beute. Der einmal weltweit verbreitete Kannibalismus deutet darauf hin, dass der Mensch für den anderen Menschen sehr oft nichts Besseres war als ein weiteres Art Beutetier. So war der Mensch in der Begegnung mit Fremden schon am Beginn seiner Geschichte mit einem Zustand der Gesetzlosigkeit konfrontiert, also mit einer An-Archie, für die per definitionem keinerlei Regeln gelten.
Anarchie und Gesetzlosigkeit sind bis heute die hervorstechenden Merkmale des dritten Abhängigkeitskreises, wie er zwischen unabhängigen Staaten besteht. Anarchie ist nicht erst ein Phänomen unserer Zeit. Niemals hat während der bisherigen Geschichte des Menschen eine für alle von ihnen verbindliche Weltordnung existiert, die diesen dritten Bereich der Abhängigkeit unter Regeln und Gesetze brachte. Die bloße Idee einer Weltregierung bleibt bis in unsere Zeit eine von den meisten Menschen als utopisch verworfene Vision. Zwangsläufig musste das dazu führen, dass das Aufeinanderprallen großer Mächte auch heute noch so verläuft, wie ich das soeben für Jäger und Sammler geschildert habe. Unter glücklichen Umständen einigt man sich auf gegenseitige Duldung, unterwirft sich im Handel von Gütern und anderen Beziehungen den Vorgaben des jeweils mächtigeren Staats, aber diese Unterwerfung besteht immer nur temporär. Sobald sich die Machtverhältnisse verschieben, kann es jederzeit zu neuen Kriegshandlungen kommen, die in der Vergangenheit nicht selten in der Vernichtung bis hin zur Ausrottung der Gegner ihren Abschluss fanden. Der dritte Abhängigkeitskreis der zwischenstaatlichen Beziehungen bleibt bis heute eine schwärende Wunde, die jederzeit neu aufbrechen kann.4
Diese Gefahr wird den Menschen immer dann bewusst, wenn ein bis dahin militärisch und ökonomisch vorherrschender Alphastaat seine bisherige Machtstellung einzubüßen beginnt. Ray Dalio sieht das eigene Land, die Vereinigten Staat, nach Aufstieg und Höhepunkt eine dritte Phase durchlaufen, nämlich den Abstieg, der seinerseits in die zwei Abschnitte fünf und sechs zerfällt. Ihm zufolge charakterisiert Abschnitt fünf den gegenwärtigen Zustand der USA. Er wird von Dalio folgendermaßen beschrieben.
Die USA befinden sich in einer Phase…, in der schlechte finanzielle Bedingungen und eine Verschärfung von Konflikten herrschen, während /sie/… immer noch über andere große Stärken verfügen (… Technologie und Militär), die /aber auch/ auf relativer Basis abnehmen. Klassischerweise tritt diese Phase nach Perioden großer Ausgaben- und Schuldenexzesse und der Vergrößerung des Wohlstands- und politischen Gefälles auf und bevor es zu Revolutionen und Bürgerkriegen kommt… Ein klassisches Anzeichen für Stufe 5… ist, dass die Regierung hohe Defizite hat, die mehr zu verkaufende Schulden schaffen, als andere Käufer als die Zentralbank der Regierung bereit sind zu kaufen. … /Dann/ steigen die Staatsverschuldung und die Staatsdefizite, und die Zentralbanken drucken in der Regel mehr Geld… Diese Länder müssen /außerdem/ zunehmend mit billigeren Ländern konkurrieren, die sich in einem früheren Entwicklungsstadium befinden… Ich bezeichne Länder in dieser Phase als „eindeutig im Niedergang befindliche Länder“.
Etwa zur selben Zeit wie der amerikanische Großinvestor Ray Dalio gelangt der deutsche Politikwissenschaftler Ulrich Menzel zu einem ähnlichen Befund. Aus der Perspektive der Hegemonietheorie befinden wir uns… in der kritischen Phase des hegemonialen Übergangs, in der die alte Führungsmacht /USA/ immer weniger bereit und in der Lage ist, ihre Ordnung stiftende Führungsrolle zu spielen, und die potenzielle neue Führungsmacht /China/ dazu noch nicht willens ist, weil ihr noch das nötige Fundament fehlt. Deshalb kehrt in der Übergangsphase die Anarchie der Staatenwelt zurück … Die USA stehen vor dem Dilemma zwischen Positions- und Statusverlust. Solange sie über eine starke Position im Sinne hoher internationaler /ökonomischer/ Wettbewerbsfähigkeit verfügten, verfolgten sie nicht nur selbst eine liberale Wirtschaftspolitik, sondern sorgten dafür, dass die liberale Weltordnung restauriert wurde, wie sie bis zum Ersten Weltkrieg bestanden hatte. Das verschaffte… /ihnen/ den Status der Führungsmacht.
Diese liberale Wirtschaftspolitik hat die industrielle Basis der USA ausgehöhlt, sie hat den Verdrängungswettbewerb vonseiten asiatischer und europäischer Länder ermöglicht.5 Als Freerider der von den USA mit ihrer Militärmacht garantierten Ordnung haben die ökonomischen Rivalen ihre gesamte Kraft für die Stärkung der eigenen Wirtschaftskraft einsetzen können, ohne für die Aufrechterhaltung der zwischenstaatlichen Ordnung aufkommen zu müssen.6 Für die Vereinigten Staaten resultiert das in einem ausweglosen Dilemma. Reagieren… /die USA/ jetzt protektionistisch… um die Position als Wirtschaftsmacht zu behaupten, und /dazu auch noch/ isolationistisch, um die Kosten für ihre internationalen Verpflichtungen zu reduzieren, verlieren sie den Status als Führungsmacht.
Der Verlust geht aus den Zahlen deutlich hervor. Bezogen auf die weltweiten Rüstungsausgaben /beträgt/… der Anteil der USA nur noch 38 Prozent und der Anteil Chinas als zweitgrößter Militärmacht bereits 14 Prozent … Die Zeiten, in denen die Hälfte oder sogar mehr der weltweiten Militärausgaben auf die USA entfielen, der beste Indikator für Hegemonie überhaupt, sind unwiderruflich vorbei … Neueste Schätzungen gehen davon aus, dass China etwa 2028 die USA in der Wirtschaftsleistung überholt haben wird (Menzel 2023, 2024).
Wir sehen: durch eine führende Macht wird die zwischen souveränen Staaten grundsätzlich herrschende Anarchie zeitweise in eine neue Weltordnung überführt. Wenn die führende Macht jedoch allmählich an Stärke verliert – wozu der Keim schon in ihrem Aufstieg angelegt ist (siehe Weltleitwährung) - und dann abermals die Anarchie im Vormarsch ist, weil keine der aufsteigenden Nationen vorläufig die nötige Stärke besitzt, um eine neue Ordnung weltweit zu errichten, dann kann theoretisch der Kreislauf von Aufstieg und Niedergang in alter Manier weitergehen – so wie seit fünfhundert Jahren. Genau diese Annahme setzt Dalio auch voraus. Üblicherweise führt dann ein Krieg zwischen dem Aufsteiger und der niedergehenden Macht die Entscheidung herbei, wer von ihnen stark genug ist, um der Welt eine neue Ordnung zu geben. Der nächste Krieg – denn friedlich werden die Vereinigten Staaten ihre Vormachstellung gewiss nicht an China abtreten – wird dann eben der dritte Weltkrieg sein, nicht nur unglaublich furchtbarer als der zweite, der zwischen 1914 und -45 dreißig Jahre lang Europa verwüstete, sondern ein Krieg, der nach Albert Einsteins Befürchtung vermutlich überhaupt der letzte ist. Die drohende Anarchie im dritten Abhängigkeitskreis, dem Wettrennen der Nationen, wurde bis in unsere Zeit fast immer durch Kriege entschieden. Sie liegt dem heutigen Zeitenbruch zugrunde.
Warum aber ist dieser Zeitenbruch anders als alle früheren? Warum kann der Aufstieg und Fall der großen Nationen sich nicht länger auf die von Dalio beschriebene Art und Weise als bloßer Stafettenwechsel vollziehen? Die Erklärung für diesen Sachverhalt ist denkbar einfach. Sie beruht auf dem rasanten Zuwachs an Wissen und Können seit Beginn der Industriellen Revolution. Inzwischen läuft dieser Zuwachs auf eine explosive Vermehrung wissenschaftlicher Erkenntnisse und technischen Könnens hinaus. Um mit Herfried Münkler zu sprechen, hat auf dem immer engeren Globus eine “Raum- und Zeitschrumpfung” stattgefunden. Durch die moderne Technik sind sich sämtliche Nationen gegenseitig so auf den Leib gerückt, dass eine wirkliche Isolation nicht mehr möglich ist. Anarchie bekommt daher einen ganz anderen Sinn. Zwischen den umherstreunenden Horden der Jäger und Sammler erscheint sie uns im Rückblick geradezu harmlos, vergleicht man sie mit ihren Auswirkungen im Verhältnis von USA, Russland, China und Europa. In einer Zeit, wo eine Supermacht von der anderen nur noch unter Einsatz von Atombomben besiegt werden kann, sind diese Folgen unübersehbar. Die Vereinigten Staaten werden sicher nicht ohne den größten Widerstand akzeptieren, dass China der Welt eine neue Ordnung erteilt und die noch bestehende Pax Americana einer neuen Pax Sinica weicht.
Doch selbst wenn wir von der unwahrscheinlichen Annahme ausgehen, dass der Machtwechsel zwischen den Supermächten ohne einen Weltkrieg zustande kommt, bleibt immer noch die Frage, ob Anarchie dann für alle Zeiten überwunden ist oder ob menschliche Geschichte immer so weitergeht wie von Dalio oder auch Menzel und vielleicht sogar auch von Münkler stillschweigend vorausgesetzt – nämlich ohne, dass es jemals im dritten zwischenstaatlichen Abhängigkeitsbereich zu einer dauerhaften Ordnung kommt, so wie sie innerhalb jeder staatlichen Gemeinschaft eine Selbstverständlichkeit ist?
Ich meine, dass diese Frage angesichts von Waffen, deren Einsatz alles höhere Leben auf dem Globus für alle Zeit zu vernichten drohen, uns mehr als alle anderen beschäftigen sollte – und in diesem Buch auch beschäftigen wird. Zu beantworten ist sie allerdings nur, wenn wir zugleich nach dem Faktor fragen, der über die ganze Geschichte immer wieder bestehende Machtgefüge erschüttert und damit zu einer bis heute nie abreißenden Kette von Kriegen geführt hat.
Innovation and inventiveness are clearly the most powerful determinants of a country’s conditions. Ray Dalio
Bis zu diesem Punkt habe ich den einzelnen Menschen als Zoon politikon in seinen drei Abhängigkeitsverhältnissen betrachtet - in der Familie, im Staat und im zwischenstaatlichen Gefüge. Selbst wenn er seine Ambitionen, vielleicht sogar sein Glück, auf den ersten beiden Ebenen zu verwirklichen vermag, kann die dritte Ebene alle Ambitionen und alles Glück mit einem Schlag vernichten - die Geschichte lehrt uns diese Wahrheit leider mit zahllosen Beispielen. Der fremde Mensch, der in einer anderen Ordnung lebt und diese genauso verteidigt wie wir die unsere, wird dann zum unversöhnlichen Feind. Bis heute wurde die unberechenbare Bedrohung von außen nie aus der Welt geschafft, weil die Anarchie zwischen den Staaten immer nur temporär von der führenden Macht gemildert oder bestenfalls zeitweise beseitigt wird. Doch mit dem Niedergang der Vereinigten Staaten leben wir neuerlich in einer Epoche des anarchischen Übergangs. Auf dem klein und eng gewordenen Globus werden Misstrauen und Feindschaft von linken wie rechten Populisten wieder mit Hetze und Hass geschürt. Derzeit geschieht das vor allem durch Putins totalitäres Russland,7 durch Nordkorea und durch den Iran, aber in mehr oder weniger ausgeprägtem Maße regen sich Populisten und Nationalismus überall auf dem Globus.
In solcher Perspektive erscheint der einzelne Mensch nur als Leidender und als ein potenzielles Opfer. Er ist es, der solchen Zugriffen von außen ständig ausgesetzt bleibt, selbst wenn er das Glück hat, in einem Staate mit vorbildlichen Institutionen zu leben. Und damit ist noch nicht einmal die ganze Wahrheit ausgesprochen. Bis hierher haben wir nur eine synchrone Analyse der drei Abhängigkeitsverhältnisse vorgenommen, aber die diachrone Ebene außer Acht gelassen. Das ist eine schwerwiegende Unterlassung, denn die diachrone Analyse zeigt uns den Einzelnen in einer ganz anderen Rolle, er ist nicht nur Leidender, er ist zur gleichen Zeit auch die eigentliche Ursache aller Entwicklung und aller daraus entstehenden Ungleichgewichte. Unser Wissen über die Natur und unser technisches Können entstehen nie kollektiv, sondern in den Köpfen einzelner Menschen. „Entwicklung“ wird von einzelnen Erfindern, Bastlern und Ingenieuren vorangetrieben. Ihre Erfindungen sind es, die das kollektive Los nicht selten radikal umgestalten. Für das kollektive Los der Menschen können sie aber den größten Segen bedeuten oder das größte denkbare Unheil.
Der größte und erste Zeitenbruch überhaupt beruht allerdings nicht auf „Erfindung“, also einem bewussten Tun des Menschen, sondern auf einer Wandlung deren unbewusstes Objekt er selber war, nämlich der Entwicklung von Sprache, die das eigentliche Merkmal ist, das ihm eine Vorrangstellung vor allen anderen Wesen verleiht. Über den Verlauf dieses ersten prähistorischen Zeitenbruches wissen wir allerdings so gut wie nichts. Nur in abstracto können wir darüber reden, welche ungeheuren Vorteile der Erwerb einer entwickelten Sprache und die dadurch ermöglichte Vervielfachung von Wissen und Können dem „nackten Affen“ verschaffte, der erst dadurch zum „Homo sapiens“ wurde.
Erst in den nachfolgenden drei Zeitenbrüchen hat der Mensch sein Schicksal selbst in die Hand genommen, wobei die größte Erfindung vor der Industriellen Revolution zweifellos die Landwirtschaft war. Sie setzte dem Leben der Menschen als Jäger und Sammler ein Ende, weil man die Nahrung seit dieser Wende durch eigene Arbeit erzeugte, statt das Vorhandene durch Jagen und Sammeln zu ernten. Dieser zweite welthistorische Zeitenbruch steht exemplarisch sowohl für das Heil wie für das Unheil, das von technischen Erfindungen bewirkt wird. Das Heil bestand darin, dass der Mensch mit Hilfe der Landwirtschaft eine Krise überwand, die mit der Ausrottung der großen Beutetiere ihren Höhepunkt bereits überschritten hatte. Der weiteren Vermehrung der menschlichen Spezies waren nun enge Grenzen gesetzt. Mit der neuen Erfindung wurden diese aber auf spektakuläre Art überwunden, denn in historisch sehr kurzer Zeit ließ sich von da an ein Vielfaches an Nahrung erzeugen. Das von diesem ersten Zeitenbruch ausgehende Unheil aber trat ebenso schnell in Erscheinung. Wir werden sehen, dass es mit der Gleichheit der Menschen, wie sie bei Jägern und Sammlern die Regel war, in allen Massengesellschaften vorbei war. Bis zu neunzig Prozent der Bevölkerung wurden auf dem Lande zu einem oft sklavenähnlichen Dasein gezwungen, um eine kleine Schicht von Privilegierten an ihrer Spitze zu ernähren und zu bedienen. Das war eine auf leistungslosen Einkommen basierende „Rentenwirtschaft“, wo die Beherrschten mit angedrohter oder tatsächlicher Gewalt von den Herrschenden gezwungen wurden, ihre Abgaben und Dienste zu leisten.8 Nur wenige und fast immer sehr kleine Gemeinschaften konnten in den sogenannten „Gartenkulturen“ dieser Fron entgehen. So wurde eine Erfindung, die einerseits segensreich war, da sie eine außerordentliche Vermehrung der Bevölkerung erlaubte und den Grundstein für alle höhere kulturelle Entwicklung legte, für zehntausend Jahre zu einem Fluch für die überwältigende Mehrheit. Rentenbasierte Wirtschaften, in denen eine kleine Schicht den Reichtum eines ganzen Landes in die eigenen Hände lenkt, haben sich bis heute erhalten. Putins Russland der Oligarchen ist in unseren Tagen nicht das einzige, aber das bekannteste Beispiel.9
Nach dem Übergang zur Sesshaftigkeit und vor dem dritten Zeitenbruch, der Industriellen Revolution gegen Ende des 18. Jahrhunderts, hat es eine Reihe von Erfindungen mit weniger explosiven, aber dennoch weitreichenden Folgen gegeben. So machte die Erfindung der Schrift dauerhafte Herrschaft in Massengesellschaften erst möglich, weil das begrenzte menschliche Gedächtnis sich durch Archive unendlich erweitern ließ und so die Besteuerung der Massen durch die herrschende Schicht erst ermöglichte. Eine weitere Erfindung – die des Reflexbogens, der pro Minute eine Schussfolge von bis zu zwanzig Pfeilen auf eine Distanz von bis zu 150 Metern erlaubte, und zwar auf dem Rücken galoppierender Pferde - verschaffte den Mongolen im dreizehnten bis zur ersten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts ein kurzlebiges Weltreich, das unter dem blutrünstigen Dschingis Khan der Welt noch als Werk des Teufels erschien, während die nach ihm etablierte Pax Mongolica fast dem halben Globus eine Zeitlang Frieden schenkte. Zwei Jahrhunderte später war es die Perfektionierung und der geschickte Einsatz der Feuerwaffen, die dem kleinen Europa für ein halbes Jahrtausend die Herrschaft über weite Teile des Planeten verschafften. Wenn dieser Zipfel des großen eurasischen Kontinents bis heute zu den materiell am fortschrittlichsten und geistig regsamsten Gebieten des Globus zählt, dann liegt der Grund dafür in dem außerordentlichen Machtzuwachs, den Europa dieser und anderen Erfindungen verdankt. Etwa zur gleichen Zeit, also vor ca. fünfhundert Jahren, setzte eine finanztechnische Revolution im Kreditwesen ein. Sie ermöglichte einen geordneten Fernhandel, setzte aber zur gleichen Zeit das unheilvolle Wettrennen der Nationen in Gang. Ohne solche Grundlagen für seine materielle Macht wäre das kleine Europa kaum zu seiner bis heute anhaltenden geistigen Ausstrahlung gelangt. Wenn wir zugeben müssen, dass Jäger und Sammler niemals jene Wunderwerke der großen Baukunst, der Dichtung, der Musik und der Wissenschaft hervorbringen konnten, wie sie überhaupt erst auf der materiellen Grundlage der Landwirtschaft entstehen konnten, dann müssen wir ebenso einräumen, dass es Europas große Denker wohl niemals gegeben hätte, wären seine Kanonen, seine Galeonen und sein erfolgreiches Finanzsystem nicht gewesen, die ihm ein halbes Jahrtausend lang Macht über den Globus verschafften .10 Materielle Entwicklung und geistiger Aufschwung sind eng miteinander verbunden.
Dieser Zusammenhang sollte allerdings erst im Zuge des dritten großen Zeitenbruchs in Erscheinung treten. Nach dem Übergang zu Ackerbau und Sesshaftigkeit bedurfte es einer ganz anderen Erfindung, nämlich der auf extensiver Nutzung fossiler Energien beruhenden Industriellen Revolution, um die voraufgehende Epoche wiederum durch eine klare Zäsur von der nun folgenden zu trennen. Die daraus hervorgegangene neue Gesellschaft gründet auf dem „Profit“, den Menschen durch je eigene Leistung erzeugen. Zur gleichen Zeit kommt es nun zum ersten Mal in der Geschichte auch zu einer Verteilung von Macht, die es in Massengesellschaften zuvor nie gegeben hatte. Es entstehen repräsentative Demokratien. Wiederum ist es eine von Einzelnen ausgelöste Serie von Erfindungen, welche die kollektive Entwicklung in eine historisch neue Richtung drängen.
Das Geschick der einzelnen Menschen und der Nationen wird also nicht allein durch die potenzielle Anarchie des dritten Abhängigkeitskreises bestimmt, sondern als weiterer grundlegender Faktor kommt die Erfindungskraft einzelner Menschen hinzu, die das Gefüge der Macht innerhalb der Staaten und zwischen ihnen jederzeit auf unvorhersehbare Weise zu verändern vermag.
If we lost our neophilia, we would stagnate. If we lost our neophobia, we would rush headlong into disaster. Desmond Morris
The Dutch invented capitalism as we know it. This was great for the Dutch and great for the world, but like most great inventions, it brought with it some potentially deadly consequences. Ray Dalio
In dieser Hinsicht besteht ein eindeutiger Unterschied zwischen dem zweiten und dem drittem Abhängigkeitskreis. Kein Staat, keine Gesellschaft wird Erfindungen dulden, die ihr Schaden zufügen können. Sie beurteilt alles Neue im Hinblick auf den Wert für die eigenen Bürger und das Wohl des Staates. In diesem Sinne hat sich das alte China zwei Jahrtausende lang gegen Neuerungen gewehrt, welche menschliche Arbeit durch Maschinen ersetzen. Das war eine sinnvolle Politik, denn das Land war von jeher außerordentlich bevölkerungsreich. Die Menschen mussten Arbeit finden, um mit ihrem Los und der Regierung halbwegs zufrieden zu sein. Menschen durch Maschinen zu ersetzen, macht nur dann einen Sinn, wenn Arbeitskräfte knapp sind und entsprechend hoch bezahlt werden müssen.
Eine epochale Erfindung der Chinesen war die damals größte Flotte der Welt, die unter Zheng He am Höhepunkt der Ming-Dynastie im frühen 15. Jahrhundert - also ein dreiviertel Jahrhundert vor den maritimen Erkundungen und Eroberungen Europas - in Richtung Afrika segelte, und zwar mit Schiffen, die den sechzig Jahre später die Weltmeere durchkreuzenden Portugiesen sowohl quantitativ wie qualitativ weit überlegen waren. Wäre Vasco da Gama auf Zheng He gestoßen, hätten seine Galeonen keine Chance gehabt.
Aber was haben die Chinesen aus dieser Expedition gemacht? Nichts - keine Eroberung, keine Besetzung fremder Länder. Man verlangte von deren Machthabern nur den Kotau vor dem chinesischen Kaiser, weil dieser als Sohn des Himmels nach chinesischer Auffassung über sämtliche Länder und deren Herrscher gebot. Der Aufwand der Expedition war demnach enorm, der Ertrag minimal. Die größte Flotte der damaligen Welt wurde nach 1433 daher auch per kaiserlichem Dekret abgewrackt. Das Unternehmen war nicht nur außerordentlich teuer, es hatte zudem eine Klasse über Gebühr reich gemacht, der eine solche Stellung nach konfuzianischem Weltbild, wie es von den philosophisch geschulten Literaten-Gouverneuren des Landes vertreten wurde, nicht zukam. Händler und Fabrikanten standen noch unterhalb der Klasse der Bauern. Ihre ungebührliche Bereicherung brachte die moralisch vorgeschriebene Klassenordnung durcheinander. Wie hätte man ahnen können, dass nur wenige Jahrzehnte vergehen würden, bis eroberungssüchtige und -fähige europäische Mächte bis zu ihrem Land vordringen, Feinde, die man mit einer mächtigen eigenen Flotte sicher abgewehrt hätte? Seit Beginn chinesischer Geschichte war alle Bedrohung ausschließlich von Reitervölkern aus den Steppen im Westen und Norden gekommen. Auch zu dieser Zeit rechnete man nur mit der gewohnten Gefahr aus den Steppen. China verstärkte und erhöhte die Große Mauer, während es die eigene Flotte – die bei weitem stärkste der damaligen Welt - auf höchsten Befehl vernichten ließ.
Die Entscheidung zum Abwracken der damals stärksten Flotte war logisch, und sie war sinnvoll aus der Perspektive des innerstaatlichen zweiten Abhängigkeitskreises. Auch die Vernachlässigung von Maschinen, welche Menschen ihrer Arbeit beraubt haben würden, schien aus dieser Perspektive unanfechtbar, weil ein Staat nur in Erfindungen investieren sollte, die den eigenen Bürgern Nutzen verschaffen. Niemand konnte damals vernünftigerweise eine Gefahr vorausahnen, die es die vergangenen zweitausend Jahre niemals gegeben hatte. Und dennoch ist unbestreitbar, dass Europas Expansion in den fernen Osten und Chinas zweihundert Jahre Demütigung dem Umstand geschuldet sind, dass die Gefahr für China von einer Seite kam, wo die Chinesen sie am wenigsten vermutete, nämlich vom Meere her.
Die Unberechenbarkeit des dritten Abhängigkeitskreises, also die Bedrohung von außen, ist ein sich selbst beschleunigender Prozess. Jede Erfindung, welche Völker in engere Berührung bringt, erzeugt neue Erfindungen, um deren Folgen zu bewältigen, bringt dadurch noch größere Unberechenbarkeit hervor – und so weiter in einer sich unaufhörlich höherschraubenden Spirale. Die Reiterheere der Mongolen hatten den halben Globus zu Lande überwunden, die Galeonen der Portugiesen, Spanier, Niederländer und schließlich der Briten überwanden den ganzen Globus zu Wasser. Spätestens seit dem fünfzehnten Jahrhundert gab es keine sicheren Grenzen mehr. Kein Staat konnte sich vor den anderen dauerhaft schützen – es sei denn, er investierte mehr und mehr in die Erfindungen des Todes, nämlich um drohender äußerer Gewalt mit eigener Gewalt zu begegnen. Die Militarisierung aller Staaten der Welt ergab sich als eine zwangsläufige Folge.
Das war nicht immer so. Inselstaaten, aber auch solche, deren Grenzen durch Meer und Berge hinlänglichen Schutz genossen, hatten ihre militärischen Ausgaben auf ein Minimum beschränkt oder besaßen überhaupt keine Streitmacht. Selbst in China, das unter dem Einfall barbarischer Reiterhorden immer wieder zu leiden hatte, konnte sich das Militär niemals Ansehen verschaffen. Die Erfindungskraft des Menschen, so die vorherrschende Auffassung, sollte sich auf positive Neuerungen beschränken, die den Wohlstand im eigenen Land befördern.
Diese Konzentration auf positive Erfindungen besteht nicht länger, die Erfindungen des Todes genießen zumindest den gleichen Rang wie die Erfindungen zugunsten des Lebens – und in diesem Wandel spielte Europa zweifellos eine besondere Rolle. Die Grenzen zwischen seinen vielen Königs- und Fürstentümern waren ja niemals sicher – nicht in den Zeiten des alten Griechenlands und des römischen Reichs und schon gar nicht seit seinem neuerlichen Aufstieg im zweiten nachchristlichen Jahrtausend. Jeder Kleinstaat musste mit Übergriffen vonseiten der Nachbarn rechnen. Das hatte zwangsläufig zur Folge, dass den Erfindungen des Todes, sprich der Waffentechnik, eine besonders große Bedeutung zufallen musste.
Denn Globalisierung als ein Prozess, der alle Staaten in zunehmend enge Berührung bringt, ist auch durch gegenseitige Unberechenbarkeit charakterisiert. Die Anarchie zwischen Mächten, die keiner für alle geltenden Ordnung verpflichtet sind, hat zwangsläufig zur Folge, dass die Erfindungen des Todes, womit man sich vor den anderen schützen will oder muss, eine immer größere Rolle spielen.11 Globalisierung kann dem Leben dienen, wenn ein Alphastaat vorübergehend die Macht besitzt, verbindliche Regeln zu schaffen, aber jedes bisherige Weltreich ging noch an Überdehnung und innerer Auszehrung zugrunde und brachte dadurch von neuem die Anarchie hervor, deren Beseitigung doch seine eigentliche Lebensaufgabe war. Damit wurde ein Teufelskreis in Bewegung gesetzt, welcher dem dritten Abhängigkeitskreis einen immer größeren Einfluss auf das menschliche Dasein verschafft, ja, dieses in unseren Tagen zum ersten Mal in der Geschichte existenziell bedroht.
The new revolution transcends the reductive and mechanistic models of old to place holism and emergence at the frontiers of contemporary theory. Paul Raskin
Denn es ist die Beziehung der Teile zueinander, ihr Zusammenwirken, das eine bestimmte Dynamik und eine Entwicklung /Gleichgewichte oder deren Gegenteil/ vorantreibt ... Maja Göpel
Neuerungen besitzen das Potenzial, das Leben der Menschen zum Guten wie zum Bösen radikal zu verändern. Im Reich der Mitte waren die Menschen so erfindungsreich wie in Europa, aber sie haben wegweisende Erfindungen im Laufe ihrer Geschichte bewusst unterdrückt, z.B. das Papiergeld, das Sprengpulver, arbeitserleichternde Maschinen, die stärkste Flotte der Welt und eine Massenerzeugung von Stahl gegen Ende des 11. Jahrhunderts12 - ganze sieben Jahrhunderte vor der englischen Industriellen Revolution. Die herrschende Klasse der in konfuzianischer Moral geschulten Literaten-Gouverneure ging stets gegen technische Neuerungen vor, sobald sie darin eine Gefahr für das bestehende soziale Gefüge erblickte.13 Bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts hat China auch so gut wie keine Einflüsse von außen akzeptiert oder aufgenommen. Sieht man von den zwei, drei Einfällen barbarischer Steppenvölker ab, hat das zweitausend Jahre lang mächtigste Land der Erde bis ins sechzehnte Jahrhundert und bis zur Begegnung mit europäischen Missionaren überhaupt nur die eigene Zivilisation gekannt und gewürdigt. Selbst die Episoden vorübergehender Fremdherrschaft haben es wenig berührt, denn die erobernden „Barbaren“ haben sich in der Regel schnell assimiliert; anders gesagt, wurden sie von der chinesischen Kultur ihrerseits erobert. Wie alle anderen großen Kulturen lebte das Land von innen heraus aus den eigenen Traditionen. Es war eine neue und für die Chinesen überaus schmerzhafte Erfahrung, dass sie sich nach ihrer Demütigung im 19. Jahrhundert und dem darauffolgenden zwanzigsten zum ersten Mal in ihrer Geschichte genötigt sahen, von der äußeren Welt zu lernen. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Wettrennen der Nationen bereits begonnen, sich auf den gesamten Globus auszudehnen. Um des eigenen Überlebens willen, musste China die gesamte wissenschaftliche und technische Entwicklung absorbieren, die der jeweils stärkste Staat des Planeten den anderen als ein nachzuahmendes Muster vorgibt. Das war zunächst das britische Weltreich, danach waren es die Vereinigten Staaten.
Inzwischen gibt es keinen Staat auf der Erde, der nicht auf gleiche Weise gezwungen wäre, in Politik, Wirtschaft und technischem Fortschritt dauernd auf die jeweils stärkeren Staaten zu schielen. Direkt oder indirekt diktieren diese sein eigenes Verhalten in der Sicherheits-, der Handels- und Finanzpolitik sowie in der wissenschaftlich-technischen Ausbildung. Das bedrohliche Paradox der heutigen Situation besteht aber darin, dass dieser Anpassungsdruck die Verflechtung zwischen den Staaten und die damit einhergehende Uniformierung zwar immer größer macht – zugleich aber auch die Gefahr, der sie sich dadurch auf einem Globus aussetzen, der bis heute keine institutionalisierte überstaatliche Ordnungsinstanz aufweist.
Diese Gefahr wird keineswegs dadurch aufgehoben, dass sie die Verflechtung auf gewissen Gebieten verringern oder auch ganz aufheben. Russland und China sind zum Beispiel bemüht, sich allmählich aus der Vorherrschaft des Dollars zu lösen. Außerdem lenken beide Staaten den äußeren Datenzufluss aus dem Internet im Sinne einer größeren Isolation der eigenen Bevölkerungen von äußeren Einflüssen. Und das Wichtigste: sie übernehmen zwar, ohne zu zögern, alle von außen kommenden Neuerungen, die einerseits ihre Verteidigungsfähigkeit, andererseits den Lebensstandard der eigenen Bürger erhöhen. In diesem Sinne betreiben sie hemmungslos den systematischen Diebstahl am geistigen Eigentum konkurrierender Nationen. Aber dieser äußeren Angleichung der Lebensbedingungen auf dem Globus steht die bewusste Erzeugung von mentalen Gegensätzen gegenüber: sprich Propaganda und Indoktrination. Autoritäre Staaten statten ihre Bürger mit einer spezifischen App in den Köpfen aus: der jeweiligen Ideologie, die manche von ihnen mit allen Mitteln des Zwangs von oben verordnen. Hier werden Gegensätze künstlich erzeugt, um das Wettrennen noch weiter anzuheizen (siehe Natur versus Kultur
