5,00 €
Eine BI entsteht häufig dann, wenn die Bürger irgendein Problem drückt, das ihnen von dritter Seite als unausweichlich und als im allgemeinen Interesse hinzunehmend dargestellt wird. Ich bin innerhalb des vergangenen Jahrzehnts mehrfach in Situationen geraten, die das Entstehen von regionalen Protestbewegungen zur Folge hatte. Die durchgängige Erfahrung hierbei lässt sich auf einen ebenso platten wie zutreffenden Nenner bringen: Gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht. In aller Regel ist der Gegner größer, stärker, besser vernetzt, finanzkräftiger und geübter im Umgang mit den Medien. Was hat der Bürger dem entgegen zu setzen? Seinen Enthusiasmus und Idealismus, seinen Glauben an die gute Sache, seine Freizeit und oft genug auch noch sein Geld. Idealisten gegen Profis - dagegen nehmen sich David und Goliath wie gleich starke Gegner aus. Das scheint Ihnen übertrieben? Probieren Sie's aus.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 184
Veröffentlichungsjahr: 2014
Die Bürgerinitiative
Der garantiert theoriefreie Trost-und Ratgeber für alle, die begriffen haben:
Welt retten beginnt vor der Haustür!
Von Wolfgang Ehle
Über den Autor
Wolfgang Ehle, über 25 Jahre selbständig als Marketingberater, Texter und Übersetzer, stiess 1997 zu der frisch gegründeten Bürgerinititive seines Wohnortes gegen den Ausbau des Frankfurter Flughafens. Schnell wurde ihm die Diskrepanz zwischen den berechtigten Forderungen der Menschen und der Durchsetzungsmacht der Wirtschaft klar. Es wurde ihm deutlich, dass die enge Verzahnung von Politk und Wirtschaft der eigentliche Kern des Problems ist.
Eine weitere Erkenntnis war, dass betroffene Menschen nur dann eine Chance auf Gehör haben, wenn sie das Instrumentarium der Gegenseite zu spielen in der Lage sind: Lobbyismus und gezielter Einsatz der Medien. Und das Ganze auf möglichst professionelle Art und Weise.
Vor diesem Hintergrund entstand das vorliegende Buch. Es richtet sich an alle, die irgendwann in ihrem Leben mit einer Situation konfrontiert werden, die sie nicht ertragen wollen oder können. Es zeigt auf, welche Schritte notwendig sind, welche Fallgruben lauern und wie man sich als bisher ruhiger Bürger in der neuen Welt der „Aktiven“ zurecht findet.
Das alles findet statt ohne Theorie, wird an realen Beispielen erklärt und locker und bisweilen humorvoll dargeboten. Dieses Buch ist ein Ratgeber und ein unterhaltsames Lesebuch.
Impressum
© 2013 Wolfgang Ehle
Kontakt: [email protected]
Umschlaggestaltung, Illustration: Wolfgang Ehle, Umschlagfoto: Heinrich Lange, Pixelio.de, Lektorat: Hella Ehle
Verlag: tredition GmbH, Hamburg.
ISBN: 978-3-8495-7499-4
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Inhalt
Vorwort
Was ist eine Bürgerinitiative?
Wie entsteht eine Bürgerinitiative?
Was sind typische Gründungsanlässe?
Warum überhaupt eine BI?
Welche Struktur braucht eine Bürgerinitiative?
Der „Elternbeirats-Trick“
Basisdemokratie oder Hierarchie?
„Zehn Gebote“ als Leitlinie?
Das typische Mitglied einer BI
Direkt Betroffene
Zivilcourage ist gefragt
Indirekt Betroffene
Organisierte Interessenwahrer
Politisch engagierte Mitglieder
Der Fachmann
Hinweis aus der Praxis
Die praktischen Aspekte der BI-Arbeit
Wie gewinne ich Mitglieder?
Motivationen für die Beteiligung an einer BI
„Politikberatung“
Achtung Falle: Gründungshilfe durch Lobby-Organisationen
Spendenquittung - Der „e.V.-Mythos“
Themenverwässerung durch „benachbarte“ Probleme
Projektplaner und Verwaltungen
Berührungsfreie Kommunikation
Betroffene als Gegner
Der politische Gegner
Der Mann auf der Strasse
Der ignorante Betroffene
Die schweigende Mehrheit
Ganz unter uns gesagt
Unternehmen
Industrie- und Handelskammern
Natürliche Verbündete
Medien
NGOs
Politiker
Der notorische Protestler
Unternehmen als Verbündete
Aus der Praxis: Wahre Motive werden verschleiert
Lehre und Forschung
Juristen
Die knallharte Praxis
Die strategische Positionierung
Mensch vs. Natur
Natur vs. Arbeitsplätze
Wirtschaft vs. Freizeitwert
Harte vs. weiche Standortfaktoren
Verhinderung offensichtlichen Unsinns
Schadensbegrenzung durch Kompromiss
Eindringen in die Entscheidungsstrukturen
Die Behörden
Aus der Praxis
Parteien, Parlamente
Andersherum betrachtet
Organisationen
Wachstum in der Fläche
Großräumige Vernetzung
Wachsen in die dritte Dimension
Was ist die dritte Dimension?
Die Drei-Handlungsebenen-Regel
Die Verwaltung - der natürliche Feind der BI?
Aus der Praxis
Einer Partei beitreten. Ein Irrweg?
Aus der Praxis
Aktivitäten
Versammlungen
Regelmäßige Kommunikation
Diskussionstreffen, Podiumsdiskussionen
Infostände
Aus langjähriger Erfahrung
Besuche in Schulen, Kindergärten, öffentlichen Einrichtungen
So macht es der Profi
Kann ich das?
Eine Woche DomRep: 399,99 – alles incl
Demonstrationen, Blockaden, etc
Im Vorfeld
De-Eskalation
Konzerte und Kulturveranstaltungen
Wunderwaffe „Mediation“
Einbindung in Beratungsgremien – Neutralisierung der BI-Fachkompetenz
Gibt es eine Win-Win-Situation?
Massenkommunikation
Flugblätter
Inhalt
Gestaltung, Layout
Hallo Kollegen:
Fotos
Textdaten
Merke:
Logo
Anzeigen
Inhalt
Gestaltung
Die Kosten
Praxistipp: Kostenerstattung
Faltprospekt
Plakate (Inhalt, Gestaltung)
Inhalt
Emotionale Aussagen
Internet
Die eigene Web Site
Aktuelles
Tempo zählt
Kontakt
Gestaltung
Was ist ein Provider?
Aus dem wirklichen Leben
E-Mail-Kommunikation
Newsletter
Weitere Aktivitäten
Unterschriften-Sammlung
Bürgerbegehren
Petitionen
Leserbriefe
Haftung und Verantwortung
Medien
Die regionale Medienlandschaft analysieren
Zeitung
Funk und Fernsehen
Wie geht man mit Medienvertretern um?
Wie man eine Pressemitteilung schreibt
Tipp:
Interviews geben – Grundregeln
Internet über alles - ?
Facebook, WKW, Twitter & Co
Meinungsführerschaft erringen: Agieren statt reagieren
Wissenswertes
Fotos
Mitgliederverwaltung und Finanzen
Die Einnahme-Seite
Aus dem wirklichen Leben:
Spendenquittung
Die Ausgabe-Seite
Erfolgsaussichten
Was ist, wenn aller Protest nichts genützt hat?
Nachsatz
Vorwort
Warum dieses Buch? Es gibt zwei Gründe dafür:
Erstens: Die Antwort erschließt sich dem, der schon einmal in einer Bürgerinitiative, kurz „BI“, versucht hat, etwas zu erreichen und sehen musste, dass es mit gutem Willen allein eben doch nicht funktioniert. Auf den folgenden Seiten sind aus gut zehnjähriger Erfahrung praktische Tipps, Strategien und auch sehr subjektive Bewertungen aufgeschrieben, die Mut machen sollen.
Zweitens: Wer aus dem bürgerlichen Milieu kommt und sich in einer Bürgerinitiative engagiert, taucht mehr oder weniger unverhofft in eine neue Welt. Er lernt Menschen und Meinungen kennen, von denen er vorher keine blasse Ahnung hatte. Er fragt sich manchmal, wer denn nun den Realitätsbezug weitgehend verloren hat und ob er sich das alles antun muss.
Kurzum, für den, der die Situation kennt, wie auch für den Einsteiger, ist das Buch mindestens sehr unterhaltsam. Denn er wird bei vielen Dingen erleichtert feststellen: „Ach so, das gibt’s bei den anderen auch…“ Diesen Trost kann man nicht oft genug bekommen. Ich weiß das aus Erfahrung.
Eine BI entsteht häufig dann, wenn die Bürger irgendein Problem drückt, das ihnen von dritter Seite als unausweichlich und als im allgemeinen Interesse hinzunehmend dargestellt wird.
Ich bin innerhalb des vergangenen Jahrzehnts mehrfach in Situationen geraten, die das Entstehen von regionalen Protestbewegungen zur Folge hatte. Die durchgängige Erfahrung hierbei lässt sich auf einen ebenso platten wie zutreffenden Nenner bringen: Gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht. In aller Regel ist der Gegner größer, stärker, besser vernetzt, finanzkräftiger und geübter im Umgang mit den Medien. Was hat der Bürger dem entgegen zu setzen? Seinen Enthusiasmus und Idealismus, seinen Glauben an die gute Sache, seine Freizeit und oft genug auch noch sein Geld. Idealisten gegen Profis – dagegen nehmen sich David und Goliath wie gleich starke Gegner aus. Das scheint Ihnen übertrieben? Probieren Sie’s aus.
Vielleicht – und das ist meine Hoffnung und mein Wunsch – kann Ihnen dieses Buch ein paar Frustrationen und Misserfolge ersparen. Denn eines ist klar: Der behäbig vor dem Home Entertainment Center und der Lieferpizza zu Hause ruhig gestellte Konsument wird es nicht sein, der den Zusammenhang zwischen unserem Wirtschaften und den Reaktionen unseres Planeten begreift und sich zu einem nachhaltigen Lebensstil durchringt. Mehr noch: Es ist nicht einmal zu erwarten, dass er sich bei Dingen, die er als falsch erkannt hat, aktiv engagiert! Aber das ist der einzige Weg. Wir müssen im Kleinen, in unserem täglichen Wirkungskreis, mit der Veränderung anfangen – auch wenn’s mühsam ist.
Mir ist deshalb jeder Mensch hoch willkommen, der sich aus diesem Topf konsumierender Biomasse heraushebt und daran arbeitet, dass auch künftige Generationen noch eine erträgliche Lebensgrundlage vorfinden. Denn diese Arbeit wird heute weder von den Industrieunternehmen noch von den Regierenden geleistet. Also ran an das Problem, rein in die BI!
Lernen Sie, hinter die hochgehaltenen Motive von Interessenvertretern und Politikern zu schauen. Ich kann Ihnen schon jetzt verraten, was Sie dort finden werden: Geltungsbedürfnis und Habgier. Und wenn Sie die nicht gleich finden, seien Sie doppelt misstrauisch!
Nachsatz zum Vorwort: Ich halte es für notwendig, dass ein Text gut verständlich, leicht zu lesen und leicht umzusetzen ist. Deshalb bemühe ich mich, modische Anglizismen, Substantivierungen und Beamten- sowie Juristendeutsch weitgehend zu vermeiden (dennoch kann es auch mal schief gehen). Ich tue dies auch auf die Gefahr hin, dass neunmalkluge Wortklauber Dinge hinein oder heraus lesen, die so nicht gemeint sind. Bei Unklarheiten möge man mich fragen: [email protected]. Anregungen, Kritik und eigene Erfahrungen sind willkommen. Ansonsten gebe ich mir alle Mühe, dem Buch auch einen gewissen Unterhaltungswert mit auf den Weg zu geben. Es soll schließlich Spaß machen, den Planeten zu retten…
Und noch etwas: Liebe Leserinnen, liebe Leser, also liebeLeserInnen – es sind immerbeideGeschlechter gemeint. Gleichbehandlung der Geschlechter und verbale Gleichmacherei sind nicht dasselbe. Deshalb weigere ich mich, überall in meinen Text diese leseunfreundlichen Stolpersteine einzubauen. Wem meine „politische Unkorrektheit“ wichtiger ist als die Inhalte, die möge das Buch aus der Hand legen.
- - -
Dieses Manuskript habe ich um 2005 begonnen und immer wieder mal weiter bearbeitet, mit kürzeren und längeren Pausen dazwischen. Auch wenn konkrete Zeitereignisse und ihre Auswirkungen dargestellt werden, sind diese Beispiele nach meiner Einschätzung jedoch typisch für bestimmte Mechanismen und geben Hinweise darauf, wie man in ähnlich gelagerten Fällen reagieren kann. Die Geschichte wiederholt sich oft genug - besonders bei den Dummheiten, die angestellt werden. Insoweit kann man aus der Vergangenheit auch etwas lernen.
Dies ist kein wissenschaftliches Werk und ich weise ausdrücklich darauf hin, dass es meine ganz persönliche Sichtweise der Dinge beschreibt. Man darf also getrost anderer Meinung sein.
Was ist eine Bürgerinitiative?
Auf diese Frage gibt es zwei Antworten. Die eine speist sich aus der praktischen Erfahrung und die andere ist der ernsthafte Versuch einer Definition.
Die erste: Eine BI ist der natürliche Feind einer Verwaltung.
Die zweite: Eine BI ist ein Zusammenschluss von Menschen mit gleicher Interessenlage in Bezug auf ein bestimmtes Problem.
Zugegeben, Nummer Eins ist salopp formuliert, aber in den meisten Fällen zutreffend. Statt Verwaltung wird da oft auch „Wirtschaftsunternehmen“ stehen. Nummer Zwei ist eigentlich die Definition für so ziemlich jeden denkbaren Verein. Eine wichtige Unterscheidung ist, dass das „Problem“ eines Kegelvereins eher in den Bereich Freizeitgestaltung und Vergnügen gehört, während die BI sich eher mit drohenden oder vorhandenen Beeinträchtigungen der Lebensqualität ihrer Mitglieder befasst.
Eine BI gründet man, um gemeinsam ein bestimmtes Problem zu lösen. Hat man das erreicht – oder auch nicht – hat sich der Daseinszweck einer solchen Gemeinschaft erledigt. Deshalb heißt sie auch Zweckgemeinschaft. Weiterhin kennzeichnend für die Bürgerinitiative ist ihre Freiwilligkeit, ihre eher dilettantische Organisationsstruktur und ihre äußerst mangelhafte Arbeitseffizienz – die jedoch durch einen unbeugsamen Willen zum spätabendlichen Disput mehr als kompensiert wird.
Vielleicht ist es an dieser Stelle angeraten, meinen Hang zur vereinfachenden, bisweilen drastischen Darstellung einzugestehen. Meine Berufspraxis hat mich gelehrt, dass eine kontrastreiche Schwarz-Weiß-Darstellung noch am ehesten die Chance hat, sich als BILD (sic!) beim Leser zu verfestigen. Und mir liegt schon etwas daran, bei Ihnen einen bleibenden Lerneffekt zu erzielen. Geht es doch letztlich um den Planeten als Ganzes! (Schon wieder schwarz-weiß gemalt.)
Zurück zur Definition einer BI. Mitgliederzahl, Organisationsstruktur, Rechtsform – alles das ist weitgehend variabel oder hängt von der Größe der Aufgabe und der Anzahl der Betroffenen ab.
Was nichts an der Tatsache ändert, dass in praktisch allen denkbaren Konstellationen die Anzahl derer, die in der Realität die Arbeit machen, nie größer ist als ein knappes Dutzend.
Wie entsteht eine Bürgerinitiative?
Meistens dann, wenn ein Projekt – sagen wir: Eine Schnellstraße oder ein Produktionsbetrieb – in der Nähe menschlicher Ansiedlungen geplant und es nicht gelungen ist, deren Bewohnern überzeugend zu erklären, wie notwendig und vorteilhaft die Maßnahme für sie ist. Zweites Kriterium für das Entstehen einer solchen Widerstandsbewegung ist die Erkenntnis, dass Notwendigkeiten und Vorteile nur für die anderen gegeben sind, man selbst aber auf den Risiken und Nebenwirkungen sitzen bleibt. Drittens braucht es einen renitenten Geist, der das Spiel durchschaut und Alarm ruft.
Schon findet man sich am Stammtisch, im Kindergarten oder beim Elternbeirat zusammen und einer hat die Idee: Wir gründen eine Initiative!
Man kann solche Initiativen in zwei Gattungen einteilen: Solche, die FÜR etwas sind, und solche, die GEGEN etwas sind. Letztere haben es viel schwerer. Denn der Vorwurf, ein Blockierer und Neinsager, und damit ein Gegner jeglichen Fortschritts zu sein, ist schnell gemacht und nie mehr aus der Welt zu schaffen.
Zum Thema „ideologische“ Motivation wird später noch etwas zu sagen sein.
Wir lernen: Schon in der Gründungsphase einer BI soll man sich Gedanken über die strategische Ausrichtung seiner Aktivitäten machen. Oft ist es die geschickte Namensgebung: „BI Pro Kinderfreundlichkeit, statt „BI gegen vierspurigen Ausbau der B 385 vor der Grundschule“. Noch besser ist es natürlich, wenn man einen Gegenentwurf zur anstehenden Planung hat, im Beispiel etwa die Forderung nach einer Ortsumfahrung.
Es sei hier gleich vorweg genommen: Eine Alternative vorzuschlagen bedeutet nicht, eine komplette Planung vorlegen zu müssen. Diesem Irrtum verfallen viele BIs in ihrer Anfangsphase. Da wird Fachwissen angesammelt (was grundsätzlich sehr gut ist) und drauflos geplant, als ob man die zuständigen Ämter damit eines Besseren belehren könnte.
Kann man nicht! Selbst wenn die Planung der BI Hand und Fuß hat. Weil: Sie kommt von der BI. Das ist einfach so.
Außerdem steckt eine große Gefahr darin. Der eifrige BI’ler ist natürlich stolz auf sein Fachwissen und meint, die beamteten Planer oder die Ausbauexperten eines Konzerns damit beeindrucken zu können. Das einzige, was passieren kann, ist, dass er stolz auf einen tatsächlichen Fehler oder ein Versäumnis hinweist und die Gegenseite damit in die Lage versetzt, diesen Fehler schnellstens auszubügeln! Später, vor Gericht, hätte zum Beispiel ein Verstoß gegen eine Naturschutzrichtlinie ein erhebliches Gewicht haben können. Aber nun schmückt sich der Bauherr noch damit, dass er nun wirklich noch die letzten Forderungen der Naturschützer erfüllt hat. Merken Sie sich hierfür das Stichwort „taktische Dummheit“!
Was sind typische Gründungsanlässe?
Es wurde schon erwähnt: Straßenbauprojekte sind sehr häufig im Visier von BIs, außerdem Industrieansiedlungen, Einkaufszentren, Hochhäuser, Bahntrassen, Flugplätze, aber auch Schulen, Sportstätten oder Kirchen/Moscheen/Synagogen, ja selbst der Hubschrauberlandeplatz eines Unfallkrankenhauses, ein Behindertenheim oder eine Besserungsanstalt. Damit eines klar ist: Aktivisten die sich gegen soziale Projekte wie die letztgenannten wenden, bitte ich, sich spätestens jetzt über die Fragwürdigkeit ihres Anliegens klar zu werden. Für die ist dieses Buch nicht gedacht!
Es gibt eine Grenze, an der persönliche Betroffenheit gegenüber dem allgemeinen Interesse zurückstehen muss. Hier sollte sich jeder selbst fragen, welchen Beitrag, welches Opfer er für das Gemeinwesen bringen kann und will. In allen Fällen aber, bei denen es letztlich auf eine Abwägung zwischen Natur und Wirtschaft hinaus läuft, sollte man sich auf die Seite der Natur stellen – auch wenn es unbequem wird. Denn sonst sägen wir den Ast ab, auf dem auch unsere Urenkel noch sitzen wollen!
Warum überhaupt eine BI?
Angenommen, Sie ärgern sich über einen Missstand, über eine Planung oder eine konkrete Situation in Ihrem täglichen Lebensumfeld. Was tun? Gründen Sie ja nicht voreilig eine BI. Fangen Sie klein an: Gehen Sie zur Stadtverwaltung, zum Bürgermeister. Machen Sie sich frei vom Untertanengeist, aber gehen Sie getrost davon aus, dass die Verwaltung durchaus noch vom wilhelminischen Geiste ihrer Machtvollkommenheit als Amtsträger durchdrungen ist. Lassen Sie sich deshalb nicht beeindrucken und nicht abwimmeln. Die Verwaltung ist eine Dienstleistungsorganisation, die von Ihnen bezahlt wird. Und auch hier gilt: Taktisch klug vorgehen! Formulieren Sie einen Wunsch, besser noch einen Verbesserungsvorschlag, und sparen Sie sich Vorhaltungen über die Unfähigkeit des Bauamtes. Je eher Sie den Mann/die Frau hinter dem Schreibtisch davon überzeugen können, dass eine Fußgängerampel vor der Schule eine gute Idee ist, die auch zum höheren Ruhme der Dienststelle beiträgt, desto schneller rückt der Bautrupp an.
Hinweis aus der Praxis:
Rechnen Sie aber bei solchen Projekten dennoch getrost mit Jahren!
Der Bürgermeister ist der oberste Chef der Verwaltung. Der Bürgermeister wird direkt von der Bevölkerung seiner Gemeinde gewählt (in vielen Bundesländern). Diese beiden Fakten zusammen genommen bedeuten, dass der Bürgermeister ein ganz elementares Interesse daran hat, Sie anzuhören und dass er in der Mehrzahl der Fälle auch der kürzeste „Dienstweg“ für den Bürger ist.
Selbst bei solchen Banalitäten wie einer defekten Straßenlaterne. Natürlich sind die Verhältnisse in der Großstadt etwas anders, aber der Weg von oben durch die Hierarchien, zum Beispiel über den zuständigen Amtsleiter, ist allemal der richtige.
Um die einleitende Frage zu beantworten: Wenn der Weg durch die Instanzen nichts gebracht hat, wenn auch der Anruf beim Landtagsabgeordneten, der Leserbrief und sogar das Interview mit dem Redakteur des örtlichen Anzeigers keinen Effekt hatte, und wenn keiner der örtlichen Sport-, Gesangs-, Gartenbau oder Siedlervereine betroffen ist – dann suchen Sie sich die geeigneten Gesin- nungs- und Leidensgenossen und gründen eine BI. Nur dann!
Das wird ihr Leben verändern, garantiert.
Welche Struktur braucht eine Bürgerinitiative?
Genau genommen gar keine. Denn der Zusammenschluss von Menschen gleicher Interessenlage bedarf keiner besonderen Form. Natürlich ist ein Mindestmaß an Organisation hilfreich – aber das ist die arbeitstechnische Seite. Dem Gesetzgeber ist es egal, ob Sie einen Verein gründen oder sich einfach so treffen.
Das Stichwort „Spendenquittung“ hat hier nach meinem Eindruck einen wenig segensreichen Einfluss ausgeübt. Denn bei dem typischen Gründungstreffen kommt irgendwann der schlaue Hinweis „Wir müssen aber einen e.V. gründen, damit wir Spendenquittungen ausstellen können.“ Das stimmt zwar in sich, aber es ist bezogen auf die Zielsetzung Quatsch.
Lassen Sie – wenigstens in der Anfangsphase – die Finger von einer Vereinsgründung. Aus mehreren Gründen. Ein Verein braucht eine Vereinssatzung, einen Vorsitzenden, einen Stellvertreter, einen Kassenwart… all das muss beim Amtsgericht dokumentiert werden und die Funktionsträger müssen persönlich dort erscheinen und viele Papiere unterschreiben! Aus der Satzung muss die angestrebte Gemeinnützigkeit klar hervor gehen. Eine falsche Formulierung und nichts ist mit steuerlich absetzbaren Spenden und den entsprechenden Quittungen für die erhofften Mäzene. Also sollte man einen Juristen mit der Abfassung der Satzung beauftragen, wenn man denn unbedingt glaubt, eine zu brauchen.
Dass Sie als Vereinsvorsitzender auch in bestimmtem Umfang haftbar für die Aktivitäten Ihres Vereins sind, sollte Sie zusätzlich von dem Schritt ins Vereinswesen abhalten. Wenn Sie das Glück haben, einen Anwalt unter Ihren Mitstreitern zu finden, fragen Sie ihn um Rat. Stichworte: Satzung, Gemeinnütziger Verein, Förderverein, Haftung des Vorstandes… und machen Sie sich auf einen langen Abend gefasst.
Mein Rat: Fangen Sie lieber mit ein paar Gleichgesinnten mit der eigentlichen Arbeit an!
Sie als Gründer der BI werden – ob Sie das wollen oder nicht – automatisch eine Führungsrolle einnehmen. Das sollten Sie in der Anfangsphase auch ruhig so stehen lassen. Eröffnen Sie die Sitzungen, schlagen Sie eine Tagesordnung vor, binden Sie die anderen in die Themenfindung ein, schreiben Sie die ersten paar Mal das Protokoll. Es wird sich bald eine Arbeitsteilung herausbilden, die an den Fähigkeiten der Mitglieder orientiert ist. Irgendwann kommt dann der Zeitpunkt, an dem man die gewachsene Aufgabenteilung oder die Ansätze dazu durch das Votum der Mitglieder legitimieren lassen sollte.
Sie brauchen wie bereits erwähnt einen Vorsitzenden, einen Stellvertreter, einen Kassierer und dazu einen Pressesprecher als „Grundausstattung“. Wobei eine Person durchaus auch zwei Funktionen ausüben kann. Unterstellt, dass der Vorsitzende (meist wohl auch der BI-Gründer) das größte Fachwissen zum Thema hat, ist es ratsam, ihm auch den Sprecher-Posten anzuvertrauen. Vorausgesetzt, er oder sie kann sich gegenüber den Medienvertretern entsprechend präsentieren und wird als Ansprechpartner akzeptiert. Aber Vorsicht: Ein egozentrischer Selbstdarsteller kann der Sache mehr schaden als nützen!
Häufig trifft man auch auf den ausgewiesenen Fachmann, der nicht in der Lage ist, vor Publikum oder vor einem Mikrofon zu seinem Thema einen zusammenhängenden Satz von sich zu geben. Da braucht es parallel dazu den Medienmenschen, der diesen Part übernimmt. Ein gutes persönliches Verhältnis zwischen den beiden vorausgesetzt, kann das sehr gut funktionieren.
Das klingt alles sehr nach Vereinsmeierei, ist es auch ein ganzes Stück weit. Aber als ein Mensch, der sich von jeher mit Grausen vom deutschen Vereinswesen abgewandt hat, muss ich dennoch zugestehen, dass eine gewisse Arbeitsteilung sehr sinnvoll ist. Sie darf nur nicht zum Selbstzweck verkommen.
Der „Elternbeirats-Trick“
Sofern Sie Kinder haben und diese Kindergarten und Schule durchlaufen haben, werden Sie den Sinn dieser Überschrift schnell verstehen. Es geht darum, dass man es in bestimmten Situationen sehr einfach hat, für ein Amt gewählt zu werden. Angenommen, die hoffnungsvolle Tochter wechselt ins Gymnasium. Heute ist der erste Elternabend in der neuen Schule und vom Klassenlehrer kommt irgendwann der obligate Hinweis, dass nun auch ein Elterbeirat zu wählen sei. Lassen Sie uns weiter annehmen, dass Sie bei dem älteren Sohn schon die Erfahrung sammeln konnten, dass ein solches Amt für die eigenen Sprösslinge und die der anderen Eltern durchaus nützlich ist. Und dass Sie einen gewissen Spaß und vielleicht auch ein Talent für so einen Job haben. Was tun Sie?
Einfach so die Hand heben und sagen: „Ich würde gern Elternbeirat werden“? Auf keinen Fall. Megapeinlich. Sämtliche anderen Eltern wären sofort misstrauisch. „Warum reißt der sich so um das Amt?“ Sie würden zwar mit hoher Wahrscheinlichkeit gewählt, denn es wird sich kaum ein zweiter so nach vorn drängen. Aber Sie werden keinen Rückhalt bei der Elternschaft haben. Wenn Sie das erste Mal etwas nicht erreichen konnten, dann ist das die Bestätigung: „Der will nur immer im Mittelpunkt stehen, aber wenn’s darauf ankommt…“
Wenn Sie aber gleich zu Anfang des Elternabends eine vergleichsweise harmlose, aber engagierte Frage stellen, und dann vielleicht noch ein oder zwei Mal mit einem besonnenen Kommentar die Diskussion bereichern – dann wird Sie todsicher jemand für das Amt vorschlagen. Wenn das wider Erwarten nicht passieren sollte, verabreden Sie mit Ihrem Partner, dass er Sie vorschlägt: „Du kannst das doch so gut, das war doch schon im Kindergarten so.“ Und an die anderen Eltern gewendet: „Also Sie können sich nicht vorstellen, wie er da gekämpft hat…“
Vergessen Sie nicht, sich bei Ihrem ersten Beitrag mit Namen und Beruf vorzustellen. Das erleichtert Ihre Nominierung. (Hinweis: Beruf verschweigen, wenn Sie Werbeberater, Versicherungsvertreter oder Immobilienmakler sind.)
Damit wäre eigentlich alles für diejenigen gesagt, die sich eine Führungsrolle in einer Bürgerinitiative antun wollen. Sollten Sie also nicht der Gründer der BI sein, und damit der geborene Anführer der Gruppe, dann wenden Sie den Elternbeirats-Trick sinngemäß an, um den Job zu bekommen.
Es gibt eine Ausnahme, bei der Sie sich den Umweg sparen können: Das ist der Job des Finanzministers. Um den wird sich außer einem Hardcore-Buchhalter niemand reißen. Aber solche Menschen engagieren sich aber eher nicht in BIs. Am besten man versucht, einen Banker dafür zu gewinnen. Das hat eine praktische Seite: Er kann dann auch gleich ein Konto eröffnen.
Eine weitere Ausnahme kann vorkommen, wenn in der BI jemand die Idee hat, es müsse einen Schriftführer geben. Das ist natürlich nicht sehr wahrscheinlich, denn in einem solchen Falle gilt: Wer den Vorschlag gemacht hat, wird ausgeguckt!
Sollten Sie jedoch Journalist sein oder in irgendeiner Weise mit der schreibenden Zunft oder dem Kommunikationsgewerbe verbunden, dann ist das DIE Chance für Sie! Teilen Sie zaghaft mit, dass Sie den Schriftführermachen würden und es für eine gute Idee halten, auch gleich die Pressearbeit mitzumachen. Schriftführer ist ein Scheiß-Job, aber Pressesprecherist die eigentliche Schlüsselposition in einer Bürgerinitiative. Jedes Ding hat eben seine zwei Seiten…
