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Das Leben auf Cardington Manor – es könnte so herrlich sein, wenn … Ja, wenn Timothy Browning nicht noch immer in den Gedanken von Michael und Samantha herumspuken und deren Neuanfang verhindern würde. Das Waisenhaus verzeichnet indes einen Neuzugang: Ein Neugeborenes, dessen Schicksal die Familie Tomlinson tief berührt, und auf einmal ist es, als würde das Leben seine Chancen neu verteilen. Doch wer ergreift sie – und wer nicht? Werden Samantha und Michael zu den Glücklichen gehören? CARDINGTON MANOR erzählt in sechs Bänden die Geschichte von Samantha, die aus ihrem goldenen Käfig ausbrach und ein neues Leben anfing. Erleben Sie mit "Die Chance" das spannende Finale der erfolgreichen Familiensaga. "Ähnlich wie die Autorin der »Muschelsucher« schreibt auch Kolar leichte Lektüre für intelligente Damen." (Literaturzeitschrift.de)
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Sybille Kolar
CARDINGTON MANOR
Die Chance
Roman
Band 6 der CARDINGTON-MANOR-Reihe
ISBN: 978-3-7460-1228-5
Copyright © 2017 Sybille Kolar
c/o Internet-Buchverlag
Hünefeldzeile 18
12247 Berlin
Lektorat/Korrektorat: Jil Aimée Bayer
Umschlaggestaltung: Carolin Liepins
Foto: Cornelius Carstens
Sämtliche Rechte sind vorbehalten, insbesondere das Recht der mechanischen, elektronischen und fotografischen Vervielfältigung, der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, des Nachdrucks in Zeitungen und Zeitschriften, des öffentlichen Vortrags, der Verfilmung und Dramatisierung, der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen oder Video, auch einzelner Text- und Bildteile sowie der Übersetzung in andere Sprachen. Die Handlungen und Personen dieses Romans sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Zum Roman:
Chancen sind wie abgeschossene Pfeile – sie kehren nie zurück.
Das Leben auf Cardington Manor – es könnte so herrlich sein, wenn …Ja, wenn Timothy Browning nicht noch immer in den Gedanken von Michael und Samantha herumspuken und deren Neuanfang verhindern würde.Das Waisenhaus verzeichnet indes einen Neuzugang: Ein Neugeborenes, dessen Schicksal die Familie Tomlinson tief berührt, und auf einmal ist es, als würde das Leben seine Chancen neu verteilen. Doch wer ergreift sie – und wer nicht?Werden Samantha und Michael zu den Glücklichen gehören?
CARDINGTON MANOR erzählt in sechs Bänden die Geschichte von Samantha,die aus ihrem goldenen Käfig ausbrach und ein neues Leben anfing.
Erleben Sie mit Die Chance das spannende Finale der erfolgreichen Familiensaga."Ähnlich wie die Autorin der »Muschelsucher« schreibt auch Kolar leichte Lektüre für intelligente Damen." Literaturzeitschrift.de
Sybille Kolar wurde in München geboren.
Bereits in ihrer Jugend liebte sie Goethes erhabene Sprache.
Heute erzählt sie in ihren Werken mit leisen Tönen von den Freuden und Abgründen,
die das Leben bisweilen bereithält.
Mit Ehemann und Hund lebt sie in Bayern.
sybille-kolar.com
Für den besten Ehemann des Universums,
der meine zweite Chance im Leben war.
Danke für Deine unendliche Liebe …
1
Das Erste, was Samantha an diesem Morgen sah, waren tanzende Muster an der Wand neben dem Bett. Die aufgehende Julisonne hatte die vom Wind bewegten Vorhänge durchdrungen und ihr Lichtspiel dorthin projiziert. Einen Moment lang dachte sie, dass sie noch immer hier lebte, in diesem winzigen Cottage auf dem Hügel nahe Sandhurst, und die vergangenen zwei Jahre nur der Traum der letzten Nacht gewesen wären. Nichts davon wäre wirklich passiert. Weder war sie mit Michael Tomlinson verheiratet und bewohnte Cardington Manor, noch hatte sie ein Baby bekommen und einen zweiten Sohn adoptiert. Charles lebte noch und …
Panik nahm augenblicklich von ihr Besitz und ihr Pulsschlag beschleunigte sich. Sie rang nach Luft und wollte sich gerade aufsetzen, um besser atmen zu können. Da fiel ihr Blick auf einen gebräunten Männerarm, auf dem goldene Härchen schimmerten. Und dieser Arm ruhte entspannt auf ihrer Taille. Auf dem Ringfinger der vertrauten Hand war eine helle rosafarbene Stelle sichtbar, an der die Haut leicht glänzte.
Beruhigt atmete sie auf. Sie hatte also doch nicht geträumt.
Doch nun erinnerte sie sich an den Grund ihres Hierseins und spürte einen kalten Schmerz in ihrem Magen. Michael und sie, sie wollten es noch einmal miteinander versuchen, und heute war der erste Tag dieses neuen Lebensabschnitts.
Noch am Vorabend, den sie gemeinsam auf der Terrasse verbracht hatten, war genügend Hoffnung in ihr gewesen, dass sie es tatsächlich schaffen konnten. Aber nun, am Morgen danach, machte sich die Ernüchterung breit wie die Katerstimmung nach einer durchfeierten Nacht.
Sie hatte plötzlich solche Angst. Unzählige Fragen türmten sich in ihrem Kopf auf, so hoch wie Wolkenkratzer: Wie würden sie bloß damit umgehen, wenn die Vergangenheit sie einholte? Käme ihre Affäre mit Timothy in Zukunft bei jeder Meinungsverschiedenheit auf den Tisch? Könnten sie je wieder gemeinsam ihre gewohnte Intimität ausleben, ohne dass einer von ihnen dabei an Timothy Browning denken musste? Und falls ja, würde Michael sie hinterher fragen, ob es ihr mit Timothy besser gefallen hatte? Würde er ihr vielleicht unterstellen, dass sie heimlich an die Stunden im Boudoir dachte und ihn mit seinem Rivalen verglich? War ihre Liebe wirklich stark genug, das alles auszuhalten? Konnte es auf der ganzen Welt überhaupt eine Liebe geben, die dafür stark genug war?
In diesem Augenblick erschien ihr das alles unmöglich.
»Wir werden uns zerfleischen«, flüsterte sie vor sich hin und schüttelte den Kopf, während eine Träne aus ihrem Augenwinkel rann und im Kopfkissen versickerte.
Michaels Arm begann sich zu bewegen und er zog ihren Körper wie automatisch zu sich heran, während er erwachte. Genau wie in früheren Zeiten. Plötzlich hielt er in der vertrauten Umarmung inne und lockerte den Griff wieder ein wenig.
»Guten Morgen«, sagte er, als er merkte, dass sie bereits wach war.
»Guten Morgen«, erwiderte sie mit tränenerstickter Stimme.
Er küsste sie auf die Stirn. »Hast du gut geschlafen?«
»Ja. Eigentlich erstaunlich gut. Und du?«
»Ich auch.« Er stützte sich auf den Ellbogen, berührte sie sachte an der Schulter und drehte sie so in die Rückenlage. »Hey, was ist mit dir los? Warum weinst du?« Er streichelte ihre Wange mit einem Finger. »Bereust du es schon, dass du es noch einmal mit mir versuchen willst? Oder hast du es dir etwa anders überlegt?«
»Aber nein.« Sie schüttelte den Kopf, rollte sich zur Seite und griff nach einem Päckchen Taschentücher, das auf dem Nachtkästchen lag.
»Was ist es dann?«, fragte er sanft.
Sie putzte sich die Nase, damit sie antworten konnte. »Ich habe nur so schreckliche Angst, dass wir es nicht schaffen … dass uns das Thema bei jeder Gelegenheit einholen wird, verstehst du?«
»Natürlich verstehe ich das. Mir geht es doch ganz ähnlich. Aber wir können gar nichts anderes tun, als uns dieser Möglichkeit zu stellen. Allein um unserer Liebe und Kinder willen. Das sind wir uns und ihnen doch schuldig. Wir haben gar keine andere Wahl.«
»Aber ich fürchte, dass wir uns wieder so schrecklich verletzen werden und ich möchte das doch nicht mehr.« Sie brach erneut in Tränen aus. »Nie wieder will ich das …«
»Aber was hätten wir denn für eine Alternative, Sammy? Eine Scheidung – obwohl wir uns noch lieben? Das kann doch nicht die Lösung für uns sein. Wir wären bis an unser Lebensende todunglücklich.« Als Antwort schüttelte sie nur den Kopf, hatte die Hände vors Gesicht gelegt, und Michael sprach weiter.
»Ich weiß, wir können die Vergangenheit nicht mehr ändern.« Er legte sich auf sein Kissen und starrte an die Decke, während er laut sinnierte. »Aber immerhin haben wir Einfluss auf die Gegenwart und damit auch auf die Zukunft. Unsere Zukunft. Das finde ich – zusammen mit der Tatsache, dass wir uns noch immer lieben und zusammenbleiben wollen – als Basis gar nicht so schlecht für einen Neuanfang.« Und in aufmunterndem Tonfall fragte er sie: »Was meinst du dazu, Sammy?«
Sie setzte sich auf und putzte sich noch einmal die Nase. Danach kuschelte sie sich wieder unter ein paar letzten Schluchzern an Michaels Schulter und beruhigte sich langsam. Er legte seinen Arm um sie und hielt sie an sich gedrückt.
»Aber wenn wir uns wieder …«, begann sie erneut, da berührte er ihre Lippen sanft mit zwei Fingern und sagte nur: »Sch …«
Nach einer Weile erwiderte er: »Wir werden schon sehen, was auf uns zukommt. Auf jeden Fall hat es keinen Sinn, uns schon jetzt irgendwelche Horrorszenarien vorzustellen, von denen wir nicht wissen, ob sie überhaupt jemals eintreten werden, und uns die Situation damit unnötig erschweren.«
»Ja … vielleicht hast du recht«, sagte sie leise und wurde noch ein letztes Mal von einem inzwischen tränenlosen Schluchzen geschüttelt. »Wir sollten unseren Neuanfang positiv angehen. Außerdem ist das auch nicht unsere erste Krise, mit der wir fertiggeworden sind.«
Er nickte zur Bestätigung und dachte einen Moment lang nach, ehe er antwortete: »Ja, du hast recht. Wir haben uns schon bewährt. Das war damals, als Colin gerade geboren war und Muriel und Hutch uns heimgesucht haben …«
»… und gleichzeitig hat die gute Hazel uns glauben machen wollen, dass du mich mit ihr betrogen hast.« Sie schüttelte den Kopf, als wäre ihre Empörung darüber noch immer nicht verflogen.
»Ja … das war ein einziger Albtraum. Ich würde diese Wochen am liebsten aus meinem Gedächtnis streichen.« Er schnaubte bei der bloßen Erinnerung daran, dann küsste er Samantha auf den Mund. »Aber als Paar sind wir daran gewachsen.«
»Ich weiß noch, wie Roberta damals versucht hat, mich zu trösten. Und sie hat dabei ein Sprichwort benutzt, erinnerst du dich?«
»Kaum«, feixte er. »Sprichwörter sind noch nie mein Fall gewesen. Vielleicht deshalb nicht, weil ich keine Frau …« Ein Ellbogen traf seine Rippen, sodass er grinsend verstummte.
»Wie war das noch?« Sie dachte kurz nach. »So etwas in der Art, dass solche Schüsseln am längsten halten würden, die schon einen Sprung hätten. Oder so ähnlich. Roberta meinte damit, dass Ehen, in denen bereits etwas vorgefallen ist – eine Krise oder dergleichen –, länger halten würden. Weißt du das wirklich nicht mehr? Ich hatte es dir doch erzählt.«
»Ja, richtig. Jetzt erinnere ich mich, natürlich.« Michael lächelte. »Die gute Roberta … woher sie so etwas nur weiß? Wo sie doch nie verheiratet war …«
»Sie hat wohl einfach aus ihren Beobachtungen anderer Menschen die richtigen Schlüsse ziehen können, und die hat sie sich behalten wie einen Schatz, auf den sie zurückgreifen kann.« Sie rekelte sich und seufzte laut. »Ich merke gerade, wie sehr ich Roberta vermisse nach diesen langen vier Wochen.« Sie drehte sich zu ihm herum und stützte den Kopf auf den Unterarm. »Auf jeden Fall wächst einem demnach die Schüssel durch ihren Sprung noch mehr ans Herz.« Sie schenkte ihm einen zärtlichen Blick, den er erwiderte. Danach fiel ihr etwas ein und sie legte sich wieder auf ihr Kissen zurück, um den Gedanken in Worte zu fassen.
»Vielleicht trinke ich deshalb seit ewigen Zeiten jeden Morgen meinen Tee aus dieser uralten Rosentasse, an der sogar schon oben am Rand ein Stück Porzellan fehlt.« Sie lachte leise auf, bevor sie fortfuhr: »Charles hat nie verstehen können, warum ich sie seinem erlesenen Familienporzellan vorgezogen habe, und ich habe dadurch in ständiger Angst gelebt, dass sie eines Tages verschwunden sein würde. Als ich damals Charles und Cardington Manor verlassen habe, musste meine geliebte Tasse natürlich mit mir ausziehen.« Sie lachte noch einmal und ergänzte dann in ernsterem Tonfall: »Ich hätte sonst das Gefühl gehabt, ich würde einen alten Freund zurücklassen. Verrückt, oder? Dabei ist es doch nur eine Tasse.«
»Ja, schon seltsam.« Er lächelte und schüttelte grübelnd den Kopf. »Warum ist das nur so, dass man solche Dinge so sehr mag?«
»Vielleicht, weil man erst durch den Sprung oder die abgeplatzte Stelle erfahren hat, wie schnell man so etwas Kostbares verlieren kann, wie vergänglich es ist. Und erst dann weiß man es zu schätzen.«
»Weil man gespürt hat, wie weh es tut, als man fürchten musste, es verloren zu haben.« Michael richtete sich seitlich auf und stützte sich auf seinen Ellbogen. Sein Gesicht war nun direkt über dem von Samantha, und der warme Blick aus seinen goldgesprenkelten dunkelbraunen Augen traf auf leuchtend blaugrüne Augen, die vom Weinen leicht gerötet waren. Ihr dunkelblondes Haar hatte im Licht des beginnenden Tages den Anschein flüssiger Bronze, die sich über das Kissen ergoss. Ein paarmal machte er Anstalten zu streicheln, was er sah, doch etwas hielt ihn immer wieder zurück. Es war, als würde er nicht wagen, dieses Kunstwerk zu berühren, weil es sonst womöglich zerplatzen würde wie ein Gebilde aus Wünschen und Träumen.
»Weißt du, Sammy«, begann er und rang um Worte. »Noch nie hat mir in meinem ganzen Leben irgendetwas so wehgetan wie das Wissen, dich verloren zu haben.« Seine Stimme klang heiser und verletzlich. »Dieser Schmerz hat plötzlich alles andere für mich unwichtig gemacht. Ich möchte das nie, nie, nie wieder spüren müssen und werde alles – wirklich alles! – dafür tun, dass das nicht noch einmal mit uns passiert. Unsere Krise hat mich gelehrt, was wirklich wichtig ist im Leben. Was am Ende zählt und was nicht.«
Darauf konnte sie nichts erwidern. Sie lag nur da, völlig beeindruckt und berührt von dem Schmerz, den sie in seinen Augen gesehen und durch jedes seiner Worte gespürt hatte. Sie hielt einfach seinem Blick stand. In diesen Sekunden wuchs in ihr die Spannung darauf, was gleich passieren würde. Würde denn überhaupt etwas passieren? Jetzt schon? So kurz nach ihrer Versöhnung?
Da senkte Michael schon seinen Kopf. So langsam wie in Zeitlupe und wie nach einer Ewigkeit berührten sich ihre Lippen. Mit einiger Zurückhaltung zwar, aber es war ein so inniges und gleichzeitig so schmerzlich vermisstes Gefühl, als würde man nach längerer Abwesenheit wieder nach Hause kommen. Endlich. Samantha schloss erleichtert die Augen, und eine Träne floss über ihre Schläfe.
In Verbindung mit dem vertrauten Geruch und der Intimität einer gemeinsam verbrachten Nacht rief dieser zarte Kuss jedoch in beiden gleich ein so starkes Begehren wach, dass sie fast gleichzeitig zurückwichen und sich erschrocken anstarrten.
»Ich … ich werde mich kurz frisch machen und dann nachsehen, ob ich uns ein kleines Frühstück zaubern kann«, stotterte Samantha und wand sich unter seinem glühenden Oberkörper heraus. Da sie nichts anhatte und es ihr in diesem Moment unpassend erschien, vor Michael nackt herumzulaufen, griff sie nach dem Laken, das Teil ihrer Bettdecke war. Das schlang sie sich um den Leib und trippelte wie eine Geisha aus dem Schlafzimmer.
Michael stieß geräuschvoll den Atem aus und kratzte sich am Kopf.
»Puh … das kann ja noch heiter werden«, sagte er halblaut stöhnend vor sich hin. Dann stand er auf und zog sich seine Jeans an.
Da Samantha noch das Badezimmer belegte und – nach dem Geräusch des altersschwachen Boilers zu urteilen – gerade unter der Dusche stand, begab Michael sich geradewegs in die Küche. Er brachte den Gasherd zum Brennen, fand den zerbeulten Wasserkessel am gewohnten Platz, füllte ihn und setzte ihn auf. Die Teebecher hingen noch immer an einer Hakenleiste unter dem Hängeschrank. Er pustete zunächst den Staub heraus, entschied sich aber dann doch dafür, sie kurz auszuspülen. In einer abgeschabten Blechdose fand er einen Rest schwarzen Tees, der sich nach kurzem Schnuppern als Darjeeling entpuppte.
Natürlich! Was sonst?
Er lächelte. Auch die alte Porzellankanne stand noch immer dort, wo sie früher gestanden hatte. Er erwärmte sie mit dem inzwischen heißen Kesselwasser und setzte gleich wieder frisches auf. Anschließend öffnete er die restlichen Schränke – auf der Suche nach etwas Essbarem.
»In der kleinen Papiertüte auf dem Stuhl«, sagte plötzlich eine Stimme hinter ihm. Er drehte sich um und sah Samantha, wie sie entspannt lächelnd im Türrahmen lehnte. Das dünne Bettlaken hatte sie inzwischen durch ein dickes Badetuch ersetzt, und auf ihren entblößten Schultern glitzerten Wassertropfen.
»Da ist auch frischer Tee drin. Habe ich gestern auf dem Weg hierher noch schnell in einem Dorf gekauft«, ergänzte sie lächelnd.
Michael wandte sich der winzigen Sitzecke zu, auf der er selbst schon viele Stunden zugebracht hatte, und entdeckte, was er gesucht hatte: eine rot karierte Packung mit schottischem Shortbread und ein Päckchen edlen – und vor allem frischen – Darjeeling.
»Mmh … du musst gewusst haben, dass ich herkomme.« Er zwinkerte ihr zu. »Wie lange stehst du hier eigentlich schon und schaust mir dabei zu, wie ich mich abmühe?«
Sie lachte. »Ach, schon … eine Weile.« Dann zwinkerte sie zurück. »Weißt du, das ist wirklich schön, wenn man morgens aus dem Bad kommt und sieht, wie sich ein gut aussehender Kerl in Jeans und mit nacktem Oberkörper in deiner Küche zu schaffen macht.«
Wie es ihn erleichterte, dass sich die Stimmung zwischen ihnen wieder heiter und humorvoll anfühlte! Er kam jetzt grinsend auf sie zu.
»Soso, du weißt aber hoffentlich schon noch, welche Wirkung du in Badetüchern auf mich ausübst, oder?«
Sie fing an zu kichern. »Ich weiß nicht, was du meinst.«
Er nickte und gab sich nachdenklich. »Badetücher sind sehr, sehr gefährlich, das müsstest du eigentlich noch wissen.« Nach ein paar weiteren Schritten küsste er sie sanft auf den Hals. Sein Mund wanderte weiter in Richtung ihres Nackens, während seine Hände nach der Stelle suchten, die den Frottierstoff daran hinderte, von ihrem Körper zu rutschen.
»Ähm … das Teewasser kocht«, sagte sie gespielt tadelnd, als ein heiserer Pfiff die Annäherung untermalte, und Michael ließ widerwillig von ihr ab.
»Da hast du jetzt aber gerade noch einmal Glück gehabt, davongekommen zu sein.« Er wandte sich nun wieder zum Herd, öffnete die Teepackung, kippte das warme Wasser aus der Kanne in den Ausguss und brühte die frischen Blätter auf.
»Ich weiß nicht, ob das wirklich ein Glück ist«, erwiderte sie mit einem erneuten Anflug von Trauer in der Stimme. Er drehte sich zu ihr herum.
»Was hast du eben gesagt? Ich habe es nicht genau verstanden.«
»Ich habe gesagt, dass ich nicht weiß, ob es wirklich ein Glück für mich ist, dass ich noch einmal davongekommen bin.« Ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Wir hatten doch immer so viel Freude und Spaß miteinander, Michael.« Sie sprach nun mit tränenerstickter Stimme. »Und es endete dann meistens damit, dass wir miteinander geschlafen haben, eben weil wir uns so gut verstanden haben und immer ganz unbefangen miteinander waren und …«
Er kam erneut auf sie zu und schloss sie in seine Arme. Dann sagte er mit Zuversicht in der Stimme: »Irgendwann, ich bin ganz sicher, wird es wieder so sein, wie es einmal war. Vielleicht wird es sogar noch schöner, wer weiß? Du wirst sehen, die Zeit wird auch diese Wunde heilen.« Als wollte er diese Weisheit besiegeln, drückte er ihr einen zärtlichen Kuss auf den Mund. »Siehst du? Ich kann auch Sprichwörter zitieren.« Zufrieden, weil er sie damit zum Lachen brachte, fuhr er fort: »So, und jetzt setzen wir uns auf die Terrasse und genießen unser Frühstück.«
»Ja, das ist eine gute Idee.« Sie gab ihm einen Kuss zurück.
»Also, ich kann nur hoffen, dass es genießbar ist. Es kommt ja nicht mehr so häufig vor, dass ich morgens den Tee koche …«
»Da bin ich mir ganz sicher«, erwiderte sie und ergänzte dann kichernd: »Wobei ich mir auch nicht vorstellen kann, was du dabei hättest falsch machen können, Superman, zumal dich auch noch mein strenges Auge bewacht hat.«
Als Antwort grinste er nur.
»Und danach fahren wir sofort nach Hause, ja? Je eher wir der Zeit die Gelegenheit geben, unsere Wunden zu heilen, desto besser ist es.«
2
Es dauerte zwei Stunden, ehe sie Cardington Manor erreichten. Michael legte das letzte Stück vorsorglich etwas schneller zurück, um schon das sperrige Garagentor zu öffnen, damit Samantha ihren Wagen gleich bei der Ankunft einparken konnte.
»Ich freue mich jetzt so auf Colin!«, rief sie übermütig, als sie auf dem Weg zum Haupthaus waren.
»Und ich erst!«
Samantha sah auf ihre Armbanduhr. »Ich fürchte nur, das wird nichts. Um diese Zeit schläft er meistens.«
»Das macht nichts. Ich schaue ihm auch gerne beim Schlafen zu.« Michael hielt seine Frau glücklich und ausgelassen im Arm, während er mit der anderen Hand ihre Reisetasche hineintrug. Was für ein Unterschied zu der Stimmung, in der sie beide am Vortag Cardington Manor verlassen hatten!
In der Eingangshalle trafen sie auf Jefferson Barley, der gerade im Begriff war, mit einem langen Staubpinsel die reich verzierten Bilderrahmen an den Wänden zu säubern.
»Michael, darf ich dir Jefferson vorstellen? Er vertritt Clara, solange sie krank ist, und hilft auch Rose und Frances aus, bis Henderson zurückkommt.« Und an den Hausdiener gewandt sagte sie: »Guten Tag, Jefferson. Ich glaube, Sie kennen meinen Mann noch nicht.«
»Oh! Es ist mir eine große Ehre, Sie persönlich kennenzulernen, Mr Tomlinson, Sir.«
Die beiden Männer gaben sich die Hand und begrüßten sich. Falls Jefferson irgendetwas von der Ehekrise der Tomlinsons mitbekommen hatte, ließ er es sich auf jeden Fall nicht anmerken, wie Samantha erleichtert feststellen durfte.
»Es wird wirklich Zeit, dass ich wieder öfter zu Hause bin«, feixte Michael leise, als sie Hand in Hand die Freitreppe zu den oberen Etagen hochstiegen. »Schon wieder so ein gut aussehender Kerl auf dem Anwesen!«
Auch wenn diese Anspielung wohl als Scherz gemeint war, versetzte sie Samantha einen Stich, denn für sie fühlte es sich bereits wie der erste Seitenhieb auf Timothy an.
Als Michael bemerkte, dass sie darüber nicht lachen konnte, fügte er noch mit einem Augenzwinkern hinzu: »Und dieser Anthony Browning sieht ja für sein Alter auch noch ziemlich gut aus und ist zudem total vernarrt in dich, wie ich so herausgehört habe, als ich mich nach meinem Unfall bei ihm auskuriert habe.«
Erleichtert knuffte sie ihn in die Seite und erwiderte: »Ja, ich mag Anthony auch – sehr sogar.«
»Ich bin schon sehr gespannt, wen du dir als Hendersons Nachfolger aussuchen wirst. Womöglich einen Brad Pitt-Verschnitt. Oder würde dir ein Doppelgänger von George Clooney besser gefallen? Vielleicht doch eher Pierce Brosnan?« Samantha lachte nun.
»Nein danke, sicher nicht. Aber wenn er selbst einverstanden ist und auch noch die Prüfung durch Hendersons strenges Auge übersteht, könnte ich mir Jefferson sehr gut als Butler vorstellen. Ich glaube, ich hätte ihn gerne um mich.«
»Genau das meine ich«, sagte Michael und zog sie kurzerhand in eine Türnische, um sie zu küssen. Und diesmal fiel der Kuss nicht etwa verhalten aus wie noch am Morgen, sondern hatte eindeutig etwas Besitzergreifendes.
Danach rang Samantha nach Luft und strahlte Michael überrascht an.
»Nein, so war das doch nicht gemeint. Jefferson ist einfach ein angenehmer Mensch. Er ist so weltmännisch und diskret«, erwiderte sie, während sie weitergingen.
»Weiß er … Ich meine, hat er irgendetwas mitbekommen von … du weißt schon …« Er räusperte sich, bevor er fortfuhr: »… den Vorgängen der letzten Wochen hier im Haus?«
Sie sah ihm an, dass ihm das peinlich wäre.
»Ich weiß es, ehrlich gesagt, nicht. Aber genau das meine ich mit weltmännisch und diskret. Ich halte ihn außerdem für absolut loyal, was ihn in meinen Augen zu diesem Posten befähigt. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass er mit der Zeit wie ein zweiter Henderson werden könnte.«
»Ich verstehe.« Michael nickte.
»Dann ist es ja gut«, erwiderte sie erleichtert. »Aber wir sind vom Thema abgekommen. Könnten wir das von vorhin vielleicht noch einmal machen?«
Noch ehe er sich fragen konnte, was sie damit gemeint haben mochte, hatte sie ihn bereits in die Nische der nächsten Tür gezogen und küsste ihn noch einmal und mit noch größerer Leidenschaft. Wie sie es liebte, ihrem Mann wieder so nah zu sein, ihn zu riechen und zu schmecken.
Halb benommen ließen sie nach einer Weile voneinander ab und sahen sich schwer atmend an.
»Zufällig stehen wir gerade direkt vor unseren Gemächern«, sagte Michael und liebkoste ihren Hals mit der Zunge. »Sollten wir vielleicht hineingehen und drinnen weitermachen, Liebling? Was meinst du?«
»Keine schlechte Idee«, antwortete sie und war dabei noch immer außer Atem. »Ich fürchte nur, dass Mildred nebenan im Wohnzimmer sitzt und Colins Schlaf bewacht. Erst müssten wir sie von ihrer Pflicht entbinden.«
Und genau so war es auch: Als sie das Nest durch die Nebentür betraten, saß Mildred Boyle im Wohnzimmer auf dem Sofa und las in einem Buch. Sie sprang sofort auf und begrüßte beide erfreut. Nach einem kurzen Informationsaustausch über Colins Befinden dankten die Eltern der Kinderfrau und entließen sie für den Rest des Tages. Dann packte Michael seine Frau am Handgelenk und zog sie zur Tür, die nach nebenan ins Schlafzimmer führte.
»Endlich allein«, raunte er an ihr Ohr und knöpfte ihr dabei die Bluse auf. »Ich habe so eine Sehnsucht nach dir, Sammy …«
»Und ich nach dir«, flüsterte sie, als ihre Knie nachzugeben drohten. »Wenn ich Mildred richtig verstanden habe, müsste Colin noch mindestens eine Stunde schlafen.«
»Und du meinst, das genügt uns?«, scherzte er. »Wo wir so viel nachzuholen haben?«
Sie rissen sich voller Ungeduld gegenseitig die Kleider von den Körpern und küssten sich immer wieder, während sie sich zu ihrem Ehebett bewegten. Schließlich – mit bloßer Haut – umarmten sie sich innig und genossen es, sich wieder ganz zu spüren. Dann plumpsten sie gemeinsam auf die nachtblaue Liegefläche, und Samantha quietschte vergnügt auf. Michael bedeckte sogleich die zarte Haut ihres Oberkörpers mit unendlich vielen Küssen und arbeitete sich schließlich in Richtung des Bauchnabels vor.
»Moment!«, rief Samantha auf einmal und unterbrach ihn damit unwirsch. »Eines fehlt noch!« Sie wand sich unter seinem begehrlichen Mund zu der Seite des Bettes, an der Michaels Nachttisch stand, zog die Schublade auf und holte einen kleinen Gegenstand heraus. Dann ergriff sie seine linke Hand und steckte ihm seinen Ehering an den Finger. »Endlich ist er wieder dort, wo er hingehört«, sagte sie mit einem Anflug von Triumph in der Stimme.
Dass sie damit einen Fehler gemacht hatte, merkte sie erst in dem Moment, als Michael sich seufzend auf den Rücken drehte und wie unter Schock seine beringte Hand betrachtete.
