Schlangen im Paradies - Sybille Kolar - E-Book

Schlangen im Paradies E-Book

Sybille Kolar

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Beschreibung

Das Eheleben von Samantha und Michael ist wie ein Traum. Sie richten sich auf Cardington Manor gemütlich ein, sie lieben sich – und die Geburt ihres Babys macht ihr Glück vollkommen. Das Leben, es könnte nicht schöner sein. Bis ... Ja, bis Geheimnisse aus Michaels Vorleben ans Licht kommen: Welchen Anspruch hat die andere Frau an ihn? Wer ist Samanthas Mann wirklich? Und warum bewegt sie das Schicksal eines Kindes so? Eine Kette von Ereignissen, die das Glück auf Cardington Manor zu zerstören drohen. CARDINGTON MANOR erzählt in sechs Bänden die Geschichte von Samantha, die aus ihrem goldenen Käfig ausbrach und ein neues Leben anfing. "Schlangen im Paradies" ist der zweite Band der erfolgreichen Romanreihe. "Ähnlich wie die Autorin der »Muschelsucher« schreibt auch Kolar leichte Lektüre für intelligente Damen." (Literaturzeitschrift.de)

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Sybille Kolar

 

 

 

 

CARDINGTON MANOR

 

Schlangen im Paradies

 

 

 

 

Roman

 

 

 

Band 2 der CARDINGTON-MANOR-Reihe

 

 

 

 

 

 

 

Copyright © 2015 Sybille Kolar

c/o Internet-Buchverlag

Hünefeldzeile 18

12247 Berlin.

 

 

Lektorat/Korrektorat: Michael Lohmann

Endbearbeitung: Jil Aimée Bayer

Coverdesign: Carolin Liepins

Foto: Cornelius Carstens

 

 

 

Sämtliche Rechte sind vorbehalten, insbesondere das Recht der mechanischen, elektronischen und fotografischen Vervielfältigung, der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, des Nachdrucks in Zeitungen und Zeitschriften, des öffentlichen Vortrags, der Verfilmung und Dramatisierung, der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen oder Video, auch einzelner Text- und Bildteile sowie der Übersetzung in andere Sprachen. Die Handlungen und Personen dieses Romans sind frei erfunden.Ähnlichkeiten mit lebendenoder totenPersonensindrein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

 

 

Zum Roman:

 

Manchmal wäre es besser, die Tür nicht zu öffnen.

 

Das Eheleben von Samantha und Michael ist wie ein Traum.

Sie richten sich auf Cardington Manor gemütlich ein, sie lieben sich – und die Geburt ihres Babys macht ihr Glück vollkommen. Das Leben, es könnte nicht schöner sein. Bis ...

Ja, bis Geheimnisse aus Michaels Vorleben ans Licht kommen:

Welchen Anspruch hat die andere Frau an ihn? Wer ist Samanthas Mann wirklich?

Und warum bewegt sie das Schicksal eines Kindes so?

Eine Kette von Ereignissen, die das Glück auf Cardington Manor zu zerstören drohen. 

 

CARDINGTON MANOR erzählt in sechs Bänden die Geschichte von Samantha,

die aus ihrem goldenen Käfig ausbrach und ein neues Leben anfing.

 

 

"Ähnlich wie die Autorin der »Muschelsucher« schreibt auch Kolar

leichte Lektüre für intelligente Damen." Literaturzeitschrift.de

 

 

 

 

 

Sybille Kolar wurde in München geboren.

Bereits in ihrer Jugend liebte sie Goethes erhabene Sprache.

Heute erzählt sie in ihren Werken mit leisen Tönen von den Freuden und Abgründen,

die das Leben bisweilen bereithält.

Mit Ehemann und Hund lebt sie in Bayern.

 

sybille-kolar.com

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Gewidmet einem Mann in meinem Herzen, der seinen Weg geht:

meinem Sohn.

1

 

 

 

Samantha stand im Westflügel von Cardington Manor, inmitten einer unbewohnten Zimmerflucht. Die Verbindungstüren waren weit geöffnet und sie blickte durch die Räume, die sich aneinanderreihten wie Perlen auf einer Schnur.

Die Suite war fast leergeräumt und wirkte dadurch verlassen und seelenlos. Doch schon bald würde sie wieder mit neuem Leben erfüllt sein.

Samantha durchschritt jedes Zimmer und wusste im selben Moment, wofür es geeignet war und welche Funktion sie ihm geben würde.

Beim letzten allerdings hielt sie sich ein wenig länger auf. Das war das alte Spielzimmer von Cardington Manor: ein ansprechender, von Licht durchfluteter Raum.

Samantha erinnerte dieses Kinderzimmer an ein Maleratelier.

Sie hatte sich von Henderson, der guten Seele des Anwesens, die Fensterläden öffnen lassen, bevor sich dieser wieder diskret zurückzog.

Nun strömte kühle, frische Märzluft herein und mischte ein paar Sonnenstrahlen durch, in denen Staubkörner funkelten und tanzten.

Eine der Wandlängsseiten bestand aus einer durchgehenden Fensterfront, die bis zum Boden reichte und sich komplett öffnen ließ. Von dort aus gelangte man auf einen Dachgarten, auf dem in der Vergangenheit allerlei Vergnügungen stattgefunden hatten: das Schießen mit Steinschleudern oder Katapulten, Seilspringen, Kreiseln, Verstecken, Puppenspiele und vieles mehr. Sämtliche Nachfahren der Cardingtons hatten dort oben seit Generationen den Großteil ihrer Kindheit verbracht. Charles war der letzte Abkömmling gewesen, Samanthas erster Ehemann.

Trotz der geöffneten Fenster roch die Luft noch immer etwas abgestanden. In diesem abgelegenen Trakt, in dem sich das Zimmer befand, wurde nicht regelmäßig gelüftet.

»Es wird Zeit, dass hier mal ein frischer Wind hereinweht«, sagte Samantha. Sie blickte sich um, in der Hoffnung, eine Sitzgelegenheit zu finden. Ihr dicker Babybauch wurde ihr langsam beschwerlich. Aber es gab hier keinen Sessel. Nicht einmal einen Stuhl.

In einer Ecke sah sie ein winziges Kinderbett, in dem ein brauner Plüschbär lag. Sie setzte sich darauf und nahm den Bären auf den Schoß.

Neben dem Bettchen befand sich eine antike, mit niedlichen Kindermotiven bemalte Kommode, die wohl einmal als Kleiderschrank gedient hatte. In einem halbhohen Regal an der dem Fenster gegenüberliegenden Wand waren zahllose altmodische Spielsachen angeordnet.

Alles wirkte so, als käme der Bewohner des Raums jeden Moment zur Tür herein.

In der Mitte des Raumes stand eine alte Wiege aus dunkelbraunem Holz. Sie war aufwändig gearbeitet und mit prächtigen Schnitzereien verziert. An der Aufhängevorrichtung für den Wiegenschleier hatte der Handwerker die Buchstaben CC für Charles Cardington mit goldenen Lettern angebracht. Das wertvolle Möbel war zweifelsohne ein Erbstück der Familie.

Samantha ließ ihren Blick weiter umherschweifen und sog die Atmosphäre der Räumlichkeit in sich auf. Dies war ein freundliches Zimmer. Durch die angegraute Tapete wirkte es nur ein wenig düster und verstaubt.

Samantha konnte sich gut vorstellen, wie gemütlich es hier einmal gewesen sein musste. Doch die Zeit hatte eben ihre Spuren hinterlassen.

Die Zeit und Charles’ Selbstmord.

Charles hatte sein ganzes Leben auf Cardington Manor verbracht. In den wenigen Jahren ihrer Ehe hatten sie gemeinsam auf dem Anwesen gelebt.

Dieser Raum war Charles’ ehemaliges Kinderzimmer. Und es hätte auch das Kinderzimmer ihrer Nachkommen werden sollen.

Doch die wollten sich nicht einstellen.

Samantha erinnerte sich daran, wie viel Mühe es sie gekostet hatte, Charles davon abzubringen, den Raum dennoch neu einzurichten. Das hätte sie womöglich noch mehr unter Druck gesetzt. Die Situation war damals schon in ausreichendem Maße angespannt gewesen.

Irgendwann hatte Samantha es dann nicht mehr ausgehalten und sich von Charles getrennt.

Ein Jahr später hatte sich Charles umgebracht. Die Tatsache, dass seine Frau von einem anderen Mann schwanger geworden war, hatte ihm das Herz gebrochen. Vor allem jedoch seinen Stolz.

Aber das gehörte nun der Vergangenheit an. Die Zukunft wuchs in Samanthas Bauch heran und ließ nicht mehr lange auf sich warten. Charles’ letzter Wille war, dass wenigstens Samanthas Kinder auf Cardington Manor aufwachsen sollten – wenn schon nicht ihre gemeinsamen. Und damit dies ohne Beklemmungen und Ressentiments gelingen konnte, war es nötig, Entscheidungen für Veränderungen zu treffen.

Mit einiger Mühe hievte sich Samantha von ihrem tiefgelegenen Sitzplatz empor. Den Teddy legte sie zurück an seinen Platz, deckte ihn zu und streichelte ihm über die struppige Wange.

Sie ging hinüber zu der alten Kommode und öffnete sie. Wie sie bereits vermutet hatte, war die bestückt mit einer kompletten Babyausstattung. Sie nahm ein paar winzige Kleidungsstücke heraus und betrachtete sie.

Charles hatte sich damals nicht davon abbringen lassen, das alles zu kaufen. Samantha war dagegen gewesen. Nach ihrem Empfinden brachte es Unglück, Ereignisse, die noch nicht eingetreten waren, durch solch übereifrige Handlungen vorwegzunehmen. So als würde man dadurch verhindern, dass sie geschehen können. Und so war es dann ja auch gekommen.

»Nichts ist trauriger als ein Kinderzimmer ohne Kind«, sagte Samantha und empfand noch einmal kurz den immensen Schmerz ihres damaligen Kummers.

Sie faltete die kleinen Strampelanzüge und legte sie wieder zurück in den Schrank. Dann atmete sie tief durch und ging zuversichtlich zur Tür.

Bevor sie diese verschloss, ließ sie ihren Blick noch einmal durch das Zimmer wandern.

Sie wusste jetzt, was zu tun war.

2

 

 

 

Roberta Gilchrist saß nervös auf dem Flur des Krankenhauses von Rye. In ihren abgearbeiteten Händen knetete sie seit einer gefühlten Ewigkeit ein Taschentuch. Es war bereits schweißnass.

Roberta wusste nicht mehr, wie lange sie schon da saß. Obwohl die alte Frau alle paar Minuten auf die Stationsuhr starrte. Sie hatte jeglichen Zeitbegriff verloren.

Kein einziger Laut war zu hören. Es beunruhigte Roberta, dass es hier gerade so leise war. Um ihre sorgenvollen Gedanken abzulenken, nahm sie zum wiederholten Mal ihre Umgebung in Augenschein: blassgrün gestrichene Wände, deren untere Hälfte glänzte. Das kannte sie aus dem Kinderheim, das sie 40 Jahre lang geleitet hatte. Sie waren durch diesen lackartigen Überzug einfach leichter zu reinigen. Das war praktisch in öffentlichen Gebäuden.

Über die gesamte Länge des Korridors hatten die Architekten Handläufe anbringen lassen, die Roberta an Ballettstangen erinnerten. Erst kürzlich hatte sie im Fernsehen einen Bericht über eine berühmte russische Ballettschule gesehen. Elfenzarte Mädchen legten darin ihre Beine auf solchen Barren ab, um sich daran zu dehnen.

Über den Handläufen hingen Bilder an den Wänden: Kunstdrucke hinter Glas, die allesamt ähnliche Motive zeigten: Kinder, Babys, Familien und Mütter mit Kinderwagen.

Vor dem Schwesternzimmer war eine Pinnwand angebracht: eine orangefarben gerahmte Korkfläche, die man nur erahnen konnte unter den vielen bunten Kärtchen und Babyfotos, die mit Reißzwecken daran befestigt waren.

Bereits zum zweiten Mal sah sich Roberta die liebevoll gestalteten Geburtsanzeigen an. Sie stellte sich vor, dass womöglich bald eine weitere dort hängen würde. Wie sie wohl aussehen würde? Die Vorfreude darauf trieb Roberta zum wiederholten Mal an diesem Tag die Tränen in die Augen.

Wenn es doch nur schon ausgestanden wäre!

Warum höre ich denn nichts? So eine Geburt ist doch eine geräuschvolle Angelegenheit!

 

Knapp zwei Stunden später waren endlich die Schreie einer Frau zu vernehmen. So schauerlich sie sich nachts um drei Uhr auf einem menschenleeren Krankenhausflur auch anhörten, in Roberta Gilchrist machte sich Erleichterung breit. Endlich ging es voran! Sie selbst hatte es zwar noch nie selbst erlitten, aber diese höllischen Schmerzen gehörten eben dazu. Wie gerne hätte sie es Samantha erspart.

Eine zärtliche Liebe stieg in ihr auf, die sie noch nie stärker gespürt hatte, als in diesem Moment. Zwar hatte sie ihr Leben lang mit Kindern verbracht und allen ihre Zuneigung geschenkt. Aber mit Samantha war das anders. Sie fühlte sich für Roberta nicht nur wie eine Tochter an – Samantha war die Tochter, die Roberta nie hatte.

Auch Michael, Samanthas Ehemann, hatte sie fest ins Herz geschlossen. Sie waren Robertas Familie geworden, hatten sich ihrer angenommen und ihr praktisch ein neues Leben geschenkt, als ihr altes keinen Sinn mehr hatte. Und da Samantha und Michael keine Eltern mehr hatten, wurde sie nun die Großmutter dieses Babys. Sie, die völlig alleinstehende Roberta Gilchrist, die nie Zeit für Freundschaften gehabt hatte, bekam nun ein Enkelkind. Beim Gedanken daran wurden ihre Augen erneut feucht.

Mit einem Mal spürte sie Hektik. Eine beruhigende, souveräne Frauenstimme war plötzlich zu hören und übertönte die Schreie: »Samantha, erst pressen, wenn ich es sage ... noch nicht, noch nicht ... jetzt pressen! Mit aller Kraft! So ist es gut! ... Aufhören, aufhören! Wir warten jetzt, bis die nächste Wehe kommt ...«

 

Roberta dachte an den Tag zurück, an dem sie und Samantha sich zum ersten Mal im Waisenhaus begegnet waren: Die sympathische junge Frau hatte sich bei ihr um eine Stelle beworben. Wie sehr sich die Dinge in beider Leben inzwischen verändert hatten!

 

»Und jetzt noch einmal! Gleich kommt das Köpfchen! Weiter, weiter, weiter! ... Halt! Aufhören! Das Köpfchen ist da! Kurz ausruhen ...«

 

Roberta wagte nicht, zu atmen. Sie lauschte auf die Stille zwischen Samanthas angestrengtem Stöhnen und der kraftvollen Stimme der Hebamme. Es war, als hörte in diesen Momenten Robertas Welt auf, sich zu drehen. Sie hielt weiterhin inne.

 

»Jetzt nochmal pressen! Weiter, weiter, weiter! ... Gleich ist Ihr Baby da ...«

 

Und dann erscholl endlich das herzzerreißende Schreien eines Neugeborenen. Das schlafende Krankenhaus war plötzlich mit Leben erfüllt. Roberta schickte einen innigen Dank zum Himmel. Sie lachte und weinte gleichzeitig vor Glück und Erleichterung.

 

Ein paar Minuten später kam Michael aus dem Kreißsaal. Er war völlig aufgelöst und fiel Roberta um den Hals.

»Es ist da – es ist ein Junge«, schluchzte er. »Oh, mein Gott, Sammy war so tapfer!«

»Ist denn alles gutgegangen?«

»Ja. Wie sagt man? Mutter und Kind sind wohlauf!« Er strahlte sie an.

»Oh, Michael, ich gratuliere dir von Herzen! Euch beiden!« Roberta trocknete ihre Tränen und putzte sich die Nase. »Das ist wirklich eine gute Nachricht! Dann werde ich jetzt wieder nach Hause fahren und ...«

»Kommt nicht infrage! Erst musst du den Kleinen sehen!«

»Aber ich kann doch nicht ...«

»Natürlich! Du bist schließlich die Großmutter!« Michael nahm sie am Arm und ging in den Kreißsaal voran.

»Bist du sicher?«

 

Samanthas Haar hing in schweißverklebten Strähnen herab. Völlig ermattet lag sie da, aber ihr Strahlen erhellte den Raum. Auf ihrem Bauch lag ein Bündel aus weichem, hellblauen Stoff. Ihre Arme hielt sie schützend darumgelegt.

»Samantha, ich gratuliere dir von Herzen«, sagte Roberta leise. Vorsichtig kam sie näher und drückte der jungen Mutter einen Kuss auf die feuchte Stirn.

»Danke, meine liebe Roberta. Darf ich dir deinen Enkel vorstellen? Colin Charles Tomlinson!«

»Colin soll er heißen? Das ist ein wirklich hübscher Name!«

Samantha hob die Decke ein wenig an, damit Roberta das Gesichtchen sehen konnte.

»Er sieht ja aus wie ein Engel!« Roberta war hingerissen. Ehrfürchtig stand sie davor. Sie wagte nicht, dieses niedliche, fast ätherische Wesen anzurühren. Plötzlich schob sich ein kleines Ärmchen mit einer winzigen, geballten Faust aus dem Tuch heraus.

»Und ein Kämpfer bist du auch, mein Kleiner?«

Die frischgebackenen Eltern lachten glücklich und erleichtert.

Ein paar Minuten später verabschiedete sich Roberta. An der Krankenhauspforte bestellte sie ein Taxi, um sich nach Cardington Manor zurückfahren zu lassen. In ihrer Wohnung würde sie einen Piccolo Sekt öffnen, um auf den neuen Erdenbürger zu trinken. An Schlaf war vor lauter Aufregung sowieso nicht zu denken.

 

Michael blieb im Kreißsaal, bis das Baby gewogen, vermessen, gebadet und angezogen war. Währenddessen saß er bei Samantha und streichelte sie. Sie hatten einen gesunden Jungen bekommen. Sie waren jetzt Eltern eines Sohnes.

Und er hatte einen Namen: Colin. Den schrieb die Hebamme gerade auf ein winziges, hellblaues Plastikarmband, bevor sie es an Colins Handgelenk befestigte. Dann übergab sie den Kleinen mit einem aufmunternden Lächeln an Michael.

»So! Jetzt gibt es hier mal eine Herrenrunde, während wir uns um die Frau Mama kümmern!«

In der hinteren Ecke des Raumes stand ein bequemer Sessel. In den setzte sich Michael ganz behutsam. Nun hatte er endlich Gelegenheit, seinen Sohn zu begrüßen.

Jede Einzelheit nahm er wahr und wollte sie sich für immer einprägen: die fest verschlossenen Äuglein, die in Falten gelegte Stirn, die feine Stupsnase und die zarten Flaumhärchen, die Colins Wangen bedeckten.

Michael roch an ihm und war überwältigt von dem zauberhaften Duft, der von dem Kleinen ausging.

Als dieser im Schlaf wieder mit den Ärmchen ruderte, schob Michael einen Finger an eine winzige Handfläche. Da packte Colin zu und hielt seinen Vater fest.

»Du hältst mein Herz in deiner Hand, mein kleines Wunder«, sagte Michael gerührt.

»Wir bringen Ihre Frau jetzt in ihr Zimmer, damit sie sich ausruhen kann. Möchten Sie sie begleiten? Und der Kleine kommt erst einmal zu uns auf die Säuglingsstation. Bis die Milch einschießt, bekommt er dort Glucosesirup.«

Widerwillig trennten sich Vater und Sohn. Michael küsste die winzige Hand, die daraufhin seinen Finger wieder freigab.

Er ging noch kurz mit in Samanthas Zimmer. Beide waren sie am Rande ihrer Kraft. Er wollte ihr noch so vieles sagen, aber das Glück, Zeuge bei einem Wunder gewesen zu sein, hatte ihn sprachlos gemacht.

Als Michael sicher war, dass Samantha alles Notwendige hatte, verabschiedete er sich zärtlich von ihr. »Erhole dich gut, mein tapferes Mädchen. Du bist jetzt eine Mutter.«

»Mache ich. Versprochen. Und du musst ab sofort doppelt vorsichtig fahren. Du bist jetzt ein Vater«, war das Letzte, was Samantha sagte, bevor sie mit einem Lächeln einschlief.

3

 

 

 

Ein paar Tage später holte Michael seine Familie nach Hause. Meine Familie! Zum ersten Mal!

Colin lag in einem Babysitz auf der Rückbank. Er verschlief die erste Autofahrt seines Lebens.

Auch Samantha hielt ihre Augen geschlossen und döste ein wenig. Sie genoss die Ruhe fernab vom Klinikbetrieb. In ihren Halbschlaf mischten sich Gedanken. Sie war nun nicht länger nur Teil eines Paares. In ihr keimte das Bewusstsein auf, dass sie sich ab jetzt nicht mehr selbst gehörte, solange dieser kleine Mensch von ihr abhängig war. Und das würde er die nächste Zeit rund um die Uhr bleiben. Colins Bedürfnisse würden ihren Tages- und Nachtrhythmus bestimmen – das begriff sie in diesem Moment so klar wie niemals zuvor.

Obwohl sie natürlich vorher gewusst hatte, dass eine junge Mutter auch nachts für ihr Neugeborenes da sein musste – die Praxis zeigte ein paar weitere Feinheiten. Die Umstellung auf die Verantwortung für ihr erstes Kind war die bisher größte Veränderung ihres Lebens.

Samantha öffnete erst wieder ihre Augen, als sie den Kies der Zufahrtsstraße unter den Reifen spürte. Dieses Geräusch, verbunden mit einer leichten Vibration, war das Zeichen, dass sie bald zu Hause sein würden.

Sie stellte ihren Sitz wieder senkrecht und warf einen Blick in den Kosmetikspiegel auf der Rückseite der Sonnenblende. Sie sah müde aus, aber das war kein Wunder. So eine Geburt war schließlich kein Vergnügen.

Langsam kam Cardington Manor in Sicht und sie näherten sich der Auffahrt. Samantha wunderte sich über die vielen Menschen, die vor dem Eingang standen, und fürchtete im ersten Moment, dass etwas passiert wäre. Dann erst sah sie, dass dieser Auflauf ihr galt. Ihr und Colin.

Bevor das Auto anhielt, folgte die ungeordnete Menschentraube einer geheimen Choreografie. Alle standen plötzlich in einer Reihe und strahlten.

Michael stieg als Erster aus. Er ging um den Wagen herum und war Samantha behilflich.

Sie war noch ziemlich wackelig auf den Beinen, das merkte sie in diesem Moment. Mit Tränen in den Augen sah sie hinüber zu diesen vielen Bediensteten, die im selben Augenblick ein Banner in die Luft hoben.

 

Ein herzliches Willkommen dem kleinen Colin und seiner lieben Mama!

 

Alle Menschen, die auf Cardington Manor arbeiteten, nahmen an diesem Empfang teil: von Henderson, Rose, Frances und noch weiterem Hauspersonal bis zu den Stallburschen und Gärtnern. Zwischen ihnen standen Roberta, die drei Erzieherinnen und sämtliche Kinder aus dem Waisenhaus.

Ferner hatte sich Dr. Mortimer eingefunden. Seit Jahrzehnten war er der Hausarzt der Familie Cardington, inzwischen auch der Familie Tomlinson und außerdem ehrenamtlicher medizinischer Betreuer des Kinderheims. Henderson hatte ihn verständigt, weil der Mediziner gerne an der Begrüßungszeremonie teilnehmen wollte. Dr. Mortimer hatte damals die quälenden Jahre der ungewollten Kinderlosigkeit der Cardingtons miterlebt und freute sich nun ganz besonders für Samantha.

Michael hatte inzwischen den Babysitz von der Rückbank geholt und folgte Samantha, die auf den Eingang zuging. Als sie näherkamen, begannen einige aus der versammelten Menge zu klatschen. Doch Henderson unterbrach sie mit einer Handbewegung, die etwas sehr Bestimmendes hatte.

»Leise! Ihr weckt ihn doch auf! Oder soll sich der kleine Kerl gleich erschrecken vor euch?«

Als das Geräusch wieder abgeebbt war, sprach Samantha zu allen: »Was für ein reizender Empfang! Wir danken Ihnen von Herzen! Und nun haben wir die Ehre, Ihnen unseren Sohn vorzustellen.« Sie blickte sich nach Michael um, der die Trageschale inzwischen auf seinen Armen hielt.

»Colin, das sind all die lieben Menschen, die hier mit uns zusammenleben«, sagte Michael in die Richtung seines schlafenden Sohnes.

Langsam schritt er mit dem Kleinen auf dem Arm die ganze Reihe ab. Andächtiges Raunen und leises Entzücken begleiteten Vater und Sohn. Samantha lächelte stolz.

Dann löste sich eines der Kinder aus der Gruppe. Frank, ein rothaariger Junge aus dem Waisenhaus, hielt einen Blumenstrauß in der Hand und überreichte ihn Samantha. Sie nahm ihn erfreut entgegen und küsste den Jungen auf beide sommersprossigen Wangen. Frank war sichtlich stolz, als Vertreter des Kinderheims ausgewählt worden zu sein. Leicht errötet stellte er sich zurück in die Reihe und strahlte.

Henderson räusperte sich.

»Verehrte Mrs Tomlinson, Mr Tomlinson«, er deutete eine leichte Verbeugung an. »Als Butler und Personalvorstand auf Cardington Manor ist mir der heutige Tag eine ganz besondere Freude! Wir dürfen einen neuen Hausbewohner begrüßen, Ihren kleinen Sohn Colin, der jetzt bereits unser aller Herzen erobert hat.«

Gerührt hielt Henderson einen Moment lang inne.

»Wie es seit jeher auf Cardington Manor Tradition war, haben wir alle zusammengelegt für dieses kleine Präsent, das ich nun die Ehre habe, Ihnen zu überreichen.«

Er hielt ein winziges, hellblau verpacktes Geschenk in den Händen und gab es Samantha.

»Möge dem kleinen Colin ein glückliches und erfülltes Leben beschert sein!«

Daraufhin verfiel die ganze Gruppe in einen begeisterten Applaus und hätte sich dieses Mal von niemandem mehr unterbrechen lassen. Roberta blickte den Butler bewundernd an und schniefte gerührt in ein altmodisches Stofftaschentuch.

Colin bekam von der ganzen Aufregung nichts mit. Er schlief seelenruhig weiter.

Mit Tränen in den Augen wickelte Samantha das Päckchen aus. Zum Vorschein kam ein Kinderlöffel aus echtem Silber. Auf dem Griff war der Name Colin eingraviert.

»Im Namen meiner Familie danke ich Ihnen von Herzen für diesen entzückenden Löffel! Wir werden ihn in Ehren halten«, sagte Samantha mit einem Seitenblick auf Michael und ihren Sohn. »Gerade habe ich zum ersten Mal meine Familie gesagt und damit meinen Mann und meinen Sohn gemeint.« Sie lächelte. »Aber Sie müssen wissen, dass es mir sehr viel bedeutet, nach Hause zu kommen und Sie alle hier vorzufinden.«

Michael legte seinen Arm um Samantha und nickte zur Bestätigung.

»Ja, wir sind nun zwar zum ersten Mal als Familie nach Hause gekommen, aber es ist so, dass Sie alle irgendwie unsere Familie sind! Jeder Einzelne von Ihnen!«

Das Begrüßungskomitee applaudierte erneut. Einige wischten sich verstohlen mit dem Handrücken über die Augen. Dann löste sich die Versammlung auf und jeder ging in die Richtung, in der er seine Beschäftigung hatte. Nur Henderson und Roberta blieben bei Samantha und Michael, um ihnen behilflich zu sein.

Ebenfalls zum ersten Mal betraten sie gemeinsam das renovierte Kinderzimmer. Es war kaum wiederzuerkennen: Alles strahlte nun frisch und hell. Die Tapete an den Wänden war weiß und gelb gestreift und gab dem Zimmer eine so fröhliche Anmutung. Als würde die Sonne hereinscheinen, was sie an diesem bedeckten Tag allerdings nicht tat.

Quer durch den Raum verlief auf halber Höhe eine farblich passende Bordüre mit Spielzeugmotiven. Auf dem dunklen Boden aus Eichenparkett lag ein honigfarbener, weicher Teppich. Sämtliche Möbel hatte Samantha erhalten; sie hatte sie lediglich sorgfältig säubern lassen. Auch die Wiege erstrahlte im neuen Glanz eines edlen, purpurnen Seidenschleiers. Bei diesem Anblick stutzte Michael.

»Hast du diese Farbe deshalb gewählt, weil wir nicht wussten, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird?« Als Samantha ihn fragend ansah, fuhr er fort: »Ich meine, dieses Violett ist doch eine Mischung aus Rosa und Hellblau .

---ENDE DER LESEPROBE---