Sommerstürme - Sybille Kolar - E-Book

Sommerstürme E-Book

Sybille Kolar

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Beschreibung

Heftige Stürme wüten über East Sussex. Auch die Beziehungen auf Cardington Manor sind in dieser Zeit schweren Zerreißproben ausgesetzt. Michael ist mit seinem Leben unzufrieden – und Samantha muss sich einmal mehr fragen, ob es vielleicht doch ein Fehler war, einen Mann zu heiraten, den sie kaum kannte. Zu allem Überfluss ist sie durch ihren Kummer sehr empfänglich für die Annäherungen des äußerst attraktiven Timothy Browning, der ihr noch immer keine Ruhe lässt. Nicht zum ersten Mal kommt er ihr gefährlich nah. Und Michael spielt seinem Rivalen dabei noch in die Hände. Kann Samantha diese Krise nutzen, um über sich hinauszuwachsen, oder steht sie bereits zum zweiten Mal vor den Trümmern einer Ehe? CARDINGTON MANOR erzählt in sechs Bänden die Geschichte von Samantha, die aus ihrem goldenen Käfig ausbrach und ein neues Leben anfing. "Sommerstürme" ist der vierte Band der erfolgreichen Romanreihe. Es erwartet Sie ein Wiedersehen mit alten Bekannten und neuen Herausforderungen. "Ähnlich wie die Autorin der »Muschelsucher« schreibt auch Kolar leichte Lektüre für intelligente Damen." Literaturzeitschrift dot de

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Sybille Kolar

 

 

 

CARDINGTON MANOR

 

Brennende Herzen

 

 

 

 

 

Roman

 

Band 5 der CARDINGTON-MANOR-Reihe

 

 

 

 

 

ISBN: 978-3-7431-9090-0

Copyright © 2017 Sybille Kolar

c/o Internet-Buchverlag

Hünefeldzeile 18

12247 Berlin

 

 

Lektorat/Korrektorat: Jil Aimée Bayer

Umschlaggestaltung: Carolin Liepins

Foto: Cornelius Carstens

 

 

 

Sämtliche Rechte sind vorbehalten, insbesondere das Recht der mechanischen, elektronischen und fotografischen Vervielfältigung, der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, des Nachdrucks in Zeitungen und Zeitschriften, des öffentlichen Vortrags, der Verfilmung und Dramatisierung, der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen oder Video, auch einzelner Text- und Bildteile sowie der Übersetzung in andere Sprachen. Die Handlungen und Personen dieses Romans sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

 

 

Zum Roman:

 

Spiel nicht mit dem Feuer, wenn du es nicht löschen kannst!

 

Kaum genießt Samantha ihre geheime Liebschaft mit Timothy Browning, da trüben erste Sorgen das Glück: Wie wird es ihre Familie aufnehmen, dass sie plötzlich einen anderen Partner hat? Auch Hazel McGregor gibt noch immer keine Ruhe. Die Ex-Verlobte von Timothy macht den beiden mit ihren Rachefeldzügen das Leben zur Hölle.Michael indes ertrinkt in seiner Verbitterung und seinem selbst verursachten Schmerz.

Die Verständigung der Eheleute hat ihren Tiefpunkt erreicht. Werden sie sich einander jemals wieder annähern können – wenigstens der Kinder wegen? Da taucht erneut eine Frau

aus Michaels Vergangenheit auf und die Ereignisse überschlagen sich.CARDINGTON MANORerzählt in sechs Bänden die Geschichte von Samantha,die aus ihrem goldenen Käfig ausbrach und ein neues Leben anfing.Brennende Herzen ist der fünfte Band der erfolgreichen Romanreihe."Ähnlich wie die Autorin der »Muschelsucher« schreibt auch Kolar leichte Lektüre für intelligente Damen." Literaturzeitschrift.de

 

 

 

 

 

Sybille Kolar wurde in München geboren.

Bereits in ihrer Jugend liebte sie Goethes erhabene Sprache.

Heute erzählt sie in ihren Werken mit leisen Tönen von den Freuden und Abgründen,

die das Leben bisweilen bereithält.

Mit Ehemann und Hund lebt sie in Bayern.

 

sybille-kolar.com

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Für die Liebe.

 

1

 

 

Jefferson Barley betrachtete sich im Spiegel. Seine elegante Erscheinung stand im harten Kontrast zu seiner Umgebung, die sich wie um ihn zu verspotten immer wieder in seine Aufmerksamkeit drängte.

Die Regale hinter ihm an der rückwärtigen Seite des mehr als bescheiden zu nennenden Apartments hingen noch immer genauso schief wie bei seinem Einzug vor vielen Jahren. Die Tapeten wirkten abgeschabt und vergilbt, die Ecken der Zimmerdecke schimmerten bräunlich. Bei diesem Anblick atmete er angewidert den abgestandenen Geruch von kaltem Zigarettenrauch ein, der dem Zimmer anzuhaften schien wie Pech, obwohl er selbst nicht rauchte.

An manchen Stellen der Wand gähnten ihm fehlende Bilder entgegen, verraten durch schmutzige Ränder verschiedener Größe, die sie hinterlassen hatten. Vermutlich hatte selbst dieser Raum einmal bessere Zeiten erlebt, doch das war lange her.

Der Mann richtete seine Aufmerksamkeit nun wieder erfreulicheren Dingen zu: seinem Aussehen und seiner Garderobe. Das dunkle Haar hatte er streng nach hinten gekämmt und mit Frisiercreme gebändigt. Die leicht ergrauten Schläfen verliehen ihm die Ausstrahlung von Weltgewandtheit und Erfahrung. Er war frisch rasiert und sein Blick verfing sich kurzzeitig an der kleinen Wunde, die das Rasiermesser an seinem Kinn hinterlassen hatte. Das blassblaue Augenpaar sah ihn distinguiert an und senkte danach den Blick.

Dieser schwarze Anzug stand ihm wirklich vortrefflich. Es war eine gute Idee gewesen, ihn auf Maß anpassen zu lassen, auch wenn es fast sein letztes Geld gekostet hatte. Aber was machte das schon? Bald würden seine Sorgen der Vergangenheit angehören, er war sich sicher.

Er schnippte ein Stäubchen von der ohnehin tadellosen Schulter und warf seinem Gegenüber ein anerkennendes Zwinkern zu.

»Guten Tag, mein Name ist Barley. Ich bin der Butler auf Cardington Manor«, sagte er mit vornehmer Stimme zu seinem Spiegelbild.

2

 

 

Sie hatten sich schon wieder geliebt. Zum zweiten Mal in dieser Nacht. Und zum vierten Mal seit dem Nachmittag. Ermattet lagen sie ineinander verschlungen, atmeten tief und im gleichen Rhythmus.

Samantha nickte kurz ein. Dann schrak sie auf einmal hoch und sah reflexartig auf den Wecker. Es war halb vier Uhr morgens. Sie griff zum Babyfon, das auf dem dunkelroten Nachtkästchen lag, und drehte den Regler lauter, bis gleichmäßige Atemzüge das sündhaft rote Schlafzimmer erfüllten. Erleichtert blies sie die Luft aus ihren Lungen.

Schon wieder spürte sie Timothys lustvolle Annäherungen.

»Sag mal, schläfst du eigentlich nie?«, fragte sie und kicherte. »Mir tut schon alles weh. Wahrscheinlich kann ich morgen nicht einmal mehr sitzen.«

»Ich bin süchtig und Junkies brauchen keinen Schlaf, wusstest du das nicht? Sie brauchen nur ihre Droge …«, flüsterte er mit heiserer Stimme, die ihr wohlige Schauer bescherte, und begann damit, ihre Brustwarzen mit seiner Zunge zu liebkosen.

Sie seufzte genießerisch auf. Dieser Mann wusste einfach zu genau, was er tat!

»Du bist meine Droge, Sam, mein Liebling … ich bin dir ganz und gar verfallen.«

»Ich kann aber nicht mehr«, stöhnte sie nach einer kleinen Weile und entwand sich seinen Armen. »Ich muss jetzt wieder hinübergehen zu Colin. So lange wollte ich eigentlich gar nicht hierbleiben, aber ich muss eingeschlafen sein.« Sie stand auf.

»Ich möchte doch in seiner Nähe sein, wenn er aufwacht.«

In Windeseile suchte sie sich auf dem Boden die Einzelteile ihres aquamarinblauen Seidenkimonos zusammen und zog ihn an.

»Wenn ich ihn schon so vernachlässige – deinetwegen, du Unersättlicher!«

Sie kehrte zum Bett zurück, und als er sie sogleich wieder in seine Arme schließen wollte, wehrte sie lachend ab.

»Nicht anfassen! Nur ein kleiner Abschiedskuss.«

»Du hast ja recht. In Wahrheit bin ich auch hundemüde, aber wenn du so dicht neben mir liegst, merke ich das irgendwie nicht«, sagte er, als sie sich küssten. »Das war ja auch nur reine Angeberei von mir gerade eben – eigentlich nur, um dich zu beeindrucken.«

Er grinste sie an.

»Ach so? Hattest du vorhin den Eindruck, ich wäre noch nicht beeindruckt genug von dir?«

Sie kicherte, und er griff nach ihr, als er antwortete: »Das kann man doch nie wissen.«

Er bekam sie am Handgelenk zu fassen und zog sie wieder zu sich ins Bett, sodass sie auf seinem Körper zu liegen kam. Zum gefühlt hundertsten Mal in dieser Nacht trafen sich ihre Lippen mit ungebremster Leidenschaft. Ihre Zungen spielten abermals ihr allzu vertrautes Spiel, dessen sie scheinbar niemals müde wurden.

Samantha fühlte, wie Timothys erregte Männlichkeit sich schon wieder zielstrebig ihren Weg durch den halb geöffneten Kimono bahnte. Sie spürte bereits sein heißes Fleisch, wie es heftig pulsierend an ihre Pforte pochte und Einlass begehrte.

Mit einem leisen Aufschrei ließ sie ihn erneut gewähren und bäumte sich dabei ekstatisch auf. Der seidene Mantel glitt ihr dabei von den Schultern, und sie warf ihn mit einer einzigen Bewegung erneut auf den Boden.

Timothy lächelte wie ein Sieger, der soeben eine Schlacht gewonnen hatte. Er bewegte sich zwischen ihren Schenkeln wie ein wildes Pferd, das unter seiner Reiterin nur widerwillig zahm wurde.

»Ich liebe dich, Sam«, beteuerte er unter genussvollem Stöhnen. »Oh, ich liebe dich so sehr …«

»Ich liebe dich auch«, erwiderte sie keuchend, und im selben Moment hielten beide inne, weil Samantha zum ersten Mal ihre Gefühle für ihn eingestanden hatte. Sich selbst und ihm.

Mit beiden Händen nahm er ganz sanft ihren Kopf, zog ihn wieder zu sich heran und sah ihr tief in die Augen. Sein verflucht schönes Männergesicht war der Ausdruck reinen Glücks, als er sie erneut küsste, und seine schwarzen Augen leuchteten verheißungsvoll trotz der schummrigen Beleuchtung.

Dann schienen die Bewegungen ihrer Körper erneut ihrer eigenen, geheimen Choreografie zu folgen, in deren Verlauf sie in einen Gleichklang verfielen.

Während Samantha sich aufrichtete, bewegten sich seine Hände über ihren Hals und das Dekolleté. Auf ihren Brüsten kamen sie schließlich zum Verweilen und er stimulierte ihre zarten Knospen mit den Fingern, bis Samantha fast den Verstand verlor.

»Hör nicht damit auf mich zu lieben!«, schrie sie. »Niemals darfst du damit aufhören, hörst du?«

»Niemals … Ich werde dich immer lieben … Ich verspreche es dir.«

Ihr Liebesspiel näherte sich bald dem unausweichlichen Höhepunkt, als plötzlich Colins leises Brabbeln das Boudoir erfüllte.

»Ich muss gehen!«, keuchte Samantha.

»Noch nicht!«, rief er unter heftigem Stöhnen. Er packte sie an den Hüften und hielt sie fest. Dann dauerte es nicht mehr lange und er brachte die rauschhafte Verschmelzung für beide gleichzeitig zu einem lustvollen Ende.

Völlig erschöpft ließen sie danach voneinander ab und nach einem allerletzten Kuss verließ sie endgültig das dunkelrote Himmelbett. Noch immer außer Atem suchte sie erneut im Halbdunkel des Raumes ihre Sachen zusammen, diesmal noch flinker als zuvor. Sie drehte das Babyfon lauter und hörte danach nur noch Colins gleichmäßige Atemzüge.

»Gott sei Dank, er schläft schon wieder«, sagte sie.

Von der Türe aus warf sie Timothy noch eine Kusshand zu.

»Gute Nacht.«

»Gute Nacht, meine Liebste«, erwiderte er, gähnte herzhaft und kuschelte sich danach so unter die dunkelrote Bettdecke, dass sein nackter Körper noch halb zu sehen war.

»Mann, bin ich jetzt erledigt!« Er lachte leise und schüttelte den Kopf.

Samanthas Augen verweilten noch einen flüchtigen Moment lang auf dem ästhetischen Bild, das sich ihr bot, bevor sie sanft die Klinke hinunterdrückte.

»Dann schlaf dich jetzt aus. Und ich werde es auch versuchen – im Rahmen meiner Möglichkeiten. Wenigstens, bis Colin morgen früh wach wird.« Sie huschte hinaus auf den Korridor und zog die Tür des Boudoirs hinter sich ins Schloss.

 

Aufgekratzt und erschöpft zugleich kam sie im Westflügel an. Sie betrat das Nest und schlich den Gang entlang. Auf Zehenspitzen öffnete sie Tür des Kinderzimmers und lauschte. Colin war offenbar von selbst wieder eingeschlafen.

»Braver kleiner Schatz«, flüsterte sie, nachdem sie den Raum ohne ein Geräusch verschlossen hatte.

Sie ging zwei Türen weiter ins Badezimmer und putzte sich die Zähne. Dabei betrachtete sie ihr übermüdetes Gesicht im Spiegel, das ihr im Widerschein des gedämpften Lichts unwirklich blass entgegenleuchtete.

Dann fiel ihr etwas ein: Ich liebe dich auch, hatte sie zu ihm gesagt.

Zu Timothy Browning! Kaum zu glauben …

Sie schüttelte den Kopf und bemerkte erst in dem Moment, dass sie gerade eine Zahnbürste und eine Menge weißen Schaum im Mund hatte. Sie spuckte aus, spülte gründlich nach und tupfte sich das Gesicht mit einem Handtuch trocken. Und wieder starrte sie dabei ihr Spiegelbild an, ohne jedoch etwas wahrzunehmen.

Hatte sie diesen Satz vielleicht nur im Affekt erwidert, weil sie in dem Moment nicht bei klarem Verstand gewesen war? Kurz vor dem sexuellen Höhepunkt würde wahrscheinlich jeder Mensch alle möglichen Liebesschwüre oder Geständnisse von sich geben.

Dieser Zustand ist fast so wirkungsvoll wie Folter, kam es ihr in den Sinn. Über diese Erkenntnis amüsierte sie sich.

Aber wenn sie in sich hineinfühlte, konnte sie nur zu dem Schluss kommen, dass ihre soeben ausgesprochenen Gefühle der Wahrheit entsprachen. Sie kamen aus ihren innersten Tiefen heraus. Aus ihrem Herzen.

Dieses Wissen erzeugte gleichzeitig Angst: Wie sollte sie so nur einen kühlen Kopf bewahren, den sie in der nächsten Zeit mit Sicherheit brauchen würde?

Wie aufs Stichwort kamen ihr prompt ein paar rationale Gedanken in den Sinn:

Wie lange lässt sich die Sache mit Timothy noch vor dem Personal geheim halten?

Oder wissen sie es längst und tuscheln bereits heimlich hinter meinem Rücken?

Und schließlich: Wie soll denn das alles bloß weitergehen?

Was wird sein, wenn Frank mit Roberta und Henderson in drei Wochen zurückkommt, und sich in seinem Zuhause alles verändert hat? Wenn anstelle seines Vaters ein fremder Mann in einer Beziehung mit seiner Mutter zusammenlebt?

Um endlich ihre Gedanken zur Ruhe zu bringen, entschied sie sich trotz der späten Stunde, eine heiße Dusche zu nehmen, und betrat die Kabine.

Sie nahm die an einer dicken Kordel befestigte violette Lavendelseife vom Haken an der aquamarinblauen Fliesenwand. Damit wusch sie ihren noch immer von der Liebe aufgewühlten Körper und genoss den cremigen Schaum. Das darin enthaltene köstlich duftende Öl vermochte ihr Gedankenkarussell ein wenig zu bremsen.

Danach hüllte sie sich in ein dickes Badelaken, tupfte sich auf dem Weg zum Schlafzimmer notdürftig trocken und sank mit einem Seufzer der Erschöpfung ins Bett.

Der kühle, glatte Stoff der Bettwäsche fühlte sich einfach nur herrlich an. Wie ein beruhigender Balsam auf ihrem überreizten Gemüt.

Es war bereits halb fünf, als endlich die ersehnte Ruhe einkehrte und sie in einen betäubenden Schlaf fiel.

3

 

 

Anthony Browning stand im Türrahmen seines Schlafzimmers und betrachtete voller Mitgefühl den Mann, dem er sein eigenes Bett überlassen hatte. Gemessen am Alter konnten sie Vater und Sohn sein. Unter der Bettdecke hob und senkte sich dessen Brustkorb, bewegt durch gleichmäßige, tiefe Atemzüge.

Er spürte, wie wohltuend und heilsam der Schlaf für seinen Schützling war, und wie bitter nötig dieser ihn brauchte.

Am späten Abend des Vortages hatte er Michael Tomlinson nach einem schlimmen Autounfall aufgelesen, bei dem sich dessen Wagen mehrfach überschlagen hatte. Und weil dieser weder nach Cardington Manor noch in ein Krankenhaus gebracht werden wollte, war Anthony nichts anderes übrig geblieben, als ihn zu sich mit nach Hause zu nehmen.

Schon vor einiger Zeit hatte er dessen Ehefrau für ihre Klugheit und Güte ins Herz geschlossen. Aber auch ihn selbst hatte Anthony inzwischen schätzen gelernt. Seit seinem Bewerbungsgespräch und der kurzen Zeit, die er daraufhin auf Cardington Manor als Gestütsleiter angestellt war. Er mochte die aufrichtige und ruhige Art von diesem jungen Mann. Sie stand völlig im Gegensatz zu vielen anderen Menschen, die er in seinem langen Leben bereits kennengelernt hatte. Dieser Michael Tomlinson legte es nicht darauf an, jemandem zu gefallen oder jemanden zu beeindrucken, und das imponierte Anthony.

In seine Anteilnahme mischte sich mittlerweile jedoch auch Sorge. Er hatte die unbestimmte Ahnung, dass sein eigener Sohn an dem beklagenswerten Zustand dieses Mannes nicht ganz unbeteiligt war. Eigentlich war er sich ganz sicher, dass Timothy etwas damit zu tun hatte.

 

Er erinnerte sich nur zu gut an das Gespräch mit seinem Sohn ein paar Wochen zuvor, als dieser ihn um Rat gefragt hatte. Darüber war er selbst noch immer ziemlich verwundert und fühlte sich gleichzeitig geehrt, da solch vertrauliche Unterredungen zwischen ihnen nicht häufig stattgefunden hatten in der letzten Zeit.

Timothy stand damals kurz vor der Heirat mit Hazel McGregor. Er vertraute seinem Vater an, dass er schon seit Längerem eine andere Frau liebte, die er jedoch nicht haben konnte, wie er sagte. Und mit jedem weiteren Tag, an dem die aufwändigen Hochzeitsvorbereitungen von Hazel vorangetrieben und in den Gazetten breitgetreten wurden, hatte sich sein Fluchtweg immer weiter verbaut. Ihm wurde nur noch übel, wenn er an ihre gemeinsame Zukunft dachte. Mit der Zeit kam er sich schon selbst wie ein Hochstapler vor. In zahlreichen Interviews wurde er in dieser Zeit gefragt, wie es sich denn anfühlte, die schönste Frau Englands heiraten zu dürfen. Um Hazel nicht öffentlich bloßzustellen – sie konnte ja nichts für seine Gefühle! –, heuchelte er vor den Kameras Glück. Aber in Wahrheit wollte er nur noch davonlaufen, fort aus dieser verdammten Beziehung und irgendwohin, wo ihn niemand kannte.

Anthony Browning hatte damals nicht die leiseste Ahnung, wer die ominöse Dame im Leben seines Sohnes war, riet Timothy aber trotzdem zu einer zuversichtlichen Haltung in dieser Angelegenheit. Für ihn, der er schon einige Jahrzehnte lang Lebenserfahrung gesammelt hatte, gab es keinen Grund, einen Menschen zu heiraten, den man nicht liebte. Ein Eheleben sollte schließlich ein Leben lang andauern. Er sagte ihm, dass es zwar niemals eine Garantie dafür gab, dass man mit seiner Frau gemeinsam den Himmel auf Erden erleben würde. Doch mit der falschen Partnerin an der Seite konnte man ganz schnell in der Hölle landen. Das hatte er selbst in seinem Freundeskreis schließlich schon des Öfteren miterleben müssen und das wollte er seinem Sohn um jeden Preis ersparen.

Als es nun doch nicht zur Heirat mit Hazel kommen sollte, war er als Vater in der Tat erleichtert gewesen. Er hatte diese affektierte Person vom ersten Moment an nicht ausstehen können.

Kurze Zeit später hatte er das Gestüt auf Cardington Manor übernommen und seinen Sohn dort vor der Londoner Presse verstecken müssen. Und dann war ihm schlagartig klar geworden, wer die Dame war, die Timothys Herz gestohlen hatte. Es war dieselbe, der auch er selbst herzlich zugetan war – wenn auch aus völlig anderen Gründen.

Samantha Tomlinson holte Timothy eines Tages an den Ställen ab. Vielleicht unter einem Vorwand? Das wusste er nicht. Aber die Art und Weise, wie sein Sohn darauf reagierte, ließ ihn aufhorchen. Wie elektrisiert – ja, als hätte er plötzlich Luft aus himmlischen Sphären geatmet – entsprach er ihrem Wunsch und begleitete sie.

Verwundert hatte er damals den beiden nachgeblickt, wie sie sich fast schon verschwörerisch gemeinsam auf den Weg machten und auf merkwürdige Art bereits ein Paar zu sein schienen. Und als hätte sie seinen Blick in ihrem Rücken gespürt, drehte sich Mrs Tomlinson noch einmal zu ihm um, und er meinte zu spüren, dass sie wegen der Situation etwas verlegen war.

Er hatte sich seitdem schon öfter gefragt, was wohl in jener Nacht im Park zwischen den beiden jungen Leuten passiert sein mochte, als sein Sohn ihn eigentlich nur hatte rächen wollen. Damals – am vierzigsten Geburtstag seines alten Freundes Charles.

 

Dass diese alte Geschichte ausgerechnet jetzt erneut auf den Tisch kam, passte ihm ganz und gar nicht. Gerade in einer Zeit, wo Timothy und er sich einander wieder angenähert hatten. Man konnte sogar sagen, dass sie sich jetzt endlich richtig gut verstanden. Denn das war nicht immer so gewesen. Nach dem Konkurs vor ein paar Jahren hatte sich seine Frau – Timothys Mutter – von ihm scheiden lassen. Und dieser hatte es seinem Vater damals übel genommen, dass er nicht darum gekämpft hatte, die Familie zu erhalten. Kinder stellten sich alles immer so einfach vor. Auch dann noch, wenn sie bereits erwachsen waren.

4

 

 

Sie hatten vereinbart, dass sie sich vor dem Personal so selten wie möglich gemeinsam zeigten, solange Timothy ebenfalls im Haupthaus wohnte. Und wenn es sich einmal nicht vermeiden ließe, würden sie einfach nur ein paar belanglose, freundliche Worte über das Gestüt miteinander tauschen. Er sollte seine Mahlzeiten deshalb, so oft es ging, außerhalb von Cardington Manor einnehmen.

An diesem ersten gemeinsamen Morgen hatte ihre Übereinkunft bereits gut geklappt. Timothy war nach nur wenigen Stunden Schlaf schon früh zu den Pferdeställen aufgebrochen. Von dort aus schrieb er Samantha in einer Nachricht, dass es ihm gelungen war, sich von den noch immer ausharrenden Presseleuten unbemerkt in den Stall zu schleichen, um seiner Arbeit nachzugehen.

PS: Du fehlst mir jetzt schon mehr, als ich es dir sagen kann, 1000 Küsse in Liebe, Timothy, stand auf dem Display von Samanthas Handy.

Sie selbst lag noch im Bett und rekelte sich verschlafen, war gerade erst aufgewacht.

Ihr noch müdes Herz machte einen Sprung, als sie die liebevollen Zeilen las. Gleichzeitig wurde es ihr im Magen flau. Auch sie spürte, wie sich die Sehnsucht nach ihm durch ein schmerzhaftes Ziehen in ihrem ganzen Körper bemerkbar machte.

Im selben Moment wurde ihr bewusst, dass sie sich gerade im Ehebett befand, das sie und Michael gleich nach der Hochzeit gekauft hatten. Nirgendwo sonst fühlte sie die Nähe ihres Mannes stärker als in diesem Bett. Sie würde es wohl niemals über sich bringen, hier mit Timothy zu schlafen oder gemeinsam zu übernachten.

»Das kann ja noch heiter werden«, sagte sie halblaut vor sich hin, während sie sich aufsetzte und nach dem Kimono griff, der am Fußende lag.

»Ob in dieses Haus jemals wieder so etwas wie Normalität einziehen wird?«, fragte sie sich kopfschüttelnd und besorgt.

Sie hüllte ihren nackten Körper in die blaue Seide und dachte: Vielleicht sollte ich mich eher fragen, ob es in meinem Leben jemals wieder so etwas wie Normalität geben wird.

Dann schritt sie auf leisen Sohlen den Gang zum Kinderzimmer entlang, um nachzusehen, ob Colin noch schlief.

Auf halbem Weg hörte sie plötzlich, wie im Wohnzimmer das Telefon läutete.

Ausgerechnet jetzt!

Sofort kehrte sie um und lief in Windeseile an den Apparat, um das laute Geräusch zu unterbinden.

Die Rufnummer auf dem Display kannte sie nicht. Sie nahm ab und meldete sich.

»Guten Tag, mein Name ist Jefferson Barley. Bin ich mit dem Anwesen Cardington Manor verbunden?«, fragte eine geschmeidige, angenehme Stimme.

»Ähm … ja, das sind Sie. Was kann ich für Sie tun?«

»Nun, man sagte mir unlängst in Rye, dass auf Cardington Manor demnächst die Stelle des Butlers frei sein würde. Sie müssen wissen, ich habe gerade meine Ausbildung zum Butler beendet und bin im Moment auf Stellensuche. Von der Schule habe ich zwar die höchste Auszeichnung erhalten, doch, wie Sie sich sicher vorstellen können, habe ich noch keinerlei Referenzen vorzuweisen. Ich wollte Sie nun höflichst fragen, ob ich mich trotzdem bei Ihnen bewerben dürfte. Sollte die Stelle jedoch bereits anderweitig besetzt sein, dann möchte ich Sie in aller Form um Verzeihung bitten für die Störung und …«

»Nein, Mr … Wie war noch Ihr Name?«

»Barley – Jefferson Barley.«

»Nein, Mr Barley, die Stelle ist noch frei, das heißt, eigentlich ist sie noch nicht frei.«

»Oh, Verzeihung! Dann hat man mich wohl falsch informiert.«

»Keineswegs. Unser Butler ist derzeit verreist und wir werden uns erst nach seiner Rückkehr um seine Nachfolge kümmern.«

»Ich verstehe, Mrs …«

»Tomlinson. Samantha Tomlinson. Ich bin die Eigentümerin von Cardington Manor.«

»Ich danke Ihnen ergebenst für Ihre Offenheit, Mrs Tomlinson. Dann hat es bisher auch noch keine Stellenausschreibung gegeben?«

»Nein, bisher nicht. Wie gesagt, wir wollten damit warten, bis unser Butler aus dem Urlaub zurückgekehrt ist, um die Ausschreibung dann mit ihm gemeinsam zu verfassen. Er wird es auch sein, der die Vorauswahl der Bewerber treffen wird.«

»Ich verstehe, Mrs Tomlinson … Gestatten Sie mir bitte noch eine Frage? Und zwar, ob ich Ihnen meine Telefonnummer hinterlassen dürfte, und Sie mich vielleicht anrufen würden, wenn Sie die Stelle ausschreiben? Ich habe nämlich Angst, Ihre Anzeige zu verpassen, und möchte doch unbedingt versuchen, die Stelle zu bekommen. In einem Haushalt wie Cardington Manor zu arbeiten, wäre wirklich mein größter Traum.«

»Ähm … ja … lassen Sie mir gerne Ihre Rufnummer hier, Mr Barley – Augenblick, bitte, ich hole mir etwas zum Schreiben …«

»Sehr gerne! Es wäre mir wirklich eine große Freude, mich bei Ihnen bewerben zu dürfen, Mrs Tomlinson.«

Der unbekannte Anrufer gab Samantha eine Nummer durch und sie notierte sie auf der Rückseite einer Zeitschrift.

Merkwürdig, dachte sie, als das Gespräch bereits beendet war.

Sie zuckte mit den Achseln und machte sich erneut auf den Weg ins Kinderzimmer, um endlich nach Colin zu sehen.

5

 

 

Es war ein herrlicher, heißer Sommertag im Juli. Die Sonne stand bereits hoch an diesem Vormittag und brannte erbarmungslos auf die Wege des Parks. Das tiefe Blau des Himmels bildete einen hübschen Farbkontrast zum satten Dunkelgrün der Baumkronen.

Samantha war mit Colin im Kinderwagen auf dem Weg ins Waisenhaus, weil ein neuer Adoptionsvertrag aufzusetzen war. Franks junger Nova Scotia Toller, Robin, durfte sie begleiten. Das rötliche Fell leuchtete im Sonnenlicht, als das Hündchen voller Eifer immer wieder das Gespann umrundete.

Um der Hitze zu entgehen, schob Samantha den Wagen in Schlangenlinien von Baumschatten zu Baumschatten. Robin folgte ihr nach, Colin krakeelte vor Vergnügen, und sie hatte ihre Freude daran.

Bis Samantha sich versah, waren sie bereits vor dem Kinderheim angekommen. Die hellen Wege reflektierten das Sonnenlicht und blendeten ihre Augen. Sie sehnte sich nun nach der wohltuenden Kühle des alten Hauses.

---ENDE DER LESEPROBE---