Die Dienstagsfrauen - Monika Peetz - E-Book + Hörbuch

Die Dienstagsfrauen Hörbuch

Monika Peetz

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Beschreibung

Fünf Freundinnen auf dem Jakobsweg. Ein hinreißend komischer Roman über eine Reise, die alles verändert. Fünf Freundinnen. Seit über 15 Jahren treffen sie sich regelmäßig am ersten Dienstag im Monat. In ihrem Stammlokal nennt man sie Die Dienstagsfrauen. Einmal im Jahr unternehmen die fünf Frauen etwas gemeinsam. Dieses Jahr haben sie etwas ganz Besonderes vor: Pilgern auf dem Jakobsweg. Am Ende dieser Reise ist nichts mehr, wie es war. Würden sie sich heute begegnen, wären sie wohl gar nicht miteinander befreundet. Aber seit die fünf Frauen vor 15 Jahren nach ihrem Französischkurs auf einen Absacker bei Luc eingefallen sind, ist am ersten Dienstag im Monat der Kamintisch für sie reserviert. Fünf Frauen, nun dies- und jenseits der vierzig, mit sehr unterschiedlichen Temperamenten: Da ist Caroline, die Strafverteidigerin, verheiratet und Mutter zweier erwachsener Kinder. Organisiert, konsequent und streitbar. Sie sagt, was sie denkt, und sie tut, was sie sagt. Und kann trotzdem gut mit Kikis Chaos umgehen. Kiki, chronisch gut gelaunt, gern verliebt, entwirft beruflich Haushaltsgegenstände. Sie hofft auch mit 35 noch, von der Wegwerfware wegzukommen. Bei Aufträgen und bei Männern. Eva wäre schon froh, wenn sie ein eigenes Leben hätte. Als Hausfrau, Ehefrau und Mutter mit brachliegender medizinischer Approbation ist sie geplagt von den schrecklichen »V’s«: vierzig, vier Kinder, verirrt. Estelle, die Apothekergattin, ist die Frau, die immer zu viel in den Koffer packt und das Tragen anderen überlässt. Einig sind sie sich nur, wenn es darum geht, ihrer Freundin Judith beizustehen. Die zierliche Kindfrau ist die Dramaqueen der Dienstagsfrauen. Sie bespricht ihre Probleme lieber, als dass sie sie löst. Doch wer will ihr das übel nehmen? Jetzt, wo sie gerade Witwe geworden ist? Nach dem Tod ihres Mannes findet Judith ein Tagebuch, das er über seine Pilgerreise nach Lourdes geführt hat. Arne, an Krebs erkrankt, konnte den Weg nicht zu Ende gehen. Die fünf Freundinnen machen sich auf, Arnes Reise zu vollenden – und ahnen nicht, worauf sie sich einlassen. Schritt für Schritt kommen sie einem Geheimnis auf die Spur, das ihr Leben durcheinanderwirbelt. Die Pilgerreise, als Unterstützung für die trauernde Judith gedacht, wird für die fünf Freundinnen ein Augenöffner. Nichts ist, was es scheint.

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Zeit:5 Std. 17 min

Sprecher:Ulrike Kriener




Monika Peetz

Die Dienstagsfrauen

Roman

Kurzübersicht

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Inhaltsverzeichnis

Widmung1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. Kapitel23. Kapitel24. Kapitel25. Kapitel26. Kapitel27. Kapitel28. Kapitel29. Kapitel30. Kapitel31. Kapitel32. Kapitel33. Kapitel34. Kapitel35. Kapitel36. Kapitel37. Kapitel38. Kapitel39. Kapitel40. Kapitel41. Kapitel42. Kapitel43. Kapitel44. Kapitel45. Kapitel46. Kapitel47. Kapitel48. Kapitel49. Kapitel50. Kapitel51. Kapitel52. Kapitel53. Kapitel54. Kapitel55. Kapitel56. Kapitel57. Kapitel58. Kapitel59. Kapitel60. Kapitel61. Kapitel62. Kapitel63. Kapitel64. Kapitel65. Kapitel66. Kapitel67. Kapitel68. Kapitel69. Kapitel70. Kapitel71. Kapitel72. Kapitel73. Kapitel74. Kapitel75. Kapitel76. Kapitel77. Kapitel78. Kapitel79. Kapitel80. KapitelDankLeseprobe »Ausgerechnet wir«
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Für Peter Jan, Lotte und Sam

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1

»Mach schon, Tom! Beweg deinen Hintern!«, brüllte Luc. »Die Gäste kommen jeden Augenblick.« Der Besitzer des Le Jardin scheuchte seinen neuen Kellner gnadenlos durch das Lokal. Im Sekundentakt prasselten Anweisungen auf den jungen Mann nieder.

»Fünfmal Gläser habe ich gesagt.«

»Doch nicht das normale Geschirr.«

»Wo bleiben die Blumen?«

»Muss ich mich um alles selbst kümmern?«

Tom verstand vor allem Bahnhof. Für wen nur veranstaltete Luc diesen Wirbel? Der Blick ins Bestellbuch brachte wenig Erhellung.

»Wir haben überhaupt keine Reservierung für den Kamintisch.«

Luc hielt inne, als sei das die dümmste Bemerkung, die er je im Leben gehört hatte. »Hast du auf den Kalender gesehen?«

»Natürlich.«

»Und?«

»Da steht Dienstag.«

Luc wurde lauter: »Der erste Dienstag im Monat. Das bedeutet …«

»Irgendein französischer Feiertag?«, versuchte Tom sich, als wäre er in einer Quizshow.

Luc stöhnte tief auf. Vielleicht war es ein Fehler, einem arbeitslosen Schulabbrecher eine Chance zu geben. Toms einzige Erfahrung in der Gastronomie stammte aus seiner frühesten Jugend. Ein hormongesteuerter Dummkopf hatte ihn einst in der Sportgaststätte des TSV Euskirchen gezeugt. Leider war Luc dieser Idiot gewesen. Deshalb konnte er schwerlich Nein sagen, als seine Ex ihm vor fünf Wochen das missratene Produkt ihrer Affäre auf der Türschwelle hinterließ. Das Findelkind war inzwischen neunzehn und kam ganz nach der Mutter. Fand Luc.

»Meine treuesten Gäste haben für acht Uhr reserviert. Wie jeden ersten Dienstag im Monat. Da war ich noch Kellner, so lange kommen die schon«, ereiferte sich Luc, wobei sein platter Kölner Akzent deutlich verriet, dass er mitnichten Franzose und »Luc« nur ein Künstlername war. Doch die Nähe zum Institut Français sprach dafür, an der Ausrichtung des Restaurants nichts zu verändern.

Tom verstand immer noch nicht: »Ja und?«

Luc seufzte ein zweites Mal. Mit seinen fünfundsechzig Jahren durfte er allmählich an einen Nachfolger denken. Aber wie machte man einem begriffsstutzigen Sohn klar, was an diesen fünf Frauen so besonders war? Seit fünfzehn Jahren kamen sie in sein Lokal. Erst jeden Dienstag, später einmal im Monat.

Es war ein nasser, umsatzschwacher Tag und Luc im Begriff, das Restaurant zu schließen, als die fünf pudelnass und kichernd zum ersten Mal in der Tür standen. Fünf Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten: Caroline, die kühle, sportliche Anwältin mit dem klassisch geschnittenen Gesicht; Judith, blass, dünn und durchscheinend; Eva, die frischgebackene patente Ärztin; Estelle, unverkennbar Dame von Welt – und die Jüngste, Kiki, eine Abiturientin mit der Ausstrahlung eines bunten Schmetterlings.

Es war Caroline, die Luc überredete, noch ein paar Flaschen zu entkorken. Die redegewandte Anwältin führte schon damals das Wort. Dabei war es ursprünglich Judiths Idee gewesen, nach dem Französischkurs gemeinsam etwas trinken zu gehen.

»Ich will meinen freien Abend bis zum Letzten auskosten«, erläuterte sie. Später stellte sich heraus, dass Judith ihrem damaligen Ehemann Kai vorgelogen hatte, ihr Arbeitgeber verlange und bezahle den Französischkurs. Sie verließ sich darauf, dass ihr pedantischer Ehemann pünktlich um 22.30 Uhr ins Bett ging und nicht merkte, dass es von nun an jeden Dienstag später wurde. Der Französischkurs markierte den Anfang vom Ende ihrer Ehe. Judith log Kai etwas von Aufbaukursen vor und traf sich weiterhin mit den Freundinnen. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis die Dienstagsfrauen Judith genug Mut gemacht hatten, sich endgültig aus ihrer unglücklichen Ehe zu lösen. Über Jahre beobachtete Luc, wie aus der unsicheren Sekretärin eine Frau wurde, die mithilfe von Esoterik und fernöstlicher Weisheit ihren eigenen Weg suchte.

 

Luc begleitete seine Dienstagsfrauen durch die Jahre. Er wurde Zeuge, wie aus der begabten Juristin Caroline eine berüchtigte Strafanwältin wurde, wie die leidenschaftliche Medizinerin Eva ihren Arztberuf an den Nagel hängte und eine Familie gründete und die Abiturientin Kiki erwachsen wurde. Alles veränderte sich in den fünfzehn Jahren. Das Le Jardin mauserte sich vom Geheimtipp zum Szenetreff, Luc vom Kellner zum Besitzer. Nur das Luxusweibchen Estelle, die Älteste der Dienstagsfrauen, blieb sich treu. Sie legte Wert darauf, dass man ihr den Reichtum, den zweiten Wohnsitz in St. Moritz und das gute Golfhandicap ansah. Luc vermutete, dass sie bereits im Chanelkostüm geboren war.

 

»Die fünf Frauen, die neulich hier waren.« Bei Tom war endlich der Groschen gefallen. Er strahlte über das ganze Gesicht. »Kommt diese Kleine auch wieder? Die mit den langen Beinen und dem kurzen Rock.«

»Kiki? Lass bloß die Finger von Kiki«, warnte Luc.

»Aber sie sieht nett aus.«

Luc wusste es besser. Kiki war nicht nett. Kiki war umwerfend. Fröhlich, wild, voller Energie, chronisch gut gelaunt und gern verliebt. »Von Keuschheit kriegt man Pickel«, behauptete sie. Französisch wollte sie lernen, weil sie sich auf ihrer Interrailtour nach dem Abitur unsterblich in einen Matthieu aus Rouen verliebt hatte. Sie hoffte, es würde ihrer Beziehung neue Impulse geben, wenn sie sich auch mal unterhalten könnten. Leider stellte sie bereits nach vier Stunden »Französisch für Anfänger« fest, dass Matthieu am liebsten über seine Exfreundin redete. Sie ließ sich von Nick trösten. Und von Michael. Kiki träumte von einer festen Beziehung, liebte den Sex jedoch mehr als die daran beteiligten Männer.

»Das Gute am Singledasein ist, dass man sich ganz auf die Karriere konzentrieren kann«, redete sie sich ein. Single war sie, nun fehlte ihr nur noch die passende Karriere. Ihr jetziger Job als Kreative bei dem renommierten Design-Studio Thalberg hatte ihr nicht den erhofften Durchbruch gebracht. Kiki war Teil eines Designerteams, das Johannes Thalberg zuarbeitete. Der kreative Kopf und Übervater des Unternehmens entwarf Möbel, Lampen, Wohn- und Küchenaccessoires, bisweilen auch komplette Interieurs von Läden und Hotels. Noch hatte Kiki es nicht geschafft, sich in der Gruppe der Designer besonders hervorzutun. Doch Kiki glaubte an morgen. Jeden Tag aufs Neue.

 

»Jetzt erzähl schon«, drängte der junge Kellner.

Luc hätte viel erzählen können. Er kannte nicht nur Kikis Männergeschichten. Die fünf Frauen ahnten nicht einmal ansatzweise, wie viel Luc von ihren Leben mitbekam. Der aufmerksame Lauscher wusste selbst über die traditionellen Mehrtagesausflüge der Dienstagsfrauen Bescheid. Kein Wunder, schließlich wurden die Anekdoten der jährlichen Reise regelmäßig bei den Dienstagsrunden aufgewärmt und führten ebenso regelmäßig zu großen Heiterkeitsstürmen.

Das erste Mal fuhren sie weg, um sich in der Abgeschiedenheit des Bergischen Landes auf die Französischprüfung vorzubereiten. Das gemeinsame Lernwochenende der Dienstagsfrauen war ein großer Erfolg. Die Prüfung weit weniger. Kiki und Estelle erschienen erst gar nicht. Kiki war zu der Zeit eher mit französischer Körpersprache beschäftigt, und Estelle hatte festgestellt, dass ein Ferienhaus in Frankreich out und die Algarve in war. Warum dann noch Französisch lernen? Der Jungärztin Eva drehte sich vor lauter Aufregung der Magen um, sodass sie den Großteil der Prüfungszeit auf der Toilette des Institut Français verbrachte. Später stellte sich heraus, dass sie die Aufregung weniger der Prüfung als ihrem neuen Zykluscomputer zu verdanken hatte. Der war nicht ganz ausgereift. David, ihr Erstgeborener, dafür umso mehr. Sieben Monate später kam er zur Welt. Über viertausend Gramm schwer, siebenundfünfzig Zentimeter und der Grund, warum es bei Eva nie mehr was wurde. Nicht mit dem Französischexamen und nicht mit der Assistenzstelle am Herzzentrum in Paris. Den unterschriebenen Vertrag bewahrte sie bis heute auf: »Als Symbol für das Leben, das ich beinahe geführt hätte«, wie sie sagte.

Judith legte die Prüfung ordnungsgemäß ab und fiel durch. Die stolze Summe für die systematische Desensibilisierung bei Prüfungsangst, die sie hinter Kais Rücken vom Haushaltsgeld abgezwackt hatte, hätte sie sinnvoller verwenden können.

Nur Caroline, die Anwältin mit dem Prädikatsexamen, bestand. Natürlich als Beste. Caroline brillierte mit perfektem Französisch. Obwohl Luc ihre Karriere aufmerksam in der Zeitung verfolgte, wurde ihm nie klar, wofür sie die Sprache brauchte: Keiner der Schwerverbrecher, mit denen sie als Strafanwältin zu tun hatte, hatte jemals versucht, den Louvre auszurauben, eine Air-France-Maschine zu kapern oder den Eiffelturm zu sprengen. Selbst Carolines Ehemann Philipp, Allgemeinarzt in Lindenthal, fuhr am liebsten nach Italien in den Urlaub. Nicht einmal die beiden Kinder von Caroline hatten Unterstützung bei den Französischhausaufgaben nötig. Carolines Kinder hatten keine Schulprobleme so wie die vier von Eva.

 

Luc hätte seinem neugierigen Sohn stundenlang Geschichten erzählen können. Doch er schwieg wie ein Grab. Der Restaurantbesitzer war klug genug, die Frauen nie merken zu lassen, wie viel sie unbeabsichtigt preisgaben. Luc war der verschwiegene Begleiter und Bewunderer der Dienstagsfrauen, das Le Jardin ihr Beichtstuhl.

Der Tisch war perfekt gedeckt, der Koch in Startposition, die Kerzen halb heruntergebrannt.

»Wo bleiben sie denn?«

Unruhig kontrollierte Luc die Uhr. Viertel nach acht.

Es war durchaus gebräuchlich, dass Gruppen aus dem nahen Institut Français im Le Jardin einkehrten. Ungewöhnlich war, dass daraus eine Freundschaft fürs Leben wuchs. Ganz und gar unüblich war allerdings, dass der Tisch der Dienstagsfrauen an diesem Tag leer blieb.

Als Luc kurz nach elf sein Restaurant abschloss, ohne dass Caroline oder eine der anderen sich gemeldet hatte, wusste er, dass etwas nicht in Ordnung war. So nicht in Ordnung, wie er es in fünfzehn Jahren noch nicht erlebt hatte.

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2

»Wir müssen Luc absagen.« Vor ein paar Tagen hatten die Freundinnen noch darüber gesprochen. Als der Dienstag anbrach, dachte keine der Frauen mehr daran.

Arne, der heutige Mann ihrer Freundin Judith, lag im vierten Stock des Kölner Sankt-Josef-Hospitals. »Der vierte Stock«, mit diesen verharmlosenden Worten umschrieben Ärzte und Pflegepersonal allzu freundlich den Trakt mit den Sterbezimmern. Alles war hier gedämpft. Das Licht, die Stimmen, vor allem aber die Erwartungen. Im vierten Stock wartete man auf den Tod. Arne wartete seit sechs Tagen. Und mit ihm Judith und ihre Freundinnen von der Dienstagsrunde, die sich an ihrer Seite abwechselten.

Arnes Krankheit war wie eine Achterbahnfahrt. Jeder Schwung nach oben entpuppte sich als Illusion. Man wurde aufwärtsgezogen, um danach in rasantem Tempo ins Bodenlose zu stürzen. Die schlechten Nachrichten schlugen in schneller Folge ein:

»Inoperabel.«

»Miserable Blutwerte.«

»Chemo schlägt nicht an.«

»Nur noch eine Frage der Zeit.«

Neunzehn Monate war das her. Neunzehn Monate, in denen Arne und Judith das Thema Sterben vermieden hatten, wo sie nur konnten. Judith versuchte den Gedanken, dass Arne bald nicht mehr an ihrer Seite sein würde, beiseitezuschieben. Das Ende sollte trotzdem kommen.

 

»Wir müssen dafür sorgen, dass immer eine von uns bei Judith ist«, hatte Eva angeregt und die Dienstagsfrauen rund um die Uhr in Schichten eingeteilt. Und doch war sie die Erste, die ausscherte. Lene, Evas dreizehnjährige Tochter, wirbelte den Zeitplan ihrer Mutter mit einem unfreiwilligen Salto vom Fahrrad durcheinander, der ihr einen wackelnden Schneidezahn einbrachte. Eva konnte sie in dieser Situation unmöglich alleine lassen.

»Kannst du rasch einspringen?«, hatte Eva an Caroline getextet.

»Ich mache kurzen Prozess«, versprach die Strafanwältin, die mitten in einer Verhandlung war.

Noch bevor die Ablösung da war, musste Eva sich verabschieden. So geschah das, was alle hatten verhindern wollen: Judith war zum ersten Mal ganz alleine im vierten Stock. Mit sich und der Angst.

 

»Wir machen Abschied für Familie so intim möglich!«, versprach die robuste Schwester mit hartem osteuropäischen Akzent. Nur ab und an wechselte sie die Infusionen und brachte Tee für Judith, der verdächtig nach Rum roch.

»Illegal, aber gut«, raunte die Frau ihr verschwörerisch zu. »Angst in Alkohol löslich.«

»Vielen Dank, Schwester …«

Wie hieß sie noch mal? Judith hätte die Frau gerne mit ihrem Namen angeredet, konnte sich jedoch keinen Reim auf die abenteuerliche Konsonantenfolge machen, die auf dem enormen tschechischen Schwesternbusen auf und ab wogte.

»Tschechen sind extrem geizig mit Vokalen«, hatte Arne am ersten Tag in einem überraschend klaren Moment gewitzelt: »Sie sollten mit den Finnen über die Herausgabe von Vokalen verhandeln.«

Judith lachte müde.

»Wirklich«, insistierte Arne mit schwacher Stimme, »nimm das Wort Eiscreme: Die Tschechen sagen ›zmrzlina‹. Und die Finnen? ›Jäätelöä.‹«

Judith hatte keine Ahnung, ob das stimmte. Sie verstand nur zu gut, worum es Arne wirklich ging: Selbst auf dem Sterbebett versuchte er Judith aufzumuntern. Bis ihn die Kräfte verließen.

 

Hilflos musste Judith ansehen, wie Arne matter werdend in die Kissen sank, die Nase spitzer, seine Atmung flacher wurde. Seine Hände flatterten, als wollten sie wegfliegen. Mit jeder Minute mehr entschwand der große, starke Mann, in den sie sich vor fünf Jahren Hals über Kopf verliebt hatte. Trotz seines kitzelnden Barts und seiner Vorliebe für karierte Flanellhemden.

»Der sieht aus, als würde er gleich zur Gitarre greifen und von Whiskey, Frauen und Pistolen singen«, flüsterte Estelle überlaut den anderen Dienstagsfrauen zu, als sie ihn zum ersten Mal trafen.

»Ich habe ein konturloses Gesicht und einen fürchterlichen Kleidergeschmack. Das gehört zu mir«, konterte Arne genauso frech.

Dasselbe empfand er für Judith. Sie gehörte zu ihm. Ganze dreiundsechzig Tage nachdem er sie in der Buchhandlung zwischen Feng-Shui und Buddhismus entdeckt hatte, heirateten Judith und Arne auf einem Rheinschiff.

»Alles im Fluss«, verkündete Arne, »das passt zu uns.«

Die Dienstagsfrauen waren nicht die Einzigen, die von den Ereignissen überrollt wurden.

»Wir freuen uns so sehr, Julia kennenzulernen«, frohlockte eine kugelrunde Tante im fliederfarbenen Ensemble. Sie verströmte den Duft von Mottenkugeln und 4711.

»Sie heißt Judith«, korrigierte Caroline zum wiederholten Mal, denn Arne hatte viele Tanten.

Das Gesicht der alten Dame nahm eine Farbe an, die sich harmonisch zum Fliederton gesellte.

»Macht nichts«, winkte Estelle ab. »Wir haben Anton auch erst vor ein paar Tagen kennengelernt.«

»Arne«, mahnte die Tante, die für Estelles Humor kein Gespür hatte.

»Es kam alles so überraschend«, bestätigte man sich gegenseitig und ging dann zum verwunderten »Wer hätte das gedacht« über.

»Ich«, verkündete Judith. »Ich wusste vom ersten Moment an, dass ich mit Arne alt werde.«

Und jetzt hatte sie das Schicksal in den vierten Stock des Krankenhauses geführt.

 

Draußen brach zum ersten Mal seit Tagen die Sonne hinter den Wolken hervor, auf den Stationen begann die Besuchszeit, und im vierten Stock tropfte die Zeit. Neunundfünfzig Minuten, bis die Schwester das nächste Mal bei ihr vorbeisehen würde, zehn Minuten für den Tee, drei Minuten, um Arnes Kissen gerade zu rücken, dreizehn Sekunden, bis der Tropfen mit der Morphiumlösung sich löste und im durchsichtigen Schlauch versickerte.

Wo blieb Caroline nur? Jede der Dienstagsfrauen war willkommen. Ihre Gesellschaft tröstete sie. Eva brachte Tupperdosen mit aufmunternden Köstlichkeiten, Estelle den neuesten Klatsch, Kiki gute Laune und einen Hauch Hektik. Aber selbst das fühlte sich besser an als diese Todesstille, in der man nur auf diesen einen letzten Moment wartete.

 

Vom Gang her kam ein Geräusch. Das waren die Bestatter. Man hörte sie schon von Weitem. Die Stationsbetten klapperten, die Bahren der Totengräber jedoch glitten auf weichen Gummirollen über das Linoleum. Erst war dieses feine Sausen zu hören, dann die schweren Schritte der Angehörigen, die das Sterbezimmer verließen. Ein, zwei Stunden später kam die Desinfektionskolonne mit ihrem hell quietschenden Reinigungswagen. Dann wieder ein klapperndes Bett. Judith hatte dieses Lied des Todes, das im vierten Stock wie ein Kanon immer wieder von vorne begann, in den letzten Tagen schon ein paarmal gehört. Vielleicht war das schlimmer als der rasselnde Atem von Arne.

 

Als Arne noch gesund war, hatte sie tausend Wünsche. Jetzt nur einen einzigen. Wenn sie nur einmal noch seine Stimme hören könnte, sein ausgelassenes Lachen, einmal noch seine Hände auf ihrer Haut spüren. Einmal noch. Bitte.

Judith wusste nicht, wie sie ohne Arne weiterleben sollte. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass sie aus dem vierten Stock in eine leere Wohnung zurückkehren würde. Wie sollte sie jemals wieder in dem Bett schlafen, in dem sie gemeinsam mit Arne gelegen hatte? Sie hatte das klobige Ungetüm, das ihr Schlafzimmer verstellte, nie gemocht.

Wie merkwürdig. Judith feierte bald ihren vierzigsten Geburtstag und hatte noch nie ein eigenes Bett gekauft. Mit siebzehn hatte sie das heimische Stockbett, das sie mit dem acht Jahre jüngeren Bruder teilte, verlassen und war bei ihrem Freund eingezogen. Kai war siebenundzwanzig und Besitzer einer achtzig Zentimeter breiten Matratze. Bei jeder Bewegung schrammte ihr Arm über die Wand, die sich wie ein Reibeisen anfühlte. Kai hatte Sägespäne in die weiße Wandfarbe gemischt.

»Echte Raufasertapete ist viel zu teuer«, befand er diktatorisch.

Judith liebte bunten Wandbehang in warmen Farben, aber es war Kais Wohnung. Es war auch Kais Geld und Kais Vorstellung vom Leben. Und dazu gehörten Raufasertapete, Sparsamkeit und Eheringe. Selbst beim Sex liebte Kai Berechenbarkeit. Er küsste immer erst eine Diagonale zum Bauchnabel runter und arbeitete sich parallel mit der Handinnenfläche zum rechten Schenkel vor. Als hätte er das aus einem Sexratgeber auswendig gelernt. Nach ein paar Jahren an seiner Seite war Judith so durchgefroren, dass sie zu Wolf mit dem Wasserbett flüchtete. Und später zu Arne. Kai legte Zeitungen auf die Autositze, wenn es regnete. Arne tanzte barfuß durch den Park und wusch die Füße in einer Pfütze.

 

»Theoretisch«, presste Arne mühsam hervor. Judith schrak zusammen. Seit Tagen herrschte Stille in dem Zimmer und jetzt ein Wort.

»Theoretisch«, murmelte Arne noch einmal, hob die Hand und ließ sie erschöpft fallen. Was Judith auch probierte, wie nahe sie seinem Mund auch kam, es blieb bei diesem einen Wort: »Theoretisch!«

Thomas Mann verlangte auf dem Sterbebett nach seiner Brille, Goethe mehr Licht und Jesus der Legende nach gar nichts mehr. »Es ist vollbracht«, soll er am Kreuz verkündet haben, bevor er zu seinem himmlischen Vater heimkehrte. In Judiths Ohren klang das, als hätten fünf Marketingexperten lange darüber gebrütet, welche letzten Worte sich bei einer Kreuzigung am wirkungsvollsten machten. Arnes letzte Botschaft an die Überlebenden, sein letztes Wort war »theoretisch«.

Sinn ergab das nicht. Ihr erster Mann Kai verkörperte die Theorie. Arne war der praktische Lebensgenießer, unheilbar optimistisch und allem zugetan, was zwischen Himmel und Erde schwebte. Wäre er sonst nach Lourdes gepilgert, zur Grotte der heiligen Maria?

 

Die Tür flog auf und riss Judith aus ihren Gedanken. Caroline. Endlich. Endlich! Erleichtert vergrub sie den Kopf an Carolines Schulter. Dabei war die Anwältin niemand, den man so leicht umarmte. Aber Judith war einfach nur froh, nicht mehr alleine zu sein. Caroline streichelte ihrer Freundin sanft über den Rücken: »Es tut mir so leid, Judith.«

»Eva musste früher weg. Wegen Lenes Zahngeschichte. Sie ist mit dem Fahrrad gestürzt.«

»Wann ist es passiert?«

Ihre Stimme klang mitleidig. Dabei war Caroline normalerweise die Erste, die Kritik äußerte, wenn Eva sich zu sehr von ihrer Familie vereinnahmen ließ.

»Gestern Nachmittag schon. Als Lene aus der Schule kam. Aber der Zahnarzt wollte heute noch einmal kontrollieren.«

»Judith, ich rede von Arne.«

Caroline durchbohrte Judith mit einem einzigen Blick. Es waren diese wachen, klugen, unbestechlichen Augen, die ihren Prozessgegnern Angst machten. Und manchmal auch Judith. Hilfe suchend drehte Judith sich zu Arne um und entdeckte, was Caroline auf den ersten Blick erfasst hatte. Arne hatte aufgehört zu atmen. Die dünne Haut, die das magere Gesicht umspannte, schimmerte grau. Ganz leise war er gegangen. So als wollte er Judith nicht erschrecken.

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3

Arne Nowak starb am frühen Dienstagabend. Er hinterließ seine Ehefrau Judith, eine Dreizimmerwohnung in der Blumenthalstraße, zwei Dutzend Flanellhemden und eine Zeitbombe. Doch das war Arne erst bewusst geworden, als er bereits im vierten Stock gefangen war. In dem dumpfen Dämmerzustand, in den das Morphium ihn versetzte, blitzte undeutlich der erschreckende Gedanke auf: Das Pilgertagebuch, das schwarze Notizbuch von Moleskine, es lag immer noch im Schrank. Der Platz war sicher. Solange er lebte. Und nun hatte er es vergessen.

Sein unverrückbarer Optimismus hatte ihm einen letzten Streich gespielt: Arne wollte nicht wahrhaben, dass seine Zeit abgelaufen war. Jeden Tag gaukelte er sich und Judith vor, dass der Tumor ihm noch Zeit lasse. Jede Nacht betete er um Aufschub. Warum hatte er die verräterischen Notizen nicht verbrannt, als er noch mit Zeit und Kraft gesegnet war? Judith durfte nie erfahren, was er getan hatte. Kein Kratzer sollte die Erinnerung an die gemeinsamen Jahre stören.

Was, wenn Judith das Buch fand? Was, wenn sie den Dienstagsfrauen davon erzählte? Was, wenn sie ihnen die Notizen zeigte? Zehn Augen sahen mehr als zwei. Estelle hatte eine Schwäche für Skandale, Caroline das untrügliche Gespür für Lügen. Einmal im vierten Stock angekommen, schaffte er es nicht einmal mehr, sich die Konsequenzen auszumalen, die es haben konnte, wenn die Wahrheit ans Tageslicht kam. Nicht nur für Judith, auch für die anderen Dienstagsfrauen.

»Theoretisch …«

»Theoretisch kannst du schon mal anfangen, meine Sachen wegzuwerfen«, wollte er Judith mit auf den Weg geben. »Du darfst dich nicht mit dem alten Kram belasten!« Der Gedanke verschwand, bevor er ihn zu Ende gedacht hatte.

»Theoretisch«, brachte er heraus, dann verlor er den Faden und die Konzentration. Einen Moment lang glaubte er, etwas Wichtiges erledigen zu müssen, im nächsten war da nur noch die Müdigkeit. Ein Schleier aus Mattigkeit senkte sich über alle Sorgen. Sein Mund war trocken. Es war ihm egal. Er hatte nicht einmal Lust zu atmen.

Manchmal drang ein Wort durch den Nebel, manchmal spürte er Judiths Hand auf der seinen. Mit Mühe öffnete er die Lider, sah die feuchten Augen von Judith und hatte sie in der nächsten Sekunde wieder vergessen. Nichts ließ sich festhalten, kein Fehler korrigieren. Manchmal wusste er nicht einmal mehr, wo er überhaupt war. Es roch so komisch. Nach längst vergangenen Tagen. Nach Zigaretten. Nach Eckstein No. 5. Er erkannte die Marke sofort. Sein Großvater hatte das Kraut nach dem Krieg geraucht. »Das Tagebuch, vielleicht konnte der Großvater … ich sollte …«, ging es ihm durch den Kopf. Dann kam nichts mehr.

 

Arne Nowak starb mit dem undeutlichen Gefühl, etwas Wichtiges vergessen zu haben. Er sollte recht behalten.

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4

Es war eine würdevolle Beerdigung und ein stimmungsvoller Leichenschmaus im Le Jardin. »Sterbenslangweilig, das Gerede«, hätte Arne sich beschwert. Doch die Trauergäste waren zufrieden. Nur an Judith nagte das schlechte Gewissen.

Das Gefühl, nicht das Beste aus der gemeinsamen Zeit gemacht zu haben, wucherte in ihr wie ein Tumor. Judith quälte sich mit Vorwürfen. Sie hatte so viele Momente in ihrem gemeinsamen Leben vergeudet. Sie sehnte sich nach den glücklichen Anfangstagen mit Arne. Frühstück im Bett, Mittagessen im Bett und abends auf Brotkrümeln miteinander schlafen. Wie gerne hätte sie sich noch einmal über Brösel im Bett beschwert.

Sechs Monate nach Arnes Tod hatte Judith das Gefühl, am absoluten Tiefpunkt angekommen zu sein. Ohne Arnes tiefen Bass, das charakteristische Geräusch seiner Hausschuhe und seine ewigen Papiere, die er überall liegen ließ, kam ihr die Wohnung fremd vor. Sie brachte es kaum über das Herz, Dinge wegzuwerfen, die Arne gehört hatten und jetzt nutzlos geworden waren. Dort, wo sie es versucht hatte, blieb ein Vakuum zurück: ein leerer Haken an der Garderobe, ein verwaister Nachttisch, eine unbenutzte Badezimmerkonsole. Judith hatte nichts, womit sie die Lücke, die Arne hinterließ, hätte füllen können.

An Arnes Kleiderschrank hatte sie sich noch nicht herangewagt. Bis heute. Vorsichtig schob sie die Tür beiseite. Ihre Hand glitt sacht über seine Wildlederjacke, das Cordjackett mit den ovalen Lederaufsätzen an den Ärmeln, das er in der Buchhandlung getragen hatte, und schließlich die Hemden. So peinlich ihr die geschmacklosen Kleidungsstücke einst gewesen waren, so süß roch jetzt die Erinnerung. Vorsichtig zog sie ein Flanellungetüm in Braun, Grün und Orange hervor. Etwas fiel. Ein Gegenstand. Ein Buch. Arnes Tagebuch.

Auf den schwarzen Umschlag hatte Arne mit Tesafilm ein Heiligenbildchen geklebt: Am Rand eines Baches, umgeben von Schafen, betete ein kleines Mädchen zu einer Marienerscheinung. Judith kannte die Geschichte, die sich hinter dem Bild verbarg. Das kleine Mädchen war die Müllerstochter Bernadette Soubirous, der vor mehr als hundertfünfzig Jahren die heilige Jungfrau Maria erschienen war. Dort, wo das kleine Mädchen seine Visionen hatte, erstreckte sich heute die Wallfahrtsstätte von Lourdes. Tausende Pilger suchten hier täglich Heilung und Stärkung. Pilger wie Arne.

 

Arne hatte seinen Weg nach Santiago de Compostela zwei Jahre vor der Krebsdiagnose begonnen. Zweitausendvierhundert Kilometer waren es von seiner Kölner Haustür bis zum Westportal der imposanten spanischen Kathedrale, die das Grab des Apostels Jakobus beherbergte. Arne hatte die Strecke in Etappen eingeteilt, die jeweils in zwei bis drei Wochen zu bewältigen waren. Als Berufsschullehrer hatte er viel mehr Ferien als Judith, die zu den Zeiten ihrer Ehe mit Arne an der Rezeption eines Kölner Therapiezentrums arbeitete, wo sie den Besuchern den Weg wies zu den Physio-, Ergo-, Tanz-, Spiel- und Sprachtherapeuten, die sich unter einem Dach versammelt hatten. Nach Arnes Tod hatte Judith ihren Job gekündigt. Gegen den Rat der Freundinnen.

Arnes Pilgerreise war auf mehrere Jahre angelegt. Die Stationen seiner Reise hielt er penibel in einem Tagebuch fest. Arne hatte Judith ab und an eine Seite gezeigt: eine Zeichnung, ein Gedicht, eine Postkarte, die er auf seinen Etappen einklebte. Judith hatte vergessen, dass es das Buch gab. Jetzt erschien es ihr als Arnes wichtigstes Vermächtnis. Versunken blätterte sie durch Arnes Pilgertouren.

Judith merkte nicht einmal, dass das Telefon klingelte, so aufrührend war die Wiederbegegnung mit Arnes Gedanken. Seite für Seite streifte sie mit ihm über den Jakobsweg, bis der Text abriss. Mitten im Satz. Nachdem bei ihm Krebs diagnostiziert worden war, war Santiago de Compostela unerreichbar geworden. Arne passte die Route an. Sein Ziel und seine Hoffnung hießen nur noch Lourdes, das an einer Nebenstrecke des Jakobswegs lag. Das schwarze Notizbuch begleitete ihn auch auf dieser letzten Tour, für die er Narbonne Plage als Ausgangsort gewählt hatte. Vierhundertdreißig Kilometer bis Lourdes hatte er sich damals vorgenommen, aufgeteilt in siebzehn Etappen. Das jungfräuliche Weiß der letzten fünfzig Seiten und die tragische Realität dahinter trafen Judith wie ein Blitzschlag. Arne hatte gehofft, an der Quelle der Bernadette Heilung zu finden. Er hatte Lourdes nie erreicht. Völlig erschöpft hatte er die Tour abgebrochen. Sechs Wochen später war er tot.

In den Monaten nach Arnes Tod war Judith in einer Starre gefangen gewesen. An manchen Tagen schaffte sie gerade mal das Notwendigste: Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen. Jetzt stand ihr glasklar vor Augen, was zu tun war.

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5

Caroline machte sich Sorgen. Die Verhandlung war kaum zu Ende gegangen, da wählte sie erneut Judiths Nummer. Den ganzen Nachmittag probierte sie schon, die Freundin zu erreichen. Es war wieder mal der erste Dienstag im Monat, und Caroline wollte sichergehen, dass Judith die Verabredung nicht vergaß. Judith durfte auf keinen Fall fehlen, wenn es um den jährlichen Ausflug ging.

Eine Anwaltskollegin gratulierte mit gestrecktem Daumen zum gewonnenen Prozess. Caroline nahm es nur flüchtig zur Kenntnis. Sie hatte ein flaues Gefühl im Magen. Sollte Judith nicht im Le Jardin auftauchen, würde sie umgehend in die Blumenthalstraße fahren.

Laute Schritte unterbrachen ihre düsteren Gedankengänge. Estelle behauptete immer, man würde den Unterschied zwischen teuren und billigen Schuhen am Gehgeräusch hören. Plastik quietschte. Das hier klang nach teurer Ledersohle: Anwaltsschuhe. Tatsächlich versuchte der Vertreter der Gegenpartei, Paul Gassner, krampfhaft, sie einzuholen. Und das, nachdem sie gerade seinen Tag und seine gute Beziehung zu seinem Klienten ruiniert hatte. Nicht zum ersten Mal übrigens. Gassner war nicht uncharmant, aber Caroline stand der Sinn nicht nach kollegialer Nachbereitung der Verhandlung. Sie hatte es eilig, ins Le Jardin zu kommen, und versuchte, ihn so schnell wie möglich abzuwimmeln: »Der Richter hat sein Urteil gesprochen. Zu unseren Gunsten. Ich sehe nicht, was wir zu besprechen haben.«

Der Anwalt ließ sich nicht abschütteln. Im Gegenteil. Ohne jede Vorwarnung unterbreitete er ihr ein Angebot. »Frau Seitz, wann tun Sie sich endlich mit mir zusammen? Wir beide wären ein fabelhaftes Team!«

So wie Gassner das sagte, klang es wie ein unmoralisches Angebot. Wollte er ein Date mit ihr? Um Himmels willen. Sie war verheiratet. Gut verheiratet. »Wie Sie wissen, bin ich in festen Händen. Beruflich und privat.« Das saß.

Der Anwalt blieb unbeeindruckt. »Verehrte Caroline«, versuchte Gassner es weiter, »seien wir ehrlich. Wir sind nicht mehr die Jüngsten. Wenn Sie beruflich noch einmal durchstarten wollen, ist jetzt der richtige Zeitpunkt.«

Was für eine bodenlose Frechheit! Aber Caroline ließ sich nichts anmerken. Die Strafanwältin hatte in vielen Strafprozessen gelernt, aus ihrem Herzen eine Mördergrube zu machen. Während sie innerlich bereits kochte, blieb sie äußerlich gelassen: »Wer sagt Ihnen, dass ich mein Leben verändern will?«

»Die Kinder aus dem Haus, Enkel nicht in Sicht. Ihr Mann hat seine Arztpraxis, die Kongresse, seinen Sport, und Sie? Einmal im Monat das Treffen mit den Freundinnen vom Französischkurs. Das kann doch nicht alles gewesen sein.«

Caroline hielt abrupt inne. In ihrem Kopf ratterte es. Wie konnte ein Fremder diese Dinge wissen? Worauf wollte er hinaus? Täuschte sie sich? Oder schwang da ein Hauch Mitleid mit in Gassners Stimme? Für einen Moment vergaß Caroline sogar ihre Sorge um Judith.

»Sie nehmen mir doch nicht übel, dass ich Erkundigungen eingeholt habe. Man will schließlich wissen, wen man in seine Kanzlei holt!«, erklärte Mr. Ganzschöndreist mit frechem Grinsen.

Carolines Blick sprach Bände. Sie sah nicht so aus, als würde sie es schätzen, wenn man ihr hinterherspionierte. Doch der Mann lächelte alles nieder. Offenbar hielt er sich für den George Clooney der Kölner Anwaltschaft. Caroline lächelte ebenso charmant zurück: »Wo kann ich Sie erreichen?«

»Für kluge Frauen und gute Nachrichten bin ich Tag und Nacht zu erreichen.«

Im sicheren Gefühl, eine Chance bei Caroline zu haben, kritzelte Gassner seine Privatnummer auf eine Visitenkarte. »Sie überlegen sich mein Angebot?«

»Nein!«, beschied Caroline knapp und bündig. »Aber wenn ich Auskünfte über mein Leben und meine Befindlichkeiten brauche, melde ich mich.«

Sie schnappte die Visitenkarte aus seinen Händen und ließ den verdutzten Mann stehen.

Als sie in ihr Auto stieg, leuchtete ein zufriedenes Lächeln auf ihrem Gesicht. Es gefiel Caroline, umworben zu sein. Aber das brauchte der werte Kollege nicht zu wissen.

 

»Der Anwalt der Gegenpartei wollte dich abwerben?« Die Dienstagsfrauen lachten fröhlich, als Caroline die Anekdote eine halbe Stunde später am Kamintisch zum Besten gab.

»Als ob ich mich mit jemandem einlasse, der mir hinterherschnüffelt«, hakte Caroline die Geschichte ab.

Ihr war ganz leicht zumute. Denn soeben hatte Judith das Le Jardin betreten. Sie wirkte blasser und durchscheinender als beim letzten Mal. Aber sie war da. Caroline war so erleichtert, Judith zu sehen, dass sie den merkwürdigen Unterton des Anwalts vergaß. In ihrer Brieftasche schlummerte die Visitenkarte mit der Privatnummer ihres Kollegen.

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6

Siebenmal hatte Tom inzwischen den ersten Dienstag im Monat miterlebt. Siebenmal den Kamintisch eingedeckt, siebenmal vergeblich versucht, Kikis Aufmerksamkeit zu erringen.

Längst brauchte er nicht mehr darüber nachzudenken, welches Menü für wen bestimmt war. Der Salat gehörte zu Judith, die kaum reagierte, als er ihr den liebevoll zurechtgemachten Teller servierte. Caroline, die am Kopf des Tisches saß, als hätte sie den Vorsitz, sah immer wieder zu Judith hinüber. Ihre Bratkartoffeln, die Bohnen, das Stück Fleisch, nichts wollte Caroline so richtig schmecken. Irgendwas war mit Judith. Aber was?

Estelle bekam davon nichts mit. Mit ungebremstem Appetit verzehrte sie ihren Hummer an Krustentier-Estragonschaum. Normalerweise setzte Luc keinen luxuriösen Schnickschnack auf die Karte. Für Estelle machte er einmal im Monat eine Ausnahme. Estelle dankte es ihm mit großzügigen Trinkgeldern und Empfehlungen in ihrem neureichen Bekanntenkreis, der das Le Jardin zu einem »place to be« machte. Mehr als exquisites Essen interessierten Estelle allein amouröse Verwicklungen. Sie schwelgte in der Geschichte mit dem Anwalt: »Caroline hat einen heimlichen Verehrer.«

»Alles rein beruflich, Estelle.«

»Wer hat ihm von unserem Französischkurs erzählt? Das ist fünfzehn Jahre her«, wunderte sich Eva.

Caroline war nicht minder ratlos: »Der wusste sogar über Philipps Termine Bescheid. Besser als ich selbst.«

Kiki seufzte tief auf: »So was passiert mir nie. Ich muss noch Danke schön sagen, wenn ich wieder einen Plastikbecher für Thalberg designen darf. Mich hat noch nie einer abwerben wollen.«

Dafür flambierte Tom gerade Kikis Essen. Mit einer spektakulären Stichflamme versuchte er, Kiki zu beeindrucken. Die sah nicht einmal hin.

Enttäuscht wandte sich Tom an Eva, die immer noch die Speisekarte in der Hand hielt. Während die anderen schon längst aßen, hatte Eva sich noch immer nicht entschieden. Nervös zupfte sie an ihrem allzu kurzen Pullover. Wie schafften es ihre Freundinnen immer, so perfekt auszusehen? Bei Eva hatte es mal wieder nur zu Jeans, Sweater und Pferdeschwanz gereicht.

»Leber, vielleicht sollte ich Leber essen. Frido liebt Leber.«

Die Freundinnen richteten die Augen gen Himmel. Nicht zu glauben, dass Eva einmal die Ehrgeizigste des Quintetts war. Fünfzehn Ehejahre mit Frido und vier Kinder später wusste sie nicht einmal mehr, was ihr selbst schmeckte. Eva kochte und dachte nur noch für andere.

»Ich nehme dasselbe wie sie«, beschied sie, um Toms Warterei ein Ende zu bereiten. Eva wies auf Judith, die mit gesenktem Kopf ein paar einsame Salatblätter und klitzekleine Karöttchen auf ihrem Teller herumschob. Judith brauchte nicht aufzusehen. Sie spürte auch so, dass Caroline sie an diesem Abend nicht aus den Augen ließ. Mit diesem speziellen Blick, den sie aus dem Krankenhaus kannte. Dieser Blick, dem man nicht entkam. Der einen zum Reden zwang.

»Mir geht es gut … wirklich … Ich gehe viel mehr aus … nur diese Woche bin ich nicht dazu gekommen … ich hab das Grab neu bepflanzt«, murmelte sie. Judith konnte nicht verhindern, dass ihr Tränen in die Augen stiegen.

»Kann ich irgendwas für dich tun?«, erkundigte Caroline sich.

»Nichts mehr fragen, Caroline, bitte. Sonst muss ich wieder weinen, und ich will nicht mehr weinen …« Ihre Stimme brach.

 

Seit sechs Monaten sahen die Freundinnen zu, wie Judith sich quälte. Es war Zeit, etwas zu unternehmen. Sie bemühten sich, sie aufzumuntern. »Kommen wir zum Thema. Wohin sollen die Dienstagsfrauen in diesem Jahr fahren?«

Luc stupste seinen Sohn an: »Pass auf, was gleich passiert!«

Tatsächlich: Caroline hatte den Satz kaum ausgesprochen, als ein Tumult losbrach. Estelle war die Erste, die ihre Wünsche anmeldete: »Ich will unter dem Sternenhimmel schlafen. Es müssen gar nicht viele sein. Fünf Sterne beim Hotel, zwei beim Restaurant.«

Kiki fiel ihr sofort ins Wort: »Ich brauche die Großstadt. Ich will ausgehen, feiern. Einsam hab ich’s schon zu Hause. Es kommt der Tag, da gratulieren mir nur noch Tchibo und T-mobile zum Geburtstag.«

»Mir ist alles recht«, warf Eva ein, »ich schließe mich an.«

 

Luc grinste: »Das geht jetzt mindestens eine Stunde so«, lachte er. »Dann spricht Caroline ein Machtwort, und wir servieren Champagner zur Versöhnung.«

Caroline versuchte, mit konkreten Vorschlägen Ordnung ins Geschehen zu bringen: »Ein Klient hat mir neulich was von einem kleinen Gasthof in Österreich erzählt. Da kann man prima wandern. Und der Tennisplatz …«

Die anderen würden nie erfahren, was es mit dem Tennisplatz auf sich hatte, denn Estelles Meinung stand bereits fest: »Gasthof? Das klingt schon wie Doppelzimmer. Ich gehe in kein Doppelzimmer. Ich habe nicht mal zu Hause ein Doppelzimmer.«

»Ich komme dieses Jahr nicht mit.« Das ganze Essen hatte Judith darüber nachgedacht, wie sie es den Freundinnen beibringen sollte. Jetzt ging ihre leise Absage im Stimmengewirr unter.

»Der Gasthof bietet zahllose Möglichkeiten. Wir müssen doch nicht jedes Mal …«

»Ich komme dieses Jahr nicht mit!«, wiederholte Judith so laut, dass alle erschraken. Betretenes Schweigen in der Runde. Alle vier sahen fassungslos zu Judith.

»Was hast du gesagt?«, hakte Caroline nach.

»Ich werde nicht mitfahren.«

Von allen Seiten prasselten Kommentare auf Judith nieder. »Wieso?«

»Warum?«

»Gerade du solltest mal raus.«

»Wie kommst du denn darauf?«

»Natürlich kommst du mit.«

Im Restaurant hatten alle anderen Besucher längst aufgehört zu essen. Mit unverhohlener Neugier sahen sie den Frauen bei ihrer aufgeregten Diskussion zu.

»Ich habe Arnes Tagebuch gefunden«, versuchte Judith ihren Schritt zu rechtfertigen. Die Ratlosigkeit bei den Dienstagsfrauen war groß.

»Was hat das mit unserem Ausflug zu tun?«

Stockend erklärte Judith, was sie meinte: »Arne hat Tagebuch geführt. Nur wenn er unterwegs war. Auf dem Jakobsweg. Er wollte doch nach Lourdes. Wegen dem heilenden Wasser.«

Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie wurde immer leiser. »Wenn er angekommen wäre … diese, diese weißen Seiten in Arnes Tagebuch, das ist das Schlimmste!«

»Ich verstehe nicht, was das mit unserer Reise zu tun hat«, sagte Caroline kopfschüttelnd.

Judith gab ihrer Stimme mehr Nachdruck: »Ich habe keine Zeit, mit euch mitzukommen. Ich werde Arnes Weg zu Ende führen.«

Endlich war es heraus. Judith war klar, was das für ihre eingeschworene Gemeinschaft bedeutete. Noch nie war eine der Freundinnen aus der gemeinsamen Tradition ausgeschert. Es würde das erste Mal in fünfzehn Jahren sein, dass sie bei ihrem jährlichen Trip nicht komplett waren.

Vorsichtshalber zog Judith den Kopf ein. Sie erwartete, dass die Freundinnen ihr all das an den Kopf werfen würden, was sie sich selbst bereits tausendmal vorgesagt hatte.

»Sechs Monate, Judith! Wird es nicht Zeit, dass du mal wieder am Leben teilnimmst?«

»Du musst langsam Abschied von Arne nehmen.«

»Judith! Nach vorne sehen! Nicht zurück.«

»Haben Sie es einmal mit Beichten probiert?«

Das war der Pfarrer von Arnes Beerdigung, der in ihrem Kopf dazwischenquasselte. Doch wozu sollte Judith beichten? Wozu das Augenmerk auf die Dinge legen, die man im Leben verkehrt gemacht hatte? Das hasste sie am Katholizismus. Man fühlte sich dauernd schuldig. Für alles Mögliche. Und das Unmögliche gleich dazu.

»Unsinn. Der Katholizismus verzeiht alles. Das beruhigt ungemein«, hätte Arne entgegnet.

Judith führte diesen unablässigen inneren Dialog mit ihrem verstorbenen Mann. Immer wieder dachte sie darüber nach, wie sie nicht an Arne denken konnte. Wenigstens für eine Stunde oder nur fünf Minuten.

»Ich glaube«, hob Judith wieder an, »ich finde erst Ruhe, wenn ich seinen Weg zu Ende gegangen bin. Arnes Tagebuch muss einen Schluss bekommen.« Sie versuchte noch einmal, sich ihren Freundinnen begreiflich zu machen. Aber wie sollten die Dienstagsfrauen Judiths Probleme verstehen? Judith hatte nie gewagt, jemandem von ihren Schuldgefühlen zu erzählen. Und von manch anderem, das sie quälte.

Caroline probierte, Judiths Worte zu deuten. »Du willst nach Lourdes pilgern?«

Judith nickte: »Auf demselben Weg, den Arne gegangen ist.«

»Wie funktioniert das eigentlich? Geht man beim Pilgern zu Fuß oder muss man auf Knien rutschen?«, fragte Estelle und kassierte dafür postwendend einen energischen Tritt gegen das Schienbein. Diskretion allerdings war Estelles Sache nicht: »Du brauchst mich nicht zu treten, Eva. Das ist eine berechtigte Frage. Oder etwa nicht? Judith?«

Judith ging nicht auf die anarchische Bemerkung von Estelle ein: »Es ist meine Art, Abschied zu nehmen, das Kapitel Arne zu vollenden. Ich muss nur noch, ich weiß nur noch nicht …«

Sie hatte sich vorgenommen, tapfer zu sein. Doch die Tränen rannen unaufhörlich über ihre Wangen. Judiths Hände zitterten, als sie nach ihrem Glas griff. Es fiel um. Der Rotwein breitete sich über den Tisch aus wie eine Blutlache.

 

»Ich komme mit. Ich begleite dich.« Caroline hatte blitzschnell eine Entscheidung gefällt. »Meinst du, ich lasse dich alleine durch die Wildnis laufen? So wie du beieinander bist?«

Judith war so überrascht von dieser Wendung, dass sie aufhörte zu weinen. »Das würdest du für mich tun?«

Caroline nickte. Sie kannte die Freundin nur zu gut. Judith, die Zauderin und Zweiflerin, lebte ins Unreine, Provisorische, begann mal dies und mal das und seit dem Tod von Arne nichts mehr. Pilgern, Katholizismus, Marienverehrung, Wunderheilungen: Alles Quatsch, fand Caroline. Und trotzdem würde sie dafür sorgen, dass Judith ihre Idee in die Tat umsetzte. Probleme hat man nicht, die löst man. Wenn es sein muss mit Pilgern.

»Ich bin auch dabei«, schloss Kiki sich an. Sie ahnte, dass das eine Schnapsidee war. Aber manchmal musste man zu radikalen Maßnahmen greifen, um etwas zu erreichen: »Vielleicht kann man in der Grotte nicht nur um Heilung bitten, sondern auch um einen netten Mann. Ich bin kurz davor, eine Katze anzuschaffen, der ich Petersilie aufs Katzenfutter legen kann.«

Die Freundinnen lachten. Sie wussten es besser: Das Problem war eher, dass Kiki sich nicht festlegen konnte und wollte. Bewerber gab es genug, fremde Betten auch. Doch länger als ein paar Monate blieb Kiki nie.

Die Anteilnahme der Freundinnen erwärmte Judiths Herz. Sie fühlte sich ein Stück weit getröstet. Carolines Augen wanderten zu Estelle. »Noch jemand?«

Estelle vermied jeden Blickkontakt. Du meine Güte. Pilgern. Sie engagierte selbst für ihren Pudel den Hundeausführservice. Wozu neunzig Minuten am Rhein flanieren, wenn man in derselben Zeit nach London zum Shoppen fliegen konnte? Statt eine Antwort zu geben, unterzog sie die Weinflaschen einer ausführlichen Inspektion. Das auch noch. Waren die denn alle leer?

Schüchtern hob Eva die Hand: »Wenn alle anderen einverstanden sind, bin ich es auch. Ich sollte sowieso mehr Sport treiben.«

Zum hundertsten Mal zog sie den zu eng gewordenen Pullover über ihre unübersehbaren Rundungen, nur um in der nächsten Sekunde ein Stück Fleisch von Carolines Teller zu mopsen. Typisch Eva. Erst aß sie nur Salat und am Ende alle Reste. Die schlechte Angewohnheit, die sie auch zu Hause auslebte, hatte ihr im Lauf der Jahre zehn Kilo Übergewicht und ein chronisch schlechtes Gewissen eingebracht. Morgen würde sie ganz bestimmt mit der Ananas-Diät beginnen. Und weil es heute sowieso schon egal war, machte sie auch dem restlichen in Estragonschaum badenden Hummer den Garaus.

Estelle wedelte mit der Weinkarte. Eigentlich wollte sie nur Tom, den Kellner, auf sich aufmerksam machen. Für Caroline reichte das als positives Votum: »Estelle ist auch dabei. Einstimmig angenommen. Die Dienstagsfrauen pilgern nach Lourdes.«

»Wie bitte?« Estelles Gesicht erbleichte unter der sorgsam aufgetragenen Foundation. Ihr Blick zeigte blankes Entsetzen. Caroline beachtete sie nicht. In diesem Moment ging es nur um Judith.

»Den Kummer können wir dir nicht abnehmen, Judith. Aber den Weg können wir mit dir gehen.«

Judith sah gerührt in die aufmunternden Mienen. Die bedingungslose Zuneigung überwältigte sie. Sie alle wären wahrscheinlich nicht miteinander befreundet, wenn sie sich heute kennenlernen würden. Aber fünfzehn gemeinsam durchlebte Jahre ließen alle Unterschiede unwichtig werden. Selten hatte Judith ihre Verbundenheit so intensiv gespürt wie in diesem Moment.

 

Estelle hatte sich noch nicht von ihrem Schock erholt, als Tom an den Kamintisch trat. Luc sah befriedigt, wie formvollendet seine Bewegungen geworden waren. In nur sechs Monaten war es ihm gelungen, Tom in einen echten Kellner zu verwandeln. Der Junge hatte Talent. Kein Wunder. Er kam ganz nach seinem Vater.

»Darf ich jetzt den Champagner servieren?«, fragte Tom höflich.

Estelle konnte nur noch krächzen.

»Ich glaube, ich brauche einen Notarzt.«

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7

Der schwere BMW mit dem Arztaufkleber bremste abrupt. Carolines Mann Philipp, noch im Arztkittel, stieg aus seinem Wagen. Er brauchte nicht lange nach seiner Frau zu suchen, denn die Tore der Doppelgarage standen weit offen. Zwischen Fahrrädern, Werkzeugbank und Umzugskisten fahndete Caroline nach einer passenden Ausstattung für eine Neupilgerin wie sie. Wanderschuhe, Thermoskanne, Schlafsack, Regenkleidung, Rucksack … Wo war der verdammte Rucksack?

Sechs Wochen waren seit dem Entschluss, gemeinsam auf Pilgertour zu gehen, vergangen. Morgen sollte es losgehen und Caroline war noch nicht dazu gekommen, ihre Sachen zusammenzusuchen.

Wenigstens hatte Philipp die Bestellungen von Caroline dabei: »Blasenpflaster, Salbe, Verband, Wundspray und 10 Liter Hohlraum. Wenn das Wasser aus Lourdes hilft, mache ich die Praxis dicht.«

Caroline pfefferte den Benzinkanister, den Philipp ihr in die Hand drückte, achtlos in die Ecke. »Mach dich ruhig lustig über mich!«

»Lourdes? Pilgern auf dem Jakobsweg? Seit wann nimmst du so was ernst, Caroline?«

»Ich pilgere nicht. Ich begleite Judith. Falls ich den Rucksack finde.« Caroline öffnete einen der Umzugskartons. Gerührt hielt sie inne. Obenauf lag ein klitzekleines Baseballshirt. »Weißt du noch? Das war das Erste, was wir für Vincent gekauft haben.«

Unter der Kleidung verbarg sich altes Spielzeug von Vincent und Josephine, ihren beiden Kindern, die längst erwachsen waren. Doch das Schwelgen in Erinnerungen war Philipps Sache nicht.

»Wieso hebst du den Kram auf?«

»Für deine Enkel!«

»Enkel? Ich bin viel zu jung, um Opa zu werden!«

»Philipp! Vincent und Fien sind über zwanzig. Es kann jeden Tag passieren.«

Philipp antwortete nicht. Nachdenklich betrachtete er sein Ebenbild, das ihm aus einem alten Spiegel, der in einer Ecke lehnte, entgegenblickte. Eilig ordnete er das leicht ergraute Haar neu und sog übertrieben Luft ein.

»Wenn ich den Bauch einziehe, sehe ich ganz passabel aus. Überhaupt nicht wie Opa Philipp.«

Caroline schlang die Arme um ihren Mann. »Ich nehme dich auch mit Bauch.«

Sie wollte ihn an sich ziehen, ihn umarmen, ihm nahe sein, doch Philipp entzog sich abrupt. »Hab ich dich.« Triumphierend hielt er den eingestaubten Rucksack hoch.

In Caroline breitete sich ein Gefühl der Enttäuschung aus. Ein kleiner Moment und genauso schnell, wie er kam, war er verflogen. »Sehen wir uns noch? Heute Abend?«

»Ich habe Notdienst. Der Kollege mit dem Baby ist schon wieder ausgefallen.«