Die doppelte Nacht - Carlo Levi - E-Book

Die doppelte Nacht E-Book

Carlo Levi

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Beschreibung

Im Jahr 1958 reist der weltberühmte Autor von «Christus kam nur bis Eboli» nach Deutschland. Von Mussolinis Regierung war er verhaftet, verbannt und später ins Exil getrieben worden. Nun sieht er von München bis Berlin wundersam wiederaufgebaute Städte – und dahinter das Schweigen, die Verdrängungen und die Verwüstungen der Vergangenheit. Levi lässt sich durch Münchner Nachtlokale treiben und spricht mit schlesischen Vertriebenen, die in den Baracken des KZ Dachau wohnen. Von Augsburg über Ulm bis Tübingen begegnet er der deutschen Geschichte seit dem Mittelalter und befragt sie im Spiegel der jüngsten Geschehnisse. Er streift durch die beiden Hälften des geteilten Berlin, die "mitleiderregenden Schwestern der inneren Unfreiheit". Im Pergamonmuseum wird er Zeuge der Rückkehr von Kunstwerken, die während des Kriegs nach Moskau verbracht wurden. Mit seinem ethnographischen Röntgenblick schaut Levi in die menschlichen Abgründe von Nachkriegsdeutschland und horcht in die „hohle Stille aus Fragen und Erschütterung“. Sein sprachmächtiger Reisebericht, der sich nie zur Anklage erhebt, besticht durch seinen feinen, warmherzigen Ton. Er ist ein eindrucksvolles Zeugnis von den Spuren einer gewalttätigen Geschichte in einem ganzen Land.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Carlo Levi

DIE DOPPELTE NACHT

Eine Deutschlandreise im Jahr 1958

Mit einem Nachwort von Bernd Roeck

Aus dem Italienischen von Martin Hallmannsecker

C.H.BECK textura

Übersicht

Cover

Inhalt

Textbeginn

Inhalt

Titel

Inhalt

Die doppelte Nacht

Anmerkungen

Nachwort

(von Bernd Roeck)

Faust und Hitler

Levis Leben

«Ein bescheidener wahrer Roman»

Der ewige Deutsche

Gegenland

Ein guter Italiener

Epilog: Enthüllende Dunkelheit

Fußnoten

Zum Buch

Vita

Impressum

Die doppelte Nacht

Funkenblicke seh ich sprühen Durch der Linden Doppelnacht

Johann Wolfgang von Goethe, Faust. Der Tragödie zweiter Teil, Akt V, Tiefe Nacht, Verse 11308f.

Es mag ein Land geben, in dem die Dächer alter Häuser noch spitz in den Himmel ragen, Philemon und Baucis; wo sich die Zweige noch grün in gemütlich dahin- fließenden Flüssen spiegeln. Doch in welcher Erinnerung hat sich ihr Duft verloren und das Leben? Und von welcher Asche sind ihre Blüten bedeckt? Lynkeus auf seinem Turm hat die Klage erhoben: Funkenblicke sprühten durch der Linden Doppelnacht, das Wahre ist im teuflischen Selbstmord zugrunde gegangen.

Um die innere Wüstenei nicht zu erschauen, dauert eine neue Nacht fort: die Nacht der verschlossenen Augen und der emsigen Hände, in der Vernunft und Leidenschaft in Schlaf verschlossen sind und selbst die Leere geteilt ist.

Ich bin in mein Haus in Rom zurückgekehrt, um das herum die Bäume bereits in Blüte stehen, der Mispelbaum von Bienen summt. Das Jahr neigt sich dem Ende zu. Der Himmel ist so blau, die winterliche Luft so voller Goldstaub, dass die an das bunte Halbdunkel des Nordens gewöhnten Augen wie geblendet sind vom Glanz einer allzu fröhlichen, beinahe unerträglichen Intensität, wie jene eines Nachtvogels, der, im Freien von den Strahlen des Sonnenaufgangs überrascht, mit flatternden Lidern, wie blind, zu seinem alten Gemäuer zurückfliegt.

Wenn ich mich nun daran mache, die einfachen Dinge zu schildern, die zu sehen mir in den allzu kurzen Tagen einer beruflichen Reise zuteilwurde, tue ich das nicht nur, um meinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen und um meine Eindrücke mit jenen des Lesers zu konfrontieren und mich korrigieren zu lassen, wo ich fehlgegangen sein sollte, oder um dem liebevollen Insistieren meines Lektorenfreundes nachzugeben. Auch maße ich mir nicht an, ein Sachbuch über diesen so unüberschaubaren Stoff zu verfassen (wie könnte ich auch?); ebenso bin ich nicht aufgebrochen, um, wie ein Jäger im Wald der Tatsachen, Nachrichten oder Gemeinplätze oder aktuelle Schlagzeilen zu suchen; und ich beabsichtige auch nicht, den Rahmen eines bescheidenen Tatsachenromans über eine gewöhnliche Reise ohne jegliche Abenteuer zu überschreiten. Doch schien es mir angebracht, meine Beobachtungen darzulegen, seien sie auch noch so karg und hastig verfasst: nicht um ihrer selbst willen, sondern weil das Land, das ich gesehen habe, für alle, auch für jene, die es nicht kennen, gewissermaßen mit einer fundamentalen Existenzfrage verbunden ist. Ich komme aus Deutschland, aus dem neiderfüllten Deutschland, von seinen gemütlichen Plätzen mit ihren Weihnachtsbäumen.

Ich war zuvor noch nie dort gewesen: Die Brücken des Rheins hatte ich bislang noch nie überschritten; einmal nur hatte ich seine Ebene gesehen, in einen sanften Nebel gehüllt, von einer gotischen Turmspitze im Elsass aus (die siegreiche Kirche und die Synagoge mit verbundenen Augen, entgegengesetzte Göttinnen der Vorstellungskraft, wandten sich ihr gemeinsam zu im roséfarbenen Stein, der von einer noch jungen und unschuldigen Sonne gewärmt wurde); das war an einem Augustmorgen im Jahr 1939, als Sturm und Zerstörung kurz vor ihrem Ausbruch standen. Viele Jahre (Jahrhunderte) später habe ich Deutschland dann im Flugzeug überquert, auf einer Reise in Länder des Ostens, dabei jedoch nicht mehr gesehen als das ewige Watteweiß der Wolken, unter denen seine Millionen Menschen verborgen lagen, seine Häuser, seine Wälder, seine Fabriken, seine Empfindungen, seine Probleme, seine Größe und seine Macht.

Diese Auslassung, diese Lücke, dieses Fehlen von direkter Kenntnis und Anschauung, könnte Anlass zur Verwunderung bieten (und tat es auch für mich), wäre da nicht der Umstand, dass Deutschland lange Zeit (auch schon vor den Viehwaggons und den Zugfahrten ohne Wiederkehr) für viele ein verbotenes Land war: verboten durch Ereignisse, durch Gesetze und durch Waffen; verboten vielleicht auch in uns selbst, durch ein Gefühl des Sakrosankten gegenüber einem entfernten und dunklen Teil unseres Bewusstseins. Aber wo sind diese Verbote nun? Alles steht offen: Die Zeit hat, wie ein reißender Strom übrig gebliebene Bäume und Trümmer, auch die Erinnerungen mit sich fortgerissen. Wir können uns also nur noch umsehen, um zu erfassen und zu verstehen. Und unsere Augen und unser Geist können, frei von Leidenschaft und auch von den tödlichen und unerschütterlichen Überresten der Leidenschaften, von den alten Fragen, wie auf etwas Neues blicken.

Ist, was mich erwartet, so fragte ich mich bisweilen vor meiner Abreise, ein Land ohne Väter, aus der Asche geboren, den dauerhaften Beweggründen seiner Geschichte fremd? Oder sind Gegenwart und Vergangenheit dort vielmehr verbunden, als unterschiedliche Teile miteinander verflochten und doch voneinander getrennt? Welches der zahllosen Deutschlands der Kultur und der Geschichte wird mir begegnen? Welches Überbleibsel oder welche Kombination von diesen werde ich im heutigen Deutschland wiederfinden können? Was sind äußerer Anschein und wahrer Wesenskern dieses Zwischenortes, der so viele fantastische und sentimentale Assoziationen hervorruft und dessen Gedankenwelt so vollkommen ist? Was ist dort passiert oder passiert dort gerade nach den Geschehnissen, die wir alle miterlebt haben?

«Nach Majdanek …», pflegte Umberto Saba zu sagen und meinte damit, dass nach den «bekannten Gräueltaten» des Nationalsozialismus alle Menschen gewissermaßen geringer geworden seien. «Alle – Opfer wie Täter – sind wir – und werden es noch viele Jahrhunderte lang sein – viel geringer, als wir zuvor waren», alle, auch wir, nicht nur die Deutschen. Wie in einem Film von Charlie Chaplin haben Opfer und Täter in einer Welt, die auf den Kopf gestellt wurde, letzten Endes dasselbe Antlitz und dasselbe Schicksal. Und dennoch kann selbst der größten Unmenschlichkeit eine neue Zeit der Menschlichkeit entsprießen. Was ist geblieben, außer den menschlichen Trümmern, was ist neu entstanden, nach der tödlichen Krise, die den entferntesten, verborgensten, unseligsten Götzendienst für alle sichtbar an die Oberfläche der Wirklichkeit gebracht hat? Jener Krise, die uns alle dazu gezwungen hat, sie zu sehen, sie zu bekämpfen, mit einer Vergangenheit abzurechnen, die wie prähistorische Fossilien in den tiefsten Schichten des Bewusstseins verschlossen gewesen war – Felsen, auf denen wir ahnungslos und ruhig schliefen, Städte und Häuser bauten, unsere Zivilisation und Familienbande errichteten, die Mythen des Menschen, des Fortschritts und der Geschichte? Jener Krise, die uns gezwungen hat, uns erneut, in modernen und unvorhersehbaren Formen, denselben Ungeheuern zu stellen, die bereits so viele Male von mythischen Heroen getötet worden waren? Und weshalb hatte sich diese Katastrophe, diese globale Seuche, ausgerechnet in Deutschland ihren Ausbruchsort gesucht, ihre Träger, ihre Symbolfiguren?

Die Krise, die sich vor unseren Augen mit endgültiger Gewalt Bahn brach, nachdem sie sich schon lange zuvor überall auf unterschiedliche Weise angekündigt, sich wie eine Infektion unentdeckt verbreitet hatte, offenbarte und realisierte in Taten das Zerbrechen der Einheit des Menschen. Und vielleicht hat gerade Deutschland (abgesehen von all den neueren und weniger neuen gesellschaftlichen, politischen, religiösen und wirtschaftlichen Gründen der Barbarei und des totalen Krieges), mehr als jedes andere Land, in den Jahrhunderten seiner glanzvollen Geschichte und im Leben jedes einzelnen seiner Einwohner den beständigen Charakter (oder die Gefahr oder die Tendenz oder die Veranlagung) der fehlenden Einheit stets in sich getragen. Aus dieser betörenden Fragmentiertheit ragt Goethes «olympische» und einheitstiftende Harmonie umso einzigartiger und prominenter, geradezu gigantisch hervor, wie ein Berg inmitten einer gestaltlosen Ebene; und vielleicht lässt uns gerade die Isoliertheit dieser Harmonie bisweilen auch ihren unnatürlichen Charakter erkennen, das selbstgefällige Knirschen eines stets präsenten Gestaltungswillens. Vielleicht ist es die fragmentierte Natur der Deutschen, welcher ihr permanenter Drang zum Klassischen, zum Paganen, zum Idealen, zur Formvollendetheit entspringt, ihre schwärmerische und verträumte Sehnsucht nach der Sonne, den Ländern des Südens, dem Land, in dem die Orangen blühen. Zu einem vollständigen und umfassenden Innenleben der Menschen hat der Welt der Deutschen schon immer etwas gefehlt. Und diese Dissonanz, diese Spaltung, brachte einerseits eine monströse und isolierte Entwicklung der Gefühle hervor, die Gefühlsbetontheit der Expressionisten und der Romantiker; und andererseits die unempfindliche Linse der reinen Vernunft und die Staatsräson. Diese Dissonanz hat alles, voneinander getrennt, ins Extreme gewandt, alle Probleme, alle Brüche, alle Triebe und jegliche Art von Todeswillen, sämtliche Institutionen: Heere, öffentliche Ordnung, Familie, anarchische Freiheit und Reich, Kategorien, Allgemeinheiten und, im labyrinthischen Dickicht dieser Absolutheiten, die schwarze Angst.

Da es den Deutschen unmöglich ist, den Menschen als Ganzes zu umfassen, und somit auch Liebe (außer jene tödliche des Tristan-Mythos) und Freiheit unmöglich sind, bleiben ihnen als Äquivalent der Liebe nur Selbstmord, in seiner Ausprägung als totale Gemeinschaft, ein Selbstmord, der die Zerstörung der Welt mit sich bringt, oder Mord, das Lager, in dem «Arbeit frei macht», als verdrehte, neidische, embryonale Version der Freiheit. Diese ungeheuerliche Verdrehung entstammt einem kindheitlichen Zusammenbruch, einer wirren Spaltung zwischen dem Selbst und den Dingen, die jeglicher Geschichte und jeglicher Entwicklung vorausgeht. Wenn Deutschland in zwei Teile geteilt ist, ist es das, weil es in seinem Unterbewusstsein in jeglicher Hinsicht geteilt ist (und gewesen ist).

Über diese Dinge, die alle Menschen betreffen, kann, muss man urteilen, sich jedoch nicht zum Richter erheben. Schon der Name Deutschland, dieses Bruderland, ist mit den stärksten und irrationalsten Gefühlen verbunden: unendlichem Hass und unendlicher Liebe, grenzenloser Bewunderung und Schrecken. Wer, wenn er vor den erhabenen Erscheinungen, den universellen Schöpfungen der Kunst, des Geistes, der Technik steht, verbindet damit nicht gegen seinen Willen so manche unauslöschlichen Bilder gewisser einzigartiger und tödlicher Momente des eigenen Lebens? Die kleinen Schlangenköpfe der SS in Vallucciole; die kalten Augen des Soldaten, der den Alten gleichgültig mit zwei Fingern an der Nackenhaut hochzog wie eine tote Katze und ihn tot wieder zu Boden fallen ließ; die schrecklichen Fabelwesen in den Darstellungen der Expressionisten, die Wirklichkeit geworden waren, die rasierten Schädel, die Narben, die Stiernacken, die grünen Beine, das Geräusch von Stiefeln auf dem Straßenpflaster in den Nächten von Florenz? Doch wo war diese aberwitzige Gewalt? War sie nur in ihnen oder war sie auf geheimnisvolle Weise, um existieren zu können, auch in uns? Oder war sie nur ein Traum, die Offenbarung einer vergessenen und mit Jahrtausenden von Erde und Toten bedeckten Zeit, die in die Wirklichkeit, in diese spezifische Wirklichkeit, projiziert wurde? Für jemanden, der in seiner Seele auf keinen Fall Täter oder Opfer ist und es auch niemals wird sein können, was auch immer seine Stellung in der Welt sein mag, reicht es nicht, wie es bei Herrn Keuner der Fall war, auf dem Bürgersteig einem Nazi zu begegnen, um dessen Land auf nazistische Weise zu hassen.

Das Fehlen von Einheit im Inneren ist die Voraussetzung, die Deutschland zum Protagonisten einer globalen Krise gemacht hat. Aber handelt es sich, dieser fehlenden Einheit vorausgehend, nicht vielmehr um einen Mangel an Unterscheidung, an Unterscheidungsvermögen? Einheit kann es nur bei unterschiedenen Dingen geben. Ein gewisser, im Dunkeln liegender Teil dieser Welt aus Wäldern und Fabriken mit ihrer enormen, unbestimmten Macht, die vergeblich, aber beharrlich versucht, sich in die Tat zu stürzen, bewahrt die alten und grundlegenden Wesenszüge einer urtümlichen, anarchischen Einheit ohne Beziehungen (der Germanen, die ihre Mahlzeiten allein zu sich nahmen und ihre Hütten in isolierten und einsamen Gegenden errichteten). Dies ist das erste Stadium der Kindheit, das jeder Abgrenzung, jeder Freiheit, jedem Bewusstsein vorausgeht. Ein Teil der äußersten Vorzeit, der Urmilch vor jeglichem Abstillen, dauert fort (die Schizophrenie der Nationalsozialisten lässt sich nur begreifen, wenn man sie als in diesem absolut anfänglichen Moment entstanden betrachtet; Hitlers Paranoia wird sie später als notwendiges Gegenstück anleiten und zusammenhalten). Dieser Teil Deutschlands, der in der Phase des embryonalen Menschseins verharrt, unterscheidet sich nicht von den Dingen, er ist unfrei, kann nicht geliebt werden und nicht lieben, sondern nur verschlingen und (nie so sehr, wie er es wünscht) verschlungen werden. Und könnte daher dieses Hervorholen des grauenhaften archaischen Inhalts der menschlichen Eingeweide, das die Nationalsozialisten ins Werk setzten, nicht vielleicht von der Tatsache herrühren, dass die Deutschen nie genug geliebt wurden (sich nie genug geliebt fühlen konnten)? Dazu reichen die Nester, die Daunen, die Gemütlichkeit der eingehegten Städte, Häuser, Familien, die überempfindlichste Innigkeit der Gefühle nicht aus. (Niemals könnten die Deutschen dem Dajenu Glauben schenken, der Danksagung zu Pessach.) Es ist nie genug, wenn zu Beginn keine Liebes- und keine Freiheitsbeziehung besteht, keine Abgrenzung von der Mutter. Und was kann schon «genug» sein? Welche Wirklichkeit aus der Unendlichkeit von Beziehungen kann genügen, um dieses Liebesvakuum zu füllen? Ist denn nie ein Gott erschienen? Oder ein Mensch, eine verlässliche Bindung? Diese Leere, diese unaussprechliche Macht, dieses unstillbare Verlangen, dieses Bedürfnis, sie mussten wirklich sehr tief sein, wenn nicht einmal die Vernichtungsexzesse, die Blutorgien, die magischen und barbarischen Abendmahlfeiern sie zu füllen und zu stillen vermochten.

Aber die bleibenden Bilder, die wahren und die falschen, die erlebten, gesehenen oder angstvoll zusammenfantasierten, sind mittlerweile (wir wollen es glauben) nichts weiter als Momentaufnahmen einer gemeinsamen Vergangenheit Deutschlands und der Welt. Was alle zu dieser Annahme drängt, ist das Gefühl, dass das Neue anders sein kann, muss. Vielleicht mehr als anderswo müssen wir es in Deutschland suchen. Von diesem Neuen, auch von ihm, hängt unser Leben ab und der künftige Lauf der Dinge und selbst die kleinsten Angelegenheiten und Gedanken in unseren geschützten, schattigen Zimmern. Was ist Deutschland heute?

Vor meiner Abreise war ich neugierig, was mein allererster Eindruck von diesem unbekannten Flecken Erde sein würde. Denn es war bei mir auf beinahe all meinen Reisen so, dass sich das Gefühl für ein Land, das dann später um zahllose Dimensionen und Bestimmungen erweitert werden sollte, in mir, frei von jeglicher Voreingenommenheit oder jeglichem Vorurteil und sogar frei vom Gewicht jeglichen historischen und literarischen Wissens, durch ein erstes Bild einstellte (eine Vorstellung oder Eingebung, ein vages Gefühl oder einen Eindruck), was man wie bei einer Liebesbegegnung als «Kristallisation» beschreiben könnte. Dabei ist es eigentlich nicht wichtig, ob dieses Bild an sich präzise und tiefgreifend ist: Wichtig ist nur, dass es wahr und lebendig ist, dann wird es wie ein Schlüssel alle Türen öffnen, die vielfältigen Aspekte der Realität entschlüsseln, die es ihrerseits verändern oder letzten Endes sogar zerstören und auslöschen werden. Dieses Bild, das auch von einem unbedeutenden Gegenstand ausgelöst werden kann, von einem Wort, der Farbe des Himmels und der Häuser, dem Geruch der Luft, einer Begegnung oder einem Konflikt, ist nichts weiter als die Sorge um einen Geliebten oder seine Inbesitznahme: eine gleichzeitige Feststellung von Identität und Anderssein, eine unbestimmte und äußerst weitreichende Verschmelzung des Bewusstseins, mächtig und enthüllend in ihrer Unbestimmtheit. Mit welch simpler Energie hatten mich, vom ersten Augenblick an, sobald ich den Fuß auf die Erde gesetzt hatte, sowohl New York als auch Moskau angesprochen! Was würde mir Deutschland bei meiner Ankunft (und sei es nur durch die Geste eines Passanten, eine Stimme, einen Blick) sagen?

So ein erstes Bild hat es, vielleicht weil ich darauf gewartet habe, nicht gegeben, oder es war nicht deutlich genug. Was mir als Erstes vor Augen trat, glich so buchstäblich dem, was ich wusste und mir wider meinen Willen vorstellte, dass es für mich wie inexistent war. So musste ich die Wirklichkeit erst suchen und finden, ohne von einem konkreten Startpunkt ausgehen zu können. Wenn der Leser mir durch die wenigen Seiten dieses Büchleins zu folgen gewillt ist, wird er mit mir bei hellem Tageslicht eine Reise unter die Erde antreten, kurvenreich und ohne Plan: So widersprüchlich, ambivalent und schwer zu definieren erschien mir die Wirklichkeit im heutigen Deutschland. Ein Urteil werde ich also erst später fällen und nicht schon vorab – und wo dies der Fall ist, wird es in der Schwebe bleiben. Doch wenn es mir gestattet ist, etwas von meiner Erzählung, von meinem einfachen Bericht über Tatsachen, Personen und Ideen, vorwegzunehmen, würde ich sagen, dass diese Ambivalenz meiner ersten Eindrücke nicht von einer bestimmten Geisteshaltung oder Unachtsamkeit oder fehlenden Klarheit meinerseits herrührte, sondern einzig und allein von den Dingen selbst. Alles, was auf unterschiedlichste und gegensätzlichste Weise von den verschiedensten und aufmerksamsten Beobachtern in diesen Jahren über Deutschland gesagt worden ist (nachdem sich die Großen, Deutsche wie Ausländer, zu allen Zeiten, von Tacitus bis Brecht, darüber ausgelassen und es in Worte gefasst und lebendig gemacht haben), ist in gewisser Hinsicht wahr: Die bewundernden und enthusiastischen Urteile sind ebenso gerechtfertigt wie die negativen und zurückhaltenden. Selbst einer Person, die genau hinsieht, zeigt sich heute meines Erachtens weder eine deutliche einheitliche Wirklichkeit noch ein eindeutig zu bestimmender Wesenszug. Es handelt sich vielmehr um eine Realität, die sich entzieht und verbirgt: Deutschland versteckt sich.

Vor dem Besucher versteckt es sich nicht, ja, vielmehr lässt sich nur schwer ein offenherzigeres und zutraulicheres Volk finden, das so völlig ohne Geheimnisse, ohne Argwohn, ohne Schamhaftigkeit zu sein scheint. Es versteckt nicht seine Rühmlichkeiten und seine Wunden, sein Wohlbefinden, seinen Wiederaufbau und seine Wiederauferstehung, seine Geschäftigkeit, seinen Wohlstand, seine Ruinen, seine Gefühle, seine Ambitionen, seine Probleme, seine Statistiken, seine Kultur und nicht einmal sein Privatleben, seine Wohnungen, seine Familien, sein Essen, seine Gebräuche. Auch versteckt es seine Vergangenheit nicht, die man ja könnte verleugnen wollen. Deutschland versteckt sich nicht vor anderen: Es versteckt sich vor sich selbst.

Deutschland (oder, um mich präziser auszudrücken, der Großteil der Deutschen oder, meiner beschränkten Erfahrung nach zu urteilen, jene, wenige oder viele, die ausreichen, um die allgemeine Richtung, das vorherrschende kollektive Gefühl im Land vorzugeben) steht (steht noch immer) unter Schock. Nationalsozialismus und Krieg waren ein Trauma unermesslichen Ausmaßes. Allem Anschein entgegen (Frieden, Reichtum, Arbeit, Wohlbefinden, zivilisierter Höflichkeit und sogar einer gewissen Demut – Demut oder Demütigung? –) ist das Trauma noch nicht überwunden. Es dauert fort, arbeitet in der Tiefe: Aber es wurde in einem natürlichen Verdrängungsprozess (der das Überleben ermöglicht) verborgen. Die Zeit der Gräuel und der Entmachtung, das kollektive Gefühl der Sünde, alle großen, kleinen, entsetzlichen Ereignisse, die man «Furcht und Elend des Dritten Reiches» genannt hat, wurden in einen Bereich jenseits der Erinnerung verbannt, sie beeinflussen jedoch, eben wegen jenes Verdrängungsmechanismus, immer noch jeden Moment des täglichen Lebens. Mir scheint, dass eine tiefgreifende innere Zensur das gesamte Leben im Land beeinträchtigt (im Osten und im Westen auf unterschiedliche und gegensätzliche Weise, aber dennoch ähnlich): eine tiefgreifende, freiwillige und gedankenlose, bewusste oder unterbewusste Entsagung, eine permanente Selbstverstümmelung. Dem Anschein nach ist alles normal: In manchen Bereichen wie dem wirtschaftlichen und industriellen Aufschwung, dem Wiederaufbau, der Arbeit sind die Erfolge mehr als beachtlich; aber man könnte sagen, den Dingen fehle jener Wert, der allein sie wahrhaftig, authentisch und vollständig machen kann. Man spürt eine gähnende Leere, einen verbotenen Bereich, dem man sich nicht nähert: Man könnte es eine neurotische Fehlentwicklung nennen.

Deutschland ist in jeglicher Hinsicht, geografisch, historisch, politisch, kulturell, das Zentrum Europas: Das ist es immer noch, noch immer sind seine Probleme die Probleme aller, die alle betreffen. Doch ist es ein leeres Zentrum; ein bisschen so wie der Punkt im Auge eines Tornados, wo die Luft unnatürlich regungslos in absoluter Ruhe verharrt. Wenn sie sich in die Arbeit stürzen, bringen ihre emsigen Hände fabelhafte Mengen an Gütern und Reichtümern hervor: Ihre zerstörten Städte werden wiederaufgebaut, ihre Automobile fahren auf den schönsten Autobahnen der Welt, ihre Häuser spiegeln sich im ruhigen Wasser der Flüsse, ihre jungen Verliebten sitzen händchenhaltend beieinander, ihre Wälder verströmen den ewigen Frieden der Pflanzenwelt. Doch ist es ein verwundetes Land, ohne Autonomie, ein gekränktes Land, von sich selbst mehr als von anderen: ein Land, das die Augen verschließt, beharrlich verschließt. Trotz seines äußerst sanften und friedlichen, ja sogar harmonischen Anscheins war es im Inneren womöglich noch nie so sehr geteilt (nicht nur, was seine Grenzen betrifft). Aus einem instinktiven Überlebensdrang liegen daher Fantasie, Kreativität, Denken, Kunst, selbst Politik, alle gefährlichen und lebensnotwendigen Dinge versteckt, in Schlaf verschlossen, verborgen, in einem Schwebezustand. Deutschland schläft, bewacht von seiner instinktgetriebenen Selbstzensur, von seiner selbst auferlegten Ausgangssperre, die den Anschein der Wiedergeburt nur vortäuscht. Was sich an seinen Millionen heimischen Herden zusammenbraut, kann heute noch niemand wissen: ob es neu und menschlicher wiederauferstehen, zu neuem Schrecken erwachen oder seinen Schlaf fortsetzen wird. Momentan ist Deutschland noch verstümmelt, geteilt, grollend vor Schuld, sprachlos und müde.

Wie ein Kranker, der Heilung im Schlaf oder im Winterschlaf sucht, bemüht es sich instinktiv, durch Entsagung zu genesen – verschlossen im dunklen Schlaf der Wälder, im städtischen Dickicht der Fabriken, Kräne, Strommasten, Schornsteine, Hochöfen, Güter, Reichtümer und Speisen: in einem gierigen Schlaf des Einverleibens, der Verdauung, in dem selbst die Träume verdrängt werden. Nur wenige sind wach und stellen sich Fragen, und ihr Denken und Leiden gilt, zumindest momentan, lediglich als ein individuelles Problem vornehmer Leute. Andere träumen für sie: neue Missionen, neue Schwerter in Händen, die doch lieber weiterhin offen und müßig ruhen würden. Fremde Drachen, Fasolt und Fafner, wachen über ihren Schlaf: Wieder einmal liegt jenes Gold, das das umtriebige Volk der Zwerge endlos anhäuft, in der Erde verborgen (wie doch alles von den tüchtigen Deutschen, sogar in der Mythologie, vorhergesehen wurde!). Doch wachen tatsächlich fremde und einheimische Drachen über den freiwilligen und unfreiwilligen, magischen und kalkulierten Schlaf, die geschäftige Lethargie Deutschlands? Oder versuchen jene, unkundig der Mythen und der Geschichte, vielmehr selbst, das schlafende Land vorzeitig zu wecken, seine Leere mit Waffen oder heilig-römischen Reichsträumen zu füllen, seine Teilung mit Truppen? Wie so oft zuvor erklingt wieder der Ruf: «Deutschland, erwache!», auf die Gefahr hin, dass die Schlafende, wie eine unsanft geweckte Schlafwandlerin, ihre Augen mit einem wahnsinnigen, grausamen Todesschrei aufschlägt.

Die Leere Deutschlands ist die Schwärze des Schlafs, die einen von der steten und immer größer werdenden Welle der Angst befreit. «O nun waren wir Nachtgeweihte!» Deutschlands Mythologie und das magische Ritual hüllen es in Schlaf. Doch was nützen Mythen und Magie, Erinnerungen, Bilder und Leidenschaften jenem, der die Wirklichkeit sehen und wie ein Liebender begreifen will? Vergessen wir sie alle, lassen wir sie bei unserer Abreise zurück: Tun wir wenigstens so (das ist recht und notwendig), als existierten sie nicht. Lasst uns leicht und offen, mit unseren heutigen Augen, durch diese überfüllten und ordentlichen Städte, durch diese unbekannte und vertraute Menschenmenge gehen, und lasst uns nur das Wenige berichten, das wir gesehen haben und das uns begegnet ist, ohne den Anspruch, von mehr zu sprechen als von einigen der unzähligen Dinge, die es dort zu entdecken und zu erzählen gibt. Die Koffer sind gepackt, das Flugzeug steht auf der Startbahn: Lasst uns aufbrechen!

Wieder einmal erscheint der Flughafen von Ciampino vor mir, mit seinen grellen Lichtern im Dunkel des zu früh hereinbrechenden Abends, mit den verschwommenen Formen der Flugzeuge, einsamer, auf dem Rollfeld verstreuter Vögel: ein leerer Raum der Loslösung, Sprungbrett zu einem unbekannten Ort, zu anderen Menschen, anderen Ländern, in denen alles anders und fremd ist und neu in uns, das Alltägliche wird ausgelöscht, und das Weltgebäude, das wir aus gewohnten Gesten und Abläufen um uns errichtet haben, verschwindet. Hinter den großen Fenstern sehe ich in den Hügeln der Castelli schüchtern die Fluglichter von Rocca di Papa leuchten: Alles ist an seinem Platz, die Angestellten, die Kofferträger, die Mechaniker, das Gepäck, die Reisenden, diese unsicheren Wesen, die mit ihren Zeitungen in der Abflughalle sitzen und des Wartens schon müde sind.