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Unerwartet erhält Justus Jonas eine Blumensendung – doch sie ist alles andere als gewöhnlich. In dem langen Paket befindet sich eine schwarze Rose, eine Blume, die es in der Natur nicht gibt. Doch das ist noch nicht alles: Auf den Blütenblättern prangen kleine Totenköpfe. Wer hat ihm dieses rätselhafte Geschenk geschickt? Ist es eine Drohung? Justus, Peter und Bob nehmen die Spur der schwarzen Rose auf. Ein neuer Kriminalfall für die beliebten Detektive aus Rocky Beach.
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Seitenzahl: 163
Veröffentlichungsjahr: 2025
und die schwarze Roseerzähltvon Ben Nevis
Umschlagillustration von Silvia Christoph, Berlin
Umschlaggestaltung von der Peter Schmidt Group, Hamburg, auf der Grundlage der Gestaltung von Aiga Rasch (9. Juli 1941–24. Dezember 2009)
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Mit freundlicher Genehmigung der Universität Michigan
Based on characters by Robert Arthur.
ISBN 978-3-440-51115-2
Redaktion: Anne Pagel
Lektorat: Nina Schiefelbein
E-Book-Konvertierung: TEXT & BILD, Michael Grätzbach
»Adressiert ist es an mich.« Vorsichtig drehte Justus das Päckchen in seinen Händen. Es war länglich und vom Umfang her in etwa so groß wie die Verpackung einer Weinflasche, aber bestimmt doppelt so lang. Wenn nicht gar dreimal. Es war auch viel leichter. Und vollkommen schwarz.
»Da sind ganz feine Blütenmuster in den Karton eingeprägt«, bemerkte Bob.
»Ja, Rosen«, sagte Justus und blickte nun auf die Angaben, die mit silbernem Stift mitten auf eine der Längsseiten geschrieben worden waren: JUSTUS JONAS, ROCKY BEACH. »Die Straße fehlt«, murmelte er.
»Auch kein Absender?«, fragte Bob.
Justus betrachtete das Paket noch einmal von allen Seiten und schüttelte den Kopf.
»Und das Ding lag einfach so auf eurer Veranda herum?«, hakte Peter nach.
»Genau, direkt vor der Eingangstür. So hat es mir meine Tante gesagt. Übrigens zusammen mit einem zweiten Paket, das angeblich genauso lang, aber deutlich dicker war.«
»Und wo ist dieses jetzt?«, fragte Bob.
Justus stöhnte leicht auf. »Tante Mathilda hat es einkassiert. Ich habe es nicht mal zu sehen bekommen.«
»Oh«, sagte Peter.
Justus Jonas, Bob Andrews und Peter Shaw, genannt die drei ???, saßen in ihrer Detektivzentrale. Diese befand sich in einem alten silberfarbenen Campingwagen, der – vor neugierigen Blicken unter allerhand Gerümpel verborgen – nur über speziell eingerichtete Geheimgänge zu erreichen war. Das Gerümpel gehörte zu einer Unmenge von anderen Dingen, die auf dem Gelände des »Gebrauchtwarenhandels T. Jonas« zu finden waren. Das T stand für Titus, den Namen von Justus’ Onkel. Er und Tante Mathilda betrieben das Geschäft und sie hatten auch ihr Wohnhaus auf dem Wertstoffhof. Justus lebte bei ihnen wie ihr Sohn, seit seine Eltern vor vielen Jahren bei einem Unfall gestorben waren.
Was sich an gebrauchten Dingen auf dem Hof und in den Lagerhäusern ansammelte, war längst zu einem schier unglaublichen Durcheinander herangewachsen: Möbel und Motoren, Gemälde, Geschirr und Gartengeräte, Bücher und Besteck, Kleider, Kunst, Fotografien und Fliesen, Schallplatten, Schiffsinventar und Spielzeug. Dazwischen alle Arten von Automaten sowie Plattenspieler, Tonbandgeräte, Kassettenrekorder und Musikanlagen. Viele Geschenkartikel, die eigentlich niemand wirklich brauchte. Und tausend Sachen mehr, die Onkel Titus trotz immer massiver werdender Proteste seiner Frau Jahr für Jahr, Monat für Monat, Woche für Woche und Tag für Tag anschleppte. Alle diese Schätze bargen eine Geschichte, die meisten belanglos, manche geheimnisvoll – leider sah man ihnen diese nicht an, was aber vor allem Justus’ Fantasie oft nur umso mehr beflügelte.
Doch heute zog dieses merkwürdige längliche schwarze Päckchen das Interesse der Detektive auf sich, adressiert an Justus Jonas, aber ohne Absender.
»Mach es schon auf«, forderte Bob.
»Was, wenn es explodiert?«, fragte Peter.
Darüber hatte auch Justus schon nachgedacht. »Das geringe Gewicht des Objekts spricht zwar gegen eine diesbezügliche Annahme. Aber sicher ist sicher: Wir setzen Schutzbrillen auf.«
Diese lagen bei der Detektivausrüstung, die in einem Regal verstaut war. Peter sprang auf und holte sie.
Justus schnappte sich unterdessen ein feines Messer. »Ich werde das Päckchen auf anderem Wege öffnen, als es der Absender vermuten würde«, verkündete er.
Mit gebührendem Abstand verfolgten Bob und Peter, wie Justus ein Seitenteil des Kartons vorsichtig in dessen Mitte ein Stück aufschlitzte. Dann setzte er das Messer ab und bewegte das Päckchen mit einer schaukelnden Bewegung leicht hin und her. Was immer es auch enthielt – es machte kaum ein Geräusch.
Gerade als er das Messer erneut ansetzte, gab es einen lauten Knall. Die drei ??? zuckten zusammen. Das war ein heftiger Schlag gewesen! Der eindeutig von draußen gekommen war.
»Tante Mathilda«, rief Justus und sprang auf. »Sie hat das andere Paket geöffnet!«
So schnell wie möglich kletterten die drei ??? nacheinander in die kurze Wellblechröhre, die zu der verschiebbaren Rückwand eines alten Kühlschrankes führte. Dieser war auf einer Stahlplatte fixiert und insofern unverrückbar – sah von außen aber aus wie irgendein unscheinbares Gerät. Die Idee für diesen Geheimgang – das Kalte Tor genannt – hatte Justus gehabt.
Als dieser jetzt von innen die Kühlschranktür öffnete, galt sein erster Blick dem Wohnhaus. Alles schien unversehrt, keine Rauchwolken schlugen aus den Fenstern. Immerhin. Während er eilig auf das Haus zulief, suchte er mit schnellen Blicken den Platz nach verdächtigen Personen ab. Niemand zu sehen.
Die Jungen überquerten die Veranda und Justus riss die Eingangstür auf. Leise Musik drang aus der Küche. Sonst war alles still. Der Erste Detektiv schritt auf die Küchentür zu. Mit einer Mischung aus Angst vor einer Katastrophe und dem festen Willen, helfen zu wollen, riss er sie auf.
Tante Mathilda saß auf der gegenüberliegenden Seite des großen Esstisches. Neben ihr lag die zerschnittene Pappe des geöffneten Pakets. Vor ihr breitete sich ein Meer aus dunkelroten Rosen aus, die auf einem glänzenden Satinstoff lagen.
Ihr Duft füllte den ganzen Raum.
Die drei ??? sahen sich an und holten erst einmal Luft. Damit hatten sie nicht gerechnet.
Tante Mathilda wirkte glücklich. Mit einer leichten Bewegung deutete sie auf die Rosen. »Sind die von euch?«, fragte sie.
Der Erste Detektiv starrte wortlos auf die Szenerie.
Seine Tante sah ihn an. »Justus?«
»Was ist da explodiert, Tante Mathilda?«
»Du meinst den lauten Knall eben?« Mathilda Jonas lächelte. »Seid ihr deshalb gekommen? Schön, dass du so besorgt um mich bist. Ich hatte die Tür zur Veranda offen gelassen und der Wind hat sie zugeschlagen. Mit einiger Wucht. Ich habe mich ziemlich erschrocken.« Ihr Blick fiel auf die Blumen, die den Tisch geradezu überschwemmten. »Sind die nicht wunderbar?«
»Ja«, murmelte Bob.
»Die Rosen sind nicht von uns«, sagte Justus. Alle Anspannung fiel von ihm ab.
»Ach, na ja, das habe ich auch nicht ernsthaft erwartet. Hat Titus sie mir wohl geschickt? Obwohl ihm das auch nicht gerade ähnlichsähe. Aber vielleicht hat er unseren runden Hochzeitstag doch nicht vergessen. Hast du ihn etwa daran erinnert?«
»Äh, nein«, sagte Justus, der sich tausend Sachen merken konnte, nicht jedoch den Hochzeitstag von Onkel Titus und Tante Mathilda.
Bob trat an den Tisch und nahm eine der Rosen in die Hand. Wie alle anderen trug sie am Ende ihres Stiels ein kleines Gefäß, das sie mit Wasser versorgte. »Die Blüte ist dunkelrot, fast samtig«, sagte er und hielt die Blume Peter entgegen.
»Sie sind wirklich sehr elegant«, urteilte der Zweite Detektiv. Er hatte sich die Verpackung geschnappt. Auch hierauf war mit feinen silberfarbenen Buchstaben die Adressatin geschrieben worden: MATHILDA JONAS, ROCKY BEACH. Ein Absender fehlte.
»Ja, diese Sendung hat wirklich Charme«, murmelte Tante Mathilda. Doch sie wirkte ein wenig nachdenklich. »Wenn die Blumen nicht von euch und nicht von Titus kommen, wer hat sie mir dann geschickt?«
»In Bezug auf Onkel Titus ist derzeit noch nichts bewiesen«, sagte Justus, auch wenn er seinem Onkel so eine Aktion nicht zutraute. Vor allem, weil er, Justus, ja ebenfalls ein Päckchen zugeschickt bekommen hatte. Justus trat näher und nahm den Stoff in Augenschein, in den die Rosen eingewickelt gewesen waren. Er war schwarz. Kleine, dunkelrote Herzen bildeten ein auf den ersten Blick kaum wahrnehmbares Muster.
Man sah Tante Mathilda an, dass es in ihrem Kopf inzwischen ratterte. Ihr Blick ging ins Ungewisse, sie wirkte beinahe abwesend. »Mein Kuchenkreis«, fischte sie nach der nächsten Idee, »die wissen von meinem Hochzeitstag! Aber hätten die mir nicht … eine Torte geschickt? Außerdem muss ein Mann dahinterstecken. Frauen wissen, dass wir Frauen rote Rosen gar nicht so sehr schätzen. Wir mögen andere Farben viel lieber. Passend zur Einrichtung zum Beispiel …«
»Aber rote Rosen haben Symbolkraft«, startete Justus einen Versuch.
Seine Tante hörte ihm gar nicht zu. »Es ist etwas Offizielles!«, rief sie. »Vielleicht 40 JahreBürgerin von Rocky Beach!«
»Da schenkt man keine roten Rosen in Stoff mit Herzchen drauf …«
Mathilda Jonas gluckste auf. »Dann muss es ja wohl ein geheimer Verehrer sein. Da war letztens so ein Kunde, sehr gutaussehend, dunkle Haare, ein ruhiger, tiefsinniger Blick …«
»Tante Mathilda!«
»Der wollte gar nicht gehen. Machte mir ein verstecktes Kompliment nach dem anderen.«
»Äh …«
»Ich hätte so eine angenehme Art, so ein feines Lächeln.«
»Was wollte der denn kaufen?«, versuchte Justus seine Tante auf andere Gedanken zu bringen. »Bestimmt hat er dir Honig um den Mund geschmiert, um einen besseren Preis zu bekommen.«
Tante Mathilda sog die Luft ein. »Das ist aber nun nicht sehr nett, Justus.«
»Entschuldigung. Ich dachte ja nur.«
»Eigentlich schade, dass ihr nicht auf so eine Idee kommt.«
»Welche Idee?«, fragte Bob überflüssigerweise.
»Na, mir einen Strauß Rosen zu schenken! So oft, wie ich euch bekoche. Für euch Kuchen backe. Oder euch auf dem Schrottplatz arbeiten lasse.«
»Für das Aushelfen auf dem Gelände sollen wir dir Blumen schenken?«, fragte Justus entrüstet.
»Schließlich dürft ihr dafür den Campingwagen nutzen. Und bekommt ab und zu Geld dafür«, wandte Tante Mathilda ein. »Da kann man mir auch mal ein paar Rosen kaufen.« Doch sie verfolgte den Gedanken nicht weiter. Schon wieder war ihr ein möglicher Absender in den Sinn gekommen. »Inspektor Cotta! Ist es nicht so, dass er mir verschwörerische Blicke zuwirft, wenn er euch mal wieder hier abliefert? Könnt ihr das vielleicht für mich herausbekommen?«
Inspektor Cotta war der Vertraute der drei ??? bei der Polizei von Rocky Beach.
»Solche Blicke sind mir nicht aufgefallen«, entgegnete Justus, nun fest entschlossen, den Spekulationen ein Ende zu bereiten. »Ich verspreche dir, dass wir den Absender ausfindig machen. Schließlich sind wir Detektive.«
»Na gut«, sagte Tante Mathilda und stand auf. »Ich stelle erst einmal die Blumen ins Wasser.«
Justus nickte seinen beiden Freunden zu. »Beginnen wir in der Zentrale. Dort wartet schließlich das andere Päckchen auf uns. Vielleicht entdecken wir doch einen Hinweis.«
Kurze Zeit später beugten sich die drei ??? in der Zentrale über das Päckchen, das an Justus adressiert war. Etwas Explosives erwarteten sie nun nicht mehr, waren nach dem Erlebnis bei Tante Mathilda aber umso neugieriger, was es enthielt und warum es um so viel kleiner war als das andere Paket.
»Eigentlich hätten wir deiner Tante unsere Visitenkarte überreichen müssen«, sagte Peter, als Justus vorsichtig das Messer wieder ansetzte. »Schließlich ist sie jetzt Auftraggeberin in einem Fall.«
Justus blickte auf. »Das halte ich nun doch für übertrieben. Immerhin bleibt es in der Familie. Und außerdem würden wir einer Sache Evidenz verschaffen, in der vorsichtige Spekulationen hilfreicher sind.«
»Evi-was?«, fragte Peter.
»Evidenz«, wiederholte Justus. »Das bedeutet so viel wie ›Gewissheit‹.«
Bob nickte. »Das denke ich auch. Deine Tante weiß zwar, dass wir Rätsel und Geheimnisse aufklären, aber ganz ernst nimmt sie unsere Aktivitäten dann doch wieder nicht.«
»Wunderbar ausgedrückt.« Justus widmete sich wieder dem Paket. Auch wenn er nicht mehr mit einer unangenehmen Überraschung rechnete, wollte er doch so vorsichtig sein, dass er keine möglichen Spuren zerstörte. Also ritzte er die Kanten des Seitenteils entlang. Nach wenigen Momenten hatte er die Schachtel so weit, dass er sie komplett aufklappen konnte. Ein tiefschwarzer Satinstoff wurde sichtbar.
»Ist der auch mit Herzchen verziert?«, fragte Peter keck.
Justus beugte sich über das Tuch. Er schüttelte den Kopf. »Eine Verzierung ist schon da. Aber es sind keine Herzen. Es sind … Totenköpfe.«
»Totenköpfe?«
Justus nickte. »Ganz offenbar soll ich eine andere Botschaft erhalten als meine Tante.« Vorsichtig hob er das längliche Gebinde aus der Schachtel und legte es vor sich auf den Tisch. Mit bedächtigen Bewegungen zog er den Stoff auseinander.
Eine einzelne Rose kam zum Vorschein. Sie war genauso lang wie die Rosen, die Tante Mathilda bekommen hatte. Im Unterschied zu diesen war sie jedoch getrocknet – und so tiefschwarz wie der Stoff.
Justus öffnete das Tuch nun ganz. Einzelne schwarze Rosenblätter segelten auf den Tisch.
Erschrocken beugten sich die drei ??? darüber.
Jedes dieser Blätter trug einen silberfarbenen Totenkopf.
»Was hat das zu bedeuten?« Peter und Bob konnten ihren Blick kaum von der beinahe bedrohlich wirkenden Blume abwenden.
Justus war bleich geworden. »Liebe für Tante Mathilda, Tod für mich«, murmelte er.
»Das … das kann ich nicht glauben«, sagte Bob, »da muss etwas anderes dahinterstecken.«
»Die Blumen von Tante Mathilda hatten Wasser«, sagte der Erste Detektiv mit belegter Stimme. »Wasser ist Leben. Und meine ist vertrocknet. Tot.«
Peter stupste seinen Freund an die Schulter. »Hey, Erster, du lässt dich doch sonst nicht von so etwas beeindrucken. Wir finden schon heraus, was es damit auf sich hat.«
Justus holte tief Luft und sah Peter an. »Du hast ja recht«, sagte er. »Es geht schon wieder. Es war nur … ich hatte das Gegenteil erwartet. Rosen und Herzen. Genau wie bei meiner Tante. Im Geist bin ich schon durchgegangen, wer mich mit einer solchen Sendung zum Narren halten will. Und nun das hier …«
Der Zweite Detektiv nickte. »Ich verstehe dich. Mich würde das auch anfassen.« Da Justus weiter untätig vor dem Tisch saß und auf die Blume starrte, übernahm Peter die Initiative und schnappte sich das schwarze Satintuch. Als er es komplett auseinanderfaltete, fiel ein kleines rotes Pappschildchen heraus, an dem ein kurzes Band zum Aufhängen befestigt war. Es war etwa zwei Zentimeter lang und hatte die Form einer Rosenblüte.
»Was ist das?«, fragte Justus. Sofort war sein Interesse wieder geweckt.
Lächelnd reichte Peter ihm das Pappstück. »Da ist eine Art Logo drauf«, sagte er.
Justus sah genau hin. »Ja, in Schwarz. In die Rosenblüte sind als Emblem die Umrisse eines Gebäudes gezeichnet. Auf dem Dach hat es ein Kreuz.«
»In Tante Mathildas Päckchen war kein solches Kärtchen«, erinnerte sich Bob. »Zumindest habe ich keins auf dem Tisch herumliegen sehen.«
»Absicht?«, fragte Peter.
»Oder Zufall«, antwortete Bob. »Die Blumen wurden möglicherweise von einem Rosen-Versand verschickt. Die Verpackung, das Tuch: Das sieht alles sehr professionell aus, nicht so, als ob man es nur für diesen einen Zweck eingepackt hätte. Vielleicht ist das Pappstück aus Versehen hineingeraten. Gegen den Wunsch des anonymen Absenders.«
»Das wäre eine gute Erklärung«, sagte Justus und fügte erfreut hinzu: »Kollegen, damit haben wir etwas in der Hand.« Er lächelte Bob an und hielt ihm das kleine Teil unter die Nase. »Recherche und …«
»… Archiv«, ergänzte der dritte Detektiv. »Mein Job, klar! Ich kümmere mich darum.«
Während sich Bob an den Computer hockte, um die Fahndung nach dem Logo aufzunehmen, machte sich Justus auf die Suche nach einem hohen, schmalen Glas. »Die Todesrose wird einen Ehrenplatz in unserer Zentrale bekommen«, sagte er mit hörbarem Trotz in der Stimme. »Zumindest, bis wir den Fall gelöst haben.«
Als er die Blume auf die linke Ecke des Schreibtischs stellte, wandte sich Bob mit einem Lächeln um und verkündete stolz: »Ich hab’s.«
Justus und Peter gesellten sich zu ihm, um mit auf den Bildschirm sehen zu können.
Bob deutete auf die Seite, die er im Internet gefunden hatte. »Die Gärtnerei heißt Monastery Rose. Das Kloster der Rosen.«
Justus nickte. Kein Zweifel: Das Emblem der Firma war exakt dasselbe wie das auf dem kleinen Pappanhänger.
Bob klickte auf eine Unterseite der Homepage, die mehr über die Hintergründe des Unternehmens verriet. »Ein ehemaliges Kloster, in dem nun eine Rosengärtnerei residiert«, sagte er. »Es liegt in der Gegend von Bakersfield. Genauer gesagt etwas außerhalb von Wasco.«
»Im Rosenzentrum Kaliforniens«, ergänzte Justus, der solche Dinge einfach wusste. »Wasco ist eine kleine Stadt, die ganz Amerika mit Rosen versorgt. Gar nicht mal so weit weg von hier. Ich schätze, zweieinhalb Stunden.«
»Rufen wir dort an?« Bob deutete auf eine Telefonnummer. »Vielleicht bekommen wir heraus, wer den Auftrag für den Versand erteilt hat.«
Justus nickte und griff zum Telefon. Mit leicht zitternder Hand tippte er die Nummer ein. Offenbar war er innerlich nicht ganz so gelassen, wie er sich äußerlich gab.
»Monastery Rose, Kundendienst, Linh Huong. Einen wunderschönen guten Tag! Was kann ich für Sie tun?«
»Guten Tag. Mein Name ist Justus Jonas. Ich habe heute eine Rose erhalten, die augenscheinlich von Ihnen versandt worden ist.« Er machte eine Pause.
»Ja … und lief etwas schief mit der Sendung? War etwas mit den Blumen nicht in Ordnung?« Der Stimme nach war Linh Huong weiblich und kaum älter als die drei Detektive.
»Nein, alles bestens. Aber es war kein Absender drauf.«
»Das ist möglich. Dann hat der Kunde es so angewiesen.«
»Ich würde gerne wissen, wer den Auftrag erteilt hat.«
»Von wem die Sendung stammt? Lieber Mr … Jonas war der Name, oder? Das wollen viele wissen. Aber wir geben keine Auskunft, am Telefon schon gar nicht. Wenn die Sendung eine Überraschung sein soll, bleibt es auch eine Überraschung. Wir wissen Geheimnisse zu wahren, dafür haben Sie doch bestimmt Verständnis?«
Justus schluckte. »Aber wenn etwas schiefgeht? Oder wenn sich … also … eine bedrohliche Sache … etwas Schlimmes …«
»In unserem Computer haben wir natürlich alle notwendigen Daten, falls die wirklich gebraucht werden. Wenn eine Sendung zum Beispiel nicht bezahlt wird oder nicht ankommt.«
»Und Sie könnten nicht ausnahmsweise …«
»Nein.«
»Was muss ich tun, damit …«
»Nein. Tut mir leid.«
Justus atmete tief ein. »Dann hätte ich noch eine andere Frage.«
»Bitte.«
»Die Sendung kann nicht durch die Post ausgeliefert worden sein, da die Adresse nicht vollständig war. Sie wurde einfach so vor der Haustür abgestellt.«
»Dann wurde sie vielleicht von unserem eigenen Lieferdienst gebracht, aber auch da kann ich Ihnen …« Sie brach den Satz ab. Durch den Hörer klang alles nun gedämpft, als würde die Frau den Hörer zuhalten, während sie mit jemandem in ihrem Büro oder Laden sprach: »Aber nein, natürlich gebe ich keine Dinge preis, glauben Sie mir doch! Bitte! Ich habe nichts gesagt. Wirklich!« Es folgten ein paar merkwürdige Geräusche. Etwas knisterte. Dann meldete sich die Angestellte wieder. Ihre Stimme klang nun hektisch. »Mr Jonas, hören Sie? Leider muss ich Schluss machen, Kundschaft …« Sie legte auf.
Ernüchtert legte auch Justus den Hörer auf die Gabel des alten Telefons in der Detektivzentrale.
Bob schüttelte den Kopf. »Ein seltsamer Anruf«, sagte er. »Dass die Angestellte am Telefon keine Daten herausgeben darf, mag ja noch angehen, aber dieser Schluss? Schade, dass wir das Tonband nicht haben mitlaufen lassen, dann könnten wir es uns noch einmal anhören.«
»Es scheint sich jemand genähert zu haben, der nicht wollte, dass die Frau etwas erzählt«, schilderte auch Peter seinen Eindruck. »Da stimmt doch etwas nicht.«
»Kollegen«, sagte Justus, »wir haben noch zweieinhalb Wochen Ferien und keine weiteren Pläne. Fahren wir zu Monastery Rose und schauen dort nach dem Rechten. Schließlich haben wir einen Auftrag von Tante Mathilda.«
»Und das Geheimnis deines Päckchens wollen wir ebenso aufdecken«, ergänzte Peter. »Ich bin dabei.«