Die dunklen Seiten des Sterbens erhellen - Barbara Dobrick - E-Book

Die dunklen Seiten des Sterbens erhellen E-Book

Barbara Dobrick

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Beschreibung

Was geschieht wirklich, wenn Menschen unheilbar erkranken und sterben müssen, bevor sie alt und lebenssatt sind? - Barbara Dobrick weiß aus zahlreichen Gesprächen und eigener Erfahrung: "Wir haben das Sterben zu lange beschönigt. Das kann Angehörige in kaum erträgliche Konflikte und Spannungen führen." Sie beschreibt, welche Dramen Angehörige mit ihren Kranken durchleben und hilft so, das Geschehen und die vielschichtigen Gefühle zu verstehen und zu verarbeiten.

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Seitenzahl: 334

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Barbara Dobrick

Die dunklen Seiten des Sterbens erhellen

Ängste, Hoffnungen und Trauer

Angehöriger verstehen

In Erinnerung an C. M.

1948 bis 2009

 

Impressum

Titel der Originalausgabe: Die dunklen Seiten des Sterbens erhellen

Ängste, Hoffnungen und Trauer Angehöriger verstehen

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2013

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2013

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlagkonzeption: Agentur R·M·E Roland Eschlbeck

Umschlaggestaltung: Verlag Herder

Umschlagmotiv: © Mauritius Images

E-Book-Konvertierung: Integra Software Services Pvt. Ltd, Indien

ISBN (E-Book): 978-3-7831-8192-0

ISBN (Buch): 978-3-451-06286-5

All dein Glück wie nie gewesen

All dein Glück wie nie gewesen,

aller Scherz wie nicht von hier,

und da möchtest du es schon mal lesen,

daß es jemandem so ging wie dir.

Ganz genau so unbegründet

mitten aus der Fahrt zu Fall –

Daß ein Ich sein Echo findet

in dem sterneleeren Überall.

Wie ein Lied aus bessern Tagen

streift dich der Gefangnen Chor –

Ausgesprochene Versagersagen

reißen den Gestrauchelten empor.

Oder du auf deiner Einmannliege,

nachts, auf dem verrutschten Tuch,

wirst du deiner Einzigkeit gewahr –

und es wär schon gut, wenn jetzt ein Buch

über dir zusammenschlüge

wie ein lichtgesäumtes Flügelpaar.

Inhalt

Vorwort

Was ist ein guter Abschied vom Leben? Fantasien, Idealvorstellungen und die Wirklichkeit

Katastrophale Diagnosen und ihre Wirkungen

Ungleichheit und Ungleichzeitigkeit

Medizin als unhaltbares Versprechen oder Kunst der Linderung

Beziehungskonflikte wirken weiter und verändern sich

Verbindende und trennende Gefühle

Warum der Anfang des Lebens auch dessen Ende mitbestimmt

Die letzten Stunden

Danach

Anmerkungen

Literaturverzeichnis

Vorwort

Der Tod treibt die Menschen um seit alters her. Vom Tod sprechen Literatur, Kunst, Musik, Philosophie immerfort – und Religion. Kultur ist unsere Antwort auf das, was nicht zu fassen ist. Aber jeder ist mit der Aufgabe allein, die Ängste zu beantworten, die unweigerlich mit der Drohung verbunden sind, andere Menschen zu verlieren, und mit der Gewissheit, selbst irgendwann sterben zu müssen. Allein zurückzubleiben, das ist für manche eine schrecklichere Vorstellung als die vom eigenen Tod. So oder so – wenn wir ans Sterben denken, denken wir immer auch an die Liebe, an das, was uns im Leben hält, die Gemeinschaft, der wir angehören, die Menschen, mit denen wir verbunden waren und sind.

Obwohl ich weiß, dass manche jeden Gedanken an den Tod so rasch es geht beiseiteschieben möchten, kann ich mir nur schwer vorstellen, dass dies tatsächlich gelingt. Mir waren solche Gedanken immer nah, haben mich seit Kindertagen beschäftigt. Und ich hatte geglaubt, im Lauf der Zeit für mich Antworten gefunden zu haben auf meine Angst vor endgültigen Trennungen durch den Tod. Ich hatte geglaubt, ich sei ein wenig vorbereitet. Das war eine Täuschung. Als meine Freundin Franziska an Krebs erkrankte und starb, stand ich mit leeren Händen da. Ihre letzte Lebenszeit hat mich vollständig hilflos gemacht, und ich war erschüttert wie nie zuvor.

Vermutlich ist die eigene Endlichkeit das intimste Thema überhaupt. Selbst wenn wir viel und offen miteinander sprechen, davon sprechen wir nicht, denn dabei geht es um unseren innersten Kern. Manche können sagen, welche Haltung sie beispielsweise zu Sterbehilfe oder lebensverlängernden Maßnahmen haben. Aber was unsere eigentlichen Gefühle angeht, bleiben wir im Vagen und Geheimen. Entscheidendes muss verborgen bleiben. Was andere betrifft sind wir also auf Mutmaßungen angewiesen, auch bei unseren nächsten Angehörigen und engsten Freunden – wenn wir überhaupt über deren Gefühle angesichts ihrer Sterblichkeit nachdenken. Gravierende Fehleinschätzungen liegen jedenfalls nahe.

Als Franziska krank geworden war, ging ich davon aus, dass auch sie Vorstellungen davon haben würde, wie sie ihr Lebensende meistern wollte, und dass sie mich an einigen dieser Vorstellungen teilhaben lassen würde. Das war auch deshalb selbstverständlich für mich, weil es in den vier Jahren zuvor in ihrem Umfeld mehrere Todesfälle gegeben hatte, über die wir intensiv gesprochen hatten. Aber dann war nichts so, wie ich es mir hätte denken können.

Vor gut zwanzig Jahren schrieb ich das Buch »Wenn die alten Eltern sterben. Das endgültige Ende der Kindheit«. Auslöser war der Tod von Franziskas Eltern, die innerhalb kurzer Zeit beide gestorben waren. Franziska war es, die mich lehrte, dass der Tod der Eltern in lang anhaltende Verstörungen führen kann. Ich nahm Anteil und versuchte zu verstehen, besuchte Franziska in ihrem Elternhaus, als sie dort die Hinterlassenschaften ihres Vaters und ihrer Mutter sortierte, Hinterlassenschaften auch im übertragenen Sinn. Lange Zeit waren all unsere Gespräche davon bestimmt, wie schwer dieser Abschied für sie war, mit welch dramatischen und widersprüchlichen Gefühlen er einherging.

Dasselbe galt für mich, als Franziska todkrank war und starb: Der Abschied von ihr hat mich in unvorhersehbares Erleben und in dramatische und widersprüchliche Gefühle gestürzt. Vieles habe ich zunächst überhaupt nicht verstehen können. Als ich nach und nach Erklärungen fand, war damit die Vermutung verbunden, dass manche auch für andere gelten könnten. Ich fragte also: Was widerfährt anderen Angehörigen, wenn einer ihrer liebsten und nächsten Menschen mitten aus dem Leben heraus an einer Krebserkrankung stirbt? Welche Konflikte, welche Nöte tauchen häufig auf? Wodurch werden Beziehungen zwischen Sterbenskranken und ihren Angehörigen besonders belastet? Was geschieht in den letzten Monaten, Wochen und Stunden tatsächlich? Und wie ist all das zu verstehen? Dieses Buch ist der Versuch, diese Fragen zu beantworten.

Es geht um Angehörige von Menschen, die bei ihrem Tod zwischen Anfang dreißig und Anfang siebzig waren, um Menschen also, die starben, bevor sie das durchschnittlich zu erwartende Lebensalter erreicht hatten. Das ist etwas anderes, als alt zu sterben. Und es ist besonders schwer. Ich kenne etliche Geschichten von Männern und Frauen, die mit über achtzig an Krebs starben – versöhnt mit ihrem Leben und ihren Angehörigen und ohne schreckliche Kämpfe, auch ohne medizinisch verursachtes Leid, sondern mit gutem palliativen Beistand. Aber ich habe nur zweimal von Menschen gehört, denen das in jüngeren Jahren – mit Mitte fünfzig, Anfang sechzig – möglich war.

Manches, was in diesem Buch thematisiert wird, dürfte auch für jene gelten, deren Angehörige an anderen in absehbarer Zeit zum Tod führenden Krankheiten leiden, und manches auch für jene, die sich auf den Tod eines alten Angehörigen vorbereiten müssen. Was allerdings die medizinischen Besonderheiten anlangt und die persönliche und gesellschaftliche Sicht auf die Erkrankung, beziehe ich mich ausschließlich auf tödlich verlaufende Krebserkrankungen.

Ich danke all jenen, die mir erzählt haben von ihrem Erleben, ihren Reflexionen. Ich danke ihnen für ihr Vertrauen, ihre Offenheit und vor allem für ihren Mut, sich noch einmal Schrecken und Schmerz zu nähern, die sie durchlebt hatten. Die Gespräche haben mich bewegt und reich beschenkt!1 Ich danke auch jenen Gesprächspartnern, die in ihrem Alltag mit Sterbenden zu tun haben – als Mediziner, in der Hospizarbeit – und die mich teilhaben ließen an ihren Erfahrungen.

Über die Situation der Angehörigen von sterbenden Krebskranken wurde in all den Sachbüchern über Tod und Sterben, die in den letzten dreißig Jahren entstanden sind und unser Denken beeinflusst haben, kaum realitätsgerecht oder nur am Rande geschrieben. Allerdings gibt es bewegende Schilderungen von Einzelschicksalen – einige davon beziehe ich ein. Manche lesen sich wie ein dramatischer Appell: Hört auf mit den Beschönigungen des Sterbens! Nehmt zur Kenntnis, was wirklich geschieht! Diesem Appell möchte ich mich anschließen und ihn verstärken durch den Versuch, das zu schildern, was bei aller Unterschiedlichkeit doch regelmäßig geschieht, geschehen kann.

Ich hoffe, dass das anderen helfen wird, die ähnliche Dramen durchleben müssen, Dramen, von denen man möglichst nicht gänzlich unvorbereitet getroffen werden sollte. Zum einen, weil sie dann noch schwerer zu ertragen sind; zum anderen, weil Unwissenheit die Fähigkeiten, den Kranken und Sterbenden beizustehen, einschränkt.

Es ist ein großer Unterschied, ob wir Erlebnissen ausgesetzt sind, von denen wir noch nie gehört haben, oder ob wir bereits etwas über sie wussten. Das Erleben lässt sich nicht vorwegnehmen, aber es entlastet zu wissen: Ich bin nicht die Erste und schon gar nicht die Einzige, der dies widerfährt und die nach Erklärungen sucht für Phänomene, die im Sturm der Gefühle nicht verstanden werden können.

Mir hat dabei vor allem eins im Weg gestanden: Die Vorstellung, einem in gesunden Tagen sich seiner selbst bewusstem Menschen würde in einem guten Umfeld mit offenen Gesprächen und einfühlsamer Begleitung geradezu selbstverständlich eine konstruktive letzte Lebenszeit möglich sein und ein guter Abschied. Daran hatten mich auch Erfahrungen ganz anderer Art nicht grundlegend zweifeln lassen. Wie diese Wunschvorstellungen – wohl nicht nur bei mir – entstanden und warum sie so haltbar sind, erzähle ich im ersten Kapitel. In allen weiteren Kapiteln geht es um das, was Angehörige mit ihren Kranken und Sterbenden tatsächlich erleben. Dabei versuche ich herauszuarbeiten, was verallgemeinerbar und deshalb für viele erhellend sein könnte.

Was ist ein guter Abschied vom Leben? Fantasien, Idealvorstellungen und die Wirklichkeit

Wer hätte das gedacht, dass ich mein Leben trotz einer Krebsdiagnose ohne jede Hoffnung bis zum Schluss genießen würde? Sollte mir das nicht reichen? Was sollte ich denn sonst noch wollen?

Tiziano Terzani1

»Hab ich mir gedacht. Phase eins«, sagt Jack Nicholson zu Morgan Freeman in dem amerikanischen Spielfilm »Das Beste kommt zum Schluss« von 2007. Die beiden Krebspatienten sind mit ihren Infusionsständern auf dem Krankenhausflur unterwegs. »Was?«, fragt Morgan Freeman. Nicholson antwortet: »Die fünf Phasen!« Freeman versteht sofort, was sein Zimmergefährte meint, und die beiden zählen abwechselnd die Phasen des Sterbens auf, die Elisabeth Kübler-Ross beschrieben hat: nicht wahrhaben wollen, Zorn, Verhandeln, Depression, Zustimmung. Diese fünf Phasen sind so bekannt, dass sie ohne Weiteres in einem populären Kinofilm erwähnt werden können.

Die aus der Schweiz stammende Ärztin Kübler-Ross hat 1969 folgende Entwicklung beschrieben: Wenn Patienten erfahren, dass sie bald sterben werden, durchleben sie fünf Phasen. Zunächst wollen sie die Information nicht wahrhaben und ziehen sich zurück; wenn sie sie jedoch realisieren, werden sie zornig; später hoffen sie, den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen zu können; sie erleben eine Zeit der Depression; schließlich akzeptieren sie ihren bevorstehenden Tod.2

Der Dialog zwischen Nicholson und Freeman zeigt, zu welchen Vorstellungen das berühmte Buch übers Sterben geführt hat: Todkranke absolvieren psychisch eine Art Parcours, nehmen die Hindernisse mehr oder weniger gekonnt, um schließlich das Ziel zu erreichen – ein friedliches Sterben. Das klingt beruhigend und tröstlich: Zum Schluss können wir annehmen, was nicht abzuwenden ist. Zum Schluss sind wir fähig zu einem versöhnlichen Abschied von unseren Liebsten und Nächsten und vom Leben selbst. Zum Schluss finden wir innere Ruhe und deshalb einen würdevollen und so weit wie möglich selbst bestimmten Tod.

Jack Nicholson und Morgan Freeman lassen es, ehe es so weit ist, noch einmal richtig krachen. Sie arbeiten eine »Löffelliste« ab, eine Liste mit allen Wünschen, die sie sich erfüllen möchten, bevor sie den Löffel abgeben. Sie reisen um die Welt, aber dabei auch nach innen. Sie sehen sich die Pyramiden und das Taj Mahal an, essen in Paris Kaviar und liefern sich ein Autorennen – und sie sprechen über den Tod und über Konflikte, die der eine mit seiner Frau, der andere mit seiner Tochter hat. Diese Konflikte lösen sie in letzter Minute und sind so schließlich fähig, in Frieden mit sich und ihren Mitmenschen zu sterben. Das Berührende an diesem Film ist, dass die beiden Protagonisten am Ende ihres Lebens eine tiefe Freundschaft zueinander entwickeln und dadurch persönlich reifen. Das aber ist die Voraussetzung für die Bewältigung ihrer Probleme. Der zynische Jack Nicholson wird erlöst aus Liebesunfähigkeit und Einsamkeit und der aufopferungsgewohnte Familienvater Morgan Freeman findet auf der Weltreise zu weitreichender Autonomie.

Auch der deutsche Film »Marias letzte Reise« hat eine starke Hauptfigur. Monica Bleibtreu spielt eine Krebskranke, die sich eigensinnig gegen die Zumutungen eines Krankenhausbetriebs und eines Chefarztes wehrt und mithilfe einer einfühlsamen Krankenschwester zu Hause in ihrem eigenen Bett stirbt. Zuvor besuchen sie die Menschen, die ihr wichtig waren. Innere Ruhe findet die Heldin aber erst, als auch ihr verlorener Sohn aus dem Ausland zurückgekommen ist, sie den untergründig schwelenden Konflikt mit ihrem zweiten Sohn gelöst hat und die Söhne sich untereinander ausgesprochen haben. Auch dies ist ein wunderbarer Film mit einem Happy End im doppelten Wortsinn. Beide Filme erzählen vom versöhnten Sterben und stützen die idealisierenden Vorstellungen, die sich verbreitet haben.

Als ich »Marias letzte Reise« sah, musste ich an Rotraud denken, eine Frau, deren Sterben ich aus nächster Nähe miterlebte, obwohl ich sie zuvor nur flüchtig gekannt hatte. Rotraud starb kurz nach ihrem fünfzigsten Geburtstag an einem Hautkrebs, den sie längst überwunden geglaubt hatte, denn ihre erste Erkrankung lag über zehn Jahre zurück, als sich Metastasen rasant in ihrem Körper ausbreiteten. Auch Rotraud starb in einem alten Haus auf dem Land, gut versorgt in ihrem eigenen Bett. Rotrauds Sterben erschien mir körperlich nicht qualvoll. Ihr Lebensgefährte gab ihr alle vier Stunden eine Morphiumspritze; nachts stellte er sich dafür den Wecker. Rotraud hatte weder schlimme Schmerzen noch dauerhafte Ängste oder Panikattacken.

Unsere Ängste vor dem Ende unseres Lebens speisen sich aus unterschiedlichen Quellen: aus der archaischen Angst vor dem Tod, die jeder von uns bewusst oder unbewusst hat; aus dem Erleben und Bewältigen von Ängsten in der Kindheit, das uns geprägt und insbesondere auch unserer Angst vor dem Tod eine individuelle Form gegeben hat. Darüber hinaus sind aber auch die Vorstellungen, die durch spätere Erfahrungen, durch Lektüre, Gespräche und Filme hervorgerufen werden, von Bedeutung.

Als Kind habe ich miterlebt, dass eine Freundin meiner Mutter jahrelang krebskrank war. Von Qualen war immer wieder die Rede, von schrecklichen Operationen, von langem Siechtum, und ich sah das Mitgefühl und den Kummer meiner Mutter. Meine eigenen Beobachtungen bestätigten, dass die Mittdreißigerin sehr krank war, und es blieb mir nicht verborgen, dass sie nach und nach die Kontrolle über ihren Körper verlor. Die Freundin meiner Mutter pupste fortwährend. Das war für mich als Kind, das vor gar nicht langer Zeit gelernt hatte, seine Körperfunktionen zu kontrollieren und Pupse in Anwesenheit anderer zu unterdrücken, beunruhigend und peinlich.

Als die Freundin meiner Mutter gestorben war, sprach meine Mutter mehrfach darüber, dass die Verstorbene ihrem Mann das Versprechen abgenommen hatte, nie wieder zu heiraten. Meine Mutter empörte das, gleichzeitig aber nahm sie dieses »auf dem Totenbett« geforderte Versprechen überaus ernst. Zum ersten Mal hörte ich davon, dass Angehörige auf unzumutbare Weise belastet werden können – sogar weit über den Tod hinaus.

1972 sah ich den Film »Schreie und Flüstern« von Ingmar Bergmann. Die Bilder dieses Films sind für mich unvergesslich. Die Schreie einer im 19. Jahrhundert unter Qualen sterbenden jungen Frau gellen durch das schwedische Herrenhaus, in dem die Krebskranke dem Tod entgegen leidet. Ihre beiden Schwestern sind vor Entsetzen starr. Sie bringen es nicht über sich, der Kranken die Berührungen und Worte zu schenken, nach denen sie sich verzehrt. Nur die Hausangestellte Anna hilft, pflegt die Kranke und beruhigt, tröstet sie durch Zärtlichkeiten, wie eine Mutter sie ihrem kleinen Kind gibt. Der Arzt will der Kranken nichts Schmerzlinderndes verabreichen oder hat nichts dergleichen.

Ganz anders als der Hausarzt, der Rotraud vorbildlich versorgte. Dennoch verstörten mich die letzten Lebensmonate von Rotraud. Nach der Diagnose hatte sie meinen Rat gesucht. Sie wollte ihr Vermögen einer Stiftung zukommen lassen, die den Zweck haben sollte, alleinerziehende Mütter zu unterstützen, und sie bat mich, zu recherchieren, was für eine Stiftungsgründung nötig sei. In unseren langen Gesprächen wurde zunehmend deutlich: Geld war für Rotraud überaus wichtig; sie war aber erst kurze Zeit zuvor durch zwei Erbschaften wohlhabend, wenn auch keineswegs reich geworden. Eigentlich wollte Rotraud ihr Geld mitnehmen, und da das nicht möglich war, wollte sie es Frauen zugutekommen lassen, die genau so lebten, wie sie einst gelebt hatte. Ihr Leben als berufstätige, alleinerziehende Mutter hatte sie als Unglück empfunden, das sie nachträglich mildern wollte. Gleichzeitig aber hätte sie sowohl ihre Tochter als auch ihren Lebensgefährten bestraft, die ja leer ausgegangen beziehungsweise nur mit ihrem Pflichtteil bedacht worden wären. Rotraud war sehr stolz auf ihren Besitz, obwohl sie ihn nicht selbst erarbeitet hatte. Aber sie hatte ihn verdient, denn sowohl ihre Mutter als auch ihr kinderloser Onkel – ihre beiden Erblasser – hatten sie schlecht behandelt, und ihre Mutter hatte Rotraud schon in Kindertagen genötigt, sich dem ekelhaften Erbonkel gegenüber ja freundlich zu verhalten, weil diese Freundlichkeit sich eines Tages bezahlt machen würde.

Rotrauds Gedanken kreisten immerzu um die Möglichkeit, wie sie die Bilanz ihres Lebens – sie sagte, ihr Dasein sei von Anfang bis Ende ohne Glück gewesen – mithilfe ihres so bitter »verdienten« Geldes verbessern könnte. Ich hatte den Eindruck, dass sie die Macht genoss, die damit verbunden war. Nun war sie diejenige, die etwas zu hinterlassen hatte, nun war sie diejenige, die strafen oder belohnen konnte. Nun war sie diejenige, der gegenüber man sich willfährig verhalten musste, wenn man in den Genuss ihrer guten Gaben kommen wollte.

Ich erkundigte mich nicht über Stiftungen, sondern bat Rotraud, sich zu überlegen, welche Auswirkungen ihr Handeln auf ihre Tochter haben würde. Rotrauds Tochter war Anfang zwanzig, hatte selbst als Teenager eine schwere Krebserkrankung durchstehen müssen und deshalb noch keine Berufsausbildung. Mutter und Tochter waren entzweit und hatten seit geraumer Zeit keinen Kontakt zueinander. »Wie wäre es für dich gewesen, wenn deine Mutter, mit der du ja auch nicht im Reinen gewesen bist, dir nur den Pflichtteil vererbt hätte?«, fragte ich.

Ich sprach mit ihr auch darüber, was es für ihre Tochter bedeuten könnte, wenn Rotraud nicht wenigstens versuchen würde, sich mit ihr auszusprechen, und nach einer Weile informierte Rotraud ihre Tochter tatsächlich, und die Tochter kam ungefähr zwei Wochen, bevor Rotraud starb, und blieb im Haus bis nach der Beerdigung.

Eine ganze Weile, bevor sie die Kräfte verließen, lag Rotraud schon dauerhaft im Bett und kommandierte zunächst ihren Lebensgefährten und verschiedene Helferinnen herum, zum Schluss auch die Tochter – so wie es eine Großbäuerin einst mit Knechten und Mägden getan haben mochte.

Rotraud nahm nicht nur Abschied, sondern sie nahm wohl auch Rache. Sie behandelte andere so herrisch, wie sie selbst offenbar behandelt worden war. Ich bewunderte die Langund Gleichmütigkeit von Rotrauds Lebensfährten, der sich eigentlich schon von ihr hatte trennen wollen, aber nach der Diagnose bei ihr blieb bis zum Ende. Das Bild der Tochter, die mager und blass im Wohnzimmer saß und stoisch wirkend auf den Tod ihrer Mutter nebenan wartete, brachte mich um den Schlaf. Ich verstand, warum eine erfahrene Mitarbeiterin des Hospizvereins nach ihrem Besuch bei Rotraud weinte. Es hatte entsetzliches Unglück in dieser Familie gegeben – seit Generationen schon, und Rotraud sprach viel darüber.

Mich verblüffte, dass Rotraud mich als Zeugin ihrer Lieblosigkeiten duldete, aber nie direkt attackierte, mir sogar eine Kontovollmacht anvertraute, die sie ihrem Lebengefährten, mit dem sie seit einem Jahr zusammenlebte, nicht geben wollte. Vielleicht spürte sie, dass ich womöglich nicht wiedergekommen wäre, wenn sie mich schlecht behandelt hätte. Vielleicht brauchte sie jemanden, den sie mochte, aber kaum kannte, weil so ein Freiraum für Gespräche gegeben war, Freiraum, der entsteht, wenn das Gegenüber keine emotionalen Wünsche hat, wie sie in nahen Beziehungen immer von beiden Seiten bestehen.

Rotraud hatte die Idee einer Stiftung irgendwann aufgegeben, die Tochter konnte also uneingeschränkt erben (der Lebensgefährte bekam nichts, gar nichts), und es hatte wieder Kontakt zwischen Mutter und Tochter gegeben und auch längere Gespräche. Versöhnt schien die Tochter jedoch keineswegs. Im Gegenteil. Sie verhielt sich nach dem Tod ihrer Mutter manch anderen gegenüber so verletzend wie zuvor Rotraud.

Ich fühlte mich trotz der emotionalen Distanz sehr mitgenommen und verfiel bei der Beerdigung auf dem Friedhof in haltloses Weinen. Eine starke Spannung brach sich Bahn, die sich in all den Wochen zuvor aufgestaut hatte, und der Schrecken darüber, dass jemand zu Grabe getragen wurde, der sein Leben in Bausch und Bogen für missglückt erklärt hatte, eine Frau, die weder aus der Existenz ihrer Tochter noch aus ihren Liebesbeziehungen, noch aus ihrem interessanten Beruf Zufriedenheit hatte ziehen können. Dieses Unerfülltsein erschütterte mich. Und auch Rotrauds Aggressionen gegenüber ihrem Lebensgefährten und ihrer Tochter brachten mich zum Schluchzen.

Der Mann, mit dem ich damals zusammenlebte, legte auf dem Friedhof den Arm um meine Schulter und hielt mich fest. Dieser Halt war das selbstverständliche Gegenteil dessen, was ich zuvor miterlebt hatte. Ich fühlte mich geborgen auch in dem Gefühl, etwas Ähnliches mit den Menschen, die mir nahestehen, niemals erleben zu müssen.

Um gut sterben zu können, muss man mit seinem Leben grundsätzlich zufrieden sein und mit seinen wichtigsten Menschen und mit sich selbst im Reinen – das war für mich die Quintessenz dessen, was ich von Rotraud gelernt hatte. Und ich hatte erlebt – das war eine große Hilfe im Hinblick auf meine eigenen Ängste –, dass an Krebs zu sterben, körperlich gesehen, nicht immer schrecklich sein muss. Rotraud wirkte nie gequält von Schmerzen, und auch andere Beschwerden hielten sich in durchaus erträglichen Grenzen. In ihren letzten Stunden war Rotraud bewusstlos. Ganz ruhig, nahezu bewegungslos lag sie in ihrem Bett, und irgendwann hörte sie auf zu atmen. Es war ein warmer Sommernachmittag.

Abends saßen wir im Garten und tranken Wein. Aber da war Rotraud schon nicht mehr im Haus. Lebensgefährte und Tochter hatten sie umgehend vom Bestatter abholen lassen. Diese Eile berührte mich unangenehm. Es war, als wollten sie Rotraud keinen Moment länger als nötig bei sich haben. Ich hatte Rotraud zwar zwei Stunden vor und gleich nach ihrem Tod gesehen, hätte aber am Abend gern noch einmal ein wenig bei ihr gesessen.3

Rotraud hat mir einiges geschenkt, was für mich sehr kostbar war und blieb: Ich war damals Anfang vierzig und hatte das Gefühl, endlich zu wissen, wie es sein kann und was tatsächlich geschieht, wenn man stirbt. Das war das Wichtigste. Ich habe einige Pflanzen aus Rotrauds Garten in meinem Garten, und in meinem Wohnzimmer steht eine besonders schöne alte Keksdose. Rotraud hatte ihre Tochter beauftragt, mir nach der Beerdigung ein Erinnerungsstück meiner Wahl aus ihrem Haus zu geben. Bevor ich mit der Keksdose loszog, zürnte die Tochter, ihr bliebe nun gar nichts Schönes mehr. Entweder gehöre es zum Besitz des Lebensgefährten oder sei an andere verschenkt worden.

Eine Nacht lang überlegte ich, ob ich das für mich dadurch vergiftet wirkende Geschenk zurückbringen sollte. Aber dann entschied ich mich dagegen. Zum einen, weil ich glaubte, mir stünde ein Andenken durchaus zu, zum anderen, weil ich dachte, auch wenn die Tochter alles behalten könnte, würde sie wohl dennoch in dem Gefühl leben, dass ihre Mutter ihr das Entscheidende, etwas wirklich Schönes nämlich, nicht habe hinterlassen wollen. Und damit hatte sie im übertragenen Sinn vielleicht sogar Recht.

Hat Rotraud die Phasen durchlebt, die Kübler-Ross beschrieb? Damals dachte ich nicht darüber nach, sondern erlebte gebannt und erschrocken mit, wie lieblos Rotraud ihren Lebensgefährten und ihre Tochter bis kurz vorm endgültigen Abschied oft behandelte. Wie können die beiden, wie kann insbesondere die Tochter damit fertig werden? Das beschäftigte mich.

Rotraud haderte mit ihrem Leben, war aber doch fähig, ihren frühen Tod zu akzeptieren. Dass sie sterben würde, war ihr völlig klar. Sie erwähnte es selbst immer wieder und unternahm nach einer Behandlung in einer alternativmedizinischen Klinik nur noch halbherzige Versuche, ihren Tod womöglich doch noch abzuwenden. Ihre praktischen Wünsche zu erfüllen war leicht, und ich hatte den Eindruck, dass sie es durchaus genoss, Mittelpunkt ihrer räumlich klein gewordenen Welt und Empfängerin vielfältiger Versorgungsleistungen zu sein. Mal Despotin, mal Kind – so thronte, saß oder lag sie in ihrem Bett und nahm alle Hilfe – mal fordernd, mal selbstverständlich – gern an, auch die des örtlichen Hospizvereins.

Sie war traurig darüber, dass ihr die Zukunft abhandengekommen war, sie manche Pläne nicht mehr verwirklichen konnte, aber vor allem beschäftigte sie ihre Vergangenheit, ihre Kindheit. Zornig war sie auch, zornig darüber, dass ihr Leben nicht besser gewesen war. Die Urheber ihres Unglücks waren nicht mehr am Leben, und sie selbst fühlte sich vor allem als Leidtragende und nicht verantwortlich für wesentliche Lebensentscheidungen. Und wenn man ihre Kindheit betrachtete, dann war das natürlich richtig. Sie war ohne Geschwister in einer Familie aufgewachsen, in der es etliche Schreckensereignisse gegeben hatte, die verheimlicht und vertuscht wurden, weil es den Erwachsenen vor allem um das Ansehen nach außen ging. Rotraud war nicht sicher, ob ihr Vater tatsächlich ihr Vater war, und es gab mehrere Suizide in der Familie. »Nur über meine Leiche« schien ein Familienmotto zu sein: Lieber nahm man sich das Leben, als offen zu sagen, was war und was ist. In Rotrauds Familie gab es also nicht nur viel Unglück, sondern auch schwer lastende Geheimnisse, viele Tabus.

Rotraud blieb bis zuletzt außerordentlich egozentrisch, wurde aber in manchen Momenten weicher, und manchmal war sie auf liebenswerte Weise kindlich. Ich hatte damals einen jungen Kater. Dieser Kater, von dem ein Foto, das ich ihr mitgebracht hatte, in ihrer Nähe stand, war für sie wie ein Kuscheltier, nach dem sie mich bei jedem Besuch fragte. So wie man Kindern Tiergeschichten vorliest, erzählte ich ihr etwas über die jüngsten Abenteuer des Katers, und sie freute sich darüber wie ein kleines Mädchen über eine gelungene Gute-Nacht-Geschichte.

Vor einigen Jahren hatte ich zufällig Gelegenheit, Rotrauds inzwischen von der Tochter verkaufte Haus noch einmal von innen zu sehen. Von außen war das auf einem Hügel ganz für sich zwischen zwei Dörfern gelegene prächtige Gutshaus unverändert. Aber innen hatten es die neuen Eigentümer vollkommen verwandelt. Rotraud hatte allerlei in dem Haus modernisiert, als sie es nach dem Tod ihrer Mutter übernommen hatte. Eine ganze Menge Geld war investiert worden, aber alles wirkte wie Flickwerk, und die Räume waren dunkel gewesen, im Erdgeschoss regelrecht düster. Ganz anders nun: Nachträglich gezogene Wände und Decken waren entfernt worden; alles war hell, heiter und weit, großzügig und elegant. Eine unglaubliche Metamorphose. Das Haus erschien mir regelrecht erlöst, befreit. Nach diesem Besuch dachte ich noch einmal sehr beklommen und traurig an Rotraud, unter deren Ägide ihr Elternhaus so finster und eng geblieben war wie die Familiengeschichten, die sie erzählt hatte.

Wir sterben, wie wir gelebt haben – das war für mich ein plausibler Satz geworden, auch im Hinblick auf die alten Mitglieder meiner Familie, die inzwischen gestorben sind. Ob und wann dabei die von Kübler-Ross genannten Phasen durchlebt wurden, spielte in meinen Gedanken keine Rolle, obwohl sie großen Eindruck auf mich gemacht hatten, wie auf so viele. Allerdings kamen mir diese Phasen zu schematisch vor, und heute weiß ich, dass sie zu Missverständnissen einladen. Vor allem laden sie dazu ein, das Sterben zu beschönigen.

Kübler-Ross, die sich auf ihre Begegnungen mit rund zweihundert Sterbenden im Krankenhaus bezog, behauptete, dass nahezu alle Patienten friedlich sterben würden, wenn sie aus eigener Kraft oder mithilfe von Gesprächen die von ihr erkannten und benannten Phasen durchlebt haben. Sie provozierte so die Vorstellung einer psychischen Entwicklung am Lebensende, die Erlösungscharakter hat: Wir werden schließlich frei von Angst und Not. Im Sterben wohlgemerkt, nicht erst durch den Tod.4

Der Blick aufs Sterben begann sich nicht zufällig in eben jener Zeit zu wandeln, in der drei gravierende Veränderungen stattfanden: Die Gesellschaften in den westlichen Industrienationen säkularisierten sich. Medizin und Pharmakologie fanden zuvor ungeahnte Möglichkeiten, auf lebensbedrohliche Krankheiten zu reagieren und auf das Sterben selbst Einfluss zu nehmen. Das Verhältnis zwischen Ärzten und Patienten änderte sich grundlegend.

Solange Schmerzen und Ängste kaum zu lindern und Krankheiten wie Krebs oder Herzleiden nicht zu heilen waren, musste man sich ganz auf die Kraft von Gebeten und den Zuspruch seiner Nächsten verlassen und Trost im Glauben an das ewige Leben suchen, auf das man durch Tapferkeit gerade auch in schwerer Krankheit ein besonderes Anrecht zu erwerben hoffte. Sterben konnte sehr schwer sein. Das wusste man, und die Lebensrealität deckte sich mit entsprechenden Gebeten um eine gute Todesstunde. Allerdings machte die Vorstellung, dass nach dem Ende nicht nur das Paradies, sondern womöglich auch Höllenstrafen warten könnten, die Ewigkeit durchaus zu einer zweischneidigen Sache.

Wenn der Glaube an eine Auferstehung und eine Entschädigung für alles Leid, das man auf Erden durchzustehen hat, nicht mehr besteht, dann wird Leiden inakzeptabel. Dann muss es gelindert werden – durch Ärzte und durch den Versuch, auf die Psyche einzuwirken. Wenn das Leben mit dem Tod zu Ende ist, für Körper und Seele, wenn es nur das irdische Leben gibt, dann muss es sinnvoll genutzt, dann soll es ausgekostet werden. Dann ist eine negative Bilanz am Ende unerträglich. Philosophen wussten das allerdings schon vor über zweitausend Jahren: Gutes Sterben setzt ein gutes Leben voraus.

Friedliches, ausgesöhntes Sterben – dieses Ziel ist im wahrsten Sinne des Wortes notwendig, wenn von Patienten verlangt wird, dass sie sich vernünftig, also möglichst sachlich, mit schwerwiegenden Diagnosen auseinandersetzen. Von uns allen wird heute erwartet, dass wir uns als mündige Patienten erweisen, wahrheitsgemäße Aufklärung über Erkrankungen aufnehmen und verarbeiten, so dass wir entscheiden können, welchen Behandlungen wir uns unterziehen. Und nicht zuletzt sollen wir durch die Informationen, die wir erhalten, in der Lage sein, uns bewusst auf unseren Tod vorzubereiten.

Wie schwer das ist, darüber sprechen nicht nur Philosophen seit Jahrtausenden, wobei manche keck behaupteten, das sei gar nicht schwer5, sondern seit Menschengedenken auch Kunst, Literatur und Musik. Ärzte haben ihren Patienten früher nicht grundlos die Ausweglosigkeit mancher Erkrankungen verschwiegen. Sie wussten, dass auch der Glaube an ein ewiges Leben nur in Ausnahmefällen die Ängste vorm Sterben lindern kann.

Todesangst ist eine Konstante menschlichen Lebens. Der Gedanke an den Tod muss zwar so weit beiseitegeschoben werden, dass wir darüber nicht lebensunfähig werden, aber für viele ist er doch alltäglich, so wie für den Schriftsteller Urs Widmer: »Man sagt, dass jeder Mensch ab seinem, sagen wir, vierzehnten Lebensjahr bis weit über sein fünfundachtzigstes hinaus einmal am Tag an die Liebe denkt (...) und an den Tod. (...) Bei mir stimmt der Befund. Beziehungsweise, was heißt hier einmal! Nahezu ständig und fast immer!«6

Jeden Tag an den Tod zu denken heißt nicht, jeden Tag Angst vor ihm zu haben. Wie ausgeprägt unsere existenziellen Ängste sind, ob und wann wir sie spüren, entscheidet sich vor allem durch unsere frühen und frühesten noch unbewussten Erfahrungen, aber auch durch unsere bewussten Begegnungen mit Krankheit und Tod. Viele Menschen vermeiden solche Begegnungen so gut es geht und auch Gedanken an ihr Ende.

Bei Licht betrachtet ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass ausgerechnet nach der existenziellen Erschütterung durch die Diagnose einer todbringenden Krankheit und trotz der körperlichen Krankheitsfolgen regelmäßig Reifeentwicklungen in Gang gesetzt werden, die zuvor nicht stattgefunden haben. Das Gegenteil ist viel naheliegender: Wenn aus der zuvor abstrakten Todesdrohung eine konkrete wird, lassen Schock und Schrecken das oft dünne Eis von Selbstkontrolle und Vernunft brechen und Kranke vorübergehend oder dauerhaft gegen Emotionsfluten kämpfen, ohne dass sie diese Fluten bändigen könnten.

Angehörige und Kranke erleben, dass ihre Vorstellungen davon, wie es ist, den Tod tatsächlich bald zu erwarten, ziemlich unrealistisch waren. Ruth Picardie, die kurz vor ihrem dreiunddreißigsten Geburtstag und nur elf Monate nach ihrer Brustkrebsdiagnose starb und klarsichtig, aber fassungslos auf ihren Tod hin lebte, schrieb zwei Monate vor ihrem Ende: »Zunächst einmal wird von dir, wenn du eine unheilbare Krankheit hast, erwartet, dass du äußerst abgeklärt und auf einer höheren Entwicklungsstufe bist.«7

In Wirklichkeit finden viele Angehörige ihre Kranken auf einer tieferen Entwicklungsstufe wieder und sind auch deshalb verstört. Elisabeth Kübler-Ross hatte geschrieben, dass Patienten auf den »Ernst ihrer Krankheit so reagieren, wie sie ihr Leben lang Bedrohungen aufgenommen haben, dass sie also (...) ihre gewohnte Verhaltensweise auch hier nicht aufgeben. Wer gewohnt ist, den Kopf in den Sand zu stecken, tut es auch hier, während Kranke, die sich sonst schwierigen Situationen offen gestellt haben, jetzt auch volle Klarheit bevorzugen.«8 Gerade auch diese Sätze haben zu falschen Vorstellungen, zur Verharmlosung, geführt. In Wirklichkeit erscheinen die Kranken ihren Angehörigen oft völlig fremd in ihrem Verhalten. Und das ist eigentlich auch naheliegend, denn Angst peinigt uns nicht nur, sondern kann uns auch verändern.

Um Todkranken Angst zu ersparen, verschwiegen Ärzte und Angehörige ihnen einst das, was ihnen bevorstand. Heute beschönigen sie es aus demselben Grund auf vielfältige, oft auch subtile Weise. Sie tun das unter anderem deswegen, weil sie wissen oder fühlen, dass Angst und Verzweiflung regelmäßig viel andauernder sind, als Elisabeth Kübler-Ross es darstellte, beispielsweise wenn sie schrieb: »Wir haben aber doch die meisten Patienten im Stadium der Zustimmung und ohne Angst und Verzweiflung sterben sehen, in einem Zustand, der an die Charakterisierung des frühesten Kindesalters mit den Worten Bettelheims erinnert: ›Es war wirklich ein Lebensalter, in dem nichts von uns verlangt, uns aber alles, was wir brauchten, gegeben wurde.‹«9

Richtig ist der Hinweis, dass unsere Gefühle am Lebensende sehr viel mit unseren Gefühlen am Lebensanfang zu tun haben. Allerdings beschönigt Kübler-Ross auch hier – und zwar auf der Basis einer abstrusen Fehlannahme: Sie scheint nämlich davon auszugehen, dass jeder in früher Kindheit in paradiesischen Zuständen gelebt hat. Das ist bekanntlich keineswegs der Fall. Viele Menschen schleppen frühe und früheste Versagungen, Mangel- und Gewalterfahrungen als Last durch ihr gesamtes Leben. Diese Bürde und ihre oft weitreichenden Folgen lassen sich am Ende nicht durch einige gute Gespräche abwerfen.

Die Gespräche, die Kübler-Ross mit Schwerkranken führte, waren zeitlich begrenzt, und sie begegnete den Patienten als eine professionelle Krankenhausmitarbeiterin. Viele Kranke haben sich ihr gegenüber geöffnet und konnten großen Nutzen aus den Gesprächen ziehen. Allerdings sagt das noch nicht viel darüber, wie sich die Kranken fühlten, wenn sie allein waren oder wie sie sich ihren Angehörigen gegenüber verhielten.

Wie die Geschichte von Rotraud zeigt, werden Gespräche und Zusammensein, je nach Nähe und nach emotionaler Verquickung von ganz unterschiedlichen Gefühlen bestimmt. Außenstehenden gegenüber ist man so gut wie immer kontrollierter, gleichzeitig womöglich auch freier, und manche Gefühle kommen ihnen gegenüber nicht auf, weil sich wichtige Wünsche an sie gar nicht richten lassen. Von meinem Mann erwarte ich Interesse, das mir bei meinem Nachbarn als Neugier unangenehm wäre. Von einer engen Freundin erwarte ich in schwierigen Situationen Beistand, den ich von einer weniger vertrauten Person nicht mal im Stillen erhoffe.

Die Dramen Todkranker spielen sich aber in der allernächsten Nähe und ununterbrochen ab: Sie finden in ihnen selbst statt und zeigen sich vor allem im Austausch mit ihren engsten Angehörigen. Und gerade dort führt die Hoffnung, in der letzten Lebenszeit würde das Miteinander irgendwann – möglichst bald natürlich – von zunehmender Ruhe und liebevollem Umgang gekennzeichnet, zusätzlich zum vielschichtigen Unglück zu schrecklichen Versagensgefühlen: Was mache ich, was machen wir falsch?

Diese Frage setzt voraus, dass es ein »Richtig« gibt. Das aber gibt es nicht. Das, was in der einen Beziehung gut gelingen kann, ist in einer anderen völlig unmöglich – mit ein und derselben kranken Person wohlgemerkt. Man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass die ruhigen Gespräche, die ich mit Rotraud über ihre Idee einer Stiftung führte, zwischen ihr und ihrer Tochter undenkbar gewesen wären. Aber zwischen einer anderen Mutter und ihrer Tochter ist ein solches Gespräch durchaus vorstellbar, beispielsweise dann, wenn die Tochter ohnehin finanziell gut dasteht, beide übereinstimmen und die Motive der Mutter konstruktiv sind und sich keinesfalls gegen die Tochter richten.

Ein grundlegendes Problem bei der Beschönigung des letzten Lebensabschnitts scheint mir auch darin zu liegen, dass ja längst nicht nur das Sterben im engeren Sinn zu meistern ist, auf das sich Bücher aus dem Umfeld der Hospizbewegung meist ausschließlich beziehen, sondern vor allem die Wochen und Monate zuvor, die Zeit nämlich, in der das Ende des Lebens den Beteiligten mehr oder weniger klar vor Augen steht. Diese Zeit gilt es zu bestehen, und sie wiegt sowohl für die Kranken als auch für ihre Angehörigen weit schwerer als die letzten Tage und Stunden, auch wenn die ein einzigartiges Gewicht haben.

In der Zeit des absehbaren Todes geschieht ungeheuer viel – oft mit enormer Intensität –, und manches davon mag zu den von Kübler-Ross genannten Phasen passen, nur stimmt ihre Einschätzung, dass offene, einfühlsame Gespräche regelmäßig zu positiven Entwicklungen führen, längst nicht immer. Ihr folgend wird ständig der Rat wiederholt: Führen Sie offene Gespräche, ehrliche Gespräche, unbefangene Gespräche. Aber gerade die sind in vielen Fällen gar nicht oder nur sehr begrenzt möglich, beispielsweise weil die Kranken sie kategorisch ablehnen.

Was Offenheit und Ehrlichkeit anlangt, sind zudem verblüffende Widersprüche zu beobachten, bei denen das Wort Hoffnung eine zentrale Rolle spielt. Ärzte, Therapeuten, Angehörige und Freunde werden zwar aufgefordert, offen und wahrhaftig mit den Kranken zu sprechen, aber gleichzeitig wird ihnen eingeschärft, sie dürften ihnen auf keinen Fall die Hoffnung nehmen. Hoffnung worauf, fragt man sich, ohne dass es darauf klare Antworten gibt. Allein schon dieser Widerspruch führt in vielen Fällen zum sofortigen Verlust jeglicher Unbefangenheit.

Schließlich bleibt die Frage, ob das Ziel selbst realistisch ist: ein versöhnter, ein ruhiger Abschied vom Leben. Liegt es nicht viel näher, mit einem Fluch auf den Lippen aufs Sterbebett zu sinken, wenn man in vergleichsweise jungen Jahren und womöglich noch auf entsetzliche Weise sterben muss? Ist es denn überhaupt zu fassen, wenn sich eine junge Frau wie Ruth Picardie mit der Forderung konfrontiert sieht, ihre zweijährigen Zwillinge für immer zu verlassen und dabei außerdem genau zu wissen, dass Hirnmetastasen sie zuvor auch noch um den Verstand bringen könnten? Picardie hat ihre nicht endende Verzweiflung mit dem ihr eigenen Sarkasmus ausgedrückt: »Ich denke, ich würde lieber verrückt werden, als unter Qualen zu sterben. Aber vielleicht kann man ja auch beides hinkriegen.«10

Ich gehöre zu jenen, die es für eine wichtige Aufgabe halten, sich aufs Sterben vorzubereiten; allerdings handelt es sich dabei um eine nahezu lebenslange Aufgabe. Denn das heißt ja, sich um Lebenssinn, um konstruktive Beziehungen und zufriedenstellende Arbeit zu bemühen. Wie sehr die Umsetzung dieser Wünsche für jeden von uns immer wieder vom Scheitern bedroht ist, wissen wir genau. Auch deshalb wird aus dem Umkehrschluss all der Beschönigungen eine Perfidie. Zugespitzt formuliert hieße das nämlich, jemandem am Ende seines Lebens, in dem seiner Einschätzung nach Wesentliches nicht gelungen ist oder aus Mangel an Lebenszeit gar nicht dauerhaft gelingen konnte, auch noch nachzurufen, er habe nun bedauerlicherweise auch noch zum Schluss versagt und sich im Parcours zum guten Sterben grausam verstolpert, und seine Angehörigen und Freunde seien leider zu schwach gewesen, um ihn zu halten und ins Ziel zu tragen.

Ruth Picardie war Journalistin und hat vier Wochen vor ihrem Tod in ihrer letzten Kolumne für den Observer, die sie nicht mehr beenden konnte, solche Ansinnen auf unnachahmliche Weise von sich gewiesen: »Pah! Ich zählte zu den Superfrauen, die knapp eine Woche benötigen, um die fünf wohlbekannten Stadien [nach Kübler-Ross] zu durchlaufen.«11

Ruth Picardie starb nach etlichen Stunden in tiefer Bewusstlosigkeit, so wie die meisten Krebskranken. Der eigentliche Sterbensprozess ist heute weitgehend medizinisch bestimmt und das heißt gedämpft, gemildert. Es ist heute Standard, Sterbenden ausreichend starke Schmerz- und Beruhigungsmittel zu verabreichen. Wer die nicht bekommt, wird mangelhaft versorgt oder will sie nicht. Ein Todeskampf, wie Ingmar Bergmann ihn in »Schreie und Flüstern« in Szene gesetzt hat, ist selten geworden – zum Glück!

Krebskranke sterben ganz überwiegend aus einer mehr oder weniger tiefen, durch mehr oder weniger starke Medikamentengaben verursachten Bewusstlosigkeit heraus. Auf ein Bonmot von Woody Allen, der sagte »Ich habe keine Angst vor dem Sterben. Ich möchte bloß nicht dabei sein, wenn es passiert«, kann man heute antworten: »Wenn du an Krebs stirbst, wirst du höchstwahrscheinlich nicht dabei sein.«

»Gutes« Sterben ist schmerzloses, ist kampfloses Sterben – darüber dürften sich fast alle einig sein. Dass das vielen Krebskranken ermöglicht wird, ist vor allem der Hospizbewegung und der in ihrer Folge entstandenen Palliativmedizin zu verdanken. Sie haben tragfähige Konzepte entwickelt, deren Ziel es ist, Sterbende nicht allein zu lassen, ihre Beschwerden so gut wie möglich zu lindern und ihre Bedürfnisse so weit wie irgend möglich zu erfüllen. Das ist – wenn auch längst nicht immer – segensreiche Realität, zu Hause, in stationären Hospizen und, trotz vielfältiger Kritik und Vorbehalte, auch in vielen Krankenhäusern. Patienten haben seit Ende 2007 einen gesetzlich verbrieften Anspruch auf »spezialisierte ambulante Palliativversorgung« (SAPV), das heißt, auf umfassende Versorgung auch in ihren eigenen vier Wänden. Wir haben also nicht nur die Chance, sondern sogar das Recht darauf, uns am Lebensende nicht unnötig quälen zu müssen und gut versorgt zu werden. Der Arzt Michael de Ridder schreibt dazu: »Gemessen am Unheil, das sie zu verhindern vermag, und dem Frieden, den sie Schwerstkranken und Sterbenden geben kann, stellt die Palliativmedizin aus meiner Sicht den größten Behandlungsfortschritt dar, den die Medizin nach dem Zweiten Weltkrieg aufzuweisen hat.«12

Ein in diesem Sinne gutes Sterben ergibt sich allerdings nicht von allein, sondern muss vorbereitet werden. Wenn man sich nicht rechtzeitig um ambulante Palliativversorgung kümmert, wenn nicht rechtzeitig erkundet wird, welches Krankenhaus in der Nähe auf palliative Hilfe für Sterbende spezialisiert ist, dann kann es nach wie vor schwer werden mit dem Sterben, insbesondere dann, wenn Sterbende ins nächste Akutkrankenhaus eingeliefert und den dort üblichen Routinen unterworfen werden.