Die Einflüsterer - Klaus Norbert - E-Book

Die Einflüsterer E-Book

Klaus Norbert

0,0
8,99 €

Beschreibung

Ein lautstarkes Buch über das Verstummen der Bürger

Alle Welt ereifert sich, wenn ein Trainerwechsel die Bundesliga erschüttert. Aber keiner sagt etwas zu Videoüberwachung und Internet-Zensur oder zu den Finanzspritzen für marode Unternehmen aus unseren Steuergeldern. Dahinter steckt System: Wir werden manipuliert. Wirtschaft, Politik und Medien machen uns mundtot. Ihre Methoden: das Prinzip Ablenkung, das Prinzip Gleichschaltung, das Prinzip Abstumpfung. Klaus Norbert warnt: Wir sind auf dem Weg in den Maulkorb-Staat. Höchste Zeit, lautstark dagegen anzugehen!

Das Debattenbuch für alle, die sich nicht den Mund verbeiten lassen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 428

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Inhaltsverzeichnis
Widmung
Einflüsterungen rund um die Uhr
Kapitel 1. – Die schwerste Frage zuerst: Was ist Demokratie?
Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner kriegt es mit
Kapitel 2. – Wer sind die Einflüsterer, und was wollen sie erreichen?
Politiker: schamlos und charmelos
Der große Plan der Einflüsterer
Demokratur – und was kommt danach?
Tyrannen einst und jetzt
Wie viel lassen wir uns noch bieten?
Kapitel 3. – Auf der Gefühlsachterbahn: Friedensfreund Barack, Kriegsherr Obama
Kapitel 4. – Wir wollen Information, aber die Einflüsterer schicken uns Keinohrhasen
Einflüstereien in der Schweiz
Hassmorde in der Bundesrepublik
Kapitel 5. – Wird Ruhe wieder erste Bürgerpflicht?
Demokratie im Ausverkauf
Erst auf die Kiste, dann in den Scanner
»Verachtung ist der wahre Tod«
Kein Minister macht sich nackt
Deutschland hält die Klappe
Was schiebt als Aufreger jeden Nacktscanner beiseite?
»Yes we can« vs. »Keene Lust zu jar nüscht«
»Infos« statt Informationen, »Promis« statt Persönlichkeiten
Gesprächspartner statt Einflüsterer
War das Fernsehen früher besser?
Die Bürger als »Experten«
Demokratie ohne Demokraten
Klimaforscher fordern die Diktatur
Wir haben die Wahl: Diktatur light oder Demokratie forte
Kapitel 6. – Unser Weg in den Maulkorb-Staat
Ein Vorstellungsgespräch, wie Einflüsterer es sich wünschen
Die freien Medien hängen sich selbst den Maulkorb um
Sesamstraße und Pariser Platz, alles das Gleiche
Geiz ist geil: Maulkorb und Gehirnwäsche zeigen Wirkung
Demokratie ohne Bürger, Volkes Wille ohne Volk
Halt’s Maul, Bürger
»Sicherheit«, der Köder an der Angel
Zielgruppe: die schweigende Mehrheit
Journalisten, die Lärmschutzbeauftragten der Demokratie
Kapitel 7. – Planwirtschaft Reloaded
Kapitel 8. – Wollen wir die totale Einflüsterung?
Die vertanen Chancen unserer »größten Stunden«
Einpeitscher und Einflüsterer – ein unerhörter Vergleich?
Einflüsterung als Showgeschäft
Helmut Kohl und seine Glücksverheißung
Kapitel 9. – Die Knute namens Sicherheit
Kapitel 10. – Die »Elite« will Ja-Sager von Kindesbeinen an
Kapitel 11. – Das Ende der Privatheit
Erweiterte Realität – das Monopol auf unsere »Sicherheit«
Die Killer-Applikation der Einflüsterer
Solidarität ja, aber um Himmels willen nicht für alle
Welt in Gefahr? Selber schuld!
Reden, rufen, schreien – und doch schweigen
Kapitel 12. – Placebo-Rechte in der Placebo-Demokratie
Westliche Freiheit – oder was die Nullerjahre davon übrig gelassen haben
Demokratie 2.0
Zerstreuung und Desinformation 2.0
Propaganda statt Information
Werbung wird zur Ideologie
Politiker als Meinungskiller
Fortschrittsbremse für die Kreativen
Maulkörbe für die Aufklärer
Unliebsame Bücher in die Grabbelkiste
Und wieder: Satire als letzte Zuflucht der Wahrheit
Der voll und ganz zugeflüsterte Mensch
Die Einflüsterer besiegen Hollywood
Das freie Wort auf dem Rückzug
Kapitel 13. – Von wegen eigene Meinung: Das zugeflüsterte Volk
Kapitel 14. – Die verunsicherte Nation: Leben in Dauerangst
Danke, dass Sie hier provozieren
Das Märchen von den aussterbenden Deutschen
Die Einflüsterungen der »Experten«
Bundeskanzler dürfen lügen
Diffamierung als Erfolgsrezept
Wir sind nicht krank, nur viel zu faul
Was tun?
Kapitel 15. – Die Berliner Mauer: gefallen für Gottschalk und Bon Jovi
Wer Gottschalk sät, wird Bon Jovi ernten
Kapitel 16. – Trumpfkarte »Wohlstand«
Kapitel 17. – Spieglein an der Wand: Totgesparte Medien sind der Traum aller Einflüsterer
Nachrichten als Zuschussgeschäft
Bezahlte PR, gekaufte Meinungen
Von Printmedien, die auszogen, das Internet zu erobern
»Mister President, bitte gestatten Sie eine Frage!«
Wenn ein Politiker schon mal Klartext spricht, muss es »unter drei« bleiben
Eingebettet in Lügen und Untertreibung
Sag mir, wo die Verleger sind
Eigene Meinung, günstig abzugeben
Kapitel 18. – Hinter dem Geflüster lauert die Demokratur
Kapitel 19. – Warum nur schamlos übertreiben, wenn man straffrei lügen kann?
Kapitel 20. – Jammern muss erlaubt sein!
Ein Volk von Jammerlappen und Heulsusen
Die Deutschen – wieder hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder
Die faulen Deutschen, die jammernden Deutschen
Revolution? Von wegen!
Die Verhöhnung der »Jammernden« in den Medien
Das Volk vor Gericht
Aus Jammern wird irgendwann Gewalt
Kapitel 21. – Die Demokratie stirbt zentimeterweise: Wie frei sind wir noch?
Aufschwung aus der Flüstertüte
Die Untoten in der deutschen Wirtschaft
Das gefesselte Land
Die Säger an Demokratie und Meinungsfreiheit
»Yes We Can« – ein uralter Slogan erobert die Welt
Uwe Barschel und sein Mann fürs Grobe
Das Heer der ganz alltäglichen Einflüsterer
Eingeflüsterte Fakten, Fakten, Fakten
Privatwirtschaftliche Einflüsterer schrauben an unseren Gesetzen
Das Geflüster der angeblich klammen Banken
Einflüsterungen, schneller als das Internet
Die wahren Herren im Land
Kapitel 22. – Und jetzt: Revolte, Revolution oder was?
Wenn die Regierung schon mal einen ausgibt
Nach der Revolution Ost nun die Revolution West?
Kapitel 23. – Konkrete Utopien: Ist eine Zukunft ohne Einflüsterer noch denkbar?
Copyright
WIKIPEDIA zum Stichwort »Maulkorb«: »Der Begriff Maulkorb bezeichnet den in der Hundehaltung gebrauchten Beißkorb, im übertragenen Sinn ein Redeverbot. Es gibt Riemen- oder Schlaufenmaulkörbe, Drahtgitterkonstruktionen und Ledermaulkörbe.«
Zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung dieses Buches ist der Begriff Redeverbot in der deutschen, mehr als eine Million Artikel umfassenden WIKIPEDIA noch nicht definiert.
Über den Autor
Klaus Norbert (48), deutscher Journalist und Autor, gehört keiner Partei an. Er ist in keinem Verein oder Verband Mitglied und keiner Gewerkschaft oder gleichwie gearteten Organisation angeschlossen. Über das rapide wachsende Ausmaß von Einflüstereien seitens Politik und Wirtschaft war er selbst erst überrascht, schließlich verärgert. Seine Beschäftigung mit den immer dreisteren Manipulationen unserer frei und unabhängig geglaubten Gesellschaft führte zu diesem Buch.
E-Mail-Kontakt zum Autor: [email protected]
GewidmetHerrn Dominik Brunner, der am 12. 09. 2009 in einem Münchner S-Bahn-Zug nicht schwieg und nicht wegsah und für seine Zivilcourage erschlagen wurde.
Einflüsterungen rund um die Uhr
Wir wollen ein Volk der guten Nachbarn werden,im Innern wie nach außen.Die Bundesregierung wird sich vonder Erkenntnis leiten lassen, dassder zentrale Auftrag des Grundgesetzes,allen Bürgern gleiche Chancen zu geben,noch nicht annähernd erfüllt wurde.Wir wollen mehr Demokratie wagen.
WILLY BRANDT bei seinem Amtsantritt als Bundeskanzler, 1969
Diese Stille – wieso schallt und gellt es nicht längst aus allen Ecken der Republik vor Wut und Protest? Wie ist es möglich, dass die Mächtigen uns Tag für Tag zukleistern mit ihrer Propaganda, mal im weichgespülten Wohlfühl-Sound, mal im höchsten Alarmstufe-Rot-Diskant? Warum hören wir nur noch entweder von komplettem Nonsens oder von immer neuen Katastrophen und Gefahren, warum gibt es nichts mehr dazwischen? Es gibt doch Wichtigeres als die ewig gleichen Statements von Politikern, Top-Managern, Interessenverbändlern, Experten, Beratern, Kommentatoren, Ideologen, Eiferern, Intriganten, Strippenziehern – von Einflüsterern eben.
Wichtigere Dinge – zum Beispiel die Fragen: Was ist Liebe? Oder: Was ist Glück? Wer sind wir, und wenn ja, warum nicht sehr viel mehr?
Die obersten Ränge der Bestsellerlisten zeigen, womit wir uns am liebsten beschäftigen würden, wenn wir nicht ständig im Ausnahmezustand lebten. »Unordentliche Gefühle« würden wir gern untersuchen, vielleicht sogar auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt vor die Tür gehen.
Würden, denn für Liebe und Glück und alles andere ist immer weniger Zeit. Weil nämlich im Irrenhaus, wie wir schon lange vermuteten, nur die Falschen behandelt werden, während »die Richtigen« frei herumlaufen. Sie sorgen mit aller Kraft dafür, dass Liebe und Glück in den Hintergrund gedrängt werden, dass uns nicht mehr richtig langweilig werden will. Dort, im Hintergrund, lagern bereits die Eigenschaften Optimismus und Idealismus, die wir schon so lange vermissen. Denn dass wir unaufhörlich hibbelig sind, uns mit tausend Problemen gleichzeitig herumplagen, das ist ja kein Zufall. Wir leben weder in Seicht- noch Feuchtgebieten, sondern in einem einzigen Krisengebiet: Die Politik hat sich und uns an die Wirtschaft verkauft, Wahnsinn!
Nicht, dass es jemals wirklich super für uns gelaufen wäre auf dem Planeten. Kriege, Katastrophen, Mord und Totschlag waren immer aktuell. Aber seit ein paar Jahren ist der Wurm drin. Wir kommen einfach nicht mehr aus den Krisen heraus. Da können die Kollegen Precht und von Hirschhausen und all die anderen noch so sehr charten, wir sind nicht auf jeder ihrer Buchseiten mit voller Konzentration dabei. Wir spüren, dass sich das Land gerade massiv verändert, dazu Europa und die Welt, wie wir sie kannten oder uns einmal erhofft haben. Schlimmer noch: Wir verändern uns auch, aber in eine Richtung, in die wir partout nicht wollen.

Wahrhaftigkeit in den Zeiten von Analogkäse und Mogelschinken

Anders gefragt: Was ist das noch dieser Tage, Freiheit? Was ist das noch, Gerechtigkeit? Was gelten noch Wahrhaftigkeit, Ehrenhaftigkeit, Aufrichtigkeit in Politik und Wirtschaft? Wer ruft da ständig, unsere Sicherheit sei in Gefahr? Hör mal, wer da flüstert – Liebling, sie haben die Demokratie geschrumpft!
Halten wir uns nicht mit weiteren Vorreden auf: Für viele ist dieses Buch natürlich völliger Quatsch. Wer will uns denn etwas einflüstern, sagen sie, wer will uns denn einen Maulkorb verpassen? Wir leben in einer Demokratie! Und wir sind alt genug, uns eine eigene Meinung zu bilden: Den Klimawandel kriegen wir schon noch gewuppt, mit moderner Technik und drastischen Einsparungsmaßnahmen. Die Weltwirtschaftskrise – klar, die Banker waren es. Oder doch eher die Politiker? Vielleicht ja auch wir gierigen Anleger, die vielen kleinen Sparer? Na ja, seltsam ist es schon, dass auch im Jahre zwei nach der Beinahe-Kernschmelze unseres Finanzsystems noch immer niemand belangt worden ist. Wenn schon nicht strafrechtlich, zivilrechtlich, auf Schadenersatzebene, müsste den Vorständen und Aufsichtsräten der Banken doch beizukommen sein. Aber selbst wenn – würden »die da oben« nicht doch wieder alles unter sich regeln, sich notfalls mit ein bisschen Bargeld freikaufen?
Es wird so viel geredet und noch mehr geflüstert, der Kopf schwirrt einem: Die neuen Kolonialkriege spielen sich weitab von unserer Haustür ab, in Afghanistan, im Irak. Nächste mögliche Stationen: der Jemen, Pakistan, Iran. Aber in den Medien stellt sich das Ganze eher als Posse munter wechselnder Verteidigungsminister dar. Ja, sind wir jetzt im Krieg oder sind wir es nicht? Ist der Baron zu Guttenberg nun ein Lügenbaron oder ist er es nicht?
Zu viele Stimmen.
Erst war der Euro kein Teuro, dann waren wir selber schuld an der Finanzkrise, und der Krieg, der seit Jahren wieder von deutschem Boden ausgeht, soll und soll keiner sein. Jede Umfrage kommt zu dem Ergebnis, dass wir die Bundeswehr nicht schießen sehen wollen. Trotzdem verlängert der Bundestag seit acht Jahren die einschlägigen Mandate immer wieder aufs Neue. Wir verklagen den Staat vor dem Bundesverfassungsgericht, weil er unsere sämtlichen Verbindungsdaten auf Vorrat speichert, unsere Fingerabdrücke in Pässen und Ausweisen festhält, jederzeit in jedes unserer Konten gucken kann und auch noch im fließenden Verkehr unser Kennzeichen scannt – ein bisschen viel zurechtrückendes Karlsruhe für ein ziemlich bürgerrechtsfeindlich gewordenes Berlin. Gut, die Manieren der Politiker sind etwas »robust« geworden, wie man neuerdings sagt. Aber, Herr Autor, läuft deshalb schon irgendwer mit einem Maulkorb herum?

Die Würde des Menschen ist antastbar

Von wegen Einflüsterer! Die Bürger in der Bundesrepublik Deutschland, in Österreich, in der Schweiz, überall in Europa, sind doch irgendwie noch immer ziemlich frei. Jeder kann doch reden und seine Meinung kundtun, wie er will; der Autor dieses Buches tut es auch, just an dieser Stelle. Gerade weil in unserer Gesellschaft die Demokratie verwirklicht ist wie aus dem Lehrbuch, kann man tun und lassen, was man will. Man kann sogar Unsinn reden oder schreiben, denn: Eine Zensur findet nicht statt.
So steht es, neben vielen anderen unsere Freiheit sichernden Paragraphen, etwa im Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, abgekürzt GG, in Kraft getreten am 23. Mai 1948, null Uhr. Wie könnte da ernsthaft die Rede sein von Meinungsbeeinflussung und Meinungsverhinderung, gar von einem Rückzug der Demokratie?
Die Einflüsterer: Der Autor dieses Buches muss ein Linker sein. Macht sich über die Medien her, nennt sie Wasserträger der Mächtigen und betrachtet sie als Lautsprechersystem der großen Einflüsterer im Hintergrund. Er glaubt, uns Europäern werde, als Faschismus unserer Tage, eine regelrechte Islamphobie eingeflüstert, sozusagen als Spitzenprodukt einer ganzen Reihe handelsüblich gewordener Phobien: Einwanderer generell, insbesondere Migrantenkinder der zweiten und dritten Generation, sodann Arme und Sozialverlierer (»Prekariat«), Menschen mit Hochschulabschluss, Untermenschen ohne. Elitegeklüngel hier, Proletengerangel da – geht’s nicht ein bisschen kleiner?
Der Maulkorb-Staat: Der Autor dieses Buches muss ein Rechter sein. Will das Brandenburger Tor zum Mauerfall-Jubiläum nicht als Kulisse für Bon Jovis Playback-Posereien und Thomas Gottschalks »Wetten, dass«-Geschwätz missbraucht sehen. Bekrittelt die internationalen Studentenproteste im Herbst 2009 als unsolidarisch und zitiert reichlich Goebbels – wohl selber ein verkappter Einflüsterer, wie?
Die Einflüsterer, der Maulkorb-Staat, links oder rechts – der Autor dieses Buches ist ganz einfach ein besorgter Bürger, wie so viele andere. Vor allem ist er ein verärgerter Bürger. Ihn beunruhigen sie, ihm gehen sie auf die Nerven, der viel zu entschlossene Wolfgang Schäuble und die viel zu unentschlossene Angela Merkel, der wankelmütige Sigmar Gabriel und seine fahrige Kollegin, Andrea Nahles. Oder der als SPD-Oppositionsführer praktisch unsichtbar gewordene Ex-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier, der über (Wahl-)Nacht wortbrüchig gewordene Guido Westerwelle mit seinem Steuer-Dreiklang »einfacher, niedriger, gerechter«, der brutalstmögliche Roland Koch, jener von der Kanzlerin bei jeder seiner undemokratischen Eskapaden unbehelligte Terminator. Den Autor verwundern die bei alledem tatenlos zusehenden Grünen und noch viele, viele andere – aber wir sind ja erst am Anfang.
Frech provozieren und Unglaubliches behaupten – ist der Autor mit seinem Buch über die Einflüsterer nicht selbst ein solcher? Klares Nein, denn anders als diese hält er mit seiner Meinung nicht hinterm Berg. Er schickt auch keine PR-Strategen, Zeitungskommentatoren und andere »Experten« vor, um seine Meinung zu propagieren. Er sagt es ganz offen: Ihn erzürnen Stänkerer wie Thilo Sarrazin (»kleine Kopftuchmädchen«) oder Roland Koch und dessen Forderung nach Arbeitspflicht für Hartz-IV-Empfänger: »In Deutschland gibt es Leistungen für jeden, notfalls lebenslang. Deshalb müssen wir Instrumente einsetzen, damit niemand das Leben von Hartz IV als angenehme Variante ansieht.« Da sind zwei besonders oft gehörte Demokraten am Werk, einmal SPD, einmal CDU. Zwei Zündler, die sehr genau wissen, wie man Heufuder ansteckt – sie scheren sich nicht um die Not von Millionen Menschen ohne jede Aussicht auf Arbeit. Der eine hat sich von einem Staatsjob zum anderen gehangelt, der andere macht auf Staatskosten dicke Backen. Oder wie Stern-Gründer Henri Nannen in seiner gewohnt drastischen Art gesagt hätte: »Mit vollen Hosen ist gut stinken.«

Bürgerrechteabbau im Rekordtempo

Nicht nur in Deutschland, überall in Europa hat sich ein depressives, narkotisches Klima breitgemacht. Mit den Bürgerrechten geht es abwärts. Kaum haben britische und amerikanische Geheimdienste einen al-Qaida-Attentäter übersehen, und um ein Haar wäre eine Passagiermaschine von Amsterdam nach Detroit zum Absturz gebracht worden – schon sind sich die europäischen Demokratien überwiegend einig, dass künftig sämtliche Reisende durch Ganzkörperscanner (»Nacktscanner«) müssen. Nur ein paar Tage zwischen Weihnachten und Neujahr dauert es, um zwischen Berlin – Den Haag – London Einigkeit herzustellen: Den Bürgern ans Eingemachte gehen, ins Allerprivateste, auf die Haut sehen, am liebsten noch darunter? Let’s do it!
Gegenwehr? Ist nicht zu erwarten. Die den Menschen jahrelang eingeimpfte Lethargie verhindert es. Von den mittlerweile üblichen Krawallen der ebenso üblichen Hundertschaften in Paris, in Athen oder – beim Weltklimagipfel – in Kopenhagen abgesehen, reagieren die Menschen überall gleich, nämlich fast gar nicht. Ihre nationalen Politiker sowie die EU-Bürokraten knallen ihnen eine Zumutung nach der anderen vor den Latz, aber die Völker bleiben ruhig. Ausweise mit Funk-Chips, Schweinegrippe-Hysterie mit sehr verbindlichen Impf-»Empfehlungen«, Röntgenblicke in unsere Konten zugunsten der US-amerikanischen »Terrorbekämpfer«, Gängelungen noch bis in den kleinsten Lebensbereich – selbst ein europaweites Rauchverbot sowie die Abschaffung der Glühbirne bedürfen hundertseitiger Vorschriften.
Die Kommunikation zwischen den Regierungen und ihren Völkern ist endgültig auf dem paranoiden Niveau der Geheimdienste angekommen. Wie bei diesen wird dem Gegner nicht vertraut, aber jede seiner Schwächen sofort ausgenutzt, um einen Punkt zu machen. Der Gegner, das sind in den alt gewordenen europäischen Demokratien jetzt die eigenen Menschen. Sie kommen nicht richtig voran in der ihnen zugedachten Rolle, sich an einen neuen äußeren Feind zu gewöhnen, ihn erst missachten, dann hassen zu lernen: Die vielen dunkelhaarigen, schwarzbärtigen Männer und die vielen verhüllten Frauen, die ins vergleichsweise reiche Europa drängen, sie sind nicht willkommen. Weil allmählich die letzten Opfer des Zweiten Weltkriegs wegsterben, weil gerade dieser breit dokumentierte Krieg in seinen laufend wiederholten Schwarz-Weiß-Bildern zu langweilen beginnt, weil die aktuellen Kriege, etwa in Afghanistan, so schwer greifbar illustriert werden, gerade aus diesen Gründen haben es die neuen Scharfmacher so leicht. Alle paar Wochen kochen sie einen Vorfall hoch – ein al-Qaida-Drohvideo, ein ums Haar gesprengtes Flugzeug, eine neue Botschaft des einfach nicht zu fassenden Osama bin Laden oder eines seiner Stellvertreter. Das reicht, um wieder ein paar neue Einschränkungen zu rechtfertigen. Den Rest besorgt der für die meisten Europäer wieder sehr existenziell gewordene Überlebenskampf: Die Sonderausstattungslisten für neue Autos sind schon lange kein gemeinsames Gesprächsthema mehr.

Politik nach dem Zappzarapp-Prinzip

Und immerzu dieser Hohn: Wir, das Volk, wollten »es« ja so. Jedes Volk bekomme die Politiker, die es verdient – dieser Alles-undnichts-Erklärungsspruch als Ohrfeige für jeden Bürger: Danke, ihr Idioten, fürs jüngste Jasagen, und danke, dass wir euch alle zugleich ausnehmen dürfen. Taschendiebe arbeiten nach genau demselben Prinzip: Ablenken vorm Zuschlagen, zappzarapp machen und dann schnell weg.
Unsere Politiker, soweit sie nicht selbst den Finger am Abzug halten, erweisen sich als unfähig, mit mehreren Problemen gleichzeitig fertig zu werden. Die Bürger sollen sich zu Multitasking-Robotern mendeln, aber Merkel, Sarkozy & Co. bekommen nicht einmal die jeweilige Bildungsmisere in ihren eigenen Ländern in den Griff. Politischer Instinkt, Einfühlungsvermögen, Weitblick – Fehlanzeige. Stattdessen Führungsschwäche: Ministerposten werden sozusagen ausgelost, weil jeder für alles gleich schlecht qualifiziert ist.
Auf Landesebene sehen die Dinge nicht viel besser aus. Kaum ein deutsches Bundesland, das nicht mit einer heruntergewirtschafteten Landesbank zu kämpfen hätte – heruntergewirtschaftet, weil in den Aufsichtsräten Landespolitiker saßen, die den Fantastereien der schmalgemuskelten – es gibt keine Dicken mehr im Management – Banker glaubten: Auf nach Fernost! Fonds, Derivate, Schuldverschreibungen! Raus aus den Finanzierungen für den heimischen Mittelstand, rein ins Las Vegas der Hochfinanz!
Hypo Alpe Adria – kann da noch jemand lachen?
Zu viele Nullen an den Minusbeträgen, zu viele Nullen im Vorstand und im Aufsichts- beziehungsweise Verwaltungsrat. Die Bayern-CSU hat mal wieder alle Unfähigkeitsrekorde gebrochen: Rettung der totspekulierten Landesbank: 10 Milliarden Euro. Gesamtverluste durch die für einen symbolischen Euro an die Österreicher verhökerte Hypo Alpe Adria (schon der Name klingt nach baden gehen): 3,75 Milliarden. Aber mir san mir, und mir hamm’s ja.

Das Medien-Desaster

Und unsere Medien? Die vielen siebengescheiten Alleswisser, die neuerdings wie Küchenchefs vor ihren Sternerestaurants stehen und nicht begreifen können, dass drinnen die Tische leer bleiben? Das kommt davon, wenn man »draußen«, online, heiße Würstchen verschenkt und den Senf von der Werbeindustrie dazugeben lässt: »Hilfe, Politik«, rufen die Verleger, »befreit uns von der Mehrwertsteuer, das böse Internet ruiniert unsere Printmedien!« Aber nein, sie ruinieren sich schon selbst, unsere Zeitungen und Zeitschriften.
Was steht schon noch drin in ihren Blättern? Die einstigen deutschen Investigativ-Printmedien etwa, Spiegel und Stern, einmal Flaggschiffe kritischer und zugleich anregender Berichterstattung, sie hecheln mit ihrem Ratgeber-Serviceonkel-Gehabe dem längst verwehten Zeitgeist der Neunziger hinterher, statt im neuen Jahrtausend den Übermächtigen Feuer unterm Hintern zu machen. Das fällt schwer, wenn man zu häufig mit den Genießern aus dem Berliner Reichstag abhängt, sei es im benachbarten Borchardt, im Café Einstein oder im Grill Royal: Diesen Roten müssen Sie versuchen; rauchen Sie unbedingt mal eine von denen – klar, man beißt nicht die Hand, die einen füttert und tränkt. Mit Uwe Barschel hat das Gemauschel in der Politik keineswegs begonnen, mit seinem Tod 1987 ist es keineswegs ausgestorben.
Und erst das Fernsehen! Die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF erledigen ihren Informations- und Bildungsauftrag am liebsten zur Unzeit, der Quote wegen, die sie, die mit sieben GEZ-Milliarden pro Jahr Gepäppelten, eigentlich gar nichts anzugehen brauchte. Okay, wirklich gute Sendungen – Dokumentationen, Reportagen, Spielfilme – produzieren sie noch immer reichlich. Nur senden sie sie meist erst weit nach Zapfenstreich, eben der Quote wegen. Alberne Wissensshows, schwedische Blutkrimis, schweinweltiger Rosamunde-Pilcher-Kommissarinnen-Kram – dem deutschen Zwangs-Pay-TV geht es zur Hauptsendezeit meist nur noch um den größten gemeinsamen Nenner, um größtmögliche Marktanteile, um größtmögliche Verflachung.
Für Flachsinn waren mal exklusiv die »Privaten«, nein besser: die »Kommerziellen« zuständig. Aber nachdem der Nullpunkt mit jeder weiteren Ausgabe von GZSZ und DSDS und was der Kürzelsendungen mehr sind erreicht schien, verlegten sich RTL, Sat.1 und ProSieben eben auf den professionell betriebenen, geistig-moralischen oder einfach nur langweiligen Fernseh-Tiefbau: Dschungelcamp, PromiDinner, Germany’s Next Topmodel, inszenierte Promi-Hochzeiten und ansonsten Chart-Shows und viel Comedy. Wenig Kosten, noch weniger Qualität, null Anstand, null Lebensfreude. Lieber trichtert uns RTL ein, wie Recht & Ordnung zu funktionieren haben, wieso schikanöse Zollkontrollen, Gerichtsvollzieherbesuche und Blitzlichtfallen einfach unumgänglich sind, nämlich um das ewige Monster in uns zu bändigen, um »Gesetzesbrecher und untreue Bürger ihrer gerechten Strafe zuzuführen« – es sitzen mitunter reichlich perverse Gemüter in den Programmabteilungen der Kommerziellen, und sie zögern nicht, uns die unglaublichsten Abstrusitäten einzuflüstern, wenn’s »der Quote« und dem Umsatz hilft.
In Wirklichkeit ist es so: Die Einflüsterer bei den Kommerzsendern wissen nicht, wie man spannendes, anregendes, publikumswirksames Fernsehen macht. Sie haben keinerlei Interesse an gut gemachtem Fernsehen. Deshalb vergiften sie uns den Alltag mit ihrem Unfug. »Dann schalt nicht ein« ist leider keine Antwort, sondern ein gefährlicher Irrtum. Die, die einschalten, kriegen von den Fernseheinflüsterern ein gewollt schiefes Weltbild verpasst: Asoziale lümmeln auf der Couch, Asoziale kommen nicht klar mit Geld, mit Kindern, mit Behörden, Asoziale gehören vor Gericht. Danke, RTL, danke Sat.1, danke, all ihr anderen.

Die letzte Wahrheit – Satire

Anno 2010 liegen die letzten Reste Gesellschafts- und Herrschaftskritik in den Händen zweier reichlich schräg aussehender Männer: Urban Priol und Georg Schramm. Nur noch in ihrer Satire-Sendung Neues aus der Anstalt - beim ZDF in die »Late prime time«, also auf einen Sendeplatz nach 22 Uhr geschoben – wird der Unterschied zwischen politischer Dummdreistigkeit und wirtschaftlicher Rundumunfähigkeit deutlich. Alles, was Politik und Wirtschaft uns an Aufrichtigkeit schuldig zu bleiben pflegen, lösen die beiden Irrenärzte in der »Anstalt« rezeptfrei ein: Klartext, bis die Sanitäter kommen. Das ZDF ist großzügig: Wer nicht jede Pointe auf Anhieb mitkriegt, kann gerne die Wiederholung gucken. Zwischen 2 Uhr 45 und 3 Uhr 45 hat der Zuschauer Gelegenheit, sich in politischem Schäfchenzählen zu üben.
Es können Priol und Schramm auch nur erste Garde sein, weil die noch besseren, schärferen, aber bedächtigeren Scharfzüngler auf ein, zwei Auftritte pro Jahr in die Dritten abgeschoben wurden. Matthias Deutschmann, der sein kritisches Deutschsein auf den Saiten seines Cellos kratzt, oder Hagen Rether, der Wiederentdecker der Kunstpause und Chefimitator des wirklich extrem wasserziehenden Eckzahns von Jürgen Rüttgers – der eine kauert an seinem Wimmerkürbis, der andere fläzt über seinen Elfenbeintasten, aber jeder sagt auf so erfrischende Weise, was Sache ist, dass man zur Q-tips-Box greifen möchte: Wieso hör ich das erst jetzt, und warum nur um diese Zeit? Viel gelassener könnte man sein bei dem täglichen Horror von Caren Miosga und Claus Kleber und Peter Kloeppel, bekäme man Politik auf eben diese Weise dargeboten. Vielleicht fänden sich auch noch eine ebenbürtige Gitarristin und eine Triangelspielerin.
Aber Deutschmann und Rether sind gefährliche Leute. Nachdenklichkeit und Besinnung, das könnte aufs Volk erhellend wirken. Den ganzen Tag wispern sich die Einflüsterer die Kehlen heiser. Wäre doch schade um so viel Konterkarierung. Für die zur Zerstreuung verdammten Fernsehzuschauer gibt es darum Chargen, die massenkompatibel sind, es sein müssen, damit sich die Fernsehbosse vor keiner nachgeworfenen Werbemillion wegzuducken brauchen.
Wer beispielsweise dem deutschen Fernsehen als Spätnacht-Unterhalter, als Kulenkampff-Eizelle oder Spielshow-Moderatoren-Journalist dient und, wie Harald Schmidt und auch Thomas Gottschalk und Günther Jauch, als Ministrant gewirkt hat, wer vielleicht sogar noch in derselben Burschenschaft war (wie Gottschalk und Jauch), der kann getrost in seiner Sendung C-Prominente Fläschchen mit Vaginalsekreten verteilen lassen (»Lady Bitch Ray« bei Schmidt und Oliver Pocher). Der kann am Samstagabend Unappetitlichkeiten servieren von T wie Tierkot bis T wie Tierfutter (Gottschalk in Wetten, dass), der kann sich als angeblich klügster Deutscher und sehr angeblich großzügigster Regenwaldretter fühlen (der Lotto- beziehungsweise Bierwerber Jauch). Diese Leute sind sich ihres Privilegs als Unterhaltungs-Einflüsterer bewusst: Was Schöneres, Schlimmeres als unsere »Skandale« kann euch morgen früh nirgendwo im deutschen Blätterwald um die Ohren rauschen. Gegen diese professionellen Augenzuquetscher waren Rühmann und Heesters zur Hitlerzeit die reinsten Dissidenten.
Sollten die letzten wirklichen Irrenärzte der Nation, Priol und Schramm, jemals gemeinsam Auto fahren, gar noch mit Deutschmann und Rether an Bord, und sollten sie alle miteinander verunglücken, was der Himmel verhüten möge, dann werden wir Gottschalk und Jauch nie mehr los. Dann ist sogar Harald Schmidt wieder die Nummer eins unter Deutschlands »Satirikern«, ganz ohne einen einzigen neuen Gag und ganz ohne von seinem Spiegel-Fanclub am Plusterbackenbart gezaust zu werden.

Von deutschem Boden soll nie wieder Einflüsterei ausgehen

Dabei hatten gerade wir Deutschen uns doch mal vorgenommen, uns nie, nie wieder etwas einflüstern zu lassen, von keinem und von niemandem, nicht einmal von den genannten drei Superkatholiken, die ungeniert dem Mammon huldigen, aber bei jeder Gelegenheit ihren sechzehnten Benedikt und dessen Einflüsterer als Heilsbringer unserer gezählten Tage verherrlichen.
Deutschland 1945. Der Nazi-Staat liegt in Trümmern, bis auf wenige Städte und Ortschaften ist das »Reich« von seinen Gegnern besetzt. Da bäumt sich die NS-Propaganda noch einmal auf, liefert dem geschundenen Volk ein letztes Mal eine monströse Lüge. Am 1. Mai, 21 Uhr 25, tönt der wundersamerweise noch intakte Rundfunk: »Aus dem Führerhauptquartier wird gemeldet, dass unser Führer, Adolf Hitler, heute Nachmittag in seinem Befehlsstand in der Reichskanzlei, bis zum letzten Atemzug gegen den Bolschewismus kämpfend, für Deutschland gefallen ist.«
Hitler kämpfend, Mann gegen Mann, ausgerechnet.
Noch einmal glaubten die Nazis, mit einem Riesenschwindel durchzukommen. Aber die Wirklichkeit sah nun doch so sehr anders aus als 1933. »Großdeutschland« war dermaßen in Schutt und Asche gebombt, dass an Führers Nachfolgern Joseph Goebbels und, einen Selbstmord später, Karl Dönitz kein Interesse der Volksgenossen mehr bestand. Nach Kaiserzeit und Weimarer Republik war nun schon zum dritten Mal binnen nur drei Jahrzehnten Deutschland zu Boden geworfen. Doch die allzu kühne Behauptung, Hitler habe das sinkende Schiff bis zuletzt mit Waffengewalt verteidigt, war beileibe nicht die letzte Lüge, die von deutschem Boden ausging.
Dem Nazi-Geplärr folgte das Eingeflüster der Nachkriegszeit, welche direkt in das halbe Jahrhundert des Kalten Krieges mündete: Arbeit und Wohlstand für alle, grenzenloses Wachstum und keine Macht für die Roten – come on, Baby, du willst es doch auch!
Der Preis dafür: ein geteiltes Land, weil die Westallüerten sich mit einem neutralen, unbewaffneten Deutschland in der Mitte Europas nicht sicher fühlen wollten und weil Stalin seinen Fuß aus Zentraleuropa nicht ohne Weiteres hinter den Ural zurückzunehmen gedachte. Konrad Adenauer drückte die Wiederbewaffnung durch, erst klammheimlich, dann in aller Öffentlichkeit, zuletzt mit der Einflüsterung von den angeblich betonharten »Soffjets«, die in Wirklichkeit eine Wiedervereinigung Deutschlands gegen dessen Neutralität angeboten hatten. Doch dem Alten aus Rhöndorf war ein mächtiger Medien-Gegner erwachsen: Wenige Jahre später sollte die einzige journalistische Bastion gegen die Einflüsterer aus Bonn und Washington, der Spiegel, in einem beispiellosen Akt von Willkür geschleift werden (»Spiegel-Affäre«).
Doch die Bundesrepublik berappelte sich, gerade noch rechtzeitig. Der erste eingeknastete West-Verleger, Rudolf Augstein, kam wieder frei; der erste bundesdeutsche Verteidigungsminister, der skrupellos gelogen hatte, erwies sich als nur bedingt abwehrbereit und musste gehen: Franz Josef Strauß.
Das Geraune ging munter weiter.
1974 flüsterte SPD-Fraktionschef Herbert Wehner Willy Brandt, dass es angesichts dessen zahlloser Frauengeschichten und unzähliger zugedröhnter Nächte besser für ihn sei, seinen Rücktritt vom Amt des Bundeskanzlers zu erklären. Als Vorwand diente dem Chef-Intriganten die plötzliche »Enttarnung« des schon monatelang vom Verfassungsschutz beobachteten Ost-Agenten Günther Guillaume: Als ob ein Kanzler schuld daran sei, wenn eine fremde Macht ihn auskundschaftet.
Helmut Schmidt gelang es, den Bürgern in der Bundesrepublik einzuflüstern, die Mitglieder der Roten Armee Fraktion (RAF) seien schlicht Kriminelle und ihre Motive rein verbrecherische. Die reißerische Bezeichnung »Baader-Meinhof-Bande« schien genau zu passen: Das klang nach Al Capone und nach Gangsterbräuten, nach »XY«-Eduard Zimmermann und wohlverdientem Ende, aber kaum nach einer Gruppe von Weltverbesserern, die von einem rigiden Staat regelrecht in den Untergrund getrieben worden waren und dort jedes Augenmaß verloren – so beschrieb es der ehemalige Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP) bei Anne Will (Sendung vom 22.11.2009, »Bomben, Terror, Tote – Der >Krieg< der Bürgerkinder«). Die Chance, neben den wahnwitzigen Morden der RAF auch die allzu sichtbar gewordenen Unzulänglichkeiten der westdeutschen Demokratie anzusprechen, wurde vertan.
Seinen Nachfolger rettete im Flick-Untersuchungsausschuss nur die wahrlich spektakuläre Einflüsterung eines Parteifreundes. Über die Geldzuwendungen eines Milliardärs an die CDU hatte Helmut Kohl schlicht gelogen. Heiner Geißler zog den Kopf des Kanzlers mit jesuitischer Dialektik und dem Blitzeinfall des Wortes »Blackout« aus der schon geknüpften Schlinge einer Anzeige wegen uneidlicher Falschaussage.
Jahre später war Helmut Kohl selbst zu einem Meister der politischen Einflüsterei geworden. 1990 flüsterte er den DDR-Bürgern die BRD-Bürgerschaft als einzige Alternative zu einer fortdauernden ostdeutschen Existenz ein: Test the West! Hier erwarten euch »sichere« Arbeitsplätze, eine »sichere« Rente, die D-Mark und der Volkswagen Golf. Blühende Landschaften – »in drei, vier, fünf Jahren« – statt Industriebrachen werde es geben, versicherte Kohl. Niemandem werde es schlechter, vielen jedoch besser gehen als zuvor.
»Helmut, Helmut«, riefen die dürren Ossis dem dicken Wessi zu, sei uns gnädig, spendier uns die Einheit!
Der Mauerfall, diktaturmüde Ostdeutsche haben ihn herbeigeführt, friedlich und, oft vergessen, sogar humorvoll, lachend, Kirchenlieder singend, jawohl. Alles aus eigener Kraft, bewundernswert, bejubelnswert, mit Unterstützung eines lässigen, völlig aus der Art geschlagenen Sowjetführers.
Aber die Geschichte ließ sich klittern. Und deutsche Kanzler flüsterten weiter.
Gerhard Schröder und sein Vize, Joschka Fischer, konnten die Zeche für Kohls blühende Fantasie nicht bezahlen. Sie übernahmen einen im Grunde schon 1998 heruntergewirtschafteten Staat. Statt bei den Reichen abzukassieren, Vermögens- und Erbschaftssteuern wieder einzuführen beziehungsweise kräftig anzuheben, ließen sie den Deutschen einflüstern, soziale Gerechtigkeit sei künftig nur noch durch »Fordern und Fördern« zu erreichen. Seit 2005 unterkellert die »Agenda 2010« – der Legende nach eine Worteinflüsterung von Schröders Gattin Doris – das soziale Tiefparterre der Republik. Hartz IV und Ein-Euro-Jobs – jede Menge bürokratischer Drangsale spalten die Gesellschaft endgültig in Habende und Nichthabende.
Anders Angela Merkel. Die doch ziemlich radikalen Einflüstereien ihrer Vorgänger scheinen ihr bislang fremd zu sein. Als ehemalige FDJ-Sekretärin für Agitation und Propaganda (»Nach meiner Erinnerung war ich Kultursekretärin«) hat sie eine Form der eher unmerkelichen Soft-Einflüsterei entwickelt. Ihr ohnehin schon leises Sprechen wird so zum Hauchen – oder nicht minder zum Flüstern: Heute hü und morgen hott, dazu braucht es keine Flüstertüte, das verstehen die Menschen auch so. Weil die größte Sozialschweinerei schon von den Sozen erledigt wurde, kann sich die einzige Ex-DDR-Bürgerin im schwarz-gelben Kabinett, sozusagen die Staatsratsvorsitzende der BRD, um Wichtigeres kümmern. Der Auftrag der Bundeswehr in Afghanistan sei es, »Sicherheit« zu schaffen, frohlockte Merkel in ihrer Neujahrsansprache 2009, auf »dass von dort nie wieder Gefahr für unsere Sicherheit und unser Wohlergehen ausgeht«. Zynischer kann man sich kaum ins neue Jahr floskeln: Unserer äußerst fragil gewordenen »Sicherheit«« zuliebe wird ein Land mit 30 Millionen Einwohnern, doppelt so groß wie die Bundesrepublik, verheert; für unser »Wohlergehen« müssen wir es hinnehmen, dass wir seit Jahren belogen werden über den Kriegseinsatz der Bundeswehr vor Ort.
Deutschland hat mit den größten inneren und äußeren Problemen seit Ende des Zweiten Weltkriegs zu kämpfen, aber die Kanzlerin flüstert uns ein, »wie wir unseren Wohlstand erhalten«: indem wir andere Länder mit Krieg überziehen.
So neujahrsansprachlich, so indirekt. Das zielgerechtere Flüstern bleibt in der CDU noch immer Parteigenossen wie Roland Koch überlassen. Der hessische Ministerpräsident und Schattenkanzler sägt schon mal eben den Chefredakteur beim ZDF ab, weil der ihm für zu wenig rechtskonservative Einflüsterei sorgt – nach Adenauer, Schmidt, Kohl und Schröder erklimmt die Kunst des Staatssoufflierens nicht für möglich gehaltene Höhen. Brutalstmöglichen Flüster-Demokraten wie Roland Koch ist, unter anderem, die Entstehung dieses Buchs geschuldet, freilich auch Beton-Realpolitikern wie dem wenig altersmilden Helmut Schmidt (SPD), der in seiner Auguren-Abgeklärtheit noch immer glaubt, der aus purer Manipulation geborene Wahnsinn um uns herum sei normal, die Durchsetzung des eigenen Machtwillens ein absolutes Privileg von Staatsmännern: Wie einer, selbst noch nach 40 Jahren, derart eifersüchtig sein kann auf einstige Volks-Lieblinge wie Willy Brandt.
Es kommt pro Jahrhundert nicht oft vor, dass das Volk Grund hat, einem Politiker aus ganzem Herzen zuzujubeln. Mit Brandt hatten die Deutschen in Ost und West einen solchen Mann: Frieden können eben nur Politiker bewirken, die selbst Frieden ausstrahlen. Geliebt wie einst »Willy« werden Politiker nur, wenn sie darauf verzichten, ihre Untiefen hinter allzu schneidigem, »staatsmännischem« Auftreten zu verbergen. Schmidts kristallklarer Durchblick ist wirklich zu bewundern, noch in seinen Neunzigern. Aber lieben kann man den Mann dafür kaum.
Der Altbundeskanzler, ausgestattet mit ziemlich nikotinresistenten Lungenflügeln wie auch mit ziemlich kritikresistenten Überzeugungen, empfiehlt seit Langem, Menschen mit Visionen zum Nervenarzt zu schicken. Es wird sich in diesem Buch zeigen, wer eines solchen Besuchs dringender bedarf: ein Autor, der im Land ein demokratiefeindliches Dauergeflüster auszumachen glaubt, oder all jene, die uns in ihrer Maßlosigkeit ständig neues Unheil einflüstern.

Zehn Wege, Menschen kleinzukriegen: Die Maulkorb-Prinzipien der Einflüsterer

In den Achtzigern zeigten die Westdeutschen Politik und Wirtschaft die Stirn. Sie protestierten gegen die Nachrüstung (Pershing-II-Raketen), marschierten gegen die Atom-Lobby (Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf) und sabotierten die staatliche Ausforschung (Volkszählung). In den Achtzigern zeigten nicht minder die Ostdeutschen Diktatur und Unterdrückung die rote Karte. Sie ertrotzten sich die ihnen 40 Jahre vorenthaltene Freiheit. Leider sind Zivilcourage und der kollektive Wille zur Selbstbehauptung danach aus der Mode geraten wie hochgekrempelte Sakko-Ärmel oder schmale Lederkrawatten. Oder aber Staat und Wirtschaft haben aus dem Ungehorsam der Bürger gelernt: Nie wieder Aufruhr – denen werden wir es zeigen. Seit wir stolz darauf sein sollen, dass der »Exportweltmeister« Inlandsnachfrage, Kaufkraft und Arbeitsplätze nach Asien auslagert, seit jeder von uns befürchten muss, Menschen mit der seltsamen Berufsbezeichung »Fallmanager« aus allzu nächster Nähe kennenzulernen, ja seit Spitzenpolitiker uns frech mit Zwangsarbeit und Durchleuchtung bis auf die nackte Haut drohen, spätestens seitdem ist deutlich geworden: Die machen mit uns, was sie wollen. Wir kriegen den Kopf nicht mehr frei von all dem Medien-Bohei um uns herum. Im schönsten Sommer (»Hitze-Katastrophe!«) scheint die Sonne plötzlich giftgrün, im idyllischsten Winter (»Schnee-Katastrophe!«) will es nicht mehr richtig weihnachten: Wir sind Jongleure, die mit zu vielen Bällen gleichzeitig beschäftigt werden. Wir sind dauerüberfordert, wir sind platt.
Schuld sind die Einflüsterer aus Politik und Wirtschaft, die uns in einem permanenten Zustand der Unsicherheit, der Angst, des Zweifels halten. Mit Methoden aus der Trickkiste der Geheimdienste geht unsere Verwaltungseinheit – was anderes wäre der Staat? – gegen uns vor: psychologische Kriegsführung als wirkungsvollste Strategie gegen Zivilsten, genannt Bürger. Der Auftrag: Quatscht sie zu, schreckt sie ab, sendet sie in Grund und Boden; entsolidarisiert selbst kleinste Gruppen, sät Neid und Missgunst bis zum letzten Stammtisch, spaltet das Volk in Noch-Habende und Längst-nichts-mehr-Besitzende. Klingt schwer nach Weltverschwörungstheorie, nach Bilderbergern, Illuminaten und Freimaurern? Von wegen. Die Art und Weise, wie – nicht nur in Deutschland – die Bestie Mensch in Schach gehalten wird, ist leider etwas ganz Normales:
- Prinzip Ablenkung, am Beispiel Gesellschaft: In den ständigen Diskussionen über Zukunft, Renten und Gesundheit werden Alt und Jung aufeinandergehetzt, Ost und West, Beschäftigte und Arbeitslose, Arbeiter und Rentner, Männer und Frauen, Heterosexuelle und Homosexuelle, ja sogar Dünne und Dicke. Die Uneinigkeit der Vielen in diesem »Bürgerkrieg« garantiert den herrschenden Wenigen volle Handlungsfreiheit. »Der Feind« sitzt nicht mehr oben, er sitzt plötzlich mitten unter uns, neben uns, hinter uns. Wir sind umzingelt. Also wird gekämpft, mit allen Mitteln: Intoleranz, Rechthaberei – leider ohne positive Wirkung und immer gegen die Falschen.
- Prinzip Verblendung, am Beispiel Bürgerrechte: Die Demokratie garantiert die freie Meinung – Fakt oder Irrtum? Tatsächlich sind es immer öfter Geistessurrogate, die wir für unsere eigene Meinung halten. Ausgeheckt von Spin Doctors und PR-Agenturen, dargebracht von den immer gleichen »Forschern« und »Experten«, bilden sie die Blaupausen für die jeweils gewünschte Beeinflussung. Wollen wir die totale Meinung? Selbst die vermeintliche Kritik an dieser Manipulation ist meist noch ferngesteuert: Warner und Mahner gelten schlicht als Weltverschwörer, als paranoid. (In China landen noch heute allzu rege Dissidenten in der Nervenheilanstalt.) Die Folge: Noch nie gab es im Fernsehen so viele Comedy- und Kabarett-Sendungen. Noch nie haben wir so sehr belacht, was uns demnächst blühen kann. Keiner kann sagen, er hätte nichts gewusst.
- Prinzip Umdeutung, am Beispiel Lebensplanung: Eine solide Ausbildung ist nicht länger Garant für eine weitgehend sichere Zukunft. Sie war es im Grunde nie, denn Kriege, Katastrophen, wirtschaftliches Auf und Ab gab es zu allen Zeiten. Doch nach Lehman Brothers, Hypo Real Estate & Co. ist die Ruhighalte-Formel »Wohlstand durch Gehorsam« nicht länger vermittelbar. Die neue Formel lautet »Existenzsicherung durch Pragmatismus«. Sich ganz um seine eigenen Angelegenheiten zu kümmern ist pragmatisch; sich endlos weiterqualifizieren zu wollen ist der neue Ablasshandel: Du bist nichts ohne (d)einen Coach, du brauchst einen Trainer, geh doch mal zum Arzt.
- Prinzip Gleichschaltung, am Beispiel Finanzkrise: Eine Kaste verantwortungsloser Banker agiert straffrei in der vom Gesetzgeber geschaffenen Grauzone, ruiniert auf Jahrzehnte die Staatsfinanzen, aber die Kanzlerin entdeckt das Wir-Gefühl: Wir alle, sagt sie, hätten über unsere Verhältnisse gelebt. Wieder einmal müssen wir alle mit anpacken, den Karren aus dem Dreck ziehen – durch persönlichen Verzicht, durch Kleinere-Brötchen-Backen, durch Einschränkungen auf allen Ebenen. Ein in seiner Leistungsfähigkeit bereits weit heruntertransformiertes Land wird jetzt auch noch herabgewürdigt: Wir waren eben zu gierig, wir müssen das Maßhalten wieder lernen. Wir sind das System, aber systemrelevant sind wir nicht.
- Prinzip Verunsicherung, am Beispiel Datenschnüffelei: Die allgegenwärtige Durchleuchtung der Bürger und die damit verbundene Zerstörung des privaten Schutzraumes dienen, neben kommerziellen Interessen, vor allem der Einschüchterung. Datenwillkür ist eine der stärksten Meinungs-Abwehrwaffen. Um sich nicht »angreifbar« zu machen, sieht man besser zu, im öffentlichen Raum, namentlich im Internet, nicht weiter aufzufallen, am besten ganz unsichtbar zu bleiben – unsichtbar etwa durch die Vermeidung von namentlich gekennzeichneten Meinungsbeiträgen. Der gläserne Bürger, das sind wir alle, und der Staat will, dass uns das bewusst ist.
- Prinzip Abschreckung, am Beispiel Rechtsprechung: De facto gibt es in Deutschland Lynchjustiz für Bagatellsünder (»Getränkebon-Affäre«), aber Daueramnestie für Edelsünder vom Schlage Klaus Zumwinkel. Wo aber Kleinvergehen mit alttestamentarischer Härte geahndet werden, jedoch smart lächelnde Wirtschaftsverbrecher mit Geldstrafen oder Bewährung davonkommen, verkümmert jeglicher »Mut vor Fürstenthronen«.
- Prinzip Aufwiegelung, am Beispiel Ökologie: Die in den Achtziger- und Neunzigerjahren wichtigste politische Strömung, eigentlich ein deutsches, ein »grünes« Markenzeichen, verkommt immer mehr zu einer religionsähnlichen Büßerbewegung. Mithilfe beliebiger apokalyptischer Szenarien lassen wir uns jeden Unsinn als dringend erforderlich verkaufen, etwa die sogenannte Umwelt-/Abwrackprämie. Im Dauerstreit CO2, Klimakatastrophe, Pfand, Atom verbieten die Deutschen sich gegenseitig den Mund. Der private Lebensbereich wird zur Brutstätte von Intoleranz und Radikalität.
- Prinzip Selbstverblödung, am Beispiel Medien: Selbst Leitmedien wie Spiegel, Süddeutsche Zeitung und F.A.Z. kapitulieren inzwischen vor der Oberflächlichkeit, indem sie ganz einfach miterzeugen: In den meisten deutschen Zeitungen und Zeitschriften, in Radio, Fernsehen, Internet geht nichts mehr ohne lauwarme »Servicethemen« und ohne geschwätzigen »Boulevard«. Volkes Stimme wird abgedrängt in elektronische, mithilfe der »Netiquette« zensierte Meinungsreservate (Blogs, Foren, Polls), feigenblattartig versteckt zwischen Sportmeldungen und Börsenticker. In der Krise haben eben andere Dinge Priorität (Spiegel-Online am 4. Januar 2010: »Ungepflegte Füße: Sarah Jessica Parker schnitt Hugh Grant die Zehennägel«). An die Stelle besonnener Berichterstattung ist hektischer Verlautbarungs-Journalismus getreten, eine Seuche namens Kolumneritis breitet sich aus (nochmals Spiegel-Online: »Mattusseks Kulturblog«, »Thomas Tuma meint«, »Verstehen Sie Haas?«). Uns fliegt der Globus um die Ohren, aber keine Angst, die Menschheit ist nur eine einzige Freakshow, denn der Unispiegel deckt auf: »Jungstar Miley Cyrus: Knutschen verboten«. Rudolf Augsteins »Sturmgeschütz der Demokratie« hat sich ohne Not umgepimpt zum Spaßmobil der Klatsch-und-Tratsch-Gesellschaft, und die meisten seiner Mitbewerber eifern ihm nach: Fast alle haben dieselben Themen, die gleiche Herangehensweise, fast identische Meinungen.
- Prinzip Abstumpfung, am Beispiel Schulbildung: PISA, PISA über alles, und trotzdem stehen Heerscharen von Hauptschülern, angeführt von einer Phalanx bestens ausgebildeter Akademiker, auf der Straße. Galt früher noch »Augen zu und durch«, gilt heute »Klappe zu und weg«. Widerspruchsgeist gegenüber Lehrern, Professoren und Mitschülern beziehungsweise Mitstudierenden? Ist nicht mehr opportun. Die Geschwister Scholl haben pflegeleichte Nachfahren hinterlassen: Vom Kindergarten an lernen wir »zielgerichtet« und »teamorientiert« zu denken und zu handeln. Für Zivilcourage, Mitgefühl oder Zweifel ist da wenig Platz.
- Prinzip Aufsplitterung, am Beispiel Kultur: Der Rückbau jeglicher gemeinsamer Kulturerfahrungen (Ersatz Massensport) lässt ein Einheitsgefühl quer durch alle Bevölkerungsschichten nicht mehr aufkommen. Deutschland war geteilt, Deutschland ist geteilt und wird es auch bleiben: Ihr da drüben im Osten, wir hier im Westen. Außer den wechselnden Sportstars in Fußball-Sommern und Jahrhundert-Wintern kriegt das Volk nur noch die ewig gleichen Protagonisten zu sehen. Kein Wunder, dass Günther Jauch (Wer wird Millionär?) zu »Deutschlands klügstem Menschen« gewählt wurde. Die Gleichmacherei nach dem Motto »Für jeden etwas« zergliedert Leser, Hörer, Zuschauer und Nutzer in immer kleinere Ziel- und Meinungsgruppen. Die Bildung buchstäblich »kritischer Massen« wird so unmöglich gemacht.
1.
Die schwerste Frage zuerst: Was ist Demokratie?
Keine Sorge, die Revolutionwird nicht kommen.Wir Deutschen neigen nicht zuAus- und Aufbrüchen.
NORBERT WALTER, ehemaliger Chefvolkswirt der Deutschen Bank
Gefahr im Verzug: Unsere amtierenden Ober-Demokraten treiben es zu bunt. Beweis: Selbst unsere verstummt geglaubten Intellektuellen melden sich wieder zu Wort. Mehr noch, neuerdings sind sie bewaffnet mit Büchern, die wir gerade von ihnen nicht erwartet hätten. Und sie verkaufen diese Bücher sogar, weil es vielen Menschen ähnlich geht wie ihnen: Guck dir das mal an, da stimmt doch was nicht.
Unsere Intellektuellen, sie tragen noch immer, wie gewohnt, Nickelbrillen, aber sie tragen auch, wie ungewohnt, schwarzlederne Schaftstiefel: Michael Jürgs und Juli Zeh. Der eine – Nickelbrille – zählt zu unseren besten Biografen (Romy Schneider, Axel Springer). Die andere – Schaftstiefel – gehört zu unseren besten Literatinnen (Adler und Engel, Schilf).
Doch was ist das? Statt sich weiteren porträtwürdigen Deutschen zu widmen, genug davon gäbe es, wettert Jürgs plötzlich gegen die Seichtgebiete unserer Kultur. Er reibt sich an TV-Proll-Vorbildern wie Mario Barth und warnt, Klappentext, »vor den Folgen einer verödenden demokratischen Kultur«. So sehr ärgert sich der Ex-Chefredakteur (Stern, Tempo) über die Frage, »warum wir hemmungslos verblöden«, dass er sich in der Branche künftig der Nestbeschmutzung zeihen lassen muss: Kein Berufsstand wird so ungern kritisiert wie der der Journalisten.
Ähnlich Juli Zeh. »Eigentlich« ist sie Juristin, schon Vater Wolfgang war Direktor beim Deutschen Bundestag. Als Schriftstellerin könnte Juli Zeh langweiligen Mandanten-Meetings und noch langweiligeren Gerichtssitzungen als glücklich entronnen gelten, als rechtzeitig in die Gefilde der Schöngeistigkeit Gerettete. Aber was passiert? 2008 zieht sie vors Bundesverfassungsgericht und legt sich mit Otto Schily (SPD) an, dem unter Schröder und danach nie anders als im Dreiteiler gesehenen Ex-Bundesinnenminister. Schilys windelweiche Begründung für den von ihm durchgedrückten biometrischen Reisepass – mehr Sicherheit gegen terroristische Anschläge – will sich die Bürgerin Zeh nicht bieten lassen. Dieser »sinnlose Grundrechtseingriff« sei »ein grundsätzliches Problem in einer freiheitlichen Gesellschaft«.
Damit nicht genug. Zusammen mit ihrem Schriftstellerkollegen Ilija Trojanow veröffentlicht Juli Zeh im Sommer 2009 das Buch Angriff auf die Freiheit. Darin warnen die beiden Autoren vor dem immer mächtiger werdenden Überwachungsstaat: »Wenn wir Angst haben, raschelt es überall«, zitieren sie gleich eingangs Sophokles. Richtig: Was da raschelt, sind die Membranen unserer Lautsprecher. Die Kakofonie der Einflüsterer, die uns zu ihrem Gefangenenchor degradieren, macht diese Angstgeräusche, erzeugt dieses Rascheln, und wir hören es wirklich, bilden es uns nicht ein.
Grass und Walser und Handke haben anderes zu tun, Hochhuth hat schon genug getan, Herr Schätzing und Frau Funke sind anderweitig beschäftigt. Aber Michael Jürgs und Juli Zeh. Alarmiert sehen wir sie von Dummschwätzern, aufgerüttelt durch das Rechtsgedreh von Schily, Schäuble, de Maiziere. Abgehalten sind sie von ihren Domänen, weil die Einflüsterei der Regierenden, um die es geht, auch in ihren Ohren klirrt. Wie andere Autoren, die lieber als Romanciers glänzen oder mit ihrem Töchterchen Ponyreiten gehen würden, legen sie darum die Edelfeder beiseite und holen den ganz dicken Edding raus: Vorsicht, wir sind dabei, den Großen Bruder lieben zu lernen! Die Einflüsterer wollen, dass wir auch noch gut finden, was sie uns seit Jahr und Tag zumuten – Leute, wir sind in G-e-f-a-h-r!
Lieber Kollege Jürgs, liebe Kollegin Zeh, lieber Kollege Trojanow, es gibt nur noch zwei Möglichkeiten. Entweder sehen wir uns auf dem Lastwagen, der uns Journalisten, Autoren und Schriftsteller, wie immer, als Erste ins Lager bringt. Oder wir feiern gemeinsam, mit Millionen unserer Landsleute, ein Fest, das mindestens so angebracht wie großartig sein wird, so wie damals, als der Osten es diesen verdammten Menschenkleinkriegern gezeigt hat. Jetzt sind wir dran, die Demokratie zu retten, ausgerechnet wir aus dem kapitalistischen Westen. Dafür kann man Romy Schneider und das Schilf und das Pony schon mal warten lassen.

Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner kriegt es mit

Wir Normalsterblichen, wir Abermillionen, die wir uns zu glauben weigern, das Leben könne tatsächlich so niederträchtig und entmutigend sein, wie es uns jeden Tag dargestellt wird, wir ganz normalen Menschen wünschen uns Berechenbarkeit. Ob uns die Addition, Subtraktion, Multiplikation oder Division unserer ganz privaten Verhältnisse immer zum Vorteil gereicht oder nicht, ist dabei unerheblich. Wir wollen uns – wir müssen uns – darauf verlassen können, dass die Rechnung fair aufgemacht wird. Dieses Fairplay ist Grundlage unseres Daseins. Sonne, Wind, Regen, Schnee, die vier Jahreszeiten und die 24 Stunden eines jeden Tages halten sich daran.
Einige Menschen jedoch tun das nicht. Um ihres eigenen Vorteils willen und zur Durchsetzung uns kaum begreiflicher Ziele – seien sie politischer, religiöser, kommerzieller oder ideologischer Natur – sind sie bereit, ihre Völker in immer neue Kriege zu hetzen. Jetzt haben sie einen neuen Dreh entdeckt: Als friedlich konsumierende Vasallen sind wir Abermillionen ihnen nützlicher. Ohne Kriege bleiben die Häuser stehen und die Autos fahren weiter. In Zyklen kann man das eine wie das andere, die beiden teuersten Anschaffungen unseres Lebens, dennoch ersetzen, ganz ohne Blutvergießen und mit mindestens denselben abnorm hohen Gewinnspannen.
Dennoch mehrt sich der Vorteil besagter Menschen in der von ihnen gewünschten Weise, denn wir bezahlen, so oder so, laufend den jeweils von uns geforderten Preis, regelmäßige, »inflationsbedingte« Anhebungen inbegriffen. So gründlich haben sie uns diesen Tribut eingeredet, dass es uns unnatürlich vorkäme, müssten wir ihn ab morgen nicht mehr entrichten: Nicht der Preis für den uferlosen Konsum, ohne den das »moderne Leben« angeblich undenkbar wäre, ist gemeint, auch nicht der Preis für die fragwürdige Freiheit, unser Einkommen an jedem Ersten ganz selbstverständlich unter den vielen Abgreifern des Alltags aufzuteilen: Steuern, Sozialabgaben, Miete, Energie, Kommunikation, Versicherungen, Lebensmittel plus ein paar Kleinigkeiten.
Gemeint ist unser Vertrauen, unser ganz kindliches, naives Vertrauen auf eben jene Verlässlichkeit, auf jenes Stück Ehrlichkeit, ohne das wir nicht auszukommen glauben. Denn immer noch hoffen wir, in einer Demokratie wäre, bei allen auch hier vorkommenden Gaunereien, »das Gute« letztlich die Wesensart dieser Staatsform; schließlich sagen wir »Vater Staat« nur in der Demokratie, und nur in ihr meinen wir ihn auch so. Niemandem würde es einfallen, denselben Begriff in einer Diktatur oder auch nur in einer Monarchie zu verwenden.
Jetzt jedoch, inmitten der Umwälzung unserer sämtlichen Lebensumstände, müssen wir erfahren, dass es den Schutz und die Güte, die wir etliche Jahrzehnte lang mit diesem warmen Begriff verbunden haben, nicht mehr gibt. Vater Staat hat sich davongemacht, mit all seinen glücklich machenden Eigenschaften: Gerechtigkeit, Gleichheit, Zuverlässigkeit, Schutz.
Demokratie, was bedeutet das plötzlich nur noch? Definiere »Demokratie«!
Also: Demokratie ist der Unterschied zwischen Politikerversprechen und Hartz-IV-Leistungsverweigerungsbescheid. Demokratie ist Dieter Bohlen als Udo-Jürgens-Double. Demokratie ist ein Film von Alfred Hitchcock, der von Quentin Tarantino umgeschnitten wurde. Demokratie bringt Hunderte Menschen in Sicherheit, aber Millionen andere in Gefahr.
Demokratie ist das Jenny-Packham-Abendkleid, das zu einer Küchenschürze verwurstet wird; das Manolo-Blahnik-Schühchen, das als Badelatsche dient. Demokratie, das sind Politiker, die jedes zweite Wort nach »Schlaf« klingen lassen und jedes dritte nach »Tablette«. Demokratie ist der unter falschem Namen eingezogene Nachbar, der noch auf dem Umzugswagen versprochen hatte, nachts die Musik nicht so laut zu stellen. Demokratie ist der Grass’sche Blechtrommler, dem man die Sticks geklaut hat. Demokratie ist, wenn August Baron von Finck, Milliardär und Miteigenentümer der Mövenpick-Gruppe, der FDP 1,1 Millionen Euro spendet und diese darauf hinwirkt, dass der Mehrwertsteuersatz für Hotel-Übernachtungen von 19 auf 7 Prozent gesenkt wird. Demokratie ist, wenn Schwarz-Gelb lachende Erben um 400 Millionen Euro entlastet, aber duldet, dass Hartz-IV-Empfänger als Schmarotzer diffamiert werden.
Demokratie wird immer häufiger totgeflüstert. Zu Demokratie fällt uns viel zu häufig viel zu wenig ein.
Dabei braucht Demokratie Visionen, selbst wenn man als Visionär von Helmut Schmidt persönlich in die Raucherabteilung der nächsten Nervenheilanstalt eingewiesen wird. Demokratie wird erst wieder möglich sein, wenn Pflichtverteidiger den Ex-Vorständen von Hypo Real Estate und HSH Nordbank beibiegen müssen, dass »lebenslänglich« nun mal lebenslänglich bedeutet. Bis dahin ist Demokratie, wenn Arbeiter zu Leistungsempfängern gemacht werden, weil ihre Chefs sich selbst zu lange als Leistungsträger bezeichnet haben. Demokratie ist auch, wenn kein Finanzhai Angst um seine Flossen haben oder wenigstens dieselben heben muss. Demokratie ist nämlich, wenn die Staatsanwaltschaft Bochum Klaus Zumwinkel mit dem neuesten Modell der S-Klasse abholen kommt statt mit der Grünen Minna. Demokratie ist das semantische Kunststück, dem Volk jede nur denkbare Freiheit in die Verfassung zu schreiben, aber alles Weitere im Kleingedruckten von Bundesgesetzen zu regeln. Darum ist Demokratie unter allen anderen Staatsformen die weiße Weste, die sich schon im Kosovo, im Irak, in Afghanistan, so gut wie überall auf der Welt im Dreck gewälzt hat.
Demokratie ist ein Wort aus Orwells Neusprech.
Sie ist das Privileg, Nichtwähler als Nicht-Demokraten bezeichnen zu dürfen. Demokratie ist, wenn die unübersehbare Armut im Lande umgetauft wird in »Prekariat«, womit eines der drängendsten Probleme auf einen Schlag gelöst ist. Demokratie ist die blonde Schauspielerin, die von ihrer notorischen Talentschwäche ablenkt, indem sie sich starkmacht für Elitekindergärten. Demokratie ist dieser erfolgreichste deutschsprachige Sänger, dem seit 40 Jahren die richtigen Worte für ein deutschsprachiges »This Land Is Your Land« nicht einfallen wollen. Demokratie ist, wenn ein Teil der Gesellschaft gerade mal ein Prozent aller Kinder als Hochbegabte vergöttert und ihnen Eiskugeln spendiert, während er den restlichen 99 Prozent nur eine Finanzierung für gebrauchte Eiswaffeln bietet.
Demokratie ist maßlos.
Denn Demokratie ist ja auch, Hartz-IV-Empfängern mit 150 Euro pro Monat den Mund zu stopfen, damit deren Ruf nach mehr Kindertagesplätzen nicht all die Prinzchen und Prinzessinnen stört, für die dann mehr Plätze freibleiben. Demokratie hieß früher mal Raider, dann Twix, dann kurzzeitig wieder Raider, ehe es dem Postzusteller zu blöd wurde und er einfach auf jede Sendung schrieb: unbekannt verzogen. Demokratie ist der kollektive Zwang zur individuellen Freiheit, selbst wenn diese Freiheit Arbeitsplatzabbau bedeutet, Lebens(t)raumvernichtung, Zerstörung der Umwelt, ja der Nachwelt. Demokratie ist der zerschundene Körper eines Balletttänzers, der nur noch seine Ellbogen gebrauchen kann. Demokratie ist die Freiheit, als Politiker lügen, stehlen und betrügen zu dürfen, ohne dafür je im Gefängnis zu landen – oder kennt irgendwer einen aktuell einsitzenden Ex-Innenminister, Ex-Finanzminister, Ex-Ministerpräsidenten, geschweige denn einen Ex-Bundeskanzler?
Demokratie ist ein Missverständnis in unzähligen Fortsetzungen.
Demokratie ist, wenn rechte Spitzfindigkeiten höher ragen dürfen als Minarette und die gesamten Schweizer Alpen. Demokratie ist die Unerbittlichkeit, die Köpfe von Kindern und Jugendlichen so sehr mit Unfug vollzustopfen, bis diese einen Sheriffstern nicht mehr von einem Judenstern unterscheiden können. Demokratien sind Gesellschaften, denen egal ist, was aus fünf Prozent ihrer Bürger wird; so groß ist der Anteil sogenannter Lernbehinderter, die als Reservearmee von ungelernten Arbeitskräften angesehen werden, solange man sie in »Förderschulen« genannten Sonderschulen parken kann. Demokratie ist, wenn Verwaltungsgerichte blitzentscheiden, dass ein verstorbener Neonaziführer von seinen Anhängern in einer als Trauerzug getarnten Kundgebung verherrlicht werden darf. Demokratie sind 30 Fernsehchefs, die jeden Abend mit dem Gefühl einschlafen, morgen früh Quotensieger zu sein, weil ARTE, 3sat und der ZDF-Theaterkanal das wahre Programm unter Ausschluss der Öffentlichkeit senden müssen. Demokratie ist, wenn verunfallte Ex-Landeshauptmänner lauter beweint werden als die Tragik, sich mit einem Surrogat als Kanzler zufriedengeben zu müssen. Demokratie ist, wenn man seine Bankkunden zu Tausenden den amerikanischen Steuerbehörden zum Fraß vorwirft, nur um ein paar Monate länger seinen Status als ehemals sicherster Finanzplatz halten zu können.
Demokratie ist manchen Leuten schon wieder viel zu demokratisch: Wie wär’s mit einem Salto rückwärts? Denn vielleicht ist Demokratie nur eine unfrankierte Postkarte, auf der geschrieben steht: Liebling, es ist aus. Und übrigens, ich habe dich nie geliebt.
2.
Wer sind die Einflüsterer, und was wollen sie erreichen?
Was dieser Tage in Washington herumhängt,könnte Amerika nicht einmalaus einer Papiertüte herausführen.Es geht einzig ums Plündernund um persönliche Bereicherung.Berufspolitiker sind die Kriminellen der Moderne.
KINKY FRIEDMAN, US-Musiker und Schriftsteller