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Die unerzählte Geschichte einer Racheaktion In Die Einstein-Vendetta erzählt Thomas Harding die Geschichte eines bislang verdrängten Verbrechens, das kurz vor Kriegsende im noch immer unter faschistischer Herrschaft stehenden und von der Wehrmacht besetzten Norden Italiens geschah. Und von der wie so oft vergeblichen Suche nach Gerechtigkeit. Italien, Sommer 1944 Eine Gruppe deutscher Soldaten trifft in einer Villa in der Nähe von Florenz ein. Hier, in der Villa Il Focardo, wohnt Robert Einstein, der Cousin des berühmtesten Wissenschaftlers der Welt, Albert Einstein, eines der prominentesten Gegner des Naziregimes und Lieblingsfeinds von Adolf Hitler. Nachdem er ein Jahrzehnt zuvor seine deutsche Staatsbürgerschaft aufgeben musste, ist Albert Einstein in Amerika in Sicherheit, weit außerhalb von Hitlers Reichweite. Für seinen Cousin gilt dies jedoch nicht. An ihm kann das Naziregime sich rächen. Zwölf Stunden nach ihrer Ankunft sind die Soldaten verschwunden – und eine Familie ist tot. Dieses Verbrechen – und was danach geschah – verfolgt die Überlebenden noch heute. Wer hat die Morde angeordnet? Wer war daran beteiligt? Und warum kamen die Täter ungestraft davon?
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Veröffentlichungsjahr: 2025
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Die englischsprachige Originalausgabe erschien 2025unter dem Titel The Einstein Vendetta bei Michael Joseph.Michael Joseph ist Teil der Unternehmensgruppe Penguin Random House.
Copyright © 2025 Thomas Harding
Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Weise für das Training von Technologien oder Systemen der künstlichen Intelligenz verwendet oder vervielfältigt werden. Dieses Werk ist vom Text- und Data-Mining ausgenommen (Artikel 4 Absatz 3 der Richtlinie (EU) 2019/790)
Gesetzt aus der Garamond
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Für die deutsche Ausgabe:
© 2025 Verlagshaus Jacoby & Stuart
Verlagshaus Jacoby & Stuart GmbH, Esmarchstr. 25, 10407 Berlin
E-Mail: [email protected]
Aus dem Englischen von Nicola T Stuart
Alle Rechte vorbehalten
Printed in Latvia
ISBN 978-3-96428-293-4 (print)
ISBN 978-3-96428-303-0 (epub)
www.jacobystuart.de
Thomas Harding
Hitler, Mussolini unddie wahre Geschichte eines Mordes
Aus dem Englischen vonNicola T Stuart
ZUM GERICHTSURTEIL
Ein Antrag des britischen Journalisten und Schriftstellers Thomas Harding auf Einsicht in die Ermittlungsakte zum Mord an der Familie von Robert Einstein war von der Staatsanwaltschaft Frankenthal (Pfalz) abgelehnt worden. Er klagte – und bekam vor dem Verwaltungsgericht Recht: An der Presserecherche bestehe »aufgrund der historischen Dimension der strafrechtlichen Aufarbeitung von Verbrechen aus der NS-Zeit weiterhin ein herausgehobenes öffentliches Interesse«, entschieden die Richter.
– dpa, 20.11.2023
AUS DER PRESSE
Fesselnd … ein gut recherchiertes, hervorragend geschriebenes und äußerst wichtiges Buch.
– ANNE SEBBA, SPECTATOR
Ich habe dieses Buch regelrecht verschlungen. Bemerkenswert. Total fesselnd.
– EDMUND DE WAAL
Mit dem erzählerischen Elan eines großen Romanciers und der akribischen Recherche eines großen Historikers hat Harding ein bewegendes, lehrreiches und wichtiges Buch geschaffen.
– DON BROTZEL, THE HERALD
Ich kann nicht in Worte fassen, wie sehr mich dieses Buch bewegt hat. Ein absoluter Triumph.
– ALLAN LITTLE
Die »Einstein Vendetta« wird Ihnen das Herz zerreißen und gerechte Empörung hervorrufen. Harding fängt die allgemeine Atmosphäre der Toskana zu Kriegszeiten, die Angst, die die Familie in ihren letzten Stunden empfunden haben muss, und den unmenschlichen Tribut, den die Hinrichtungen forderten, wunderbar ein. Er erzählt all dies mit Verve und Mitgefühl.
– THE TELEGRAPH
Für Christoph Partsch, der es möglich gemacht hat
Vendetta:
Rache, die sowohl den direkten Täter als auch ein Mitglied seiner Familie treffen kann.
– Grande Dizionario Italiano
Vendetta:
(Italienisch) Blutrache.
– Meyers Enzyklopädie
Personenverzeichnis
Karten
Stammbaum der Familie Einstein
Anmerkung des Autors
TEIL 1
VERBRECHEN
KAPITEL 1Il Focardo, 1944
KAPITEL 2München, 1884
KAPITEL 3Rom, 1921
KAPITEL 4Il Focardo, 1944
KAPITEL 5Il Focardo, 1938
KAPITEL 6Florenz, 1943
KAPITEL 7Il Focardo, 1944
KAPITEL 8Princeton, New Jersey, 1944
KAPITEL 9Il Focardo, 1944
KAPITEL 10Il Focardo, 1944
KAPITEL 11Il Focardo, 1944
KAPITEL 12Il Focardo, 1944
TEIL 2
NACHSPIEL
KAPITEL 13Il Focardo, 1944
KAPITEL 14Il Focardo, 1944
KAPITEL 15Il Focardo, 1944
KAPITEL 16Il Focardo, 1944
KAPITEL 17Il Focardo, 1945
KAPITEL 18Il Focardo, 1945
KAPITEL 19Il Focardo, 1945
KAPITEL 20Princeton, New Jersey, 1945
TEIL 3
GERECHTIGKEIT
KAPITEL 21Rom, 1994
KAPITEL 22Köln, 2002
KAPITEL 23Ludwigsburg, 2005
KAPITEL 24Frankenthal, 2011
KAPITEL 25Rom, 2016
KAPITEL 26München, 2019
KAPITEL 27College Park, Maryland, 2023
KAPITEL 28Florenz, 2023
Epilog
Abkürzungen
Anmerkungen
Bibliographie und Quellenangaben
Danksagung
Abbildungsverzeichnis
Register
Über den Autor
FAMILIE EINSTEIN
Robert Einstein
– Ninas Ehemann, Vater von Luce und Cicì
›Nina‹ (Agar) Einstein
– Roberts Ehefrau, Mutter von Luce und Cicì
Luce Einstein
– Roberts und Ninas Tochter
›Cicì‹ (Anna Maria) Einstein
– Roberts und Ninas Tochter
Seba Mazzetti
– Ninas Schwester
Anna Maria Boldrini
– Roberts und Ninas Nichte und Patentochter
Lorenza Mazzetti
– Roberts und Ninas Nichte, Schwester von Paola
Paola Mazzetti
– Nichte von Robert und Nina, Schwester von Lorenza
Maja Einstein
– Roberts Cousine ersten Grades, Schwester von Albert
Albert Einstein
– Roberts Cousin ersten Grades, Bruder von Maja
IL FOCARDO
Orando Fuschiotti
– Gutsverwalter oder fattore
Erenia Fuschiotti
– Ehefrau von Orando
›Pipone‹ (Egisto) Galante
– stellvertretender Gutsverwalter
Giulia Galante
– Ehefrau von Pipone
ERMITTLER
Milton R. Wexler
– Major und Kriegsverbrechensermittler, New York
Carlo Gentile
– Historiker, Köln
Thomas Will
– Richter, Kriegsverbrechensermittler, Ludwigsburg
Hubert Ströber
– Staatsanwalt, Frankenthal
Marco De Paolis
– Militärstaatsanwalt, La Spezia und Rom
Barbara Schepanek
– Fernsehjournalistin, München
Brian Dalrymple
– forensischer Experte, Toronto
Dies ist ein Sachbuch. Daher habe ich mich für dieses Buch auf Untersuchungsberichte, schriftliche Zeugenaussagen, Briefe, offizielle Aufzeichnungen, Fotos und andere Archivdokumente gestützt. Mir wurde auch die seltene Möglichkeit gewährt, über die öffentlichen Aufzeichnungen hinaus Einsicht zu bekommen. Nachdem ich einen Gerichtsprozess um die Akteneinsicht gewonnen hatte, erhielt ich eine Kopie der Akten der deutschen Staatsanwaltschaft, das erste Mal, dass ein Journalist in Deutschland Zugang zu solchen Dokumenten erhalten hat. Und ich hatte das Privileg, mit verschiedenen Augenzeugen zu sprechen, darunter vielen, die über neunzig Jahre alt waren und mir Details lieferten, die nur diejenigen liefern können, die ein Ereignis aus erster Hand erlebt haben.
Seitdem die in diesem Buch geschilderten Ereignisse stattgefunden haben, gab es zahlreiche Versuche, den Geschehnissen auf den Grund zu gehen. Wenn neue Informationen verfügbar wurden, änderten sich die Betrachtungsweisen, die Geschichtsbeurteilungen wurden immer wieder überarbeitet. In Italien gibt es zwei Wörter für Erinnerung: ricordo und memoria. Das erste enthält das Wort cor, was »Herz« bedeutet, und beschreibt eine emotionalere, persönlichere und fließendere Erinnerung; das zweite Wort stammt vom lateinischen Wort mens, was »Geist« bedeutet, und ist objektiver, kollektiver und stabiler. Dieses Buch versucht sowohl ricordo als auch memoria einzufangen, in dem Bestreben, die vollständige Wahrheit zu finden.
Es war eine solche Nacht, dass man wusste, dass menschliche Augen sie nicht bezeugen und dann überleben könnten.
– Primo Levi
Robert Einstein versteckte sich in den Wäldern, knapp fünfundzwanzig Kilometer südöstlich von Florenz, weit weg von seinem Haus, weit weg von seiner Familie. Seit zwei Wochen hatte er sich nun schon versteckt gehalten, in Sichtweite seiner Villa, aber verborgen. Alles, was er bei sich hatte, waren eine Decke und ein Buch, das er schnell aus seiner Bibliothek geholt hatte. In manchen Nächten schlief er auf dem Erdboden unter Zypressen, Eichen und Haselnusssträuchern. An anderen Nächten fand er Zuflucht bei einem örtlichen Bauern. Aus Angst, sein Aufenthaltsort könnte den Nazis, die nach ihm suchten, verraten werden, blieb er nie länger als vierundzwanzig Stunden an einem Ort.
Zwei Wochen zuvor hatten Mitglieder der Division Hermann Göring laut an seine Haustür geklopft und verlangt, ihn zu sprechen. Glücklicherweise hatte er zu der Zeit auf den Feldern gearbeitet, und die deutschen Besucher waren weggeschickt worden. Später setzte er sich mit seiner Frau Nina und den beiden erwachsenen Töchtern Luce und Cicì zusammen und besprach mit ihnen, was zu tun sei. War es sicherer, zusammenzubleiben oder sich zu trennen? Letztendlich waren sie sich einig, dass es am besten wäre, sich zu trennen: Die Frauen würden in der Villa bleiben, und er würde sich irgendwo in der Nähe verstecken. Schließlich war Robert das Ziel, und so musste er derjenige sein, der sich versteckte. Falls die Deutschen zur Villa zurückkehrten, würden die Frauen sagen, dass er weg war. Es hatte schon einmal funktioniert, warum nicht noch einmal? Nina, Luce und Cicì waren Christinnen, das würde sie doch sicherlich vor jeglicher möglichen Gewalt schützen.
Doch seit er sich verabschiedet hatte – nachdem er seine Töchter lange umarmt und seine Frau auf die Wange geküsst hatte –, nagte die Angst an ihm, sie könnten die falsche Entscheidung getroffen haben. Hatten sie wirklich alle Optionen in Betracht gezogen? Waren Nina, Luce und Cicì tatsächlich sicher? Getrennt voneinander zu sein, gab ihm das Gefühl, machtlos zu sein. Machtlos, auf sich ändernde Umstände zu reagieren. Machtlos, seine Familie zu schützen. Mehr als einmal hatte er darüber nachgedacht, zur Villa zurückzukehren. Zumindest wären sie dann zusammen und könnten sich allen Widrigkeiten, die auf sie zukämen, gemeinsam stellen. Aber dann erinnerte er sich an die Gründe, warum sie sich überhaupt getrennt hatten, und so hielt er widerwillig an dem Plan fest: Sie würden getrennt bleiben, bis sich die Bedingungen änderten.
Zwei Wochen lang hatte er daher im Verborgenen gewartet, von Angst gelähmt, in der Hoffnung, dass sich etwas ändern würde. Als Ingenieur betrachtete er sich als Mann der Vernunft. Er verließ sich weder auf Glauben oder Aberglauben, noch war er jemand, der betete. Er beurteilte eine Situation anhand der Fakten, und wenn er im Wald auf jemanden stieß – einen Bauern auf dem Weg zu einem der umliegenden Dörfer, eine Gruppe von Partisanen auf dem Weg von einer Aktion zur nächsten, einen Schwarzmarkthändler, der mit Zigaretten, Eiern oder Käse handelte – erkundigte er sich stets nach den neuesten Nachrichten. Meistens war er jedoch allein. Und so lauschte er aufmerksam auf die Geräusche um ihn herum, auf das Bumm-Bumm der Artilleriegeschosse, die immer näherkamen, auf das widerhallende Grollen der B–24 und anderer alliierter Bomber, die immer öfter über ihn hinwegflogen, auf das Rat–tat–tat des Maschinengewehrfeuers, das immer lauter und häufiger von den Hügeln der Umgebung zu hören war. Aus all dem schloss er, dass die amerikanischen und britischen Bodentruppen bald in Florenz eintreffen und mit ihren überlegenen Ressourcen die gefürchteten Deutschen aus der Region vertreiben würden und er endlich in der Lage sein würde, sich wieder mit seiner Familie zu vereinen. Sie wären in Sicherheit.
Hin und wieder konnte Robert, und das war immer das Beste, Informationen aus einer noch willkommeneren Quelle bekommen, nämlich von seiner geliebten Frau. So kam es, dass Robert Einstein am 3. August 1944 um sieben Uhr morgens am Waldrand stand und auf ihre Schritte lauschte. Obwohl dieser Besuch im Voraus vereinbart worden war, hatten sie auch vereinbart, dass Nina wegbleiben sollte, wenn es Anlass zur Sorge gab, sodass immer ungewiss blieb, ob sie wirklich kam. Die Minuten verstrichen in relativer Ruhe; es war zu spät für die nächtlichen Luftbombardements und zu früh für einen Nahkampf. Gelegentlich wurde die angespannte Stille durch den Schrei eines unsichtbaren Vogels oder das Rascheln eines kleinen Säugetiers, das durch das Unterholz huschte, unterbrochen.
Dann hörte Robert das Knirschen sich nähernder Schritte. Obwohl leise – wer auch immer kam, bemühte sich den Lärm gering zu halten – hallte das Geräusch in der trockenen Sommerluft gefährlich vom felsigen Pfad wider. Er fing ein paar geflüsterte Worte auf. Als er die Stimme seiner Frau erkannte, rief er ihren Namen, und wenige Augenblicke später blickte er in ihr Gesicht; sie trug ein kleines Paket, und ihre Stirn war schweißgebadet. Mitten im toskanischen Sommer war es bereits drückend heiß, aber hier im Schatten war es glücklicherweise kühler. Außerdem war diese Stelle nicht einsehbar, weshalb sie sie für ihr Treffen ausgewählt hatten.
Darum bemüht, nicht aufzufallen, standen sie eng beieinander und begrüßten sich in gedämpftem Ton. Nina teilte ihm die neuesten Nachrichten mit, dass es den Mädchen gut gehe, dass die Pfirsichernte auf dem Anwesen begonnen habe, dass laut dem Bericht vom Vorabend im BBC-Radio die alliierten Streitkräfte nur noch gut 30 Kilometer südlich von Florenz stünden. Wie lange würde er noch im Wald bleiben müssen? Vielleicht nicht mehr allzu lange. Die britischen und amerikanischen Bodentruppen waren noch näher, als er gehofft hatte. Nach vier Jahren Krieg und elf Monaten deutscher Besatzung könnte bald alles vorbei sein, vielleicht schon in dieser Woche. Vielleicht sogar schon morgen. Es sah so aus, als hätte sich die Entscheidung, die Familie zu trennen – Nina und die Mädchen in der Villa, Robert im Wald – ausgezahlt.
Während Roberts Frau sprach, blickte er sie an. Nina war neunundfünfzig Jahre alt, mit mandelförmigen Augen, schmalen Lippen und schulterlangen dunklen Haaren. Sie sprach noch immer mit norditalienischem Akzent, obwohl sie seit Jahrzehnten in Rom und der Toskana lebte. Tatsächlich hatte sich Nina seit ihrem ersten Treffen vor mehr als dreißig Jahren kaum verändert, und ihre Liebe zueinander war mit dem Alter nur noch gewachsen. Was Robert betraf, so waren sein Bart und seine Haare zwar mit weißen Strähnen durchsetzt, aber er fühlte sich jünger als seine sechzig Jahre. All die vielen Jahre, in denen er zusammen mit den contadini, den Landarbeitern, auf den Feldern gearbeitet hatte, hatten ihm Vitalität und Ausdauer verliehen. Und da er in München aufgewachsen war, hatte auch er einen Akzent, obwohl er sich nicht sicher war, ob seine teutonischen Wurzeln nun ein Hindernis oder ein Vorteil waren.
Sie sprachen weiter über die Ereignisse und vermieden dabei bestimmte Themen. Nina wollte nicht wissen, wo Robert übernachtete, für den Fall, dass sie befragt würde. Es bestand auch keine Notwendigkeit, den Ablauf für den Notfall zu besprechen. Das hatten sie bereits vielfach durchgesprochen. Wenn Nina zu einem nicht vereinbarten Zeitpunkt nach ihm suchen würde, sollte er versteckt bleiben. Auf keinen Fall würde er sich zu erkennen geben, selbst wenn sie verzweifelt wirkte.
Sie waren am Ende ihres Gesprächs angelangt, als sie ein gewaltiges Krachen aus Richtung der Villa hörten. Es klang, als wäre etwas Massives zerbrochen. Nina war sich nicht sicher, was es sein könnte, und hatte Angst. Schnell verabschiedete sie sich von ihrem Mann und eilte davon. Robert sah ihr nach, wie sie den Sandweg hinunter verschwand.
Nina rannte den ganzen Weg und hielt dabei ihr langes Bauernkleid hoch. Es dauerte fünf Minuten, bis sie die hohen schmiedeeisernen Tore ihrer Villa – Il Focardo – erreichte. Sie bog in die von Zypressen gesäumte Auffahrt ein, bis sie keuchend und schweißgebadet den Haupteingang erreichte und sofort sah, was den Lärm verursacht hatte. Die Eingangstüren waren aufgeschlagen worden. Es musste einer enormen Kraftanstrengung bedurft haben, um diese massiven Balken zu zerbrechen. Sie kletterte über die zersplitterten Trümmer in den Hausflur. Dort war sie mit den Verursachern der Zerstörung konfrontiert. Vor ihr standen sieben schwer bewaffnete deutsche Soldaten.
Nina wollte wissen, was los war. Sie sprach fließend Deutsch, da sie jahrelang mit Robert in Bayern gelebt hatte. Der Kommandant ignorierte die Frage und fragte nach ihrem Namen, woraufhin sie antwortete, sie sei Nina Einstein. Er fragte dann, wo ihr Mann sei, und Nina sagte, sie wisse es nicht. Der Kommandant blieb hartnäckig. Sie hätten den Befehl, ihn zu verhaften, sagte er, und er sei sich sicher, dass Robert in der Nähe versteckt sei. Es sei sinnlos, es zu leugnen. Wo war er? Nina schwieg weiterhin.
Die angespannte Situation wurde durch die Ankunft der übrigen Haushaltsmitglieder unterbrochen. Zuerst kamen Ninas zwei Töchter. Luce, die ältere, war siebenundzwanzig und im letzten Jahr ihres Medizinstudiums an der Universität von Florenz. Sie war groß und schlank, mit dunklem, schulterlangem Haar wie ihre Mutter, und wie ihre Mutter trug sie gerne praktische Bauernkleidung. Cicì, die jüngere, war achtzehn Jahre alt. Sie besuchte das Michelangiolo-Gymnasium in Florenz, eines der besten der Stadt, wo sie überwiegend gute Noten erzielte und in Religion, Italienisch und Geschichte herausragte, doch laut ihren Lehrern in Mathematik und Physik noch besser werden musste. Sie war einen Kopf kleiner als Luce, hatte blondes welliges Haar und ein Grübchen im Kinn; im Gegensatz zu ihrer ernsteren Schwester trug sie eher kurze, modische Kleider, die knapp über den Knien endeten. Bei ihnen war Alì, der Schäferhund der Familie, der durch den Raum tapste und an den schwarzen Stiefeln und gestärkten Uniformen der Soldaten schnüffelte, neugierig auf diese Fremden mit ihren ungewohnten Gerüchen. Kurz darauf kam Ninas jüngere Schwester Seba herein, gefolgt von Anna Maria (der achtzehnjährigen Tochter von Ninas anderer Schwester Ada) und den Zwillingen Lorenza und Paola (den siebzehnjährigen Töchtern von Ninas Bruder Corrado). Der Flur war nun überfüllt. Die sieben italienischen Frauen standen in der Nähe des Eingangs. Sieben deutsche Soldaten standen ihnen gegenüber.
Der Kommandant fragte Nina erneut nach dem Aufenthaltsort von Robert Einstein. Der Deutsche, so konnte Nina beobachten, war in den Dreißigern, hatte ein hageres Gesicht und trug eine runde Metallbrille. Sie antwortete nicht. So hatten sie es vereinbart. Wenn Soldaten nach ihm suchten, hatten sie beschlossen, dass es das Beste sei, zu schweigen.
Der Kommandant versuchte es erneut, seine Stimme wurde nun lauter. Wo war ihr Ehemann? Wo war der Vetter von Albert Einstein?
Robert Einstein wurde am 27. Februar 1884 um 8:30 Uhr morgens im Haus seiner Eltern in München geboren. Laut seiner Geburtsurkunde waren seine Mutter Ida und sein Vater Jakob »mosaischen Glaubens« (jüdisch). Sie wohnten mit Jakobs Bruder Hermann Einstein und seiner Frau Pauline sowie deren Kindern zusammen: der zwei Jahre alten Maja und dem vier Jahre alten Albert.
Die beiden Familien lebten erst in einem Haus in der Müllerstraße 3, südlich der Altstadt. Ein Jahr nach Roberts Geburt bauten sie ein zweistöckiges Haus am Rengerweg 14 (später Adlzreiterstraße), einer ruhigen Straße knapp fünf Kilometer südwestlich vom Stadtzentrum. Sie waren die einzigen Bewohner, kochten oft miteinander und traten gesellschaftlich gemeinsam auf. Einem Chronisten zufolge gehörten die Einsteins zur soliden oberen Mittelschicht.
Im Herbst 1888 lebten vier kleine Kinder im Haus, nachdem Ida ein Mädchen zur Welt gebracht hatte, das sie Edith nannten. Und während der junge Albert dazu neigte, ein Eigenbrötler zu sein, – später sollte er sagen, dass er »innerlich gehemmt und weltfremd« gewesen sei – verbrachte er viel Zeit mit seinem Cousin Robert. Die Familien lernten auch gemeinsam, Jakob half Albert bei seinen Mathematikaufgaben.
Es war ein musikalisches Haus: Pauline, die eine gute Pianistin war, unterrichtete Robert und Maja im Klavierspiel, während Albert Mozart- und Beethoven-Sonaten auf der Geige spielte. Die Kinder spielten gerne zusammen. Einer ihrer Lieblingsplätze war unter der prächtigen Reihe hoher Bäume, die vor dem Haus standen. Insgesamt lebten Robert und Albert elf Jahre lang in demselben Gebäude. Und obwohl Robert vier Jahre jünger war als Albert, hegten sie eine tiefe Zuneigung füreinander. Sie standen sich nahe; manche würden sie als Bruder-Cousins bezeichnen.
Roberts Vater und Onkel leiteten ein Elektrotechnikunternehmen namens »J. Einstein & Co.«, das Geräte für die Elektrifizierung öffentlicher Plätze herstellte. Ihre Fabrik stand nur wenige hundert Meter entfernt von ihrem Haus in der Adlzreiterstraße. Der ausgebildete Ingenieur Jakob war für die wissenschaftlichen Aspekte des Unternehmens verantwortlich, während Hermann sich auf die kommerzielle Seite konzentrierte, einschließlich Personalwesen, Marketing und Buchhaltung. Ihre Persönlichkeiten waren jedoch nicht unbedingt für diese Aufgaben geeignet. Hermann mögen aufgrund seiner nachdenklichen Natur die Qualitäten gefehlt haben, die von einem Geschäftsmann verlangt werden, während Jakob ständig nach Neuem und Veränderung gesucht haben und unfähig gewesen sein soll, aus Scheitern zu lernen, auch sei er ein übereifriger und sogar sturer Optimist gewesen, erinnerte sich Maja später. Aber zumindest für eine Weile florierte das Unternehmen. Bis 1890 war die Zahl der Beschäftigten von zwanzig auf 200 gestiegen. Zu den Projekten gehörten die Elektrifizierung des Oktoberfestes auf der Theresienwiese, die Bereitstellung von Straßenlaternen in Schwabing sowie die Installation von Beleuchtung in mehreren Cafés, einem Irrgarten und einem Schießstand. Das Unternehmen war in jeder Hinsicht ein Erfolg.
Roberts Eltern und Onkel und Tante hatten ein entspanntes Verhältnis zu ihrem Judentum. »In der Familie selbst herrschte ein feinsinniger, in religiöser Beziehung dogmenfreier Geist«, schrieb Maja. »Von religiösen Dingen und Vorschriften wurde nicht gesprochen.« Das heißt nicht, dass die Einsteins ihr jüdisches Erbe ablehnten. Im Gegenteil, sie folgten vielen der religiösen Traditionen. Als er ein Säugling war, wurde Robert beschnitten, und später, als kleines Kind, wurde er in den Grundlehren des Judentums unterwiesen. Jedes Frühjahr versammelte er sich mit dem Rest der Familie zu Hause um den Tisch, um Seder zu feiern und die Geschichte der Flucht der Juden aus der Sklaverei in Ägypten nachzuerzählen. Die Familie gehörte auch der jüdischen Gemeinde in München an, die nur fünfzehn Gehminuten von ihrem Haus ihren Sitz hatte. Robert und die anderen zogen ihre besten Kleider an wenn sie an den wichtigsten jährlichen Gottesdiensten teilnahmen, darunter Jom Kippur und Rosch ha-Schana.
Als Robert sechs Jahre alt war, begann sein Cousin Albert, sich intensiv für das Judentum zu interessieren. Maja erinnerte sich, dass Albert daraufhin »in seinem religiösen Gefühl so voller Eifer war, dass er von sich aus sich genau an alle Einzelheiten religiöser Vorschriften hielt. Zum Beispiel aß er kein Schweinefleisch.« Wahrscheinlich verzichtete er auch auf den Verzehr von Schalentieren und ermutigte seine Familie, ihr Fleisch bei einem koscheren Metzger zu kaufen. Pauline oder Ida wären nicht bereit gewesen, separate Mahlzeiten zuzubereiten, sodass die ganze Familie nun den Speiseplan des jungen Albert befolgen musste. Es dauerte jedoch nicht lange, bis Alberts wachsendes Interesse an der Wissenschaft seinem religiösen Überschwang ein Ende setzte. Zu diesem Zeitpunkt kehrten die Essgewohnheiten der Familie zur allgemeinen Erleichterung zu ihrem normalen Zustand zurück.
Im Frühjahr 1894, als Robert zehn Jahre alt war, erlitt die Familie eine finanzielle Katastrophe. Das Geschäft von Jakob und Hermann war bereits überschuldet, die Investitionen in Maschinen und Gehälter überstiegen die Einnahmen erheblich, und als das Unternehmen einen wichtigen Auftrag zur öffentlichen Beleuchtung der Münchner Innenstadt verlor, wurde die Lage aussichtslos. Die Brüder entschieden sich zu einem dramatischen Schnitt: nämlich ihr Unternehmen in München zu schließen, seine Vermögenswerte zu liquidieren und in der stark industrialisierten Region Mailand in Norditalien neu anzufangen. Robert musste sich von seinen Freunden, seinen Lehrern und der Stadt, die sein Zuhause gewesen war, verabschieden.
Es gibt keine Aufzeichnungen über die emotionalen Auswirkungen des plötzlichen Wechsels der finanziellen Lage der Familie auf Robert. Dennoch wissen wir von Maja, dass der Umzug schwierig war. Sie erinnerte sich daran, dass Robert und die anderen Kinder, während sie auf ihren Umzug nach Italien warteten, mit ansehen mussten, wie das Land der Familie verkauft wurde, um Platz für neue Mietshäuser zu schaffen. Dabei wurden die geliebten hohen Bäume vor ihrem Haus gefällt. »Bevor wir auszogen«, erinnerte sich Maja, »mussten wir aus der Wohnung der Zerstörung unserer liebsten Erinnerungen zuschauen.« Der Zusammenbruch des Familienunternehmens hatte auch dramatische Auswirkungen auf Roberts älteren Cousin Albert: »Alberts Unbehagen steigerte sich bis zur Depression«, berichtete sein Biograf Walter Isaacson, »vielleicht sogar bis kurz vor einem Nervenzusammenbruch«.
Nach seiner Ankunft in Italien wurde Robert in einer örtlichen Schule angemeldet. Er fand sich an einem seltsamen neuen Ort wieder, ohne Freunde und mit Menschen, die eine fremde Sprache sprachen (er sprach kein Italienisch). Die beiden Familien lebten wieder zusammen. Zuerst in Mailand und kurz darauf in einer Wohnung in der Via Foscolo 11 in Pavia, einer Stadt zweiunddreißig Kilometer südlich von Mailand. Die Wohnung war zwar kleiner als ihr Haus in München, aber sie konnten einen Innenhof mit kreuzgangähnlichen Arkaden nutzen, der im Sommer Schatten spendete, sowie einen kleinen Garten mit Zitronen- und Amberbäumen. Zum Leidwesen des fünfzehnjährigen Albert hatten seine Eltern entschieden, dass es am besten sei, wenn er in Deutschland zurückbliebe, um seine Schulbildung fortzusetzen. Als er zu Weihnachten nach Pavia zu seiner Familie kam, machte Albert deutlich, dass er nicht nach München zurückkehren würde. Er verbrachte die nächsten zehn Monate bei Robert und den anderen, während derer er seine Bewerbung für das Polytechnikum in Zürich vorbereitete und seinen ersten Aufsatz über theoretische Physik schrieb.
Ihr Leben begann sich gerade wieder solide anzufühlen, als 1896 die Geschäfte der Einstein-Brüder neuerlich eine schlechte Wendung nahmen. Nachdem sie den Auftrag zur Elektrifizierung der Stadt Pavia nicht erhalten hatten, ging ihr Unternehmen erneut bankrott. Dieser zweite finanzielle Zusammenbruch war vielleicht noch schmerzhafter als der erste. Nicht nur das Erbe von Roberts Tante Pauline ging dabei verloren, sondern auch beträchtliche Spenden von anderen Verwandten. »Der Familie«, schrieb Maja später, »blieb kaum etwas übrig.« Von diesem Zeitpunkt an teilten die beiden Brüder ihre finanziellen Risiken auf. Hermann gründete ein Unternehmen in Mailand, während Jakob zunächst in Lecce, einer kleinen Stadt in Süditalien, und dann in Genua im Nordwesten des Landes arbeitete, wo er eine Stelle als Ingenieur in einem großen Unternehmen fand. Robert blieb ein Jahr lang bei seinem Onkel, seiner Tante und seinen Cousins in Mailand und besuchte die Giuseppe-Parini-Oberschule, bevor er zu seinen Eltern nach Genua zog. Dies war bereits Roberts vierter Umzug innerhalb von drei Jahren; es war auch das erste Mal in seinem Leben, dass er nicht mehr mit seinen Cousins zusammenlebte.
In Genua wurde es schließlich ruhiger. Das Familieneinkommen stabilisierte sich, der Stress, ein Unternehmen zu führen, lag hinter ihnen, und sie alle hatten ihre Italienischkenntnisse verbessert. Tatsächlich begannen sie, die italienische Kultur, das Essen und die Lebensart der Italiener zu genießen. Vor allem Robert verliebte sich in die italienische Landschaft und verbrachte, wann immer er konnte, Zeit in der Natur. Ungefähr zu dieser Zeit, nachdem er im Frühjahr 1897 dreizehn Jahre alt geworden war, feierte er wahrscheinlich seine Bar Mitzwa in einer Synagoge in Genua. Kurz darauf entschied er, dass er zwar der jüdischen Kultur angehörte und ihre Traditionen schätzte, nicht aber an die Existenz Gottes glaubte. Der Glaube stimmte nicht mit seinen rationalen Neigungen überein. Dem Beispiel seines Cousins Albert folgend, war er, so schloss er, ein Atheist.
In den nächsten Jahren versuchte sich Hermann mit einer neuen Unternehmung und dann noch einer anderen, aber keine davon war besonders erfolgreich. Er starb 1902 in Mailand im Alter von fünfundfünfzig Jahren an Herzversagen (Maja machte die jahrelangen finanziellen Sorgen für seinen Tod verantwortlich). Sieben Jahre später ließen sich Roberts Eltern scheiden und drei Jahre danach, am 8. September 1912, starb auch Jakob im Alter von zweiundsechzig Jahren in Wien an einem Herzinfarkt. Laut der Todesanzeige in der lokalen Zeitung waren Robert und Edith »aufs Tiefste erschüttert, das Hinscheiden ihres innigstgeliebten, unvergesslichen Vaters bekanntzugeben«.
Als sein Vater starb, war Robert achtundzwanzig Jahre alt und hatte Genua verlassen. Er war in die Fußstapfen seines Vaters getreten und hatte Elektrotechnik studiert. Nach seinem Abschluss war er nach Rom gezogen. Dort lernte er Nina Mazzetti kennen. Oberflächlich betrachtet hatten sie wenig gemeinsam. Während ihre Familie seit Generationen in Norditalien ansässig war, hatte er deutsche Wurzeln. Sie gehörte der protestantischen Waldenserkirche an, seine Familie war jüdisch. Dennoch teilten sie zahlreiche Interessen. Sie lasen beide gerne, liebten klassische Musik und genossen Spaziergänge auf dem Land. Sie hatten auch gemeinsame Ziele: Beide wollten auf einem Bauernhof leben, auf dem sie Tiere halten und ihre eigenen Nahrungsmittel anbauen konnten, und sie wollten eine Familie gründen. Auch Notlagen kannten beide. Als Nina drei Jahre alt war, war ihre ältere Schwester Lidia gestorben; als sie zwölf war, starb ihr Vater und ließ ihre Mutter mit der Sorge für sie und ihre vier Geschwister zurück, und als sie einundzwanzig war, starb ihr jüngerer Bruder Paolo. All dies sorgte für eine enge Verbindung zwischen Nina und Robert.
Und so kam es, dass Robert und Nina am 13. Oktober 1913 in Rom standesamtlich heirateten. Nicht lange nach der Hochzeit plante Robert, nach München zurückzukehren, um zu sehen, ob er das Familienunternehmen für Ingenieurwesen wiederbeleben könne. Es war fast zwanzig Jahre her, dass sein Vater und sein Onkel gedemütigt aus der Stadt fortgegangen waren. Und so zogen die Frischvermählten Anfang 1914 voller Optimismus und Tatkraft nach Deutschland, um sich dort ein neues Leben aufzubauen.
Ihre Hoffnungen auf ein ruhiges Familienleben wurden jedoch am 1. August zunichte gemacht, als Deutschland Russland den Krieg erklärte. Zu diesem Zeitpunkt hätte Robert einen Weg finden können, mit seiner jungen Frau nach Italien zurückzukehren. Stattdessen meldete sich der dreißigjährige Robert Einstein nur sieben Tage nach Kriegsbeginn zum deutschen Heer. Sein Vater Jakob hatte als Ingenieur 1870/71 im Deutsch-Französischen Krieg als Pionier gedient, und nun war er an der Reihe, seine Pflicht zu erfüllen. Wie die Mehrheit der assimilierten deutschen Juden betrachtete sich Robert in erster Linie als Deutschen. Es war daher normal, dass ein Jude wie er sich freiwillig meldete, genauso wie für den Rest der Bevölkerung. Tatsächlich war es für alle deutschen Männer zwischen siebzehn und fünfundvierzig Jahren Pflicht. Dies hielt die Medien nicht davon ab, Juden als Feiglinge und unpatriotische Drückeberger zu diffamieren. Solche Angriffe veranlassten das Militär, die Zahl der Juden in seinen Reihen zu ermitteln, und es wurde festgestellt, dass über 100.000 jüdische Soldaten im Reichsheer dienten, was in etwa dem Anteil an der Gesamtbevölkerung entsprach. Diese Erkenntnis wurde jedoch nie veröffentlicht. Robert muss sich des im deutschen Militär weit verbreiteten Antisemitismus sehr bewusst gewesen sein und wird sich unauffällig verhalten haben. Die Tatsache, dass er in einer mehrheitlich katholischen Region Deutschlands lebte, ist wahrscheinlich der Grund dafür, dass in zwei seiner Militärdokumente vermerkt war, dass er katholisch sei.
Robert wurde den Reservisten eines Königlich Bayerischen Infanterie-Regiments zugeteilt und nach einer kurzen Ausbildungszeit in München nach Frankreich versetzt. Dort erlebte er mehr als zwölf Monate brutaler Kämpfe in Schützengräben, darunter die zermürbende Schlacht von Verdun. Obwohl er keine schwere Verletzung erlitt, ist es wahrscheinlich, dass – wie in den Tagebüchern, Gedichten und Briefen so vieler anderer Soldaten festgehalten wurde – die physische und psychische Belastung groß war.
Roberts Cousin Albert war seit 1901 Schweizer Staatsbürger und hatte seinen deutschen Patriotismus schon lange aufgegeben. »Ich bin neugierig, was unser Vetter Robert sagen wird, wenn wir ihn wieder zu sehen kriegen«, schrieb Albert in einem Brief an seine Schwester Maja. »Er war in der Wahl seines Vaterlandes nicht so vorsichtig wie ich.«
Gelegentlich konnte Robert sich von seinen militärischen Pflichten freistellen lassen und kehrte nach München zurück, um Nina zu sehen, die allein in einer Pension in der Martiusstraße 8 lebte. Während eines dieser Besuche, im Sommer 1916, wurde Nina schwanger. Neun Monate später, am 19. April 1917 um 13:30 Uhr, brachte Nina ein kleines Mädchen zur Welt. Sie nannten sie Luce, was »Licht« bedeutet – vielleicht ein Moment der Hoffnung in den dunklen Zeiten des Krieges. Auf der Geburtsurkunde wurde die Religion der Mutter als protestantisch angegeben, die des Vaters erneut als »katholisch«.
Ende 1917 war Robert zum Fähnrich aufgestiegen und war mit dem Bayerischen König-Ludwig-Kreuz geehrt worden. Im folgenden Sommer, im August 1918, wurde er verwundet. Die Art seiner Verletzung ist zwar nicht dokumentiert, war aber so schwerwiegend, dass er zur Genesung an den Heimatstandort seines Regiments nach Bad Tölz zurückkehren musste. Nachdem er sich vollständig erholt hatte, wurde er zum 30. Königlich Bayerischen Infanterie-Regiment versetzt und nach Arlon in Belgien verlegt. Dort war er stationiert, als der Krieg im November 1918 zu Ende ging.
Nach seiner Demobilisierung kehrte Robert nach München zurück, und er und Nina führten ein langes Gespräch über ihre Zukunft. Sollten sie in Deutschland bleiben und erneut versuchen, ein Elektrotechnikunternehmen mit dem Namen Einstein zu etablieren? Wenn ja, müssten sie sich mit dem Chaos im Nachkriegsdeutschland auseinandersetzen und sich dem wachsenden Antisemitismus stellen, der von Politikern und Journalisten geschürt wurde. Oder sollten sie vielleicht nach Rom zurückkehren? Wenn sie zurückgingen, könnte Robert alte Geschäftskontakte nutzen, und Nina könnte ihre Familie bitten, ihnen mit ihrem sehr lebhaften Kleinkind zu helfen. Rom war auch toleranter gegenüber Juden, obwohl sich dies jederzeit ändern konnte. Vielleicht vermisste Nina nach vier langen Jahren im vom Krieg zerrütteten Deutschland vor allem ihr Zuhause. Schließlich trafen sie eine Entscheidung: Sie würden nach Italien zurückkehren.
Wie Deutschland war auch Italien nach dem Ende des Ersten Weltkriegs angeschlagen. 1915 hatte Italien in London einen Vertrag unterzeichnet, in dem es sich bereit erklärte, an der Seite der Alliierten zu kämpfen. Dieser Vertrag garantierte, dass Italien nach Kriegsende mehrere wichtige Gebiete erhalten würde, darunter Südtirol, die Halbinsel Istrien an der Adria und die Stadt Fiume. Als Österreich-Ungarn und Italien am 3. November 1918 einen Waffenstillstand unterzeichneten, waren mehr als 650.000 italienische Männer gefallen und eine Million verwundet worden. Diese Verluste waren noch schwerer zu ertragen, als die Italiener erfuhren, dass sie die versprochenen Gebiete doch nicht erhalten würden. Die Kombination aus Trauer, diplomatischem Verrat und verletztem Nationalstolz löste weit verbreitete Unzufriedenheit und Wut aus. Die Stimmung wurde durch die galoppierende Inflation und den Mangel an Arbeitsplätzen noch verschlimmert. Arbeiter besetzten Fabriken in Mailand, Turin und anderen Städten. Auf den Straßen kam es zu Kämpfen zwischen rivalisierenden politischen Banden. Der Dichter Gabriele D’Annunzio und 200 bewaffnete Anhänger eroberten die Stadt Fiume, die jetzt Rijeka heißen sollte. Die Rede von einer Revolution lag in der Luft.
In dieser Situation kehrten Robert und Nina zurück nach Rom. Sie mieteten eine kleine Wohnung außerhalb des Stadtzentrums und trafen alte Freunde wieder. Robert gründete ein neues Ingenieurbüro und arbeitete hart, um die Familie finanziell zu unterhalten. Nina trat unterdessen einer nahegelegenen Kirchengemeinde bei, und Luce ging in einen örtlichen Kindergarten. Nach mehr als sechs Jahren im Ausland war es für sie schwierig, sich wieder einzugewöhnen, aber sie schafften es.
Im Herbst 1921 hellte sich ihre Stimmung auf, als sie hörten, dass auch Maja nach Italien zurückkehren würde. Sie würde mit ihrem Ehemann Paul Winteler kommen und ein Haus in Fiesole, etwas außerhalb von Florenz, mieten. Die Zugfahrt von Rom dorthin dauerte zwar sieben Stunden, aber trotzdem würden sie sich so öfter sehen können. Kurz nach Majas Ankunft gab es weitere gute Nachrichten. Albert würde Florenz besuchen. In einer Postkarte an Maja schrieb er, dass er »inkognito reisen« würde, zusammen mit seinem Sohn Hans Albert, einem Teenager. Sie kamen am 17. Oktober an und blieben drei Tage, bevor sie wieder losmussten, weil Albert einen Vortrag in Bologna halten sollte. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass Robert während seines Aufenthalts Zeit mit seinem Cousin verbrachte, schließlich hatten sie sich seit vor dem Krieg nicht mehr gesehen.
Sechs Monate später reisten Robert und Nina nach Berlin, wo sie Albert vermutlich wiedersahen. Und in ihren Briefen erwähnten Maja und Albert Robert regelmäßig. Sie hatten sogar einen Spitznamen für ihn: »Bubi«. Es scheint, als habe sich die Zuneigung zwischen den Cousins aus Kindertagen bis ins Erwachsenenalter fortgesetzt.
Unterdessen erreichte die politische Unruhe in Italien ihren Siedepunkt. Am 24. Oktober 1922 verkündete der Chef der Nationalen Faschistischen Partei, Benito Mussolini, vor bis zu 40.000 Anhängern in Neapel, dass es an der Zeit sei, die Macht zu ergreifen. In der darauffolgenden Woche marschierten Tausende bewaffnete Schwarzhemden auf die Hauptstadt des Landes zu. Dieser sogenannte Marsch auf Rom führte zu großer Unruhe in der herrschenden Klasse, die befürchtete, dass das Land kurz vor einem Bürgerkrieg stehe. Das veranlasste König Vittorio Emanuele III. dazu, Mussolini zum Ministerpräsidenten zu ernennen und eine Regierung zu bilden. In den nächsten Monaten und Jahren festigte Il Duce, wie Mussolini sich gerne nennen ließ, seine Macht, indem er sich nicht mehr dem Parlament gegenüber verantwortlich fühlte, sodass er nur noch vom König abgesetzt werden konnte. Und während seine Kontrolle über die Schalthebel der Macht wuchs, brachte er eine radikale Agenda auf den Weg, die eine groß angelegte Infrastrukturentwicklung, die Zentralisierung des Bildungssystems und eine aggressive Außenpolitik umfasste.
Trotz des raschen Wandels des politischen Klimas beschloss Maja, dauerhaft in Italien zu bleiben, und so kauften sie und ihr Ehemann Paul ein Haus mit Geld, das sie sich von Albert geliehen hatten (Maja lieh sich auch Geld von Roberts Schwester Edith, obwohl nicht klar ist, ob sie dieses auch für den Kauf des Hauses verwendete). Ihr neues Zuhause befand sich in Sesto Fiorentino, nordwestlich von Florenz, und sie nannten es »Samos« nach der griechischen Insel, auf der der Philosoph Pythagoras geboren wurde. Dies markiert den Beginn der dauerhaften Verbindung der Familie Einstein mit Florenz.
Einige Monate später wurde Nina wieder schwanger und brachte am 23. Februar 1926 eine zweite Tochter zur Welt, Anna Maria, die Cicì genannt wurde. Die Familie sollte bald noch weiter wachsen. Am 26. Juli 1927, etwas mehr als ein Jahr nach Cicìs Geburt, erhielten Nina und Robert eine schockierende Nachricht von Ninas Bruder Corrado. Seine Frau Olga hatte eineiige Zwillinge, Lorenza und Paola, zur Welt gebracht, starb jedoch kurz darauf an den Folgen von Geburtskomplikationen. In den nächsten Jahren beobachteten Nina und Robert, wie Corrado sein Bestes gab, sich um seine beiden Mädchen zu kümmern, während er seinen Job als Versicherungsvertreter aufrechterhielt. Nina half, wann immer sie konnte, obwohl sie selbst zwei Töchter hatte. Auch andere halfen, darunter Freunde, Nachbarn und eine Krankenschwester; aber Nina war klar, dass ihr Bruder auf Dauer mit der Verantwortung überfordert war. Schließlich, im Jahr 1934, nach Jahren schlafloser Nächte und unbefriedigender Kinderbetreuung, sagte Corrado Nina, dass er nicht glaube, seinen Töchtern die Erziehung bieten zu können, die sie brauchten. Wäre sie in der Lage, sich um die Zwillinge zu kümmern? Nachdem sie es mit Robert besprochen hatte, erklärte sich Nina bereit, die Kinder aufzunehmen.
Die Einsteins hatten nun vier Mädchen, die sie in ihrer bescheidenen Wohnung in Rom großziehen mussten: Luce, damals fast achtzehn Jahre alt, die achtjährige Cicì und die sieben Jahre alten Lorenza und Paola. Es wurde bald etwas eng. Glücklicherweise lief Roberts Karriere als Elektroingenieur gut. So konnten sie nach einem größeren Haus mit etwas Land suchen, abseits der geschäftigen Hauptstadt. Im folgenden Jahr, 1935, zogen sie auf einen Pferdehof in der Nähe des mittelalterlichen Dorfes Corciano, auf halbem Weg zwischen Rom und Florenz. Das Haus lag in bewaldeten Hügeln und bot einen atemberaubenden Blick auf das Tal. Es handelte sich um ein weitläufiges Bauernhaus aus Naturstein mit großen Räumen und viel Platz zum Arbeiten und Spielen, ohne dass man sich gegenseitig im Weg stand. Es war auch nur gut fünfzehn Kilometer von der Universität Perugia entfernt, wo Luce in Kürze das erste Jahr ihres Medizinstudiums beginnen würde. Robert kaufte ein Auto, damit er sie jeden Tag zu den Vorlesungen würde fahren können. Alles in allem war das eine große Veränderung gegenüber dem Leben in Rom, doch es war eine Veränderung, die alle in der Familie begrüßten.
Vor allem Robert genoss das Leben auf dem Land. Am 22. Dezember 1935 schrieb er einem Freund: »Hier geht das Leben seinen gewohnten Gang. Jetzt pressen wir die Oliven, von denen es dieses Jahr leider nur wenige gibt.« Die Aussaat auf den Feldern war abgeschlossen, und sobald sich das Wetter gebessert hatte, würden sie mit der Instandsetzung der Feldwege beginnen. Er schloss mit Wünschen für ein frohes Weihnachtsfest und ein erfolgreiches neues Jahr.
Im Laufe der Monate verlief die Integration von Paola und Lorenza in die Familie besser als erwartet. Und obwohl es manchmal Spannungen zwischen den Töchtern gab, insbesondere der Eifersucht von Cicì geschuldet, die fast genauso alt war wie die Zwillinge, war klar, dass die vier Mädchen einander mochten. Die Zwillinge betrachteten Nina bald als ihre zweite Mutter. Sie bürstete Paola und Lorenza die Haare und kochte ihre Lieblingsspeisen, genau wie bei ihren eigenen Töchtern. Sie half ihnen bei den Hausaufgaben und brachte ihnen Englisch und Französisch bei. Sie überschüttete sie mit Lob und ermutigte sie, sich zu verbessern. Sie war der Meinung, dass Mädchen dieselbe Bildung wie Jungen erhalten sollten, und hoffte, dass Luce ihnen ein Vorbild sein würde. Sie ermutigte sie auch, ihre eigene Kreativität zu entdecken, zu malen und zu musizieren. Schon bald hatten sich die Zwillinge selbst das Akkordeonspielen beigebracht und unterhielten nach dem Abendessen die anderen, wenn sie im Wohnzimmer Lieder spielten. Nina wollte vor allem, dass die Mädchen die atemberaubende Natur genossen, in der sie lebten. Eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen war es, mit Alì hinaus in die Felder zu laufen, um Ginster und Kornblumen zu pflücken. Später stellten sie Vasen mit hübschen Wildblumenarrangements im ganzen Haus auf.
Die Mädchen liebten auch Robert. Er nahm sich trotz seines vollen Terminkalenders Zeit, mit ihnen etwas zu unternehmen. Er lud sie ein, ihn zu begleiten, wenn er über das Anwesen spazierte, die Ernte inspizierte oder die Pferde streichelte. Sie begleiteten ihn auf aufregende Ausflüge in die Stadt. Und abends, wenn es dunkel war, saßen sie zu seinen Füßen im Wohnzimmer, während Beethovens anregende Musik aus der Musiktruhe ertönte (einem großen holzgetäfelten Möbelstück das sowohl ein Radio als auch einen Plattenspieler enthielt). Und obwohl es ihnen nicht gefiel, wenn er die Beherrschung verlor, nachdem sie eine Vase zerbrochen oder Schmutz ins Haus gebracht hatten (wofür er sie Strafarbeiten schreiben ließ), war es gut für sie, wenn er Grenzen setzte. Denn die Kinder fanden das beruhigend, wie Lorenza festhielt: »Ins Bett, ins Bett! Alle ins Bett!«, rief er unnachgiebig am Ende eines langen Abends voller Lärm und Herumtollen »O ja, richtiger Spaß ist nur von kurzer Dauer. Alle ins Bett jetzt. Ruhe!«
Postkarte der Villa Il Focardo, 1924
Der Pferdehof erwies sich jedoch als zu viel für Robert und Nina. Es gab niemanden, der bei der Pflege der Tiere half, und ihre Haltung war teuer. Außerdem lag der Hof ziemlich abgelegen. Nach ein paar Monaten begann Robert daher, sich nach einem neuen Heim für die Familie umzusehen. Im Sommer 1937 wurde er fündig. Nur 24 Kilometer südöstlich von Florenz lag Villa Il Focardo mit ihrem Gut.
Durch Bekannte erfuhr Robert erstmals, dass Il Focardo zum Verkauf stand und, was noch interessanter war, dass der Eigentümer in finanziellen Schwierigkeiten steckte. Enrico Bürgisser hatte das Anwesen von seinem berühmten Vater, dem großen Rodolfo Arnoldo Bürgisser, geerbt, der eine der größten Banken der Toskana gegründet hatte und für seine Diskretion, Besonnenheit und Sparsamkeit bekannt war. Deshalb war Enrico eine solche Schande. Nachdem er sich mit einem Studium in Pisa und dann in Freiburg abgemüht hatte, war Enrico nach Florenz zurückgekehrt, wo er viel trank, heftig feierte, teure Autos kaufte und spielte. Als er vor dem finanziellen Ruin stand, sah er sich gezwungen, das Anwesen zu verkaufen.
An einem warmen Sommertag fuhr Robert von Perugia aus los, um sich Il Focardo anzusehen. Nachdem er das Auto in der schmalen von Zypressen gesäumten Kiesauffahrt geparkt hatte, nahm er sich etwas Zeit, um sich umzuschauen. Im Zentrum des gut 100 Hektar großen Anwesens befand sich die Villa, ein elegantes, beigefarbenes stuckverziertes Gebäude, dessen Fenster von hübschen grünen Fensterläden gerahmt waren. An einer Seite stand eine Kapelle mit eigenem Zugang zur Auffahrt. Im Inneren der Villa mit ihren hohen Decken, zahlreichen Fenstern und Steinböden waren die Räume kühl, hell und luftig. Das Erdgeschoss verfügte über acht Räume, darunter ein großes Wohnzimmer (genannt Sala Rossa, wegen des roten Stoffes, der die Wände bedeckte), ein Esszimmer mit Platz für sechzehn Gäste, eine Küche, eine Waschküche und verschiedene Lagerräume. Eine breite Treppe führte ihn nach oben, wo er sechs Schlafzimmer und ein Badezimmer vorfand. Die Villa würde mehr als ausreichend sein, um seine Familie unterzubringen.
