Die einzigartige Intelligenz der Hunde - Alwin Schönberger - E-Book

Die einzigartige Intelligenz der Hunde E-Book

Alwin Schönberger

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Beschreibung

Dieses Buch bestätigt, was Hundehalter ohnehin schon immer wussten: Hunde, seit über 15 000 Jahren ständige Begleiter des Menschen, besitzen eine ungewöhnliche Intelligenz und lösen schwierigste Aufgaben. Auf ganz verblüffende Weise passen sie ihr Verhalten an das des Menschen an. Alwin Schönberger hat die neuesten Forschungsergebnisse ausgewertet und erzählt davon, was Wissenschaftler inzwischen über den besten Freund des Menschen herausgefunden haben.

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Veröffentlichungsjahr: 2012

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Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe

3. Auflage Januar 2010

ISBN 978-3-492-95810-3

© Piper Verlag GmbH, München 2006

Umschlaggestaltung: semper smile München

Umschlagabbildung: Getty Images / American Images Inc / Taxi

Grafiken: Noa Croitoru-Weissmann

Datenkonvertierung: CPI – Clausen & Bosse, Leck

Auf der Spur des Hundes

Jahrelang hat die Wissenschaft ausgerechnet den Hund, den treuesten Begleiter des Menschen, völlig vernachlässigt. Doch seit einiger Zeit widmen sich Experten um so intensiver dem allerersten Haustier. Dieses Buch präsentiert die neuesten Erkenntnisse der renommiertesten Hundeforscher der Welt.

Vendel zögert keine Sekunde. Mit einem Satz stürzt er sich auf den kleinen Plastikball, der vor seiner Nase über den Boden rollt. Vendel ist ein Belgischer Schäferhund, drei Jahre alt und äußerst lebendig. Momentan jagt er in einer für ihn nicht alltäglichen Umgebung nach Bällen: in einem schmalen Zimmer mit einer verspiegelten Fensterscheibe, die eine Verbindung zum Nebenraum bildet. Dort steht ein Bildschirm mit zweigeteiltem Monitor, auf den eine Videokamera Vendels Aktivitäten aus zwei Perspektiven überträgt.

Auch das Ballspiel verläuft anders, als Vendel es vermutlich gewohnt ist. Es folgt einem genau definierten Ablauf: Vor dem Hund befinden sich zwei kleine, runde Sokkel auf dem Boden. Auf diesen wurden Glasbehälter plaziert, an deren Oberseite eine Schnur befestigt ist, ähnlich wie an einer Marionette. Eine der beiden Glasglocken ist durchsichtig, die andere intransparent.

Vendel hat Gesellschaft von Claudia de Rosa, einer jungen Italienerin. Claudia weckt die Aufmerksamkeit des Hundes und macht sich an den Gefäßen zu schaffen: Sie hebt mit der Hand das durchsichtige für zwei, drei Sekunden an, stellt es anschließend wieder auf den Sockel. Dann zieht sie, von Vendel unbemerkt, an der Kordel, die am anderen Glas hängt. Der Behälter schwebt ein Stück empor, und der Ball rollt heraus. Danach richtet Claudia wieder die Ausgangsposition ein: Beide Glasglocken ruhen wie zuvor auf ihren Sockeln; eine aufgrund ihrer Transparenz leicht einsehbar, die andere undurchsichtig; erstere leer, die zweite mit dem Ball bestückt, den sie vom Boden aufgehoben und zurückgelegt hat.

Was Claudia de Rosa hier veranstaltet, ist Teil eines wissenschaftlichen Experiments. Sie ist Verhaltensforscherin, und Vendel dient, obwohl er sichtlich Spaß hat, eigentlich als Versuchstier. Verknappt ausgedrückt, will Claudia wissen: Welches ist der stärkere Reiz – die Bewegung ihrer Hand oder der Ball?

Um den Hintergrund dieser Fragestellung zu verstehen, bedarf es einer kurzen Erklärung von Claudias Arbeit: Sie ist für ein Jahr Mitglied in einer rund zwanzigköpfigen Forschergruppe an der Eötvös Loránd University in Budapest. Im sechsten Stock von Ungarns größter Universität ist das Department für Ethologie untergebracht – mit perfektem Ausblick auf die Donau und die Altstadt jenseits des Flusses. Außen in satten Backsteintönen gehalten, verströmt das Innere des Gebäudes den typischen Charme moderner Bürotürme: Die ebenso nüchternen wie funktionellen Arbeitsräume, gruppiert um mit strapazierfähigem Kunststoff ausgelegte Flure, könnten sich im Prinzip auch in jedem anderen Geschäftskomplex befinden, gäbe es nicht eine augenfällige Abweichung: die Hunde.

Wer das Institut durch die gläserne Sicherheitstür betritt, darf getrost darauf wetten, zuerst von einem Hund begrüßt zu werden, der neugierig aus einem der Zimmer späht. Immer wieder tut es ihm ein Artgenosse gleich, streicht dann an den am Gang stehenden und Forschungsdaten debattierenden Menschen vorbei, beschnuppert einen Besucher, trabt schließlich vorzugsweise zur offenen Kaffeeküche am Ende des Flurs, um etwas Eßbares zu erhaschen oder um sich auf den Rücken zu rollen und sich das Fell kraulen zu lassen.

So sehen hier die Versuchstiere aus.

»Die Leute fragen immer wieder, wo wir eigentlich all unsere Hunde halten«, sagt Ádám Miklósi. »Ich antworte jedesmal: nirgends. Die gehen am Abend alle nach Hause.«

Miklósi ist wie Claudia Verhaltensforscher. Der 44jährige Assistenzprofessor scheint ständig auf Achse zu sein: Mal beantwortet er Fragen eines Studenten oder zückt den Kalender, um eine Anmeldung für ein Seminar zu notieren; mal berät er eine junge Kollegin bei der Konzeption einer Testreihe; mal beobachtet er die Auswertung einer Videoaufzeichnung und wirft ein paar Tips ein. Vor allem jedoch koordiniert er eine Vielzahl jener Studien, die hier durchgeführt werden: Er entwickelt Ideen für neue Experimente, überlegt die optimale Versuchsanordnung, kümmert sich um die Veröffentlichung der Ergebnisse.

Bloß eines tut Miklósi nicht: Er hält hier keine Hunde. Es gibt keine Labors, und es gibt keine Zwinger. Sämtliche Tiere, die an Studien teilnehmen, stammen von Hundehaltern, die Interesse an der Arbeit der Forscher haben und deshalb ein paar Stunden ihrer Zeit opfern. Sie bringen ihre Tiere ans Institut oder sind damit einverstanden, daß die Wissenschaftler sie zu Hause besuchen, um Tests im privaten Umfeld durchzuführen. Auch der Begriff »Experimente« ist irreführend: Denn fast immer handelt es sich um spielerische Situationen, bei denen die Hunde für das Lösen bestimmter Aufgaben belohnt werden.

Auf Hunde konzentrieren sich Miklósi und seine Kollegen seit rund zehn Jahren. In diesem Zeitraum haben die Experten beinahe drei Dutzend wissenschaftlicher Publikationen verfaßt – mehr als jede andere Forschergruppe auf der Welt. Die Arbeit der Wissenschaftler kreist dabei fast ausschließlich um ein Kernthema: um den Verstand des Hundes. Oder um die fachliche Terminologie zu verwenden: Sie untersuchen die kognitiven Fähigkeiten des Haushundes.

Im Speziellen geht es fast immer um das soziale Wechselspiel mit dem wichtigsten Partner des Hundes: mit dem Menschen. Die zentralen Fragen lauten: Wie kommunizieren Hund und Mensch miteinander? Welche Ausdrucksformen des Menschen versteht der Hund? Verfügt er, wie die meisten Hundebesitzer wohl nachdrücklich behaupten würden, tatsächlich über herausragende Klugheit? Denken und tikken der Mensch und sein vierbeiniger Gefährte womöglich sogar ähnlich? Was die ungarischen Verhaltensforscher mit strengen akademischen Methoden zu ergründen versuchen, ist nicht weniger als das Geheimnis der einzigartigen Beziehung von Mensch und Hund.

Auf einen Detailaspekt in diesem Zusammenhang zielte auch das Spielchen mit Vendel ab. Er konnte sich bei seiner Suche nach dem Ball an zwei konträren Hinweisen orientieren: entweder an Claudias Hand, welche das sichtbar leere Glasgefäß anhob, oder am Ball selbst, der aus dem anderen Behälter rollte. Es wurden absichtlich zwei widersprüchliche Informationen geliefert: eine irreführende, die vom Menschen kam, und eine, bei der Vendel auf seine eigene Beobachtung angewiesen war, die aber Erfolg signalisierte. Die Experten wollten auf diese Weise herausfinden, wie sehr sich der Hund auf Hinweise des Menschen verläßt.

Bei Vendel war die Sache eindeutig: Er ließ sich von Claudia nicht in die Irre führen und sprang sofort auf jene Glasglocke zu, unter welcher der Ball wirklich steckte. Doch das ist keineswegs immer der Fall: Andere Studien zeigen, daß der Mensch Hunde in hohem Maß beeinflussen kann; daß sie mitunter sogar ihrem phänomenalen Geruchssinn mißtrauen, wenn ihnen der Mensch einen Wink gibt; daß sie manchmal scheinbar unsinnige und für sich selbst nachteilige Dinge tun, wenn der Mensch sie dazu verleitet.

Das Experiment mit Vendel demonstriert zugleich, wie Miklósi und seine Kollegen arbeiten. Sie müssen sich komplizierte Szenarien einfallen lassen, ein sorgfältig ausgetüfteltes »Studiendesign«, um beweisen zu können, was viele Laien als evident ansehen: Praktisch jeder Hundebesitzer würde wohl aufgrund seiner Erfahrungen und Alltagsbeobachtungen die Ansicht vertreten, daß sein Hund ihn »versteht« und sich bei seinen Handlungen etwas »denkt«. Ein simples Beispiel: Ein Hund schnappt sich flugs ein Wurstbrot vom Küchentisch, während sein Herrchen gerade nicht aufpaßt. Was sagt dies über den Hund aus? Was mag in seinem Kopf vorgegangen sein? Hat er gezielt gewartet, bis sein Besitzer kurz unaufmerksam war? Hat er seine Missetat also geplant? Aus wissenschaftlicher Sicht sind solche Mutmaßungen blanke Spekulation, und es könnte ebensogut sein, daß das Wegsehen des Menschen und das Klauen des Wurstbrots bloß zeitlich zufällig zusammenfielen. Erst wenn eine große Anzahl von Tieren unter kontrollierten Bedingungen immer wieder die gleichen Aktionen setzt, lassen sich gewisse generelle Verhaltensmuster daraus ableiten. Die Ungarn müssen sich stets mit der Frage auseinandersetzen: Wie untermauert man eine bestimmte Theorie nach wissenschaftlichen Kriterien?

Solcher Belege bedarf es aus zwei Gründen.

Erstens: Stimmt die verbreitete Volksmeinung über Hunde und deren angebliche Schlauheit überhaupt? Oder sind die Menschen vielmehr Opfer ihres Wunschdenkens und reden sich hartnäckig eine gemeinsame Verstandesebene, eine Art der Geistesverwandtschaft mit ihren Lieblingen ein, die gar nicht existiert? Nicht selten wird Hundebesitzern schließlich eine Verklärung der Beziehung zu ihren Haustieren unterstellt, eine absurde »Vermenschlichung« des Hundes. Es bedarf schlicht deshalb wissenschaftlicher Studien, um all die geläufigen Annahmen und Einzelbehauptungen zu beweisen oder zu widerlegen. Es bedarf ausgeklügelter Testreihen, um repräsentative und allgemeingültige Ergebnisse zu erzielen – ebenso wie ein neues Medikament gegen Erkältungen zahlreiche Phasen klinischer Prüfung durchlaufen muß und es nicht genügt, wenn ein paar Anwender von positiven Wirkungen berichten.

Zweitens: Sofern es zutrifft, daß zwischen Mensch und Hund tatsächlich besondere Eintracht herrscht – was könnten die Ursachen dafür sein? Wenn sich eine rationale, eine plausible Erklärung dafür finden ließe, würde das nicht nur den Wissensstand der Fachwelt erweitern, sondern dem durchschnittlichen Hundebesitzer auch argumentative Munition liefern. Es könnte dazu beitragen, die Partnerschaft von Mensch und Hund auf ein sachliches Fundament zu stellen und zu entmystifizieren – ohne dabei deren Besonderheit zu leugnen.

Dieses Buch handelt davon, wie Wissenschaftler in aller Welt derzeit versuchen, die Hintergründe der Beziehung zwischen Mensch und Hund zu erforschen; von Miklósi und seinen Kollegen, die ermitteln, was Hunde aus Gesten, Fingerzeigen, sogar aus den Augen des Menschen ablesen können; von Juliane Kaminski und Brian Hare vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, die Studien über das Sprachverständnis von Hunden durchführen und untersuchen, wie Hunde ihre Herrchen austricksen; von Britta Osthaus von der britischen University of Exeter, die wissen möchte, ob Hunde logisch denken können; von englischen, kanadischen und japanischen Forschern, die herausfinden wollen, ob Hunde zählen können, Gesichter erkennen oder wie lange ihr Gedächtnis währt.

Ein gutes Dutzend internationaler Wissenschaftlerteams konzentriert sich heute schwerpunktmäßig auf Kognitionsforschung bei Hunden, auf die Ergründung des hündischen Verstandes und die besondere Bindung von Mensch und Hund, wobei die Ungarn als Pioniere und zugleich als die produktivsten Experten auf diesem Gebiet gelten dürfen. Ohne Übertreibung läßt sich behaupten, daß momentan ein wahrer Boom der Hundeforschung Platz greift: Eine Dekade intensiver Studien gipfelt nun darin, daß immer mehr Fragen beantwortet und Theorien bestätigt werden, daß langjährige, etappenweise realisierte Versuchsreihen zu Ergebnissen führen, daß einst lose Fäden sinnvoll verknüpft werden können. Derzeit vergeht kaum eine Woche, in der nicht in renommierten Journalen neue Fachartikel zu dem Thema erscheinen, und oft sind auch prominent besetzte Tagungen diesem Spezialbereich gewidmet: sei es der Internationale Ethologie-Kongreß in Budapest im August 2005, dessen Vorbereitung Miklósi noch zusätzliche Überstunden bescherte, oder sei es der Weltkongreß der »World Small Animals Veterinary Association«, der im Mai desselben Jahres in Mexico City abgehalten wurde – stets befaßte sich zuletzt ein gut Teil der Referate mit neuen Erkenntnissen von Verhaltensforschern über den Hund.

Bis vor wenigen Jahren dagegen war die Forschung an Hunden eher Mittel zum Zweck. So interessierte sich zwar jenes aus mehr als vierzig internationalen Experten bestehende Genetikerteam für das erste Haustier des Menschen, das im Spätherbst 2005 den genetischen Bauplan des Hundes präsentierte. Da gaben die Forscher bekannt, 99 Prozent der 2,4 Milliarden Basenpaare im Erbgut einer Boxerhündin namens Tasha dechiffriert zu haben. Sie identifizierten in den 78 Hundechromosomen rund 19300 Gene – ähnlich viele wie beim Menschen, der über 20000 bis 25000 Gene verfügt. Doch diese Daten sollen nicht zuletzt der Humanmedizin dienen: Denn anhand von Tashas Erbgut, das sie mit den schätzungsweise 400 Millionen Hunden weltweit teilt, könnten sich Erbkrankheiten studieren lassen, von denen auch der Mensch betroffen ist. Vergleichbare Motive verfolgten Wissenschaftler der Universität Pittsburgh, die im Juni 2005 vermeldeten, klinisch tote Hunde zum Leben erweckt zu haben. Die Mediziner hatten in die Venen der Tiere eine eiskalte Salzlösung injiziert, diese Stunden später durch Blut ersetzt und die Hunde mit Elektroschocks wiederbelebt. Sinn des Unterfangens war die Gewinnung neuer Erkenntnisse auf dem Gebiet der Reanimationsmedizin.

Die meisten Publikationen, die in der Vergangenheit das Licht der Öffentlichkeit erblickten, hatten indes überhaupt nur peripher mit wissenschaftlichen Grundlagen zu tun. Freilich könnte man auf den ersten Blick meinen, der Markt sei längst mit einer wahren Flut von Veröffentlichungen über Hunde überschwemmt. Der Eindruck stimmt und trügt zugleich: So ergibt zwar die Suche nach den Stichworten »Hund« und »Hunde« bei einem großen Internet-Buchhändler Ende April 2006 rund 5000 Treffer. Doch mit großer Mehrheit handelt es sich dabei um Ratgeber zu Themen wie Ernährung, Erziehung und Alternativmedizin. Viele weitere Werke dürfen der eher leicht verdaulichen Kategorie Erlebnisberichte und Anekdoten zugeordnet werden. Das Angebot an Büchern mit wissenschaftlichem Hintergrund ist dagegen nach wie vor mehr als spärlich.

Denn so erstaunlich es erscheinen mag: Der Hund wurde von der Wissenschaft relativ lange grob vernachlässigt. Zwar gab es in der Vergangenheit immer wieder Phasen, in denen sich Forscher für den Canis familiaris, wie der Hund in der Sprache der Experten heißt, interessierten – etwa in den zwanziger und den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Doch zuletzt war der älteste tierische Gefährte des Menschen aus dem Fokus der Fachwelt nahezu verschwunden. Während Nagetiere, die Fruchtfliege Drosophila melanogaster und der Fadenwurm Caenorhabditis elegans eingehend erforscht wurden, schenkte man dem Hund seit den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts kaum Beachtung – jedenfalls nicht den eigentlich naheliegendsten Bereichen: dem Verhalten, der Intelligenz, dem sozialen und mentalen Rüstzeug jenes Lebewesens, das sein Dasein seit Jahrtausenden in engerer Gesellschaft mit dem Menschen verbringt als jedes andere Tier – kurz: der Basis, auf welcher das Zusammenleben der beiden Spezies, die Partnerschaft von Mensch und Hund, beruht.

Allein angesichts der Statistiken zur Hundehaltung ist dies verblüffend: Rund fünf Millionen Hunde gibt es in Deutschland. In 13,3 Prozent der deutschen Haushalte lebt mindestens ein Hund. In Österreich wird die Zahl der Hunde auf knapp 640000 geschätzt. Im europäischen Vergleich ist die Hundedichte im deutschsprachigen Raum allerdings geradezu bescheiden: Fast 40 Prozent der Franzosen teilen den Haushalt mit einem Hund, an zweiter Stelle liegt Belgien mit 37 Prozent, gefolgt von Irland und Portugal mit jeweils ebenfalls mehr als 30 Prozent.

Laut der Branchenplattform Industrieverband Heimtierbedarf gaben die Deutschen 2005 allein für Fertignahrung und Snacks 948 Millionen Euro aus. Hinzu kamen weitere 120 Millionen Euro für Artikel wie Spielzeug. Eine Erhebung beziffert den durch den »Wirtschaftsfaktor Hund« erzielten Gesamtumsatz in Österreich gar mit rund 885 Millionen Euro. In dieser Kalkulation sind freilich auch Steuern, medizinische Versorgung, die Schaffung öffentlicher Infrastruktur, Sport-, Freizeit- und Betreuungseinrichtungen sowie Arbeitsplätze berücksichtigt.

Überdies geben Hundebesitzer keineswegs nur Geld für das Notwendigste aus. Abseits konventioneller Produkte wird eine Vielzahl teils recht absonderlicher Entwicklungen angeboten. Eine Auswahl aus der Kategorie Luxus für Hundehalter aus dem Jahr 2005: ein Designerhundemantel von Gucci um 145 Euro; eine Mütze aus selbiger Manufaktur um 45 Euro; ein rotes Plüschsofa um 128 Euro; eine Tragetasche von Louis Vuitton, Kostenpunkt 1020 Euro; eine CD mit Beruhigungsmusik für gestreßte Hundeseelen um 14,90 Euro; eine 85 Euro teure japanische Erfindung namens Bowlingual, die Bellen angeblich in menschliche Worte übersetzen kann; ein Napf um 29,99 Euro mit der Bezeichnung Automatic Pet Feeder, der mit drei Futtersorten gefüllt, mittels Zeitschaltuhr programmiert werden und Sprachnachrichten wiedergeben kann; eine Pfotenputzmaschine, die mit 89,95 Euro in der Liste steht. Des weiteren: ein mit Schmucksteinen besetzter Napf; Laufschuhe für Hunde; ein reflektierender Hundemantel mit Blinklichtern; Powerknochen zur Energiezufuhr; ein Halsband mit GPS-Empfänger.

Derartige Kreationen werfen freilich auch ein Licht auf das manchmal ziemlich bizarre Verhältnis des Menschen zum Hund – und genau diese nicht nur innige, sondern mitunter auch recht sonderbare Beziehung war lange ein Hauptgrund, warum viele Wissenschaftler sich des Themas nicht annehmen wollten. Sie ließen den Hund paradoxerweise gerade deshalb außer acht, weil er in so enger Gemeinschaft mit dem Menschen lebt: Vielfach wurde er als »verweichlichter«, »degenerierter« Wolf, als »künstliche« Tierart geschmäht, die man nicht einmal in ihrem natürlichen Lebensraum beobachten könne und die einer näheren Erforschung nicht würdig sei. Doch allmählich setzte sich eine neue Sicht der Dinge durch.

Sie lautet: Man kann den Hund sehr wohl in seinem natürlichen Umfeld studieren. Denn sein Lebensraum ist die menschliche Familie.

Dieses Buch soll dazu beitragen, eine Lücke zu schließen. In den folgenden Kapiteln sind die aus jahrelanger Arbeit resultierenden Erkenntnisse von Verhaltensforschern, von Biologen, Psychologen, Zoologen und Genetikern zusammengefaßt. Fast alle Wissenschafter lieferten Studien und Unterlagen und standen für ausführliche Gespräche zur Verfügung – Ungarn, Deutsche, Briten, Schweden, Kanadier und Japaner. Einige gestatteten, bei Experimenten an ihren Instituten anwesend zu sein. Es darf mit einiger Sicherheit behauptet werden, daß in diesem Buch alle weltweit wichtigen Forschergruppen vertreten sind, die derzeit bedeutende Beiträge zur Ergründung des hündischen Verstandes leisten.

Was der Leser nicht erwarten darf, sind abenteuerliche Anekdoten und rührende, phantastische, verblüffende Fallgeschichten über Hunde, die, womöglich gar im Besitz eines ominösen »sechsten Sinnes«, wundersame Großtaten vollbringen – etwa Herrchens Ankunft erwartend, schon schwanzwedelnd vor der Haustür sitzen, bevor ihr Besitzer überhaupt sein 20 Kilometer entferntes Büro verlassen hat.

Was der Leser hingegen erwarten darf, sind Einblicke in die tägliche Arbeit namhafter Experten, die sich der Erforschung der Klugheit des treuesten Gefährten des Menschen verschrieben haben. Hier wird nicht nur dargestellt, welche Schlußfolgerungen die Wissenschaftler ziehen, sondern auch, wie und mit welchen Mitteln sie zu ihren Ergebnissen gelangen. Eine Vielzahl von Studien wird im Detail beschrieben, und die Forscher werden über weite Strecken bei Konzeption, Durchführung und Auswertung ihrer Tests begleitet.

Was der Leser gewärtigen muß, ist die häufige Konfrontation mit Begriffen wie »Evolution«, »Selektion«, »Domestikation« und »Kognition«. Diese mögen auf den ersten Blick sperrig und gewöhnungsbedürftig klingen. Doch sie sind für eine seriöse Auseinandersetzung mit der Materie unerläßlich – wiewohl stets versucht wird, schwer nachvollziehbares Fachvokabular in eine allgemein verständliche Form zu bringen; dies mit dem Ziel, all jenes Wissen über die Intelligenz des Hundes zu veranschaulichen, das an Universitäten rund um den Globus und in öffentlich kaum zugänglichen Archiven von Instituten und Forschungsjournalen lagert.

Was den Leser erwartet, sind Begegnungen mit Menschen, die viele Jahre ihres Berufslebens dem Hund widmen, überraschende Thesen und teils äußerst kontrovers diskutierte Meinungen dazu entwickelt haben und sehr grundsätzliche Ansagen in den Raum stellen.

»Hunde sind genetisch auf das Zusammenleben mit dem Menschen programmiert«, sagt Ádám Miklósi. »Der Hund hält den Menschen vermutlich für einen Artgenossen. Die Beziehung des Hundes zum Menschen entspricht jener zwischen Kindern und Eltern.«

»Hunde sind befähigt, menschliche Wünsche und Signale besser zu interpretieren als jede andere Spezies«, sagt Britta Osthaus.

»Der Hund kann Dinge, von denen man bisher angenommen hat, das ist es, was den Menschen ausmacht«, sagt Juliane Kaminski.

Was der Leser nicht erwarten darf, ist, daß alle denkbaren Fragen über Hunde beantwortet werden können. Zum einen würde manches schlicht den Rahmen sprengen: So wird das zweifellos wichtige Thema Aggressionen von Hunden gegenüber Menschen mit Ausnahme einzelner Passagen nicht erörtert – weil es nicht unbedingt das Kerngebiet der gegenwärtig aktiven Forscherszene ist, die eine gewissermaßen gegenteilige Richtung einschlägt: Schließlich geht es eben um die Ursachen für die mehrheitlich außergewöhnlich gut funktionierende Beziehung zwischen den beiden Spezies. Zum anderen hat die Wissenschaft zuletzt zwar enorme Fortschritte gemacht und eine Menge überraschender Erkenntnisse gewonnen, was auch der Anlaß für die vorliegende Zusammenschau war.

Doch zugleich muß man erwähnen, daß damit nach einer langen Phase, in welcher dem Hund eher wenig Interesse entgegengebracht wurde, erst ein Anfang gemacht ist: Vieles ist bereits gut belegbar, für vieles gibt es Theorien, aber noch keine Beweise, und viele Ergebnisse werfen erst recht neue Fragen auf.

Ein Resultat der derzeit intensiven Forschung ist auch, daß lange gültige Annahmen revidiert werden müssen: zum Beispiel die schöne, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit falsche Vorstellung, daß der Mensch eine zentrale und aktive Rolle bei der Zähmung des Hundes spielte – vermutlich ist der Hund eher als solcher »entstanden« als bewußt geformt worden. Oder bestimmte in zahlreichen Büchern zitierte Angaben über Abstammung und Alter des Hundes – darüber wird in Fachkreisen bis heute heftig debattiert.

Mit der Frage nach dem Vorfahren, der Herkunft des Hundes und dessen Anschluß an die menschliche Gesellschaft beginnt auch dieses Buch. Es handelt sich dabei um eine recht komplexe Materie, um ein Feld, das in nennenswertem Ausmaß von Genetikern und Molekularbiologen bestellt wird.

Doch es ist zunächst erforderlich, mit den Methoden moderner Wissenschaft in die Geschichte einzutauchen. Um zu verstehen, wie Hunde denken, was ihre Einzigartigkeit ausmacht und wieso sie so sehr auf den Menschen fixiert sind, muß man zunächst wissen: Woher kommt der Hund eigentlich? Seit wann gibt es ihn? Und wie stieß er überhaupt auf seinen menschlichen Partner, mit dem er inzwischen seit Tausenden Jahren verbunden ist?

Das genetische Geschichtsbuch

Seit Jahrhunderten spekulieren Forscher über Abstammung, Herkunft und Alter des Hundes. Modernste Methoden der Genetik sollen nun dazu beitragen, diese Rätsel zu lösen.

Ein wenig Gehirnmasse genügte. Die Forscher entnahmen 0,1 bis 0,5 Gramm Nervengewebe aus drei verschiedenen Hirnarealen. Das organische Material, welches die Wissenschaftler bei Autopsien gewannen, stammte von zehn Hunden aus Schweden: von sieben Deutschen Schäferhunden und drei Labrador-Retrievern. Des weiteren wurde Hirngewebe von zehn Kojoten aus Texas sowie von fünf Wölfen aus Schweden, Spanien und Kanada ins Labor gebracht. Die Experten froren die Proben auf Trockeneis ein und lagerten sie bei minus 70 Grad Celsius, um sie für spätere Analysen zu konservieren.

Davon erhofften sich die Forscher nicht weniger als tiefe Einblicke ins Gehirn des Hundes: Könnte es sein, so die zentrale Frage, daß dessen Abspaltung vom Wolf dort Spuren hinterlassen hat? Gibt es Unterschiede zwischen den Hirnarealen eines in freier Wildbahn lebenden Wolfs und jenen eines domestizierten Hundes? Könnten sogar Eigenschaften wie Zahmheit und Folgsamkeit gegenüber dem Menschen im Gehirn fixiert sein?

Die Studie, die im Jahr 2004 veröffentlicht wurde, deutete tatsächlich darauf hin, daß all dies zutreffen könnte. Die Autoren notierten, »daß rasche Veränderungen genetischer Ausdrucksformen im Gehirn nicht ausschließlich bei der Entwicklung des menschlichen Gehirns« stattgefunden hätten. »Die starke Selektion des Hundes hinsichtlich des Verhaltens während der Domestikation dürfte sich in genetischen Veränderungen« niedergeschlagen haben.

Diese Befunde markieren einen vorläufigen Endpunkt einer ganzen Reihe von Untersuchungen, die darauf abzielen, den Besonderheiten des Hundes mit modernsten Methoden der Genetik nachzuspüren. Vor allem in Schweden haben sich mehrere Teams von Wissenschaftlern auf dieses Spezialgebiet konzentriert. Zu den namhaftesten Experten zählen Carles Vilà, Elena Jazin und Peter Savolainen. Vilà ist Professor am Institut für Evolutionsbiologie der schwedischen Uppsala University, Jazin Genetikerin am selben Institut. Savolainen arbeitet als Molekularbiologe am AlbaNova University Center des Royal Institute of Technology in Stockholm.

Die Schweden befassen sich mit Evolutions- und Populationsgenetik: Sie fahnden nicht nur in labortechnisch speziell aufbereiteten Gehirnproben nach neuem Wissen über den Hund, sondern auch in der Erbsubstanz Desoxyribonukleinsäure (DNS), die in allen Körperzellen gleich ist. Und während sie sich von den Analysen der Hirnareale Aufschlüsse über das wahre Wesen des Hundes erhoffen, soll das Erbgut dessen komplette Evolutionsgeschichte verraten – und Fragen nach der Abstammung ebenso beantworten wie jene nach den Routen, auf denen sich der Hund im Lauf der Jahrtausende über den Globus ausgebreitet hat.

Ähnlich Kriminalisten, die Speichelreste von Zigarettenkippen kratzen, um einen Täter zu überführen, sammeln die Experten Haare, Blutproben und Gewebespuren von Hunden aus den verschiedensten Teilen der Welt. Darin wollen sie lesen können wie in einem Geschichtsbuch, wie in einem Tausende Jahre zurückreichenden biologischen Stammbaum: Wie alt ist der Hund? Wo kommt er wirklich her? Wer waren seine Vorfahren, und von wie vielen Familien stammt er ab?

Solche Fragestellungen sind keineswegs bloß akademische Spitzfindigkeiten: Ließe sich nachweisen, daß der Hund, wie vielfach vermutet, seit Jahrtausenden an der Seite des Menschen lebt und schon in der Steinzeit dessen treuer Begleiter war, könnte dies eine urgeschichtliche Basis für die heutige einzigartige Beziehung zwischen den beiden Arten darstellen – und den herausragenden Status des Hundes unter allen Haustieren wissenschaftlich erklären.

Erst im vergangenen Jahrzehnt ist es gelungen, die Methoden der Genetik so weit zu verfeinern, daß sich damit Zusammenhänge erforschen lassen, die traditionell der Archäologie und der Paläontologie vorbehalten waren: die Bestimmung des vermuteten Orts und Zeitpunkts der Entstehung von Tierarten. Lange war man zur Klärung solcher Fragen auf Fossilien angewiesen. So diente die Form der Zähne als Indiz dafür, ob es sich bei einem Kieferfund um den Körperteil eines Hundes oder eines Wolfs handelte. Bei letzterem sind jene »Knochenbrecher«, die dem Zerteilen von Beute dienen, deutlich ausgeprägter. Der vom Menschen versorgte Hund benötigt keine derart massiven Backenzähne.

Allerdings sind Fossilienfunde zumeist recht punktuelle Ereignisse und oft mehr oder minder Glückstreffer. Entsprechend schwierig ist es, aus ein paar Zähnen oder Knochenfragmenten ein komplettes Puzzle der Evolution zu formen. Die Genetik dagegen benötigt kaum materielle Zeugen längst verflossener Zeiten: Im genetischen Code ist die gesamte Geschichte eines Individuums und auch jene seiner Spezies gespeichert. Bloß muß er richtig gelesen werden – und weil es dabei häufig zu divergierenden Schlußfolgerungen kommt, entspinnen sich um die Arbeiten der Genetiker mitunter heftige Debatten.

Ein neues Phänomen ist dies in bezug auf die Geschichte des Hundes aber ohnehin nicht: Denn was dessen Abstammung betrifft, streiten die Gelehrten seit gut 270 Jahren.

Die Suche nach dem Urhund

Im Jahr 1735 veröffentlichte der schwedische Naturforscher Carl von Linné sein Werk Systema naturae. Linné, 1707 geboren, befaßte sich mit der Klassifikation von Pflanzen und später mit jener von Tieren. Derart begründete er eine neue Taxonomie, eine systematische Einteilung von Lebewesen. Linné schuf die sogenannte binäre Nomenklatur, wobei jedem Tier zwei Namen zugeordnet werden: Der erste steht für die Gattung, der zweite für die Art. Auf Linné geht auch die Bezeichnung des Menschen als Homo sapiens zurück.

Seine Wortschöpfung für den Hund ist ebenfalls bis heute gebräuchlich: Gattung Canis, Art Haushund, also Canis familiaris. Weil Linné der Erfinder dieser Definiton war, steht hinter dieser Benennung oft das Kürzel »L.«. Zudem gliederte er den Hund in 33 »Unterarten«. Als bemerkenswert darf gelten, daß Linné erkannte, daß sämtliche Hunde – vom Chihuahua bis zur Dogge – zur selben Art zählen. Später sollten sich zahlreiche Forscher von der enormen Vielfalt der Erscheinungsformen des Hundes in die Irre führen lassen.

Grundsätzlich ist Linnés System bis heute akzeptiert – allerdings sind manche Taxonomen der Ansicht, daß es sich beim Hund nicht um eine eigene Art handle, sondern bloß um die domestizierte Variante des Wolfs und damit um eine »Semispezies«. Sie gebrauchen die Bezeichnung Canis lupusf. familiaris, wobei der der Buchstabe »f« für »forma« steht. Demgegenüber behaupten andere Experten, der Hund zeige derart ausgeprägte und vom Wolf abweichende Verhaltensmuster, daß ihm allemal das Recht zustehe, als eigene Spezies zu gelten. Wieder andere Forscher halten die Nomenklaturdebatte überhaupt für Wortklauberei.

Auch wenn Linné ein im Grunde bis heute gültiges biologisches Koordinatensystem schuf, hielt er die Tiere dennoch für Kreationen der göttlichen Schöpfungskunst ohne evolutionäre Vergangenheit. Einen der ersten Versuche, dieser Sichtweise entgegenzutreten, unternahm der französische Naturforscher Georges Louis Leclerc Graf von Buffon. Buffon, ab 1739 Direktor des Königlichen Botanischen Gartens in Paris, glaubte an eine Art evolutionäre Stufenleiter und an die Entstehung von Leben aufgrund einer »Urzeugung« aus kleinsten Teilchen. Damit widersprach er den Dogmen der Bibel. Buffon meinte, alle Arten einer »Familie« stammten vom gleichen Vorfahren ab. Was den Hund betrifft, ging der Graf davon aus, daß eine ausgestorbene Urrasse der Stammvater aller Hunde sei: ein »Urhund«, der »Chien de berger«. Denn unter den heute lebenden Tieren sei keines, »welches dem ersten Hund oder den ersten Tieren dieses Geschlechts gleicht«.

Besonders strich Buffon die seiner Ansicht nach enorme Bedeutung des Hundes für den Menschen sowie die lange und intensive Bindung zwischen den beiden Spezies heraus: »Die Unentbehrlichkeit dieses Tiergeschlechts […] leuchtet am deutlichsten in die Augen, wenn man einen Augenblick annimmt, er [der Hund] wäre nie vorhanden gewesen«, so der Gelehrte. »Wie hätte der Mensch ohne Beihilfe der Hunde sich anderer Tiere bemächtigen, sie zähmen […] sollen?« Buffon meinte, der Mensch habe sich gleichsam eine »Partei unter den Tieren« gesichert, und folgerte: »Des Menschen erste Kunst war also die Abrichtung des Hundes; die glückliche Folge dieser Kunst aber war die Eroberung und der ruhige Besitz des ganzen Erdbodens.« Diese Ansicht ist insofern erstaunlich, als die These, der Mensch habe in steter Begleitung des Hundes die Welt erobert und dabei vom tierischen Gefährten in vieler Hinsicht profitiert, heute wieder debattiert wird – wenn auch differenzierter und mit weniger Pathos in der Argumentation.

Jegliche Verwandtschaft des Hundes mit dem Wolf war für Buffon zunächst undenkbar. Obwohl dem Aussehen nach ähnlich, könne das Verhalten der Tiere unterschiedlicher kaum sein: Denn während der Hund »sanft und kühn« sei, müsse der Wolf als »trotzig und furchtsam, unbeholfen und feig« gelten. »Unangenehm im ganzen« sei er, »von gemeiner Miene, wildem Anblick«, zudem von »boshaftem Naturell, unbändigen Sitten«. In Form einer »kriegerischen Zusammenrottung« und unter »scheußlichem Geheul« würden die Kreaturen arglose Tiere hinschlachten. Kurz: Der Wolf sei »hassenswert, schädlich in seinem Leben, unnütz nach seinem Tode«. Nach selbst durchgeführten Kreuzungsexperimenten von Hunden und Wölfen änderte Buffon seine Ansicht: Er könne nunmehr nicht umhin, einzuräumen, »daß Wolf und Hund zu derselben Gattung und Art gehören«.

Einen weiteren Erklärungsansatz für die Herkunft des Hundes lieferte der deutsche Biologe Johann Anton Güldenstädt, der im Auftrag der russischen Zarenfamilie verschiedene Gebiete Rußlands bereiste. Dort konnte er unter anderem Goldschakale beobachten. 1776 veröffentlichte Güldenstädt die Schrift Schacalae historia, in welcher er eine Verwandtschaft zwischen Hunden und Schakalen postulierte: Der Goldschakal sei der alleinige Stammvater des Hundes.

Auch ein Landsmann von Güldenstädt erforschte um dieselbe Zeit die Weiten der russischen Landschaft: Peter Simon Pallas unternahm Expeditionen nach Sibirien und ins südrussische Reich. In einem 1779 erschienenen Band seiner Spicilegia zoologica hielt Pallas seine Mutmaßungen hinsichtlich der Abstammung des Hundes fest: Er glaubte an verschiedene Ahnen wie Fuchs, Wolf, Schakal und Hyäne, denn die »unvermischte Nachkommenschaft des Schakals allein hätte gewiß nicht die unendlichen Mißgestalten der Hunde […] hervorgebracht«. Nur durch die Vermischung verschiedener Tierarten seien die zahlreichen Größen und Gestalten, Farben und Formen denkbar.

Ähnlich sah dies ein paar Jahrzehnte später Charles Darwin, der Begründer der Evolutionstheorie. Während der Brite die Herkunft der Haustaube oder des Kaninchens auf jeweils eine Urform zurückführte, konnte er sich dies beim Hund nicht vorstellen. Statt dessen vermutete Darwin, daß des Menschen bevorzugtes Haustier seine Existenz vier bis fünf Wolfsarten, mehreren Schakalen, südamerikanischen Caniden sowie möglicherweise weiteren – bereits ausgestorbenen – Arten verdanke.

Im wesentlichen überdauerten alle Theorien – mit Ausnahme der kreationistischen Ansicht Linnés – bis in die jüngere Vergangenheit und wurden mit wechselnder Intensität debattiert: Manche Forscher plädierten für einen vom Erdball längst verschwundenen gemeinsamen Vorfahren, andere für den Wolf, wieder andere für den Schakal, manche für eine Kombination aus mehreren Tierarten.

Der prominenteste Vertreter der Schakaltheorie war der Wiener Verhaltensforscher und Nobelpreisträger Konrad Lorenz. Es sei wahrscheinlich, argumentierte Lorenz in seinem 1950 erschienenen Buch So kam der Mensch auf den Hund, daß »an verschiedenen Orten der Erde verschiedene größere und wolfsähnliche Schakalarten […] zum Haustier geworden sind«. Zumindest eine Gegenthese vermeinte er damals ausschließen zu können: »Ganz sicher aber ist der Stammvater unserer meisten Haushunde nicht der nordische Wolf.« Lorenz’ Fazit: Die Mehrzahl der Hunde stamme vom Goldschakal ab, bloß einige spezielle Rassen wie der Chow-Chow oder Eskimo- und Indianerhunde seien »lupusblütig« und hätten den Wolf zum Vorfahren. Anfang der achtziger Jahren änderte Lorenz seine Ansicht. In bezug auf die Goldschakale meinte er dann: »Ja, wenn ich mir die Viecher doch angesehen hätte.«

Schließlich setzte sich jene Sicht der Dinge durch, die heute als erwiesen gilt. Verfeinerte Beobachtungen von Anatomie und Physiologie führten dazu, daß endgültig der Wolf als Vorfahre des Hundes anerkannt wurde. Pioniere auf diesem Gebiet waren die Experten des Kieler Instituts für Haustierkunde, vor allem dessen Gründer und langjähriger Direktor Wolf Herre sowie die Zoologen Manfred Röhrs und Herwart Bohlken. In Kiel enstand ein Zentrum der Domestikationsforschung, und die Wissenschaftler führten unter anderem Kreuzungsexperimente von Pudeln mit Wölfen durch. Den Nachwuchs tauften sie »Puwos«. Über Fachkreise hinaus bekannt wurde auch der Schwede Erik Zimen, ein Mitarbeiter von Herre und Lorenz, der eine Vielzahl von Studien an Wölfen und Hunden durchführte und seine Beobachtungen in Buchform publizierte. Heute konzentriert sich in Kiel vor allem Dorit Urd Feddersen-Petersen, ebenfalls eine Schülerin Herres, auf Hunde- und Domestikationsforschung.

Mittels sorgfältiger Vergleiche von Körper- und Gehirngröße, Schädelmerkmalen, Herzgewicht, Zahnstruktur, von Paarungsverhalten und Verbreitungsgebiet waren diese Forscher allmählich sicher, sowohl Schakale als auch Kojoten als Vorfahren des Hundes ausschließen zu können. Weil etwa domestizierte Tiere üblicherweise kleinere Gehirne hätten als deren wild lebende Verwandte, scheide der Schakal als Vorfahre aus – denn dieser habe im Verhältnis zur Körpergröße ein kleineres Hirnvolumen als der Hund. Zimen folgerte: »Bleibt also nach dem Ausschlußprinzip nur der Wolf als Stammform des Hundes übrig.« Dagegen gebe es »keinen einzigen Hinweis, kein anatomisches, physiologisches, ethologisches oder ökologisches Merkmal, das nicht für den Wolf spricht«.

Die heutigen Molekularbiologen hingegen nehmen für sich in Anspruch, nicht mehr auf langjährige Beobachtungen und äußerliche Vergleiche angewiesen zu sein. Mit modernsten Methoden der Genanalyse wollen sie eindeutige und unumstößliche Beweise erbringen.

Die molekulare Uhr

In den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts dachten Wissenschaftler über genetische Möglichkeiten der Ahnenforschung nach. Das Erbgut könnte, so der Grundgedanke, den Zeitpunkt der Aufspaltung einzelner Erblinien verraten, und man sollte aus dem Genmaterial lesen können, ob zwei Populationen miteinander verwandt sind, wann sich ihre Wege kreuzten oder trennten. Man prägte den Begriff »genetische Distanz«: Dieser sollte Aufschluß darüber geben, wie eng zwei Populationen verwandt oder wie weit sie biologisch voneinander entfernt sind. Mit der Abfolge der Generationen würde die genetische Distanz immer größer, weshalb sie als »geschichtswissenschaftliches Werkzeug« dienen könnte, um wichtige Etappen in der Entwicklung einer Spezies zu rekonstruieren. Man wollte das Erbgut als »molekulare Uhr« benutzen, als biologisches Geschichtsbuch und genetische Landkarte. Die beste Methode dafür schien in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre gefunden: die Untersuchung der mitochondrialen DNA.

Mitochondrien sind Zellbestandteile, bei denen es sich ursprünglich um Bakterien handelte. Sie drangen vermutlich vor gut einer Milliarde Jahre in höher entwickelte Zellen ein. Heute wären die Mitochondrien ohne ihre »Wirtszellen« nicht lebensfähig, andererseits profitiert der Organismus von ihnen: Denn sie veratmen Sauerstoff und versorgen die Körperzellen derart mit Energie, weshalb sie als »Zellkraftwerke« bezeichnet werden.

Im Zusammenhang mit der genetischen Ahnenforschung ist von Bedeutung, daß Mitochondrien ihr eigenes Erbgut besitzen. Dieses wird mtDNA – mitochondriale DNA – genannt und unterscheidet sich in mehrfacher Hinsicht von der DNS in den Zellkernen.1 [1 DNS ist die Abkürzung für die deutsche Bezeichnung »Desoxyribonukleinsäure«, DNA bezeichnet den englischen Begriff »deoxyribonucleic acid«. Hier wird die deutsche Schreibweise gewählt, mit Ausnahme des Mitochondrienerbguts, weil dafür stets das Kürzel mtDNA gebräuchlich ist.] Letztere ist ein wahres Meer an Daten: An die drei Milliarden Basenpaare, also genetische Lettern, umfaßt das menschliche Genom. Das Genom des Hundes, dessen Bauplan 2005 präsentiert wurde, weist mit 2,4 Milliarden Basenpaaren ähnliche Dimensionen auf. Das Erbgut der Mitochondrien ist im Vergleich dazu winzig: Es hat bloß um die 16500 Basenpaare und kann dementsprechend rasch – und kostengünstig – dechiffriert werden.

Die mtDNA ist wie auch die Kern-DNS sogenannten Mutationen unterworfen – Veränderungen im Erbgut, wobei ein genetischer Buchstabe durch einen anderen ersetzt wird. Dabei handelt es sich um Zufallsprozesse. Über die Generationen sammeln sich immer mehr Mutationen an. Deren Zahl gibt deshalb Aufschluß darüber, seit wie vielen Generationen zwei Populationen voneinander getrennt sind, und dient damit als Gradmesser für die genetische Distanz.

Im Erbgut der Zellkerne sind Mutationen recht selten. Im Hinblick auf die Verwandtschaftsverhältnisse des Hundes sind sie deshalb nicht sonderlich hilfreich: Wenn Veränderungen im Erbgut einschneidende Ereignisse in der Entwicklung einer Spezies verraten sollen, müssen sie oft genug auftreten, um wichtige evolutionäre Schritte zu speichern – wie ein sorgfältig geführtes Tagebuch. Sind solche biologischen Wegmarken lediglich Ausnahmephänomene, gibt es auch entsprechend wenige genetische Einträge. In den Mitochondrien tickt die molekulare Uhr indes recht schnell: Mutationen kommen im Schnitt zehnmal häufiger vor als in der Kern-DNS. Ein kurzer Anschnitt der mtDNA mutiert dabei besonders schnell: die sogenannte Kontrollregion.

Mitochondrien haben noch eine Besonderheit: Deren DNS wird nur mütterlicherseits vererbt, was »maternal« genannt wird. Im Zellkern hingegen vermischen sich das Erbgut von Vater und Mutter, was, vereinfacht ausgedrückt, über die Generationen zu genetischem Durcheinander führen kann. Im Gegensatz dazu sind die Mitochondrien ein fixer Block, eine Einheit, die immer von der Mutter an ihre Nachkommen weitergegeben wird.

Die Analyse der Mitochondrien ergibt demnach stets einen Stammbaum der mütterlichen Linien, und dieser führt theoretisch zurück bis zur allerersten Mutter eines Tiergeschlechts – im konkreten Fall bis zur ersten Hündin aller Zeiten.

Der wahre Vorfahre

Im Juni 1997 erschien im Wissenschaftsmagazin Science eine Studie eines internationalen Forscherteams. Die Arbeit hatte nur drei Seiten und trug den sperrigen Titel »Multiple and Ancient Origins of the Domestic Dog«. Doch das Papier sollte für jahrelangen Wirbel in der Fachwelt sorgen. Auch in die Medien fanden die Ergebnisse der Untersuchung Eingang. Der Expertengruppe sei ein wahrer Coup gelungen, so der Tenor der Berichte: Sie hätte das Rätsel um die Abstammung des Hundes gelöst. Vor allem eine Zahl wurde hervorgehoben: Es gebe den Hund seit mindestens 100000 Jahren, und schon seit damals sei er offenbar treuer Gefährte des Menschen.

Auslöser der Aufregung war ein neunköpfiges Forscherteam, dem auch die schwedischen Wissenschaftler Peter Savolainen und Carles Vilà angehörten. Federführend beteiligt war zudem Robert K. Wayne, Molekularbiologe an der University of California in Los Angeles. Die Experten konzentrierten sich bei ihrer Arbeit auf die Kontrollregion der mitochondrialen DNA – jenen Abschnitt des Mitochondrien-Erbguts, in dem besonders viele Mutationen auftreten.

Zunächst brauchten die Forscher jedoch Ausgangsmaterial für ihre Studie. Vilà klapperte Hundeshows ab und pflückte den Hunden Haare aus dem Pelz. Insgesamt sammelten die Wissenschaftler Haare sowie Blut- und Gewebeproben von 140 Hunden aus 67 Rassen und von fünf Mischlingen. Aus Datenbanken bezogen sie zudem Gensätze von 162 Wölfen aus Asien, Europa und Nordamerika. Nach dem gleichen Prinzip konnten sie auf die genetischen Profile von zwölf Schakalen und fünf Kojoten zugreifen.

Als Folge der DNS-Entschlüsselung ließen sich sogenannte Haplotypen erstellen. Dabei handelt es sich um einzelne Abschnitte in der Erbsubstanz, die sich durch signifikante Muster von anderen solchen Abschnitten, also anderen Haplotypen, unterscheiden. Ausschlaggebend für die Unterschiede sind die Zahl und die Positionen der Mutationen. Anhand dieser Mutationsanalyse konnten für alle untersuchten Hunde, Wölfe, Schakale und Kojoten typische Haplotypen definiert werden. Allerdings hat nicht jedes Individuum seine eigenen Haplotypen; vielmehr verteilt sich auf die Tiere ein begrenztes Reservoir dieser Genmuster. So ermittelten die Forscher für Wölfe insgesamt 27 Haplotypen, für Hunde 26. Diese wurden numeriert, so daß sich beispielsweise folgende Zeilen ergaben:

W16   ..C.........C...C.T...CAT.........A...

D15   GC...C......C.....A....A.....T........

»W16« bezeichnet den bei Wölfen ermittelten Haplotyp mit der Nummer 16 (Wolf 16), »D15« die Haplotypennummer 15 bei Hunden (Dog 15). Die Buchstaben innerhalb der Haplotypen stehen für die vier Bausteine des Lebens: die Basen Adenin (A), Cytosin (C), Guanin (G) und Thymin (T). Damit werden jedoch nur die identifizierten Mutationen angezeigt – unveränderte Abfolgen im genetischen Code werden mit Punkten markiert. Nach diesem Prinzip konnten die Genetiker schließlich den kompletten Haplotypensatz auflisten – »W1« bis »W27« sowie »D1« bis »D26« (siehe Graphik 1). Damit verfügten sie über das Rohmaterial für einen molekularbiologischen Stammbaum.

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Die Haplotypen lassen sich nochmals ordnen: Je weniger sie sich in bezug auf die ermittelten Mutationen voneinander unterscheiden, desto enger sind deren Träger miteinander verwandt. Auf diese Weise formten die Wissenschaftler vier genetische Gruppen von Hundehaplotypen, »Kladen« genannt. Weil die Haplotypen innerhalb einer Klade am engsten miteinander verwandt sind, könnte man sie auch als Familie bezeichnen. Demnach lassen sich sämtliche Hunde in vier genetische Familien unterteilen – und in einen »phylogenetischen Baum« eintragen, welcher die Verwandtschaftsverhältnisse und die genetische Entfernung zum jeweiligen Vorfahren anzeigt (siehe Graphik 2).

[2]

Die erste Familie, »Klade I« genannt, war die größte: Sie enthielt 19 der 26 Hundehaplotypen, und in diese Gruppe fielen zahlreiche der heute weit verbreiteten Hunderassen ebenso wie zum Beispiel der afrikanische Basenji. Klade II beinhaltete unter anderem zwei skandinavische Rassen, Klade III etwa den Schäferhund und den sibirischen Husky. Die Haplotypen der Klade IV ähnelten einem bestimmten Wolfshaplotyp, woraus die Forscher schlossen, daß dieses genetische Muster Paarungen zwischen Hunden und Wölfen verrate.

Wenn nun die Mitochondrien mütterlicherseits vererbt werden und diese von den ersten Hundemüttern aus vier Familien von Generation zu Generation durch die Zeit bis in die Gegenwart gereist sind, könnte man auch sagen: Alle heutigen Hunde lassen sich auf vier weibliche Linien zurückführen.

Die vier maternalen Linien deuteten auf einen weiteren Umstand hin: Da sich vier verschiedene Familien identifizieren ließen, wurden Wildtiere vermutlich mehrmals, nämlich zumindest viermal, unabhängig voneinander domestiziert.

Damit war aus genetischer Sicht allerdings noch nicht die Frage beantwortet, von welchen Tieren der Hund nun tatsächlich abstammt: Von einem längst ausgestorbenen Vorfahren, wie teils spekuliert wurde? Vom Schakal, wie Konrad Lorenz vermutet hatte? Vom Kojoten, der ebenfalls zur Familie der Caniden zählt? Vom Wolf, wie inzwischen mehrheitlich angenommen wurde? Oder ist der Hund vielmehr eine bunte Mischung, an der verschiedene Stammväter beteiligt waren? Um eine Antwort auf genau diese Fragen geben zu können, hatten die Genetiker Proben all dieser Tiere in ihre Studie einbezogen.

Den Schlüssel bargen wieder die Mutationen in den ermittelten Haplotypen. Denn wie bei den vier Hundegruppen gilt auch für den Gesamtvergleich von Wölfen, Schakalen und Kojoten: Je ähnlicher einander einzelne Haplotypen sind, desto näher sind deren Träger miteinander verwandt. Je weiter die Mutationsmuster dagegen auseinanderklaffen, desto größer ist die verwandtschaftliche Entfernung – und desto weiter liegt die Abspaltung vom gemeinsamen Vorfahren zurück. Daß Hunde, Wölfe, Schakale und Kojoten dieselben Ahnen haben, war bereits bekannt: Die frühesten Vorfahren dieser Linie lebten vor gut 100 Millionen Jahren. Vor rund einer Million Jahre, so die – allerdings nicht allseits akzeptierte – Schätzung, trennte sich der Wolf vom Kojoten.

Um herauszufinden, wer der direkte Vorfahre des Hundes ist, muß man wissen, ob er mit dem Wolf, dem Schakal oder dem Kojoten am nächsten verwandt ist. Man muß also die Mutationen in den Haplotypen der drei untersuchten Spezies vergleichen. Wo die wenigsten Veränderungen zu finden sind, ist die genetische Distanz am geringsten und die Verwandtschaft am engsten – und die Annahme, auf Vor- und Nachfahre gestoßen zu sein, am ehesten berechtigt.

Das Ergebnis der Genetiker war eindeutig: Die Hunde unterschieden sich von den Wölfen durch maximal zwölf Mutationen, während sie von Kojoten und Schakalen durch mindestens zwanzig Mutationen abwichen – also durch beinahe doppelt so viele. Hunde sind mit Wölfen demnach deutlich enger verwandt als mit Kojoten und Schakalen.

Mit einem knappen Satz konnten die Forscher schließlich die über Jahrhunderte schwelende Debatte beenden: »Die Ergebnisse sprechen klar für den Wolf als Vorfahren des Hundes.«

Die Genetiker um Carles Vilà trafen allerdings noch eine weitere Aussage. Der Artikel enthält auch eine Antwort auf die Frage, wie alt der Hund tatsächlich sein soll. Um dies zu berechnen, führten die Forscher eine Kalkulation durch, in die sie mehrere Parameter einsetzten: die ermittelten genetischen Distanzen der untersuchten Hunde sowie jene zwischen Kojoten und Wölfen. Letzteres war nötig, um die molekulare Uhr zu kalibrieren: Die Genetiker gingen davon aus, daß sich die Wölfe von den Kojoten vor rund einer Million Jahre abspalteten und daß die genetische Distanz zwischen den beiden Spezies 7,5 Prozent beträgt.

Damit hatten sie einen Referenzwert, den sie zur Berechnung der Abspaltung des Hundes von Wölfen heranziehen konnten. Da ihren eigenen Daten zufolge die genetische Distanz innerhalb der Klade I, der größten Hundefamilie, ein Prozent betrug, konnten sie nun das Alter der darin enthaltenen Hunde schätzen: Wenn bekannt ist, wie lange es dauert, bis ein genetischer Unterschied von 7,5 Prozent eintritt, läßt sich auch errechnen, wieviel Zeit für ein Prozent genetische Differenz verstreichen muß.

Das Resultat der Kalkulation lautete: »Hunde könnten bereits vor 135000 Jahren entstanden sein.«

Ende der Leseprobe