Die Eisbaronin - Nicole C. Vosseler - E-Book

Die Eisbaronin E-Book

Nicole C. Vosseler

0,0
9,99 €

Beschreibung

Katya hat ein Gespür für Eis – eine Gabe, die sie bis ans Ende der Welt führen wird

Russland 1822. Katya kann im Eis lesen. Farbe und Klang verraten ihr, wie es beschaffen ist – eine besondere Gabe, die sie mit ihrem Bruder Grischa verbindet. Beide haben große Träume und lassen schließlich die Armut ihres Heimatdorfes hinter sich. Ihre Reise führt sie über die Nordmeere bis nach Hamburg. Zusammen mit den ehrgeizigen Kaufmannsbrüdern Thilo und Christian gründen sie ein Handelsunternehmen. Der kühne Plan: das Eis des Nordens bis in die Tropen zu verschiffen. Doch der Weg zum Erfolg ist mit Stolpersteinen gepflastert, und auch die Gefühle zwischen Katya und dem verheirateten Christian drohen die jungen Eisbarone zu Fall zu bringen …

Der Auftakt einer bewegenden Familiensaga um den Aufstieg einer Hamburger Handelsdynastie

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 501

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Buch

Russland 1822. Katya kann im Eis lesen. Farbe und Klang verraten ihr, wie es beschaffen ist – eine besondere Gabe, die sie mit ihrem Bruder Grischa verbindet. Beide haben große Träume und lassen schließlich die Armut ihres Heimatdorfes hinter sich. Ihre Reise führt sie über die Nordmeere bis nach Hamburg. Zusammen mit den ehrgeizigen Kaufmannsbrüdern Thilo und Christian gründen sie ein Handelsunternehmen. Der kühne Plan: das Eis des Nordens bis in die Tropen zu verschiffen. Doch der Weg zum Erfolg ist mit Stolpersteinen gepflastert, und auch die Gefühle zwischen Katya und dem verheirateten Christian drohen die jungen Eisbarone zu Fall zu bringen …

Weitere Informationen zu Nicole C. Vosseler

sowie zu lieferbaren Titeln der Autorin

finden Sie am Ende des Buches.

Nicole C. Vosseler

Die Eisbaronin

Bis ans Ende der Welt

Roman

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Deutsche Erstveröffentlichung August 2019

Copyright © 2019 by Nicole C. Vosseler

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2019

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Dieses Buch wurde vermittelt durch die

Montasser Medienagentur, München.

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: INTERFOTO/Historisches Auge Ralf Feltz;

Lee Avison/Trevillion Images

Redaktion: Ilse Wagner

LS · Herstellung: kw

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-17229-9V001

www.goldmann-verlag.de

Besuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz

Eis ist nicht nur weiße Stille.

Es knistert und knirscht, flüstert, seufzt und ächzt. Manchmal donnert es, krachende Schläge, die den Boden erschüttern und weithin hallen.

Von zäher Öligkeit kann es sein, tonnenschwer oder luftig und schwebend. Irisierend blau, grün, türkis, von silbrigem Grau, schmutzigem Braun. Ein haushoher Wall, spiegelglatt oder vernarbt. Eine lichtdurchlässige Membran, die das Leben darunter schützt.

Klar und splitternd wie Glas ist das Eis und funkelnd wie ein Diamant. Ausdauernd und ewig, launisch und flüchtig. Von stählerner Härte oder weich wie Schnee, sprengt es Stein und versetzt sogar Berge. Je älter es ist, umso mehr Schätze und Geheimnisse hortet es in seinem Inneren, manche davon leicht entflammbar oder sogar explosiv.

Wie die Herzen der Menschen.

I Beregowoi pripai

Russland, 1822

Beregowoi pripai, russisch; landfast ice, englisch.

Meereis, das fest an der Küste verankert ist und spätestens bis zum Ende des Sommers aufbricht. Wenn starkes Eis dieser Art abdriftet, bildet es den sogenannten Eisfuß, der im Wind oder der Strömung rasch davontreibt: ledjanoi sabereg oder running ice.

1

Es war nicht die Kälte, die Grischa geweckt hatte. Eine Unruhe in den Gliedern hatte ihn aus dem Schlaf geholt, ein empfindliches Kribbeln in der Kuhle zwischen Nacken und Schädel.

Ein Schneesturm zog auf.

Auf dem Strohsack neben sich vermisste er den vertrauten Körper von Katya, die ihn für gewöhnlich ebenso warm hielt wie er sie; manchmal stieß sie ihn im Schlaf mit einem spitzen Ellbogen in die Rippen oder trat ihn gegen das Schienbein.

Im bläulichen Widerschein, der durch die Ritzen und Fugen im Holz sickerte, konnte Grischa die Umrisse des Vaters auf seinem Schlafplatz über dem Ofen erkennen. Die Schlafstätten seiner älteren Brüder auf dem Boden, die verrußte Luft überreif von Zwiebelatem und abgestandenem Schweiß, dem ranzigen Geruch der am Abend ausgelöschten Talglichter.

Seine kleine Schwester war nirgends zu sehen.

Mit klammen Fingern tastete Grischa nach den Schuhen; er kannte es nicht anders, als unter den aufgefädelten Pilzen und Beeren in seinen Kleidern zu schlafen.

Vor der Tür biss die frostige Nacht in sein Gesicht, der Gestank des Klohäuschens und des Misthaufens noch schärfer in der Winterluft. Immer achtsam, meckerten die Ziegen im Stall, und auch eine der Wächtergänse gab einen warnenden Schrei von sich. Wie tadelnd, weil Grischa zu dieser Unzeit herumlief.

Hinter der Lagerhütte für die Rüben und den Kohl ruhten die Felder und Weiden unter einer weichen Decke aus Schnee. Nicht ihr eigenes Land, sondern das des Grundherrn.

Sein Atem dampfend, zerrte Grischa an den Ärmeln der Jacke aus Schaffell. Über den Sommer war er in die Höhe geschossen; ein kräftiges Knochengerüst, das er noch nicht ausfüllte. Obwohl sie keinen Hunger litten, schien für ihn dennoch nie genug Brot auf den Tisch zu kommen, nie genug Fisch und Eier, zu wenige Piroggi und Blini. Mit seinen dreizehn Sommern war er jetzt schon fast so groß wie Jakov, der älteste der vier Brüder, oder wie Boris. Igor, der ihm im Alter am nächsten stand, hatte er längst überholt.

Auch Grischas Gesichtszüge hatten sich ausgedehnt und waren massiver geworden, der dunkle Flaum auf Kinn und Oberlippe jedoch noch weit von den buschigen Bärten seiner Brüder und des Vaters entfernt.

Das Kribbeln in seinem Nacken wurde stärker, lange würde der Wind nicht mehr auf sich warten lassen.

Die Lammfellmütze tief über die Ohren gezogen, folgte Grischa den kleinen Fußabdrücken im Schnee.

Hell dehnte sich der große See in der Finsternis aus.

Die harschigen Schneeschwellen am Ufer gaben unter Katyas Holzsohlen nach und durchnässten ihre löchrigen Schuhe. Morgen oder übermorgen würde sie neue flechten müssen; diesen Winter löste sich der Bast schneller auf als im vorigen, nach kaum ein paar Tagen. Der Sommer war trocken gewesen.

Ein Summen vibrierte in der schweigenden Nacht. Ein Pochen, regelmäßig wie ein Herzschlag.

Das Eis singt, dachte Katya.

Ein glückliches Kitzeln unter dem Brustbein, trat sie auf den zugefrorenen See, und jeder ihrer Schritte wirbelte Schneekristalle auf, die mit nadelfeinem Klang auf die glatte Fläche zurückfielen.

Mal klagende, mal lockende Laute schwirrten metallisch durch die Luft, von der dunklen Umarmung des Waldes in einem vielstimmigen Echo zurückgeworfen.

Das Eis singt.

Ein Lied, das Katya mit atemlosem Staunen erfüllte und sie weiter und weiter auf das erstarrte Wasser hinaustrieb.

Unter der schweren Stille des nächtlichen Waldes begann sich etwas zu regen. Auch die Tiere spürten den nahen Sturm, und Grischa ging schneller.

In der Ferne hob das Jaulen eines Wolfs an, und aus heiseren Kehlen antwortete sein Rudel. Grischa hatte von Wölfen gerissene Schafe und Ziegen gesehen; Katya wäre eine leichte Beute, sie war doch erst neun Winter alt. Obwohl es ihm gegen einen hungrigen Wolf wenig nutzen würde, packte Grischa das Messer an seinem Hosenbund und begann zu laufen.

Sein Herz setzte einen Schlag aus, als er Katyas schmächtige Silhouette auf dem See entdeckte. Das Eis war nicht dick genug, es würde noch dauern, bis man es gefahrlos betreten konnte. Bis sich die Männer des Dorfes aufmachen würden, um Blöcke herauszuschneiden, die den Keller des Grundherrn über den kommenden Sommer kühl hielten.

»Katya.«

Die klare Nacht trug seinen Ruf auf den See hinaus. Seine Schwester rührte sich nicht.

»Katya«, wiederholte er, dieses Mal mit einer unmissverständlichen Aufforderung.

Sie wandte sich um, ihr Gesicht vom Licht der Sterne blass erleuchtet.

»Du hast es kaputt gemacht. Es singt nicht mehr.«

Grischa kannte die Töne des Eises, als Gesang hätte er sie nicht bezeichnet. Sie waren ihm unheimlich wie das Heulen der Wölfe, das sich näherte und wieder entfernte. Er vertraute nur dem Wind und dem Regen, die ihr Kommen und Gehen immer ankündigten und ihn nie enttäuschten.

»Es wird ein anderes Mal wieder singen.«

Unbeweglich harrte Katya auf dem starren See aus, der an dieser Stelle schon tief war; nicht einmal die großen Brüder schwammen im Sommer so weit hinaus.

»Komm her, Katyuscha. Das ist zu gefährlich.«

Sie schüttelte den Kopf, sodass das Ende ihres Zopfes durch die Luft peitschte. So war sie oft, starrsinnig und unbeugsam.

Grischa trat auf das Eis.

»Beweg dich nicht, ja? Ich komme dich holen.«

Einen vorsichtigen Schritt nach dem anderen, schob er sich auf Katya zu.

»Geh nicht weiter, Grischa. Mich trägt es, du bist zu schwer.«

Unter Grischas Holzsohlen klickte und knirschte es; fast konnte er das eisige Wasser des Sees darunter fühlen.

»Ich bleibe stehen, wenn du mir entgegenkommst.«

Sogar im Licht der Nacht meinte Grischa zu sehen, wie Katyas Augen Funken schlugen.

Sein Nacken fühlte sich steif an, ein dumpfer Druck hielt seinen Hinterkopf umklammert; die ersten frischen Schneeflocken schwebten durch die Luft. Er streckte die Hand nach seiner Schwester aus.

»Komm jetzt, Katyuscha. Wir bekommen Sturm.«

Immer wieder blickte Grischa zu seiner Schwester, die schweigend und mit hängendem Kopf neben ihm durch den Schnee stapfte. Ein rauer Wind hatte sich an ihre Fersen geheftet und sie schließlich eingeholt. Wütend zerrten die Böen an Katyas Röcken und an den Ohrenklappen von Grischas Mütze, schleuderten ihnen scharfkantige Kristalle in die Gesichter.

»Woher hast du gewusst, dass das Eis dich trägt, mich aber nicht?«

Die Stimme des Eises hallte in Katya nach. Ein Rest ihres Unmuts, für den sie sich schuldig fühlte; Grischa hatte sie nur beschützen wollen, wie er es immer tat.

Katya hob die Schultern unter ihrer Lammfelljacke und ließ sie wieder fallen.

»Spürst du das Eis so wie ich den Wind jetzt? Oder den Regen und den Frost?«

Grischa wusste, wann der Regen kam oder wie lange eine trockene Zeit noch anhalten würde. So konnten sie aussäen oder das Heu in die Scheune schaffen oder anfangen, die Erde zu wässern. Dann gediehen der Roggen auf dem Feld und die Gurken in ihrem Beet. So konnte Katya noch rechtzeitig alles an Pilzen und Nüssen im Wald sammeln, was sie fand, bevor der Schnee kam.

Nichts, was Grischa besondere Dankbarkeit oder Achtung einbrachte; wenigstens hatten der Vater und die Brüder gelernt, auf ihn zu hören. Grischas Gabe half ihnen, über die Runden zu kommen, besser als die meisten anderen Familien auf den Höfen abseits des Dorfes.

Aber Eis? Was bedeutete es schon, wenn Katya etwas über Eis wusste?

Grischa ließ nicht locker.

»Ist es wie bei Urgroßvater früher?«

Jakov, der Eisschnitzer, wie sie ihn nannten, wenn sie von ihm erzählten, um ihn von allen anderen Jakovs vor und nach ihm zu unterscheiden; es war immer der älteste Sohn, der diesen Namen trug.

»Mir kannst du es doch sagen, Katyuscha.«

Wenn im Winter die Welt leer und kalt wurde, schlich sich ein Flüstern heran. Ein Raunen und Wispern und Knistern, so leise, dass Katya sich anstrengen musste, um es zu hören. Nicht mit den Ohren, sondern irgendwo unter der Haut.

Das Eis wuchs.

Unsichtbar für das bloße Auge, bis es sich zu spiegelnden Flächen und rauen Strukturen geformt hatte. Jedes Mal eine Landschaft für sich, die Katya auf seltsame Art nach Hause rief.

Etwas, das schon immer in ihr da gewesen schien, über das sie aber erst jetzt, in diesem Winter, nachdachte. Gedanken wie die haarfeinen weißen Nadeln, die Boden und Bäume überzogen und als glitzernder Staub auf Katyas Fingerspitzen haften blieben.

Sie konnte es nicht erzählen, nicht einmal Grischa, sie hatte keine Worte dafür.

Grischa gab auf, und nicht nur, weil der Wind seine Zähne in sie schlug und ihnen den Atem nahm.

Großvater hätte gewusst, wie er Katya ein paar Worte entlocken konnte, wenigstens ein Lächeln. Mein Zicklein, hatte er zu ihr gesagt, wenn sie widerborstig war, und ihr mit knorrigen Fingern über den Kopf gerieben, dort, wo bei einer Ziege die Hörner saßen.

Jakov, der Regenmacher und Sonnenbeschwörer. Der Geschichtenerzähler.

Aber Großvater war nicht mehr da. Verwittert und morsch, hatte ihn der erste Frost dieses Winters gefällt.

Einen dumpfen Schmerz in der Brust wie ein frischer Bluterguss, nahm Grischa seine Schwester fest bei der Hand. Damit sie beide nicht verlorengingen in den Schneewirbeln, die sie fast blind machten auf ihrem Weg zurück zum Gehöft.

2

Katyas Gesicht glühte in der Hitze des Herdfeuers. Einen vom Brotlaib abgerissenen Kanten in der Hand, wartete ihr Vater im Schein des Talglichts darauf, dass sie die dampfende Schale vor ihn hinstellte. Ohne seiner Tochter auch nur einen Blick zu gönnen, begann er, den Eintopf in sich hineinzuschlingen. Katya beeilte sich, wieder auf den Holzklotz hinaufzusteigen, den sie noch brauchte, um an den Kupfertopf heranzureichen, und für Jakov zu schöpfen.

Sie konnte sich an keine Zeit erinnern, in der sie nicht einen Rührlöffel in der Hand gehalten, Rüben geschnitten, Erbsen aus den Hülsen gelöst, Mehl gemahlen oder Teig geknetet hatte. Mit Tante Wera, Tante Ludmila, die das kleine Mädchen mit strenger Hand anleiteten, kaum dass es richtig laufen konnte, und dann schnell an ihren eigenen Herd zurückkehrten.

Es war ein großes Unglück, wenn eine Familie die Mutter verlor, bevor eine Tochter oder eine Schwiegertochter an ihrer Stelle kochen und nähen und waschen konnte, und keiner ließ Katya je vergessen, dass sie die Schuld daran trug.

Die Finger um den Holzlöffel gekrampft, hielt Grischa den Kopf gesenkt; erst wenn er nach den älteren Brüdern an der Reihe gewesen war, würde auch Katya sich zum Essen setzen dürfen.

Ein paarmal hatte er es gewagt, zum Messer zu greifen und Zwiebeln zu schälen, für Katya eine Schale zu füllen, bevor er für sich selbst schöpfte, und der Zorn des Vaters war fürchterlich gewesen. Genauso gut hätte Grischa versuchen können, den Grundherrn mit der Mistgabel zu verjagen und dessen Land in Besitz zu nehmen.

Es gab keine größere Sünde, als an der gottgewollten Ordnung der Dinge zu rütteln.

Die Schale für Jakov in den Händen, kehrte Katya vom Herd zurück. Igors Fuß schnellte unter dem Tisch hervor und traf sie hart am Knöchel.

Jakov röhrte auf, als der Eintopf über seine Jacke schwappte, und stürzte sich auf Katya. Grischa fuhr dazwischen; wie wütende Bären rangen die beiden Brüder miteinander, während Igor und Boris sich vor Lachen bogen.

»Schluss jetzt!«

Die Faust des Vaters krachte auf den Tisch. Igor und Boris verstummten jäh und zogen die Köpfe ein; diese Faust hatten sie alle schon zu spüren bekommen.

»Setz dich hin«, herrschte der Vater Jakov an.

Sein Zeigefinger, knotig und schwarz gerändert, stach erst in Katyas Richtung, dann in Grischas.

»Du. Mach sauber. Auch die Jacke. Eher gibt es für dich nichts zu essen. Und du kühl dich draußen ab.«

Einen bösen Ausdruck auf dem verwitterten Gesicht, erstickte er Grischas Widerworte im Keim.

»Raus!«

Wie Nadelstiche trafen Schneeflocken auf Grischas erhitztes Gesicht; er brannte vor Zorn. Ein hoch aufschießender, maßloser Zorn, der danach schrie, alles kurz und klein zu schlagen.

Wütend kickte er weiße Fontänen auf, knetete harte Geschosse aus Schnee und spie Flüche hinterher, bis seine Hände und Füße taub waren vor Kälte.

Zuflucht fand er in der Wärme des Stalls. Aus glänzenden Augen musterten ihn die Ziegen, während die Schafe sich geduckt aneinanderdrängten. Unter dem stumpfsinnigen Blick des Ochsen wickelte Grischa seine Jacke fester um sich und verkroch sich im hintersten Winkel.

Wie die Tiere, ging es ihm durch den Kopf. Der Vater und die Brüder sind wie Tiere. Schlimmer noch, Tiere wissen es schließlich nicht besser.

Immer öfter brodelte dieser Zorn in ihm auf, für den seine Brust zu eng schien. Als würde er irgendwann seine Rippen sprengen, wenn er ihm nicht beim Holzhacken und Mistschaufeln freien Lauf ließ. Und mit diesem Zorn kroch die Furcht heran, genauso zu werden wie der Vater, die Brüder, Grischas breitere Schultern, die kräftigeren Knochen und Muskeln wie die Vorboten eines unausweichlichen Schicksals. All die sonderbaren Anwandlungen dieses neuen Körpers, heftig und roh, für die er sich ebenso schämte, wie er sie genoss.

Er bemerkte Katya erst, als sie schon vor ihm stand, eine gefüllte Schale und einen Kanten Brot in den Händen; sie war geübt darin, sich unsichtbar zu machen, lautlos zu sein.

»Ich habe keinen Hunger.«

»Du hast immer Hunger.«

Unnachgiebig hielt sie ihm die Schale hin. Einen Mundwinkel zu einem halben und kaum sichtbaren Lächeln angehoben, nahm er sie schließlich mit einem Nicken an.

Während er den Eintopf schlürfte und mit den Zähnen große Brocken aus dem Brot riss, ging Katya zu den Ziegen, die sich ihr entgegendrängten, um gestreichelt zu werden und mit ihren weichen Mäulern an Katyas Jackenärmeln zu knabbern. Katya konnte gut mit Tieren; wann immer sie über den Hof lief, hingen die Hühner und Gänse an ihren Fersen, strichen die Katzen ihr maunzend um die Beine.

Wie ein Wunder war sie ihm damals vorgekommen, ein winziges Menschlein in den Händen des Großvaters, unbändig und fast wütend am Leben zerrend.

In einer Mischung aus Abscheu und Neugierde hatte er zugesehen, wie der Großvater geduldig eine Ziege dazu brachte stillzuhalten, damit das Neugeborene in seinem Arm an den Zitzen saugen konnte. Wie es am Euter der Ziege und unter der Hege des Großvaters wuchs und gedieh, das zeigte Grischa etwas von der Unbezwingbarkeit des Lebens. Dass es so etwas wie Güte und Herzenswärme gab.

Es hatte Grischa nicht gekümmert, dass die Brüder über ihn lachten. Seine kleine Schwester herumzutragen, wenn sie weinte, sie auf den Knien in den Schlaf zu schaukeln war wie ein Trost, dass ihrer aller Mutter nur noch lang genug gelebt hatte, um ihr letztes Kind Katya zu nennen, bevor sie sie begraben mussten.

Schmal wie ein Kiefernschössling, sorgte Katya gut für sie alle. Auch wenn ihr manchmal etwas anbrannte oder das Brot innen klitschig geriet, hatten sie immer genug eingelegtes Kraut und gesalzene Gurken in den Fässern, immer eine Mahlzeit auf dem Tisch. Und trotzdem sprangen der Vater und seine Brüder mit ihr um wie mit einem nichtsnutzigen Balg.

Grischas Zorn glühte nach, schmeckte gallig.

»Du darfst dir nicht alles gefallen lassen.«

Katya schien ganz darin versunken, die Ziegen zwischen den Hörnern zu kraulen. Grischa kannte seine Schwester fast von ihrem ersten Atemzug an, und trotzdem wusste er oft nicht, was in ihrem Kopf vor sich ging.

»Als ich für Jakov noch mal geschöpft habe«, sagte sie dann leise wie nebenbei, »habe ich in seine Schale gespuckt. In die von Boris und Igor auch.«

Grischa verschluckte sich vor Lachen, und auch Katya gab ein Glucksen von sich.

»Es nützt nur nichts«, fuhr sie fort und ließ sich mit einem tiefen Ausatmen, halb ein Seufzen, neben ihm im Stroh nieder. »Sie werden weiter das Sagen haben. Immer stärker sein. Weil sie die Älteren sind.«

Immer würde Grischa gehorchen müssen. Dem Vater. Den Brüdern. Und wenn nicht ihnen, dann dem Grundherrn. An dieses Stück Land gekettet, ohne dass er es je sein eigenes nennen könnte. Nicht einmal Schreiner werden konnte er oder Schneider oder Schmied, weil der Grundherr es nicht erlaubte. Dessen Wohlstand beruhte darauf, dass sie alle seinen Boden bestellten.

Nie würde Grischa ein anderes Leben kennenlernen als das seiner Vorväter. Wie der Ochse, der nichts anderes kannte, als den Pflug zu ziehen, in einem Zustand ewigen Halbdämmers.

Katya musterte ihren Bruder. Die vorspringende Nase, die übergroßen Ohren und die schwere Kinnlinie waren schon fast die eines Erwachsenen, während der kräftige Schneidezahn, der sich über den anderen geschoben hatte, ihm noch immer etwas von einem Lausejungen gab. Wie aus Kind, Bursche, Mann zusammengestückelt; brüchige Nahtstellen, die ihn manchmal mürrisch und reizbar machten.

Wenn sein Blick ins Leere glitt, so wie jetzt, schien er den Ruf des Windes zu hören. Wütend, dass sein Körper, robust und erdverhaftet, diesem Ruf nicht folgen konnte.

Es tat Katya weh, ihn so zu sehen, obwohl sie es nicht verstand. Wenn man keine Wahl hatte, änderte es auch nichts aufzubegehren.

Katya wusste, dass sie immer die Magd des Vaters und ihrer Brüder sein würde, später einmal die ihres Mannes, ihrer Söhne. Für ein Mädchen gab es kein anderes Leben als zwischen Gemüsegärtchen und Hühnerstall, Waschzuber und Herd.

Es gab nur bessere und schlechtere Tage. Kleine Dinge, die über Mühsal und Härte hinwegtrösteten.

Katya liebte den Frühling, in dem draußen alles spross, und die rauchige Luft der Herbstwälder. Wenn es im Sommer nie ganz dunkel wurde und sie barfuß herumlaufen und sich im See Staub und Ruß des Tages abwaschen konnte.

Am meisten jedoch liebte sie die Klarheit und Ruhe des Winters. Für Katya war der Winter kein unbarmherziger Feind, der sie mit Kälte und Schnee als Geisel nahm. Ein starrköpfiger Freund war er, von einer wundersamen Schönheit, die ihr das Herz leichter machte.

Wie die Eiszapfen, glänzend und scharf wie Messerklingen, die in der Hand schmolzen.

»Erzähl mir von Urgroßvater.«

Seit jener Nacht auf dem zugefrorenen See hatten sie nicht mehr darüber gesprochen.

Grischa sah seine Schwester an. Katyas Haar war noch dunkler als seines, glänzend wie das Gefieder eines Raben, aber als einziges der Kinder hatte sie blaue Augen.

Nicht von einem sanften Blau wie die Augen der Mutter. Daran erinnerte Grischa sich noch, und dass das Haar der Mutter goldfarben gewesen war. Keine Seltenheit hier, an den Ufern des großen Sees, wo seit Urzeiten Schweden, Finnen und Russen ihr Blut und ihre Sprachen mit den ersten Siedlern mischten, in Kriegsjahren und Friedenszeiten.

Katyas Augen waren blau wie der frostige Himmel, manchmal schillerten sie grün wie die Lichter des Nordens, die schlechtes Wetter brachten. Unkindlich ernste Augen waren es in diesem zarten, blassen Gesicht; auch ihr Mund zeigte selten ein Lächeln, kaum ein Lachen.

Aus einem anderen Stoff als er und die anderen Brüder schien sie gemacht. Wie Snegurotschka, das Schneemädchen; Großvater hatte viele solcher Geschichten gekannt.

Auch von seinem eigenen Vater hatte er oft erzählt. Jakov, ihr Urgroßvater, der sich nicht wie die anderen Jungen die langen Winter damit vertrieb, am Feuer Holzfiguren zu schnitzen. Nach draußen trieb es ihn, wo er aus Eisklumpen Gnome und Elfen herausschälte, einen Bären, eine Ziege oder eine Krähe.

Jakov hat nicht nur geschickte Hände, hieß es damals, er kann auch im Eis lesen. Ob es spröde und brüchig ist, hart wie Stein oder geschmeidig wie Butter. Unnütze Tändelei, sagten manche, vom Teufel eingeflüstert, argwöhnten andere. So oder so sprach sich Jakovs Gabe im ganzen Landstrich herum und mit der Zeit auch weit darüber hinaus.

Im strengsten Winter seit Menschengedenken, so kalt, dass mancherorts die Vögel vom Himmel fielen, traf der Bote aus Sankt Petersburg ein. Einem Befehl vom Hof musste sogar der Grundherr gehorchen, und er ließ Jakov ziehen.

Kein Kind mehr, aber auch noch kein Mann, kam Jakov in die große Stadt und sah dort zum ersten Mal das Meer. Er sah es, wie es seit einer Generation niemand gesehen hatte und noch viel länger danach niemand mehr sehen würde. Zu Eis erstarrt, so weit das Auge reichte.

Auch die Wasser der Newa waren gefroren, und emsig wie die Ameisen errichteten Arbeiter darauf einen Palast, ganz aus Eis. Ein Glanzpunkt der Feierlichkeiten nach dem Sieg über das Türkenreich, hörte Jakov. Andere erzählten ihm, dass die Zarin mit ihrem Hang zu grausamen Scherzen einen aufsässigen Höfling eine Nacht darin einsperren wollte oder einen Eispalast errichten ließ, weil sie es eben befehlen konnte.

Ein Gebäude wie aus Licht und Wind geschaffen, das dem Winter seinen Willen aufzwang.

Inmitten der anderen Handwerker, die Tische und Stühle und ein Prunkbett aus Eis schufen, schnitzte Jakov aus dem klaren und frostigen Stoff Katzen und Hunde und Vögel, Körbe voller Blumen und Früchte, Bäume mit verwunschenen Ästen und zarten Blättern.

Jakov sah den Eispalast der Zarin nie festlich erleuchtet, nie den Feuerzauber über den Delfinen und Elefanten aus Eis. Kaum hatte er den letzten Schnitt gemacht, den letzten Eisstaub fortgepustet, schickte man ihn nach Hause. Mit einer Handvoll Kopeken als Lohn und mit den Erinnerungen an dieses Abenteuer, von dem er bis zu seinem Lebensende immer wieder aufs Neue erzählen musste.

Grischa gab die Geschichte von Jakov, dem Eisschnitzer, so genau wieder, wie er sie aus den Erzählungen seines Großvaters im Gedächtnis behalten hatte.

Und während Katya mit offenen Augen von funkelnden Kristallen und einem Meer aus Eis träumte, träumte Grischa davon, die Arme auszubreiten wie Flügel und einfach davonzufliegen.

3

Vom tiefen Schnee dieses Winters umgeben, keimte ein Gedanke in Grischa auf. Ein Pflänzchen, das im bitteren Frost nur umso kräftiger wuchs.

Er würde sein Leben in die eigenen Hände nehmen und fortgehen.

So tief wurzelte dieser Plan bald in Grischa, dass auch die Bäche aus Schmelzwasser, die den großen See am Ende des Winters anschwellen ließen, ihn nicht wegspülen konnten.

Voller Tatkraft warf er sich in die Arbeit im Stall, im Wald und auf den Äckern, das Brennen in seinen Muskeln wie ein Zeichen, dass er genauso stark und unbeugsam war wie die Natur nach ihrem Winterschlaf. Und während die neugeborene Sonne auf ihrer Bahn höher kletterte, zählte Grischa die Tage. Bis er sicher sein konnte, dass das milde Wetter halten würde.

Grischa legte den Kopf in den Nacken und atmete tief ein. Die Luft roch würzig, nach frisch aufgebrochener Erde und dem ersten Grün; mit jeder Faser hatte er diesen Frühling herbeigesehnt.

Junge Grashalme glänzten zwischen den Feldsteinen, einige davon bereits von Flechten und Moos überzogen. Jakov, der Eisschnitzer, war hier begraben und seine Frau. Ebenso die Brüder und die Schwestern, die lange vor Grischa zur Welt gekommen und gleich wieder gegangen waren. Die Großmutter. Seine Mutter und zuletzt der Großvater.

Großvater hätte sicher bemerkt, was Grischa vorhatte. Ihn beiseitegenommen und ein ernstes Wort mit ihm geredet. Als ob Grischa nicht wüsste, dass er dabei war, das Gesetz zu brechen, das ihn an diesen Boden band.

Deshalb war er noch einmal an das Grab des Großvaters gekommen. Um sich zu verabschieden und Abbitte zu leisten. Für so etwas wie einen Segen.

»Ich wünschte, ich könnte es dir erklären«, murmelte Grischa. »Und dass du eines Tages trotzdem stolz auf mich gewesen wärst.«

»Mir fehlt Deduschka auch.«

Grischa hob den Kopf. Unsicher, wie lange seine Schwester schon dastand, nickte er nur.

Flaumfedern hatten sich in ihren Haaren verfangen, Spuren von Ruß und Mehl zogen sich über ihre Wange. In ihrem Rock klaffte ein Riss, den sie bestimmt heute Abend nach dem Essen noch flicken würde, auch wenn ihr schon beinahe die Augen zufielen.

Katya verdiente etwas Besseres. Hübsche Kleider für den Alltag und ein feines Gewand für Festtage und bunte Bänder für ihren Zopf. Und Zuckerzeug, Grischa wünschte sich Zuckerzeug für Katya, wie es dem Hörensagen nach welches im Haus des Grundherrn gab, ohne dass Grischa eine genauere Vorstellung davon hatte.

Klein und verwundbar wirkte sie, wie sie so dastand. Zu klein für eine solche Flucht, bei dem Gedanken daran wurde sogar ihm flau im Bauch. Ihm graute davor, Katya schutzlos dem Vater und den Brüdern zu überlassen, ihrer groben Männlichkeit. Aber er hatte keine andere Wahl.

Grischa zögerte, dann holte er sein Messer hervor.

»Das ist jetzt deines.«

Misstrauisch sah Katya ihn an.

»Warum willst du mir dein Messer schenken?«

Es war ein schönes Werkzeug, eine nützliche Waffe, der Griff aus poliertem Holz. Vom Großvater hatte er es bekommen, der ihm gezeigt hatte, wie er die herausschnappende Klinge scharf und glänzend hielt und wie er die Feder ersetzen konnte, sollte diese einmal brechen. Grischas wertvollster Besitz; bis aufs Blut hatte er dieses Messer gegen die Brüder verteidigt.

»Es hat früher einmal Urgroßvater gehört. Er hat damit das Eis geschnitzt. Ich dachte, du solltest es an meiner Stelle haben.«

Katyas Augen verdunkelten sich, und sie senkte den Blick.

Grischa hatte sich verändert seit dem Winter. Wie ausgehöhlt kam er ihr manchmal vor, nur noch eine körperliche Hülle, die bei den Mahlzeiten mit am Tisch saß und nachts auf dem Strohsack neben ihr schlief. Dass er ihr jetzt diesen Schatz überließ, verhieß nichts Gutes.

Widerstrebend und ohne ihrem Bruder in die Augen zu sehen, nahm sie das Messer entgegen.

»Ich werde gut darauf aufpassen«, sagte sie und gab sich selbst das Versprechen, auch auf Grischa zu achten.

Grischa tat so, als wäre es ein ganz gewöhnlicher Tag. Wie immer fütterte er gegen Abend das Vieh im Stall und tränkte es. Saß wie immer zum Essen am Tisch und schmunzelte sogar über einen schmutzigen Witz, den Boris erzählte, für den dieser sich dann eine Ohrfeige des Vaters einhandelte.

Fast schien es ihm selbst, als wäre es ein ganz gewöhnlicher Tag, eine gewöhnliche Nacht; sein Magen, der sich immer wieder aufgeregt zusammenzog, erinnerte ihn jedoch ein ums andere Mal daran, dass dem nicht so war.

Grischa starrte ins Dunkel.

Es war schwer, nach einem Tag auf dem Feld die Augen offen zu halten, inmitten der eintönigen Schlafgeräusche im Raum.

So leicht wäre es, sich auch in den Schlaf fallen zu lassen. Noch einen Tag, noch eine Nacht verstreichen zu lassen. Fügsam wie ein Schaf einfach weiterzumachen wie bisher und darauf zu hoffen, dass sich von selbst etwas änderte.

Katyas Atemzüge neben ihm waren tief, vollkommen arglos, und seine Brust krampfte sich zusammen. Er wünschte, sie wäre noch klein genug, um sie auf den Schultern tragen zu können. Schon groß genug, dass er sie bei der Hand nehmen und mit ihr zusammen fortgehen könnte.

Grischa hatte Angst. Eine Angst, die sich spitz in seine Knochen ritzte, ihm den Magen umdrehte. Doch noch größere Angst hatte er, den richtigen Moment zu verpassen. Dass sein Mut ausflockte wie saure Milch.

Behutsam schob er sich vom Strohsack herunter. Die Schuhe in der Hand, tastete er sich durch den finsteren Raum und schloss geräuschlos die Tür hinter sich.

Katyas ruhiger Atem brach jäh ab, und sie schlug die Augen auf.

In der Scheune holte Grischa sein Bündel aus dem Versteck zwischen den Strohballen. Die Dunkelheit machte es ihm leicht, keinen Blick zurückzuwerfen. Er dachte nur noch daran, was vor ihm lag, während er sich in die Nacht hinausstahl und sich von der Schwärze des Waldes verschlucken ließ.

Sanft gluckernd spiegelte der See den Nachthimmel wider, und wie schlaftrunken riefen die Wasservögel lockend in die Finsternis. Umso ungestümer kam Grischa sein eigener Herzschlag vor, von fiebrigem Glück und bangem Mut.

Solange er sich am Wasser hielt, würde er nicht nur zu trinken haben und sich von dem Reichtum an Fischen ernähren können – das Wasser wies ihm auch den Weg. Erst das Ufer des Sees, dann der Fluss, der darin seinen Ursprung hatte. Ihm würde Grischa folgen, immer in Richtung der untergehenden Sonne, bis nach Sankt Petersburg hinein. Ein Marsch von einigen Tagen, vielleicht auch Wochen; darin waren die Erzählungen des Großvaters ungenau gewesen.

Die Nacht brachte eine verborgene Seite der Welt hervor. Gewichtig und still, aber keineswegs tot. Jedes Flüstern und Rascheln hatte etwas Dringliches und wechselte dabei ständig die Richtung, aus der es kam. Sogar die Luft war eine andere, von einer krautigen Schärfe, auf Grischas Zunge wie ein Vorgeschmack der Freiheit. Umso kräftiger schritt er aus, das Bündel an einem Stock geschultert.

Unter den Geräuschen des Waldes blieb ein Knistern beharrlich hinter ihm. Federleicht und nicht ganz gleichmäßig, ließ es sich auch nicht abschütteln. Unwillkürlich zogen sich seine Schulterblätter zusammen.

Er war nicht allein. Etwas hatte sich an seine Fersen geheftet wie ein vergessener Gedanke. Umso spürbarer, je länger er unterwegs war. Ein Schatten, der sich hinter ihm verdichtete, aber nie näher kam.

Grischa schlüpfte lautlos ins Gebüsch und streifte das Bündel langsam vom Stock. In Augenblicken wie diesem hatte er auf sein Messer vertraut; jetzt musste der Stock genügen. Beide Hände fest um das Holz geschlossen, wartete er mit angehaltenem Atem.

Ein kleiner Schatten war es, der sich durch das hohe Gras des Ufers schob. Ein blasses Gesicht, Augen, die suchend hin und her huschten.

Grischa brach aus den Sträuchern hervor und packte seine Schwester am Arm.

»Warum läufst du mir nach?«

Katya zuckte nicht einmal zusammen, ruhig und ernst war sie. »Wo gehst du hin?«

Beschämt über seine eigene Grobheit, ließ Grischa ihren Arm wieder los. »Fort von hier.«

»Ohne mich?«

Im Nachtlicht waren ihre Augen dunkle Brunnen.

»Ich hole dich nach, Katyuscha. Versprochen.«

Er streckte die Hand nach ihr aus und berührte sie leicht am Arm; unwillig zog Katya die Schulter zurück.

»Wann?«

Fünf Jahre würde er nicht mehr zurückkehren können, als Verbrecher gesucht. Ein Geächteter, den jeder im Russischen Reich festsetzen durfte, um ihn der Gerichtsbarkeit zu überstellen. Erst nach diesen fünf Jahren würde seine Flucht vergeben sein, und er wäre ganz und gar ein freier Mann.

Sofern er es jemals bis nach Sankt Petersburg schaffte, ans Meer.

»Wann, Grischa?«

»Sobald ich kann.«

Eine Antwort zwischen Irgendwann und Nie und wie Wasser in Katyas Händen.

»Ich komme mit.«

»Das geht nicht! Der Weg ist zu weit für dich. Lauf wieder nach Hause, Katyuscha.«

Katya hatte nicht gewusst, dass Zorn so heftig über einem zusammenschlagen konnte, bis man fast den Boden unter den Füßen verlor.

»Du kannst mich nicht zurücklassen!« Sie stieß ihn vor die Brust. »Hörst du, Grischa? Du kannst mich nicht hierlassen!«

»Ich kann dich auch nicht mitnehmen!« Er brüllte fast.

Ein heiseres Echo kam aus den Kehlen der Vögel, die mit heftig schlagenden Flügeln das Wasser aufschäumten.

Katya wich zurück, ihre Augen schmal; die letzte Warnung einer Katze vor dem Krallenhieb.

»Wenn du gehst, gehe ich auch.«

Sie wirbelte herum, stürmte an ihm vorbei, und ihre Silhouette stanzte zwischen den Gräsern den Weg aus, den Grischa allein hatte nehmen wollen.

Grischa stieß einen Fluch aus und hieb auf Blätter und Gräser ein.

Mit Katya würde er ungleich länger nach Sankt Petersburg brauchen. Und selbst wenn ihn auf dem Gehöft niemand vermisste, nach Katya würden sie bestimmt suchen. Seine einzige Chance, sie zur Umkehr zu bewegen, wäre, mit ihr zusammen nach Hause zurückzukehren. Wo sie sicherlich auf der Hut bleiben würde, damit er sich nicht noch einmal ohne sie davonstahl.

Falls er den Mut dafür noch einmal aufbrächte.

Voller Ingrimm klaubte er schließlich sein Bündel aus dem Gebüsch und stapfte hinter dem Schatten seiner Schwester her.

4

Der Wind strich über Grischas von der Sonne beschienenes Gesicht. Er kniete am Ufer des Sees und trank gierig aus der hohlen Hand.

»Grischa«, hörte er Katya flüstern.

Er sah nicht auf. Seit er sie in der vergangenen Nacht zwischen den Gräsern eingeholt hatte, strafte er sie mit Schweigen. Katya war ebenfalls stumm geblieben, während sie sich seit Tagesanbruch abgemüht hatte, mit ihm Schritt zu halten.

Keinen Fingerbreit war er von seinem Plan abgewichen, bis zur nächsten Nacht zügig weiterzuwandern, um möglichst viel Entfernung zwischen sich und das Gehöft zu bringen; er konnte auch starrsinnig sein. Nur wenn er mit einem Blick über die Schulter festgestellt hatte, dass Katya zu weit zurückgefallen war, war er langsamer gegangen. Und nur wenn ihre Wangen glühten, ihre Schritte unsicher wurden, hatten sie eine Rast eingelegt, so wie jetzt.

»Grischa. Schau doch!«

Endlich hob er den Kopf.

Ein paar Armlängen von ihm entfernt tapste ein braunes Fellknäuel auf das Wasser zu. Ein Bärenjunges, hinter dem gleich darauf ein zweites aus dem Ufergras hervorpurzelte.

Im Wald hatte er schon oft Bären gesehen, aber noch nie so nahe; wahrscheinlich hatten der Lärm der Äxte, die dröhnenden Stimmen der Männer sie dazu bewogen, einen großen Bogen zu schlagen. Und noch nie hatte Grischa Bärenkinder gesehen.

Dass Bärinnen mit Jungen unberechenbar waren, das hatte man ihm von klein auf eingebläut. In einem Frühling wie diesem waren einmal zwei Burschen aus dem Dorf von einer Bärenmutter angefallen worden; den einen hatte sie zerfleischt, den anderen mit ihren Klauen derart zugerichtet, dass er ein Krüppel geblieben war, nur noch ein Auge in den Überresten seines Gesichts, der Arm eine nutzlose Hülle für die zersplitterten Knochen und zerfetzten Muskeln.

Grischa fasste nach seinem Stock und zog sich auf die Füße.

In Wellen kräuselte sich raschelnd das Schilf, und ein massiger Tierleib schob sich daraus hervor. Das Fell zottig nach dem langen Winter, blinzelte die Bärin auf das Wasser hinaus und nahm mit bebenden Nüstern Witterung auf.

Einen atemlosen Augenblick standen sie einander gegenüber, die Bärin mit ihren Jungen und die beiden Menschenkinder, abschätzend und lauernd.

»Bleib hinter mir, Katya.«

Die Ohren angelegt, schwenkte die Bärin den Kopf hin und her, drohend und doch unschlüssig; ihr Schnauben klang verächtlich.

Katya setzte auf ihre Erfahrungen, die sie bei ihren Begegnungen mit Bären gemacht hatte, wenn sie Beeren und Nüsse und Pilze gesammelt hatte – am besten ging man ihnen aus dem Weg.

»Hier entlang.« Ihre Finger krallten sich in Grischas Jackenärmel. »Langsam. Und mit dem Wind. Dann verliert sie unsere Spur.«

Grischa ließ sich von seiner Schwester durch das Schilf zerren, einen angestrengten Schritt nach dem anderen. Auf Zehenspitzen, mit ausgedörrtem Mund und schweißfeuchten Händen, der Pulsschlag ein Pochen in der Kehle, ein Rauschen in den Ohren.

Erst als sie sich in sicherer Entfernung wussten, rannten sie los, und ihre zittrige Erleichterung flog als befreites Auflachen zum Himmel hinauf.

Heiterkeit stahl sich immer wieder in ihre Blicke, doch obwohl Grischa seine Schritte denen seiner Schwester anpasste, ihr unterwegs über einen umgestürzten Baum half, blieben sie beide stumm. Als hätten sie mit dem Gehöft auch die alte Vertrautheit hinter sich gelassen, fanden sie keine Worte füreinander.

Etwas Unausgesprochenes stand zwischen ihnen, während sie weiter das Ufer des Sees entlangwanderten.

In der Dunkelheit verbreitete das Feuer einen warmen Schein.

Grischa schnitt für sich und seine Schwester je ein Stück von dem Käse aus seinem Bündel herunter und wischte die Klinge an seinem Jackenärmel sauber. Es kostete ihn Überwindung, das Schweigen zu durchbrechen.

»Wenigstens hast du an das Messer gedacht.«

Katyas spöttischer Blick stand im Widerspruch zu dem sanften Goldschimmer auf ihrem Gesicht.

»Du hältst dich tapfer«, versuchte Grischa es noch einmal.

Dieses Mal wich sie seinem Blick aus und widmete sich dem Fisch, den sie auf einem zugespitzten Ast über das Feuer hielt.

Schweigend machten sie sich über Fisch und Käse und die trockenen Brotkanten her, ausgehungert nach ihrem langen Marsch.

»Deshalb wollte ich dich nicht mitnehmen«, setzte Grischa nach einiger Zeit erneut an. »Weil ich nicht weiß, ob ich dich unterwegs beschützen kann. Weil ich mir noch nicht einmal sicher bin, dass ich den weiten Weg schaffe. Und das, was danach kommt.«

Katya starrte in die Flammen.

»Wäre ich zu Hause geblieben«, sagte sie schließlich leise, »hättest du mich gar nicht mehr beschützen können. Lieber bin ich mit dir hier draußen. Und vielleicht kann ich dir ja wieder mal aus der Klemme helfen«, fügte sie hinzu, einen schalkhaften Funken in ihren Augen, fast triumphierend.

Ein kleines Lächeln entfaltete sich zwischen ihnen.

Grischas Lächeln verbreiterte sich zu einem Grinsen, als er mit seinem Ast im Feuer stocherte.

»Wir können morgen ja versuchen, ein Kaninchen zu erlegen.«

In ihrem Landstrich fing man keine Kaninchen. Obwohl genug davon über die Felder hoppelten, während Ziegen, Schafe und Hühner so kostbar waren, dass ihr Fleisch nur selten auf den Tisch kam, und immer nur im Winter. Niemand hatte Grischa erklären können, warum das so war; für sein beharrliches Nachbohren hatte er sich nichts als Kopfnüsse eingehandelt.

Fragend sah er seine Schwester an. Doch Katya war bereits eingeschlafen, noch im Sitzen, das Kinn auf die Brust gesunken. Grischa zögerte, dann streckte er sich und zog sie an sich.

Katyas warmes, vertrautes Gewicht und ihre tiefen Atemzüge ließen auch seine Lider schwer werden, während das Feuer herunterbrannte, das Heulen eines Wolfs irgendwo in der Finsternis vielleicht noch Wirklichkeit oder schon Traum.

Die Beine von sich gestreckt, saß Katya im Gras, Sonne und Wind und Frühlingsluft wohltuend an ihren bloßen Füßen, die von Blasen und aufgeplatzten Schrunden übersät waren. Die Stoffstreifen, die sie statt Strümpfen um ihre Füße gewickelt und mit Schnüren festgebunden trug, lagen gewaschen auf einem Stein zum Trocknen; nach den vielen Werst, die Katya und Grischa in nur ein paar Tagen zurückgelegt hatten, war der Stoff bereits durchgescheuert.

»Du hast an alles gedacht.«

Genau wie Grischa war sie dabei, mit dem Büschel Bast aus seinem Bündel die gröbsten Löcher in den Schuhen zu flicken.

Ihr einsamer Marsch durch das Land, nur begleitet von Vögeln und manchmal einem neugierigen Fuchs, ließ ihnen keinen Atem für viele Worte. Was es zu sagen gab, mussten sie sich für solche Augenblicke der Rast aufsparen.

»Ich hätte daran denken sollen, mehr Essen mitzunehmen.«

Zu zweit waren die heimlich vom Tisch abgezweigten Brotkanten, Piroggi und Blini, die aus der Lagerhütte gestohlenen Äpfel und der Käse doppelt so schnell vertilgt gewesen.

»Wir kommen doch ganz gut zurecht.«

Grischa war geübt darin, mit aufgekrempelten Hosenbeinen im Wasser zu stehen und Fische für sie beide herauszugreifen, so wie Katya sich damit auskannte, welche der jungen Blättchen auf den Wiesen essbar waren. Aus einem brachliegenden Acker hatten sie vergessene Rüben vom Vorjahr ausgegraben und die fauligen Stellen herausgeschnitten, und das irgendwo entlaufene Huhn, das sie unter viel Geflatter und Gelächter eingefangen hatten, war ein Festmahl gewesen.

»Trotzdem«, beharrte Grischa.

Der Vorwurf schien mehr ihm selbst zu gelten als Katya. Seine Miene hellte sich nur langsam auf, als er das zerfasernde Bastgeflecht in seinen Händen betrachtete.

»Von meinem ersten Geld«, sagte er leise wie zu sich selbst, »kaufe ich mir Schuhe. Richtige Schuhe. Aus Leder und mit genagelten Sohlen. Wie sie der Grundherr hat.«

Mit solchen Schuhen an den Füßen lässt sich bestimmt die ganze Welt erobern, dachte er sich.

Er wirkte ein wenig verlegen, als er sich wieder mit dem Flechtwerk beschäftigte.

Katya fragte sich nicht zum ersten Mal, woher Grischa all diese Gedanken zugeflogen waren. Ob es daran lag, dass er ein Junge war oder schon älter als sie, oder schlicht daran, dass er Grischa war.

Sie wäre nie auf die Idee gekommen, von einem anderen Leben zu träumen und dafür wegzulaufen; vielleicht, weil sie noch so klein war oder ein Mädchen oder eben Katya. Und dann war es doch ganz einfach gewesen, von einem Wimpernschlag zum nächsten, so leicht und mühelos wie ein Atemzug.

Seitdem setzte sie einen Fuß vor den anderen, immer Grischa hinterher. Weil es nichts anderes gab, was sie tun konnte, und jeder Schritt die Hürde für ein Umkehren höher und höher legte.

Zweifel oder Gewissensbisse hatte sie keine. Bestimmt suchten der Vater und die Brüder nach ihnen, vielleicht sorgten sie sich sogar. Es würde sich nur nichts ändern, wäre sie morgen wieder zu Hause. Über kurz oder lang würden wieder Schelte und Schläge die Oberhand gewinnen, und wenn Grischa gerade nicht in Sicht war, würde Igor sie festhalten, damit Jakov und Boris ihr unter die Röcke fassen konnten.

Von selbst hielten Katyas Finger inne, und ihr Blick schweifte von der Arbeit ab. In diese Landschaft hinaus, die doch nur das wiederholte, was sie schon kannte, den See und die Wälder und Felder und Wiesen, manchmal in der Ferne die Umrisse eines Gehöfts, eines Dörfchens, eines verlorenen Holzkirchleins.

Katya konnte sich nicht vorstellen, wie man aus dem Vertrauten, Immergleichen den Traum von etwas Neuem schuf. Sie sah nur, wie klein sie waren. In diesem Land, von dem die Leute sagten, es sei so weit und leer, dass es Menschen einfach verschluckte.

Sie vertraute darauf, dass das Land sie wieder ausspucken würde, weil sie Grischa vertraute. Auch wenn sie sich nicht ausmalen konnte, wie es dort sein würde. Ob dies dann vielleicht ein Ort war, an dem sie anfangen konnte zu träumen.

Ein Paar richtiger Schuhe wäre auf jeden Fall ein guter Anfang.

Regen flutete das Land. Ein Segen für die Bauern, ein Fluch für Katya und Grischa.

Sobald sich unter der warmen Sonne die Haut auf Grischas Unterarmen gekräuselt hatte, hatte er nach einem Unterschlupf Ausschau gehalten. Noch bevor sich der blaue Himmel verfinsterte und seine nasse Last ablud. Mehr als ein ausladender Baum, um sich für die Nacht darunter zusammenzukauern, war ihnen jedoch nicht vergönnt gewesen. Und so bald würde der Regen auch kein Ende finden.

Dieses eine Mal wünschte sich Grischa, dass sein Gespür ihn vielleicht doch trog; eine solche Gabe nutzte nichts, wenn man nicht auch die Mittel hatte, dem Wetter die Stirn zu bieten.

Ihrer beider Schuhe trug er in seinem Bündel über der Schulter. Barfuß kamen sie besser voran, aber alles andere als leichtfüßig; bei jedem Schritt quoll Schlamm zwischen ihren Zehen hervor, oft versanken sie bis über die Knöchel im Morast.

Ihr Glück, das sie ohne größere Schwierigkeiten und Hindernisse bis an den Lauf der Newa gebracht hatte, war aufgebraucht.

Das Schafsleder ihrer Jacken hielt zwar den Regen ab, trotzdem hatten sie darunter keinen trockenen Faden am Leib. Katyas Bluse klebte ihr genauso auf der Haut wie ihre vollgesogenen Röcke, die sich ständig um ihre Beine wickelten. Wasser schien durch jede ihrer Poren zu dringen, und eine Kälte war in sie hineingekrochen, die ihre Knochen steif werden ließ.

Katya sehnte sich nach nichts mehr als nach einem warmen Feuer. Doch selbst wenn der Regen von jetzt auf gleich aufhörte, konnte es Tage dauern, bis die im Wald herumliegenden Äste wieder getrocknet waren.

Ihre Knie knickten ein, und sie fiel in den Morast. Grischa half ihr auf.

»Komm weiter. Wir folgen dem Fluss jetzt schon so lange, weit kann es bestimmt nicht mehr sein.«

Katya schaffte noch ein paar Schritte an Grischas Hand, dann sackten die Beine erneut unter ihr weg, schlaff wie gekochter Kohl. Ihr unbedingter Wille weiterzugehen musste sich der Erschöpfung beugen. Ein Zurück war genauso unmöglich wie das Vorwärts, und Katyas Tränen mischten sich unter den Regen, der über ihr Gesicht lief.

Verzweifelt sah sich Grischa nach einem Baum um, unter dem er mit Katya eine Weile rasten könnte, oder nach einer verfallenen Scheune. Und obwohl sie Ansiedlungen immer gemieden hatten, um neugierigen Fragen zu entgehen, hätte er jetzt sogar an die Tür eines Bauernhauses geklopft. Alles wäre ihm recht gewesen, um Katya eine Pause im Trockenen zu verschaffen.

Doch da war nichts. Nichts als überschwemmtes Grasland und die ausgedehnten Wasser der Newa.

Grischa zerrte Katya durch den Schlamm vorwärts, versuchte sogar, sie ein Stück weit zu tragen. Bis er einsehen musste, dass es sinnlos war.

Während der Regen unaufhörlich auf sie herabströmte und die Linie zwischen Himmel und Erde verschmierte, waren sie im Nirgendwo gestrandet.

Einmal mehr blickte Grischa sich hilfesuchend um, so sinnlos es ihm auch schien. Mehr konnte er nicht tun, als tropfnass hier zu stehen und auf eine Eingebung zu hoffen. Auf irgendetwas, das ihnen hier heraushalf.

Er stutzte und wischte sich das Wasser aus den Augen. Am Horizont schälte sich ein Umriss aus dem Regen und formte sich zu einem Pferd, das einen Karren zog.

Grischa warf Bündel und Stock von sich.

»Warte hier!«

Querfeldein rannte er los, durch den hoch aufspritzenden Matsch. Auf das Fuhrwerk zu, das über einen schlammigen Pfad schlingerte. Unter lauten Rufen schwenkte Grischa beide Arme über dem Kopf und sprang schließlich breitbeinig vor den Wagen.

Sichtbar widerwillig zügelte der Kutscher den müden Gaul und lugte argwöhnisch unter der Kapuze seines Umhangs hervor, von dem der Regen troff, eine Hand schon am Griff der Peitsche.

»Verzeiht, dass ich Euch aufhalte, Väterchen«, rief Grischa ihm atemlos entgegen. »Aber würdet Ihr uns ein Stück mitnehmen? Um meiner kleinen Schwester willen?«

Noch immer misstrauisch, wanderte der Blick des Mannes zu Katya, die in der Ferne wie ein Häufchen Elend auf dem Boden kauerte. Er murrte etwas in sich hinein, wickelte dann jedoch die Zügel fest um die Rückenlehne und schickte sich mit einem Seufzen an abzusteigen.

»Du musst sie aber schon herbringen. Wenn ich in diesen Modder da reinfahre, komme ich so schnell nicht wieder heraus.«

Grischa rannte zu Katya zurück. Den Stock ließ er liegen, drückte ihr das Bündel in die Hände und schleppte seine kleine Schwester zum Fuhrwerk, einen taumelnden und mühevollen Schritt nach dem anderen. Mit Hilfe des Kutschers bettete er sie auf die Ladefläche und breitete eine Filzdecke über sie, bevor er neben dem Mann aufstieg und der Karren ruckelnd wieder anfuhr.

Auf dem schaukelnden Kutschbock zog Grischa sich die zweite Decke tiefer über den Kopf, die ihm ihr barmherziger Samariter angeboten hatte. Immer wieder warf er einen Blick hinter sich, wo Katya zusammengerollt lag. Zwischen Käfigen, in denen Hühner ihr Gefieder aufplusterten und Gänse sich unter Protestgeschnatter aneinanderdrängten.

Der Grund, weshalb Pjotr Iwanowitsch aus seinem Gasthaus in der Stadt aufs Land hinausgefahren war.

»Wenn das Federvieh nicht von selbst dem Koch entgegenflattert, muss der Koch es eben holen«, knurrte er übellaunig unter seinem Umhang hervor. »Rentiert sich dennoch, dafür rauszufahren, Wetter hin oder her.«

Er streifte Grischa mit einem Seitenblick.

»Was habt ihr zwei denn hier draußen zu suchen, an so einem Tag?«

Grischa zögerte. Gerade so lange, wie es ihm für die Geschichte angemessen schien, die er sich zurechtgelegt hatte.

»Unsere Eltern sind gestorben«, begann er, betont langsam und angestrengt. »Ist noch nicht lang her. Erst unsere Mutter, dann auch der Vater. Wir sollen jetzt zu Verwandten in die Stadt.«

Pjotr Iwanowitsch brummte einige Worte des Beileids und so etwas wie einen Segen für die Verstorbenen, bevor er den Kopf darüber schüttelte, dass jemand zwei Waisenkinder allein durch die Gegend wandern ließ, anstatt sie abzuholen.

»Nichts für ungut«, fügte Pjotr Iwanowitsch mit einem Aufschnaufen hinzu. »Eure Leute werden schon ihre Gründe gehabt haben. Zum Glück seid ihr mir über den Weg gelaufen, und jetzt habt ihr es ja auch fast geschafft. Auf die Stadt könnt ihr euch freuen, euch werden die Augen übergehen! Kenne ich noch von mir, ich bin auch vom Land, von weiter im Süden. Ich sag’s dir, Junge, eine Stadt wie Petersburg gibt es kein zweites Mal auf der ganzen weiten Welt …«

Während Pjotr Iwanowitsch ihn mit schwärmerischen Schilderungen der Stadt überschüttete, musste Grischa eingenickt sein; ein hartes Rucken des Fuhrwerks schreckte ihn auf.

Unter dem Regen sammelte sich zähe Dunkelheit. Es war schon fast Abend, am Horizont konnte Grischa die ersten Lichter ausmachen. In ein paar Stunden würde der Regen nachlassen, spätestens gegen Morgen.

»Wo müsst ihr denn hin in der Stadt?«, fragte Pjotr Iwanowitsch, als sie über eine schmale Brücke rumpelten. »Dann setze ich euch da ab.«

Verschwindend klein wirkte das Fuhrwerk zwischen den klotzigen Hausmauern, die sich in der Dämmerung zu beiden Seiten auftürmten, verheißungsvoll und abweisend zugleich.

Grischa warf einen Blick über die Schulter zu Katya, die sich die Fahrt über nicht gerührt zu haben schien. Auf sich allein gestellt hätte er es darauf ankommen lassen, wie er die Nacht überstand.

»Ich habe nicht die ganze Wahrheit gesagt, Pjotr Iwanowitsch.«

Es war demütigend, die Fallstricke der eigenen Lüge zu entwirren. Sein Wohlergehen und das Katyas in die Hände eines Fremden zu legen.

»Unsere Mutter ist tatsächlich tot, aber wir sind nicht zu Verwandten unterwegs. Wir sind ausgerissen, um irgendwo ein besseres Leben zu finden. Entlaufene Leibeigene, das sind wir.«

Unter zusammengekniffenen Brauen starrte Pjotr Iwanowitsch ihn an und brachte mit stramm gezogenen Zügeln das Pferd zum Stehen. Grischa wich diesem bohrenden Blick aus, das Herz schlug ihm bis zum Hals.

Augenblicke der Beklommenheit, die nur zäh verstrichen.

»Dann sag das mal besser nicht zu laut«, ließ sich Pjotr Iwanowitsch schließlich nach einem tiefen Atemzug vernehmen. »Du weißt, das Gesetz schnappt sich immer die Fliegen und lässt die Hornissen davonkommen.«

Entschieden schnalzte er mit den Zügeln.

5

In dem Verschlag neben der Küche betrachtete Grischa seine schlafende Schwester. Behutsam legte er die Hand auf ihre rosige Wange, die warm war, aber nicht heiß; gleichmäßig strömte der Atem aus ihrem geöffneten Mund.

Sie hatten unwahrscheinliches Glück gehabt mit Pjotr Iwanowitsch und seiner Frau Olga, die ihnen etwas zu essen und trockene Kleider und einen Platz zum Schlafen gegeben hatten, zwischen Fässern, Kisten und Säcken, aus denen es gut roch.

Beruhigt war Grischa dennoch nicht. Er neigte den Kopf und presste das Ohr an die Tür zur Küche.

Zwischen Topfgeklapper schälten sich Gesprächsfetzen heraus.

»Ich weiß nicht recht«, wandte die Frau zögerlich ein.

Grischa sah Olga Arkadjewna vor sich, drall in ihrem blauen Kleid mit der umgebundenen Schürze, das nicht mehr junge Gesicht unter dem Kopftuch besorgt in Falten gelegt. Wie gestern, als ihr Mann am späten Abend mit Grischa zur Tür hereingetreten war, eine leblose Katya in seinen Armen.

»Das Mädchen kommt mir noch sehr klein vor. Wie ein Vögelchen, nur Haut und Knochen. Ich bin ganz erschrocken, als ich sie gestern in den Zuber mit heißem Wasser gesteckt habe.«

»Die haben beide auch einiges hinter sich. Aber der Junge hat erzählt, das Mädchen hat bei ihnen zu Hause alles allein gemacht«, erklärte Pjotr Iwanowitsch. »Kochen und Waschen und Nähen und Kleinvieh. Und wie tüchtig der Junge anpacken kann, hast du heute früh ja gesehen. Ich bin schon lange nicht mehr so flink mit dem Feuerholz.«

Olga Arkadjewna schwieg, während sie etwas mit dem Messer gründlich klein häckselte.

»Haben sie denn wirklich sonst niemanden mehr?«, fragte sie schließlich zweifelnd.

»Seit die Kinder flügge geworden sind, plagst du mich damit, dass du Hilfe willst. Jetzt kommen uns zwei Paar junger Hände ins Haus, für nichts als eine warme Mahlzeit und den Strohsack hinten, und das ist dir auch wieder nicht recht.«

Energisch hieb Pjotr Iwanowitsch etwas Hartes mit dem Beil entzwei.

Grischa hatte genug gehört und ließ den Kopf an die Wand hinter sich sinken.

Dass sie flüchtige Leibeigene waren, wollte Pjotr Iwanowitsch für sich behalten, es sei besser so. Grischa fragte sich trotzdem, wie weit die Lüge der einsamen Waisenkinder sie tragen würde.

Ob Olga Arkadjewna nicht früher oder später Verdacht schöpfen würde. Einer der Gäste oder ein Nachbar oder der Hausbesitzer, der ab und zu vorbeikam, um im Gasthaus von Pjotr Iwanowitsch nach dem Rechten zu sehen. Vielleicht würde Pjotr Iwanowitsch sie durch einen dummen Zufall verraten, vielleicht Grischa oder Katya selbst.

Für Katya würde es leichter sein. Sie könnte sich immer damit herausreden, dass Grischa sie gezwungen hätte oder sie von nichts wusste; bei einem kleinen Mädchen ließ man bestimmt Gnade vor Recht ergehen.

Katya seufzte im Schlaf. Ein kleines Lächeln zuckte über Grischas Gesicht, während sich in seiner Brust etwas zusammenballte.

Nichts und niemand auf der Welt bedeutete ihm so viel wie Katya, das hatte er wohl erst auf ihrem Marsch durch das Land begriffen, doch die Verantwortung für seine Schwester wog schwer wie ein Mühlstein. Trotzdem war er nicht bereit, die Arbeit auf dem Gehöft gegen die Arbeit in einem Gasthaus einzutauschen. Er wollte mehr.

Grischa zog die Wolldecke bis zu Katyas Kinn hinauf und schlüpfte dann zur Hintertür hinaus, in die Morgensonne, die zwischen den aufreißenden Wolken hindurchblinzelte. An den Hühnern und Gänsen in ihren Käfigen vorbei, die nicht die Macht hatten, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

Pjotr Iwanowitsch hatte nicht zu viel versprochen.

Die Paläste und herrschaftlichen Häuser und Kirchen, an denen Grischa entlanglief, hätte er sich in seinen kühnsten Träumen nicht ausmalen können. Manche davon waren so groß, dass bestimmt sein Heimatdorf hineingepasst hätte, und so hoch, dass Grischa den Kopf in den Nacken legen musste, um sie in ihrer Gänze bewundern zu können. Wie aus dem blauen Himmel und weißen Wolken schienen sie gemacht, und ihre Dächer und Kuppeln glänzten wie Mondlicht und Sonnenschein.

Noch mehr aber gefielen ihm die Werkstätten entlang der schnurgeraden Straßen. Die Läden und Lagerhäuser und die unzähligen Gasthäuser wie das von Pjotr Iwanowitsch, vor denen sich Essensschwaden mit dem beißenden Gestank der Gerbereien mischten.

Staunend stellte Grischa fest, dass es nicht nur Schuhe zu kaufen gab, wie er sie sich ersehnte, sondern auch gute Hemden und Hosen, vornehme Hüte und Mäntel aus Wolle. Helles Brot und Kuchen und Süßgebäck unter glänzender Zuckerkruste. Säcke voller harter schwarzer Bohnen, die einen bitteren Geruch verströmten, wie verbrannt. Fasziniert beobachtete er, wie sie gemahlen wurden, um ein Getränk daraus zu brauen, das ähnlich herb und durchdringend roch.

»Auch eine Tasse Kaffee, der junge Mann?«

Die lächelnd vorgebrachte Einladung des Händlers beantwortete Grischa mit einem verlegenen Kopfschütteln und ging dann weiter. In einer Metzgerei entdeckte er an Haken baumelnde Tierhälften, die ihn rätseln ließen, warum sie so anders aussahen als die Wildschweine, die er aus dem Wald kannte. Bis es ihm dämmerte, dass es offenbar Schweine gab, die andernorts als Schlachtvieh gemästet wurden wie die Rinder des Grundherrn zu Hause. Außerdem aß man in Sankt Petersburg ohne Hemmungen auch Kaninchen.

Ein anderer Händler bestückte gerade aus einem Korb unter seinem Arm die Auslage vor seinem Laden; fremdartige Früchte, die vielleicht auch Gemüse waren.

»Verzeiht, Väterchen. Aber was ist das?«

Grischa deutete auf die rot schimmernden Kugeln, viele davon mit einem Rest trockener Blättchen obenauf wie ein spitzzackiger grüner Stern.

»Das sind Tomaten, Junge«, erklärte der Händler mit nachsichtigem Blick.

»Und das?«

Eiförmige Früchte, wächsern wie ein Talglicht, dabei leuchtend gelb und pockennarbig, das eine Ende knubbelig, das andere spitz zulaufend.

»Zitronen. Aus Italien.«

Kartoffeln, Tee, Mais, Wodka, fragte Grischa sich weiter durch. Wein. Bier. Tabak. Zimt. Gewürznelken. Safran. Senf. Aus Frankreich und Ungarn, Spanien und England und Ceylon, aus einem Indien des Westens und einem des Ostens.

Grischa hatte nicht gewusst, wie rückständig sie auf dem Land und dem Gehöft lebten, von der Hand in den Mund. Hier in Sankt Petersburg sah er zum ersten Mal mit eigenen Augen, was es auf dieser Welt alles gab. Was Wohlstand und Reichtum wirklich bedeuteten.

Dabei bewegte sich Grischa nur durch einen kleinen Teil der Stadt. Mehr als fünfmal so groß wie dieses Viertel war sie, wie Pjotr Iwanowitsch erzählt hatte, mit noch feineren Häusern und mehr Palästen und dem Zarenhof. Wassiljewski war eine der Dutzende von Inseln, auf denen Sankt Petersburg ruhte, halb dem Meer und halb den Sümpfen abgerungen.

Auf den Knochen von Zehntausenden von Leibeigenen erbaut, die den Traum des Zaren wahr gemacht hatten, in Stein und Holz und Marmor, Kupfer und Gold.

Bei den ersten Soldaten, die Grischas Weg kreuzten, sah er sich noch hastig nach einem Fluchtweg um, doch er gewöhnte sich bald an die schneidigen Uniformen in Rot und Blau und Grün, die die Straßen füllten.

Grischa hatte überhaupt noch nie so viele Menschen gesehen, die überall hämmerten und sägten, Körbe voller Waren umherkarrten und verluden, in die Hauseingänge hinein- und wieder herauseilten. Viel zu beschäftigt waren sie, um auf einen Bauerntölpel wie Grischa zu achten, der mit großen Augen umherwanderte, in seiner zu kleinen Jacke aus Schaffell, den löchrigen Bastschuhen an den Füßen und der Hose von Pjotr Iwanowitsch, die er um die Hüften mit einer Schnur zusammengezurrt hatte.

Und dann stand Grischa am Meer wie einst sein Urgroßvater.

Nicht die wilde und überwältigende Weite, die er sich vorgestellt hatte. Die blaue Fläche, die still und zahm vor ihm lag, kam ihm nicht größer vor als der See, den er hinter sich gelassen hatte.

Nur die dunkle Linie des Horizonts versprach Unendlichkeit.

Seine Enttäuschung hielt nicht lange an. Boote und Kähne drängten sich an das Ufer, und am Kai reihten sich Schiffe aneinander, mal schlank und wendig, dann wieder ausladend und behäbig, ihre Masten und Taue ein Wurzelgeflecht, das nicht für die Erde, sondern für den Himmel bestimmt zu sein schien.

Während die Wellen behäbig an den Kai schlugen, verfolgte Grischa gebannt die heranrumpelnden und wieder wegrollenden Karren. Säcke und Kisten wurden hin und her gewuchtet, hier an Seilen hinaufgezogen und anderswo herabgelassen und zappelndes Vieh verfrachtet, das blökte und meckerte, grunzte und quiekte.

Geschäftig wimmelte es auf den Schiffen bis in die Masten hinauf; sehnige und muskulöse Männer, die Gesichter hart und sonnenverbrannt, deren Handgriffe einem geheimen Muster folgten. Nicht viel besser gekleidet als Grischa, ging von diesen Männern am Kai trotzdem eine selbstsichere Zielstrebigkeit aus, die ihn einschüchterte.

Die Kommandos, die sie einander wie aus einer fremden Sprache entgegenschleuderten, ließen Grischas Herz höherschlagen, und die heiseren Schreie der Vögel zerrten ebenso an ihm wie der auffrischende Wind.

Sankt Petersburg mochte das Fenster zum Westen sein. Aber diese Schiffe hier waren die Türen zur großen weiten Welt.

Grischa nahm seinen ganzen Mut zusammen und sprach den erstbesten Seemann an, ob es auf dessen Schiff vielleicht Arbeit für ihn gab.

Seit Grischa sie durch den Regen zu dem Fuhrwerk getragen hatte, taumelte Katya wie durch zähen Nebel. Während sie auf der Ladefläche, eingepfercht zwischen Hühnern und Gänsen, durchgeschüttelt worden war. Als robuste Frauenhände ihr die nassen Sachen vom Leib zogen, Katya in ein heißes Bad steckten und sie in geliehenen Kleidern etwas Warmes in den Magen bekam.

Auch jetzt noch steckte ihr die Müdigkeit in den Knochen, grau wie der Rauch eines Laubfeuers, als sie im Verschlag hinter der Küche aufsaugte, was Grischa mit leuchtenden Augen von der Stadt erzählte.

Der feine Stich von Neid, dass er all das gesehen hatte, während sie hier schlief, war schnell vergessen; sicher würde er ihr morgen seine Entdeckungen zeigen. Den Käse aus Holland, die Butter aus Preußen, Essig aus dem Rheinland. Rosinen aus Konstantinopel, Mandeln von den Kanarischen Inseln und Speck aus Hamburg.

Bis Grischa vom Hafen sprach und sie begriff, dass es kein Morgen mit ihm geben würde.

»Das verstehst du doch sicher«, fügte er schließlich hinzu.

Die Arme um ihre Knie geschlungen, starrte Katya auf den Strohsack hinab und nickte.