Die Entführung der Doña Agata - Gudrun Pausewang - E-Book

Die Entführung der Doña Agata E-Book

Gudrun Pausewang

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Beschreibung

In einen Teppich gewickelt tritt die schwerreiche Witwe Doña Agata die ungewöhnliche Reise in eine ihr völlig unbekannte Gegend an: in die Welt der Armen. Doña Agata ist entführt worden! Die Räuber sind jedoch Gentlemen, und ehe sie zur Kasse bitten, behandeln sie ihren vornehmen Gast mit ungeheuchelter Ehrerbietung. Während zwei Erben raffinierte Rettungsaktionen überlegen, um ihre Tante wiederzubekommen, macht diese es sich in der Dachstube eines ihrer Entführer gemütlich, kocht für die besorgten Schurken, flickt ihre Lumpen und macht sogar, wer hätte das von der angesehenen Dame gedacht, ein Freudenhaus auf, um ihre armen Freunde an den Einnahmen zu beteiligen. Dank eines tollen Werbeeinfalls floriert das Unternehmen wunderbar: Wöchentlich darf jeder Besucher, der mehr als 20 Cruces umsetzt, an einer Lotterie teilnehmen, deren Gewinner eine Nacht Getränke frei hat, inklusive Kellnerin. Als schließlich das Lösegeld bei den Entführern eintrifft, kehrt die alte Dame nur gegen ihren Willen in ihr bisheriges, langweiliges Leben zurück. Kaum zu Hause, schockiert sie die Stadt mit einer Annonce, in der sie nach neuen Entführern sucht ...

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Seitenzahl: 342

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Gudrun Pausewang

Die Entführung der Doña Agata

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Über dieses Buch

In einen Teppich gewickelt tritt die schwerreiche Witwe Doña Agata die ungewöhnliche Reise in eine ihr völlig unbekannte Gegend an: in die Welt der Armen. Doña Agata ist entführt worden! Die Räuber sind jedoch Gentlemen, und ehe sie zur Kasse bitten, behandeln sie ihren vornehmen Gast mit ungeheuchelter Ehrerbietung. Während zwei Erben raffinierte Rettungsaktionen überlegen, um ihre Tante wiederzubekommen, macht diese es sich in der Dachstube eines ihrer Entführer gemütlich, kocht für die besorgten Schurken, flickt ihre Lumpen und macht sogar, wer hätte das von der angesehenen Dame gedacht, ein Freudenhaus auf, um ihre armen Freunde an den Einnahmen zu beteiligen. Dank eines tollen Werbeeinfalls floriert das Unternehmen wunderbar: Wöchentlich darf jeder Besucher, der mehr als 20 Cruces umsetzt, an einer Lotterie teilnehmen, deren Gewinner eine Nacht Getränke frei hat, inklusive Kellnerin. Als schließlich das Lösegeld bei den Entführern eintrifft, kehrt die alte Dame nur gegen ihren Willen in ihr bisheriges, langweiliges Leben zurück. Kaum zu Hause, schockiert sie die Stadt mit einer Annonce, in der sie nach neuen Entführern sucht ...

«Gudrun Pausewang hat ihr sozial-utopisches Schelmenmärchen für Erwachsene mit farbigem Kolorit à la Jorge Amado und allerlei hübschen folkloristischen Zutaten reichlich ausgestattet.» (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Über Gudrun Pausewang

Gudrun Pausewang, geboren am 3. März 1928 in Wichstadt/Ostböhmen, studierte am Pädagogischen Institut in Wiesbaden, war vier Jahre lang Lehrerin in Hessen und von 1956 bis 1963 an deutschen Schulen in Chile und Venezuela tätig. Von Gudrun Pausewang erschienen als rororo-Taschenbücher außerdem: «Karneval und Karfreitag» und «Wie gewaltig kommt der Fluß daher».

Inhaltsübersicht

Doña Agata, einundsechzig ...

Doña Agata, einundsechzig Jahre alt, einen Meter und fünfundfünfzig Zentimeter groß, zierlich, schwarzäugig, einen schwarzen Haarknoten im Nacken, unverheiratet, einzige Tochter und Erbin des vor vielen Jahren verstorbenen Ehrenbürgers der Stadt, Don Mateo Alvarez, wurde am dritten November, abends gegen sieben Uhr kurz nach Einbruch der Dämmerung, aus ihrer Villa entführt.

„Wie kommen Sie hier herein?“ fragte sie und nahm die Brille ab, als die drei Männer plötzlich, recht verlegen, in ihrem Wohnzimmer standen, wo sie, die Füße auf einem Fußschemel, saß und häkelte. „Das Mädchen hat Sie nicht gemeldet!“

Ein fetter Pekinese kläffte den Männérn um die Füße.

„Nein, Doña Agata“, sagte der Älteste der drei, ein langer hagerer Mann mittleren Alters mit einer Maske vor den Augen. „Das Mädchen hat uns nicht gemeldet, weil wir ihr einen Schal in den Mund gestopft haben.“

„Einen Schal? Doch nicht etwa meinen? Ist es ein brauner?“

„Er ist rot und weiß gestreift“, antwortete ein anderer, ein Mulatte. Auch er war maskiert.

„Ihr eigener. Nun gut. Und was wünschen Sie?“

„Wir werden Sie jetzt entführen.“

„Ich habe keine Zeit“, sagte Doña Agata ärgerlich und setzte die Brille wieder auf. „Sie sehen, ich häkle. Es soll ein Taufkleidchen für die jüngste Tochter meines Neffen Julio werden. Am kommenden Sonntag soll die Taufe sein. Heute ist Mittwoch, und ich habe erst das Miederchen und einen Ärmel fertig. Sie sehen, meine Herren, daß Sie sich diese Idee aus dem Kopf schlagen müssen.“

Sie nahm eine Handglocke vom Sims und schellte.

„Elena wird Ihnen ein Glas Sherry bringen und dann gehen Sie wieder heim, nicht wahr?“

„Das Mädchen wird nicht hereinkommen“, antwortete der Lange, „denn wir haben es draußen an einen Stuhl gebunden. Es könnte uns im Wege sein. Machen Sie sich also fertig, Doña Agata, in fünf Minuten geht’s los. Wo ist Ihre Handtasche? Ihr Nachthemd? Ihr Puder? Ein paar Tage wird es wohl dauern.“

„Ich denke nicht daran“, antwortete Doña Agata, „meinen Puder und mein Nachthemd einzupacken, denn ich gehe nicht mit. Und nun räumen Sie schleunigst mein Haus, sonst werde ich zornig!“

„Sie sind es schon, Doña Agata“, sagte der Lange. „Das tut uns leid. Wir hatten nicht vor, Sie zu erzürnen.“

Sie erhob sich, reckte sich auf und zeigte auf die Tür. Dabei fiel das Häkelzeug auf die Erde, und das Knäuel rollte auf die Männer zu.

„Wollen Sie uns verraten, wo Ihr Nachthemd ist?“ fragte der Lange. „Denn Sie werden doch bei uns nicht in den Kleidern schlafen wollen.“

Er packte den Pekinesen am Nackenfell, öffnete eine Tür, die in ein Nebenzimmer führte, und schob den Hund dort hinein.

„Sie haben nichts in meinem Schlafzimmer zu suchen!“ rief Doña Agata zornig. „Binden Sie bitte sofort das Mädchen los, damit ich es zur Polizei schicken kann!“

„Das“, sagte der Lange, „ist zu viel verlangt, Doña Agata. Bei allem schuldigen Respekt.“

Er gab seinen beiden Helfern ein Zeichen. Sie gingen auf Doña Agata zu und faßten sie schüchtern an den Armen. Die alte Dame geriet außer sich vor Zorn.

„Sie schreit, Chef“, sagte der Mulatte.

„Das höre ich“, antwortete der Lange. „Knebelt sie.“

Der Mulatte schaute sich blöde um.

„Nun mach schon“, rief der Lange nervös. „Die ganze Wohnung ist voll Textilien. Nehmt meinetwegen das Häkelzeug!“ Der dritte Mann, ein Dicker mit Schnauzbart, bückte sich nach der Spitzenhäkelei.

„Hilfe!“ schrie die alte Dame.

„Jetzt reicht’s“, sagte der Lange. „Das hört man ja bis draußen.“

„Wenn du selbst mal zugreifen würdest, hätten wir sie schon längst im Wagen“, keuchte der Schnauzbart, während er Doña Agata knebelte.

Hinter der Tür kläffte der Pekinese in höchsten Tönen.

Von unten gellte ein Pfiff herauf.

„Das war Lollo“, flüsterte der Mulatte. „Jemand kommt.“

„Nichts wie los!“ rief der Lange.

„Mit ihr oder ohne sie?“ fragte der Dicke.

„Natürlich mit ihr – wo wir doch jetzt schon so weit sind. Wir schlagen sie in den Teppich.“

Er faßte nun doch mit an. Der Dutt löste sich auf, die Brille rutschte.

„Wie sie sich sträubt, die Alte!“ kicherte der Mulatte.

„Du Flegel“, sagte der Lange. „Wirst du wohl mit Respekt von ihr reden? Sie ist schließlich keine von deinen Schlampen, sondern Doña Agata.“

„Wenn sie uns da drin nur nicht erstickt“, flüsterte der Schnauzbart.

Es schellte.

„Wem wir auch begegnen“, sagte der Lange, „ihr seid still. Ich spreche.“

Sie hoben die Rolle, die sich heftig bewegte, auf die Schultern und verließen die Wohnung durch das Vorzimmer. Das Dienstmädchen starrte ihnen erschrocken nach.

„Wie wär’s, Puppe, vielleicht morgen nacht?“ flüsterte ihr der Mulatte zu.

„Sei nicht albern“, rief der Lange. „Damit sie dich verrät, was?“ Er öffnete und schloß die Türen. Vor der Haustür, auf dem Gartenweg, stand eine alte Dame.

„Guten Abend, gnädige Frau“, rief der Lange, „ein herrlicher Abend heute.“

Die alte Dame stützte sich auf ihren Stock und richtete sich auf. „Ist niemand da?“ fragte sie. „Es kam niemand an die Tür, obwohl ich geschellt habe.“

„Gewiß, gewiß, aber wir waren alle mit dem Teppich beschäftigt“, rief der Lange munter. „Ein großes, schweres Stück, geht kaum durch die Türen.“

„Was?“ rief die Alte und hielt dem Langen ihr Ohr entgegen.

„Alle mit dem Teppich beschäftigt!“ schrie der Lange.

„Mit was für einem Teppich?“

„Mit diesem hier!“

„Das ist Doña Agatas Teppich. Was soll denn mit ihm geschehen?“ fragte die Alte.

„Doña Agata hat unsere Firma beauftragt, ihn abholen und reinigen zu lassen.“

Die alte Dame blinzelte dem Teppich nach.

„Merkwürdig“, krächzte sie, „davon hat mir Doña Agata ja gar nichts erzählt. Sie erzählt mir doch sonst alles. Wir sind gute Freundinnen, wirklich gute. Und sie hat den Teppich doch erst vor ein paar Wochen reinigen lassen.“

„Die Kaffeekanne ist dem Mädchen heute ausgerutscht, das ist es“, rief der Lange über die Schulter zurück.

„Und was ist das?“ fragte die Alte und zeigte auf das Garnknäuel, das an langem Faden hinter dem Teppich herhüpfte.

„Jesus“, rief der Lange, „da haben wir doch aus Versehen beim Teppicheinrollen den Faden mitgerafft!“

„Doña Agata wird böse sein, wenn sie das merkt“, rief die Alte. „Das ist doch das Garn vom Taufkleid. Wie soll sie das Knäuel wieder sauber bekommen?“

„Wir tun’s in die Expreßreinigung. Gratis!“ antwortete der Lange, rannte auf die Gartentür zu, riß sie auf und trieb seine Träger mit heftigen Blicken hinaus auf die Straße.

„Aber sagen Sie mir noch eins“, rief ihm die alte Dame nach, „warum tragen Sie denn so merkwürdige schwarze Masken über den Augen?“

„Wegen dem Staub, gnädige Frau, wegen dem Staub“, rief der Lange. Er warf die Gartentür ins Schloß.

„Du bleibst drin“, zischte er dem Knäuel zu.

Draußen auf der Straße parkte ein Lieferwagen mit offener Tür. Hastig schoben sie den Teppich hinein. Der Faden zwischen Gartentür und Teppich spannte sich, das Knäuel im Garten drehte sich wild um sich selbst, und als der Wagen anfuhr, zog sich die Häkelei in rasender Geschwindigkeit von selber auf. Der Ärmel wurde kürzer und kürzer, das Mieder löste sich auf, und nach der zweiten Kreuzung, kurz vor der Plaza Santander, konnte Doña Agata wieder schreien, denn der Knebel war verschwunden.

„Wie ist das möglich?“ stotterte der Dicke. „Ich hab ihr’s ganz tief reingestopft!“

„Singt!“ brüllte der Lange. „Grölt um euer Leben!“

Der Schnauzbart stimmt ein Kirchenlied an.

„Bist du verrückt!“ rief der Lange. „Es muß was Deftiges sein, etwas zum Juchzen!“

„Noch keine acht und schon besoffen“, sagten die Leute, die den Wagen vorüberlärmen hörten.

***

Die alte Dame vor der Haustür klingelte, aber niemand öffnete ihr. Da merkte sie, daß die Tür nur angelehnt war. Sie trippelte ins Haus, betrat das Vorzimmer und sah das Mädchen auf dem Stuhl sitzen. Da sie halb blind und schwerhörig war, dauerte es eine ganze Weile, bis sie begriffen hatte, warum Elena nicht aufsprang und sie in den Salon führte, und noch länger dauerte es, bis sie das Mädchen losgebunden hatte. Sie suchte und rief im ganzen Haus nach Doña Agata, während Elena, kaum daß sie den Stuhl los war, schreiend auf die Straße rannte und die Passanten anhielt. Bald staute sich eine Menschenmenge vor dem Haus der Doña Agata. Es dauerte noch keine Stunde, da wußte die ganze Stadt von der Entführung, und Elena sonnte sich im Glanz ihrer Wichtigkeit: Sie hatte die Kerle gesehen, die das getan hatten, wahre Teufel in Menschengestalt, und war selber nur um Haaresbreite dem Tode entronnen. Die Hausknechte und Diener der umliegenden Villen begannen sich für sie zu interessieren.

„Um ihr Leben habe ich auf den Knien gefleht!“ erzählte sie der Polizei und allen, die es hören wollten. „Töten wollten sie sie vor meinen Augen! Die arme Doña Agata, die Madonna möge sie beschützen!“

Diese Entführung Doña Agatas stellte das respektloseste Verbrechen dar, das seit langem in Andagoya verübt worden war, ein Verbrechen, das deswegen so besonders ruchlos wirkte, weil es die höchsten Kreise der Gesellschaft getroffen hatte. Im Mai war eine Prostituierte aufgeschlitzt worden, im Juli hatte eine Frau ihren Mann erschlagen, kurz darauf ein Mann seine Frau erwürgt, im August hatten zwei Betrunkene einen dritten in eine Jauchegrube geworfen, im Oktober waren bei einer Messerstecherei drei Burschen getötet worden – von den Morden an Neugeborenen ganz zu schweigen. Aber all dies hatte sich unter den Armen der Stadt abgespielt, und das war man gewohnt. Die Armen: ein Übel, mit dem man sich abzufinden hatte. Doña Agatas Vater jedoch war einer der reichsten Bürger der Stadt und somit, wie gesagt, deren Ehrenbürger gewesen, und auch die beiden Neffen zweiten Grades, Söhne ihres verstorbenen Vetters, hatten glänzende Positionen inne: Julio war Advokat mit einem illustren Kundenkreis, Manolin stellvertretender Bürgermeister. Die Entführung der Tante bedeutete für die Neffen sozusagen eine persönliche Beleidigung. Manolin erlitt auf offenem Marktplatz einen Nervenzusammenbruch, als er davon erfuhr. Julio, der erst am nächsten Morgen benachrichtigt werden konnte (er verbrachte die Nacht im Etablissement „Goldkorn“), brach ebenfalls in Tränen aus, als er erfuhr, daß sein Bruder geweint hatte, und schwor, nichts ungetan zu lassen, um seine Tante zu retten. Beide Neffen erhielten pausenlos Besuche ihrer Freunde und Kunden. Von allen Seiten wurde ihnen Sympathie und Anteilnahme ausgesprochen und Hilfe in dieser traurigen Angelegenheit zugesichert. Der Polizeipräsident organisierte schon am folgenden Tag eine Razzia, die nicht erfolglos blieb: Man spürte einen ausgebrochenen Zuchthäusler im Bett seiner Freundin auf, ertappte zwei Einbrecher in einem Juwelierladen und nahm einen Zuhälter fest. Von Doña Agata und ihren Entführern fand sich jedoch keine Spur, außer dem weißen Faden, der bis zur übernächsten Kreuzung die Route des Wagens markiert hatte. Aber niemand hatte dem Wagen Aufmerksamkeit geschenkt, niemand konnte ihn beschreiben, nicht einmal die alte Dame, die vor der Haustür Doña Agatas mit den Entführern gesprochen hatte. Und Elena, die Kronzeugin, wußte zwar, daß es ein Langer, ein kleiner Dicker mit Schnauzbart und ein Mulatte gewesen waren, aber viel war damit auch nicht gedient, denn hätte man sich alle Langen, alle Schnauzbärte und alle Mulatten der Stadt vornehmen wollen, so hätte man viel zu tun gehabt.

„Wenn es Erpresser sind, werden sie von sich hören lassen, und zwar recht bald“, sagte der Polizeipräsident.

***

„Glaubst du, sie haben sie umgebracht?“ fragte Carmen Elvira ihren Mann, Don Julio.

„Das ist kaum anzunehmen“, seufzte er bekümmert. „Was hätten sie davon?“

„Dann rechnest du also, daß sie bald wieder auftaucht?“

„Gewiß, wenn wir zahlen. Es muß den Entführern bekannt sein, daß wir ihre nächsten Verwandten und mutmaßlichen Erben sind.“

„Wieviel?“

„Die Summe wird nicht gering sein. Alle Welt weiß ja, daß wir nicht arm sind. Ich werde mich sogar noch mehr um sie bemühen müssen als Manolin, wenn ich sie beeindrucken will …“

„Kannst du das alles nicht ein bißchen hinausziehen?“

„Damit mir Manolin zuvorkommt? Was glaubst du wohl, was sie tun wird, wenn sie heimkehrt und erfährt, daß Manolin sich mehr Meriten um ihre Befreiung eingehandelt hat als ich? Und auch du wirst dich bemühen, überaus erfreut zu sein, wenn sie wiederkommt.“

„Ich denke nicht daran!“

„Möchtest du, daß sich Carlota alles das kaufen kann, was du dir kaufen willst, falls wir Tante Agata beerben?“

Carmen Elvira antwortete nicht.

„Na siehst du,“ sagte Don Julio. „So ist das. Wir werden also weiterhin versuchen, Tante Agata zu gefallen. Carlota hat sie kürzlich in den Zoo gefahren. Tante Agata war begeistert. Wir sind dadurch etwas ins Hintertreffen geraten. Wir müssen deshalb bei ihrer Heimkehr ein bißchen Theater machen, Girlanden und so, du weißt schon. Vielleicht fällt dir auch ein Gedicht ein, das zu der Situation einigermaßen paßt. Mir schwebt so was vor wie: ‚Nirgends ist die Welt so schön, wie dort, wo meines Hauses Pforten offenstehn …‘ Aber vielleicht denkst du dir noch ein paar persönlichere Zeilen aus. Es muß ihr zu Herzen gehen. Du kannst doch so hübsch reimen. Pablito kann’s dann aufsagen.“

„Ach zum Teufel!“ rief Carmen Elvira.

„Vergiß nicht“, sagte Don Julio, „daß sie doppelt so reich ist wie wir. Es lohnt sich. Du solltest schon bald mit den Vorbereitungen anfangen. Sie kann ja jederzeit zurückkommen.“

„Schaff sie nur erst mal herbei“, antwortete Carmen Elvira.

„Ich reime schnell.“

***

„Du mußt alles tun, um sie zu retten“, sagte Carlota zu Don Manolin.

„Ja, gewiß.“

„Du mußt die Gelegenheit beim Schopf fassen, um die Alte zu beeindrucken. Nie war die Situation dafür günstiger als jetzt. Wenn es dir gelingt, sie aufzuspüren und den Halunken zu entreißen, ist sie moralisch verpflichtet, uns als Erben einzusetzen, verstehst du?“

„Freilich, ich verstehe.“

„Du mußt Julio zuvorkommen, und das kannst du auch in deiner Stellung.“

„Aber ich habe doch schon eine Razzia veranlaßt.“

„Das genügt nicht, denn ihr habt Tante Agata ja trotz Razzia nicht gefunden.“

„Wie kann man aber, zum Teufel, erfahren, wo sie ist?“

„Die Erpresser werden von sich hören lassen.“

„Na und?“

„Du wirst natürlich zahlen. Diese Investition lohnt sich. Was werden sie schon verlangen? Zehntausend vielleicht –“

„Ja aber –“

„Wenn du’s nicht tust, wird Julio dir zuvorkommen. Er hat sowieso schon einen gewaltigen Vorsprung wegen seiner Kinder. Tante Agata ist nun einmal kinderlieb, und auf dem Gebiet können wir nichts aufweisen. Daran ändert auch eine Fahrt in den Zoo nichts.“

„Du hast recht“, sagte Don Manolin.

„Und zur Rückkehr müssen wir ein bißchen Tam-Tam machen. Das wird sie rühren, vor allem dann, wenn es ihr schlecht ergangen ist.“

„Ja“, sagte er, „du hast recht. Ich werde noch eine Razzia anordnen.“

„Vielleicht“, seufzte Carlota, „hat ihr der Schreck hart zugesetzt. Sie war ja so gesund, daß sie hätte hundert Jahre alt werden können. Aber jetzt –“

***

Auch die zweite Razzia, in weit größerem Maßstab angelegt (alle Vororte Andagoyas wurden mit einbezogen), ergab nichts. Statt dessen erhielten beide Neffen je einen anonymen Brief. Er lautete: „Ihrer Tante geht es gut. Sie läßt grüßen. Achttausend Cruces in alten Scheinen, zu deponieren am 6. November um zwei Uhr morgens im Brunnenbecken von El Machete. Polizei nicht einschalten, sonst ist Ihre Tante eine tote Frau.“

Die Briefe waren unfrankiert. Jemand mußte sie in die Briefkästen der beiden Neffen geworfen haben. Sie waren in großen Druckbuchstaben geschrieben und voller Fettflecken.

„Er riecht nach Pommes frites“, sagte Carlota. „Pommes frites, wo sie die doch nicht mag! Im übrigen: achttausend sind kulant. Du mußt nach El Machete gehen und das Geld hinbringen.“

„Ich werde noch eine Razzia in El Machete veranlassen“, antwortete Don Manolin. „Vielleicht kann ich mir die achttausend sparen. Dafür kriegen wir ein Auto!“

„Aber was tut’s!“ rief Carlota erregt. „Sie haben an uns geschrieben, und nun retten wir Tante Agata: wir, nicht Julio. Dafür muß sie sich erkenntlich zeigen! Aber sei um Gottes willen still und verrate niemand etwas von diesem Brief, sonst erfährt Julio davon, und dann mischt er sich in die Rettungsaktion ein. Damit wäre die ganze Wirkung hin!“

„Du meinst also, ich soll keine Razzia machen?“

„Was würdest du antworten, wenn du gefragt würdest, warum du die Razzia ausgerechnet in El Machete machen willst? El Machete ist ein Vorort von vielen. Und glaubst du, die Entführer sind so dumm, daß sie das Geld dort einkassieren, wo sie Tante Agata versteckt haben? Da kannst du sicher sein: Sie ist überall, nur nicht in El Machete!“

„Wie raffiniert du kombinieren kannst“, sagte Don Manolin.

***

Andagoya ist eine schöne Stadt, eine reiche Stadt in einem Tal der Cordillere. In ihrem Zentrum ragen ein paar Hochhäuser auf, der Stolz der Bürger, und die Plaza vor dem Rathaus kann sich sehen lassen. Andagoya hat neunzehn Kirchen, und zwei davon sind schon so alt, daß sich Touristen für sie interessieren. Da gibt es auch ein städtisches Schwimmbad, ein Museum mit Fahnen, Uniformen und alten Kanonen aus der Zeit der Unabhängigkeitskriege, ja sogar mit einer Kommode, die unzählige Schublädchen birgt, und in jeder Schublade befindet sich eine Handvoll Erde vom Schlachtfeld irgendeines entscheidenden Kampfes; eine Stierkampfarena, acht Kinos, eine Hunderennbahn, die allerdings pleite gemacht hat und nun als Lagerplatz für Baumwolle verwendet wird, eine Universität, vier Jungen- und drei Mädchengymnasien, zahlreiche Banken, ebenso zahlreiche Bordelle, auch ein paar kleinere Fabriken und vier luxuriös eingerichtete Klubs. Die Viertel der Reichen liegen im Tal, die der Armen ziehen sich an den Hügelhängen hinauf. Manche von ihnen, zum Beispiel Santa Cecilia und Luna Blanca, haben schon elektrisches Licht und glitzern nachts auf das Zentrum herunter. Andere, vor allem die neuen, die erst in den letzten zwei Jahren wie Pilze aus der Erde schossen, sind nachts fast ganz dunkel. Rötliches Kerzenlicht schimmert aus manchen Türen, aber das leuchtet nicht weit.

Auch Wasser gibt es nicht in diesen Vierteln, aber es kommen ein paar Bäche aus den Bergen herunter, deren Ufer von morgens bis abends von Wäscherinnen belagert sind. Esel trotten unermüdlich durch die Gassen, mit Wassergefäßen beladen. Kinder schleppen Eimer, Dosen und Kanister. Kinder gibt es genug, mehr als genug, die Viertel quellen über vor Kindern, hallen wider vom Kindergeschrei. Die Kleinen laufen hinter den wenigen Autos her, die sich in diese Viertel verirren, balgen sich mit den ebenso zahlreichen Hunden herum und schwärmen, fast nackt, hinab in das Zentrum und in die Viertel der Reichen, um dort zu betteln, Schuhe zu putzen oder zu stehlen. Das einzige, was die Indios, die ihr Land verlassen, der Stadt, in die sie ziehen, schenken können, sind Kinder, und mit ihnen geizen sie nicht. Täglich ziehen Familien, von Freunden und Nachbarn begleitet, barfuß fast alle, hinter schwankenden Kindersärgen auf die Friedhöfe. Die Mütter schreien vor Schmerz, aber nächstes Jahr ist wieder eins da, und das Tote ist ja ein Engelchen geworden, halleluja.

Die Bewohner dieser Viertel haben ein kleines Haus, sie haben ein Schilfdach über dem Kopf, manchmal sogar ein Dach aus Wellblech, sie haben einen kleinen Herd und hinter dem Haus einen lehmgestampften Hof, auf dem sie sich im Schatten der Bananenstauden und Mangobäume aufhalten. Niemand verhungert, es gibt Bananen, Cocos und Mangos genug, und weiter draußen Yucca und Mais in Hülle und Fülle. Wozu sollte man sich Milch kaufen, solchen Luxus? Fleisch ist billig; ab und zu gibt es Fleisch, und noch billiger ist Reis, der in den Tälern wächst, ach ja, das Land läßt seine Kinder nicht verhungern, nur die Ärzte kommen nicht in diese Viertel hinauf, es sei denn, sie täten es umsonst. Die Leute lachen, sie lieben Musik. Sie klatschen und stampfen und singen dazu, und in manchen Hütten kreischt ein Radio, es versorgt die ganze Nachbarschaft mit Musik, und alle sind dankbar dafür.

„Wenn sie dort oben ist“, sagte Elena, „dann wird sie’s nicht lange machen. Sie ist doch so empfindlich. Die Suppe darf weder zu heiß noch zu kalt sein. Und was wissen die schon, was Doña Agata schmeckt und was ihr nicht schmeckt? Sie mag nichts Fettes, und dann das Theater mit der Gallendiät! Und man stelle sich vor, sie hat dort kein fließendes Wasser! Sie hat keine Toilette, und die Zahnbürste ist auch hiergeblieben! Mein Gott, sie wird ihnen unter den Händen wegsterben!“

Und sie führte den Pekinesen aus, der noch immer unruhig hin- und herfuhr und jaulte.

***

„Wenn sie dort oben sein sollte“, sagte Carmen Elvira, „wird sie bald mit Sehnsucht an uns denken. Sie würde glücklich sein, wenn sie unser Essen bekäme, an dem sie doch immer so herumgemäkelt hat, nur weil es bei uns anders schmeckt als bei ihr. Und wer weiß, ob ihr dort nicht Schwärme von Kindern um die Ohren toben. Da soll sie mal anfangen mit ihren Erziehungstheorien! Wenn sie dann zurückkommt, wird sie merken, daß unser Pablito gar nicht so schlecht erzogen ist, wie sie immer behauptet.“

„Sie werden sie kaum zur Messe gehen lassen“, sagte Don Julio.

„Geschieht ihr recht, der bigotten alten Jungfer“, rief Carmen Elvira. „Sie soll ruhig mal eine Weile ohne den lieben Gott auskommen, das wird ihr gut tun! Hoffentlich lassen sie sie nicht so schnell los. Um so mehr wird sie uns später zugetan sein.“

„Aber Carmen Elvira“, sagte Don Julio.

„Gib zu, sie hat uns tyrannisiert. Jetzt muß sie tun, was andere befehlen, jetzt wird sie selber tyrannisiert. Schon viel früher hätten sie sie holen sollen. Wieviel Ärger wäre uns erspart geblieben!“

„Aber Carmen Elvira!“ rief Don Julio.

„Du wirst sehen, sie wird wiederkommen wie ein Lamm: demütig und bescheiden.“

„Ich verabscheue ein solches Verbrechen“, sagte Don Julio, „ganz egal, ob es sich um Tante Agata oder ein anderes Fräulein dieses Alters handelt. Eine einundsechzigjährige Dame kann man nicht in ein anderes Milieu verpflanzen, ohne daß es für sie einen Schock fürs Leben bedeutet.“

„Fürs Leben?“ rief Carmen Elvira. „Ihr Leben ist ja schon so gut wie vorüber!“

„Und was ich am widerlichsten finde, ist die Tatsache, daß ich mich diesen Banditen völlig ausgeliefert fühle. Was werden das schon für Leute sein? Barfüßige Analphabeten, und mit denen muß ich in Verhandlung treten – man stelle sich das vor! Ich gebe zu, daß mir nicht ganz geheuer ist, wenn ich heute nacht mit dem Geld nach El Machete fahren muß.“

„Ach was“, sagte Carmen Elvira, „sie wollen nicht dich, sie wollen dein Geld. Im übrigen – warum läßt du dir vom Polizeipräsidium nicht ein paar Leute mitgeben, meinetwegen in Zivil?“

„Damit Manolin etwas davon erfährt? Damit er sich auch hineindrängelt, um nur ja an der Rettungsaktion beteiligt gewesen zu sein? Nein, meine Liebe, lieber riskiere ich mein Leben. Du weißt, wie Tante Agata ist: Alle vier Wochen ändert sie ihr Testament, diesmal aber wird es endgültig zu unseren Gunsten ausfallen – das muß sie schon allein im Hinblick auf die Gesellschaft tun. Denn wo bliebe sonst die Gerechtigkeit?“

***

Aber Doña Agata befand sich nicht in den oberen Vierteln, sondern in einer schmutzigen Geschäftsstraße am Fuß des Hanges im Viertel La Serna, dort, wo sich bescheidene Textil- und Schuhläden und Altwarenhandlungen aneinanderreihen, vor denen wiederum fliegende Händler die Bürgersteige bevölkern. Schuster lassen sich im Rinnstein nieder, Schreiber sitzen in den Schatten der Toreinfahrten, um den Analphabeten ihre Hilfe anzutragen, Eisverkäufer, Fleischbrater, Obstweiber schreien ihre Waren aus, und die Leute aus den oberen Vierteln und die scheuen Indios aus den Dörfern schlendern durch diese Gassen und gaffen. Aus billigen Restaurants quillt schrille Musik, Hunde bellen, Autos schieben sich durch das Gewühl, und es stinkt nach faulen Früchten, gebratenem Fleisch, Kaffee und Urin. Aber nach Sonnenuntergang verlaufen sich die Händler, Käufer und Gaffer, dann wird es still in diesen Straßen, und sogar die Restaurants schließen früh, denn die Nachtschwärmer ziehen in ein anderes Viertel, nach Santa Maria La Baja.

In La Serna standen drei Häuser nebeneinander, etwa gleich weit entfernt von den beiden nächsten Straßenkreuzungen, und, wie alle anderen Häuser in der Gasse, zweistöckig und verwahrlost. Die Straßenfront wies talwärts, die Rückfront bergwärts. Aus den Fenstern der Hofseite konnte man auf die Armenviertel am Hang schauen. Das hellgrüne Gebäude beherbergte ein Auto- und Fahrrad-Ersatzteillager (im Hof wurden dann und wann gestohlene Autos frisch gestrichen, mit neuen Nummernschildern versehen oder auch auseinandergebaut). Im dunkelgrünen Haus befand sich ein Laden, der gebrauchte Kleidung anbot. Ein guter Teil dieses Kleider- und Wäschebestands stammte von Wäscheleinen aus den Vierteln der Reichen, und der Inhaber des Ladens, Señor Maldonado, verfügte über einen Stab freier Mitarbeiter, die recht geschickt und tüchtig waren und prozentual am Gewinn ihrer Beute beteiligt wurden. Auch Einbrecher kannten diesen Laden und setzten dort hin und wieder ab, was sie nicht selber brauchen oder verkaufen konnten. Señor Maldonado war ein geachteter Mann, denn er war nicht knickerig, und im ganzen Viertel wußte man, daß er seine drei Konkubinen und deren Kinder anständig behandelte und vortrefflich kleidete. Seinen Angestellten zahlte er sogar freiwillig einen Krankenkassenbeitrag und beschenkte deren Kinder zu Weihnachten mit gestohlener Kleidung. Noch keiner seiner Diebe hatte ihn je verpfiffen.

Diese beiden Häuser umrahmten das dritte, das rosafarbene: eine Devotionalienhandlung mit einem kleinen Schaufenster, in dem Madonnen, Heilige, Jesuskinder, zwölfjährige Jesusknaben und erwachsene Jesusse (predigend, meditierend, segnend oder kreuzschleppend) aus Gips, Holz und Steingut in allen Größen und Preislagen aufgereiht waren. Im halbdunklen Laden hingen die Wände voller Kreuze, Rosenkränze, Weihwasserbecken und Herzjesusse, und auf den Regalen türmten sich unter einer Staubschicht Meßbücher, Wandsprüche, fromme Bilder, Kerzen, Krippenfiguren und große und kleine Papststatuetten. Auf der Theke stand der neueste Schrei der Devotionalienindustrie: der Papst als Briefbeschwerer, allerliebst anzusehen.

Am zweiten November hatte der Besitzer der Devotionalienhandlung, ein behäbiger Schnauzbart, das einzige Fenster des Mansardenzimmers eigenhändig geputzt und dann zugenagelt. Er hatte das Zimmer sauber ausgefegt, das Bett frisch bezogen (die Bettwäsche hatte er nebenan erstanden) und sogar einen Nachttopf daruntergestellt, der aus seiner eigenen kleinen Wohnung stammte, die hinter dem Laden lag. Das Mansardenzimmer war einfach eingerichtet, aber es enthielt alles Nötige: einen runden Tisch, ein Bett samt Nachttisch und Nachttopf, einen uralten, gewaltigen Kleiderschrank und einen eisernen Waschtisch mit Handtuch, Schüssel und Krug. Darüber hing ein Spiegel, dessen Rahmen aus tanzenden Putten bestand, und sogar Seife und Kamm waren da.

Der Schnauzbart hatte alles sorgfältig abgestaubt, Spinnennetze entfernt und Schaben erschlagen, und dann präsentierte er das Zimmer seinen Freunden.

„Prachtvoll“, sagte der Mulatte, der nebenan in dem Auto-Ersatzteillager beschäftigt war. „Ich wohne längst nicht so luxuriös, wie die Alte hier leben wird. Hier fehlt es an nichts! Sogar eine schöne Aussicht hat sie.“

„Nun ja“, sagte Lollo, dessen Mund zuweilen nervös zuckte, „das ist ja alles schön und gut, sie hat, was sie braucht, aber vergeßt nicht, sie ist eine Frau, wenn auch eine alte, und braucht was fürs Herz.“

„Fürs Herz?“ fragte der Schnauzbart verblüfft. „Was verstehst du darunter?“

„Stell ihr ein paar Sachen aus dem Laden rein, ein Engelchen, ein Madönnchen, hänge ihr ein Abendmahl übers Bett oder einen Schutzengel, und nicht zu vergessen, ein Kreuz. Das versöhnt sie. So was macht ein Zimmer gleich wohnlich.“ „

Das ist wahr“, rief der Schnauzbart und rieb sich die Hände. „

Daß ich nicht selber draufgekommen bin!“

„Es können ja ruhig Ladenhüter sein, Sachen, die sich nicht verkaufen lassen, Gesprungenes und Angeschlagenes.“

„Ach nein“, sagte der Schnauzbart, „ich will mich nicht lumpen lassen.“

Er lief hinunter und holte eine Pietá, eine Putte und ein paar Madönnchen herauf.

„Aber der Riegel an der Tür ist das Wichtigste“, sagte der Lange. „Lollo, geh hinaus und schieb den Riegel von außen zu, ich will ihn prüfen.“

Lollo ging und riegelte die Tür von außen zu, und der Lange warf sich dagegen. Die Tür sprang auf. Alle beugten sich verblüfft über den Riegel: Er war abgebrochen.

„Als ob eine alte Dame sich derart gegen die Tür werfen könnte!“ brummte der Schnauzbart. „Dieser Riegel hätte für ein Dutzend alte Damen gereicht!“

„Geh und montiere heute abend einen neuen Riegel dran, einen guten, großen“, sagte der Lange zu dem Mulatten.

***

Am dritten November, kurz vor acht Uhr, trugen sie den eingerollten Teppich ins Haus, während der Mulatte den Lieferwagen schleunigst im Auto-Ersatzteillager verschwinden ließ. Auf der Gasse spielten nur noch ein paar Kinder, und Hunde streunten zwischen den Obst- und Knochenabfällen herum.

„Hast du dir einen Teppich gekauft, Teotocópulos?“ fragte Señor Maldonado den Schnauzbart. Er stand in seiner Ladentür und schaute neugierig herüber.

„Jawohl, ich habe mir einen Teppich geleistet, einen gebrauchten zwar, aber er ist noch ansehnlich“, keuchte der Schnauzbart.

„Warum hast du mir nichts gesagt?“ rief Señor Maldonado. „Ich hätte dir gern einen besorgt, ebenso groß, fast neu und einen Preis unter Brüdern.“

„Zu spät“, antwortete Teotocópulos. „Ich wußte nicht, daß du auch mit Teppichen handelst. Das nächste Mal komme ich zuerst zu dir.“

„Ist es dir recht, wenn ich ihn mir mal anschaue?“

„Morgen, wann du willst! Heute, du siehst ja, habe ich Besuch. Es gibt Geschäftliches zu bereden, und ich könnte mich dir nicht genügend widmen.“

„Nun ja denn“, sagte Señor Maldonado freundlich, „bei Tageslicht sieht man ihn auch besser.“

„Freilich, bei Tageslicht sieht man ihn besser“, rief Teotocópulos erleichtert. „Mein Licht ist miserabel, so miserabel, daß du nicht einmal erkennen würdest, daß es sich um einen Teppich handelt!“

Er riegelte hastig die Haustür von innen zu und prüfte auch die Ladentür.

Er hörte die anderen die Treppe hinaufkeuchen und rannte ihnen nach. Das Herz schlug ihm bis zum Hals, als er sich hinter ihnen in das Mansardenzimmer drängte.

„Sie schreit nicht mehr“, flüsterte Teotocópulos. „Glaubst du, daß sie erstickt ist?“

„Mach Licht!“ rief der Lange nervös.

„Gott“, rief Teotocópulos erschrocken, „das habe ich vergessen!“

„Was vergessen?“

„Eine neue Birne einzudrehen. Die alte ist kaputt.“

„Hol eine Kerze, zum Teufel!“

Teotocópulos stolperte hinunter und raffte eine Handvoll seiner schönsten Kerzen aus dem Ladenregal: Kommunionskerzen, zehn neunzig das Stück, mit Schleife. Damit hastete er wieder treppauf, stürmte in die Mansarde und stolperte über Lollo, der auf der Erde kauerte.

„Ist sie tot?“ stammelte er.

„Mach Licht, dann sehen wir’s“, sagte der Lange.

Mit zitternden Händen entzündete Teotocópulos eine der Kommunionskerzen und hielt sie hoch. Da lag der Teppich ausgebreitet, ein riesiger Teppich, und mitten darauf, klein und unscheinbar, lag Doña Agata mit geschlossenen Augen und schlaffen Armen, und zwischen ihren Füßen lag ihre Brille.

„Wasser“, flüsterte Lollo.

Teotocópulos ergriff den Krug, der, mit Wasser gefüllt, auf dem Waschtisch stand, und leerte ihn über den Kopf der Dame aus.

„Aber doch nicht alles, bist du wahnsinnig?“ brüllte der Lange.

Doña Agata riß die Augen auf und schnappte nach Luft.

„Siehst du“, sagte Teotocópulos, „das hat gewirkt.“

Doña Agata lag in einer Lache, naß vom Scheitel bis zur Hüfte. Langsam versickerte das Wasser im Teppich.

„Wo bin ich?“ ächzte die alte Dame.

„Schnell ins Bett mit ihr“, flüsterte Lollo. „Sonst holt sie sich noch eine Lungenentzündung, und in dem Alter eine Lungenentzündung, das heißt abkratzen –“

„Aber wir können sie doch nicht so naß, wie sie ist, ins Bett legen!“ antwortete der Lange.

„Ich habe ein Nachthemd, ein sauberes, ein weißes“, flüsterte Teotocópulos.

„Lauf und hol’s“.

Teotocópulos klebte die Kerze auf den Tisch und rannte treppab.

„Wo bin ich?“ rief Doña Agata noch einmal und versuchte sich aufzurichten. Der Lange stützte sie und war ganz Fürsorge.

„Im Haus guter Freunde“, antwortete er. „Übrigens, mein Name ist José Santana, genannt der Dichter.“

„Bringt mich heim, aber sofort!“

„Das ist leider vorerst nicht möglich“, sagte er und legte seine Hand beruhigend auf ihren Arm.

„Rühren Sie mich nicht an!“ rief Doña Agata, und der Dichter zog seine Hand erschrocken zurück.

Teotocópulos erschien mit dem Nachthemd, entfaltete es und starrte verlegen auf Doña Agata, die auf dem Teppich saß.

„Leider haben wir keine Damenkleidung im Hause“, sagte er, „aber für die Nacht dient Ihnen vielleicht auch dieses. Es ist fast neu, ich habe es nur ein einziges Mal getragen –“

„Ein Männerhemd!“ rief Doña Agata.

„Darf ich Sie daran erinnern, daß Sie unglücklicherweise ganz naß sind? Sie werden sich erkälten!“

„Schickt mir eine Frau her, ein Dienstmädchen!“

Die drei Männer sahen sich betreten an.

„Doña Agata“, sagte der Dichter verlegen, „in diesem Haus gibt es nur Männer. Aber wir werden alles für Ihre Bequemlichkeit tun, was möglich ist, mit dem allergrößten Respekt, Doña Agata, mit der allerhöchsten Hochachtung!“

„Dann bringt mich sofort nach Hause!“

„Nein, das ist der einzige Wunsch, den wir Ihnen verweigern müssen, denn wir werden Sie erst heimbringen, wenn man ein gebührendes Lösegeld für Sie gezahlt hat.“

Als Doña Agata dies hörte, wurde sie überaus zornig. Sie erhob sich mühsam, so naß sie war, warf den Männern vernichtende Blicke zu und schritt mit kerzengeradem Rücken zur Tür. Lollo und Teotocópulos sprangen auf und sahen bestürzt zu, wie sich der Dichter vor die Tür schob. Aber Doña Agata stellte sich auf die Zehenspitzen, hob ihre zierliche Hand, schlug sie ihm rechts und links um die Ohren und sagte: „Ich werde dich lehren, Doña Agata zu entführen!“

Der Dichter wich erschrocken zur Seite. Die alte Dame öffnete die Tür und tappte mit entschlossenen Schritten die dunkle Treppe hinunter.

„Um Gottes willen“, stammelte Teotocópulos, „jetzt wird sie auf die Gasse gehen und Radau schlagen!“

„Ach was“, flüsterte Lollo, „die Haustür ist doch zu.“

„Aber sie wird mit den Fäusten daran pochen und schreien“, rief der Dichter. „Wir müssen sie wieder raufschaffen.“

„Ich nicht“, stotterte Teotocópulos. „Lieber gehe ich ins Gefängnis.“

„Ich auch nicht“, sagte der Dichter. „Mach du’s, Lollo, du verstehst dich besser auf Frauen.“

„Sie ist mir zu vornehm“, antwortete Lollo, starrte auf die Erde und schüttelte den Kopf. „Mir graut’s, wenn ich sie anfassen soll, so vornehm ist sie.“

„Sie ist gleich unten“, rief der Dichter. „Es muß was geschehen!“

Er packte die Kerze und leuchtete ins Treppenhaus. Eine nasse Spur führte hinab, und Doña Agata hatte sich bereits die halbe Treppe hinuntergetastet. Da klopfte es an die Hintertür.

„Das ist der Auspuff“, flüsterte Lollo. „Lauf runter, Teotocópulos, und mach ihm auf. Der hat ein dickes Fell, der soll sie hinaufschaffen.“

Teotocópulos polterte die Treppe hinunter, drängte sich an Doña Agata vorbei und öffnete den Riegel der Hintertür.

„Wie steht’s?“ fragte der Mulatte und hielt die ölverschmierten Hände von sich ab.

„Sie will eben fortlaufen“, flüsterte Teotocópulos. „Du mußt sie wieder hinauftragen.“

„Mit den Ölhänden?“ fragte der Mulatte und hob seine Pranken.

„Ganz egal, wie, aber du mußt sie aufhalten, sonst kommt alles raus!“

Der Mulatte schob Teotocópulos beiseite, der die Hintertür wieder verriegelte, wischte die Hände an der Hose ab und stemmte sie dann in die Hüften.

„Und ihr? Warum schafft ihr sie nicht hinauf?“

„Sie hat den Dichter geschlagen.“

„Memmen“, rief der Mulatte, ging ihr entgegen, die gerade an der untersten Treppenstufe angekommen war, und hob sie ohne viel Umstände auf seine Arme. Sie zappelte, versuchte sich zu wehren und stieß schrille Schreie aus.

„Nichts da, Madam“, sagte der Mulatte und hielt ihr mit seiner linken Schaufel den Mund zu.

„Vorsicht“, rief der Dichter von oben, „daß du ihr nichts brichst! Solche Damen der Gesellschaft sind wie aus Glas. Man kann sie nicht strapazieren.“

„Ach was“, sagte der Mulatte, „sie ist ein zähes kleines Luder. Wenn sie den Teppich überstanden hat, wird sie mich auch überstehen. Aber Angst hat sie doch, die Madam, naß gemacht hat sie sich vor Angst, die Dame –“

Bei diesen Worten wurde Doña Agata zum zweitenmal an diesem Tage ohnmächtig, und als der Mulatte oben ankam, beleuchtet von der Kerze, wurde der Dichter zornig.

„Kannst du dich nicht ein bißchen zusammenreißen?“ schnauzte er den erschrockenen Mulatten an. „Da, jetzt hast du sie zerdrückt. Sie rührt sich nicht mehr –“

Alle vier beugten sich bestürzt über die Dame und betrachteten sie aufs genaueste. Lollo zog ihr ein Augenlid hoch und starrte in ihre große schwarze Pupille. Das bewirkte, daß sie einen tiefen Seufzer ausstieß. Aber ihre Augen blieben geschlossen.

„Tot ist sie nicht“, sagte der Mulatte erleichtert. „Am besten, wir legen sie ins Bett.“

„Aber wir können sie doch nicht so naß ins Bett legen“, rief Lollo. „Da wird ja das Bett naß. Wir müssen ihr das nasse Zeug ausziehen.“

Alle starrten Lollo erschrocken an.

„Ich bitte dich“, flüsterte Teotocópulos, „das ist keine Irgendwer, der du den Schlüpfer runterziehst. Wir können sie doch nicht vor unseren Augen ausziehen!“

„Aber Lollo hat recht: Solche Damen gehen manchmal schon von einer einzigen Zugluft ein“, sagte der Dichter.

„Ich lösche die Kerze, wir ziehen sie im Dunkeln aus.“

Er nahm die Pietá vom Tisch, stellte sie neben die Putte auf den Nachttisch, und dann legte der Mulatte die Dame behutsam auf die Tischplatte, die fast so lang war wie sie. Der Dichter löschte die Kerzen.

Lollo nestelte an Doña Agata herum.

„Mach schon“, sagte der Dichter.

„Du hättest wenigstens das Licht anlassen können“, flüsterte Lollo, „bis ich alle die Knöpfe und Bänder gefunden habe.“ „Du kennst dich doch sonst so gut mit Weibern aus“, sagte Teotocópulos. „Im Handumdrehen sind sie ausgezogen und in deinem Bett –“

„Oder du in ihrem“, sagte der Mulatte.

„Jesus“, rief Lollo, „aber das sind doch keine alten Damen, und außerdem haben sie sowieso kaum was an. Und ich muß zugeben, aus der großen Gesellschaft habe ich noch nie eine gehabt, auf deren Unterzeug verstehe ich mich nicht. Mein Gott, ich glaube, sie trägt ein Korsett, und wenn mich nicht alles täuscht, wird es am Rücken geschlossen. Mach das Licht wieder an, ich bin am Ende.“

Teotocópulos zündete die Kerze an. Verschämt blinzelten alle vier an Doña Agata vorbei, aber dann fesselte sie die technische Seite des Problems. Sie drehten Doña Agata behutsam auf den Bauch.

„Laßt den Auspuff ran“, rief Lollo, „es ist was Technisches.“ Mit den Blicken eines Fachmanns beugte sich der Mulatte über das Korsett, und es dauerte nicht lange, da war er hinter den Trick gekommen und schälte Doña Agata wie eine Krabbe aus ihrer Schale.

„Licht aus“, befahl der Dichter, und dann streiften sie ihr Teotocópulos’ Nachthemd über den Kopf.

„Jetzt kannst du das Licht wieder anzünden“, sagte der Dichter zu Teotocópulos.

Doña Agata, noch immer leblos, lag, weiß eingehüllt, auf dem Tisch.

„Wie meine Großmutter auf dem Totenbett“, sagte Lollo gerührt.

„Ach, halt deine Schnauze“, zischte der Dichter. „Nimm den Tod nicht in deinen ungewaschenen Mund, sonst beschwörst du ihn noch herauf!“

„Gott, man wird doch noch was sagen dürfen“, maulte Lollo gekränkt.

Teotocópulos schob die Bettdecke zurück, hob die Kerze hoch empor, und Lollo und der Mulatte trugen Doña Agata ins Bett. Sorgfältig zogen sie das Hemd über ihre Füße und rollten die viel zu langen Ärmel hinauf.

„Mach ihr noch das Knöpfchen am Hals zu“, sagte der Dichter.

Lollo schloß das Knöpfchen, und Teotocópulos breitete die Decke über sie. Dann betrachtete er sie genau.

„Sie atmet ruhig“, flüsterte er zufrieden.

„Kleb die Kerze auf den Tisch“, sagte der Dichter. „Damit sie sich nicht grault, wenn sie aufwacht. Und leg ihr die Brille auf den Nachttisch.“

„Und die nassen Kleider?“ fragte Lollo.

„Wir hängen sie in den Hof“, sagte Teotocópulos.

„Damit dir die Leute von oben in den Hof gucken und sich wundern, was du für Damenbesuch hast?“ rief der Dichter.

„Du hast recht“, sagte Teotocópulos erschrocken. „Hängen wir also das Zeug nebenan unters Dach, da zieht die Luft durch, und niemand kann was sehen.“

Er sammelte die rings um den Tisch verstreuten Kleider der Doña Agata auf und verschwand im Dachgebälk neben der Mansarde. Die anderen verließen das Zimmer auf Zehenspitzen, schoben den Riegel vor und schlichen die Treppe hinunter. Aufatmend warfen sie sich in Sofa und Sessel und streiften ihre Masken ab.

„Und der Lieferwagen?“ fragte der Dichter.

„Ist schon ohne Räder und Kotflügel, nicht wiederzuerkennen. Morgen mittag ist er ganz auseinander“, antwortete der Mulatte.

Teotocópulos erschien mit Flaschen, und sie wurden sehr fröhlich. Sie begossen die gelungene Entführung.

„Morgen mußt du die Briefe schreiben“, sagte der Dichter zu Lollo.

Sie sangen bis gegen Mitternacht, dann wurde Teotocópulos unruhig.

„Wir sollten doch noch einmal nach ihr schauen“, sagte er bedrückt.

„Das ist wahr“, sagte Lollo. „Solche Frauen sind so empfindlich. Wer weiß, wann sie das letzte Mal außerhalb ihres Hauses geschlafen hat.“