Die Entstehung der Geschlechterhierarchie - Helke Sander - E-Book

Die Entstehung der Geschlechterhierarchie E-Book

Helke Sander

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Beschreibung

Wie, wann und warum wurden Frauen zum zweiten Geschlecht? Über viele Jahrhunderttausende gab es in der sich entwickelnden Menschheit keine Geschlechterhierarchie. Jede und jeder sorgte für sich. Von einer natürlichen Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern kann keine Rede sein, sie ist erst das Ergebnis einer äußerst langen Entwicklungsgeschichte, an deren Anfang Lösungen standen, die hauptsächlich Frauen für neu entstandene und nur sie betreffende Probleme finden mussten In faszinierenden Rückblenden zeigt Helke Sander, dass und wie das Geschlechterverhältnis, wie wir es kennen, als unbeabsichtigte Nebenwirkung sozialer Folgen der Gebärfähigkeit und des Fellverlusts entstand.

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Seitenzahl: 271

Veröffentlichungsjahr: 2017

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»UND IST DIE WELT AUCH NOCH SO SCHÖN EINMAL WIRD SIE UNTERGEHN«

aus: Frau Luna

Operette in zwei Akten von Paul Lincke

INHALT

EINFÜHRUNG

MENSTRUATION

SCHWANGERSCHAFT

FEUER

JAGD

GOTTHEITEN

VIEHZUCHT

GEGENWART

DANK

LITERATUR

ANMERKUNGEN

EINFÜHRUNG

Die populäre Vorgeschichtsschreibung erzählt in unzähligen Bildbänden, Texten und vielen Fernsehsendungen, wie sich weitgehend ohne Umwege die behaarten noch affenähnlichen Wesen zum – meist europäischen – Homo sapiens entwickelten.

Die Menschheitsgeschichte wird überliefert als ununterbrochene Fortschrittsgeschichte. Kaum in den Blick gerät, was bei jeder Errungenschaft immer auch verloren ging. Den Lesern auch von eher wissenschaftlich angelegten Werken wird beispielsweise das Bild vermittelt, als gäbe es eine »natürliche und erste« Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen und als wäre die patriarchale Kleinfamilie von Beginn an schon im Kern begründet.

Abbildungen zeigen gerne starke Männer mit erlegten Tieren auf den Schultern, die aus dem Wald in die eingezäunten Bereiche streben, in denen bevorzugt barbusige oder mit einem Fell behängte Frauen vor primitiven Hütten sitzen und Körner zu Mehl mahlen. Dabei gleicht die Entwicklung zu einer funktionierenden Zusammenarbeit der Geschlechter, die unter dem Begriff »Arbeitsteilung« gefasst werden kann, einem Wunder, das einige Jahrhunderttausende, wenn nicht Millionen Jahre für sein Entstehen brauchte. Das heißt umgekehrt, von einer natürlichen Arbeitsteilung vom Beginn der Menschwerdung an kann keine Rede sein. Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern ist das Ergebnis einer äußerst langen und vor allem langsamen Entwicklungsgeschichte, an deren Anfang Lösungen standen, die hauptsächlich Frauen für neu entstandene und nur sie betreffende Probleme gefunden hatten. Probleme, die ausgelöst wurden durch länger dauernde Schwangerschaften und schwerere Kinder bei der Geburt, die dennoch längere Zeit als im Tierreich unselbständig und von den Müttern abhängig blieben. Weibliche Primaten entwickelten ihren Verstand, um zu überleben, und nicht wie andere Tiere beispielsweise einen längeren Hals oder Tod bringende Zähne. Der Verstand entfernte sie in langen Zeiträumen geradezu zwangsläufig von ihrer tierischen Herkunft und führte zu den ersten sozial und nicht mehr durch den Instinkt geprägten Lebensformen. Das machte uns zu Menschen. Aber dieser Fortschritt hatte von Anfang an eine Kehrseite: Wie in einer Kettenreaktion brachte er zwar ungeheure, sich immer weiter beschleunigende Entwicklungsschübe hervor, gleichzeitig aber immer auch damit einhergehende Autonomieverluste, was wiederum neue Probleme entstehen ließ, die bis heute fortwirken und sich fortlaufend potenzieren. Darum steht am Ende dieses Essays die Hypothese, dass der Verstand, der uns zu Menschen machte und mit immer neuen Erfindungen auf immer neue Herausforderungen reagierte, uns eines Tages umbringen wird, weil er vor seinen eigenen Errungenschaften und deren Folgen kollabieren muss.

Die Menschheitsgeschichte ist bildlich gesprochen wie ein unaufhaltsamer, ununterbrochen anschwellender Fluss mit unzähligen Nebenarmen, auch stehenden Gewässern und Sümpfen. Anders als immer wieder behauptet wird, gibt es keinen genauen »Anfang der Zivilisation«, der wie jüngst von einem Theater mit dem Gilgamesch-Epos datiert wurde oder von anderen Autoren und Philosophen gerne bei den alten Ägyptern oder Griechen angesiedelt wird. Die Behauptung eines Anfangs nach einigen Millionen Jahren Menschwerdung ist vollkommen willkürlich und unsinnig. Sie erkennt nicht, dass die geschichtliche Entwicklung als Folge zäsurloser, immer weiter zunehmender Verstrickungen beschrieben werden kann. Wie unsere Vorfahren reagieren wir mit neuen Erfindungen auf die Herausforderungen und schaffen dabei für die nächsten Generationen auf einer wieder höheren Ebene immer schwerer lösbare Probleme, die heute mit Klimawandel, Verschmutzung der Meere, Ozonloch, Artensterben, Überbevölkerung bei gleichzeitiger Zunahme von Verarmung ganzer Länder nur angedeutet werden können. Zu einem Zeitpunkt, der die jüngere Vorgeschichte umfasst, treten die ersten negativen Seiten der Entwicklung zutage und werden für uns, wenn auch nicht für die Betroffenen, heute erkennbar.

Frauen haben, ausgehend von ihren biologischen Veränderungen (die ebenfalls schon eine lange Vorgeschichte haben, auf die hier nicht weiter eingegangen werden soll), prägend an der Umwandlung vom Tier zum Menschen teilgenommen und die Grundlagen für die ersten sozialen Beziehungen gelegt. Nach Jahrhunderttausenden als Auslöser der Entwicklung geraten sie mit zunehmendem Fortschritt seit den Zeiten des Neolithikums allmählich nicht nur ins Hintertreffen, sondern eher absichtslos überhaupt raus aus der Geschichte. Wann, wie und wodurch das passieren konnte und welche Konsequenzen dies bis heute hat und zum ersten fortwirkenden Gau der Menschheitsgeschichte werden konnte, wird mich in diesem Text beschäftigen.

Nun beruhen alle Theorien über die Entwicklung und das Zusammenleben unserer Vorfahren von Affenzeiten bis in die jüngere Steinzeit, das heißt bis ins Neolithikum, mehr oder weniger auf Spekulationen, die mit Glück abgesichert werden durch die Ergebnisse verschiedener Wissenschaften.1 Ich spekuliere ebenfalls, füge allerdings die Indizien neu zusammen. Meine fast fünfzigjährige Beschäftigung mit diesem Thema lässt sich an der Literaturliste am Ende des Buches und den in den Anmerkungen versammelten Hinweisen nachvollziehen.

Wir teilen etwa 98 Prozent unsere Gene mit den Schimpansen und Bonobos, was nicht heißt, dass wir eine Fortentwicklung sind, sondern vor circa sieben Millionen Jahren eine eigene Linie gebildet haben. Ziemlich gesichert scheint inzwischen, dass auf diesem Weg sowohl unterschiedlich weit entwickelte Affen- wie Menschenarten auf der Strecke geblieben sind. Die Legenden in vielen Völkern über Riesen und Zwerge haben möglicherweise einen realen Kern, auf den an anderer Stelle näher eingegangen wird. Wenn ich dennoch immer wieder auf Verhaltensweisen bei Affen zurückgehe, dann verweise ich auf einige Ähnlichkeiten, die uns als Säugetiere verbinden. Dabei interessieren mich besonders Gemeinsamkeiten, die die Weibchen teilen.

Es ist wirklich nicht einfach, aber notwendig, sich immer wieder die ungeheuer langen Zeiträume vorzustellen, die von den Trockennasenaffen – einer Kategorie der Primaten, der auch wir angehören – bis zum Homo sapiens reicht, eine Zeit, die zugleich mit Beschleunigung verbunden ist, aber sich zunächst in Jahrhunderttausenden misst.

Die lange Vorgeschichte, in der wir uns vom Affen zum Menschen entwickelten, scheint im allgemeinen Bewusstsein wie ein unbestimmbarer geschichtsloser Raum, in dessen Nebel höchstens der aufrechte Gang noch Konturen bekommt oder sich Bilder festsetzen, in denen Neandertaler- und Homo sapiens-Männer mit Keulen aufeinander einschlagen. Zumeist jedoch bleiben diese Jahrhunderttausende im Bewusstsein nebelhaft, sind selten Gegenstand der Philosophie und werden kaum als in die Gegenwart wirkend einbezogen, es sei denn, man hat berufsmäßig mit anderen Zeitdimensionen zu tun.

Weltgeschichtlich gesehen und auf die Entwicklung der Menschheit bezogen, sind die letzten Jahrtausende seit dem Neolithikum allerdings Peanuts. Das ist zwar abstrakt bekannt, spielt aber für das Verständnis der Gegenwart kaum eine Rolle und dient immer noch dazu, Frauen in vielen Gesellschaften auf einen letzten Platz zu verweisen, weil die langen Zeiten, in denen es anders war, einfach nicht zur Kenntnis genommen und immer noch häufig von der Wissenschaft ignoriert werden, was notgedrungen zu falschen Schlüssen auch über unsere Zukunft führen muss.

Diese Ungenauigkeit im Zeitgefühl ist massiv und verbreitet und zeigt sich nicht nur in der oben erwähnten Bekanntmachung des Theaters über den Anfang der Zivilisation, sondern nahezu täglich in unzähligen Einzelheiten, wie beispielsweise dieser manipulierenden Überschrift zu einer Rezension in der Berliner Zeitung vom 17./18. 1. 2015: »Der Anfang aller Geschichte«. Unter diesem Titel geht es um ein Buch über Xenophon und Thukydides, die im 5.Jahrhundert v. u. Z. lebten. Der Anfang aller Geschichte vor 2500 Jahren?

Dass Lektoren und Redakteure unzählige solcher Behauptungen immer wieder durchgehen lassen, Historiker nicht aufschreien, Philosophen gänzlich schweigen, ist der eigentliche Skandal. Werden solche Lügen nur oft genug wiederholt, hinterlassen sie Spuren im Denken und Fühlen und bestimmen, was als »lange zurück« und »kurz zurück« und »immer schon so« empfunden wird und bis heute vielen Traditionen wie zum Beispiel den Beschneidungen von Jungen und Mädchen ihre Berechtigung verleihen sollen, weil es »immer« schon so war. Ziehen wir die Vorgeschichte mit ein, dann kann von diesem »immer« allerdings keine Rede sein.

Intellektuelle heute haben meist eine ungefähre Vorstellung davon, was sich vor zwei-, drei-, fünftausend Jahren in der jeweils bekannten Welt vollzog und assoziieren damit den »Anfang der Geschichte«. Dadurch wird die Vorgeschichte gleichzeitig zu einer abgeschlossenen Epoche definiert, die uns nichts mehr angeht. In der westlichen Welt sind wir eng verbunden mit dem Jahr Null als Fixpunkt. Das Jahr Eins definiert nicht nur die westliche Zeitrechnung, sondern verortet auch die Griechen mit ihren Göttern in eine Zeit davor und danach. Und noch ein wenig zurück vor diesem Jahr Eins sehen wir die Ägypter, Babylonier, Sumerer, die zwar schon fast im vorgeschichtlichen Dunkel verschwinden, aber hier und da noch zeitlich bestimmbare Inseln bilden.

Mich interessiert, was durch dieses ständige Vergessen/Verdrängen der Vorgeschichte auf der Strecke bleibt, was an möglichem Wissen sich dadurch nicht erschließt, welche aktuellen weltpolitischen Konflikte dadurch in eine interpretatorische Schieflage geraten, wie sich die Vorstellungen über Geschlechterrollen aus relativ spät entwickelten, schon patriarchalen Vorstellungen heute in der Familien-und Sexualpolitik niederschlagen und wie die Behauptung, dass die Einführung monotheistischer Religionen die Menschheit aus barbarischen Zeiten erlöste, widerlegt werden kann.

In diesem Essay suche ich nach den Ursachen für den Verlust der Selbständigkeit der Frauen, und ich versuche sie zeitlich zu bestimmen und in Verbindung zu bringen mit der Entwicklung der Produktivkräfte. Um es vorweg zu nehmen: Diese Entwicklung geschah nicht durch Bösartigkeit der Männer, sondern durch Fortschritt, der zunächst weitgehend durch Frauen verursacht war. Ein Fortschritt, der mit der Menschwerdung begann, sich bis heute immer weiter beschleunigte und, wie schon angedeutet, auch die Ursache für den kommenden Zusammenbruch und unser Abtreten aus der Weltgeschichte sein wird, die wir dann wieder den Ameisen und Kakerlaken überlassen können. Mit dem Fortschritt einher gehen immer Verluste, die immer größere Ausmaße annehmen und mit immer neuen Errungenschaften kompensiert werden müssen, was im letzten Kapitel das Thema sein wird.

Dies als Entwicklungsprinzip zu erkennen, ist nicht ganz einfach, weil wir daran gewöhnt wurden, unser Gefühl für Zeit zu manipulieren und einzugrenzen. Allein die Tatsache, dass wir kaum mehr nachts den Himmel und die Sterne sehen und uns mit dem Schrecken der Unendlichkeit konfrontieren können, trägt dazu bei.

Auch wenn wir heute wissen, dass die Welt nicht mit dem gregorianischen Kalender und dem Jahr Eins anfing, beziehen wir uns doch weitgehend auf diese relativ überschaubare Zeit und übersehen dabei, dass diese Zeit schon hoch entwickelt war, über die Schrift verfügte, differenzierte Gesellschafts-und Religionssysteme hatte und eindeutig patriarchal geprägt war. Darum soll hier ein kleiner Exkurs über die Erfindung der Zeit und der Kalender folgen.

EXKURS

Grundlagen aller noch heute geltenden Zeitbestimmungen sind die Mond- und Sonnenkalender der verschiedenen Völker, die über Jahrhunderttausende hinweg schon in der Vorzeit entwickelt wurden und das Wissen ansammelten, was dann die Menschen im heutigen Goseck in Sachsen-Anhalt dazu befähigte, vor etwa 7000 Jahren ein Sonnenobservatorium zu bauen oder die Babylonier vor 5000 Jahren den ersten Kalender und die 7-Tage-Woche erfinden ließ. Die Himmelsbeobachtungen hatten sich über Jahrhunderttausende vor diesen Zeiten etabliert. Erst sehr viel später wurden viele der heute noch benutzten Zeitrechnungen einem Religionsstifter oder Herrscher gutgeschrieben, der entweder überhaupt mit dem Anfang der Schöpfung gleichgesetzt wurde oder im jeweiligen Geltungsbereich ein verpflichtendes Ordnungssystem begründete. Das jüngste Beispiel liefert uns der jetzige Herrscher Nordkoreas, Kim Jong-Un, der für sein Land gerade den Kalender ändern ließ. Die neue Zeitrechnung dort beginnt mit der Geburt seines Großvaters 1912 und wird in »Juche« gerechnet.

Auch wenn die offizielle, globalisierte Welt heute dem im Jahre 1582 u. Z. eingeführten gregorianischen Kalender folgt, richten sich doch Millionen Menschen in vielen Ländern intern immer noch nach althergebrachten, traditionell angewandten Zeitmessungen. Unser heutiges Zeitgefühl und das früherer Völker war mit Sicherheit nicht das Gleiche. Die Griechen beispielsweise wussten zwar, wann es Zeit ist, zu säen und zu ernten. Aber wenn sie ein Ereignis der Vergangenheit beschreiben wollten, dann gingen sie nicht eine präzise Anzahl von Jahren zurück, sondern versuchten, dieses Ereignis in die Nähe von Erinnerungen zu bringen, die allgemein geteilt wurden, wie bestimmte Siege oder Niederlagen, von denen man auch keine Jahreszahlen wusste, sondern höchstens das Gefühl kannte von kürzer, länger oder sehr lange zurück. »Früher« konnte alles Mögliche sein. Jeder der griechischen Stadtstaaten hatte eigene Zeitrechnungen, die sich an für sie bedeutende Ereignisse knüpften, und sie wurden erst im Lauf der Vergrößerung der verschiedenen Staatswesen miteinander synchronisiert, bestanden aber oft noch lange parallel. Zunehmend wurden Anhaltspunkte gesucht, um die Zeit für alle auf die gleiche Weise zu gliedern. Das gelang allmählich, indem ein bestimmter Herrscher eines Landes mit der Regierungszeit eines bestimmten Herrschers eines anderen Landes zeitlich in Übereinstimmung gebracht werden konnte.2

Vermutlich drückte sich durch die noch nicht zeitlich genau bestimmbare Vergangenheit ein stärkeres Gefühl für die Gegenwart aus. Unser eigenes Zeitgefühl ändert sich ja auch mit den Jahren. Für Kleinkinder ist »gestern« kaum vorstellbar. Für die meisten Jugendlichen ist der Erste und sogar der Zweite Weltkrieg irgendwo in grauer Vorzeit und vollkommen uninteressant für heutige Probleme, während die letzte Sendung von »Deutschland sucht den Superstar« oder die letzte Fußballweltmeisterschaft für viele einen genau vorstellbaren zeitlichen Bezugspunkt bedeutet. Ob der Tiefseeschwamm, der 10 000 Jahre alt sein soll, ein Gefühl für Zeit hat, wissen wir nicht, auch nicht, ob die 200jährige Schildkröte, die kürzlich gestorben ist, ihr Dasein in noch etwas anderes gliederte als in Tag und Nacht und damit eventuell auf einem ähnlichen Stand war, wie unsere Vorfahren in Afrika, von denen wir annehmen müssen, dass sie wie Kleinkinder heute lange Zeit ausschließlich in der Gegenwart lebten.

Wir schreiben und lesen jeden Tag einige Male, dass wir uns jetzt im Jahr 2017 befinden. Dabei wissen wir alle, dass die Entwicklung der Menschheit je nach Theorie mindestens drei Millionen Jahre brauchte. Unser Koordinatensystem, in dem wir leben und denken, ist extrem klein. Alles, was vor dieser magischen Zahl Null liegt und was besonders interessant für die Geschichte der Frauen ist, ist damit weggedrängt. Wenn wir nur mal spielerisch annähmen, wir würden stattdessen jeden Tag lesen können, dass wir uns im Jahr 3 000 000 befinden, dann könnte das durchaus Auswirkungen haben auf unsere Problemlösungsstrategien. Wir würden dann wahrscheinlich die vergangenen 2000 bis 3000 Jahre Patriarchat für ein vorübergehendes Intermezzo halten und nicht für den Kern der Geschichte und bei Konflikten völlig anders argumentieren.

KALENDER

Die Grundlagen aller alten und noch verwendeten Zeitbestimmungen sind Mond- und/oder Sonnenkalender, die alle in der Vorgeschichte entwickelt wurden. Die wechselnden Mondphasen und – wie ich ausführe – die Menstruation waren die ersten Anhaltspunkte für Zeitbestimmungen. Noch heute wird zum Beispiel das christliche Osterfest nach einem Monddatum bestimmt, ebenso das Ramadan-Fest der Muslime. Zur Information füge ich einige der früher und zum Teil noch heute in vielen Ländern benutzten Kalender an. Wer sich dafür interessiert, sollte sich über die vielen verschiedenen Formen und Denkmuster selber informieren, weil nur Stichworte zu den einzelnen Kalendern keine vernünftigen Einsichten vermitteln.

Ägyptischer Kalender

Altskandinavischer Kalender

Astronomischer Kalender

Äthiopischer Kalender

Azteken Kalender

Buddhistischer Kalender

Chinesischer Kalender und

Chinesischer Geburtskalender

Franzöischer Revolutionskalender

Gregorianischer Kalender

Islamischer Kalender

Jüdischer Kalender

Koptischer Kalender

Koreanischer Kalender und Neu: nordkoreanischer Kalender

Lunisolarkalender

Maya-Kalender

Römischer Kalender

Samischer Kalender

Sowjetischer Revolutionskalender

Stellarer Kalender

Thailändischer Mondkalender

Tibetischer Kalender

Zoroastrischer Kalender

Unser Wissen über die Vorzeit hat durch die vielen neuen Funde der Archäologen und die Forschungen anderer Fachgebiete in den letzten Jahrzehnten sprunghaft zugenommen, und fast täglich werden wir mit neuen Erkenntnissen überrascht. Heute ist die vor mehr als eineinhalb Jahrhunderten entwickelte Evolutionstheorie bei Naturwissenschaftlern anerkannte Wissenschaft, und die meisten Menschen haben keine Schwierigkeiten damit, sich mit ihrer Primatenherkunft anzufreunden. Allerdings gibt es nicht nur in den USA eine heftige Gegenbewegung. In einigen Bundesstaaten wird die Schöpfungsgeschichte nach der Bibel in Schulen gelehrt und die Evolutionstheorie abgelehnt. Auch in Deutschland gibt es vor allem bei verschiedenen Freikirchen (Kreationisten, Intelligent Design) derartige Tendenzen, mit direkten Auswirkungen zum Beispiel auf den Schulunterricht.3

Aber nach wie vor gibt es bisher keine vernünftige Antwort auf die Frage, wann und warum in diesen langen Zeiträumen der Menschwerdung die Frauen aus der veröffentlichten Geschichte verschwunden sind. Normalerweise wird diese Frage nicht einmal gestellt oder wenn, dann nur sehr pauschal beantwortet. Irgendwann kam es eben auf der ganzen Welt dazu, dass Frauen zum »zweiten Geschlecht« wurden und ihre Selbstbestimmung einbüßten. Irgendwie soll es mit ihrer natürlichen Bestimmung, Kinder zu bekommen, zusammenhängen und – bei ganz Fortschrittlichen – auch mit dem Neolithikum, mit der Erfindung von Ackerbau und Viehzucht (wobei die übliche gemeinsame Nennung von Ackerbau und Viehzucht auch zu hinterfragen ist). Es wird zwar immer wieder beobachtet, dass heute noch steinzeitlich lebende Menschengruppen meist ziemlich egalitär leben, was eine recht umfangreiche Literatur inzwischen dokumentiert, daran knüpfen sich aber selten weitere Überlegungen. Und solange es selbstverständlich bleibt, die Vorgeschichte mit der anfangs geschilderten Familienszene zu bebildern und eine Zeit vor zweieinhalbtausend Jahren mit dem Anfang der Geschichte gleichzusetzen, wird man den Ursachen für diesen Ausschluss der Frauen auch kaum näherkommen.

Da es sich bei der Unterdrückung der Frauen nicht um einen bestimmten Einzelfall handelte, sondern mit ganz geringen Ausnahmen in abgelegenen Gebieten, die gesamte Weiblichkeit auf der Erde früher oder später erfasste, und weil es mich als Angehörige des weiblichen Geschlechts nicht nur abstrakt interessiert, warum es so gekommen ist, hat es mich über die Jahrzehnte dazu gebracht, den gemeinsamen Nenner zu suchen, der dieser Katastrophe – oder auch der fast zwangsläufigen Entwicklung – zugrunde lag. Im Tierreich, aus dem wir uns entwickelten, gab und gibt es keine Frauenunterdrückung (das sogenannte Dominanzverhalten unserer männlichen Verwandten wird in den entsprechenden Kapiteln behandelt).

Mich werden also in diesem Essay die Gründe für diesen Ausschluss der Frauen als Handelnde und ihre Gesellschaften Formende bei gleichzeitiger Fortentwicklung der Menschheit beschäftigen. Dass es bisher hierzu nur so ungenaue Vorstellungen gibt, liegt sicher daran, dass die Forschung bis vor relativ kurzer Zeit hauptsächlich von männlichen Wissenschaftlern geprägt war, die ihnen bekannte Verhältnisse fortgeschrieben haben, weil sie keinen Grund hatten, darunter zu leiden oder nachzufragen. Denn Frauen spielten schon in den Vergangenheiten, die mit dem beschriebenen »Anfang der Geschichte« gleichgesetzt werden, in der das Patriarchat schon durchgesetzt war, meist die Rolle, die sie weitgehend auch noch in der Gegenwart einnehmen. Abgesehen von immer neuen großartigen Erkenntnissen der verschiedenen Disziplinen, die stückchenweise unser Wissen über die Urgesellschaften erhellen, sind diese Fragen über den Ursprung der weiblichen Unterdrückung einfach nicht auf dem Schirm der Forscher. Irgendwann wurde das Feuer eben gezähmt, und irgendwann wurden eben Gefäße hergestellt. Dies einmal unter geschlechtsspezifischen Vorzeichen zu untersuchen, ist bisher kaum geschehen. Im Gegenteil, fast automatisch werden in den entsprechenden Illustrationen wie selbstverständlich Männer als Verantwortliche gezeigt.

Erst in den letzten Jahren ändert sich das Bild ganz langsam, seit mehr und mehr Frauen an der sogenannten »Frauen-Forschung« wie auch an der akademischen Forschung teilnehmen. Ja, man kann sogar sagen, dass die außerhalb der akademischen Wissenschaften entwickelten Überlegungen von Frauen, die sich mit dem Gebiet aus eigenem Antrieb befasst haben, die akademischen Fragen belebt haben und mehr und mehr beeinflussen.4

Um aber eines klarzustellen: Ich befasse mich in diesem Essay nicht mit Genderfragen, sondern hauptsächlich mit den Folgen, die biologische Veränderungen zur Menschwerdung beigetragen haben. Ich habe 1968 damit angefangen, mich nach den Gründen für die weibliche Unterdrückung zu fragen. Im Lauf der seitdem verstrichenen Jahrzehnte haben sich viele andere Frauen aus der neuen Frauenbewegung ebenfalls in bestimmte Aspekte der Vorgeschichte vertieft. Sie haben sich in einem vorher unbekannten Ausmaß mit Religionskritik, Geschichtskritik, Philosophiekritik befasst, normalerweise außerhalb von unterstützenden oder sie überhaupt wahrnehmenden Institutionen. Sie haben mit ungeheurem Fleiß auf vergessene oder absichtlich verdrängte Tatsachen aufmerksam gemacht, Artefakte neu zusammengestellt, neue Fragen aufgeworfen und unzählige Bücher über vorgeschichtliche Kulturen geschrieben und dies erstmals aus weiblicher Perspektive getan. Im Zusammenhang damit ist häufig auch eine Wunschvorstellung als geschichtlich wahr behauptet worden: die urgesellschaftlichen Matriarchate. Das hat zu heftigsten Kontroversen in akademischen und nicht-akademischen Kreisen geführt, die ganze Bibliotheken füllen.

Gerade die Vorstellung von Herrschaft ist aber aus vielen Gründen eine fehlende Kategorie für die frühe Menschheit, und darum ist das Wort Matriarchat, so wie es meistens verstanden wird, auf jeden Fall irreführend, worüber inzwischen auch weitgehende Übereinstimmung herrscht. Das schmälert aber nicht die Leistungen dieser Forscherinnen. Sie haben jedenfalls nachdrücklich darauf aufmerksam gemacht, dass die Menschheitsgeschichte nicht erst mit den Sumerern oder Griechen begann und nicht nur aus Männern bestand. Ein Eindruck, der sich häufig in der älteren Literatur aufdrängt, sich nur sehr langsam verändert und immer auch von massiven Rückfällen begleitet wird. Das liegt nicht zuletzt daran, dass solche Frauen-Forschungen oft in kleinen oder Kleinstverlagen publiziert wurden und werden und entweder aus akademischem Dünkel nicht wahrgenommen werden oder aber, was vermutlich häufiger der Fall sein dürfte, gar nicht in irgendeine Öffentlichkeit vorstoßen, wo sie bekannt werden könnten. Auf diese Weise sind viele Ansätze, die die Rolle der Frauen besonders untersucht haben, ähnlich, aber unabhängig voneinander entstanden und blieben vor der Internetzeit oft unbeachtet und international unbekannt. Es mögen außerdem viele wichtige Untersuchungen erschienen sein, die kaum jemand kennt, weil sie in Sprachen verfasst sind, die nicht im allgemeinen Fokus sind.

Mir ging es also darum, welche Gründe es für den Ausschluss der Frauen aus der Geschichte gab und welche Folgen dies hatte. Mich beschäftigen in diesem Essay die weitgehend noch im Dunklen liegenden Jahrhunderttausende, in denen sich die Menschheit entwickelte und die äffische Vergangenheit langsam hinter sich ließ, bis hin zu der Zeit, als sich grundsätzlich neue Ordnungen etablierten. Dabei stehen diese Fragen im Vordergrund: Gab es eine Entwicklung, die den Anteil der Arbeit der Männer eines Tages wichtiger für den Fortschritt machte als den der Frauen? Und könnte es deshalb sein, dass gewissermaßen durch die Hintertür, also unwillentlich und unwissentlich die Kehrseite dieses Fortschritts zu eben der Frauen-Unterdrückung führte, so wie heutzutage die andere Seite der »friedlichen Nutzung der Atomkraft« in ihren Ausmaßen für fast alle erkennbar geworden ist, deren Anwendung schon ganze Landstriche verwüstet hat? Und hängen diese »Nebeneffekte« der Entwicklung damals wie heute vielleicht auch irgendwie zusammen?

Die Katastrophen von Tschernobyl oder Fukushima werden noch Jahrtausende nachwirken. Ähnlich ist es mit dem ersten Gau der Geschichte, dem sich lange hinziehenden Ausschluss der Frauen, denen allmählich immer neue Bevölkerungsgruppen der sich differenzierenden Gesellschaften folgen sollten (Unterworfene, Sklaven, später Arme oder bestimmte Berufe). In all diesen Fällen war das Unheil mit Fortschritt verbunden, in den letzten Jahren mit der friedlichen Nutzung der Atomkraft auf der einen Seite, und früher mit der sich immer stärker entwickelnden Intelligenz, die es ermöglichte, immer größere Gruppen an einem Platz zu vereinen und zu ernähren. Die in diesem Fortschritt angelegte Tücke zeigte sich meist erst später.

In den Anfangsjahren meiner Beschäftigung mit diesen Fragen war mein Motiv, einen Ansatz zu finden, um die Geschichte für die Frauen – und auch für mich – zum Besseren zu ändern. Inzwischen habe ich starke Zweifel daran, dass dies weltweit gelingen kann. Wahrscheinlich wird sich diese vorzeitliche Weichenstellung nicht mehr korrigieren, höchstens hier und da abmildern lassen. Aber, um es mit Worten von Peter Weiß zu sagen: Wenn schon untergehen, dann aufrecht. Wir sollten wenigstens wissen, was passiert und warum es passiert ist.

Dabei können wir nicht auf einen Anfang, auf den Punkt Null, zum Affen zurückgehen, um von dort aus neu zu starten. Der Schritt von einer noch nomadisierenden, halbtierischen Gruppe hin zu einem beständigen Dorf mit Organisationsstrukturen, zu einer Stadt und einem Staatswesen war begleitet von unzähligen gleichzeitigen Verwerfungen, in denen sich die Aufgaben differenzierten und die am Ende Sieger und Besiegte zurückließen. Die Kämpfe um die Definitionsmacht lassen sich noch in den Mythen der alten, schon in historische Zeiten hineinreichenden Reiche erahnen, in denen die inzwischen von Menschen erdachten ältesten Göttinnen in vielen Auseinandersetzungen durch männliche Hauptgötter und weibliche Nebengöttinnen und noch später durch einen einzigen männlichen Gott ersetzt wurden und so auch im Überbau das allgemeine Schicksal der Frauen besiegelten – bis auf wenige Ausnahmen in kleinen und isolierten Gemeinschaften, die noch keine Götter, sondern Naturkräfte und andere Lebewesen verehren.

Wir können heute wenigstens wissen, dass es eine gewisse Folgerichtigkeit hat, mit der wir trotz oder besser wegen aller Intelligenz auf einen allgemeinen nicht mehr beherrschbaren und durch uns selbst verursachten Kollaps zusteuern, es sei denn, wir werden noch früher eingeholt durch einen Felsbrocken aus dem All, der uns auf schnelle Weise den Garaus macht. So oder so, unsere Zeit als Menschen wird mit Sicherheit als Folge der Folgen unserer Entwicklung begrenzter sein als die der Dinosaurier, die es immerhin rund 170 Millionen Jahre hier ausgehalten haben – und die noch heute auf der Krim oder in Nahost und anderen umstrittenen Weltgegenden herumspazieren würden, hätte sie nicht der berühmte Brocken erwischt und dadurch den ersten kleinen Mäusesäugetierchen und letztlich auch uns das Leben ermöglicht.

Ich habe 1968 damit angefangen, mich nach den Gründen für die weibliche Unterdrückung zu fragen, und kam so allmählich auf die Urgeschichte. Ich lernte sehr schnell, dass in nahezu allen Veröffentlichungen jede neue Entwicklung bis auf geringe Ausnahmen auf den Mann zurückzuführen war. Das war nicht immer explizit gesagt, aber durchgängig in der Bilderwelt, die die entsprechenden Publikationen begleiteten, zu finden. Es fing an mit dem sich noch auf die Arme stützenden Affen, der langsam seine Gestalt verändert, aufrecht geht und zum modernen großen Mann wird. Bis in die siebziger Jahre hinein ist der Mann fast ausnahmslos in einschlägigen Büchern, vor allem in Kinder-Bilderbüchern, in den Museen, den Installationen der Prototyp des Menschen. Ganz selbstverständlich und fast hundertprozentig ist es in den Illustrationen ein Mann, der die Höhlen ausmalt, die ersten Figuren schnitzt, vor allem die Frauenfiguren mit den großen Brüsten (die darum vermutlich auch alle »Venusfiguren« heißen und an Sex denken lassen und weniger an Mutterschaft). Es war der Mann, der das Feuer erfand, die gemeinsame Jagd, der in der Gruppe das Sagen hatte und natürlich für alle großen Erfindungen verantwortlich war.

Es gibt seit einigen Jahren einen Boom von Fernsehfilmen, die sich mit der Entwicklung verschiedener Tierarten, der Neandertaler, Germanen, Kelten, Römer, Ägypter befassen. Es sind immer Männer, die die Zuschauer belehren, wie Steinwerkzeuge bearbeitet wurden oder der Homo sapiens dem Neandertaler den Schädel einschlägt. Überhaupt spielt in Filmen und Videos, die sich fiktiv mit der Frühgeschichte befassen, die Gewalt eine große Rolle. Die Aggression scheint oft aus Anlässen zu entstehen, die im Tierreich durchaus friedlich gelöst werden können. Der Film »2001: Odyssee im Weltraum« von Stanley Kubrick5 ist hier ein gutes Beispiel: Eine Gruppe männlicher noch affenähnlicher und behaarter Frühmenschen sitzt an einer kleinen Wasserstelle, die von einer anderen Gruppe ebenfalls beansprucht wird. Die aufeinandertreffenden Männer greifen sofort zur Keule, um sich gegenseitig zu töten. Ein schon am Boden liegender Affenmensch wird von anderen nacheinander mit Keulen und Fußtritten brutal gegen Kopf und Nieren so verprügelt, dass er tot liegen bleibt. Die Szene erinnert stark an aufgezeichnete Prügelattacken junger Männer in U-Bahnhöfen. Frauen und Kinder sind nicht zu sehen. Sie lagern offenbar außerhalb der Wasserstelle im heißen Wüstensand und brauchen weder Wasser noch Schatten. Dies ist ein Beispiel dafür, wie Bilder manipulieren und sich dennoch festsetzen und weltberühmt werden. Die Szene gibt vor, dass es von Anfang an feindlich unter sich neu begegnenden Gruppen zuging. Das ist möglich, aber durch nichts ausgewiesen.

Für das Gegenteil spricht im Grunde mehr: Mit Sicherheit zeichnete unsere Vorfahren eine immer wache Neugierde aus, und sei es die auf den Sexualkontakt zu neuen Geschlechtspartnern – möglicherweise auch mit solchen anderer Arten. Immer wieder werden Bruchstücke neuer menschenähnlicher Wesen entdeckt. Bei den Schimpansen verlassen geschlechtsreife Weibchen häufig ihre Gruppe und schließen sich einer anderen an. Auch die Männchen verschiedener Primatenarten streifen allein umher und finden irgendwann bei einer anderen Gruppe ein Weibchen. Zumindest muss man sich so ein Zusammentreffen neuer Gruppen ambivalent vorstellen und nicht von vornherein von Feindseligkeiten ausgehen. Die Bevölkerungsdichte war minimal. Savanne oder Urwälder waren weit. Schon deswegen waren solche Begegnungen eher selten und dürften eher als anregend denn als bedrohlich empfunden worden sein; immerhin konfrontierten sie die Protagonisten mit den Fertigkeiten der anderen. Darum konnte so eine Begegnung über Generationen als etwas Außergewöhnliches und Bereicherndes im Gedächtnis bleiben und ein Gefühl für Vergangenheit auslösen.

Wir müssen uns die Menschen in der Minderzahl vorstellen. Die wilden Tiere waren in der Überzahl mit Appetit auf Menschenfleisch. Sie boten nicht das harmlose Bild, das heutige Safarireisende empfängt, wenn sie aus dem Auto heraus einen Löwen zu sehen kriegen. Wie noch in einer Sendung im November 2014 gesehen, sind es Männer, die allein die Beringstraße überqueren, in den wilden Flüssen Amerikas das Fischen lernen und zudem auch noch in der Lage sind, ganz allein den Kontinent zu besiedeln.

Während ich dies schreibe, bekomme ich von Amazon eine Mail, in der mir 15 Bücher zur Geschichte der Philosophie empfohlen werden, »die mich interessieren könnten« (weil ich öfters nach neuen Publikationen speziell über urgeschichtliche Probleme gesucht habe). Sie alle sind von Männern geschrieben und bis auf eine Ausnahme auch von ihnen herausgegeben und beginnen entweder in der Antike oder mit fernöstlichen oder indischen Denkschulen, die höchstens 3000 Jahre zurückliegen (obwohl ich nach Literatur über die Steinzeit gesucht hatte). Bei einigen Büchern wird sogar darauf hingewiesen, für wen sie besonders gedacht sein könnten als Geschenk: »Ihren Sohn, Ihren Freund …« Auch diese Ratschläge festigen wieder die überlieferten Überzeugungen, dass die von uns als alte Geschichte bezeichnete sich mehr oder weniger in den Zeiten der Griechen und ein paar ihrer Vorläufer abspielte.

Die stetige Gehirnwäsche mit der Wiederholung der immer gleichen Bilder hat fast automatisch zur Folge, dass im Umkehrschluss über die Vorgeschichte gefolgert wird, dass Frauen nicht jagten, keine Werkzeuge herstellten, Amerika nicht besiedelten, nicht philosophierten, sondern von Anfang an in allen wesentlichen Lebensaspekten auf den weiter entwickelten Mann angewiesen waren.6

Einerseits haben wir heute Forscher und Forscherinnen, die Beweise für frühe Kulturen aus der Erde buddeln und unser Verständnis für die Vorzeit neu schulen. Und andererseits gibt es ebenfalls heute wild gewordene Männerhorden, die aus der Vorzeit gerettete Artefakte, Tempel, Statuen, Schriftstücke wie auch die Museen zerstören oder deren Inhalte verkaufen, um von dem Geld Waffen zu erwerben, und das langsam erwachende Bewusstsein über ganz andere, frühere, egalitäre Beziehungen zwischen den Geschlechtern noch einmal vernichten. Denn die Zerstörung antiker Kunstwerke und Bibliotheken durch religiöse Fanatiker ist ja kein neues Phänomen, sondern hat Vorläufer in dem hauptsächlich zwischen dem 3.und 6. Jahrhundert unserer Zeit tobenden christlichen Mob, der unzählige Tempel und Bibliotheken vernichtete. Viele hunderttausend Buchrollen in Alexandria und Athen und anderen Städten sind damals unwiederbringlich zerstört worden und mit ihnen das Wissen über die Gesellschaften früherer Jahrhunderte und – davon können wir ausgehen – damit auch das Wissen über die sich wandelnde Stellung von Frauen. Die jetzt durch den IS zerstörten Ruinen von Palmyra waren die Überbleibsel der Zerstörungen durch Christen im Jahr 562.

Aber, nicht zu vergessen, auch heute noch gibt es hier und da isoliert lebende Menschengruppen, die steinzeitlich leben. An sie hängen sich meist ungebeten Forscher, um mehr von der Vergangenheit zu erfahren. Es gibt eine kleine Menschengruppe, »Sentinels« genannt, die Nachkommen der vor circa 55 000 Jahren eingewanderten Menschen auf die Andamanen-Inseln vor Indien sein sollen. Bisher soll noch nie jemand von außen nah an sie herangekommen sein, und wer es versucht hat, kam nicht mehr zurück. Jeder Versuch, sich ihnen zu nähern, wird mit Speeren und Pfeilen abgewehrt. Sie haben sogar versucht, mit Pfeil und Bogen Hubschrauber anzugreifen, die nach dem Tsunami von 2004 die Insel überflogen. Bisher ist nicht bekannt, wie viele Menschen dort leben, was sie sprechen, ob sie Feuer haben oder nicht, wie sie ihr Leben organisieren. Nun will man ihnen mit Kamera-Drohnen zu Leibe rücken, weil es offenbar unerträglich ist, sie einfach in Ruhe zu lassen.

Wie »primitiv« oder alt auch immer diese Gruppen in unseren Augen sein mögen, sie sind dennoch weit in der Menschheitsgeschichte fortgeschritten, haben sich aber offenbar aus noch unbekannten Frühzeiten ein paar Strukturen bewahrt, wobei das hervorragendste Kennzeichen zu sein scheint, dass diese »steinzeitlich« lebenden Gruppen keine Religion zu haben scheinen, sondern ein durch vielerlei Riten gestaltetes Verhältnis zur umgebenden Natur.

Das Wort »steinzeitlich« ist übrigens auch ungenau. Die Steinzeit erstreckte sich immerhin über mehr als 2,5 Millionen Jahre und in ihr vollzogen sich viele der aufregenden Entwicklungen, die mich in diesem Text beschäftigen. Wenn heute von steinzeitlich lebenden Menschen gesprochen wird, dann haben sie zwar eine alte Tradition, sind aber aufgrund ihrer Werkzeuge, der Sprachfähigkeit und allgemeiner Lebensumstände relativ genau bestimmten Epochen der jüngeren Steinzeit zuzuordnen, die die Zeit ab etwa 40 000 Jahren bezeichnet und ungefähr mit der Bronzezeit endet. Manche dieser Gruppen mögen durch äußere Umstände irgendwann in die Isolation getrieben worden sein und überlebt haben oder auch Fähigkeiten, die sie schon einmal hatten, wieder verloren haben. Das 21. Jahrhundert erlaubt diesen alten Völkern jedenfalls nicht mehr, ihre überkommenen Traditionen beizubehalten. Sie werden unwiederbringlich zerstört. Zwar benutzt man noch ein paar Schlitztrommeln in Papua-Neuguinea zur Kommunikation, wer aber ein Handy haben kann, benutzt lieber das. Heute sind diese wenigen Menschengruppen Studienobjekte mit eingeschränktem Lebensraum, und viele dieser Menschen sind an den Krankheiten gestorben, die der Kontakt mit neuzeitlichen Forschern oder Arbeitern der Abholzfirmen ihnen eingebracht hat.

Mit der Frage: »Warum führte die Entwicklung der Menschheit zur Unterdrückung der Frauen?«, habe ich mich seit 1968