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Was ist Angst? Wie entsteht sie im Gehirn? Wie kann man eine Angststörung therapieren? Wie kann man sich bei großer Angst helfen? Der Heilpraktiker für Psychotherapie und Theaterwissenschaftler Andreas Poppe widmet sich diesen und anderen Fragen. Heraus kam eine Vereinigung von Erkenntnissen moderner Hirnforschung, Errungenschaften der modernen Psychotherapie und Betrachtungen zu Kunst und Gesellschaft. Der Leser wird über Angststörungen und ihre Entstehung aufgeklärt, über Möglichkeiten der Therapie informiert. Es gibt Leidensgeschichten, persönliche Erfahrungen und Therapieberichte aus der Praxis zu lesen. Abgeschlossen wird das Buch von Tipps zur Selbsthilfe
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Seitenzahl: 365
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Andreas Poppe
Die entzauberte Angst
Die entzauberte Angst
Aufklärung und Ratgeber bei Angststörungen
von Andreas Poppe
Impressum
Texte:
© Copyright by Andreas Poppe
Umschlag:
© Copyright by Andreas Poppe
Verlag:
Andreas Poppe
Wolfshagener Str. 108
13187 Berlin
Druck:
epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin
Inhalt
Vorwort: Vom Wissenschaftler zum Künstler - vom Künstler zum Therapeuten8
Danksagung13
Einleitung15
Unser plastisches Gehirn21
Warum Psychotherapie hilft - aber nicht immer23
Wenn Gedanken die Materie formen…28
Ein erster Versuch, unser Gehirn zu verstehen28
Die kulturelle Hülle97
Das Göttliche und der Sinn des Lebens112
Schamanisches Heilen116
Und wieder zurück zur Psychotherapie…129
Angst und Angststörungen132
Was ist Angst?132
Und wie geht Angst wieder weg?144
Und was ist jetzt mit den Angststörungen?157
Was ist eigentlich eine Angststörung?157
Wie „holt“ man sich eine Angststörung?167
Erklärungen der Medizin176
Welche Arten von Angststörungen gibt es?192
Angst und Psychotherapie203
Was kann man von einer Therapie erwarten? Was nicht?204
Welche Therapien gibt es nun?218
Expositionstherapie218
Systematische Desensibilisierung231
Entspannungstechniken236
Psychoanalyse244
Kognitive Verhaltenstherapie (KVT)257
Metakognitive Therapie (MKT oder MCT)267
Hypnotherapie278
EMDR286
Logotherapie289
Andere Therapieformen300
Therapie mit Medikamenten321
Therapie durch richtige Ernährung und Nahrungsergänzung326
Was sind „Leitlinien“?332
Was sind „Richtlinien“?334
Freie Psychotherapie336
Selbsthilfe350
Bevor es losgeht: einige Hinweise352
Thema 1: Ein aufgeregter Körper begünstigt Angst355
Aufregung des Körpers durch (bio-) chemische Ursachen357
Entspannung365
Der „Gehirnschrittmacher“374
Angst und Wut380
Thema 2: Verstand schafft Leiden383
Der Gedankenstopp384
Das Gedankenprotokoll385
Sokratisches Fragen386
Thema 3: Wenn die Aufmerksamkeit an der Angst klebt391
Der vergebliche Versuch, Gedanken zu unterdrücken393
Losgelöste Aufmerksamkeit395
Variante: veränderte Sinnesmodalität401
Aufmerksamkeitstraining404
Achtsamkeit408
Thema 4: Vermeidung nährt die Angst412
Zum Schluss417
Vorworte werden geschrieben, nachdem das Buch fertig ist. Das ist recht logisch: sollen sie doch etwas einleiten, was bereits vorhanden ist. Nur ein Narr würde ein Vorwort schreiben, bevor das Buch fertig ist.
Ich habe also ein Buch über Angst geschrieben, über Angststörungen, über die Möglichkeiten, der Angst zu begegnen, sie auszuhalten.
Diese Arbeit hat ein reichliches Jahr in Anspruch genommen. Das Schreiben, das Diskutieren über das Geschriebene und das Überarbeiten. Das Buch hat das vergangene Jahr meines Lebens sehr stark bestimmt: es hat Prioritäten gesetzt, meine Freizeit strukturiert, mich auch bei Wanderungen und vielen entspannenden Momenten beschäftigt. Es hat mich selten völlig losgelassen, es war immer da, hat mich begleitet im Alltag.
Ich glaube, wenn man über Angst schreibt, dann ist das immer ein sehr persönliches Thema. Jeder Mensch hat Angst - das gehört nun mal zum Leben dazu. Und so war es keine Überraschung, dass mir beim Schreiben immer wieder persönliche Erlebnisse eingefallen sind. Ich habe mich entschlossen, einige dieser Erlebnisse mit Ihnen zu teilen, denn warum sollte ich Ihnen erklären, dass Angst etwas Normales ist und Ihnen gleichzeitig Momente verschweigen, in denen ich selbst ängstlich war.
Das Schreiben hat auch viele Erinnerungen an meinen beruflichen Werdegang geweckt. Und im Nachhinein sehe ich, dass aus fast jeder Phase meines Lebens etwas in diesem Buch enthalten ist. Ich erkenne den kleinen Jungen wieder, der mit Leidenschaft Tierbücher gelesen hat und in seiner Freizeit anfing, die Tierklassifikationen auswendig zu lernen. Ich sehe mich als Jugendlichen, der sich so stark für Chemie interessierte, dass er ein kleines Chemielabor im Keller des elterlichen Hauses hatte. Ich habe wirklich gedacht, ich würde Wissenschaftler werden. Dann habe ich in den Ferien im Krankenhaus gearbeitet und gespürt, wie gern ich anderen Menschen helfe. Vor dem Hintergrund meines naturwissenschaftlichen Interesses glaubte ich, ich müsse Arzt werden: die abenteuerlichen Geschichten über die Pioniere der Medizin waren für mich genauso spannend wie ein Karl-May-Roman. Das Medizinstudium ernüchterte mich ein wenig. Kein Abenteuer, viel Hierarchie, viel Dogma. Irgendwie wollte ich mein Leben nicht als jemand verbringen, der mit einem weißen Kittel durch die Gänge eines Krankenhauses läuft und Lehrmeinungen nachbetet (Ich bitte hiermit alle Ärzte für diese Formulierung um Entschuldigung - aber so habe ich das damals empfunden.). Also auf zum Theater! Hinein in das unkonventionelle, brausende Leben! Dieses Leben, auch wenn es bei weitem nicht so glamourös und unkonventionell ist, wie ich gehofft hatte, hielt mich über 30 Jahre lang im Bann. Da der kleine Wissenschaftler in mir immer noch lebendig war (und ist), habe ich dabei auch Theaterwissenschaft studiert, wirklich wissenschaftliches Arbeiten gelernt und Einblicke in die Theaterarbeit erhalten, die sich mir nur als Künstler nicht erschlossen hätten. Nur: eine Laufbahn, die sich auf Forschung und Lehre beschränkt, wollte ich dann doch nicht einschlagen. So ging es in die Welt als Dramaturg, Regisseur und Schauspiellehrer. Meine Neugierde und Abenteuerlust wurden dadurch sehr lange gestillt, ich lernte andere Länder und Sprachen kennen und natürlich auch verschiedene künstlerische und pädagogische Arbeitsweisen. Am meisten geprägt haben mich sicher die Russen, mit denen ich in Århus (Dänemark) zusammenarbeitete. Sie führten mich sehr praktisch an die Arbeit des russischen Schauspiellehrers Konstantin S. Stanislawski heran, dessen Bücher ich bereits vorher intensiv gelesen hatte. So warf ich mich immer mehr auf die Psychologie des kreativ arbeitenden Schauspielers und auf Wege, diese kreative Arbeit psychologisch zu unterstützen. Ganz allmählich wurde ich vom Künstler zum psychologischen Berater. Hier musste ich erfahren, dass man nicht jede Antwort auf die psychische Not eines Schauspielers bei Stanislawski finden kann - so entstand das Bedürfnis nach einer therapeutischen Ausbildung. Nachdem ich diese absolviert hatte und die Genehmigung bekam, als Heilpraktiker für Psychotherapie zu arbeiten, war die Zeit für eine erneute Entscheidung gekommen. Warum sollte ich nur Schauspielern helfen?
Heute arbeite ich in einem Pflegeheim. Das erinnert mich sehr an die Erfüllung, die ich hatte, als ich als Jugendlicher im Krankenhaus arbeitete. Da ich nicht in Vollzeit beschäftigt bin, bleibt mir genügend Raum, Patienten psychotherapeutisch zu behandeln und Bücher zu schreiben.
Beim Lesen meines Buches finde ich all diese Phasen wieder. Da gibt es ein starkes Interesse für Schulmedizin, eine große Neugierde verschiedenen psychotherapeutischen Schulen und Verfahren gegenüber, eine immer noch große Liebe zur Kunst und eine rege Anteilnahme an spirituellen und philosophischen Fragen.
Während meiner Ausbildung zum Heilpraktiker für Psychotherapie war ich immer wieder überrascht, wie viele therapeutische Interventionen ich 30 Jahre lang schon an Schauspielschulen praktiziert hatte. Durch die medizinische Einbindung bekamen sie natürlich einen anderen Kontext - ich lernte auch ihre Wirkung besser verstehen, doch benutzt hatte ich sie viele Jahre lang.
Selbstverständlich habe ich auch viele Interventionen und Techniken kennengelernt, die ich noch nicht kannte und habe ein deutlich profunderes Verständnis für psychologische und psychiatrische Themen entwickelt. Keine Schauspielschule der Welt hätte mir dies bieten können.
Und dennoch: gerade, als ich die Tipps zur Selbsthilfe zusammengestellt habe, fielen mir immer wieder Übungen ein, die ich mit meinen Schauspielschülern gemacht habe. Ich glaube, dass sich diese Übungen nicht nur mit anderen therapeutischen Übungen gut zusammenfügen - ich denke, sie stellen auch eine Bereicherung des therapeutischen Repertoires dar.
Und jetzt ist es an der Zeit loszulassen, loszulassen von einem reichlichen Jahr Arbeit und Lebensinhalt und sich Neuem zuzuwenden. Es ist Zeit, das Buch in die Welt zu schicken und ihm zu wünschen, es möge viel Gutes tun, viele Ängste lindern helfen.
Um besser loslassen zu können, möchte ich mich noch bei einigen Menschen bedanken.
Leider kann ich mich nicht bei jedem meiner Lehrer bedanken, die ich an der Schule, der Hochschule und der Universität hatte. Verdient haben sie alle meinen Dank - ich möchte hier nur ein paar erwähnen:
Ich möchte mich herzlich bei Prof. Paul Rother bedanken, der an der Leipziger Universität Anatomie unterrichtete. Er lebte uns Studenten die Verbindung von Wissenschaft, Kunst und klassischer Bildung vor und erteilte die eine und andere wichtige Lehre über Ethik in der Heilkunst.
Bedanken möchte ich mich auch bei meinen Professoren Rudolf Münz und Rolf Rohmer, von denen ich als Theaterwissenschaftler die Prinzipien wissenschaftlicher Arbeit lernen durfte. Und selbstverständlich noch bei dem Professor für Schauspiel Peter Förster, der uns akribisch die Grundlagen des sokratischen Fragens beibrachte.
Bedanken möchte ich mich bei den Lehrkräften des TherMedius - Institutes, an dem ich meine Ausbildung zum Heilpraktiker für Psychotherapie gemacht habe.
Was dieses Buch anbelangt, so möchte ich mich herzlich bei meinem Vater, Dr. Wilhelm Poppe, bedanken, mit dem ich mich fachlich oft über psychiatrische Themen beraten habe. Ich bedanke mich bei meinem langjährigen Freund, Dr. Jörg-Michael Kretschmar für die heiteren Plaudereien zum Fach und zu meinem Buch.
Ich danke meinem Bruder, Matthias Poppe, für das Feedback zu Lesbarkeit und Stil.
Ich danke meiner langjährigen Freundin, Rosa Groth, für die Mühe, die sie sich gemacht hat, meine Worte auf Verständlichkeit zu prüfen.
Andreas Poppe, Berlin, im April 2017
Oh schaurig ist's übers Moor zu gehn,
Wenn es wimmelt vom Heiderauche,
Sich wie Phantome die Dünste drehn
Und die Ranke häkelt am Strauche,
Unter jedem Tritte ein Quellchen springt,
Wenn aus der Spalte es zischt und singt,
O schaurig ist's übers Moor zu gehn,
Wenn das Röhricht knistert im Hauche!
Annette von Droste-Hülshoff
Angst scheint allgegenwärtig zu sein. In uns lauert sie, von außen dringt sie in unsere Herzen, von unseren Phantasien wird sie genährt.
Seitdem ich als Heilpraktiker für Psychotherapie arbeite, kommen die meisten Patienten zu mir, weil sie in irgendeiner Form von Angst belästigt werden. Einige dieser Patienten haben eine Angststörung, andere haben nachvollziehbare Ängste und suchen Lebenshilfe. Natürlich kommen auch Menschen zu mir, bei denen die Angst das Symptom einer anderen Krankheit ist, zum Beispiel einer Depression.
Angst ist der häufigste Grund, weshalb Menschen den Kontakt zu mir suchen.
Vielleicht liegt das daran, dass es so viele Menschen gibt, die aus verschiedenen Gründen unter Ängsten leiden und daran, dass die Angst ein ausgesprochen lästiges Gefühl sein kann.
Trotzdem ist es wichtig zu sagen:
Angst gehört zum Leben dazu. Angst ist normal. Ohne Angst könnten wir niemals überleben.
Die Angst selbst ist nicht unser Feind. Probleme bekommen wir erst dann, wenn wir Gefühle wie die Angst nicht mehr selbst regulieren können, wenn sie sich unserer Kontrolle entzieht und eine scheinbar allmächtige Gottheit in unserem Leben wird.
Obwohl es heutzutage völlig uncool ist, Angst zu haben, versucht die Umwelt stets, uns Angst zu machen. Sehen Sie sich Nachrichten an, lesen Sie Zeitung - und die Angst wird in Ihr Wohnzimmer schleichen. Wir sind bedroht von Kriegen und Wirtschaftskrisen, Terroristen versuchen, unser schönes Land in die Luft zu sprengen. Je nachdem, was Sie für Nachrichten lesen: entweder Islamisten oder Nazis werden Deutschland nachhaltig verändern und die Demokratie zerstören. Wir sehen alle der Altersarmut entgegen, der Sozialstaat ist am Ende. Noch nicht mal das Krankenhaus ist sicher, denn da droht uns der Tod durch Krankenhauskeime. Gefahren lauern in der Luft, die wir atmen und der Nahrung, die wir essen… Ich könnte diesen Reigen beliebig fortsetzen und wahrscheinlich ein ganzes Buch damit füllen, wovor wir Angst haben sollten. Denn das, was ich bisher aufgezählt habe, konnte ich innerhalb einer halben Stunde (!) beim täglichen Lesen der Nachrichten erfahren. Ein grausamer Horrorfilm ist nichts gegen eine solche tägliche Informationsverschmutzung. Dazu gibt es noch die sehr reale Angst vor dem Verlust des Jobs, dem sozialen Abstieg, den existenzbedrohenden Sanktionen durch das Jobcenter. Erwähnt habe ich noch nicht die Angst vor dem sozialen Versagen. Was ist, wenn wir dem Schönheitsideal nicht entsprechen? Was, wenn wir einen Fauxpas machen, der uns als Looser outet? Was, wenn wir uns nicht so präsentieren können, wie es angesagt ist? Was, wenn wir Angst und Nervosität zeigen und dadurch komplett uncool wirken.
Während ich mir das so durchlese, erscheint es mir wie ein Wunder, dass wir nicht alle zitternd und zähneklappernd in unseren Wohnungen sitzen und verhungern.
Warum können so viele Menschen trotz dieser massiven und aggressiven Angstmache überhaupt noch sowas wie ein normales Leben führen?
Die Antwort liegt in den Tiefen unseres Gehirnes verborgen.
Ich erinnere mich da an ein spannendes Erlebnis. Kurz nach der Öffnung der Grenze der DDR buchte ich eine Busreise nach Amsterdam. Diese war für mich ein großer Kulturschock: in einer wirklich behüteten DDR aufgewachsen, waren mir Drogenhändler und Rotlichtviertel nur aus Kriminalfilmen bekannt - meist mit ziemlich brutalen Morden verbunden. Jetzt wurde ich aller 10 Minuten angesprochen, ob ich Drogen kaufen wolle, blickte in Schaufenster mit fast nackten Damen. Und zu allem Überfluss waren die Straßen mit Warnungen vor Taschendieben gesäumt. Darauf war ich so absolut nicht vorbereitet gewesen und erlebte einen sehr unentspannten Tag in dieser eigentlich schönen Stadt. Als ich mich ein halbes Jahr später für mehrere Tage in Amsterdam aufhielt, konnte ich denselben Reizen mit großer Gelassenheit entgegenblicken und den Aufenthalt genießen.
Was war geschehen?
Ohne mein bewusstes Zutun hatte mein Gehirn meine Gefühle auf ein gesundes Maß reguliert. Ich hatte den Schock ganz automatisch, unbewusst, verarbeitet. Ich war jetzt auf Amsterdam vorbereitet und verlebte ein paar schöne Tage dort.
Unser Gehirn ist ein großes Wunder. Es reguliert unser inneres Gleichgewicht - meist, ohne dass wir etwas davon bewusst mitbekommen.
Zu Beginn dieses Buches möchte ich Ihnen etwas über dieses Wunder - das Gehirn - erzählen. Ich habe mich dabei am aktuellen Stand der Forschung orientiert, aber darauf geachtet, unterhaltsam und verständlich zu bleiben. Ich möchte gern meine Begeisterung für die komplexe Schöpfung, die unser Gehirn ist, mit Ihnen teilen - diese komplexe Schöpfung, welche es uns erlaubt, mit den größten Widrigkeiten des Lebens fertigzuwerden, in Schnee und Eis oder im heißen Wüstensand zu überleben.
Normalerweise ist Angst kein Problem sondern unser Freund. Normalerweise reguliert sie sich irgendwann, wenn eine Situation für uns objektiv nicht gefährlich ist.
Bevor ich Heilpraktiker für Psychotherapie wurde, habe ich lange als Dramaturg, Regisseur und Schauspiellehrer gearbeitet. Viele Schauspieler habe ich so kennengelernt - darunter auch eine ganze Menge sehr ängstlicher Menschen. Häufig durfte ich erleben, wie die Angst (zum Beispiel die Angst, eine Bühne zu betreten und vor Leuten etwas zu spielen) mit der Zeit „von ganz allein“ verschwand, ohne dass mir die Schauspieler oder die Schauspielschüler genau erklären konnten, was da eigentlich passiert war.
Immer wieder bin ich davon fasziniert, mit welcher Grazie unser Gehirn unsere emotionalen Probleme lösen kann - wenn wir es lassen.
Normalerweise können wir mit Angst ganz gut umgehen. Und das müssen wir verstehen. Wir müssen diesen „normalen“, „gesunden“ Prozess verstehen, um zu begreifen, was passiert, wenn es mal „holpert“, wenn die Regulierung der Angst nicht mehr so mühelos gelingt.
Und zum „Holpern“ braucht es manchmal nicht besonders viel: zu wenig Schlaf, zu viel Kaffe zur unrechten Zeit, ein großer Schreck in einer schwierigen Phase unseres Lebens - und dann noch ein paar „dumme“ Gedanken obendrauf: so „harmlos“ können die Auslöser dafür sein, dass die Regulierung der Angst nicht mehr so elegant und unauffällig verläuft, wie wir das normalerweise kennen.
Häufig erschrickt man dann vor dieser neuen Situation noch mehr - die immer weniger kontrollierbare Angst wird zum mystischen Rätsel, fast zum Fluch.
Das ist der Grund, weshalb ich mein Buch „Die entzauberte Angst“ nenne. Ich möchte gern diesen mystischen Schleier lüften und für mehr Klarheit sorgen.
Psychotherapie heißt für mich, dem Patienten zu helfen, zur natürlichen Regulierung seiner Gefühle zurückzufinden. Mehr Wissen und weniger mystische Furcht können dabei von großem Vorteil sein.
Lieber Leser, an dieser Stelle erwarten Sie als Einführung vielleicht eine allgemeine Betrachtung über die menschliche Angst, wie normal sie ist und dass wir sie nicht als Feind zu betrachten haben. Und um ehrlich zu sein: solche Bemerkungen habe ich zu Beginn jedes Buches gelesen, das ich mir zum Thema Angst besorgt hatte. Ich halte solche Bemerkungen für richtig und habe auch Einiges dazu geschrieben.
Für mich ist es aber kein guter Einstieg in das Thema Angst.
Während meiner Ausbildung zum Heilpraktiker für Psychotherapie konnte ich eine Menge über die Entstehung von Angststörungen und ihre Therapie erfahren - fast alles davon wird auch in der einschlägigen Literatur beschrieben. Und das eigentlich immer in derselben Reihenfolge: Angst als solche ist normal und gut - unter bestimmten Umständen kann sich aus normaler Angst eine Störung entwickeln - für eine solche Störung gibt es in der Medizin bestimmte Modelle der Erklärung - je nach Erklärungsmodell benutzen verschiedene Therapien verschiedene Methoden.
Meine Ausbildung wurde von Dozenten bestritten, die aus unterschiedlichen psychotherapeutischen Schulen kamen. So wurde ich nicht auf eine bestimmte Richtung oder Schule eingeschworen. Und gerade, was die Angst anbelangt, fand ich verhaltenspsychologische, tiefenpsychologische und auch kulturkritische Ansätze gleichermaßen plausibel.
Den wirklichen „Kick“ erfuhr ich, als ich mich mit der Biologie unseres Gehirnes beschäftigt habe. Verschiedene psychologische Erklärungen ergaben so mehr Sinn. Ich konnte mir auf einmal viel besser vorstellen, wie aus einer normalen Angst eine Angststörung werden kann, wie viele Faktoren an einem solchen Prozess beteiligt sein können und wie komplex auch unter gewissen Umständen die Psychotherapie sein kann, wenn sie sich nicht nur auf eine bestimmte Schule beschränkt.
Deshalb werde ich zu Beginn einige Bemerkungen zur Psychotherapie machen.
Und dann möchte ich ein wenig über die Arbeit unseres Gehirnes plaudern. Die Einsicht in diese Arbeit hat mir in der Vergangenheit sehr geholfen, Zusammenhänge der Entstehung von Angststörungen und deren Therapie zu verstehen. Das Verständnis von der Arbeit des Gehirnes bietet mir auch in der Praxis eine große Hilfe.
Patienten profitierten in der Sitzung ebenfalls von der Erklärung der Gehirnfunktionen - sowohl um ihre Störung als auch die Ansätze zu ihrer Therapie besser zu verstehen.
Ich halte eine Menge davon, dass meine Patienten gut informiert sind, nicht im Dunkeln tappen müssen. Für meine Arbeit brauche ich kein blindes Vertrauen sondern eines, das auf Aufklärung basiert.
Es ist in zahlreichen Untersuchungen bewiesen worden, dass die Psychotherapie wirksam ist. Sie hilft bei Angststörungen, Depressionen, Schlafstörungen und vielen anderen Erkrankungen. Man hat erkannt, wie mächtig Psychotherapie sein kann. Das war aber nicht immer so.
Lange glaubte man, die Psychotherapie sei nur bei den „harmloseren“ psychischen Erkrankungen, den sogenannten Neurosen, anzuwenden. Das hat damit zu tun, dass man früher nur einen Bruchteil der therapeutischen Methoden kannte, die heute mit großem Erfolg angewandt werden. Inzwischen wurden viele neue Methoden der Psychotherapie entwickelt und auch überprüft. So zeigte sich in Studien, dass gerade bei der Vermeidung von Rückfällen bei leichten und mittelschweren Depressionen die MBCT (Achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie - ein neueres verhaltenstherapeutisches Verfahren) eine ähnlich hohe Wirksamkeit hat wie die Behandlung mit Antidepressiva.
Immer weniger Ärzte setzen heute bei der Behandlung psychischer Störungen ausschließlich auf Psychopharmaka - eine Kombination von Medikamenten und psychotherapeutischen Verfahren wird bei vielen Störungen empfohlen.
Überdies gibt es psychische Störungen, denen mit Medikamenten nicht, mit Psychotherapie aber wohl geholfen werden kann.
Aber genauso wenig wie Psychopharmaka helfen psychotherapeutische Verfahren immer. Leider gibt es immer wieder Menschen, bei denen die Heilkunst versagt.
Und das liegt leider in der Natur der Heilkunst.
In Deutschland ist es Heilkundigen, also Ärzten, Zahnärzten, Psychologen und Heilpraktikern, per Gesetz untersagt, Heilung zu versprechen. Jeder weiß, dass man ein solches Versprechen nicht bei jedem Patienten halten können wird.
In den sozialen Netzen lese ich immer wieder, dass Betroffene von ihren Therapeuten hören, sie seien nicht therapierbar, seien „austherapiert“ oder wollen ihre Störung einfach nicht loswerden. Hier melden sich offenbar die Menschen zu Wort, denen die Therapie nicht geholfen hat, deren Therapie durch den Therapeuten oder sie selbst abgebrochen wurde.
Liebe Leser, beachten Sie, dass diese Stimmen in den sozialen Netzen kein repräsentativer Querschnitt aller therapierten Patienten sind. - wahrscheinlich melden sie sich lauter und öfter zu Wort, weil sie ja immer noch leiden.
Aber natürlich werden ihre Erfahrungsberichte von Menschen gelesen, die Probleme haben und selbst darüber nachdenken, sich therapeutische Hilfe zu holen. Deshalb sind solche Erfahrungen relevant. Sie beeinflussen die Entscheidung, einen Therapeuten aufzusuchen.
Ich wende mich aber nicht nur an diejenigen Leser, die in den sozialen Netzen entmutigende Erfahrungen gelesen haben. Ich wende mich auch an Menschen, die von ihrem Therapeuten tatsächlich solche Worte gehört haben und nun ohne Hoffnung und Unterstützung sind.
Deshalb möchte ich kurz darüber nachdenken, wie sinnvoll es ist, einen Patienten auf diese Weise zu verabschieden.
Ich selbst würde es als eine Grenze meiner Kunst betrachten, wenn ich einem Patienten nicht helfen kann. Wenn ich ihn aus meiner Therapie verabschiede, dann werde ich ihm dringend empfehlen, es mit einer anderen Therapie oder einem anderen Therapeuten zu versuchen. Ich halte es - gelinde gesagt - für verwegen, einem Patienten am Ende einer Psychotherapie zu erklären, er sei prinzipiell nicht therapierbar. Dafür gibt es sachliche Gründe:
Wenn ich einem Menschen erkläre, er sei nicht therapierbar oder er sei austherapiert, dann nehme ich ihm ohne einen sachlichen Grund alle Hoffnung auf Besserung. Und ich erkläre ihm, dass die Therapie selbst (was immer das auch sein mag) ihm nicht helfen kann. Ich teile ihm mit, dass es unter Gottes Himmel keinen Weg der Heilung für ihn gibt. Das ist erstens größenwahnsinnig und zweitens schüre ich sein Misstrauen gegen alle Therapeuten und jegliche Form der Therapie.
Und was hat es damit auf sich: „Sie wollen ja gar nicht gesund werden.“?
Dieses Argument ist in einem Falle zutreffend: wenn sich der Patient bewusst dazu entschieden hat, nicht gesund zu werden. Ob es sinnvoll ist ihm dieses zu sagen, weiß ich nicht, weil man dem Patienten damit nichts Neues erzählt. Aber eine bewusste Entscheidung des Patienten für seine Krankheit wäre ein sachlicher Grund für einen Abbruch der Therapie - nur würde ihn ihn diesem Falle der Patient höchstwahrscheinlich selbst herbeiführen.
Vermutet der Therapeut einen unbewussten Widerstand gegen die Heilung, so halte ich dieses Argument ebenfalls für kontraproduktiv. Da es sich nicht um Bewusstseinsinhalte handelt, wird der Patient mit diesem Vorwurf in der Regel nichts anfangen können. Er wird sich im Gegenteil ungerecht behandelt fühlen, was in den meisten Fällen seinen Widerstand vergrößert und den Therapieerfolg unwahrscheinlicher werden lässt.
Natürlich kann ich aus genannten Beiträgen in den sozialen Netzen nicht einschätzen, wie viele Patienten sich tatsächlich solche und ähnliche Worte anhören müssen und ob diese Worte auch tatsächlich gesagt worden sind. Das spielt für mich auch keine Rolle.
Menschen schreiben so etwas in den sozialen Netzwerken und andere lesen es.
Und all jenen Menschen möchte ich sagen: auch wenn die Therapie vielleicht bis jetzt bei Ihnen oder anderen, von denen Sie gehört heben, nicht befriedigend gewirkt haben sollte, gibt es keinen Grund, die Flinte ins Korn zu werfen!
Und ich möchte Ihnen im Folgenden erklären, warum ich das so sehe.
Was heißt eigentlich kompliziert?
Die Forschung behauptet, unser Gehirn bestünde aus etwa 86 Milliarden Nervenzellen. Eine Nervenzelle kann mit hunderten, im Extremfall auch mit 100 000 anderen Nervenzellen verbunden sein. Die Gesamtzahl solcher Verbindungen in unserem Gehirn wird auf etwas unter einer Billiarde geschätzt. Als Zahl geschrieben: 1.000.000.000.000.000 oder 1015.
Sollte man vor einer solchen Zahl erschrecken?
Warum nicht? Diese Zahl gibt uns eine Idee davon, wie komplex und variantenreich Vorgänge im Gehirn sind.
Es ist eine Zahl, die uns zu Recht Respekt einflößt. Dieses Gehirn wirkt in seinen Möglichkeiten auf mich beinahe so unendlich wie der Sternenhimmel, den ich an klaren Abenden gern bewundere.
Unsere Nervenzellen sind im Gehirn nicht fest „verdrahtet“. Unser Gehirn ist weder ein Transistorradio noch ein Computer. Die Verbindungen zwischen den Nervenzellen funktionieren etwas komplizierter: anstelle einer „Verdrahtung“ befindet sich an jeder Verbindungsstelle eine Lücke. Diese Lücke nennt man einen synaptischen Spalt, die Verbindungsstelle eine Synapse. Wenn ein Signal von einer Nervenzelle zur nächsten übertragen werden soll, dann muss diese Lücke überwunden werden.
Das geschieht allerdings nicht durch einen „Lichtbogen“, also eine elektrische Entladung.
Vielmehr schüttet die Senderzelle einen Botenstoff, einen sogenannten Neurotransmitter aus. Dieser Transmitter füllt den Spalt und wird von der Empfängerzelle mittels Rezeptoren erkannt. In diesem Moment ändert sich das elektrische Potential der Empfängerzelle.
Je nach der Art des Botenstoffes wird die Empfängerzelle entweder erregt oder Erregung wird gehemmt. 1
Und hier gilt es, einmal kurz innezuhalten, um sich zu merken, dass ein Signal die Erregung des Empfängers entweder fördert oder hemmt. Dieses Wechselspiel zwischen Erregung und Hemmung wird uns helfen zu verstehen, wie ein emotionales Gleichgewicht gestört oder erreicht werden kann.
Viele werden sich jetzt fragen, weshalb die Natur unserem Gehirn ein so kompliziertes System der Informationsübertragung „eingebaut“ hat. Ist die Informationsübertragung in einem unserer technischen Geräte denn nicht viel schneller? Natürlich ist die Informationsübertragung mit Hilfe eines solchen Transmitters langsamer als - sagen wir einmal - bei einer Lötstelle.
Dafür ist sie aber flexibler!
Denn anders als bei einem elektronischen Gerät, dessen Bauteile durch einen elektronischen Schalter (z.B. Transistor) entweder Strom empfangen oder nicht, ist die Nervenzelle über hunderte von Synapsen mit anderen Nervenzellen verbunden, die ihrerseits wieder mit hunderten anderer Nervenzellen verbunden sind.
Diese hunderte von Synapsen sind nicht etwa nur „an“ oder „aus“ wie ein Schalter. Diejenigen Synapsen, die „an“ sind, senden Signale (nämlich über die Art des Transmitters), die die Erregung des Empfängers entweder fördern oder hemmen. Die Empfängerzelle wird erst dann erregt, wenn die Differenz aus Erregung und Hemmung einen gewissen Schwellenwert überschritten hat.
Und auch hier würde ich gern einmal durchatmen. Ich stelle mir jetzt eine einzelne Nervenzelle vor, an der die Fortsätze hunderter anderer Nervenzellen „angedockt“ sind. Je nach Art der ausgeschütteten Transmitter erhält die Nervenzelle nun ein Wechselspiel erregender und hemmender Signale. Aus diesem komplexen Wechselspiel ergibt sich, ob die Nervenzelle letztendlich selbst „feuert“ und ein Signal weiterleitet.
Und wieder erstaune ich über die Wunder, welche die Natur für uns bereithält. Die „Entscheidung“, ob eine einzige Nervenzelle erregt wird, hängt buchstäblich von hunderten Faktoren ab, welche auf eine sehr unterschiedliche Art und Weise (kein Signal - erregendes Signal - hemmendes Signal) kombiniert sein können.
Die Erregungsleitung in unserem Gehirn ist ein Wechselspiel von Erregung und Hemmung. Dieses Wechselspiel ist sehr komplex: hunderte von erregenden und hemmenden Impulsen, die unterschiedliche Stärken haben, werden von einer Nervenzelle empfangen. Ihr Zusammenwirken in einem bestimmten Moment entscheidet darüber, ob die betreffende Nervenzelle selbst ein Signal weiterleitet.
Einen weiteren Vorteil hat unser Gehirn gegenüber einem elektronischen Gerät: die Verbindungen zwischen den Nervenzellen sind nicht derart festgelegt wie die Lötstellen - so können sich neue Verbindungen bilden und ältere weniger bis gar nicht benutzt werden. Der Meister, der dies bewerkstelligt, ist kein mystischer Techniker - es sind wir mit unseren Gedanken, Gefühlen und Handlungen.
Jetzt könnten Sie, lieber Leser, der vielleicht an einer Angststörung leidet, mich fragen, weshalb ich Sie mit all diesen Zahlen und Möglichkeiten traktiere.
Ich möchte damit zunächst den Blick dafür öffnen, dass es von sehr vielen Faktoren abhängen kann, ob ein Mensch eine Angststörung entwickelt oder nicht.
Und auch der Erfolg einer Therapie kann von vielen Faktoren abhängen - genauso wie es von hunderten Faktoren abhängen kann, ob eine einzelne Nervenzelle überhaupt ein Angst-Signal weiterleitet.
Sollten die ersten Therapieversuche nicht oder nicht nachhaltig wirksam sein, so heißt dass noch lange nicht, dass Sie nicht therapierbar sind oder überängstlich bleiben wollen. Es heißt nur, dass noch nicht die richtige Kombination von Faktoren gefunden wurde, die Ihre Angststörung auflösen kann.
Das ist alles.
Wie wir denken, lernen und uns Dinge merken…
Betrachten wir einen der im Alltag benutzten Computer, so wissen wir genau, wie das Gehirn nicht funktioniert.
Ein Computer hat „denken“ und „speichern“ genau getrennt. Da gibt es einen Prozessor, der eine bestimmte Anzahl Rechenoperationen pro Sekunde ausführen kann und einen Speicher mit einer ebenfalls begrenzten Kapazität.
Und vielleicht kennen Sie besonders dieses Phänomen: je mehr Informationen ich auf meiner Festplatte speichere, desto langsamer wird er - und irgendwann ist die Festplatte voll, und ich muss Informationen löschen.
Und das alles ist im Gehirn anders!
Alles ist vernetzt
Wenn das Gehirn benutzt wird, so wächst seine Kapazität. Es kann, indem wir es benutzen, nicht nur mehr Informationen aufnehmen - es lernt auch beim Denken, also dem Verarbeiten von Informationen, ständig dazu.
Der Psychiater Manfred Spitzer hat das mal sehr schön beschrieben: je mehr Sprachen ich spreche, desto leichter wird es mir fallen, eine neue Sprache zu lernen.
Wie kommt das?
Wir Menschen verarbeiten und speichern Reize, in dem sich Nervenzellen über die Synapsen zu Netzwerken verbinden. Vernetzt ist gleich gespeichert. Und da es unter den Nervenzellen sehr viele Verbindungen gibt, so wird ein aufgenommener und verarbeiteter Reiz nicht einfach isoliert irgendwo als Information abgespeichert (wie bei einer Festplatte), sondern sozusagen eingebettet in ein Netz verschiedener Assoziationen, wo es an bereits Bekanntes verankert wird. Das neuronale Netz wird Bestandteil eines größeren Netzes.
Vernetzung heißt: einen Reiz, eine Information zu „speichern“, ist unmittelbar an das Verstehen gebunden. Wenn zu Ihnen ein Mensch über ein Fachgebiet spricht, von dem Sie keine Ahnung haben, wenn er dazu noch einen Fachjargon benutzt, von dem Sie viele Worte noch nie gehört haben - so werden Sie sich wahrscheinlich nichts von dem merken, was er gesagt hat. Ihre Nervenzellen werden kein bestehendes Netz in Ihrem Gehirn finden, an das die neuen Informationen angebunden werden können.
„Zu einem Ohr hinein und zum anderen wieder hinaus“ - so in etwa wird es Ihnen gehen.
Anders aber, wenn Sie neue Dinge über ein Gebiet erfahren, von dem Sie bereits eine Menge wissen. Sie werden zum Ersten sofort verstehen, wovon die Rede ist und sich die neuen Dinge wahrscheinlich sehr schnell und auch dauerhaft merken können.
Wahrnehmen und verstehen ist schon beinahe gemerkt - diese schöne und einfache Erkenntnis verdanke ich Vera Birkenbihl, die ihr Leben dem „gehirngerechten“ Lernen und Arbeiten gewidmet hatte.
Die neuronalen Netze enthalten nicht nur Information, sondern auch verstandene Zusammenhänge und Regeln, die entweder logisch oder locker assoziativ sein können. So wie viele Nervenzellen miteinander verknüpft sind, sind auch die Objekte unseres Wissens auf sehr verschiedene Weise miteinander verknüpft.
Wenn ich jetzt wieder auf das Beispiel mit den Sprachen zurückkomme: lerne ich meine Muttersprache, so entsteht in meinem Gehirn ein Netz von Nervenzellen, welches meine sprachlichen Fähigkeiten repräsentiert. Mit jeder Sprache, die ich dazulerne, wächst dieses Netz. Das heißt auch, dass die Anzahl von Synapsen, an denen eine neue Sprache „andocken“ kann, mit jeder neu gelernten Sprache weiter wächst, was das Erlernen einer weiteren Sprache deutlich erleichtert.
Das Beispiel der gelernten Sprache zeigt aber noch etwas Anderes: diese Sprache ist im Gehirn nicht nur auf den Klang des Wortes und sein Schriftbild beschränkt. Höre ich das Wort „Tisch“ so habe ich gleichzeitig ein mentales Bild des Gegenstandes, welches sein Aussehen, den Klang, wenn man Teller darauf abstellt, vielleicht noch ein Erlebnis, welches ich mit dem Tisch hatte oder gar eine körperliche Empfindung enthalten kann. Gleichzeitig weiß ich, wozu ein Tisch gut ist. Ein Tisch ist nicht einfach nur ein Tisch. Beim Hören des Wortes werden in meinem Gehirn gleichzeitig verschiedene Regionen aktiviert, die durch Netze von Nervenzellen miteinander verbunden sind.
Vielleicht haben Sie ja schon einmal einen Schauspieler gehört, dessen Sprache so lebendig ist, dass seine Worte einfach mitreißen und eine Flut innerer Bilder entstehen lassen. Bei diesem Schauspieler sind Worte nicht einfach Worte. Er versteht es, sie für sich zu inneren Erlebnissen werden zu lassen, sie mit verschiedenen Regionen seines Gehirnes zu vernetzen. Im Moment seines Auftrittes könnte viel von dieser Vernetzung unbewusst geschehen - allerdings gibt es Schauspiellehrer, die ihre Studenten animieren, sich eine solche Vernetzung bewusst zu erarbeiten - als Vorbereitung auf den Auftritt. Beim Auftritt selbst sollte dann vieles wieder unbewusst geschehen - aber das ist eine andere Geschichte…
Wir haben ein Wort für die Vernetzung von Informationen: Kontext.
In unserem Gehirn gibt es einen Teil, der speziell für den Kontext zuständig ist. Da er so ähnlich aussieht wie ein Seepferdchen, nennt man ihn Hippocampus. In jeder Gehirnhälfte haben wir einen Hippocampus. Man hat herausgefunden, dass der Hippocampus zuständig ist für:
Auch hier sieht man, dass die Schaffung eines Kontexts - also eine Denkleistung - entscheidend für unser Gedächtnis und seine Inhalte ist. Ob dieser Kontext ein wissenschaftlicher ist oder eine „Eselsbrücke“, spielt für das Gedächtnis keine Rolle. Solange sich Inhalte in ein bestehendes Netz einbinden lassen, kann ich mir sie leichter merken.
Ein Kind lernt Sprache dadurch, dass es Dingen, Personen, Handlungen und Situationen die Klänge zuordnet (also einen Kontext herstellt), die es dabei hört. So kann es einen Traktor eben als „Traktor“ bezeichnen, wenn es dieses Wort beim Anblick des Traktors häufig hört oder eben als „Töff, Töff“. Die Beziehungen zwischen den Worten lernt das Kind im Kontext gleich mit. Vokabular und Grammatik werden implizit, also quasi nebenbei, durch das Aufnehmen des Kontext, gelernt.
Dieses implizite Lernen gibt es auch bei der Entstehung von Angststörungen. Da es nebenbei geschieht - also nicht bewusst explizit eingepaukt wird, ist die situative Entstehung einer Angststörung nicht immer leicht nachzuvollziehen. Doch dazu später ausführlicher…
„Trampelpfade“ im Gehirn
Jetzt möchte ich ein wenig genauer darauf eingehen, auf welche Art und Weise sich unsere Nervenzellen zu solchen Netzwerken verbinden und von welchen Faktoren die Stabilität oder Nachhaltigkeit der Netze abhängt.
Wie die Wissenschaft herausgefunden hat, ist unser Gehirn plastisch - also durch Erfahrungen und Gedanken formbar. Um zu verstehen, wie es kommt, dass sich einige Nervenzellen zu Netzen verbinden und andere eben nicht (oder zu anderen Netzen) und wie es kommt, dass einige Netze stabil über einen längeren Zeitraum bestehen und andere nur kurz, wird es hilfreich sein zu wissen, wie sich Synapsen durch Benutzung verändern.
Ins Leben übertragen heißt das: wir untersuchen, wie es kommt, dass wir Dinge im Langzeitgedächtnis behalten oder sie vergessen, wie es kommt, dass wir gewisse Tätigkeiten irgendwann „im Schlaf“ beherrschen.
Die Wissenschaft hat dafür den Begriff synaptische Plastizität gefunden: damit wird beschrieben, wie sich die Stärke der Übertragung in einer Synapse ändern kann - also ob sie starke oder schwache Signale weiterleitet.
Erinnern wir uns kurz an die Erregungsleitung: jede Empfängerzelle hat einen gewissen Schwellenwert empfangener Signale, ab dem sie selbst erregt wird. Je stärker die Signale sind, die eine Nervenzelle empfängt, desto schneller wird sie die Erregung weiterleiten. Sie benötigt entweder eine Menge schwacher Signale oder wenige starke Signale, um den Schwellenwert zu erreichen und den Impuls weiterzugeben.
Wenn Synapsen stärkere Übertragungen erzeugen, so wird die Weiterleitung dieser Informationen im Gehirn schneller und stärker erfolgen als die Weiterleitung bei schwächeren Übertragungen. Einfach ausgedrückt werden daher bestimmte Netze, bestimmte Synapsen bevorzugt Reize zur Verarbeitung weiterleiten.
Je häufiger eine Synapse aktiv wird, desto stärker wird auch das Signal sein, welches sie überträgt. Die Synapse selbst durchläuft eine Art „Lernprozess“ oder ein „Training“.
Wenn wir uns nun noch daran erinnern, dass eine Synapse - abhängig vom ausgeschütteten Transmitter - erregende oder hemmende Signale weitergeben kann, so wird also auch Erregung oder Hemmung in der Reizweiterleitung durch häufige Aktivität von Synapsen trainiert.
Trainierte Synapsen haben in der Regel „Vorfahrt“ vor untrainierten, da die Übertragung eine stärkere ist. Und da es von jeder Regel Ausnahmen gibt, ist es klar: wenn der weitergeleitete Reiz selbst eine große Stärke hat (wie z.B. bei Schreckmomenten, lebensbedrohlichen Situationen oder Ähnlichem), dann bekommt er selbstverständlich die Vorfahrt.
Es ist wirklich ein wenig wie im Straßenverkehr: die Autos auf einer Hauptstraße dürfen bevorzugt fahren - es sei denn, es kommt ein Rettungswagen mit Blaulicht und Horn…
Und dieses Bild vom Straßenverkehr verdeutlicht zwei sehr verschiedene „Ursachen“ einer Angststörung. Da wäre zunächst ein Schreckmoment, eine gefährliche Situation - ein wirklich prägendes Erlebnis. Dieses kann sich so in unser Gehirn eingraben, dass wir es niemals vergessen. Oder aber es ist das Prinzip „steter Tropfen höhlt den Stein“. Viele, sich wiederholende schwächere Reize, die man einzeln harmlos findet, trainieren das Gehirn so, dass irgendwann einmal eine Angststörung entstehen kann. Solche schwachen Reize können sein: eine leichte, sich ständig wiederholende Angst, automatische Gedanken mit ängstlichem Inhalt oder Ähnliches. Nicht selten wirken prägende Erlebnisse und „stete Tropfen“ zusammen.
Der „Trainingseffekt“ der Synapsen sorgt dafür, dass Reize auf bevorzugten Wegen im Gehirn übertragen werden. Der Psychiater Manfred Spitzer nennt das auch Trampelpfade, ein Bild, welches mir sehr gut gefällt. Ein Trampelpfad entsteht nur durch Benutzung. Durch wiederholte Benutzung wird er richtig festgetreten. Bei längerer Benutzung wird er zum Weg, vielleicht sogar zur einer Straße oder einer Autobahn.
Stellen Sie sich bitte vor, sie würden vor einer Wiese stehen. Durch diese Wiese führt ein gut ausgetretener Weg. Würden Sie den vorhandenen Weg wählen oder sich selbst einen neuen bahnen?
Solche Trampelpfade beeinflussen auch unsere emotionalen Reaktionen. Ich hatte vor kurzem einen Patienten, dessen angespannte Situation mit Problemen in seiner Ehe zusammenhing. Er berichtete, dass er diese Probleme in den letzten 15 (!) Jahren häufig mit seiner Partnerin besprochen hätte, ihr schon „hundert mal“ bestimmte Dinge gesagt hätte, ohne dass sich etwas geändert hätte. Meine Anregung, vielleicht einmal anders als bisher mit seiner Partnerin zu sprechen, stieß zunächst auf Ratlosigkeit. Er war davon überzeugt, dass es keinen anderen Weg für die Lösung des Konfliktes gäbe. Selbst die offensichtliche Erfolglosigkeit seiner Bemühungen änderte an dieser Überzeugung nichts.
Ich würde sagen, dass sich hier über die 15 Jahre der Trampelpfad zu einer regelrechten Autobahn entwickelt hatte - vielleicht sogar einer mit Lärmschutz, so dass man rechts und links nur Mauern sieht.
Vielleicht kennen Sie solche „verfahrenen“ Situationen auch aus Ihrem Leben…
Das Nachdenken über die Arbeit der Synapsen hat mich besser verstehen lassen, warum die Therapie von Angststörungen schwieriger wird, je länger sie bestehen.
Da sind zum ersten die „Trampelpfade“. Je häufiger eine bestimmte Synapse aktiv wird, desto mehr wird sie bei der Weiterleitung von Reizen bevorzugt - sie wird trainiert, die Wahrscheinlichkeit, dass sie wieder aktiv wird, steigt an: ja es braucht sogar immer weniger intensive Reize, um sie zu aktivieren. Die Schwelle, ab der eine bestimmte Wahrnehmung oder ein bestimmter Gedanke Angst auslöst, sinkt kontinuierlich. So kann es geschehen, dass sogar das Bild einer Spinne einen heftigen Anfall von Spinnenangst (Arachnophobie) auslösen kann. Die Wahrscheinlichkeit, auf einen Reiz nicht mit Angst zu reagieren (sondern sich stattdessen zu beruhigen), sinkt ebenfalls. Es hat sich ein „Trampelpfad“ der ängstlichen Reaktion gebildet. Wenn eine Störung lange besteht, so ist er vielleicht zu einer kleinen Straße oder gar zu einer Autobahn ausgetreten worden. Der Energieaufwand, „den Verkehr“, also die Reize, auf neu zu schaffende Trampelpfade umzuleiten, ist dementsprechend höher. Es wird schwerer, sich zu beruhigen, das Gefühl zu regulieren. Die Situation ist genauso „verfahren“ wie die meines Patienten mit den Eheproblemen. In der Therapie braucht es dann Geduld und Ausdauer - und auch mehr Mut, wenn es darum geht, die Autobahn zu verlassen.
Ich habe noch eine weitere Komplikation beobachten können: Je länger eine Angststörung besteht, desto mehr vernetzt sie sich mit anderen Bereichen des Lebens. Sie verästelt sich im Gehirn wie ein Krake, saugt sich an Gedanken und Gewohnheiten fest. Außerdem schafft sie neue Gedanken und Verhaltensweisen wie beispielsweise die Angst vor der Angst (Phobophobie). Diese anderen Bereiche des Innenlebens wirken durch die Verbindung mit der Angst wie Stützpfeiler einer Angststörung. Diese Verbindungen sind keinesfalls immer logisch und durch vernünftiges Denken nachzuvollziehen.. Wenn Sie die ursprüngliche Angst bearbeiten wollen, kann es sein, dass diese von den absurdesten Bereichen Ihres Innenlebens festgehalten wird, die Sie gar nicht logisch mit der Angst verbinden können. Hier können Sie in einer Therapie sehr interessante Entdeckungen machen.
Die Neurotransmitter oder: der Bote ist die Botschaft
Lieber Leser, sie werden hier nicht alle Chemikalien kennenlernen, die für eine Angststörung relevant sind. Ich beschränke mich auf einige, wenige, um möglichst anschaulich bleiben zu können.
Sie haben ja bereits erfahren, dass Signale zwischen Nervenzellen ausgetauscht werden, in dem der Botenstoff (der Neurotransmitter) in den synaptischen Spalt ausgeschüttet wird. Die elektrische Erregung beim Sender veranlasst die Ausschüttung dieser Botenstoffe. Nun ist mit der Anwesenheit einer Chemikalie im synaptischen Spalt allein noch nichts erreicht. Der Neurotransmitter ist sozusagen der Finger, der den Klingelknopf drücken soll. Dieser Klingelknopf befindet sich in der Synapse auf der Seite der Empfängerzelle. Man nennt ihn natürlich nicht Klingelknopf, da es im Gehirn normalerweise nicht klingelt. Man nennt ihn Rezeptor. Dieser Rezeptor wird aktiviert durch einen ganz bestimmten Transmitter, denn nicht jeder Transmitter passt zu jedem Rezeptor - aber ein Transmitter kann mehrere Arten von Rezeptoren „betätigen“.
So ein Rezeptor ist auf der einen Seite sehr speziell. Wäre er ein Klingelknopf, hätte er einen Fingerabdrucksensor, so dass er sich nicht von jedem Finger (Transmitter) aktivieren lässt. Auf der anderen Seite ist die Erkennung des Fingerabdruckes nicht sehr genau. Chemische Substanzen können die Rezeptoren „zum Narren halten“. Wenn Sie beispielsweise eine Zigarette rauchen, so täuscht das Nikotin bestimmten Rezeptoren einen Transmitter vor und aktiviert sie. Sie merken das an der psychischen Wirkung, die der Tabak auf Sie hat.
In unserem Gehirn gibt es vielfältige Rezeptoren. Sie haben so komplizierte Namen wie: 5-HT2 . Diese Rezeptoren haben bestimmte Funktionen. Auch hier spielt das Wechselspiel von Erregung und Hemmung eine wichtige Rolle. So gibt es Rezeptoren, die eher aktivieren und Rezeptoren, die eher beruhigen.
Wenn Sie sich in Ihrer Wohnung umsehen, dann haben Sie ein kleines Pendant zu den verschiedenen Rezeptoren. So gibt es Schalter, die die Kühlung einschalten und andere, welche die Heizung betätigen. Ein Schalter lässt Musik erklingen, ein anderer macht Licht.
Und jetzt stellen Sie sich einmal vor, dass jeder dieser Schalter einen Fingerabdrucksensor hätte, so dass Sie nicht jeden Schalter betätigen könnten. So ein Haus kann nur dann zu vollem Leben erwachen, wenn mehrere Menschen in ihnen wohnen.
Stellen wir uns die Familie Transmitter vor. Herr Noradrenalin lebt mit seiner Frau Serotonin. Ihre Schwester Dopamin ist auch mit eingezogen und er hat seinen Bruder Acetylcholin mitgebracht. Zusammen können sie schon einige Schalter mehr bedienen.
Die Familie hat Glück: ein Transmitter kann verschiedene Rezeptoren aktivieren. So ist Herr Noradrenalin für Licht und Fernseher zuständig, Frau Serotonin macht sich an Kühlschrank und Herd zu schaffen, Herr Acetylcholin bedient die Klimaanlage und den Staubsauger, Frau Dopamin bedient die Stereoanlage und kann die Bohrmaschine einschalten. So schafft es die Familie Transmitter, das ganze Haus in Betrieb zu nehmen und die unterschiedlichen Bedürfnisse der Gemeinschaft zu befriedigen.
Allerdings muss jeder Bewohner zu Hause sein. Sitzt Herr Noradrenalin abends zu lange in der Kneipe, bleibt das Haus dunkel.
Wie die Schalter in einer Wohnung haben die Rezeptoren im Gehirn verschiedene Zuständigkeitsbereiche. Dabei müssen sich spezielle Rezeptoren nicht unbedingt auf eine Region im Gehirn beschränken. Sie können verschiedene Bereiche aktivieren, weil neuronale Netze eine größere Ausdehnung haben können.
So werden beispielsweise bei der Schmerzwahrnehmung so viele verschiedene Stellen im Gehirn aktiviert, dass es streng genommen falsch ist, von einem „Schmerzzentrum“ zu sprechen.
Die Wirkung eines Transmitters hängt davon ab, welche Rezeptoren er aktiviert. So kann ein und derselbe Neurotransmitter aktivierende und beruhigende Wirkung haben.
So ein Transmitter kann selbstverständlich nicht ewig im synaptischen Spalt verbleiben. Das wäre genauso, als würde man seinen Finger nicht vom Klingelknopf nehmen. Wenn das Signal weitergeleitet wurde, sollte der Finger möglichst wieder vom Knopf genommen werden.
Bei den Transmittern geschieht dies, indem sie von der Senderzelle aufgenommen werden, wo sie bis zur nächsten Verwendung verbleiben können. Außerdem gibt es noch spezifische Enzyme, die bestimmte Transmitter abbauen.
Jetzt möchte ich Ihnen kurz erzählen, was man über einige dieser Transmitter weiß.
Noradrenalin
Noradrenalin ist einer der erregenden Transmitter. Je nachdem, welche Rezeptoren im Gehirn es aktiviert, ist es aufmerksamkeitssteigernd, erhöht den Blutdruck (und kurzzeitig auch die Herzfrequenz) und verstärkt diejenigen Tendenzen, die nach außen hin aktivieren und uns Menschen in den Modus: Kampf oder Flucht versetzen (sympathisches Nervensystem oder: Sympathikus). Noradrenalin gehört zu denjenigen aktivierenden Transmittern, die auch bei einer Angstreaktion ausgeschüttet werden.
Dadurch, dass Noradrenalin anregend wirkt und die Aufmerksamkeit steigert, macht man einen Mangel dieses Transmitters als einen der Faktoren für die Entstehung einer Depression verantwortlich.
Eine gewisse Gruppe von Antidepressiva wirkt unter anderem dadurch, dass sie das Angebot von Noradrenalin im Gehirn erhöht.
Als Nebenwirkung solcher Präparate - quasi bei einem Überangebot von Noradrenalin - können innere Unruhe und verstärktes Schwitzen auftreten, ähnlich wie bei einer Angstreaktion.
