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Im Juni 2021 ist Esther Bejarano gestorben. Zwei Jahre zuvor hatte ich zum ersten Mal ihren Namen gehört. Mein Enkel erzählte von einer Schulveranstaltung, auf der sie von ihrem Überleben im KZ berichtete. "Sich versöhnen ohne zu vergessen", war der Satz, den ich aus seinem Bericht in der Erinnerung behielt. Ich brauchte offensichtlich ei-nen zweiten Impuls, bis in mir der Gedanke aufbrach, dass der bewusste Umgang mit ihren Erfahrungen im Dialog mit jungen Menschen etwas mit mir als Nachkriegskind zu tun hat. Eine Überlegung von aktueller Bedeutung, die sich heute in der gesellschaftlichen Kommunikation spiegelt. Ist es im kollektiven Bewusstsein unserer Generation angekommen, dass die Erinnerung nicht verblassen darf? Ist es eine Frage der Verantwortung, das belastete Erbe der Vorfahren anzunehmen und angereichert mit neuen Erfahrungen, an die nächste Generation weiter zu geben? "Erinnern heißt handeln" ist ein weiteres Credo aus der Biografie von Esther Bejarano. Es ist die Generation der 50- bis 70-jährigen, die unter einem Mantel des Schweigens ihrer traumatisierten oder belasteten Eltern und Großeltern aufgewachsen ist. Das hat Lücken gelassen, in die Angst und Selbstzweifel einziehen konnten, aber auch die emotionale Kraft zum Ungehorsam und zum Widerstand. Die Erbinnen. Erzählte Spurensuche zu dritt ist der Titel einer Anthologie in drei Büchern, in denen zwölf Autorinnen in Dreiengelsspannen Geschichten erzählen. Jede Erzählung hat drei eigenständige Kapitel, die sich durch einen spontan gewählten Satz aus der Vorgeschichte kreativ miteinander verbinden. Die Spurensuche nach vererbten Erfahrungen zurückliegender Generationen, die in uns im Verborgenem wirken, ist das Thema von Buch 1: Gespenster der Vergangenheit. Konkreter und auf das eigene Erleben bezogen wird es im Buch 2: Forscherinnen in eigener Sache. Während die Autorinnen in Buch 3: Zeitzeuginnen als aktiv Beteiligte die individuellen und gesellschaftlichen Auswirkungen aus dem Erbe unserer Vorfahren erzählen. Ich danke allen Autorinnen für die emotionale Kraft ihrer Erinnerungen, die Verstehen erleichtert. Mein persönliches Fazit als Leserin ist: Wenn das Schweigen zu laut ist, ist die Stimme der Versöhnung nicht zu hören. Renate Haußmann
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Seitenzahl: 252
Veröffentlichungsjahr: 2022
Die Erzählungen in diesem Buch sind nah an biografischen Fakten und trotzdem in literarischer Freiheit geschrieben.
Friederike Lydia Ahrens, Marion Diehr,
Kirsten Eckmann, Manon Haccius,
Sabine Hammer, Karin Harries-Hedder,
Christiane Maria Luti, Felizitas Peters,
Barbara Rossi, Ursula Striepe,
Petra Thelen, Birgit Weiglein
Renate Haußmann (Hg.)
Die Erbinnen
Erzählte Spurensuche zu dritt
Das Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung der Herausgeberin und der Autorin unzulässig.
© 2022 Renate Haußmann (Hg.)
Idee und Umsetzung: Renate Haußmann
Korrektorat: Dr. Manon Haccius, Felizitas Peters
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
978-3-347-62733-8 (Softcover
978-3-347-62734-5 (Hardcover)
978-3-347-62735-2 (E-Book)
978-3-347-62736-9 (Großschrift)
Vorwort
Im Juni 2021 ist Esther Bejarano gestorben. Zwei Jahre zuvor hatte ich zum ersten Mal ihren Namen gehört. Mein Enkel erzählte von einer Schulveranstaltung, auf der sie von ihrem Überleben im KZ berichtete. „Sich versöhnen ohne zu vergessen“, war der Satz, den ich aus seinem Bericht in der Erinnerung behielt. Ich brauchte offensichtlich einen zweiten Impuls, bis in mir der Gedanke aufbrach, dass der bewusste Umgang mit ihren Erfahrungen im Dialog mit jungen Menschen etwas mit mir als Nachkriegskind zu tun hat. Eine Überlegung von aktueller Bedeutung, die sich heute in der gesellschaftlichen Kommunikation spiegelt. Ist es im kollektiven Bewusstsein unserer Generation angekommen, dass die Erinnerung nicht verblassen darf? Ist es eine Frage der Verantwortung das belastete Erbe der Vorfahren anzunehmen und angereichert mit neuen Erfahrungen, an die nächste Generation weiter zu geben? „Erinnern heißt handeln“ ist ein weiteres Credo aus der Biografie von Esther Bejarano.
Es ist die Generation der 50- bis 70-jährigen, die unter einem Mantel des Schweigens ihrer traumatisierten oder belasteten Eltern und Großeltern aufgewachsen ist. Das hat Lücken gelassen, in die Angst und Selbstzweifel einziehen konnten, aber auch die emotionale Kraft zum Ungehorsam und zum Widerstand. Die Erbinnen. Erzählte Spurensuche zu dritt ist der Titel einer Anthologie in drei Büchern, in denen zwölf Autorinnen in Dreiergespannen Geschichten erzählen. Jede Erzählung hat drei eigenständige Kapitel, die sich durch einen spontan gewählten Satz aus der Vorgeschichte kreativ miteinander verbinden. Die Spurensuche nach vererbten Erfahrungen zurückliegender Generationen, die in uns im Verborgenem wirken, ist das Thema von Buch 1: Gespenster der Vergangenheit. Konkreter und auf das eigene Erleben bezogen wird es im Buch 2: Forscherinnen in eigener Sache. Während die Autorinnen in Buch 3: Zeitzeuginnen als aktiv Beteiligte die individuellen und gesellschaftlichen Auswirkungen aus dem Erbe unserer Vorfahren erzählen.
Ich danke allen Autorinnen für die emotionale Kraft ihrer Erinnerungen, die Verstehen erleichtert. Mein persönliches Fazit als Leserin ist: Wenn das Schweigen zu laut ist, ist die Stimme der Versöhnung nicht zu hören.
Renate Haußmann
BUCH 1
Gespenster der Vergangenheit
Erstes Kapitel
Heldendämmerung –Am Ende gab es nur noch Opfer
Heldenvater, Heldenbruder
Manon Haccius
Begrünung der Schweigemauer
Sabine Hammer
Die Erbschaft
Karin Harries-Hedder
Manon Haccius
Heldenvater, Heldenbruder
Am Ende nur noch Opfer? Nein, das ist ein zu pessimistisches Verständnis vom Gang der Geschichte. Selbst im Alten Testament ist von Schuld und Schicksal nur bis in die dritte, vierte Generation die Rede, nicht bis in alle Ewigkeit. Ja, Unglücke, Verstrickungen und Schuld wirken über die unmittelbar betroffene Generation hinaus. Das will aufgearbeitet und in die weitere Entwicklung integriert sein. Es ist Aufgabe der Nachgeborenen, ob sie sich das nun ausgesucht haben oder nicht. Wegducken hilft nicht; denn dann wird noch die übernächste Generation an den alten Geschichten knabbern.
Viele Ereignisse der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden beharrlich beschwiegen oder nur in Anekdoten, kleinsten Infoschnipseln in den Familien weitergegeben. Was mag das für ein Leben gewesen sein als Soldat und Berufssoldat? Als kaum 20-Jähriger ging er in den Ersten Weltkrieg, machte ihn vollständig mit, wurde mehrfach verwundet und mehrfach ausgezeichnet. Demobilisiert worden war er nicht nach Kriegsende, sondern in die nur noch 100.000 Mann umfassende Reichswehr übernommen, die die Siegermächte dem Deutschland der Weimarer Republik gestatteten. Gerade ein Achtel des stolzen kaiserlichen Heeres von einst.
Seine Frau hatte er kennengelernt, als sie bald nach Kriegsende bei gemeinsamen Verwandten einen dörflichen Festsaal schmückten. In harschem Befehlston hatte er der hübschen jungen Frau bedeutet, den Hammer wieder hinzulegen, der ihm beim Annageln einer Girlande heruntergefallen war und den sie ihm hinaufreichen wollte: „Nein, Sie sollen mir das Werkzeug nicht aufheben!“ Dann stieg er von der Leiter und hob den Hammer selbst auf. Ein schmucker und schneidiger junger Mann erschien er ihr, seine Ruppigkeit eine Mischung aus männlich und ritterlich, die sie wohl beeindruckte. Das kannte sie von zu Hause nicht. Ein Held, zweifelsohne, das zeigten die Orden, die man ihm verliehen hatte.
Bald darauf verlobten sie sich. Für die beiden älteren Schwestern hatte noch der Vater die Ehemänner ausgewählt. Das erste Kind des Ehepaares, eine Tochter, wurde auf den Tag genau neun Monate nach der Hochzeit geboren. Das deuteten die Kameraden des frisch gebackenen Vaters – nur halb im Scherz – als Muster soldatischer Pflichterfüllung und preußischer Präzision, und noch in der dritten Folgegeneration wurde es in der Familie erzählt.
Ob die junge Frau geahnt hat, auf was sie sich als Soldatenehefrau einließ? Alle zwei Jahre ein Umzug. Jedes der schließlich drei Kinder wurde an einem anderen Ort geboren. Für sie folgte Schulwechsel auf Schulwechsel. Mal lebte man in kleinen Garnisonsstädten, mal in einer Großstadt, die mehr an gesellschaftlichem Leben zu bieten hatte als nur das Offizierskorps. Ihr Mann durchlief die militärische Laufbahn. Sein Sold stieg langsamer, als er im Rang aufstieg. Viele seiner beruflichen Aktivitäten waren geheim. Man bereitete – das stellte sich Jahre später heraus – die Wiederbewaffnung und erneute Kriegsfähigkeit des Landes vor. Der Versailler Friedensschluss galt in militärischen Kreisen als Schandfrieden.
Die häufigen Standortwechsel erlaubten kaum den Aufbau von Freundschaften im zivilen Leben. Aber die Mitglieder des Offizierskorps, die sich bereits von ihren Fronteinsätzen im Ersten Weltkrieg kannten, vertieften ihre dort gewachsene Kameradschaft. In Treue fest, das war ihr Ideal. Freundschaftliche Verbundenheit entstand auch zwischen den Ehefrauen. Manchmal trugen nicht nur die Ehemänner denselben Vornamen. Man taufte sogar die Kinder auf ähnliche Namen. Etliche der Frauen sollten sich, lange nach dem späteren Heldentod ihrer Ehemänner, noch als Großmütter regelmäßig zu Tee und Frankfurter Kranz, serviert auf feinstem Porzellan, treffen. Die „Off’ziersdamen“ – ein letzter, schneidiger Nachklang im Ohr erstaunter Enkel.
Das zweite Kind war ein Sohn. Grenzenlos bewunderte er seinen schneidigen Vater. Der hatte als Offizier sogar ein Pferd, das von einem Burschen gepflegt wurde und dessen Fell genauso spiegelnd glänzen musste wie die Stiefel des Vaters. Die Erziehungseinheiten des Familienoberhauptes, der in soldatischen Ketten von Befehl und Gehorsam dachte, gerieten mittelprächtig. Der Sohn präsentierte miserable schulische Leistungen, log, schwänzte die Schule, klaute. Daran änderten auch körperliche Züchtigungen oder die gelegentlich ans Sadistische grenzenden samstäglichen „Fahrradappelle“ nichts. Ein Held in einem bewunderten, bestaunten militärischen Umfeld blieb für ihn der Vater dennoch. Der einige Jahre nachgeborene jüngere Bruder nahm sich den großen zum Vorbild.
Irgendwann wurde aus der Weimarer Republik das Dritte Reich. Es ging in der Reichswehr deutlich ernsthafter darum, sie wieder zu früherer Größe und Schlagkraft aufzubauen. Für den Berufssoldaten dominierte jetzt, weiterhin geheim gehalten, ungeliebte Schreibtisch- und Verwaltungstätigkeit. Das entlud sich durch ihr ständig gereiztes Oberhaupt immer wieder auch in der Familie. Die spurte allerdings nur eingeschränkt, insbesondere die Ehefrau war nicht zu klagloser Folgsamkeit geschaffen. Nicht selten bekamen das bei wütenden Abgängen des einen oder der anderen die Türen in der Wohnung zu spüren. Schneidige Offiziere sind Teil einer Streitmacht, aber von ziviler Streitkultur verstehen sie wenig. Die Kinder wussten nicht recht, ob sie die elterlichen Auseinandersetzungen beängstigend oder vielleicht doch komisch finden sollten.
Noch lebte man in der geliebten nördlichen Großstadt. Kinos, Theater, Musikveranstaltungen und Museen boten Abwechslung. Oder einfach die Straße und der Hafen für die Jungs – alles war besser als Schule oder der sonntägliche Gottesdienst.
Am 1. September 1939 begann der nächste Krieg. Der Ehemann und Vater war wieder bei der Truppe – die ihn schätzte, ihm vertraute – und im Feld. Seine Laune besserte sich schlagartig. Zu Hause war er nun deutlich seltener. An einem Punkt aber ließ er, allen Protesten von Frau und Kindern zum Trotz, nicht mit sich reden. Sie mussten wegziehen aus der Großstadt, zurück in die kleine Garnisonsstadt. Schließlich hatte das Familienoberhaupt lange genug den nächsten Krieg mit vorbereitet, ahnte die kommende Zerstörung der Städte mit kriegswichtiger Infrastruktur und wollte die Familie im Wortsinn aus der Schusslinie haben. Wieder ein Umzug. Die halbwüchsigen Söhne in der Pubertät und der Mann nicht daheim, aber ein Held. So sah das auch die staatlich gelenkte Propagandamaschine. Gehorsame und tapfere Soldaten waren Helden, allemal nach ihrem Heldentod. Der war Teil ihrer „Job-Deskription“ und wurde mit zunehmender Dauer des Krieges und seinen immer weiter entfernten Schauplätzen täglich wahrscheinlicher. Die Söhne hatten für die furchtbare Ambivalenz dieses Heldenmythos noch kein Empfinden.
Nach dreieinhalb Jahren Krieg fiel der schneidige Offizier im Dienst an Volk und Vaterland. Trauern und Klagen? Das passte nicht zum Zeitgeist und hatte im Verborgenen zu geschehen. Man bewahrte Haltung. Der ältere Sohn hatte nichts dringender zu tun, als mit Notabitur rauszukommen aus der verhassten Schule, aus der Kleinstadt und hinein in Krieg und weite Welt. Noch nicht 20 Jahre alt, rückte er als Soldat ein. Sein Vater hätte das unterbunden; die Mutter konnte es nicht verhindern. Sein kleiner Bruder hatte nun einen auf dem Feld der Ehre gefallenen Heldenvater und einen im Felde stehenden Heldenbruder, zu denen er aufschaute und die er als einziger Mann im Haus würdig zu vertreten suchte, auch wenn ihn das überforderte.
Der Heldenbruder kam erst fünf Jahre nach Kriegsende heim. Im Bergbau in Russland hatte er Zwangsarbeit leisten müssen. Über seine Gefangenschaft hat er so gut wie nie gesprochen, allenfalls mit seiner Frau. Sie gehörte einer anderen Konfession an. Zu der war er, ein unerhörter Schritt in seiner Familie, leichten Herzens konvertiert: „Ich habe so viele Menschen leiden und sterben gesehen, das ist in allen Religionen gleich“, hatte er ihr gesagt vor der Verlobung. Äußere, gesellschaftliche Maßstäbe zählten wenig für ihn, die hatten Krieg und Gefangenschaft weggebrannt. Er suchte das pralle Leben, wollte Menschen um sich haben, war großzügig. „Bergbau ist das einzige, was ich gelernt habe.“ Auf dem Pütt, im Kohlebergbau stieg er beruflich ein und immer weiter auf, verdiente gut, war gemocht und angesehen bei Kumpels und Kollegen unter und über Tage.
Die Schattenseiten dieses warmherzigen, großzügigen Mannes zeigten sich erst bei genauerem Hinsehen. Seine Frau hielt die Familie zusammen, ertrug seine Geliebten und trug zur Haushaltskasse auch als Mutter mehrerer Kinder durch eigene Berufstätigkeit wesentlich bei. Sie ertrug zudem den nach einem harten, soldatischen Männlichkeitsideal erzogenen Mann, der das Rollenmodell des Familienoberhaupts mit umfassender Bestimmungsmacht über Frau und Kinder von klein auf gelernt, anerkannt und für richtig befunden hatte. Streitkultur? Gemeinsame Entscheidungsfindung? Fremdworte.
In Treue fest. Der Grundsatz hatte für seinen Vater gegolten, seiner Familie wie seiner Truppe gegenüber. Er stand auch für die Söhne über allem. Bis dass der Tod euch scheidet, war selbstverständlich in der Ehe. Man ließ Frau und Kinder nicht im Stich, kümmerte sich auch in schlechten Zeiten und stand sie durch. Die nächste Generation begehrte auf gegen dieses Rollenvorbild, lernte allmählich, Auffassungsunterschiede in Gespräch und Verhandlung zu klären, sich auch einmal diplomatisch auszudrücken. Soldatische Tugenden stehen nicht mehr in Kurs. Heute heißt eine Pop-Band „Wir sind Helden“.
Sabine Hammer
Begrünung der Schweigemauer
Heute will ich die Dämmerung, den Nebelschleier unserer Vergangenheit etwas lichten. Ich greife zum Stift und schreibe dir einen Brief. Du weißt sehr wohl, was das bedeutet. Die jahrzehntelang andauernde Sprachlosigkeit zwischen uns wird jetzt beendet. Diese Zeilen bringe ich nicht zum Heldenfriedhof, sondern zur Kapelle neun. Dorthin, wo deine Urne vor 42 Jahren in meiner Anwesenheit beigesetzt wurde.
Du warst 70, als du verwirrt auf der Siechen-Station lagst und ich mich von dir verabschieden wollte. Selbst deine letzten Worte trafen mich wie Peitschenhiebe. Du dachtest tatsächlich, dass an deinem Sterbebett deine große Püppi säße, die älteste Tochter mit den dicken, blonden Zöpfen und den langen Beinen. Ich brachte es nicht übers Herz deine klobigen Hände, die mich nur schlugen und nie streichelten, zu berühren und zu halten.
Damals beweinte ich nicht deinen Tod, sondern meinen Seelenschmerz und die damit verbundenen Verletzungen, die du mir zugefügt hast. Ich spürte wieder die fehlende Geborgenheit und das Verlassenheitsgefühl. Unser bleiernes Schweigen erfüllte mich mit Trauer und Entsetzen. Ohne Worte ging ich von dir fort und überließ dich dem Tod.
Jetzt fallen mir Szenen aus meiner frühesten Kindheit ein: Die ständige Schuld, die ich empfand, wenn ich als dein „Hans Guckindieluft“ wieder mal stolperte oder mich an der Brotschneidemaschine verletzte, wie sehr mein Blut deine Wutausbrüche provozierte. Nein, ich war nicht traurig als du starbst.
Von meinem 13./14. Lebensjahr an malte ich mir deinen Tod aus, verfasste heimlich in meinem Tagebuch Anzeigentexte für das Gemeindeblatt. In dieser Lebensphase verweigerte ich dir, dein „ewiger Trotzkopf“, meinen blinden Gehorsam und sprach den von dir mehrmals am Tag eingeforderten Satz nicht mehr nach: „Vati ist der Beste“.
Zu dieser Zeit präsentierte ich dir miserable schulische Leistungen, log, schwänzte die Schule und klaute. Daran änderten auch deine körperlichen Züchtigungen nichts. Ich hörte auf, dir Fragen über deine Herkunftsfamilie zu stellen. Von Mutti erfuhr ich, dass deine erste Frau und deine Schwester kurz vor dem Kriegsende, nachdem sie die letzten Bombenangriffe überlebt hatten, auf brutale Art von Russen vergewaltigt wurden und dass sie an den Folgen gestorben sind. Auch meine Frage nach deiner englischen Uniform, die du 1945 trugst, stellte ich dir nicht. Hattest du jemanden umgebracht und dich dann als Sieger, als Held ausgegeben? Mutti, die mit ihrer Familie aus Schlesien nach Schleswig–Holstein geflüchtet ist und dir dort völlig ausgehungert begegnete, hast du nicht nur mit dieser Kleidung, auch mit deinen Essensvorräten beeindruckt. In dieser Nachkriegszeit bewunderte sie deine Beschaffungstalente. Du wurdest ihr Alltagsheld.
Manchmal, wenn du an deinem Geburtstag oder auch am Heiligabend betrunken in deinem Ohrensessel saßt und plötzlich anfingst zu weinen, fühlte ich mich völlig hilflos und grundlos schuldig. Deine cholerischen Ausbrüche waren mir weitaus vertrauter.
Ich bekam keinen Zugang zu deinem Seelenleben. Du zementiertest eine Schweigemauer um deine Erinnerungen und ich wurde dabei zu deiner Unterstützerin, indem ich weder in der Schule, der Uni, noch im Freundeskreis Interesse an der deutschen Geschichte, der Nazizeit und ihren Gräueltaten bekundete. Es schien so, als wenn mich mein Unwissen davor beschützen sollte, Zusammenhänge zwischen deinen Kriegserlebnissen und deinen alltäglichen Grausamkeiten im Umgang mit uns zu erkennen. Mir fehlte der Mut, dein inneres Niemandsland zu betreten. Ich habe mir nie eine KZ-Gedenkstätte oder Bildbände über den Zweiten Weltkrieg anschauen können. Bei Kriegsdokumentationen im Fernsehen wechsle ich noch heute das Programm. Geschenkte Literatur über diese Geschichtsepoche lege ich ungelesen ins Regal. Manchmal schäme ich mich dafür, dass ich so wenig über unsere Vergangenheit weiß.
Seitdem unsere Enkel auf der Welt sind, bemühe ich mich, unsere familiäre Sprachlosigkeit aufzugeben und mir das vererbte Brachland anzuschauen. Heute kann ich keine Fragen mehr stellen, da alle Zeitzeugen verstorben sind. Aber ich bereite Antworten für deine Urenkel vor, die mit Sicherheit bald Interesse an unserer Familiengeschichte bekunden werden. „Oma, was hat dein Papa im Krieg gemacht?“ Weißt du, was ich ihnen dann erzählen werde: „Ich kann es dir nicht genau sagen, ich bin mir aber sicher, dass er selbst viel Leid erfahren und vielleicht auch anderen zugefügt hat. Euer Uropa konnte nie darüber sprechen. Seine Erinnerungen an diese Zeit waren zu schmerzhaft und belastend für ihn. Er wollte sie vergessen und mit uns ein neues Leben beginnen.“
Ich meine es ehrlich, wenn ich dir schreibe, dass du es als Kind im Ersten Weltkrieg sehr schwer hattest. Du musstest als bettelnder sechsjähriger Knirps mit einem Bauchladen voller Streichhölzer, mutterseelenallein durch die Berliner Straßen ziehen.
Was hast du im zweiten Krieg gemacht und erlebt? Wo war dein zehn Jahre alter Sohn als seine Mutter nach der Vergewaltigung an Typhus starb? Wie konntest Du dieses Leid ertragen? In den Nachkriegsjahren war es nicht üblich – erst recht nicht für Männer – über Kriegstraumata zu sprechen, geschweige denn sich therapeutische Hilfe zu holen.
Nun spüre ich einerseits eine Traurigkeit in mir und andererseits eine große Erleichterung. Traurig bin ich darüber, dass es uns nicht zu Lebzeiten gelungen ist, eine respektvolle, vielleicht sogar liebevolle Vater-Tochter-Beziehung zu leben. Du hättest mir deinen Stolz zeigen können, dass ich trotz deiner permanenten Vorhaltungen, immer mit dem Dickschädel durch die Wand zu müssen, es schließlich doch zu etwas gebracht habe. Mein Widerstand gegenüber deinen autoritären Erziehungspraktiken machte mich zu einer starken und erfolgreichen Frau. Ich möchte dir an dieser Stelle für deinen mir vererbten Überlebenswillen danken.
In meiner Fantasie würden wir beide unsere Schweigemauer begrünen und um sie herum Apfelbäume pflanzen. Die Enkel dürften dann ihre Früchte ernten. Weißt du eigentlich, wie glücklich ich immer war, wenn du im Herbst zu mir sagtest: „Hilf mir die lange Leiter aus dem Schuppen zu holen, und trau dich, die obersten Boskop-Äpfel zu pflücken!“ Heute behaupte ich, dass du damals stolz auf mich warst. Ich war zwar kein Sohn, den du dir sehnlichst gewünscht hast, aber ich war eine mutige Tochter.
Jetzt fällt mir tatsächlich noch etwas ein. Wie sehr ich es als kleines Kind genossen habe, geduldig still neben dir sitzend, die Vögel am Futterhäuschen zu beobachten. Du kanntest alle ihre Namen. Auf der anderen Seite breitet sich eine große Erleichterung in mir aus, dass ich mir dein erlebtes Leid nicht auf meine Schultern gepackt habe. Es hat mich zwar mitgeprägt, aber nicht zum Opfer gemacht.
Jahrelang war ich dir gegenüber nachtragend und habe kein gutes Haar an dir gelassen. Ich war wütend auf dich, weil du kein fürsorglicher Vater warst – nicht sein konntest.
Beim Schreiben dieser Zeilen spüre ich eine zarte Verbundenheit mit dir. Dieses Gefühl ist noch etwas befremdlich für mich. Kann es sein, dass ich mit dieser Empfindung, diesen Zugeständnissen unsere Familiendämmerung ein wenig erhelle und beleuchte?
Wenn ich morgen, das erste Mal nach 42 Jahren, an deinen Grabstein trete, werde ich dir diesen Brief vorlesen, in Gedanken deine Hände halten und dir zuflüstern: „Vati, ich verzeihe dir.“
Danach werde ich mit dir einen „Stoni“ trinken und auf mein Lebensglück anstoßen.
In Liebe,
deine wilde, kleine Tochter
Karin Harries-Hedder
Die Erbschaft
Die Tür des Herrenzimmers im Haus meiner Großeltern steht offen, ich schlüpfe hinein, möchte endlich sehen, was es da gibt. Der Raum, in dessen Luft noch Zigarrenrauch schwebt, kommt mir riesig vor. Die Schränke, der Schreibtisch, eine Säule und Regale sind kunstvoll gedrechselt und ihr Schwarz wirkt einschüchternd. Hinter einer Glastür des Schrankes stehen wohl geordnet Bierhumpen mit Jagdszenen. An den Wänden hängen Jagdgeweihe. Mich gruselt es mit meinen zwölf Jahren: „Die armen Tiere!“ Opas Jagdhund drängt sich neben mir ins Zimmer, legt sich auf seine Decke, sein gestriegeltes braunes Fell glänzt in der Sonne. In der Mitte des Raums steht ein runder schwarzer Tisch, der Skattisch. Schritte nähern sich, schnell schleiche ich wieder hinaus, ich will mich nicht erwischen lassen. Opa ist mir unheimlich, ein dicker, großer Mann, der keinerlei freundliches Interesse für mich zeigt. Ein Patriarch, der über Frau und Kinder herrscht.
Am Totenbett meines Opas hat mein Vater ihm versprechen müssen, sein Grundstück in Hamburg mit den darauf stehenden Mietshäusern nicht zu verkaufen. Seine älteren Schwestern wurden gar nicht gefragt, der Erbe war selbstverständlich der Sohn, ein Mann. Mein Opa starb in der Überzeugung, dass sein „Reich“ weiter bestehen würde.
Jahre später, nachdem mein Vater gestorben war, fanden wir im Nachlass meines Vaters Orden meines Großvaters und das Parteibuch. Er war ein überzeugter Nazi, ein Herrenmensch der Herrenrasse. Ich bin sicher: Für seine Opfer hatte er kein Mitgefühl. Die alten Seilschaften mit seinen Kameraden hielten auch nach dem Krieg und die Männer legten gemeinsam ein Netz des Schweigens über ihre Vergangenheit, lernten die Sprache der Demokratie und stiegen wieder auf. Von ihren „heldenhaften“ Taten, mitsamt den Gräueltaten, sprachen sie nur unter sich.
Bei Familientreffen erzählten meine Tanten oft vom Bund deutscher Mädchen. Die Mädels mit ihren langen Zöpfen sangen, tanzten, nähten miteinander und bejubelten den Führer. Das Gemeinschaftsgefühl und die damit verbundene Zufriedenheit strahlten beim Erzählen aus ihren Augen. Oh ja, auch kleine Heldengeschichten gab es: Meine Großeltern schickten ihre Kinder im Krieg zum „Kohlenklau“ und diese erzählten voller Stolz, wie sie auf die langsam fahrenden Züge aufsprangen, die Kohlen in Säcke stopften und zu den nachlaufenden Freunden hinunterwarfen.
Mein Onkel, der ältere Bruder meines Vaters, wurde ein Kriegsheld, er fiel im Krieg. Der junge Arzt hinterließ eine kleine Tochter, eine junge Witwe, trauernde Geschwister und eine verzweifelte Mutter. Mein Opa verlor seinen ältesten Sohn, der in der Hierarchie der Nachkommen eine privilegierte Rolle einnahm. Er verlor seinen auserwählten Erben.
Nach dem Tod meines Großvaters blieb sein „Reich“ vorerst bestehen, da mein Vater sein Versprechen hielt und die Häuser zum Leidwesen meiner Tanten nicht verkaufte.
Meine Tanten erschienen, wohl onduliert und gestylt auf hohen Hacken, mit ihren Kindern zur Testamentseröffnung. Schon als sie durch die Haustür kamen, merkte ich, dass mein Vater sehr beklommen wirkte. Er schaute seinen Schwestern kaum in die Augen. Wir Kinder wurden in den Garten geschickt. Beim Versteckspielen kroch ich in die Stachelbeerbüsche mit ihren sonnig-gelben Früchten. So konnte mich niemand finden. Ich saß auf dem Boden und sog den Saft aus den Früchten heraus.
Als Oma uns zum Abendbrot hereinrief, war von unseren Eltern nichts zu sehen. Man hörte nur ab und zu laute, aufgeregte Töne. Meine Oma sah sehr traurig aus. Mit dem Ärmel ihrer Kittelschürze wischte sie sich über die Augen. „Das kommt von den Zwiebeln“, sagte sie.
Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und eine meiner Tanten rief: „Kommt, dieses Haus betreten wir nicht mehr.“ So war ein Großteil der Familie zerbrochen. An dem Tag habe ich die Tragweite überhaupt nicht verstanden, aber meine Cousinen und Cousins habe ich seitdem nicht mehr gesehen. Meine Tanten erhielten nur ihren Pflichtteil und fühlten sich von meinem Vater betrogen.
Der trat ein schwieriges Erbe an. Die Häuser waren hoch verschuldet und seine Schwestern hatte er am Totenbett seines Vaters verloren, weil er sein Versprechen hielt. Wir Geschwister gelobten uns noch als Jugendliche, uns nicht über ein mögliches Erbe zu zerstreiten.
Mein Vater war ein gutaussehender Kinderarzt, relativ groß, schlank, mit einem schmalen Gesicht, einer geraden Nase und blauen Augen. Seine dunklen Haare wellten sich leicht. Er wirkte schüchtern. Um uns fünf Kinder kümmerte sich unsere Mutter, die ihren Mann mit neunzehn Jahren, ohne eine eigene Berufsausbildung, geheiratet hatte. Ich vermute, sie dachte damals, sie hätte den Hauptgewinn mit ihm gezogen.
Seine blauen Augen konnten leuchten, wenn er gute Stimmung hatte. Er machte mit uns am Wochenende Ausflüge an die Ostsee und später organisierte er Urlaubsreisen, wenn er „gut drauf“ war. In regelmäßigen Abständen, meist nach einigen Monaten, wurden seine Augen starr, das Gesicht nahm eine graue Grundfarbe an und sein Blick ging ins Leere. Dann beherrschten ihn Dämonen, die Misstrauen in ihm säten, und er spürte nur noch Verrat um sich herum. Meine Oma meinte, es käme vom Krieg, vorher sei er nicht so gewesen. Ich versuchte, ihm, wenn möglich, aus dem Weg zu gehen. Ich hatte Angst davor, dass seine blauen Augen wieder leer und starr werden könnten. In diesen Phasen hörten wir laute Auseinandersetzungen zwischen meinen Eltern und meine Mutter weinte. Ich hatte Angst um sie, Angst, dass er ihr etwas antäte. Mehrmals überlegte sie, mit uns zu fliehen, wusste aber nicht, wohin. Die Familie meines Vaters unterstützte sie nicht. Unsere Mutter sorgte dafür, dass wir immer adrett aussahen, zur Schule gingen und unser Essen bekamen, aber mit der schwierigen familiären Situation und den fünf Kindern war sie völlig überfordert. Aber ohne ihre Hilfe hätte ich diese Zeit nicht überstanden. Meine Eltern ließen sich Jahre später scheiden. Bis heute denke ich darüber nach, was meinen Vater so verändert hat. Er bestand darauf, dass er kein Nazi war und erzählte oft und voller Stolz, dass er überlegt und bereits geplant hatte, Hitler zu erschießen. Wie wichtig muss es ihm gewesen sein, sich von der Gesinnung seines Vaters abzugrenzen, dessen Erbe er war und der ihn immer in die Pflicht genommen hatte? War hier eine weitere Ursache seiner Krankheit zu suchen?
Mit 68 Jahren verstarb mein Vater an Krebs. Sein Tod war ein einschneidendes Erlebnis und brachte mich völlig durcheinander. Mit der Überzeugung, meinem Vater verzeihen zu können, bin ich Jahre später an sein Grab gegangen. Es sollte ein friedlicher Besuch werden. Es kam anders und zum Glück hatte ich meinen Mann gebeten, mich zu begleiten. Als ich am Grab stand, erfasste mich ein Sturm, der mich wegriss. Eine gewaltige Welle vernichtender Wut überflutete mich.
Friedliche Gedanken sind dann doch noch eingekehrt. So konnte ich andere Seiten von ihm erinnern, die liebevoll, zugewandt und fürsorglich gewesen sind. Alle fünf Kinder bekamen eine gute Schulbildung. Und auch später, meine Eltern waren längst geschieden, ließ er uns nicht im Stich, wenn wir in Not waren.
Wir Geschwister hatten nach dem Tod unseres Vaters keine Vorstellung, wie sein Testament ausfallen würde. Zu gleichen Anteilen erbten wir das Grundstück und verkauften es zügig, um nicht in Auseinandersetzungen zu geraten. Genauso wie wir es uns damals versprochen hatten. Wir teilten das Erbe mit meiner Mutter und seiner zweiten Frau.
Das „Reich“ meines Opas war damit zerfallen.
Zweites Kapitel
Das große Schweigen –Die getarnte Vergangenheit
Kalte Heimat
Friederike Ahrens
Gleichung mit Unbekannten
Marion Diehr
Puzzlesteine
Petra Thelen
Friederike Lydia Ahrens
Kalte Heimat
Wieso wird ihr bei dem Wort HEIMAT kalt? Sie friert und zieht sich den Wollschal um die Schultern bis hoch in den Nacken. Das Gefühl ist dunkel, sie hat kalte Füße.
Wieder der Traum, sie ist in ihrem alten Kinderzimmerschrank in der Vier-Generationen-Villa eingeschlossen. Sie kann nicht raus, alles dunkel, keiner da, den sie rufen kann. Ihr Bruder ist schon lange weg, Omi und die Opas im Himmel, Vater und Mutter vergraben auf verschiedenen Friedhöfen.
Sie versucht, mit dem rechten Zeigefinger den Schlüssel von innen nach außen zu drücken. Er bewegt sich etwas, der Schweiß steht ihr auf der Stirn. Unter ihr liegen gestapelte Kissen und Decken. Sie legt sich darauf und schläft ein. Das Fieber ist hoch, die bunten astralen Farben um sie herum tragen sie ins Universum. Hier ist alles hell und warm. Von flirrenden Geräuschen und Schwingungen umgeben, wird sie in ein goldenes, gleißendes Licht getragen. Die Menschen und die Welt sind nicht mehr sichtbar, alles ist weit weg. Danach wieder zu landen und in der Wirklichkeit zu sein, ist ein Schock.
Sie überlegt lange, ob sie zu dem Treffen in die kalte Heimat fährt. 40 Jahre Abitur, die Neugier entscheidet. Zwei Stunden vor dem Termin in der Schulaula steht sie auf dem Marktplatz, es ist gerade Wochenmarkt. Sie fühlt sich beobachtet, einige Leute starren sie an, als käme sie vom Mond.
Die alte, große Vier-Generationen-Villa ist geschrumpft und vergammelt, hat nie mehr Farbe gesehen. Ein Blick über den Gartenzaun. Wo einst ein botanischer Garten war, Betonwüste. Ihr ehemaliger Kinderblick aus dem Wohnzimmerfenster, die Grenze, der Zaun mit Stacheldraht und Sichtschutz, alles lange weg.
Die Frau auf dem Parkplatz vor dem Schulgebäude erkennt sie sofort. Es ist Elke, die Organisatorin des Treffens. Nach und nach trudeln sie alle ein. Von den Jungs erkennt sie die wenigsten, früher noch Matte, jetzt Glatze und Bauch. Bei den Frauen ist es nicht so. Zwei ihrer ehemaligen Lehrer sind noch lebendig und trotz Faltenwurf wiederzuerkennen. Die Pauker, die sie als Kind geschlagen haben und die mit ihren Händen ihre Brust und ihren Po streichelten, sind tot. Das 40-jährige Abitreffen verläuft wie ein langweiliger Episodenfilm. An der Bar in dem einzigen Hotel des Kaffs trifft sie Leute, die zwei Jahrgänge vor ihr waren. Mit ihnen gibt es noch was zu Lachen und ein paar Drinks.
Am nächsten Morgen folgt sie ihrer inneren Stimme, die sagt, nichts wie weg hier! Den Besuch ihrer Ahnen auf dem Friedhof schenkt sie sich. Auf der Autobahn legt sie die CD von Janis Joplin und grölt laut mit: “Freedom ist just another word for nothing left to loose.“
Immer, wenn sie über die Elbbrücken fährt, überkommt sie das Gefühl der Freiheit. Die Schiffe von oben zu betrachten und in Gedanken mit ihnen in die weite Welt zu fahren, sich die Geschichten der Menschen auszumalen, die auf ihnen wohnen und arbeiten.
Dabei denkt sie auch an ihren Kapitänsopa Amandus. Im Zweiten Weltkrieg hatten die Engländer sein Schiff vor Norwegen versenkt. Die Besatzung und er hatten sich auf ein Floß gerettet und wurden von deutschen Soldaten aus dem Eismeer gefischt. Er hatte zwei Kriege überlebt und zig Verdienstkreuze vom Führer erhalten. An seine Geschichten aus ihrer Kindheit kann sie sich gut erinnern. Zum Beispiel die, in der er mit seinem Schiff im Bauch eines Walfisches landete. Die vielen Buddelschiffe, die er eigenhändig baute, und seine Malereien an den Hauswänden – alles wurde vernichtet. Wer sich wohl die vielen Verdienstkreuze unter den Nagel gerissen hat?
Vielleicht einer ihrer Cousins?
Wie oft ist sie die Strecke von fast 300 Kilometern in die Kalte Heimat gefahren? Sie weiß es nicht mehr. In dem Jahr, als ihre Mutter im Sterben lag, waren es gefühlte hundert Mal.
Endphase – Morphium, Höchstdosis. Ihre zwei Brüder und sie wechseln sich schichtweise ab. Urschreie, animalisch laut, sie bäumt sich auf, ihre Augen tragen einen Schleier, sie sind geöffnet und schnellen hin und her. Sie fragt die Nachtschwester, warum ihre Mutter solche Schreie von sich gibt. Die Antwort: „Sie kann sich nicht mehr anders artikulieren.“ Vielleicht sieht die Mutter ihr Leben noch einmal. Alles, was sie nie sehen wollte, erscheint auf ihrem inneren Bildschirm. Sie kann sich nicht mehr weigern, nicht mehr die Tatsachen und Wirklichkeiten in dunklen Ecken verstecken. Ihr ewiger Satz: „Das war alles nicht so“, wird nun enttarnt. Sie muss ihre Vergangenheit annehmen und akzeptieren und der Wahrheit ins Gesicht sehen.
Der Arzt tritt ein und bittet sie, vor die Tür zu kommen. Er schüttelt mit dem Kopf, so etwas hat er in seiner Berufslaufbahn noch nicht erlebt, seit drei Tagen bekommt sie die Höchstdosis, mehr kann er nicht tun, normal sei das nicht.
Sie will sich gerade nach ihrer sechsstündigen Nachtschicht zum Schlafen hinlegen, da meldet sich ihr Bruder am Telefon und sagt: ”Sie hat es geschafft.“
Über 20 Jahre ist das her. Ihre erste große Liebe ist im Rentenalter zurück in sein Elternhaus in das Kaff gezogen. Sie haben noch Kontakt und er hat sie vor drei Jahren eingeladen, ihn zu besuchen. Bisher hat sie Corona vorgeschoben. Doch für diesen Sommer hat sie es sich fest vorgenommen. Sie nimmt auch einen dicken Schal mit.
Marion Diehr
Gleichung mit Unbekannten
