Fiese Liebe - Friederike Lydia Ahrens - E-Book

Fiese Liebe E-Book

Friederike Lydia Ahrens

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Beschreibung

Sie steht am Atlantik am Strand und will hier das Buch "Fiese Liebe" schreiben. Sie stellt sich vor, dass jedes Sandkorn um sie herum ein Teil ihres Lebens ist. Das Wasser kommt und die Wellen schleudern die Sandkörner in alle Richtungen. Einige verschwinden im Meer, andere kommen zurück an Land. Von welchen will sie eigentlich erzählen? Von denen, die im Meer verschwinden - oder von denen, die zurückkommen und an Land versanden? Manchmal zweifelt sie an ihrem Vorhaben. Von wo aus betrachtet man sein Leben? Es wird kühl und kalt. So fühlt sich auch oft ihr Leben an.

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Seitenzahl: 98

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Friederike Lydia Ahrens ist eine ausgebildete Künstlerin, die sich zuletzt mit StreetArt Collagen einen Namen gemacht hat und anderen Künstlern, in der Hamburger Galerie Schichtwechsel, eine viel beachtete Öffentlichkeit bietet. „Immer wieder neue Wege gehen, denn Leben schreit nach Veränderung.“ Mit diesem Credo hat sie sich dem Schreiben zugewandt und zunächst Gedichte veröffentlicht. Die Frauenchronik „Fiese Liebe“ ist ihr literarisches Erstlingswerk.

Friederike Lydia Ahrens

Fiese Liebe

Sucht & Suche

Eine Frauenchronik

Dies ist ein Werk der Fiktion. Alle Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

© 2020 Friederike Lydia Ahrens

Umschlag: Renate Haußmann

Lektorat: Ursula Schötzig, Astrid Meyer-Gossler

Korrektorat: Dorit Flor (Klopfecke)

Cover: Collage von Friederike Lydia Ahrens (2016)

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359

Hamburg

978-3-347-05853-8 (Paperback)

978-3-347-05854-5 (Hardcover)

978-3-347-05855-2 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung

FIESE LIEBE

Sucht & Suche

Prolog: Sandkörner

Kindheit

Erste Liebe

Wilde Zeiten

Jens

Wolf

Ende: Kuschel-Emil

Prolog

Sandkörner

Sie steht am Atlantik am Strand und will hier das Buch „Fiese Liebe“ schreiben.

Sie stellt sich vor, dass jedes Sandkorn um sie herum ein Teil ihres Lebens ist. Hinter ihr und neben ihr die Felsen – auch diese „Rockies“ haben eine Rolle gespielt.

Das Wasser kommt und die Wellen schleudern die Sandkörner in alle Richtungen. Einige verschwinden im Meer, andere kommen zurück an Land. Von welchen will sie eigentlich erzählen? Von denen, die im Meer oder in anderen Ozeanen verschwinden – oder von denen, die zurückkommen und an Land versanden? Manchmal zweifelt sie an ihrem Vorhaben. Kein Buch – eher ein Drehbuch oder ein Theaterstück? Von wo aus betrachtet man sein Leben?

Von innen – von außen – von unten oder von oben? Aus dem Himmel? Vielleicht sollte sie es wie eine Straßenkarte kreieren: Einbahnstraßen, Sackgassen, Autobahnen, Serpentinen, Feldwege, Sandgruben, Achtung Schlaglöcher! Sie hat alle alten Skripte weggeschmissen.

Hier will sie von vorn anfangen.

Jetzt geht gerade die Sonne unter am Atlantik. Die kleinen Sandkristalle werden dunkel und die Felsen sehen fast schwarz aus. Überall sieht sie Gesichter.

Es wird kühl und kalt. So fühlt sich auch oft ihr Leben an.

Vorhin war es noch sonnig und warm.

*

Sie steht an ihrem Küchentisch in Andalusien und taucht wieder ein – in dieses alte Gefühl „Alleinsein“ – sie ist hier allein, sechs Wochen, um ihr Buch zu schreiben.

Nach drei Tagen hat sie das große „P“ wie „Panik“ auf der Stirn. Was willst du hier, das schaffst du nie! Sechs Wochen mutterseelenallein vor leeren Zetteln? Wie willst du das aushalten?

Die Depression steht schon auf der Fußmatte. Sie hadert mit sich und der Welt. Sie kann nicht zurück. Zu vielen hat sie von ihrem Buchprojekt erzählt. Ihrer Schreibgruppe hat sie es versprochen: „Nun geht es los!“

Und jetzt aufgeben?

Sie spült die anreisende Depression mit Anislikör runter, auf Eis – das tut gut und beruhigt den Magen.

Dann, nein, sie gibt nicht auf. Sie ist eine Kämpferin, das war sie immer. Sie hält durch. Sie wird es schaffen.

Das verkackte Leben muss endlich raus – egal, ob das jemals ein Schwein liest! Sie muss es für sich raushauen!

Sie geht am Atlantik spazieren. Der Himmel ist blau. Das Geräusch der Wellen beruhigt ihre Seele.

Sie fühlt ihre Freiheit und ein Gefühl von Glück!

 

Fiese Liebe

Ja, die Liebe, die kann mich mal

dafür ist das Glück jetzt da!

Ich sitz in der Sonne,

Was für ’ne Wonne!

Scheiß Buch, war ’n Versuch!

Liebessscheiße und verkacktes Leben

Wer will das schon lesen?!

Heute woll’n die Leute lachen

Nix mit negativen Sachen!

Die Liebe gibt nicht nur Hiebe

Sie hebt auch ab in den Himmel

Auf ’nem weißen Wolkenschimmel!

Oben, vom Himmel, runtergucken,

Und auf alles da unten spucken!

Hey, ihr da unten, ihr könnt mich mal

Ich sitze jetzt auf Wolke sieben

Und genieß es in vollen Zügen!

Bodenhaftung – was ist das?!

Mach mich vor lauter Lachen nass!

Kindheit

Wohlbehütet, in einem Viergenerationenhaus, einer Villa mit Garten, am Zaun im Westen, da wuchs sie auf.

Die Großmutter mit ihrem Vater, dem Urgroßvater, wohnte oben und sie mit ihren Eltern und ihrem kleinen Bruder, Hög, unten. Das Hausmädchen hatte ein Zimmer bei Omi unter der Dachschräge. Sie war am liebsten in dem kleinen Dachzimmer, in dem alle Bettdecken und Kissen aufbewahrt wurden. Sie lagen zu einem hohen Berg aufgestapelt auf einem Bett, dicht an einem kleinen Fenster zur Straße.

Hierhin verzog sie sich gern, wenn es dunkel wurde – dann tauchte sie ein in die nach Lavendel und Mottenpulver duftende Kissenwelt, die ihren Körper mit einer Daunenschwere umhüllte und wärmte. Dann schaute sie aus dem Fenster und beobachtete die vielen Maikäfer und anderen Insekten, die sich gegenüber auf der Straße im Schein der Gaslaternen tummelten und zuhauf herumflogen. Autos gab es zu der Zeit kaum.

Tagsüber war die Straße ihr Spielfeld – hier trafen sich alle Kinder aus der Nachbarschaft, bei Sonne, Regen und Schnee. Nur zum Mittag- und Abendessen wurden sie ins Haus gerufen. Im Garten dieser Villa gab es alles: Obst, Gemüse, Hühner, Enten und einen Taubenschlag. Auf dem Hof hatten die Kinder eine große Sandkiste und eine Schaukel, mit der man bis in den Himmel schaukeln konnte.

Ihr Urgroßvater hatte früher auf der Insel Rügen eine große Gärtnerei gehabt. Er hatte den Garten mit viel Liebe und Sachverstand angelegt und er pflegte ihn bis kurz vor seinem Tod. Opa Klewe trug immer einen dunklen Anzug mit weißem Hemd und einem steifen weißen Pappkragen mit Fliege. Sie hatte ihn nie anders gesehen.

Morgens, wenn er bei Omi oben in der Küche seinen Haferschleim aß, guckte sie mit Brüderchen gerne dabei zu – weil es so schön eklig war, wenn sich die Fäden des Schleims in seinem langen weißen Bart verfingen. Omi hatte ihm immer eine riesige weiße Serviette über seinen Oberkörper drapiert, damit der Anzug nichts davon abbekam. Sie mochte nie Haferschleim. Igitt, bei dem Gedanken daran kann sie sich noch heute schütteln!

Schon als kleines Mädchen half sie ihrer Mutter gern beim Hühnerschlachten. Brüderchen und sie waren dabei, wenn sie mit dem Hackebeil dem Huhn auf dem Hauklotz den Kopf abschlug. Es passierte häufig, dass die Hühner ohne Kopf davonflogen, und dann rannten Hög und sie hinterher und sammelten sie wieder ein. Oft flogen sie auf den benachbarten Sportplatz, das war ziemlich weit. Danach half sie dabei, die Hühner zu rupfen und auszunehmen. Ihr größtes Vergnügen war es, die Mägen aufzuschneiden und den Inhalt zu betrachten.

Sonntags gab es oft Täubchen, gebraten. Die kamen von Uropas Taubenschlag hinter dem Haus.

Weil an so einem kleinen Vogel nicht viel dran war, wurde der Bauch immer noch mit Hackfleisch gefüllt. Dazu gab es selbst gemachten Kartoffelsalat von Omi.

Gegessen wurde sonntags immer zusammen mit allen auf der Veranda vor dem Haus. An Feiertagen wurde im Esszimmer am großen runden Tisch gespeist – alltags aßen sie in der Küche.

*

Einmal im Jahr wurde ein Schwein geschlachtet. Dafür kam extra ein Schlachter und der ganze Keller war voll mit Schlachttisch und Schoten, riesigen Kochtöpfen, die auf dem Feuerherd standen, und stapelweise Weckgläsern. Kurz vor dem „Todesschuss“ durften Hög und sie noch auf dem Schwein über den Hof reiten. Danach wurden sie weggeschickt, um die Wurstmaschine beim Nachbarn abzuholen – diese Maschine gab es gar nicht. Und wenn sie wiederkamen, hing das Tier schon tot und zweigeteilt am Haken auf dem Hof.

An diesem Tag war richtig was los: Viele Leute aus der Nachbarschaft kamen und halfen dabei, alles zu verarbeiten. Das ganze Haus roch nach Fett und gekochtem Blut und Leberwurst. Die Frauen trugen alle Kopftücher und Schürzen. Nichts wurde weggeschmissen, alles wurde verwertet und zubereitet.

Abends saßen dann alle zusammen an einer riesigen Tafel. Dann gab es fettige Brühe und Wurstbrei mit Brot und danach für die „Großen“ ganz viel Schnaps.

Jeder Nachbar bekam eine Milchkanne mit Fettbrühe und dazu eine kleine Leberwurst geschenkt.

Die Vorräte reichten dann bis zum nächsten Jahr bzw. bis zum nächsten Schwein.

Sie isst heute noch keine Rotwurst und den Geruch von der Fettbrühe, den hat sie sofort in der Nase, wenn sie daran denkt!

*

Sie hatte immer aufgeschlagene Knie, entweder war sie auf Rollschuhen, auf dem Roller oder beim Radfahren verunglückt. Oder einfach nur so – beim zu schnellen Rennen und Laufen auf die Klappe bzw. auf die Knie gefallen. Dann gab es Jod und Pflaster. Den brennenden Schmerz, wenn das Jod auf die Wunde getupft wurde, vergisst sie nie!

Einmal war sie beim Versteckspielen auf einen großen rostigen Nagel getreten, der kam oben aus dem Fußspann wieder raus. Da musste sie ins Krankenhaus und eine Spritze bekommen. Ihr Kinderleben war nicht ungefährlich!

Ihr großer Freund im Verband-Anlegen war der Chef vom städtischen Krankenhaus, Dr. Dr. Falk. Er wohnte mit seiner Frau und seinem Sohn in der Nachbarschaft. Seine Geliebte lebte auch in seinem Haus. Sein Hund, ein Terrier, war immer an einer Mullbinde statt an einer Hundeleine angebunden. Das andere Haustier war ein Papagei, den der Sohn Florian gerne auf seiner Schulter trug und mit ihm so durch das Dorf spazierte. „Onkel Falk“ hatte an ihr einen Narren gefressen und nannte sie immer liebevoll „meine kleine Hexe“. Jedes Mal, wenn sie sich verletzt hatte, rannte sie ins Krankenhaus gleich um die Ecke und holte sich bei ihm Pflaster, Jod, Verband oder eine Spritze ab. Einmal hatte er sie sogar in dem nach Äther stinkenden OP-Saal, während der Operation eines Patienten, mit einem Verband für ihren aufgeschlagenen Arm versorgt.

In ihrem Dorf gab es „Banden“, die sich gegenseitig bekämpften, zwischendurch vertrug man sich wieder. Sie beschmissen sich gegenseitig mit Steinen, die man vorher mit nassem Sandmatsch ummantelte und dann aufeinander warf.

Sie war nie gut im Werfen – sie traf keinen. Aber einmal traf sie das einzige Auto, das an diesem Tag die Straße entlangfuhr – einen „Gogo“, nagelneu. Das Dach hatte von ihrem Geschoss eine fette Delle bekommen und der Besitzer klingelte sofort bei ihrer Mutter.

Bis zur Dunkelheit versteckte sie sich in dem Farnkraut, das die Villa umwuchs, wo man sie dann heulend fand. Sie hatte auch noch in die Hosen gepinkelt. Diesmal bekam sie nicht den Hintern verdroschen, man hatte sich Sorgen über ihren Verbleib gemacht.

*

Im Sommer lief sie meistens barfuß im Garten umher, abends hieß es dann „Füße waschen!“ – mit einer Bürste die Sohlen sauber schrubben, das hasste sie!

Einmal hatte Papi sie beim Gute-Nacht-Sagen mit schwarzen Füßen erwischt. Kurz darauf kam er mit der Braunschweiger Zeitung und Bindfaden an ihr Bett und wickelte ihre Füße damit ein. Das war ihr beider Geheimnis!

*

Papi – irgendwann war er einfach weg!

Niemand konnte ihr sagen, wo er war – ihre Mutter, ihre Omi, Opa Klewe, das Hausmädchen –, alle hatte sie gefragt und immer wieder: keine Antwort oder Auskunft über seinen Verbleib! Er war weg. Irgendwann gab sie es auf und fragte nicht mehr nach ihm. Sie hat nicht geweint. Von da an pinkelte sie ins Bett und in die Hosen.

Omi statuierte: „Das Kind hat eine Blasenschwäche.“ Ab da musste das „Kind“ kratzige rosafarbene Wollschlüpfer tragen. Besonders eklig fühlten die sich an, wenn sie reingepinkelt hatte und der Stoff am Körper trocknete. Das dauerte ewig und machte auch noch hässliche rote, juckende Ekzeme an den Oberschenkeln.

*

Das erste Weihnachtsfest ohne „Papi“ war sehr traurig. Mami musste am Heiligabend-Morgen mit akutem Blinddarm ins Krankenhaus. Hög und sie saßen mit Omi und Opa Klewe allein unter dem bis zur Decke reichenden, festlich mit Lametta und Silberkugeln geschmückten Weihnachtsbaum. Obwohl es einen Puppenherd und für ihre Puppe neue Kleider gab, konnte sie sich nicht richtig freuen.