Die Erfindung der Leistung - Nina Verheyen - E-Book

Die Erfindung der Leistung E-Book

Nina Verheyen

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Beschreibung

Unsere Gesellschaft ist eine Leistungsgesellschaft. Aber was meinen wir, wenn wir von "Leistung" sprechen? Wie wurde Leistung zu einer vermeintlich objektiven, individuellen Größe und wie haben sich soziale Beziehungen und Gefühle dadurch verändert? Warum definieren sich Menschen über ihre Leistung – oder über das, was sie und andere dafür halten? Anschaulich und erhellend beschreibt Nina Verheyen, wie sich das Verständnis von Leistung gewandelt hat und erzählt die Geschichte einer Idee, die unser aller Leben prägt. Sie plädiert für eine historisch informierte und zugleich neue, sozialere Definition von Leistung, mit der sich überzeugend gegen Optimierungszwänge, Marktmechanismen und soziale Ungleichheit streiten lässt.

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Seitenzahl: 289

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Leistung prägt unseren Alltag: Seit im Verlauf des 19. Jahrhunderts die Vorstellung von »individueller Leistung« entstand, glauben wir, dass Leistung eine objektive Größe ist. Mithilfe von Apparaten, Formeln oder Tests messen wir unsere Fähigkeiten, vergleichen sie miteinander und hierarchisieren sie – sei es Arbeitskraft, sportliche Ausdauer oder Intelligenz. In Wahrheit aber steht hinter jeder vermeintlich persönlichen Leistung ein komplexes gemeinschaftliches Zusammenspiel: Menschen strengen sich gemeinsam an, um etwas zu schaffen – und sprechen dann zusammen von den Leistungen Einzelner.

Erhellend und aufschlussreich zeigt Nina Verheyen, dass das, was wir heute unter »individueller Leistung« verstehen, das Ergebnis einer relativ jungen historischen Entwicklung ist. In einer Zeit, da jede Kritik an Kapitalismus oder Neoliberalismus automatisch auch Kritik am Leistungsdenken bedeutet, plädiert sie für eine historisch informierte und zugleich neue, sozialere Definition von Leistung, mit der sich überzeugend gegen Optimierungszwänge, Marktmechanismen und soziale Ungleichheit streiten lässt.

Hanser Berlin E-Book

Nina Verheyen

Die Erfindung der Leistung

Hanser Berlin

Inhalt

Kapitel 1

Einleitung

Die Erfindung der Leistung

Kapitel 2

Leistungsgefühle

Freud und Leid im meritokratischen Zeitalter

Kapitel 3

Leistungspraktiken

Wer entscheidet, wie gut wir sind

Kapitel 4

Geselligkeit als Leistung?

Bürgerliche Tugenddiskurse um 1800

Kapitel 5

Kult der Effizienz?

Die Entstehung des modernen Leistungsbegriffs zwischen Wissenschaft, Recht und Wohlfahrtsstaat im 19. Jahrhundert

Kapitel 6

Das Drama der Leistungssteigerung

Kollaps und Karriere auf dem Weg ins 20. Jahrhundert

Kapitel 7

Von den Widersprüchen der Leistungskritik zu einem sozialen Leistungsverständnis

Einladung zum Gespräch

Danksagung

Nachweise

Quellen und Literatur

Kapitel 1

Einleitung

Die Erfindung der Leistung

Die fetten Jahre sind vorbei, die Hippies längst verrentet, und viele jüngere Deutsche zeigen sich überaus leistungsorientiert. Das gilt selbst für die Kinder jener 68erinnen, die einst antraten, das Leistungsprinzip aus der Welt zu schaffen.* Aus diesem Gegensatz bezieht Toni Erdmann tragikomisches Potential, der 2017 für den Auslands-Oscar nominierte Spielfilm der deutschen Regisseurin Maren Ade. Denn dort sabotiert Winfried, ein humoriger Alt-68er, die Karriere seiner ehrgeizigen Tochter Ines, die in Rumänien als Unternehmensberaterin tätig ist. Der zauselig grauhaarige Mann im Schlabberlook sieht nicht ein, warum die junge, dynamische Frau mit strenger Hochsteckfrisur und makellosem Kostüm für eine Consultingfirma genau den Job erledigt, den andere von ihr verlangen, obwohl er ziemlich unmoralisch ist. Ines dagegen erkennt: Winfried handelt weniger aus Altruismus denn aus Egoismus, er sucht Kontakt. Allerdings gesteht er sich die wahren Beweggründe seines Handelns nicht ein. Im behaglichen Gefühl moralischer Überlegenheit provoziert er lieber andere.

Zum Konflikt zwischen Alt-68er und Unternehmensberaterin gibt es eine Parallele auf dem Buchmarkt, und zwar schon lange. Auf der einen Seite steht eine Fülle an Selbstoptimierungs- und Karriereratgebern, deren inhaltliches Spektrum von Hinweisen zur Steigerung körperlicher und geistiger Fitness über Kniffe zur psychischen Prüfungsvorbereitung, zur Stärkung des Selbstbewusstseins und zur Verbesserung des Zeitmanagements bis hin zu konkreten Tipps für die berufliche Laufbahn inklusive des effektiven Umgangs mit Kolleginnen, Vorgesetzten und Untergebenen reichen. Auch wie man die Intelligenz der eigenen Kinder frühzeitig stimulieren kann, lässt sich auf diesem Wege lernen. Flankiert werden solche Hinweise von Studien zur Leistungsmessung und -steigerung, sei es in der Wirtschaft, im Feld der Bildung oder im Sport. Auf der anderen Seite stehen sowohl populäre als auch wissenschaftliche Bücher, die vor der Leistungsideologie warnen, die sich in solchen Texten manifestiert. Demnach leben die Deutschen in einer Welt, die Menschen nicht nur beruflich, sondern auch im Privaten und in der Freizeit beständig auf Leistung trimmt, weshalb sich viele enorm anstrengen. Leider geschieht das häufig bis zur völligen Erschöpfung sowie zusätzlich vergebens. Denn westlich-moderne Staaten wie die Bundesrepublik beschreiben sich zwar als »Leistungsgesellschaften« oder »Meritokratien«, die den Anspruch haben, ökonomische Produktivität zu steigern, indem sie berufliche Positionen und sozialen Status an individuelle Leistung knüpfen, statt an Herkunft. Aber Letzteres ist bestenfalls ein schwer einzulösendes Versprechen und im schlechtesten Fall eine gezielte Lüge. Neben Glück und Zufall greifen zahlreiche Faktoren systematisch in Karrieren ein, auf die der Einzelne keinen Einfluss hat: Familie, Hautfarbe, Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit, Staatsangehörigkeit und nicht zuletzt Alter und äußeres Erscheinungsbild. Vor allem Kinder aus sogenannten bildungsfernen Schichten, Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund und weiblichen Geschlechts können noch so begabt sein und sich noch so sehr abmühen, sie haben sehr viel geringere Chancen als weiße junge Männer der Ober- und der oberen Mittelschicht, ihre Kräfte in Geld und Status umzuwandeln. Die Leistungsideologie, so daher die Kritik, führt nicht nur zur Verausgabung. Sie verschleiert darüber hinaus überaus feste Strukturen sozialer Ungleichheit, die den herkunftsunabhängigen Aufstieg zumindest schwierig machen, um das Mindeste zu sagen.

Im Fahrwasser dieser Bücher erobern seit einiger Zeit auch Ratgeber zum Umgang mit Stress und Burnout-Erkrankungen sowie zur Wiederentdeckung der Muße den Markt. Sie sind sehr erfolgreich, denn viele bedienen die Interessen von Leistungskritikern und Leistungsverfechtern gleichzeitig. Einerseits ermuntern sie dazu, das ganze Wochenende in der Hängematte zu liegen und die Kinder im Garten vor sich hin toben zu lassen. Andererseits wird ein solches Verhalten nicht bloß gepriesen, weil es Spaß macht, sondern auch, weil es dazu dienen soll, die erschöpften Ressourcen wieder aufzufüllen und die Kreativität zu fördern. Mit Hängematte und Garten wird die Familie fit gemacht für den Arbeitsmarkt einer als globalisiert und unsicher empfundenen Welt, in der man sich flexibel immer wieder neu erfinden und beweisen muss. Allerdings werden dabei handfeste Widersprüche sichtbar, etwa wenn ein Muße-Prediger von seinem ererbten Landsitz aus spricht oder eine gutbezahlte, verbeamtete Professorin das angepasste Leistungsdenken der Jungen beklagt, wenn also Menschen zum Ausstieg aus dem meritokratischen Hamsterrad aufrufen, die sich selbst gar nicht abstrampeln müssen. Denn was tun, wenn das Konto die Dispogrenze erreicht, sobald ein Auftrag ausbleibt, oder wenn betriebsbedingte Kündigungen anstehen und die Kolleginnen ihren Urlaub nutzen, um zu arbeiten? Der Aufruf »Entspann dich!« hat selten zur Entspannung geführt, und den Garten muss man sich erst mal leisten können.

Das Leistungsparadigma pauschal zu verteufeln, also die systematische Ausrichtung von Wirtschaft, Sozialem und Alltagskultur auf das, was als Leistung verstanden wird, hilft nicht weiter. Erstens lässt sich das Paradigma auf diese radikale Weise ganz offensichtlich nicht aus der Welt schaffen. Und zweitens ist bei aller berechtigten Kritik eine Sache zu bedenken: Es stimmt zwar, dass unter Rekurs auf Leistung soziale Gerechtigkeit, persönliche ökonomische Sicherheit und psychisches Gleichgewicht ständig gefährdet werden, aber können »wir« – die Leserinnen dieses Buches in all ihrer Heterogenität – deshalb auf die Kategorie verzichten? Wie sollen Geld und Status denn sonst verteilt werden, also jedenfalls dem Anspruch nach? An alle das Gleiche oder an jeden nach seinem Bedürfnis? Wer soll dieses Bedürfnis dann definieren? Oder möchte jemand in eine ständische Ordnung zurück, in der persönlicher Status ganz offiziell von der Geburt in ein bestimmtes Elternhaus hinein abhing? Die Gegenwart entwickelt insofern quasifeudalistische Züge, als bestimmte Teile einer schmalen, stark globalisierten Elite einen ostentativ luxuriösen Lebensstil pflegen und den Nachwuchs mit Privilegien versorgen, von denen selbst die gehobenen Mittelschichten nur träumen können. Aber vom einst real existierenden Feudalismus ist die Bundesrepublik Deutschland trotzdem weit entfernt – zum Glück.

In diesem Buch übe ich daher weder pauschale Leistungskritik, noch breche ich umgekehrt eine Lanze für das Leistungsprinzip. Beides ist schon oft genug geschehen. Stattdessen tragen die Ausführungen zu einem besseren Verständnis von »individueller Leistung« als einer im Alltag ebenso mächtigen wie unentdeckten Kategorie bei, und zwar als Grundlage für eine differenziertere Kritik, die auch tatsächlich etwas bewirken kann, ohne das Kind mit dem Bade auszuschütten. Gerade wer sich ein weniger erschöpfendes und einzelkämpferisches, dafür ökonomisch sichereres und ruhigeres sowie sozial gerechteres Leben wünscht, darf den Glauben an »Leistung« als Ordnungskategorie des Sozialen nicht vollständig aufgeben. Das gilt ganz besonders in heutigen, häufig als neoliberal bezeichneten Zeiten, in denen das Leistungsparadigma besonders massiv um sich zu greifen und dem Einzelnen unter die Haut zu kriechen scheint.

Doch was ist mit individueller oder auch personaler Leistung eigentlich gemeint? In Debatten über soziale Gerechtigkeit verweist die Kategorie auf ein aus den Anstrengungen oder dem Aufwand einer einzelnen Person resultierendes Handlungsergebnis, das unter den Bedingungen formaler Chancengleichheit erbracht und von anderen erwünscht wird, der Gesellschaft also nützt und von ihr entsprechend belohnt werden sollte. Dieses von Soziologen auch im Alltag beobachtete Grundverständnis koaliert, konkurriert und koexistiert allerdings mit physikalischen, juristischen, betriebswirtschaftlichen, sportwissenschaftlichen, psychologischen und vielen anderen Annäherungen. Darüber hinaus ist es in den letzten Jahren durch eine ganze Reihe sozioökonomischer und kultureller Entwicklungen unter Druck geraten. Im Ergebnis gelten immer öfter individuelle Kompetenzen, soziale Netzwerke und ökonomische Gewinne als Leistung, obwohl alle drei etwas ganz Eigenes darstellen.

Wer beispielsweise mit Aktien einen hohen Gewinn erzielt und insofern erfolgreich ist, muss sich dafür in keiner Weise angestrengt haben. Wer auf Facebook eine beeindruckende Zahl an Freundinnen listet, dem nützt das unter Umständen zur Anbahnung einer Geschäftsbeziehung, es könnte also profitabel werden. Und wer außerdem seine Stimme mit Hilfe eines Bewerbungstrainings kraftvoller werden lässt, steht in Einklang mit dem Paradigma der Selbstoptimierung – aber hat er oder hat sie deshalb wirklich schon etwas geleistet, also etwas getan und hervorgebracht, was der Gesellschaft dienlich ist?

In dieser Perspektive wird deutlich: Der Stress, den viele empfinden und der so oft beklagt wird, ist im engeren Sinne nicht Ausdruck von Leistungsdruck. Eher stehen dahinter das Streben nach Profiten, der Zwang zur Vernetzung sowie zur Selbstoptimierung. Gewiss, genau das wird gerne als Leistungsdruck bezeichnet. Aber wo bleibt der Nutzen für andere? Könnte der Ruf nach Leistung im konventionellen Sinne, also nach Wertschätzung gezielter individueller Anstrengungen, die Ergebnisse produzieren und der Gesellschaft dienlich sind, hier womöglich sogar Entlastung schaffen?

Leistung als Lösung, das funktioniert nicht ganz. Denn die gegenwärtig in manchen Bereichen zu beobachtende Auflösung der Kategorie in trainierbare Kompetenzen, ökonomische Erfolge und soziale Netzwerke, das heißt in Selbstoptimierungsstrategien, Marktmechanismen und Kommunikationszwänge, ist leider nicht das einzige Problem. Hinzu kommt, dass das vorherrschende Alltagsverständnis von individueller Leistung selbst hochgradig problematisch ist. Es suggeriert in aller Regel, es gebe da eine feste Größe, die aus autonomen Intentionen und Fähigkeiten resultiert sowie im Idealfall zu Erfolgen führt, eine Größe individueller Kraftanstrengung, die sich wie in der Physik objektiv messen, linear steigern und auf Einzelpersonen zurückführen lässt, um dann in einem zweiten Schritt möglichst gerecht von »der« Gesellschaft belohnt zu werden. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen, erst die Leistung, dann die Anerkennung, das Geld und der kollektive Dank. Aber diese Vorstellung stößt auf ein gravierendes Problem.

Es gibt keine individuelle Leistung im quasiphysikalischen Sinne, also unabhängig von menschlichen Sinnstiftungen und sozialen Kontexten. Stattdessen ist jede Leistung immer auch eine Frage der Perspektive. So macht es bereits einen Unterschied, ob eher der Grad einer Anstrengung, also der Fleiß und die Verausgabung, oder aber das dadurch hervorgebrachte Ergebnis belohnt werden soll. Darüber hinaus ist es tatsächlich reine Ansichtssache, wie sich die Werte von Leistungen auf ökonomischen, politischen, kulturellen, wissenschaftlichen und weiteren Gebieten relativ zueinander verhalten. Einen Konsens darüber kann es in einer pluralistischen Gesellschaft nicht geben. Gleicher Lohn für gleiche Leistung? Eine gute Idee, aber sie ist schon deshalb unmöglich umzusetzen, weil die Frage, was eigentlich eine Leistung ist, so unterschiedlich bewertet wird. Wer also entscheidet, was als Leistung gilt? Wessen Perspektive setzt sich durch?

Ansichtssache ist Leistung außerdem insofern, als Arbeitsvorgänge viel zu eng miteinander verflochten sind, um ein einzelnes Produkt, Werk oder anderes Ergebnis tatsächlich zweifelsfrei auf das Handeln einer Einzelperson zurückführen zu können. Das hat wenig mit dem Bedeutungsverlust klassischer Industriearbeit oder der seit geraumer Zeit um sich greifenden Teamwork-Rhetorik zu tun, denn hinter allem, was Menschen erreichen, stehen letztlich die Anstrengungen von vielen. Das gilt für Werbetexterinnen in der digitalen Kreativbranche, die per Skype-Brainstorming gemeinsam einen neuen Slogan entwickeln, oder für die Torschützen einer Fußballmannschaft, die bei Journalistenfragen nach ihrem Erfolgsrezept artig jedem Selbstlob widerstehen und stattdessen die Mannschaft rühmen. Es betrifft aber ebenso eine 100-Meter-Läuferin, die sichtbar alleine die Zielgerade erreicht und auf dem Siegerpodest alleine jubelt. Denn hat sie nicht ebenfalls einen Trainer, der sie vorbereitet, eine Ärztin, die sie betreut, ein Publikum, das sie per Applaus vorantreibt, und vielleicht eine liebevolle Familie, die sie unterstützt? Und es betraf auch schon den kleinen Angestellten des späten 19. Jahrhunderts, dessen Ehefrau für ihn das Essen kochte, die Wäsche wusch und die Kinder beaufsichtigte, oder den betuchten Professor aus der gleichen Zeit, dessen Gattin von vielen häuslichen Aufgaben durch ein Dienstmädchen entlastet wurde – und dann Zeit hatte, das Manuskript des Gatten Korrektur zu lesen oder für ihn fremdsprachige Quellen zu übersetzen. Das konventionelle Leistungsverständnis blendet diese Arbeit der anderen systematisch aus. Es ist nicht nur essentialistisch und stilisiert eine ebenso fluide wie unscharfe Größe zu einer festen Entität, sondern es ist auch noch individualistisch – und greift damit an der sozialen Wirklichkeit doppelt vorbei.

Umso spannender ist die Frage, warum diese Kategorie trotzdem plausibel erscheint. Wie haben die Deutschen gelernt, kollektiv an individuelle Leistung zu glauben, obwohl das die Anstrengungen von so vielen ständig in den Schatten stellt und die Kategorie umso unschärfer wird, je näher man an sie herantritt? Wie haben sie gelernt, die Kategorie der individuellen Leistung gemeinsam zu schaffen, indem sie die Ergebnisse kollektiver Arbeit einzelnen Menschen als individuelle Leistung zuschreiben und das zumindest im Alltag weitgehend ohne Streit akzeptieren? Wie haben sie – wie haben wir – gelernt, den sozialen Charakter dieser Kategorie gemeinsam auszublenden und vergessen zu machen?

In diesem Buch beschreibe ich aus unterschiedlichen Perspektiven, wie sich das Leistungsparadigma im Verlauf der Zeit verfestigt hat, aber auch, wie es immer wieder verändert wurde, indem Leistungserwartungen ebenso stabilisiert wie aufgebrochen, Techniken der Leistungsmessung ebenso fortgeführt wie modifiziert, Formen der Leistungsbelohnung ebenso zementiert wie reformiert wurden. Dabei begreife ich individuelle Leistung als eine regelrechte »Erfindung«, um deren konstruktive Seite zu betonen, also den Stellenwert von menschlichen Deutungen und Sinnstiftungen, sowie die sich daraus ergebende Plastizität dieser eigentümlichen Ordnungskategorie unseres Lebens. Denn genau genommen erfinden alle Menschen in diesem Land individuelle Leistung Tag für Tag immer wieder neu, indem sie gemeinsam entscheiden oder zumindest still absegnen, was als Leistung gelten soll und wem ein Arbeitsergebnis als Leistung zugeschrieben wird und wem nicht.

Das heißt keineswegs, dass Leistungen nicht existieren, denn einmal erfolgreich zugeschrieben und damit in der Welt, sind sie überaus real und mächtig. Aber sie existieren nicht per se, das heißt ohne unsere Bewertung, Zuschreibung und Anerkennung. Die Rede von einer »Erfindung« zielt auch nicht auf einen einzelnen historischen Akt der Kreation sowie einen in diesem Moment einsetzenden linearen historischen Fortschrittsprozess ab, an dessen Ende eine ökonomisch produktive und sozial gerechte Welt stand. Stattdessen geht es mir um »Leistung« als Brille oder Schablone, durch die die Welt betrachtet wird, um Menschen zu hierarchisieren und zu domestizieren, sowie um das breite Panorama von täglichen Praktiken, mit denen es gelingt, Leistungen immer wieder Einzelpersonen glaubhaft zuzuordnen, ohne dass die Kategorie selbst in Frage gestellt wird, jedenfalls nicht grundlegend.

Zwar erregt die ungerechte Belohnung von Leistung ebenso wie die übermäßige Ausrichtung auf Leistung schon lange radikalen Protest, aber diese Kritik bleibt in der Regel innerhalbdes Paradigmas haften: Individuelle Leistung soll besser bezahlt oder weniger ernst genommen werden. Indem davon ausgegangen wird, dass es sie offensichtlich gibt, wird also selbst im Widerstand personale Leistung als reale, glaubhafte Größe immer wieder neu plausibilisiert – und insofern auch immer wieder neu erfunden. Das ist zumindest überraschend.

Wie ist es dazu gekommen, welche Kontinuitäten sind zu erkennen, was hat sich im Zeitverlauf verändert? Und was lässt sich aus der Vergangenheit für die Gegenwart lernen? Heutige öffentliche Leistungsdebatten werden erstaunlich geschichtsblind geführt. Tatsächlich aber führt uns die Vergangenheit erstens die Schattenseiten von Leistung vor Augen, die ungeheure Macht dieser »Fundamentalnorm der Gegenwart«, etwa die Einseitigkeit, mit der Leistungserwartungen definiert und durchgesetzt wurden, das Leid, das sie produziert haben, und vieles mehr. Der Blick in die Geschichte zeigt zweitens aber auch, was wir dieser Kategorie zu verdanken haben. Dazu zählt nicht unbedingt soziale Gerechtigkeit, aber beispielsweise die Aufwertung von Bildung als Fundament für ein höheres Einkommen oder die Anfänge des Sozialstaats. Drittens, quer dazu, demonstriert die historische Analyse die Spielräume politischer Gestaltung. Denn das inhaltliche Verständnis von Leistung und die konkreten Formen der Leistungsmessung haben sich immer wieder gewandelt, die Kategorie ist nicht nur mächtig, sondern auch flexibel.

Das ist eine Chance. Wer etwas ändern will, muss den Glauben an Leistung keineswegs aus der Welt schaffen, er kann ihn auch neu füllen. So plädiert dieses Buch für ein soziales Leistungsverständnis, das die kollektiven Bedingungen jeder vermeintlich individuellen Leistung von vornherein in die Betrachtung integriert und zum Ausgangspunkt für politisches Handeln macht: Es gibt keine individuelle Leistung per se, und was als individuelle Leistung gilt, entscheiden viele Menschen im Alltag gemeinsam immer wieder neu. Das verleiht ihnen Macht, eine Macht, die es selbstbewusster zu nutzen gilt – und besser informiert.

Das Buch umfasst inklusive der Einleitung sieben Kapitel, die den räumlichen Schwerpunkt auf Deutschland legen und manchmal in andere Länder führen. Denn Geschichte fand nie in einem geschlossenen Container statt. Die Welt war lange vor den Globalisierungsdebatten der Gegenwart vernetzt. Schon seit dem frühen 16. Jahrhundert nahm die ökonomische, kulturelle und soziale Verflechtung zu, ein Phänomen, von dem die Europäer des 19. und 20. Jahrhunderts enorm profitierten. Ohne die Ausbeutung der außereuropäischen Welt wäre dieser Kontinent nie so reich geworden, seine vermeintliche Produktivität war in hohem Maße eine Produktivität von anderen. Die vielgerühmten Leistungen Europas im 19. Jahrhundert, insbesondere die Steigerung der ökonomischen Umsatzzahlen oder die Fülle an wissenschaftlichen Entdeckungen, die die Welt veränderten, beruhten maßgeblich auf der Arbeit von Menschen außerhalb des Kontinents. Auch die Leistung der westlich-modernen Welt ist daher vor allem eines: eine gelungene Zuschreibung. Oder soll man gleich sagen, eine Erfindung?

Die nächsten beiden Kapitel spüren Leistung einerseits als subjektiver Erfahrung und andererseits als sozialem Ordnungsprinzip nach. Das zweite Kapitel beschreibt zunächst, wie sich Menschen aus vergangener Zeit die Vorstellung »ihrer« Leistung zu eigen machten, welches Glücksgefühl (bei guter Leistungsbilanz), vor allem aber welches Leid damit verbunden war (wenn jemand den Anforderungen nicht entsprach) – jedenfalls in zeitgenössischer Perspektive. An die Geschichte der Gefühle kommt man zwar nicht unmittelbar heran, sehr wohl aber an öffentliche Debatten und persönliche Bekenntnisse, die Gefühle thematisierten.

Kapitel drei erklärt, was hinter den damals beschriebenen Empfindungen stand, nämlich sozial einflussreiche Praktiken, mit denen individuelle Leistungen vermeintlich objektiv gemessen, faktisch aber täglich neu zugeordnet wurden, um Menschen zu vergleichen und in Hierarchien einzuordnen. Sowohl die Debatten über »Leistungsgefühle« als auch die damit verbundenen Praktiken der Leistungszuschreibung – im Folgenden als »Leistungspraktiken« bezeichnet – gewannen in Deutschland im ausgehenden 19. Jahrhundert für große Teile der Bevölkerung deutlich an Gewicht, in einem Zeitraum, der folglich im Zentrum beider Kapitel steht.

Die anschließenden Ausführungen betten diesen Befund ein, indem sie in chronologischer Reihenfolge schlaglichtartig zeigen, wie sich Verständnisse von Leistung vom frühen 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts einerseits radikalisiert und andererseits mehrfach inhaltlich verschoben haben. Oft beschriebene Themen wie die Kämpfe der Arbeiterbewegung werden dabei gezielt ausgeklammert, denn es geht darum, neue, bislang kaum beachtete Spuren zu entdecken oder bestehende Narrative zu hinterfragen.

Kapitel vier behandelt in diesem Zusammenhang die Jahre von der Spätaufklärung bis zum Vormärz. In dieser Zeit – so ist oft zu hören – sollen Männer aus dem Bürgertum die Bindung von Status an Leistung bereits dezidiert politisch eingefordert und in Teilen auch durchgesetzt haben. Vielen gelten sie daher als eigentliche Erfinder modernen Leistungsdenkens. Aber der bürgerliche Tugenddiskurs der Dekaden um 1800 hatte zumindest in deutschsprachigen Landen mit dem optimierungswütigen, produktivitäts- und effizienzorientierten Leistungsverständnis der Gegenwart wenig zu tun, ja er bietet in Teilen Inspiration für das genaue Gegenteil: die Wertschätzung von Geselligkeit und Familienleben. Nicht das Übertrumpfen von anderen, sondern anderen zu dienen war in bürgerlichen Tugenddiskursen dieser Epoche ausgesprochen wichtig, nicht »die« Leistung im Singular, sondern das Leisten von Gesellschaft, eine freudvolle, auf Wechselseitigkeit angelegte Tätigkeit, die sich exakten Messungen entzog.

Kapitel fünf behandelt das 19. Jahrhundert in seinem Verlauf, also eine von Industrialisierung, Nationalstaatsbildung und Imperialismus, aber auch von Globalisierungsschüben geprägte Epoche. In Deutschland bildete sich ein stark auf die Erwerbssphäre bezogenes, von den Naturwissenschaften in den Bereich des Sozialen übertragenes Leistungsverständnis heraus. Jetzt erst wurde »die« Leistung eines Menschen als eine objektiv messbare Größe im Singular gedacht, auf dieser Grundlage standardisiert, quantifiziert und mit der Leistung anderer Menschen verglichen – in der Fabrik und im Labor. Aber das damals konturierte und aus heutiger Sicht bereits vertraute, in zeitlichem Sinne »moderne« Leistungsverständnis enthielt auch ganz andere Bedeutungen, die mit der Geschichte des Rechts und den Anfängen des Wohlfahrtsstaats verbunden waren. Wer heute höhere Leistungen einfordert und damit nicht höhere Umsatzzahlen, sondern bessere staatliche Unterstützung für Erwerbslose meint, steht in dieser und damit in einer langen Tradition.

Das sechste Kapitel beschreibt die Zuspitzung des Leistungsparadigmas zwischen Fin de Siècle und dem Zweiten Weltkrieg, als es sich immer fester mit dem Gedanken der »Leistungssteigerung« verband. Diese begriffliche Neuschöpfung ist symptomatisch für die Dynamik jener Jahre, die zahlreiche Warnungen des bürgerlichen Jahrhunderts vor überzogener Leistungssteigerung vergessen ließ. Rationalisierte Arbeitsprozesse und gezielt herbeigeführte Spitzenleistungen waren ebenso die Folge wie kollektive und individuelle Zusammenbrüche. Passend dazu gewöhnten massenmedial flankierte Großereignisse im Sport das Publikum an den Anblick des erschöpft am Boden liegenden Siegers. Auch der heraufziehende Nationalsozialismus war keineswegs ein System, das in zeitgenössischer Sicht die Orientierung an Leistung konterkarierte. Im Gegenteil, der systematische Massenmord sowie die Politik der Euthanasie galten als Voraussetzung dafür, die Leistungskraft der »Volksgemeinschaft« weiter zu steigern.

Kapitel sieben lenkt den Blick von diesem Tiefpunkt in der Geschichte des Leistungsprinzips auf die Gegenwart – ein Zeitalter der Leistungskritik. Die Debatte setzte in den 1960er Jahren ein, flaute danach vorübergehend ab und kehrt seit einigen Jahren machtvoll zurück. Viele der in diesem Rahmen geäußerten Argumente sind richtig, aber manche leiden an inneren Widersprüchen, und andere bleiben zahnlos. Beispielsweise wird Leistungskritik als Kapitalismuskritik betrieben – anstatt zu erkennen, wie sich mit Leistung gegen die dunklen Seiten des Kapitalismus streiten lässt. Voraussetzung dafür ist, ein soziales Leistungsverständnis zu entwickeln, das individuelle Leistung als einen kollektiven Kraftakt begreift und als eine gemeinsame Konstruktion, die sich durchaus ändern lässt – und zwar nicht nur auf der Bühne großer Politik, sondern im Alltag. Insofern sind wir dem Leistungsprinzip nicht als verlängertem Arm des Kapitalismus ausgeliefert, wir gestalten es selbst, auch dafür liefert die Vergangenheit Hinweise und Inspiration.

Was von wem und wann als Leistung verstanden wurde, entpuppt sich damit insgesamt als erstaunlich offen. Die Geschichte von Leistung ist die Geschichte einer Unschärfeformel, sie verweist auf Zuweisungen, Erwartungen und Erfahrungen in vielen verschiedenen Lebensbereichen, in denen verschiedene Personengruppen jeweils ganz andere Dinge als Leistung definierten. Sie verlief ohne Telos, war voller Brüche und Ambivalenzen, Gegenläufigkeiten und Varianten. Zu bedenken ist auch, wie heterogen verschiedene Staaten die Mechanismen der Leistungszuordnung gestalteten. Die Leistungsorientierung der Vormoderne sollte nicht unterschätzt, jene der Moderne aber auch nicht überschätzt und vor allem nicht als allgemeingültig angesehen werden. Den Weg in eine sich als meritokratisch stilisierende Gegenwart hat es nicht gegeben, nicht einmal innerhalb Europas. In Frankreich zum Beispiel mussten sich die künftigen, akademisch gebildeten Eliten schon unter Napoleon einer einheitlichen Fähigkeits- und Wissensprüfung unterziehen und dafür kräftig büffeln, während die Studenten an den britischen Elite-Universitäten Oxford und Cambridge noch am Vorabend des Ersten Weltkriegs wenig Wert auf gute Zeugnisse legten und kaum Studieneifer zeigten. Scharfzüngiger Humor und die Geschwindigkeit im Ruder-Achter zählten mehr. Die Briten dafür zu belächeln wäre voreilig, denn sind physische Gesundheit, geistige Beweglichkeit und die kumpelhafte Vernetzung in den besten Kreisen nicht möglicherweise bessere Voraussetzungen für eine berufliche Spitzenposition als ein auswendig gelernter Wissenskanon?

Solche Fragen gehen nicht nur Expertinnen etwas an. Denn wohin die Geschichte von Leistung als Unschärfeformel und Ordnungsprinzip in einem führen wird, entscheiden auch wir. Schließlich werden Leistungsverständnisse nicht nur in abgehobenen wissenschaftlichen Diskursen geprägt, von einer fernen Politik oder einem anonymen Markt diktiert. Sie werden auch und sogar vor allen Dingen in alltäglichen Praktiken konturiert, stabilisiert oder zaghaft modifiziert. Durch das essentialistische und individualistische Leistungsverständnis wird dieser tägliche Gestaltungsspielraum zwar verschleiert, aber gerade in ihm liegt der eigentliche Reiz der Kategorie. Wir sollten sie öfter und gezielter nutzen, um jenseits großer politischer Bühnen im Alltag darüber zu verhandeln, was eigentlich als anerkennungswürdiges Handeln gelten soll. Beim einander entfremdeten Vater-Tochter-Paar aus dem Film Toni Erdmann ist es beispielweise der Humor, der die beiden doch noch zusammenführt. Und dass sie diesen trotz all der Malaisen nicht verlieren, ist tatsächlich eine Leistung. Jedenfalls ließe sich darüber trefflich diskutieren. Zu solchen Diskussionen soll das vorliegende Buch anregen – verfasst mit Neugier und Sympathie für moralisierende Alt-68er und manchmal auch für ehrgeizige Unternehmensberaterinnen.

__________

* In diesem Buch werden die männliche und die weibliche Form in beliebigem Wechsel verwendet, wenn das Geschlecht von Personen(-gruppen) unbekannt ist. Das erspart umständliche Konstruktionen ebenso wie das generische Maskulinum und schließt dennoch alle Geschlechter mit ein.

Kapitel 2

Leistungsgefühle

Freud und Leid im meritokratischen Zeitalter

In einer »Leistungsgesellschaft« soll Einkommen an Leistung gebunden sein, aber dieser Anspruch ist schwer einzulösen, und die bundesdeutsche Realität sieht anders aus. Die in der freien Wirtschaft gezahlten Spitzengehälter in Millionenhöhe haben ganz offensichtlich jeden Bezug zu dem verloren, was die Herren der Schöpfung – und seltener die Damen – auf diesen Positionen tagtäglich tun. Gewiss, mancher Topmanager arbeitet von frühmorgens bis nachts, er trifft riskante Entscheidungen und trägt Verantwortung für viele andere Menschen. Aber dasselbe gilt auch für die Bundeskanzlerin, und dennoch verdient sie viel weniger. Noch einmal deutlich darunter liegt das Einkommen von Hochschulpräsidenten, Staatsanwältinnen sowie von Leitungspersonal in Krankenhäusern, obwohl die dort angestellten Ärztinnen im Schnitt mehr arbeiten, mehr riskante Entscheidungen treffen und mehr Verantwortung für andere tragen als jede Unternehmerin – schließlich geht es ganz unmittelbar um Leben und Tod. Gleichzeitig verdienen Menschen auf Spitzenpositionen in Medizin, Wissenschaft, Bildung und Kultur immer noch weitaus mehr als viele, die ebenfalls den ganzen Tag auf den Beinen sind und arbeiten.

Etwas anderes als Einkommen ist hierzulande vergleichsweise fest an Leistung gebunden: Selbstwertgefühl. Nach der New-Economy-Krise an der Jahrtausendwende berichtete beispielsweise die Wochenzeitung Die Zeit über die Webdesignerin Sabine Sutter (der Name wurde von der Redaktion geändert), der es bis vor kurzem noch sehr gut gegangen war: »Sie war gerade 30 geworden, hatte einen gut bezahlten Job als Webdesignerin in einer hoch gehandelten Internet-Firma, eine Altbauwohnung in bester Lage, einen großen Bekanntenkreis, und sie genoss es, sich mittags mit einem Latte macchiato unter die jungen Kreativen zu mischen, die in der ›Schanze‹, dem multikulturellen New-Economy-Viertel, ihre Mittagspause genossen.« Dann wurde ihr gekündigt. In Hamburg fiel die Entlassungswelle bei der New Economy besonders drastisch aus, und Sutter war keineswegs als Einzige davon betroffen. Trotzdem fühlte sie sich fortan als Außenseiterin und zog sich von Bekannten und ehemaligen Kolleginnen zurück. Selbst der Smalltalk beim Einkauf in ihrem einstigen Lieblingsviertel war ihr zu viel. Sie vereinsamte und schämte sich, den ganzen Tag zu Hause zu sein, während »die anderen etwas leisten«.

So wie Sabine Sutter ergeht es vielen. Wem in Deutschland betriebsbedingt gekündigt wird, der hat Anspruch auf staatliche Zahlungen, im internationalen Vergleich keine Selbstverständlichkeit. Es fließt also weiterhin Geld auf das eigene Konto, auch wenn es wenig ist, mit demütigenden Einblicken in die persönlichen finanziellen Verhältnisse verbunden und es den Behörden gegenüber nachzuweisen gilt, dass man sich um eine neue Stelle bemüht. Dieses Geld könnte die Betroffenen beruhigen, aber das tut es nicht. Es könnte ihnen vermitteln, dass sie weiterhin ein wertvolles Glied der Gesellschaft sind, dass man auf sie setzt und deshalb in sie investiert. Doch das Gegenteil ist der Fall. Wie eine Studie über junge Langzeitarbeitslose im europäischen Vergleich zeigt, fühlen sich die betroffenen Männer und Frauen in Deutschland und in anderen wohlfahrtsstaatlich ausgebauten Staaten Nordeuropas besonders stark sozial isoliert.

Denn es ist mehr als das Einkommen, das Arbeitslosen fehlt. Zwar ist Identität in westlichen Konsumgesellschaften maßgeblich eine Frage des Portemonnaies. Der Lebensstil der jungen Kreativen im Hamburger Schanzenviertel kostet viel, das Geld fließt nicht nur in die Altbauwohnung und den Latte macchiato, sondern auch in Designertaschen, Fitness-Center und Restaurantbesuche. Wer sich das »nicht leisten« kann, der sieht sich selbst nicht mehr als »Teil der Leistungsgesellschaft« an, wie Die Zeit in dem erwähnten Artikel ebenfalls zu berichten wusste. Aber das ist keineswegs das einzige Problem, denn schon der Eindruck, nichts zu leisten, kann das Selbstwertgefühl destabilisieren, und dieser ist unabhängig von der Frage, ob jemand seinen täglichen Wunschkaffee noch bezahlen kann. Insofern ähneln die psychischen Probleme von Erwerbslosen den Ängsten mancher Pensionäre. Selbst wenn diese ihren gewohnten Lebensstandard halten können, kommen sie sich nach der Verabschiedung in den Ruhestand mitunter wertlos vor. Depressionen und andere psychische Krankheiten sind die Folge. Ihnen fehlt es nicht an Geld. Es bedrückt sie vielmehr die Sorge, nichts zu leisten, deshalb minderwertig zu sein und ausgeschlossen zu werden.

Solche Selbstzweifel werden manchmal als ein sehr junges Phänomen beschrieben, im Extremfall als Produkt einer durch neoliberale Politik angeheizten Gegenwart. Aber Gefühle, die sich an Erfahrungen und Bewertungen von Leistung binden – »Leistungsgefühle« also –, gehen historisch weiter zurück, und zwar sogar als ein Thema, das Menschen unterschiedlicher sozialer Schichten und beiderlei Geschlechts betraf. Spätestens im Fin de Siècle diskutierte die deutsche Öffentlichkeit die Freude und vor allem auch das Leid an der eigenen Leistung als ein Phänomen, das breite Bevölkerungsgruppen tangierte.

»… wie bestehe ich vor dieser Prüfung?« Das Leistungsethos einer Sozialistin

Die Spurensuche beginnt mit dem Leben der Lily Braun. Kennern der Geschichte der Sozialdemokratie und der Frauenbewegung ist ihr Name ein Begriff, und in ihrer eigenen Zeit – dem wilhelminischen Kaiserreich – war die sozialdemokratische Frauenrechtlerin und Publizistin eine Prominente. Als Amalie von Kretschmann wurde sie 1865 in Halberstadt im nördlichen Harzvorland geboren, und im Gefolge ihres Vaters, des preußischen Generals Hans von Kretschmann, wuchs sie in verschiedenen Garnisonsstädten Preußens auf – zumindest bis Wilhelm II. den Herrn Papa drängte, seinen Abschied zu nehmen. Die höhere Tochter erhielt keine formale Bildung, verkehrte aber an der Seite ihrer Eltern in vornehmen Kreisen, wobei es ihr »durch ihre Schönheit, ihren Charme und ihre Entschlossenheit stets gelang, als Mittelpunkt der um das Militär organisierten städtischen Geselligkeit wahrgenommen zu werden« – so formuliert es die Historikerin Dorothee Wierling, die auf der Grundlage von Briefen, Tagebüchern und anderen zeitgenössischen Materialien das Leben der Intellektuellen beschrieben hat. Diese genoss bis zur Entlassung ihres Vaters ein müßiges und genusssüchtiges Leben. Über Jahre war sie inoffiziell mit einem entfernten Cousin verlobt, einem Witwer mit vier Kindern, doch die Beziehung zerbrach. Als sie später doch noch vor den Traualtar trat, traf sie mit dem querschnittsgelähmten Philosophen Georg von Gizycki eine formal standesgemäße, aber ansonsten unübliche Wahl. Der außerordentliche Professor an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin agitierte nämlich für die Sozialisten, und auch seine Gattin politisierte sich zusehends. Sie engagierte sich im radikalen Flügel der Frauenbewegung sowie in der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Von Gizycki starb 1893 nach nur zwei Ehejahren, und seine Witwe heiratete 1896 in zweiter Ehe den sozialdemokratischen Politiker und Publizisten Heinrich Braun, der sich für sie von seiner schwangeren Frau scheiden ließ. Lily Braun bekam schon im Folgejahr selbst ein Kind. Von einem damit oft verbundenen Rückzug ins Private wollte sie allerdings nichts wissen.

Stattdessen avancierte sie zu einer der bekanntesten Publizistinnen ihrer Zeit, die von Vortrag zu Vortrag durch das Kaiserreich reiste und große Veranstaltungssäle füllte. In ihren häufig veröffentlichten Reden schlug sie eine Bresche für die Arbeiterbewegung, die Frauenemanzipation und schließlich sogar für den Krieg, wobei sie diese Themen durch ein pathetisches Verständnis von Leistung miteinander verband. Der Krieg, erklärte sie im Februar 1915, sei eine »Entwicklungsphase« in der Geschichte des Sozialismus, er werde zeigen, »daß der Staat die Frauen braucht«. Wenn der Kampf eines Tages vorbei sei, dann hätten die Männer »einen tiefen Einblick in die Leistungsfähigkeit der Frau auf den ihren Wesen entsprechenden Arbeitsfeldern« gewonnen, etwa im Bereich der sozialen Fürsorge. Dementsprechend forderte Lily Braun sogar ein Dienstjahr für Frauen ein. Dann stünde dem Staat in Krisenzeiten ein »Heer von Frauen« zur Verfügung, »von denen eine jede sofort wüßte, wo das kleine Rädchen ihrer Leistungskraft sich in die große Maschine des Ganzen einzufügen hat«. Frauen wie Männer, so ihre Utopie, sollten Seite an Seite für die Nation kämpfen, dienen und leisten.

Schon anderthalb Jahre später, im August 1916, starb Lily Braun in Berlin mit nur 59 Jahren. Sie war auf dem Rückweg nach Hause von der Post, wo sie einen Frontbrief ihres Sohnes abgeholt hatte, als sie einen Schlaganfall erlitt und auf offener Straße zusammenbrach. Zuletzt hatte sie intensiv an einem Roman geschrieben, wohl auch aus finanziellen Gründen, denn mit ihren Honoraren bestritt sie maßgeblich den Lebensunterhalt der Familie, die unter massiven Geldsorgen litt. Mehrmals drohte die Zwangsversteigerung des Hauses im vornehmen Berliner Westen. Lily selbst hatte nach dem Tod ihres Vaters dessen erhebliche Spielschulden übernommen, und Heinrich, im Gegensatz zu seiner zupackenden Frau von eher zaghaftem Wesen, trug wenig zum gemeinsamen Einkommen bei. Obendrein machte er weitere Schulden. Während der Vortragsreisen seiner Frau regelte er ihre Angelegenheiten in Berlin, sammelte Zeitungsberichte über ihre Auftritte und stärkte per Brief ihr Selbstbewusstsein. Im Februar 1914 stieß er beispielsweise in der Neuen Badischen Landeszeitung auf einen hymnischen Artikel über »Lily Braun in Mannheim« und schrieb seiner Partnerin daraufhin: »Immer mehr setzt sich Deine außerordentliche Persönlichkeit durch, immer fruchtbarer wirkt Deine unvergleichliche geistige Kraft und nur Du bist es, die an Deiner schöpferischen Fähigkeit gezweifelt.«

Wie diese aufbauenden Worte andeuten, war Lily Braun nicht nur aus finanzieller Not beruflich so aktiv, sondern für sie war der Wert eines Menschen unmittelbar an dessen Leistung geknüpft. Angeblich hatte sie das auch schon als höhere Tochter schmerzlich erkannt, wie eine Passage in ihren 1909 als »Roman« publizierten Memoiren glauben macht, worin sie ein von ihr selbst in Jugendjahren verfasstes Schreiben zitierte: »Die Arbeit eine Ehre – das Nichtstun ein Laster – dahin fangen wir erst an, uns zu entwickeln, und zu ihrer vollen Bedeutung wird diese Erkenntnis erst in später Zukunft gelangen – Für mich persönlich ist sie nicht eine bloße verstandesmäßige Einsicht, sondern ein Ereignis, das mich erschütterte. Wird der Wert des Menschen an seiner Leistung gemessen, – wie bestehe ich vor dieser Prüfung?! Ich bin dreiundzwanzig Jahre alt, gesund an Geist und Körper, leistungsfähiger vielleicht als viele, und ich arbeite nicht nur nichts, ich lebe nicht einmal, sondern werde gelebt!« Die privilegierte junge Frau empfand sich also als wertlos, weil sie nichts leistete, jedenfalls aus ihrer eigenen Sicht. Und nachdem sich ihr Leben durch die Entlassung des Vaters und das endgültige Aus ihrer Verlobung mit dem Cousin drastisch verändert hatte, machte sie sich tatsächlich an die Arbeit. In ihren publizierten Schriften begegnet uns daher eine überaus meritokratisch eingestellte Frau. Aber wie üblich war dieses Leistungsethos für ihr Milieu und ihre Zeit?

Lily Braun war eine Intellektuelle des Deutschen Kaiserreichs, die an den großen geistigen Strömungen der Jahrhundertwende intensiv partizipierte. Sie identifizierte sich mit dem Sozialismus und der Frauenbewegung, aber auch mit dem Militarismus ihres Vaters, und nicht zuletzt partizipierte sie am Goethe-Kult des späten 19. Jahrhunderts. Eine ihrer Großmütter hatte in jenen adeligen Kreisen in Weimar verkehrt, zu denen der 1749 in einer angesehenen Frankfurter Familie noch bürgerlich geborene Johann Wolfgang Goethe schließlich Zugang erhielt, bevor er selbst geadelt wurde – darüber schrieb Braun ein ganzes Buch. Könnte Goethe vielleicht Lily Brauns Leistungsethos stimuliert haben, er, der für seine großen Leistungen schon damals gerühmt wurde und dem menschliches Schöpfertum so überaus viel galt?