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Eine neue Religion spaltet die Gesellschaft unter dem Deckmantel des Antirassismus. Über dieses Buch spricht ganz Amerika: Der Schwarze Sprachwissenschaftler John McWhorter prangert eine Bewegung von selbsternannten Erwählten an, die mit allen Regeln der Vernunft bricht und die soziale Gemeinschaft gefährdet. Die Debatte um Identität ist entgleist. Nicht nur in den USA, auch in Europa und in Deutschland steht die Frage im Raum: Wie konnte es so weit kommen? John McWhorter wendet sich der treibenden Kraft dieser Entwicklung zu: einer neuen Bewegung von Erwählten, die sich von den Prinzipien der Aufklärung abgewendet haben und im Umgang mit identitätspolitischen Fragen quasi eine neue Religion begründen. John McWhorter analysiert mit scharfem Blick und anschaulichen Beispielen, wo und wie sich diese politische Haltung durchgesetzt hat, warum sie viel zu radikal und essenzialistisch ist und gerade eines nicht: antirassistisch. Der unbeabsichtigte Neorassismus ist falsch und gefährlich, schadet den Schwarzen und zerstört den integrativen Diskurs. Am Ende macht McWhorter aber auch Hoffnung und zeigt den möglichen Weg zu einer Gerechtigkeit, die das Schwarze Amerika einen – und nicht spalten – soll.
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Seitenzahl: 271
Veröffentlichungsjahr: 2022
John McWhorter
Die Erwählten
Wie der neue Antirassismus die Gesellschaft spaltet
Aus dem amerikanischen Englisch von Kirsten Riesselmann
Hoffmann und Campe
Dieses Buch ist all jenen gewidmet, die es in sich haben, gegen diesen Irrweg in der intellektuellen, kulturellen und moralischen Entwicklung der Menschheit aufzubegehren.
Lange Einleitungen sind nicht so mein Ding. Trotzdem würde ich, bevor wir anfangen, meinen Leserinnen und Lesern gern einen Eindruck von der Gesamtsituation vermitteln.
Dieses Buch richtet sich nicht an Menschen mit einer ganz bestimmten Weltsicht. Ich gehe davon aus, dass man die Betreffenden mit Argumenten größtenteils nicht mehr erreicht, und fordere deshalb hier niemanden dazu auf, sich den Wert eines offenen Ideenmarktes bewusst zu machen, die Qualität einer soliden Diskussion zu begreifen und zu erkennen, wie töricht es ist, Menschen nur deswegen zu beschimpfen, weil sie anderer Meinung sind als man selbst.
Vielmehr ist dieses Buch ein Aufruf an den Rest von uns: Wir sollten ein Verständnis davon gewinnen, dass Menschen, die einer ganz bestimmten Ideologie anhängen, unser Land verändern wollen, und zwar auf der ideologischen Grundlage von Rassismus. Das ist ihnen selbst nicht bewusst, und wenn man sie darauf hinweist, können sie das nicht einräumen. Aber wir anderen sollten es auf dem Schirm haben.
Ich möchte im Folgenden:
Argumente dafür finden, dass diese neue Ideologie eigentlich eine Religion ist, auch wenn sie sich nicht so nennt, und dass dieser Umstand erklärt, warum etwas so Zerstörerisches und Inkohärentes auf so viele gute Leute einen derartigen Reiz ausübt;
erklären, warum so viele Schwarze Menschen eine Religion anziehend finden, die uns Schwarze Menschen wie Einfaltspinsel behandelt;
darlegen, dass diese Religion Schwarzen Menschen aktiv schadet, obwohl sie sich als in einem noch nie da gewesenen Ausmaß antirassistisch versteht;
zeigen, dass eine pragmatische, wirksame, liberale und sogar demokratiefreundliche Agenda zur Rettung des Schwarzen Amerika nicht notwendigerweise auf den Glaubenssätzen dieser neuen Religion fußen muss;
Wege aufzeigen, wie sich die Beeinflussung unserer öffentlichen Kultur durch diese neue Religion verringern lässt.
Ich hoffe, dass meine Beobachtungen nur einer von vielen Beiträgen in unserer Auseinandersetzung darüber sein werden, was soziale Gerechtigkeit ausmacht. Ich habe nicht die Absicht, mit meinem Text lediglich die Flammen der Empörung bei denjenigen höher schlagen zu lassen, die sowieso schon meiner Meinung sind. Ich möchte die noch Unentschiedenen erreichen, die sich von der Leidenschaft und der Rhetorik jener Ideologen moralisch unter Druck gesetzt sehen, aber ihren inneren Kompass trotzdem nicht verleugnen können. Ich möchte, dass sie sich voller Vertrauen und Zuversicht dem widmen, worum es auch mir geht: der Verbesserung des realen Lebens echter Menschen.
Die Frage, welche Form von Kritik gegen dieses Buch ins Feld geführt werden wird, brauchen wir uns gar nicht erst zu stellen. Die Gegenargumente werden sein: Ich charakterisiere ›Religion‹ falsch und/oder sei respektlos gegenüber dem Religiösen. Ich vereinfache zu sehr. Das wahre Problem sei doch die militante Rechte. Um dieses Buch schreiben zu dürfen, sei ich gar nicht Schwarz genug. Ich sei nicht nett. Etc. pp. All diese Kritikpunkte werde ich im Folgenden ausräumen, um im Anschluss einige tragfähige Lösungen anzubieten. Aber zunächst kommt, was dieses Buch nicht ist:
Es wendet sich nicht gegen Protest als solchen. Ich habe nichts gegen die Kerngedanken von Black Lives Matter, obwohl ich mit einigen Folgeerscheinungen der Bewegung so meine Differenzen habe. Ich behaupte nicht, dass die Bürgerrechtsbewegung der 1950er und 1960er Jahre besser daran getan hätte, sich ausschließlich ans besonnene Verhandeln zu halten. Ich schreibe nicht an gegen die Linke. Ich argumentiere gegen eine bestimmte Strömung innerhalb der Linken, die in US-amerikanischen Institutionen einen schwerwiegenden Einfluss gewonnen hat, bis zu dem Punkt, dass wir zunehmend eine Sprache, eine Politik und ein Handeln für normal halten, das Orwell noch als Fiktion beschrieb.
Als die Leserschaft meines Buches stelle ich mir keine rechten US-Amerikanerinnen und -Amerikaner vor. Menschen aus dieser Welt dürfen zwar gern mal reinhorchen, aber ich schreibe dieses Buch für zwei andere Teilgruppen der amerikanischen Bevölkerung. Beide halte ich im Grunde für ›meine Leute‹, weswegen mich das, was gerade passiert, auch so mit Sorge erfüllt.
Die eine Gruppe sind Menschen, die die New York Times lesen und öffentlich-rechtlichen Rundfunk hören, aber trotzdem recht naiv dem Eindruck verfallen sind, frömmelnde, nicht-empirische Tugendhaftigkeitssignale zum Thema Race seien eine Form von moralischer Aufklärung und politischem Aktivismus, weswegen sie Gefahr laufen, unfreiwillig selbst zu eingetragenen Rassistinnen und Rassisten zu werden. Im Buch werde ich diese Menschen häufig als ›Weiße‹ bezeichnen, aber sie können jede Hautfarbe haben, die meinige eingeschlossen. Ich bin Teil dieser Welt. Ich lese den New Yorker, ich habe zwei Kinder, und ich habe den Film Sideways gesehen. Mir haben sowohl The Wire als auch Parks and Recreation sehr gut gefallen.
Die andere Gruppe sind Schwarze Menschen, die gutgläubig dem falschen Eindruck anheimgefallen sind, dass Schreie der Schwäche bei uns eine Art Stärke darstellen und dass das, was uns interessant und relevant macht, eine ausgedachte Figur ist: nämlich die für immer zum Opfer gemachte arme Seele, die bis in alle Ewigkeit die Erinnerungen und die unseren Leuten in den letzten vierhundert Jahren angetanen Verletzungen in sich trägt und von ihnen definiert wird – ewig ohne Anerkennung, ewig falsch verstanden, ewig in vielerlei Hinsicht unbezahlt.
Dies ist kein Buch, das sich hauptsächlich beklagt. Ich ziele nicht darauf ab, nebulöse Behauptungen aufzustellen, von wegen: Die hyper-woken Leute von heute verstehen einfach nicht, wie zentral die Meinungsvielfalt für eine gesunde Gesellschaft ist! Ihnen mit Zitaten von John Stuart Mill zu kommen, führt zu nichts. Unsere aktuellen Debatten sind eine enorme Energieverschwendung, weil niemand erkennt, wie vergeblich der sogenannte Dialog mit ihnen ist. Was glauben Sie: Wie viele von einhundert fundamentalistischen Christinnen und Christen lassen sich durch Argumente zum Atheismus bekehren? Es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass die Zahl derer, denen man diese neue Religion einfach ausreden könnte, höher sein sollte.
Von daher sollte unsere Sorge eher sein, wie wir trotz dieser Ideologie wahren Fortschritt vorantreiben können. Wie können wir sie umgehen, wie um sie herumarbeiten? Wie schützen wir Menschen mit guten Ideen vor der Wirkmacht rein liturgischer Belange? Wie halten wir sie davon ab, auf die Bildung unserer jungen Leute noch stärkeren Einfluss zu nehmen als sowieso schon geschehen? Wie lässt sich ein sozial großzügiges Leben inmitten der Notwendigkeit führen, sich mit ihrer religiösen Doktrin auseinanderzusetzen, die uns mit dem unnachgiebigen puritanischen Ernst eines Cotton Mather vermittelt wird, obwohl so gut wie niemand von ihnen tatsächlich begreift, dass hier mit religiösen und nicht mit säkularen Argumenten gearbeitet wird?
Kurz: Die Frage, wie wir diese Leute erreichen können, interessiert mich nicht. Wir können sie nicht erreichen, zumindest nicht so viele von ihnen, dass es ins Gewicht fiele. Die Frage ist vielmehr, wie wir es schaffen, unter ihnen zu leben und uns trotzdem eine gewisse Zivilisiertheit zu bewahren. Denn wir wollen echten Wandel in der realen Welt. Das aber müssen wir fürs Erste tun, obwohl wir ständig auf Verkünderinnen und Verkünder einer Heilsbotschaft treffen, die nur darauf aus sind, Ketzer zu enttarnen, und die jederzeit bereitstehen, uns als Sittenstrolche an den Pranger zu stellen.
Ich schreibe dieses Buch vor dem Hintergrund, dass die fragliche Ideologie Weiße in die Lage versetzt, sich als Retterinnen und Retter Schwarzer Menschen zu bezeichnen und Schwarze gleichzeitig als die dümmsten, schwächsten, sich selbst am meisten bemitleidenden Menschen in der Geschichte unserer Art aussehen zu lassen. Schwarze Menschen wiederum lehrt sie, sich in diesem Status zu suhlen und ihn zu genießen, schließlich macht er uns zu etwas Besonderem. Die Vorstellung, dass diese Indoktrination auf das Selbstbild meiner Töchter abfärbt, finde ich ganz besonders grauenvoll. Ich kann ja nicht ständig in ihrer Nähe sein. Aber diese anti-humanistische Ideologie könnte bald in die Lehrpläne der Schulen einsickern. Dieser Gedanke lässt mich schaudern: Lehrerinnen und Lehrer, die leuchtende Augen bekommen bei der Aussicht darauf, ihren Antirassismus zur Schau stellen zu können, indem sie die Köpfe meiner Töchter mit Performance-Kunst füllen, die ihnen beibringt, keine Individuen, sondern Musterbeispiele zu sein. Mit seinem Buch Zwischen mir und der Welt wollte Ta-Nehisi Coates seinen Sohn lehren, dass ganz Amerika gegen ihn ist; ich möchte meinen Kindern lieber ihre Lebensrealität im 21. und nicht die im frühen bis mittleren 20. Jahrhundert vermitteln. Gott bewahre, dass meine Töchter dieses absolut traurige Selbstbild verinnerlichen, dass alles, was sie interessant macht, nur das ist, was andere über sie denken oder nicht denken.
Viele werden es trotzdem für Verrat halten, dass ich als Schwarze Person dieses Buch schreibe. Sie werden nicht verstehen, dass ich, indem ich es schreibe, glaube, meiner Race einen Dienst zu erweisen. Die besondere Tragik dieser pervertierten Gesellschaftspolitik (und wie sie uns denken oder eben nicht denken lässt) ist die Tatsache, dass sie bei mehr als nur ein paar Schwarzen Leserinnen und Lesern die Erkenntnis verhindern wird, dass dieses Buch ein Aufruf dazu ist, sich mit echtem Respekt behandeln zu lassen. Wie auch immer. Sie und alle anderen sollten wissen: Mir ist durchaus bewusst, dass weiße Leserinnen und Leser eher bereit sind, sich Ansichten wie die meinigen anzuhören, wenn sie von einer Schwarzen Person aufgeschrieben werden. Deswegen erachte ich es für nichts weniger als meine Pflicht, dieses Buch zu schreiben.
Wäre dieses Buch von einer weißen Autorin oder einem weißen Autor geschrieben, würde es ungeniert als rassistisch verurteilt. Ich hingegen werde von einer gewissen Gruppe zu hören bekommen, ich sei von Selbsthass zerfressen. Aber ganz ehrlich: Das wird niemand ernsthaft behaupten wollen. Und alle, die dieses Buch bis zum Ende lesen, werden feststellen, dass Selbsthass oder Scham über mein Schwarzsein nicht zu meinen Eigenschaften gehören. So, und jetzt weiter.
Während ich im Sommer 2020 an diesem Buch schreibe, ist Alison Roman, eine Food-Autorin der New York Times, gerade im Zwangsurlaub. Man mag sich fragen, was eine mit Lebensmitteln und Gastronomie befasste Journalistin wohl angestellt haben könnte, um von ihrem Arbeitgeber zeitweilig suspendiert zu werden. Romans Sünde: In einem Interview warf sie in einer Randnotiz Model und Food-Autorin Chrissy Teigen sowie Lifestyle-Coach Marie Kondo vor, aus rein kommerziellen Beweggründen zu handeln. Auf Twitter wurde Roman dann dafür gemobbt, dass sie es gewagt hatte, als weiße Frau zwei Frauen of Color zu kritisieren.
Teigen ist halb weiß und halb Thai. Kondo ist japanische Staatsbürgerin. Keine der beiden passt zu unserer typischen Vorstellung von einer Person of Color, im Sinne von: Opfer einer historisch bedingten und strukturell perpetuierten Benachteiligung. Wie auch immer: Im Jahr 2020 war die bloße Tatsache, dass eine weiße Person nicht nur an einer, sondern gleich an zwei nichtweißen Personen Kritik übte, Rechtfertigung genug dafür, dass sie in den sozialen Medien an den Pranger gestellt wurde und ihre Arbeit nicht mehr tun durfte. Roman hatte als Weiße angeblich nach unten getreten – wobei man unter ›unten‹ zwei sehr reiche, erfolgreiche und deutlich prominentere Frauen als sie selbst verstehen muss. Romans Weißsein stach alles andere aus, so sagte man uns.
Wie heutzutage üblich in einem solchen Fall, kroch Roman zu Kreuze und veröffentlichte eine Entschuldigung, in der stand, sie habe nachgedacht und ihren Fehler erkannt. Teigen sagte, sie finde nicht, dass Roman eine Bestrafung verdient habe. Aber das zählte nicht. Eine bestimmte Form von Empörung, die als ›antirassistisch‹ gilt, hat für unsere öffentlich getätigten moralischen Bewertungen heutzutage die Deutungshoheit, und diese Empörung verlangte, Roman auf dem Marktplatz an den Schandpfahl zu stellen. Bis in alle Ewigkeit wird jetzt in ihrem Wikipedia-Eintrag die plakative Anmerkung stehen, sie sei einst zur Rassistin erklärt worden, unabhängig davon, dass die meisten US-Amerikanerinnen und -Amerikaner wahrscheinlich nicht finden, dass sie eine solche Behandlung verdient hat, und völlig unbenommen der Tatsache, dass sie noch vor ein paar Jahren nicht so behandelt worden wäre. Sie verließ die Times später ganz.
Was sind das für Leute, die so etwas tun? Wieso kommen sie damit durch? Und lassen wir sie gewähren?
Im selben Jahr durfte Leslie Neal-Boylan ihren Job als Dekanin für Pflegeberufe an der Universität von Massachusetts Lowell nur ein paar Monate behalten. Das Problem: Neal-Boylan hatte sich im Zuge der landesweiten Statements nach dem von Polizisten verübten Mord an George Floyd erdreistet, das folgende – angeblich borniert-bigotte – Schriftstück an Kolleginnen und Kollegen zu verschicken:
Ich möchte meiner Sorge über die jüngsten (und alle in der Vergangenheit liegenden) Gewaltakte gegen Personen of Color Ausdruck verleihen. Ich verurteile sie. Die jüngsten Geschehnisse erinnern an die historische Tragik von Rassismus und Vorurteilen, die bis heute in diesem Land gedeihen. Ich fürchte um unsere Zukunft als Nation, wenn wir nicht aufstehen gegen Gewalt, egal, gegen wen sie sich richtet. BLACK LIVES MATTER. Aber auch: EVERYONE’S LIFE MATTERS. Niemand sollte in Angst davor leben müssen, wegen seines Aussehens oder seines Glaubens angegriffen zu werden.
Eine bestimmte Gruppe beschloss, Neal-Boylan so zu lesen, als stieße sie ins selbe Horn wie diejenigen, die sich dem Slogan »Black Lives Matter!« mit der Entgegnung »All Lives Matter!« widersetzen, so als würde BLM irgendwie behaupten, Schwarzes Leben sei mehr wert. Aber Neal-Boylans Statement lässt sich so nur lesen, wenn man schlecht liest. Zunächst beklagt sie »die historische Tragik von Rassismus und Vorurteilen«, und nein, damit meint sie nicht, dass es nur in der Vergangenheit Rassismus und Vorurteile gegeben hat und Schwarze Menschen darüber hinweg sein sollten, denn gleichzeitig schreibt sie: Rassismus und Vorurteile gedeihen in diesem Land »bis heute«.
Weil aber ihr Text die drei Worte »Everyone’s Life Matters« enthält, wurde sie bei den Vorgesetzten gemeldet. Ihren Job war sie dann schnell los. Irgendetwas zu ihrer Verteidigung vorzubringen wurde ihr nicht gestattet. Warum wurde Leslie Neal-Boylans E-Mail als Machwerk einer zur Anleitung von Menschen, die sich zum Heilen und Trösten ausbilden lassen, ungeeigneten Person betrachtet? Ein Kind würde diese Frage stellen – genauso wie Zeitreisende aus dem noch nicht lange zurückliegenden Jahr 2015. Aber Neal-Boylans Kritikerinnen und Kritiker wurden für befugt und ihre Meinung wurde für maßgeblich erachtet.
Was sind das für Leute, die so etwas tun? Wieso kommen sie damit durch? Und lassen wir sie gewähren?
Ebenfalls in diesem Jahr, also 2020, verlor David Shor seinen Job. Der Datenanalyst bei einem progressiven Beratungsunternehmen hatte per Twitter auf eine Studie von Omar Wasow hingewiesen, in der der Schwarze Ivy-League-Politikprofessor nachweist, dass die Leute während der langen, heißen Sommer der späten 1960er Jahre mit größerer Wahrscheinlichkeit die Republikaner wählten, wenn es gewalttätige und nicht nur friedliche Schwarze Proteste vor Ort gab. Shor wollte diesen Zusammenhang nicht feiern, sondern nur die Tatsache als solche verbreiten, als die traurige Nachricht, die sie war und als die sie kurz zuvor auch schon eifrig von den liberalen Medien aufgenommen worden war.
Gewissen Kreisen allerdings kam es nicht zupass, dass ein weißer Mann etwas auf Twitter teilte, das sich kurz nach dem Mord an George Floyd als Kritik an Schwarzen Protestbewegungen interpretieren ließ. Das Beratungsunternehmen nahm dies zur Kenntnis und warf Shor raus.
Was sind das für Leute, die so etwas tun? Wieso kommen sie damit durch? Und lassen wir sie gewähren?
All diese Fälle ereigneten sich, weil eine Geisteshaltung, die wir als Third Wave Antiracism, als dritte Welle des Antirassismus, bezeichnen könnten, an Einfluss gewinnt, eine Bewegung, deren Anhänger allerdings häufiger Social Justice Warriors oder ›der woke Mob‹ genannt werden.
Genau wie der Feminismus lässt sich auch der Antirassismus in drei Wellen unterteilen. Die erste Welle kämpfte gegen die Sklaverei und die gesetzlich verordnete Rassentrennung. Die zweite Welle, während der 1970er und 1980er Jahre, kämpfte gegen rassistische Einstellungen und brachte Amerika und der Welt bei, dass Rassismus ein moralischer Makel ist. Der in den 2010er Jahren zum Mainstream gewordene Third-Wave-Antirassismus lehrt uns, dass Rassismus fest mit den gesellschaftlichen Strukturen verquickt ist. Die ›Komplizenschaft‹ der in diesen Strukturen lebenden Weißen konstituiert diesen Rassismus überhaupt erst, wohingegen das Ringen mit dem sie überall umgebenden Rassismus den gesamten Erfahrungsraum Schwarzer Menschen definiert. Das wiederum verlangt eine ganz besondere Feinfühligkeit Schwarzen Menschen gegenüber, unter anderem werden gesellschaftlich etablierte Erfolgs- und Verhaltensstandards extra für sie aufgehoben.
Innerhalb dieses Paradigmas verdienen es alle, die sich ihrer Existenz als weiße Person als einer lebenslangen Schuld nicht ausreichend bewusst sind, bitter verurteilt und ausgegrenzt zu werden, und zwar in einem derart obsessiv-abstrakten Grad, dass es den meisten Beobachterinnen und Beobachtern nicht gerade leichtfällt, dem irgendeinen Sinn abzugewinnen. Für Leute links der Mitte stellt sich die Frage, seit wann und warum sie als rückständig klassifiziert werden. Millionen unschuldiger Menschen haben eine Höllenangst davor, ins Visier einer Rotte eifernder Inquisitorinnen und Inquisitoren zu geraten, die in unserer heutigen Gesellschaft so gut wie jede Äußerung, jedes Vorhaben und jede Errungenschaft zu überwachen scheint.
Man könnte jetzt fragen, warum ich es für ein so schwerwiegendes Problem halte, dass das Leben einer Food-Kolumnistin, einer Pflegeschulleiterin und eines Datenanalysten von dieser Bewegung aus der Bahn geworfen wurde. Aber ich schreibe hier nicht über Dinge, die einigen wenigen Pechvögeln zustoßen, sondern über eine im innersten Gewebe der Gesellschaft wirksame Dynamik. Auch wer heute einfach nur seinen Job macht, ist nie gefeit davor, aus heiterem Himmel vom Missionierungsdrang des Third-Wave-Antirassismus erwischt zu werden.
Unschuldige verlieren ihren Job. Akademische Forschung bekommt einen gewissen Farbschlag, wird auf andere Wege geleitet und manchmal wie von rankenden Kudzu-Bohnen erstickt. Wir sehen uns gezwungen, den Großteil unserer öffentlichen Diskussionen zu drängenden Themen in einer Doppelzüngigkeit zu führen, die schon ein zehnjähriges Kind durchschaut. Damit die Zehnjährigen nicht die ganze Show auffliegen lassen, sehen wir uns gezwungen, ihnen beizubringen, im Namen der Aufklärung an spitzfindige Sophistik zu glauben. Der Third-Wave-Antirassismus-Guru Ibram X. Kendi hat ein Buch darüber geschrieben, wie man Kinder antirassistisch erzieht. Es heißt Antiracist Baby. (Prima Titel, bringt die Sache recht schlicht auf den Punkt.) Das und manches andere sind Anzeichen dafür, dass uns die dritte Welle des Antirassismus zwingt, so zu tun, als sei Performance-Kunst Politik. Diese neue Ausprägung des Antirassismus verdonnert uns dazu, endlos viel Zeit darauf zu verwenden, uns als Weisheit verkauften Nonsens anzuhören und in aller Öffentlichkeit so zu tun, als fänden wir das gut.
Mein Podcast-Partner, der Wirtschaftswissenschaftler Glenn Loury, und ich bekommen massenhaft Post von Promovierenden und von Professorinnen und Professoren, die Angst davor haben, dass die neue Ideologie ihre Karrieren, ihre Fachbereiche oder ihre Forschungsfelder kaputt macht. Sie wenden sich auch an andere Organisationen, oft von privaten Mailadressen aus, damit sie an ihren Instituten nicht aufgespürt und entlarvt werden können. Menschen an einflussreichen Stellen werden regelmäßig ihrer Posten enthoben, weil es Anschuldigungen oder Petitionen gibt, weil sie angeblich unzureichend antirassistisch sind. Quer durchs Land zwingen Schulbehörden Lehrkräfte und Verwaltungen, in den Lehrplänen Zeit zu verschwenden mit Antirassismusspritzen, die nicht mehr Sinn ergeben als das, was während der Kulturrevolution in China angeordnet wurde. Wussten Sie schon, dass Objektivität, Pünktlichkeit und das geschriebene Wort weiß sind? Und dass Sie, wenn Ihnen das abwegig erscheint, gemeinsame Sache machen mit George Wallace, Bull Connor und David Duke?
Erst 2008 schrieb Christian Lander in Stuff White People Like mit trockenem Humor, dass eine bestimmte Sorte weißer Menschen, die gern zu Filmfestivals geht und Secondhand-T-Shirts trägt, auch mit Vorliebe »beleidigt ist«. Wenn man dieses Kapitel nur zwölf Jahre später erneut liest, ergreift einen ein Schauder. Denn die Sorte Mensch, von der Lander spricht, könnte sich angegriffen fühlen und zu einer geifernden Tirade darüber ansetzen, wie wenig lustig es sei, wenn Menschen die Vorherrschaft der Weißen, die White Supremacy, sowie die ›Komplizenschaft‹ der Weißen mit dieser Dominanz zu dekonstruieren versuchten. Schriebe Lander sein Buch heute, würde er diesen Witz sehr wahrscheinlich nicht drinlassen. Und das wiederum ist ein Indiz dafür, wie massiv sich die Stimmung in jüngster Zeit verändert hat. Von denjenigen, auf die Lander sich bezog, bilden einige eine kritische Masse und sind nicht länger schweigend stolz auf ihr aufgeklärtes Wissen um die Dinge, die sie empörend finden, sondern sehen es heute als ihre Pflicht, diejenigen zu verurteilen und zu meiden (Schwarze Menschen eingeschlossen), die nicht im gleichen Maße empört sind wie sie.
Manche mögen das für eine bloße Frage von Habitus und Feinabstimmung halten. Aber der Third-Wave-Antirassismus fügt Schwarzen Menschen im Namen seiner Leitimpulse regelrecht Schaden zu. Er beharrt darauf, dass es Rassismus ist, wenn Schwarze Jungen unter den wegen Gewalt an der Schule suspendierten oder verwiesenen Schülerinnen und Schülern überrepräsentiert sind, was – in Politik rückübersetzt – nachgewiesenermaßen zu einem dauerhaften Gewaltproblem an den Schulen und zu schlechteren Noten geführt hat. Der Third-Wave-Antirassismus beharrt darauf, dass es Rassismus ist, wenn Schwarze Kinder an den New Yorker Schulen, die ihre Schülerinnen und Schüler über einen standardisierten Leistungstest zulassen, unterrepräsentiert sind. Er fordert von uns, dieses Testverfahren über Bord zu werfen – statt Schwarze Schulkinder an die Hilfsangebote (viele davon kostenlos) heranzuführen, die sie auf den Test vorbereiten, oder wieder mehr Stipendienprogramme aufzusetzen, die nur eine Generation zuvor viele Schwarze Kinder an genau diese Schulen brachten. Dass das im Endergebnis zu einer geringeren Bildungsqualität an den Schulen führen wird – und zu Schwarzen Schülerinnen und Schülern, die weniger gut darauf vorbereitet sind, den für spätere Prüfungen notwendigen Denkmuskel zu trainieren –, wird als nebensächlich betrachtet.
Die dritte Welle des Antirassismus mit ihrem extrem scharf gestellten Fokus auf einen stark vereinfachten Begriff davon, was Rassismus ist und was dagegen getan werden kann, gibt sich damit zufrieden, Schwarzen Menschen zu schaden, und zwar im Namen von etwas, das sich nur als Dogma bezeichnen lässt.
Um das konkreter werden zu lassen, kommen hier nun einige Aussagen, die alle Gläubigen des Third-Wave-Antirassismus tief bewegen und die sie sofort unterschreiben würden. Wenn man diese Aussagen aber auf ihren Kern herunterbricht und einander direkt gegenüberstellt, sagen sie allerdings so gut wie gar nichts mehr aus:
1. Wenn Schwarze Menschen sagen, Sie hätten sie beleidigt, entschuldigen Sie sich mit tiefer Aufrichtigkeit und viel schlechtem Gewissen.
Bringen Sie Schwarze Menschen nicht in die Lage, von ihnen zu erwarten, dass sie Ihnen vergeben. Sie haben viel zu viel erlitten, als dass man das von ihnen erwarten dürfte.
2. Gehen Sie nicht davon aus, dass alle Schwarzen Menschen Hiphop mögen, gut tanzen können, etc. pp. Schwarze Menschen sind ganz unterschiedliche Individuen. Black Culture ist das Codewort für ›pathologisch primitive Ghetto-Bewohner‹.
Erwarten Sie von Schwarzen Menschen nicht, sogenannte weiße Sozialnormen zu übernehmen, schließlich haben Schwarze Menschen eine ganz eigene Kultur.
3. Zu Rassismus zu schweigen ist Gewalt.
Die Stimme der Unterdrückten muss lauter zu hören sein als Ihre eigene.
4. Sie müssen ewig danach streben, die Erfahrungen Schwarzer Menschen zu verstehen.
Sie werden nie verstehen, wie es ist, Schwarz zu sein; und wenn Sie sich das einbilden, ist das rassistisch.
5. Zeigen Sie Interesse an Multikulturalismus.
Finger weg von kultureller Aneignung! Was nicht zu Ihrer Kultur gehört, ist nichts für Sie; Sie sollten es weder probieren noch tun.
6. Unterstützen Sie Schwarze Menschen darin, eigene Räume für sich zu schaffen, und halten Sie sich daraus fern.
Streben Sie danach, Schwarze Freunde zu haben. Haben Sie keine, sind Sie Rassist oder Rassistin. Wenn Sie behaupten, welche zu haben, sollten es schon wirklich gute Freunde sein – sonst nämlich besetzen Sie ihren privaten Raum, in dem Sie nichts zu suchen haben.
7. Wenn Weiße aus Schwarzen Wohnvierteln wegziehen, ist das White Flight, die weiße Fluchtbewegung.
Wenn Weiße in Schwarze Wohnviertel ziehen, ist das Gentrifizierung, auch wenn die Schwarzen Bewohnerinnen und Bewohner viel Geld für ihre Häuser und Wohnungen bekommen.
8. Wer als weißer Mensch nur Beziehungen mit Weißen eingeht, ist ein Rassist beziehungsweise eine Rassistin.
Wer als weißer Mensch auch Schwarze datet, exotisiert, wenn auch oft unbewusst, das große ›Andere‹.
9. Schwarze Menschen dürfen nicht für alles verantwortlich gemacht werden, was andere Schwarze Menschen tun.
Allen Weißen muss bewusst sein, dass sie persönlich verstrickt sind in die historisch gewachsene Perfidie von ›Weißsein‹.
10. Um eine repräsentative Anzahl von ihnen im Seminarraum zu haben sowie die Meinungsvielfalt zu gewährleisten, müssen Schwarze Studierende über angepasste Noten- und Testergebnisstandards Zugang zu Hochschulen erhalten.
Davon auszugehen, dass Schwarze den Studienplatz nur aufgrund ihrer Hautfarbe bekommen haben, ist Rassismus. Genauso rassistisch ist es, von ihnen zu erwarten, bei Diskussionen im Seminarraum die ›diverse‹ Sichtweise zu repräsentieren.
Ich gehe davon aus, die meisten wissen tief in ihrem Inneren, dass nichts an diesem Katechismus der Widersprüche irgendeinen Sinn ergibt. Weniger offensichtlich ist, dass er eben auch nicht unter der Maßgabe zusammengestellt wurde, logisch zu sein.
Ist die Idee dann, den glücklichen Mittelweg zwischen den beiden Polen zu finden? Aber diejenigen, die diese Litanei über das Race-Ding verbreiten, würden niemals zulassen, dass ein solcher Mittelweg tatsächlich gefunden würde. Das wissen wir zum einen deswegen, weil die Glaubensverkündigerinnen und -verkünder ihn seit Jahrzehnten nicht finden. Zum anderen gibt es einen noch viel offensichtlicheren Grund: Zwischen diesen Polen lässt sich schlicht kein logischer Mittelweg finden.
Warum erheben so viele kluge Menschen diese Glaubenssätze zur Weisheit? Der Grund dafür kann nicht Logik sein, weil sie einfach nicht logisch sind. Der Grund dafür ist, dass diese Lehren einem anderen Zweck dienen als dem, den sie vorgeblich haben.
Nämlich: Jede einzelne Komponente ist dazu da, weiße Menschen als Rassistinnen und Rassisten zu verurteilen. Wer sich entschuldigt, offenbart den eigenen Rassismus; wer sich allerdings weigert, sich zu entschuldigen, legt ebenfalls Rassismus an den Tag. Wer sich nicht für Schwarze Kultur interessiert, offenbart den eigenen Rassismus. Wer sich mit Schwarzer Kultur beschäftigt und beschließt, rappen oder Dreadlocks tragen zu wollen, legt allerdings ebenfalls Rassismus an den Tag. Dieser Lehrplan ist einzig und allein dafür da, Rassismus zu enthüllen. Das und nichts anderes ist seine Intention. Deswegen wird es auch als irrelevant betrachtet, dass sich die Maximen dieser Lehre, wenn man nur etwas länger über sie nachdenkt, gegenseitig annullieren. Prioritär und geradezu sakrosankt ist, dass sie ihrem wahren Zweck Genüge tun und Menschen als Rassistinnen und Rassisten entlarven.
Genauer gesagt: Diese Glaubenssätze haben die Aufgabe, dem Stützpfeiler, dem Leitgedanken der neuen antirassistischen Religion Ausdruck zu verleihen. Das wird selten klar und deutlich gesagt, hat aber doch entscheidenden Einfluss auf die lebenspraktischen und ethischen Ansichten ihrer Anhängerinnen und Anhänger. Zugespitzt klänge die Predigt des Third-Wave-Antirassismus par excellence wie folgt:
Der Kampf gegen die Herrschaftsverhältnisse und ihre diskriminierenden Effekte muss im Mittelpunkt allen menschlichen Strebens stehen, sei es intellektuell, moralisch, bürgerschaftlich oder künstlerisch. Alle, die sich diesem Ziel widersetzen oder auch nur unzureichend überzeugt davon zu sein scheinen, müssen in aller Schärfe verurteilt, ihres Einflusses enthoben und geächtet werden.
Dieser strikte Fokus auf die Bekämpfung von Machtungleichgewichten mag einem seltsam einseitig erscheinen. Keine Frage: Machtmissbrauch findet ständig statt und ist für endlos viel Leid verantwortlich. Eine aufgeklärte Gesellschaft muss sich stets damit auseinandersetzen und versuchen, das zu ändern. Vor dem Hintergrund aber, dass es im menschlichen Leben und Streben noch Millionen andere Dinge gibt, ist die Forderung, die Eliminierung von Machtungleichheit ins Zentrum aller nur denkbaren Aktivitäten im Leben zu stellen, eine radikale Position.
Mir ist diese Weltsicht schon recht früh in meiner akademischen Laufbahn begegnet, aber ich habe lange gebraucht, bis ich die vielen Konflikte, in die ich während meiner Arbeit als Sprachwissenschaftler (der auch über Race arbeitet) geraten bin, als Variationen über das immergleiche Problem erkennen konnte. Schon seit Langem bieten die Geistes- und Sozialwissenschaften Leuten Zuflucht, die die Aufgabe ihrer Fachrichtung darin sehen, gegen Machtstrukturen zu kämpfen, to fight the power. Einen ersten Eindruck davon bekam ich, als eine Promotionsstudentin einen Vortrag über My Fair Lady hielt, in dem sie feststellte, dass Higgins mehr Redeanteile hat als Eliza und darum Macht über die Geschichte besitzt. Sie brachte uns bei, immer zu fragen: Wer spricht? Diese Perspektive hat gewiss ihre Richtigkeit, aber dass man, wenn einem die Musik oder der Witz von My Fair Lady gefallen, schon in die Falle getappt ist, ja, dass man als aufgeklärter Mensch auf das Stück herabzuschauen hat, weil es die Geschichte von der brutalen Unterdrückung einer Unterschichtsfrau durch einen herrischen, ältlichen, gelehrten Mann ist, konnte ich in seiner verallgemeinernden Form nie so ganz verstehen.
Damals allerdings betrieb nur eine Minderheit diese Art von Analyse. Alarmistischer Journalismus stellte die Universitäten dar als von »unkündbaren Radikalen« überrannt, aber das war grob überzeichnet. Diese Sorte Ideologie war eines von vielen Gerichten, aus denen man sich am universitären Büfett seine Mahlzeit zusammenstellte. Das Problem ist, dass diese reduktive, anklagende und letzten Endes freudlose Art des Denkens heute kurz davorsteht, nicht nur die Hochschulen, sondern die US-amerikanische Kultur im Großen und Ganzen einzunehmen.
Fraglos ist eines der größten Machtungleichgewichte in unserer Gesellschaft durch Rassismus bedingt. Es liegt an dieser brennen-muss-Salem-artigen, religiösen Verbissenheit, ihn ›bekämpfen‹ zu wollen, dass die Exkommunizierung von Alison Roman, Leslie Neal-Boylan und David Shor so vielen Menschen, die eigentlich bei klarem Verstand sind, notwendig und sinnvoll erschien.
Natürlich ergibt der Katechismus der Widersprüche keinerlei Sinn, aber das tut die Bibel ja auch nicht. Für die Antirassistinnen und Antirassisten der dritten Welle ist der vorrangige Sinn und Zweck unserer Gesellschaft, Weiße in ihrem Rassismus vorzuführen und klarzumachen, dass alle um dieses Faktum wissen. Sollten sich hierbei zufällig kognitive Dissonanzen auftun, muss darüber nicht weiter gesprochen werden, denn Antirassismus ist einfach alles – egal ob logisch oder nicht.
Mit etwas Abstand betrachtet wirken die Thesen und Forderungen der dritten Welle des Antirassismus wie eine exzentrische Performance von Leuten, die sich wünschen, die späten 1960er Jahre nicht verpasst zu haben, und die jetzt sauer sind, dass so viel Basisarbeit schon erledigt ist. Sie sehnen sich nach dem gerechten Zorn und dem herzerwärmenden Gefühl von Sinn und Zugehörigkeit von damals. Da aber die realen Umstände heute keine Rechtfertigung mehr bieten für die Ansichten und Strategien von 1967, werden Übertreibungen und sogar Lügen unausweichlich.
In einem alternativen Universum wären diese Leute in etwa so unbedeutend wie die Yippies mit dem Hanfblatt auf ihrer Flagge, den Tortenwürfen in die Gesichter anderer Menschen und dem Versuch, das Pentagon durch psychische Kraft schweben zu lassen. Als Bewegung waren die Yippies eine Randerscheinung, hier und da einen kurzen Seitenblick wert, und gelegentlich sorgten sie für eine Spur erhöhtes Bewusstsein. Aber im Großen und Ganzen waren sie irrelevant, und das aus gutem Grund. Der Unterschied zu heute ist, dass der Third-Wave-Antirassismus eine bestimmte Waffe im Arsenal hat, die ihm übergroße Macht verleiht, eine Waffe, die deutlich wirksamer ist als eine Sahnetorte.
Ironischerweise ist diese Waffe gerade deswegen so todbringend, weil sich in den vergangenen Jahrzehnten ein echter und unschätzbar wertvoller Wandel in unserer soziopolitischen Textur vollzogen hat. Dieser Wandel hat es mit sich gebracht, dass es für moderne Amerikanerinnen und Amerikaner fast gleichbedeutend ist, ob sie des Rassismus oder der Pädophilie bezichtigt werden. Viele überaus wichtige Menschen haben dafür gekämpft, und kaum jemand wünscht sich wohl, sie hätten das nicht getan. Das Problem ist nur, dass die Antirassistinnen und Antirassisten der dritten Welle jetzt Trittbrettfahrer dieses Erfolgs sind. Das wichtigste Tool in ihrem Werkzeugkasten ist es nämlich, alle, die nicht ihrer Meinung sind, als Rassistinnen und Rassisten zu schmähen – oder sie mit dem noch potenteren Kunstwort unserer Zeit – der White Supremacy, dem weißen Suprematismus – zu belegen. Wer diesen Vorwurf zurückweist, erhärtet ihn, so sagt man uns. Und ist er erst erhoben, bleibt er an einem haften, als habe man sich in den Tentakeln eines riesigen Kraken verfangen. Eine Sahnetorte kann man immerhin abwaschen.
Wir brauchen nicht zu unterstellen, dass die Antirassistinnen und Antirassisten der dritten Welle aus zynischen Beweggründen und um des Machtgewinns willen handeln. Man werfe nur einen Blick auf das Familienmitglied, den Nachbarn oder die Mitarbeiterin, die so denken, man höre ihnen zu und frage sich, ob es bei ihnen Anzeichen für Machthunger gibt. Third-Wave-Antirassisten sind Verächter von Rassismus, aber das sind ja die meisten von uns. Im Namen des Rassismus wollen sie aber noch eine ganze Menge mehr, und zwar hoffnungslos schwer Umzusetzendes, durch und durch Idealistisches oder schlichtweg auch Gemeines. Dass ihre Position allerdings einen derart wackeligen Stand hat, gereicht ihnen unter derzeitigen Bedingungen nicht zum Nachteil. Was daran liegt, dass sie jederzeit losschreien können: »Du bist ein Rassist!« Und dass sie das auch tun.
Für die allermeisten ist es heute derart unerträglich, als Rassist bezeichnet zu werden, dass sie lieber ein klein wenig kognitive Dissonanz aushalten und einknicken. Das hätte, sagen wir, 1967 nicht so gut funktioniert. In den USA von damals hätten viele Weiße, die von solchen Leuten als Rassisten bezeichnet worden wären, wahrscheinlich nur einen Schluck von ihrem Cocktail genommen und gesagt: »Das sehe ich aber gänzlich anders.« Oder: »Fuck you!« Heute aber liegen die Dinge anders, und das hat ironischerweise mit dem Fortschritt zu tun. Inzwischen ergreift die meisten bei der Aussicht, als intolerante, vorurteilsbehaftete Menschen geoutet zu werden, ein hoffnungsloser Schauder, weswegen Third-Wave-Antirassisten immer am längeren Drücker sind, und zwar nur wegen dieser einen Waffe, über die sie verfügen. Obwohl ihre Philosophie insgesamt wohl kaum die von ihnen behauptete biblische Vollkommenheit hat, macht diese eine Sache, die sie zu ihrer Verteidigung tun können und tun werden, aus uns zitternde Wracks. Und deswegen gewinnen sie.
