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Geheimdienstinformationen, Öl-Bohrlizenzen, IRA-Sympathisanten, Drogendealer und dann noch ein rätselhafter Elefant auf der Hoheitsflagge einer Luxus-Yacht. Der entlassene Privatsekretär eines der reichsten Iren versucht, das Geheimnis der wundersamen Geldvermehrung seines früheren Chefs zu lüften – und gerät dabei in den Fokus eines dubiosen Netzwerks vermögender Leute. Bevor er seinen früheren Arbeitgeber überführen kann, erkennt der Milliardär seine Fallhöhe. Vor dem politischen Hintergrund Irlands beschreibt der Autor die zum Teil perfiden Mechanismen kapitalistischer Reichtums-Bildung, bewegt sich mit großem Detailwissen gekonnt zwischen wirtschaftlicher Realität und literarischer Fiktion. Geld ist Macht. Viel Geld ist viel Macht. Es ist nicht nur ein rasant geschriebener Roman, sondern morbide Unterhaltungslektüre mit hohem Erkenntnisgewinn.
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Seitenzahl: 252
Veröffentlichungsjahr: 2026
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
Hunger, Anton
Die Fallhöhe
Roman
ISBN 978-3-911682-34-3
eISBN 978-3-911682-50-3
Satz, Gestaltung und Verlag: Molino GmbH, Otto-Hahn-Str. 17,
71069 Sindelfingen
Herstellung: Bookwire GmbH, Voltastr. 1, 60486 Frankfurt am Main
Printed in Germany
© 2026 Molino GmbH, Schwäbisch Hall und Sindelfingen
Alle Rechte vorbehalten.
ANTON HUNGER
Roman
»Die Fallhöhe« ist ein Roman. Seine handelnden Personen, sein Sujet sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen ist rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Inhaltlich orientiert sich »Die Fallhöhe« an George Bernard Shaw: »Geld ist nichts. Aber viel Geld, das ist etwas anderes.« Mit etwas Phantasie erlaubt das »Andere« eine Sicht auf die Dinge, die die Wirklichkeit nicht reflektiert. Die Menschheits-Geschichte ist schließlich eine Lüge, auf die man sich geeinigt hat. Oder, wie Salman Rushdie sagte: »Die Wahrheit liegt in der Fiktion.«
Die Krankenschwester kam mit einer Decke. Vorwurfsvoll schaute sie sich um, im Zimmer stand jemand, den sie nicht kannte. Ihren Unmut vermittelte sie dem Fremden mit einem strafenden Blick und einer Ansage:
»Der Patient mag es nicht, wenn unangekündigter Besuch kommt. Gleich wird das Abendessen serviert.«
»Der Patient ist mein Vater«, reagierte Adrian gereizt. »Ich will ihn sprechen.«
Die Krankenschwester ließ sich nicht beirren, legte die Decke über den Unterleib und die Beine des Patienten und sagte: »Sie kommen zur falschen Zeit. Ihr Vater mag nicht essen, aber er muss essen. Sein Körper ist schwach. Warten Sie am besten vor der Tür, bis er die Mahlzeit hinter sich hat.«
Adrian empfand die Anweisung der herrischen Krankenschwester als unangemessen, aber er hatte keine Wahl, wollte er nicht einen Streit riskieren.
Auf dem Flur gab es keine Stühle. Gelangweilt ging er den Gang auf und ab, links und rechts die grau gestrichenen Türen der Krankenzimmer. Eine nach der anderen, wie im Knast. Keine Bilder schmückten die
Wände. Alles wirkte trostlos. Zwei betuliche Küchenhilfen, Osteuropäerinnen, an ihrer Sprache zu erkennen, schoben einen Servierwagen über den Flur. In jedes Zimmer brachten sie ein Tablett mit Essen. Mit einem verstohlenen Blick schaffte er sich Gewissheit, als eine Serviererin die Abdeckungen auf Teller und Schüssel hob: Suppenterrine, Reis mit Currygeschnetzeltem, Blattsalat und Joghurt. Er ging ins Foyer des Krankenhauses, kaufte sich einen Kaffee und eine Illustrierte und setzte sich an einen Tisch in der Cafeteria. In zwanzig Minuten müsste der Vater gegessen haben, dann würde er wieder in der Tür stehen.
Es ist sein erster Besuch beim kranken Vater. Vor zwei Wochen hatten ihn die Ärzte eingeliefert, Bauchspeicheldrüsenkrebs im fortgeschrittenen Stadium. Adrian lebt in Dublin, ist persönlicher Sekretär des irischen Milliardärs Robert Byrne, der gerne grau-grün karierte Knickerbocker, rote Hosenträger, braune Budapester-Schuhe und längsgestreifte Flanellhemden trägt. Ein schrulliger Typ. Neben extravaganten Kombinationen zählen Jagen, Angeln und Motorbootausflüge zu seinen Hobbies. Vor allem Jagen. Sein Waffenschrank aus Edelstahl strotzt von Jagdgewehren des Herstellers John Rigby & Co.: Highland-Stalker-Repetierbüchsen, Doppelflinten und Drillinge. Churchill besaß Gewehre von John Rigby, Hemingway ebenfalls. Adrians Hauptbeschäftigung ist es, Rigby-Accessoires wie Patronen-Etuis, Gewehrriemen, Gamaschen oder Ferngläser zu besorgen, Korrespondenz und Zahlungseingänge zu prüfen, in Zeitungen und im Internet Finanznachrichten zu recherchieren, rauschende Feste zu organisieren und Freunde seines Herrn einzuladen, mit denen der »Geld-Hai«, wie er ihn hinter vorgehaltener Hand nennt, über die Maximierung ohnehin üppiger Gewinne palavert. Zuvor lebte Adrian in Brüssel, war Lobbyist bei der EU, arbeitete für multinationale Konzerne, musste Gesetzesvorhaben verhindern oder in die von den Auftraggebern gewünschte Richtung lenken. Lukrativ, aber ein Scheißjob. Sein aktueller Job ist lukrativer – und kein Scheißjob. Er hat viel Freizeit. Ums Geld des finanzkräftigen Imperiums muss er sich nicht kümmern, das macht der Milliardär selbst. Wie sein Vorbild Warren Buffet in den USA.
Dass sein Vater, ein pensionierter Gymnasiallehrer, ins Krankenhaus musste, hatte ihm die Mutter mit dreitägiger Verspätung mitgeteilt. Sie war auf ihren Sohn nicht gut zu sprechen, weil er nicht wie der Vater Lehrer wurde. Die humanistische Bildung war ihr ein Herzensanliegen, sie weiterzutragen galt als familiäre Pflicht. Adrians Neigung zu hochdotierten Posten war ihr zuwider. »Geld stinkt«, sagte sie ihm einmal. Außerdem könne man mit einem Lehrergehalt ganz passabel leben. Ihm reichte es nicht, er hielt sich an das lateinische Sprichwort »pecunia non olet« – Geld stinkt nicht.
Nach einer knappen halben Stunde war Adrian wieder im Zimmer seines Vaters. Die resolute Schwester war auch da. »Psst«, flüsterte sie und legte ihren Zeigefinger an die Lippen. »Ihr Vater schläft. Kommen Sie morgen wieder.«
»Morgen geht’s bei mir nicht, da bin ich wieder im Ausland. Unaufschiebbare Termine.«
»Dann halt übermorgen. Oder nächste Woche, wir haben heute schon Donnerstag.«
»Ich schaue nächste Woche gleich am Montag wieder vorbei. Danke, dass Sie sich um meinen Vater kümmern.« Der Dank war geheuchelt.
Adrian, inzwischen einigermaßen situiert und mit einem bescheidenen Vermögen im Rücken, wollte von seinem Vater nichts. Zu sagen hatten sie sich in all den Jahren nicht viel, ihre Lebenseinstellungen fanden keine Schnittmenge. Aber wissen wollte er schon, ob der Vater mit seinem »asketischen Leben« glücklich war. Er konnte sich das nicht vorstellen, war auf Geld fixiert. »Wenn Glück nicht einfach so dahergeredet ist, braucht es die Erfüllung von Wünschen«, sagte er einmal. »Arm, aber glücklich« war für ihn eine leere Floskel, eine Ausrede der Minderbemittelten, die sich an ihren Zustand gewöhnt hatten. Für ihn war das keine Kategorie, er wollte leben, sorgenfrei leben. Den Vater versuchte er einmal dazu zu bewegen, sich nach Gelegenheiten umzusehen, um zusätzliches Geld zu seinem Lehrer-Gehalt zu scheffeln. Er blieb mit diesem Ansinnen erfolglos. Schlimmer noch: »Du wirst es nochmal bereuen«, hämmerte ihm der Vater ins Gewissen. »Geldgier ist eine mächtige Triebfeder, aber sie führt ins Elend.«
Das sah Adrian anders. Mit Geld kaufte er sich ein mittelprächtiges Haus in Dublin und Oldtimer-Fahrzeuge, sortierte seinen Weinkeller und gönnte sich Spielereien, die gewöhnlich nicht auf Wunschlisten begüterter Menschen stehen. Er erwarb eine kleine Brauerei, lernte das Bierbrauen und stellte sich in seinen freien Stunden, die er als persönlicher Sekretär zur Genüge hatte, hinter den Tresen der Schänke. Ein ungewöhnliches Hobby, aber er ging in ihm auf. Für sein obergäriges Craftbeer kombinierte er verschiedene Malz- und Hopfensorten, lagerte es vor dem Ausschank in Whiskey-Fässern, um eine besonders aromatische Geschmacksnote zu erzeugen. Auch untergäriges Pils hatte er im Angebot. Vom dunklen Stout mit seinem süßlichen Nachgeschmack und dem sahnigen Schaum ließ er die Finger. Diese Sorte überließ er dem benachbarten Weltmarktführer, der Guinness-Brauerei.
Adrian war eine elegante Erscheinung, kleidete sich oft extravagant – schwarzes Hemd zum hellblauen Anzug mit schwarzer Krawatte, hellblaues Einstecktuch – und setzte sich auch an trüben Tagen eine dunkle Sonnenbrille auf. Abwechselnd warf er sich in einen schwarzen Anzug und stülpte sich ein weißes Hemd mit Stehkragen über, bisweilen in einen beigen Sommeranzug mit grünem Hemd. Für gesellige Anlässe mit Freunden wählte er seinen anthrazitfarbenen Anzug mit Klaviertastenmuster und ein rotes Hemd. Seine Physiognomie – kantiges Gesicht, stechende Augen und kurzgeschnittene Haare – hatte Ähnlichkeit mit Marcello Mastroianni, sein Kleidungsstil ebenso. Vielleicht hatte er sich die Kostümierung von dem Schauspieler abgeschaut, dem »italienischen Film-Beau«, wie ihn der Spiegel einmal nannte. Er liebte die alten Film-Klassiker: Casablanca mit Humphrey Bogart und Ingrid Bergmann, Der letzte Tango in Paris mit Marlon Brando und Maria Schneider oder Notting Hill mit Hugh Grant und Julia Roberts. Vor allem schätzte er Mastroianni-Streifen mit Anita Ekberg oder Brigitte Bardot. Frauen konnte er sich aussuchen.
Eine war die Auserwählte, die er heiratete: Jeannette Dupont, attraktive und selbstbewusste Tochter eines belgischen Textilindustriellen. Sie hatte reich geerbt. Ihr Vater verkaufte rechtzeitig vor der Textilkrise sein Imperium an einen Deutschen, der noch an die Zukunft der Leinenweber glaubte. Hätte er nicht verkauft, wäre er verarmt, beichtete er einmal seiner Tochter. Textilien aus Fernost überschwemmten den europäischen Markt, sie waren unschlagbar günstig. Auch Jeannette liebte das Geld, mit dem sie sich in Paris und Mailand von berühmten Couturiers einkleiden ließ. Sie hatte noch immer einen Wohnsitz in Brüssel, lebte aber mit Adrian in Dublin. Hinter den Tresen seiner Brauerei-Schänke stellte sie sich nicht.
****
Am nächsten Montag erschien Adrian wieder im Krankenhaus. Es war kurz vor Mittag, gleich dürfte das Essen gereicht werden. Die Krankenschwester wird ihn wieder vor die Tür weisen, schwante ihm. Aber er war entschlossen, zu bleiben, war bereit, sich mit der herrischen Dame anzulegen.
Er öffnete die Tür zum Zimmer seines Vaters. Eine Krankenschwester empfing ihn, im Gegensatz zu ihrer resoluten Kollegin eine einfühlsame Frau. Adrian schlich an das Bett, wähnte den Vater schlafen. Seine Augen waren geschlossen. Aber er schlief nicht. »Er ist vor einer Stunde friedlich von uns gegangen«, sagte die Schwester. Adrian nahm seine Hände, sie waren noch warm. Er stammelte ein kurzes Gebet, was nicht seine Art war. Die Endgültigkeit des irdischen Daseins wurde ihm schmerzhaft bewusst.
Adrian rief Robert Byrne an, seinen schwerreichen Arbeitgeber: »Mein Vater ist gestorben, ich bin die nächsten Tage nicht erreichbar. Beerdigung organisieren, Ämter kontaktieren, einfach alles, was in einem solchen Fall zu tun ist.« Der »Geld-Hai« murmelte ein hilfloses »Beileid« in die Leitung. Und schob hinterher: »Aber wenn Sie fertig sind, müssen Sie umgehend zu mir kommen. Ich habe eine wichtige Sache mit Ihnen zu besprechen.«
Was ist für einen Milliardär schon wichtig, fragte sich Adrian? Der kann doch jedes Problem mit Geld lösen. Tat es bisher auch. Der Hinweis seines Arbeitgebers verwirrte ihn. Kurzentschlossen läutete er bei seinem Freund James durch, dem Chefkoch im Hause. »Hast du etwas Ungewöhnliches im Milliardärshaushalt mitbekommen?«, fragte er ihn. »Der Chef will es, ohne konkret zu werden, mit mir besprechen, es sei wichtig.« Gemunkelt werde, dass er seine Rechnungen nicht mehr bezahlen könne, antwortete James. »Das ist doch ein Witz, sein Vermögen kann sich doch über Nacht nicht in Luft aufgelöst haben.« James stimmte ihm zu, wusste aber nicht mehr.
Zur Beerdigung seines Vaters strömten viele Menschen, geschätzt so um die hundert. Die frühere Schulleitung, eine Abordnung der Schulbehörde, Freunde, Nachbarn und Vereinskameraden. Jeannette kam aus Irland angereist. Der Pfarrer predigte launig, nannte den Verstorbenen einen humorvollen Menschen, der um einen trockenen Witz nicht verlegen war. Er sei hilfsbereit gewesen, hätte im Sportverein die Jugend trainiert, Trikots und Geräte verwaltet und den Alten im Altersheim aus Büchern vorgelesen. »Ein vorbildlicher Mensch hat uns verlassen«, sagte der Pfarrer. Adrian fühlte erstmals so etwas wie Rührung. Der Kirchenchor sang Somewhere over the Rainbow, ein Streichquartett spielte Avemaria von Schubert, später trällerte eine Sängerin Halleluja von Leonard Cohen. Hinterher beim Leichenschmaus lockerten sich die Zungen der Trauernden. Seine Mutter hatte auffahren lassen, was die Küche hergab. Knausrigkeit wollte sie sich beim Ableben ihres Mannes nicht nachlassen sagen.
Noch am Abend stiegen Adrian und Jeannette in den Flieger nach Dublin. Sie saßen in der Business-Class, ließen sich Sekt servieren. Adrian erzählte ihr von dem seltsamen Gespräch mit seinem Chef. Auch sie konnte sich keinen Reim darauf machen, was denn so wichtig wäre, dass er Adrian sofort nach seiner Rückkehr sprechen müsste. Meinte dann, dass man nicht rätseln solle. Rätseln führe zu keiner befriedigenden Antwort.
****
Am nächsten Morgen machte er sich auf den Weg ins Chalet seines Arbeitgebers. Den Wagen bremste er auf dem Kies vor dem Haus scharf ab, stieg die Außentreppe hinauf, wo ihn schon der Concierge erwartete. Das Arbeitszimmer befand sich im Erdgeschoss, Adrian klopfte und trat ein. Robert Byrne saß hinter seinem ausladenden Schreibtisch, einem antiquarischen Möbelstück aus Florenz. Er blieb in seinem herrschaftlichen Ledersessel sitzen, stützte die Ellbogen auf dem Tisch ab und zog die Stirn in Falten. Seine Mundwinkel hingen herab und ließen ihn aussehen wie Don Quijote, den »Ritter von der traurigen Gestalt« von Romanautor Miguel de Cervantes.
»Sie wollten eine wichtige Sache mit mir besprechen«, platzte Adrian in die Stille, ohne einen Gruß vorauszuschicken. »Ich habe mich beeilt, schneller ging’s nicht.«
»Setzen Sie sich«, befahl der Chef. »Was ich Ihnen zu sagen habe, ist im Stehen nicht gut auszuhalten.« Adrian schwante Schlimmes, seine Hände umklammerten die Stuhllehnen. Mit fragendem Gesichtsausdruck erwartete er die Botschaft.
»The party is over«, presste Robert Byrne durch die Lippen. »Ich muss Sie entlassen. Sorry, es tut mir leid.« Sein Blick war stechend.
»Das ist vielleicht eine seltsame Duplizität der Ereignisse: Mein Vater stirbt und ich werde gefeuert.«
»Ich habe keine Wahl. Den Concierge, zwei oder drei Gärtner, meine Assistenten und einen der beiden Köche muss ich auch nach Hause schicken. Ich muss sparen.«
»Sie machen Witze, Ihr gigantisches Vermögen ist doch mit allen Tricks Ihrer Konkurrenten und selbst mit verlustreichen Investitionen nicht zu versenken.«
»Das Vermögen nicht, ich bin noch reich, aber nur auf dem Papier. Die Kredite werden nicht mehr verlängert. Und Geschäfte mache ich nur mit geliehenem Geld. Das eigene Geld ist investiert oder arbeitet am Kapitalmarkt.«
»Am Kapitalmarkt springt immer ein gewaltiger Batzen heraus.«
»Nicht mehr. Oder ist die Finanzkrise an Ihnen vorbeigegangen? Eine amerikanische Großbank ist pleite gegangen und hat weltweit die Wirtschaft mit hinabgezogen.«
»Soll ich Sie bedauern?«, frotzelte Adrian.
»Das müssen Sie nicht, aber ich bin vom Geldfluss abgeschnitten. Die Börse hat meine Vermögenswerte halbiert und die Banken haben meine Kreditwürdigkeit in Frage gestellt.«
»Die Börse erholt sich wieder, es ist nur eine Frage der Zeit. Und Geld ist anhänglich, an Ihnen klebt es wie Pech.«
»An mir klebt es nicht mehr. Pech hat für mich eine andere Bedeutung als die eines Klebers.«
Adrian sinnierte, was sollte das Theater? Sein Chef führte sich in all den Jahren auf wie Rockefeller und spielte plötzlich die Melodie der Heilsarmee. Aber er versuchte es nachzuvollziehen: Seine Kredite waren mit Aktien abgesichert, die nun nicht mehr viel wert sind.
»Okay, ich nehme die Entlassung an. Widerwillig zwar und mit erheblichen Bauchschmerzen, habe aber offensichtlich keine Wahl. Wann ist mein letzter Arbeitstag?«
»Schon heute, ein Gehalt für diesen Monat bezahle ich Ihnen nicht mehr. Ich muss mich neu sortieren, die Ausgaben drastisch zusammenstreichen.«
»Das ist nicht sehr honorig. Sie müssten doch noch so viel auf der Seite haben, um Ihre Angestellten über eine gewisse Zeit bezahlen zu können?«, gab sich Adrian nicht geschlagen.
»Ein paar Monate könnte ich Sie noch alimentieren, aber ich will nicht mehr. Ich habe mich entschieden.«
»Auf Kosten der Mitarbeiter, das Übliche bei reichen Leuten.«
»Nennen Sie es wie Sie wollen, sie werden schnell wieder einen passenden Job finden. Aber heuern Sie nicht bei einem Oligarchen an. Die schmeißen mit Geld um sich, verspielen es in Casinos, kaufen sich Frauen und Fußballclubs. Steigen ihnen die Gläubiger aufs Dach, verziehen sie sich nach Barbados, Grenada oder gleich auf die Marshall-Inseln. Sie verschwinden von der Bildfläche.«
»Wollen Sie auch verschwinden?«, versuchte Adrian, ihn in die Enge zu treiben.
»Ich verschwinde nicht, habe nichts zu verbergen. Mein Geld ist investiert, nicht in Panama versteckt. Und auf Dauer ist Barbados keine Wohlfühloase.«
»Verstehe«, erwiderte Adrian. »Sollten Sie doch eines Tages wieder einen persönlichen Sekretär beschäftigen wollen, rufen Sie mich an. Vielleicht bin ich dann noch zu haben.«
Adrian erhob sich und reichte ihm, der bis gerade noch sein Arbeitgeber war, die Hand:
»Es war eine spannende Zeit, ich werde die Zusammenarbeit mit Ihnen vermissen. Die Finanzkrise geht vorüber, früher oder später. Dann geht wieder ein Lichtlein auf«, versuchte er noch einen Trost loszuwerden. Es war sinnlos.
Als er schon an der Tür stand, rief ihm der Gestrauchelte hinterher: »Halt, ich habe noch etwas. Meine Yacht, Sie kennen sie und wissen wo sie liegt, sie gehört Ihnen. Es ist Ihre Abfindung. Ich brauche sie nicht mehr. Hier ist der Schlüssel für das Boot.«
Adrian stutzte: »Die pompöse Yacht könnten Sie verkaufen, dann wären Sie wieder einigermaßen flüssig. Die generöse Abfindung ergibt für Sie doch keinen Sinn.«
»Die Abfindung ist leider nicht generös, bei der Yacht stehen aufwendige Reparaturen an.«
»Sie wollen also den Kahn billig entsorgen? Ihre Abfindung ist ein vergiftetes Geschenk.«
»So sollten Sie es nicht sehen. Lassen Sie die Yacht renovieren, ein paar Scheine müssen Sie dafür schon in die Hand nehmen. Und nach der Finanzkrise, wenn den Leuten das Geld wieder locker sitzt, können Sie sie ja verkaufen.«
Zu Hause eröffnete er Jeannette, dass er arbeitslos sei, »von jetzt auf gleich.« Der Alte behaupte er sei mittellos, müsse sparen.
»Na ja, eine Kündigungsfrist hast du nicht und gegen deine Entlassung kannst du nicht klagen. Du wirst dir einfach eine neue Arbeit suchen müssen, kann ja nicht so schwer sein. Wenn’s länger dauert, ist das auch kein Problem. Wir haben etwas auf der hohen Kante.«
»Seine Yacht hat er mir als Abfindung übergeben, die könnten wir nach den notwendigen Reparaturen verkaufen. Bringt nicht viel, wie der Milliardär meinte. Aber der Erlös würde möglicherweise unsere Liquiditätslage etwas entspannen.«
»Die Yacht nehmen wir zunächst einmal gründlich unter die Lupe. Und wenn wir der Meinung sind, dass sich eine Renovierung lohnen könnte, lässt du dir einen Kostenvoranschlag von einer Werft ausarbeiten.«
»Als erstes werde ich mich wohl um einen neuen Job kümmern müssen, einfach wird das nicht werden.«
»Hast du schon mal an eine selbständige Beschäftigung gedacht? Vielleicht eine einträgliche Beratertätigkeit?«
Jeannette war entschlossen, ihn zu einem Unternehmer zu machen. Seine Niederlage in einen Sieg umzuwandeln.
»Eine Krise ist kein Dauerzustand, sie ist auch eine Chance«, philosophierte sie. »Und in der Zwischenzeit schränken wir uns eben ein. Mit Stil, wie es sich für unsereins geziemt.«
Stilvolles Einschränken? Was sollte der Quatsch, dachte sich Adrian und schob hinterher: »Wie soll das gehen? Wir müssen uns nicht einschränken, haben lediglich ein kurzfristiges Einnahmeproblem.«
»Mit Stil die Sache angehen heißt, nicht mit dem Schicksal zu hadern. Im Kapitalismus gibt es immer wieder Gewinner und Verlierer wie in einem Casino. Auch wenn die Reichen etwas anderes erzählen und Leute, die scheitern als Taugenichtse diskreditieren. Geben wir ihnen keine Vorlage.«
»Was meinst du damit?«
»Als erstes richten wir ein gigantisches Fest aus und laden den Geldadel, Unternehmer, Banker und Neureiche ein.«
»Hinterher sind wir pleite«, versuchte Adrian den Ideenschwall seiner Frau zu stoppen.
»Mitnichten. Du hältst eine glühende Rede über dein berufliches Ende und erklärst dem erlauchten Kreis, wie du die Kündigung in einen Sieg verwandelst. Deine Perspektive liegt in der Beratung vermögender Leute, du hast bei einem Milliardär gelernt.«
»Warum sollen reiche Leute ausgerechnet mir vertrauen, die haben doch längst professionelle Vermögensberater an ihrer Seite?«
»Deine berufliche Biografie ist ein Alleinstellungsmerkmal. Gewöhnliche Vermögensberater können da nicht mithalten.«
Jeannette stellte eine Liste mit vermögenden Iren zusammen, auch mit Nicht-Iren, die in Dublin lebten. Hundert hatte sie schnell beisammen, sie kannte sich in dem Milieu aus: Aktionäre, Altreiche, Neureiche, Kuponschneider, Banker, Ärzte und reich gewordene Schrotthändler. Einfach vermögende Leute. Reiche fühlen sich ja nie richtig reich, sind süchtig nach einem Kick, nach mehr.
Auch die Einladung formulierte sie:
Herr Adrian Dobler erweist sich die Ehre, Sie zu seinem Vortrag über »Geld und was es wert ist« einzuladen. Charts mit Wertsteigerungen von Aktienfonds wird er Ihnen nicht präsentieren, er schöpft aus einem reichhaltigen Erfahrungsschatz: Adrian Dobler hat bei einem Milliardär gelernt. Davon können Sie profitieren.
Die Veranstaltung findet am ersten Montag des nächsten Monats um zwanzig Uhr in den »Opium Rooms« in der Wexford Street statt. Eintrittsgebühr 200 Euro.
Schriftliche Anmeldungen an die nachstehende Adresse.
Adrian langte sich an den Kopf, Jeannette war dabei, ihn auf eine Umlaufbahn zu schicken, aus der er hinausschleudern würde. Er war nicht einverstanden.
»Warum verlangen wir eine Eintrittsgebühr? Das ist doch kleinkariert.«
»Du musst signalisieren, dass die Veranstaltung hochwertig ist. Und das geht nur mit einem saftigen Eintrittsgeld. Außerdem muss das Fest bezahlt werden.«
»Hast du zu tief ins Schnapsglas geschaut? Oder Cannabis geraucht?«
»Keineswegs. Appelliere an den gesunden Menschenverstand, vermeide Fachbegriffe und verliere dich nicht in ökonomischen Floskeln. Deine Rede muss schlicht brillant und überzeugend sein. Lass ruhig ein paar Plattitüden einfließen: Das Runde muss ins Eckige, der Kapitalismus ist eine Spielbank. Auf so etwas stehen die Reichen. Reichtum und Dummheit liegen oft nicht weit auseinander.«
»Leute, die ihren Reichtum selbst erschaffen haben, sind nicht dumm. Sonst wären sie nicht reich.«
»Mag sein, aber die meisten sind schlicht gestrickt.«
Adrian glaubte ihr nicht, fügte sich aber ihrer Logik. Am Abend der Veranstaltung in den Opium Rooms posierten Adrian und Jeannette auf dem roten Teppich am Eingang und begrüßten jeden Besucher mit Handschlag. Adrian im schwarzen Smoking, weißem Hemd und schwarzer Fliege, Jeannette in einem blauen, bis zu den Knöcheln abfallenden Abendkleid. Ihr Dekolleté war tief ausgeschnitten, ihre ausladenden Brüste trug sie wie Trophäen vor sich her. Sie präsentierten sich wie die Royals, achteten auf Etikette und strahlten im Duett. Achtzig hatten sich angemeldet und die Eintrittsgebühr überwiesen. James, der Chefkoch von Byrne, war mit einem Freiticket gekommen. Er wurde nicht entlassen, der Alte schätzte seine Kochkunst. Eine Handvoll Journalisten kamen auch in den Club. Mit ihren Presseausweisen genossen sie freien Eintritt. Schon jetzt ist das Experiment ein Erfolg: Sechzehn Riesen sind im Sack. Acht für Speis und Trank, vier für die Clubmiete. Die Abendveranstaltung bezahlt. Der Rest füllte die Privatschatulle der Doblers.
Viertel nach acht betrat Adrian das Podium mit dem Rednerpult. Er war aufgeregt, aber ließ sich nichts anmerken. Er hüstelte, strich sich noch einmal mit dem Taschentuch über die Stirn, nahm einen Schluck Wasser, wartete kurz bis sich seine Nervosität gelegt hatte. Und begann ohne eine Begrüßung:
Prominente mögen Spuren im feinen Sand, die sie hinterlassen. Der Regen spült sie wieder weg. Etwas Großes wird klein, wenn sich die Winde drehen. Ich kenne die Fallhöhe. Gerade habe ich meinen gut dotierten Job verloren.
Stille im Publikum.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, Sie sind gekommen, weil Sie sich etwas versprechen. Aber ich verspreche Ihnen nichts. Vermögensberater versprechen Ihnen viel, lesen aber auch nur in der Glaskugel. Wenn sie Ihr Vermögen mehren, hat der Verwalter Glück gehabt. Wenn nicht, müssen Sie mit Ihrem Pech leben.
Erster Zwischenapplaus.
Sehen Sie, und Sie wissen es vermutlich alle, der Kapitalismus ist ein Casino. Sie setzen auf Schwarz, die Kugel bleibt bei Rot stehen. Das Spiel ist bekannt. Wer im Kapitalismus spielt, wird in den seltensten Fällen reich. Die meisten Milliardäre haben nicht gespielt, sie haben spielen lassen. In ihren Casinos. Beim Spiel gewinnt immer nur einer: die Bank des Casinos.
Wieder Applaus.
Was ist wichtig im Leben? Ich sage es Ihnen: Kein überquellendes Konto, keine Abramowitsch-Yacht, kein Privatflieger. Das macht vielleicht Spaß, hilft Ihnen am Ende aber nicht. Wichtig ist – und jetzt hören Sie gut zu –, wichtig sind die Dinge im Leben, die man sich nicht kaufen kann: Zeit, Geduld, Freunde.
Gelächter im Publikum.
Laden Sie reiche Freunde zum Essen ein, die gemeinsame Mahlzeit ist ein kommunikatives Ereignis. Von den Erfahrungen der Reichen können Sie lernen, wie sie reich geworden sind. Nehmen sie sich die Zeit.
Grummeln in den Reihen der Zuhörer. Reichtum definierten sie nicht über die Küche.
Selbstverständlich können Sie ihr Geld in Aktien anlegen, die meisten tun es. Der Dow Jones steigt, stürzt ab, steigt wieder, hinterher schmelzen die Gewinne wie das Eis in der Sonne. Ein blödes Spiel.
Zustimmendes Nicken bei den Zuhörern.
Ich verrate Ihnen, wie Milliardäre begonnen haben: Sie nahmen sich Zeit, es ist die wertvollste Ressource. Zeit lässt sich, im Gegensatz zu Geld, nicht vermehren. Man muss sie sich nehmen. Elon Musk und Mark Zuckerberg hatten Ideen, die sie in einem weitgehend rechtsfreien Raum des Cyberspace zu Milliardären machten. Das dürfte nicht leicht zu wiederholen sein. Elon Musk soll der reichste Mann der Welt sein, gesichert ist das nicht. Es gibt auch Statistiken, nach denen der französische Luxusunternehmer Bernard Arnault vorne liegt. Oder Waren Buffet. Aber was sollen diese Vergleiche? Vermögenswerte schwanken, ich kann Ihnen ein Lied von meinem früheren Arbeitgeber singen. Man steht morgens als reichster Mann auf und steigt abends als drittreichster Mann ins Bett. Ist das ein Drama?
Zustimmendes Klatschen im Publikum.
Jeff Bezos begann mit einem schlichten Buchversand und entwickelte daraus das weltweit größte Online-Handelsunternehmen Amazon. Roy Thomsen ging mit einem Radioprogramm auf Sendung und kaufte Zeitungen. Er hatte bei null angefangen, schuf Thomson Reuters, die mächtigste Nachrichtenagentur der Welt mit sieben Milliarden Dollar Umsatz. Man kann, wenn man es richtig macht, auch mit Nachrichten Gold schürfen. Man braucht nur Zeit und Geduld. Rockefeller musste sich mehr einfallen lassen als Al Saud aus Saudi-Arabien oder Al Thani aus Katar, bei denen Öl aus dem Boden sprudelt. Er war einfacher Händler von Kommissionswaren, stieg dann mit seinem bescheidenen Gewinn ins Ölgeschäft ein und verschenkte als Erstes Petroleumlampen an arme Amerikaner. Das Petroleum mussten sie bei ihm kaufen, er wurde der reichste US-Bürger seiner Zeit. Merken Sie sich, auch das gehört dazu: Man muss geben können, um zu ernten.
Gelächter. Bescheidener Applaus.
Kurz und gut, was ich Ihnen raten will, ist folgendes: Entweder Sie haben eine glänzende Idee, die man zu Geld machen kann. Oder Sie eröffnen ein Casino und spielen die Bank, die immer kassiert. Oder Sie kaufen kleine, profitable Firmen, die auf dem Markt sind, weil sie als Familienunternehmen Nachfolgeprobleme haben. Ich habe eine Liste mit solchen Firmen. Das ist der simple Trick der Milliardäre: Dort investieren, wo kein Vermögensverwalter hinschaut. Sie brauchen nur Zeit. Und Sie sollten wissen: Geschäfte machen Menschen. Sie machen es beim Essen.
Wer einen guten Koch hat, muss ihn umsorgen, damit er nicht verschwindet. Essen ist etwas Sinnliches, da kommen einem die besten Gedanken. Und weil gutes Essen einfach ist, servieren wir gleich Irish Stew, das irische Nationalgericht. Ich wünsche Ihnen Gesprächspartner am Tisch, die Ihnen erzählen, wie sie reich geworden sind. To your health.
Adrian erhob sein Pint, das auf dem Rednerpult stand.
Das Bier, das Ihnen ausgeschenkt wird, stammt aus meiner Brauerei. Es ist kein industriell gefertigtes Hopfengebräu, es ist Handwerkskunst.
Das Publikum erhob sich, brausender Applaus. Nach der Veranstaltung hatte er fünf Kunden auf seiner Liste.
Adrian setzte sich an den reservierten Tisch, seine Frau hatte den Platz freigehalten. Sie lächelte, war stolz auf ihn und seine Rede und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. Das Irish Stew, ein Eintopf aus Lammfleisch, Kartoffeln, Möhren und Geflügelfond war bodenständig und wärmte Leib und Seele. Kulinarisch war das Gericht in den Weltkriegsjahren keine Offenbarung. Erst durch den Einfluss des kontinentalen Bildungsbürgertums, das sich aus Natursehnsuchts- und Slow-Down-Gründen in den sechziger Jahren auf der Insel niedergelassen hatte, wurde es schmackhafter. Die Arme-Leute-Mahlzeit goutierte das Publikum in den Opium Rooms, obwohl es feinere Gerichte gewohnt war. In lockeren Gesprächen gab sich das eine Wort dem anderen. Adrian wechselte beim Essen ab und zu ein paar Sätze mit seiner Frau, auch mit seinem beleibten Nebenmann, der die achtzig schon hinter sich haben dürfte.
»Ich muss das alles erst einmal sacken lassen«, sagte der Dicke. »Sie sind ehrlicher als gewöhnliche Vermögensberater, das gefällt mir.«
»Vermögensberater arbeiten mit dem Vertrauen, das ihnen entgegengebracht wird. Aber Vertrauen kann auch belastend sein. Man wird leicht gutgläubig«, antworte Adrian.
»Diese Erfahrung habe ich auch schon gemacht«, attestierte ihm der Nebenmann.
Das Bier wurde hochgelobt: »Selbstgebraut? Respekt«, rief einer über den Tisch.
Adrian beobachtete die Gäste, ließ seinen Blick über die Tische schweifen. Die Kellner trugen das Geschirr ab und stellten neue Gläser mit Frischgezapftem auf die Tische.
»Machen Sie ein Imperium aus Ihrer Brauerei«, forderte ihn ein grauhaariger Endfünfziger auf, »dann steige ich in Ihre Firma ein.« Ein Gast am Tisch stimmte ein Loblied auf den Abend an: »Ihre Rede war inspirierend, vor allem Ihre Einstellung zum Reichtum.« Die anderen nickten auffällig. »Man muss mehr wagen, als Bluechips kaufen, ich werde darüber nachdenken«, bemerkte ein weiterer Gast.
Plötzlich stand ein Mann von einem anderen Tisch auf, ging neben Adrian in die Hocke und flüsterte ihm ins Ohr: »Ich weiß etwas Besseres.« Er drückte ihm seine Visitenkarte in die Hand, Neil O’Connor stand drauf. Die Rückseite hatte er mit drei Worten bekritzelt: »Geheimloge – Versteigerungen – Mumien.«
Adrian stutzte, steckte die Karte in seine Smoking-Jacke. Anfangen konnte er mit dem Hinweis nichts, aber er war sich sicher, dass er sich mit dem Mann, der »Besseres weiß«, treffen wird. Was könnte er gemeint haben? Wie könnte man mit Mumien Geld verdienen? Woher sollten sie stammen? Und was soll der Hinweis auf Geheimloge und Versteigerungen? Sollte es sich um illegale Geschäfte handeln? Er musste das Geheimnis lüften.
Die ersten Gäste verabschiedeten sich, reichten Adrian und Jeannette die Hand und bedankten sich für den »überraschenden« Vortrag. Niemand moserte an dem stattlichen Eintrittsgeld herum, sie wussten, dass es peinlich gewirkt hätte. Gegen Mitternacht verließen auch die Gastgeber den Club.
»Na, was sagst du?«, jubelte Jeannette noch im Taxi. »Mit null Einsatz haben wir den Abend bestritten. Dein Understatement hat die Stimmungslage getroffen. Und ein paar Kunden hast du auch schon in der Tasche.«
»Jetzt muss ich nur noch einen Weg finden, wie ich deren Vermögen vermehren kann.«
»Mach es, wie du erzählt hast. Wenn der eine und andere einverstanden ist, kaufst du für ihn ein Familienunternehmen das Nachfolgeprobleme hat. Du kennst ja einige, wie du gesagt hast.«
»Gerade mal eine Handvoll.«
»Das reicht. Sollte der Erfolg eintreten, bist du ein gemachter Mann. Einen Hype um dich lässt sich in der Finanzwelt dann nicht mehr verhindern. Es braucht halt seine Zeit.«
»Es gibt noch eine andere Idee, aber da muss ich zunächst mehr wissen. Es geht um Mumien, soll mich mit einem Herrn Neil O’Connor aus unserem Publikum treffen, der darüber Bescheid weiß.«
»Dann bist du ja die nächsten Tage beschäftigt.«
Das Stichwort »Mumie« irritierte sie nicht.
****
Adrian blieb nachdenklich. Die ominöse Visitenkarte drehte er hin und her, ein Sinn erschloss sich ihm nicht. Am nächsten Morgen nahm er seinen Laptop und setzte sich im Garten an einen Tisch. Jeannette servierte frisch gepressten Orangensaft, Kaffee und Caramel-Biscuits. Sie strich ihm übers Haar, er googelte und tippte die Worte »Mumie« und »Geld« in die Suchmaschine. Fast alles was aufpoppte waren Hinweise auf Ausstellungen und Eintrittspreise. Nicht das, was er suchte.
Sein Mobiltelefon lag neben dem Laptop auf dem Tisch. Er wählte die Nummer von Neil O’Connor, der sofort in der Leitung war.
»Ich interessiere mich für das Business, das Sie auf Ihre Visitenkarte gekritzelt haben.«
»Ihren Anruf habe ich erwartet, es lohnt sich, in das Thema tiefer einzusteigen.«
»Wie Sie sehen bin ich schon dabei. Geht es dabei um archäologische Funde? Oder um Plastinate, also Bindegewebsfiguren wie bei den Körperwelten? Ich schwimme total.«
»Wenn ich Ihnen mehr erzählen soll, müssen wir uns treffen. Am Telefon geht das nicht.«
Adrian stutzte, fing sich aber gleich wieder.
»Was sollen die Stichworte Geheimloge und Versteigerungen?«
