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Eine Fliege, ein Stück Käse und ein Fenster, das plötzlich mehr ist als nur Glas. Was als banale Alltagsszene in einer Küche beginnt, entfaltet sich zu einer stillen, humorvollen Meditation über das Leben, das Bewusstsein und die Kunst, Grenzen zu erkennen, ohne an ihnen zu verzweifeln. Mit feinem Witz, leiser Tiefe und einem liebevollen Blick für das Menschliche erzählt Gunnar Drucklieb von der kleinen Fliege, die auf der Innenseite eines Fensters sitzt und von dem Menschen, der sie beobachtet. Zwischen Brotkrumen, Licht und Gedanken entspinnt sich eine philosophisch-spirituelle Erzählung über Wahrnehmung, Freiheit und das, was wir oft erst sehen, wenn wir aufhören, dagegen anzufliegen. Ein Buch über das große Ganze im Kleinen. Über Erleuchtung ohne Räucherstäbchen, Spiritualität ohne Pathos und darüber, dass manchmal ein gutes Stück Käse genügt, um das Leben zu verstehen. Humorvoll, tiefgründig und überraschend alltagstauglich. Ein Buch für alle, die zwischen Fensterbank und Himmel nach Sinn suchen.
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Seitenzahl: 54
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Das Käsebrot
Mehr als nur Philosophie
Der Ort der Erkenntnis
Da wo und wann man es nicht erwartet
Das Fenster als Schwelle
Über Übergänge, Zwischenräume und das Dazwischen im Leben
Fenster der Kindheit
Erinnerungen, Fantasie und die Sicht auf die Welt, wenn sie noch neu ist
Fenster der Angst
Wenn das Draußen bedrohlich wird, und das Innen zur Falle
Fenster der Sehnsucht
Über Fernweh, Projektionen und das unerreichbar Schöne
Das getrübte Fenster
Depression, Melancholie, Vergänglichkeit
Das offene Fenster
Mut, Begegnung, Frischluft der Veränderung
Die Fenster der Anderen
Empathie, Spiegelungen und das Erkennen im Blick der Welt
Fenster der Toleranz
Traumatherapie, Selbstregulation, menschliche Grenzen
Fenster zum Selbst
Spiegelarbeit, Selbstbeobachtung, Introspektion
Das zerbrochene Fenster
Verlust, Brüche im Leben, Krisen als Lichtspalte
Fenster der Liebe
Nähe, Distanz, Verletzlichkeit
Das Fenster als Spiegel des Bewusstseins
Die Achse der Wahrnehmung
Das letzte Fenster
Tod, Transzendenz, der Blick in andere Welten
Nachwort
Ich sitze in meiner Küche. Ein Ort, der nichts Heiliges hat, aber dafür den unverkennbaren Geruch nach Leben: Kaffee, Brot, ein bisschen Spülmittel und etwas, das wohl von gestern Abend stammt, aber inzwischen die Farbe gewechselt hat.
Auf dem Tisch liegt ein Stück frisches Bauernbrot, außen knusprig, innen saftig, und darauf – mein Stolz und mein Laster zugleich – ein dicker, unverschämt duftender Käse. So ein ehrlicher, stinkender, unentschuldigender Käse, der schon beim Öffnen der Verpackung ruft: „Hier bin ich!“
Ich mag Käse, der lebt. Der redet. Der den Raum füllt, bevor man ihn isst. Ich beiße hinein. Das Brot knackt, die Butter schmilzt, und für einen Augenblick ist die Welt in Ordnung. So wirklich in Ordnung.
So einfach, so profan, so vollkommen menschlich. Dann – wie immer, wenn man glaubt, das Leben habe sich endlich hingesetzt und schweige zufrieden – kommt sie.
Die Fliege. Sie ist klein, schwarz, glänzend und trägt dieses unverschämte Selbstbewusstsein, das nur jene Wesen haben, die nichts besitzen, aber alles beanspruchen. Ein Wesen ohne Benimmregeln, aber mit grenzenloser Dreistigkeit. Sie schwirrt zwei Runden um meinen Kopf, macht dann eine kühne Landung mitten auf dem Käse.
Ich starre sie an. Sie starrt zurück. Zumindest bilde ich mir das ein.
„Wirklich jetzt?“, sage ich laut, als könnte sie mich verstehen.
Sie bewegt sich nicht. Ich wedle mit der Hand, sie hebt kurz ab, nur um zwei Sekunden später auf demselben Fleck wieder zu landen – fast trotzig. Ich seufze. „Na gut, das war wohl meiner, zu lange unbeaufsichtigt.“
Ich schiebe den Teller etwas beiseite, lehne mich zurück, nehme die Szene in Augenschein. Sie spaziert über den Käse, prüft ihn mit dieser Art von Selbstverständlichkeit, als wäre ich hier der Gast und sie die Gastgeberin.
Ich bewundere sie ein wenig – diese Gelassenheit, dieses Vertrauen, dass die Welt sie schon tragen wird.
Und während ich sie beobachte, merke ich, dass in meinem Kopf etwas passiert. Nicht viel – aber etwas verschiebt sich. Ich höre auf, sie wegzuwedeln. Ich sehe einfach nur zu. Da sitzt eine Fliege. Auf meinem Käse. Und in diesem banalen Moment liegt eine ganze Philosophie verborgen.
Ich frage mich: Weiß sie, was sie da tut? Oder ist sie einfach nur da, im Moment, ohne Absicht, ohne Ziel?
Ich beneide sie ein bisschen – sie ist völlig frei von Selbstzweifel oder so. Ich denke an mich. An meine Pläne, meine To-do-Listen, meine unzähligen gedanklichen Fenster, an die ich tagtäglich stoße, weil ich glaube, die Welt sei irgendwo da draußen, wenn ich mich nur genug anstrenge. Vielleicht bin ich gar nicht so anders als sie – nur größer, komplizierter und mit einem Kühlschrank.
Sie hebt ab. Dreht eine kleine Runde und landet auf der Fensterscheibe. Ein stiller, fast symbolischer Ortswechsel – vom Käse zur Erkenntnis.
Ich kaue den letzten Bissen meines Brotes und beobachte sie. Wie sie auf dem Glas sitzt. Wie sie hinausblickt in das Licht. Wie sie, ganz offensichtlich, etwas spürt. Sie sieht hinaus – aber sie kommt nicht hinaus.
Und plötzlich begreife ich: Das ist der Zustand der meisten Menschen, die ich kenne. Wir sitzen auf unserer Seite der Scheibe, schauen hinaus in das, was wir für Freiheit halten, und klagen, dass uns etwas trennt – ohne zu merken, dass das Glas aus unseren Gedanken besteht.
Ich lehne mich vor. Das Licht fällt auf sie, und für einen kurzen Moment scheint sie zu leuchten. Vielleicht ist es das Sonnenlicht, vielleicht ist es Einsicht. Sie krabbelt ein Stück nach oben. Dann wieder zurück. Sie probiert es. Fliegt gegen das Glas, prallt ab, surrt, versucht es erneut.
Ich erkenne mich in ihr. Das ständige Anrennen gegen das, was man nicht versteht. Die unermüdliche Hoffnung, dass es diesmal klappt, wenn man nur ein kleines bisschen anders anfliegt.
Ich lache leise. Nicht über sie. Über uns Menschen. Über das Leben, das offenbar keine Lust auf einfache Antworten hat.
Ich stehe auf, gehe zum Fenster, lege die Hand auf den Griff. Ein kleiner Akt der Gnade, denke ich, und öffne es. Ein warmer Wind strömt herein, trägt den Duft von Regen und Straße, von Gras und Staub, und irgendwoher das ferne Lachen eines Kindes.
Die Fliege verharrt. Es dauert eine Weile, bis sie begreift, dass die Grenze verschwunden ist. Ich kenne das Gefühl. Wenn die Tür plötzlich offensteht, weiß man oft nicht, ob man hindurchgehen soll.
Ich flüstere: „Na los. Jetzt oder nie.“
Natürlich antwortet sie nicht. Sie denkt wahrscheinlich gar nicht darüber nach, sie fühlt einfach. Ein Zittern geht durch ihren Körper, ein kaum hörbares Summen – und dann hebt sie ab.
Kein Pathos, keine Musik, kein Lichtstrahl aus dem Himmel. Nur ein kleiner Flug hinaus in das, was sie schon immer gesucht hat. Ein kurzer Moment – und sie ist weg.
Ich stehe da, halte noch immer den Fenstergriff in der Hand, und lächle. Weil ich weiß: Das war mehr als nur eine Fliege. Das war ein Gleichnis in Miniaturformat.
Ich gehe zurück zum Tisch. Mein Brot ist ein paar Sekunden älter geworden, der Käse riecht noch immer nach Unendlichkeit. Ich nehme einen Bissen, und während der Geschmack in meinem Mund explodiert, denke ich: Vielleicht sind wir alle nur Fliegen, die gegen Glas fliegen, bis jemand – oder etwas – das Fenster öffnet.
Ich lache. Laut. Weil der Gedanke so herrlich lächerlich und wahr zugleich ist.
Ich schaue hinaus. Der Himmel ist weit. Die Luft klar. Und irgendwo, da draußen, fliegt vielleicht gerade eine Fliege, die keine Ahnung hat, dass sie mich etwas über Freiheit und das Leben gelehrt hat.
Ich lehne mich zurück, schließe die Augen und denke: Freiheit riecht manchmal nach altem Käse.
