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Thea von Harbous Roman 'Die Flucht der Beate Hoyermann' bietet eine fesselnde Erzählung, die in der Zwischenkriegszeit spielt. In diesem meisterhaft konstruierten Werk verbindet von Harbou Elemente des Realismus mit dramatischer Spannung, um die gefahrvolle und emotionale Reise einer jungen Frau zu schildern, die aus ihrer Heimat fliehen muss. Der literarische Kontext spiegelt die gesellschaftlichen und politischen Umwälzungen jener Zeit wider und lässt den Leser die verzweifelten Herausforderungen und inneren Konflikte der Protagonistin hautnah miterleben. Thea von Harbou, geboren 1888, war eine deutsche Schriftstellerin und Drehbuchautorin, die besonders durch ihre Zusammenarbeit mit Fritz Lang bekannt wurde. Ihre Arbeit an Filmen wie 'Metropolis' hat ihr ein unverkennbares Gespür für dramatische Erzählstrukturen und eindringliche Charaktere verliehen. In 'Die Flucht der Beate Hoyermann' lässt sich ihr Blick für das Detail und die psychologische Tiefe der Figuren erkennen, was womöglich durch ihre eigenen Erfahrungen und Beobachtungen der gesellschaftlichen Umbrüche in der Weimarer Republik inspiriert wurde. Dieses Buch ist ein Muss für jeden, der einen tiefen Einblick in die menschliche Psyche während einer Zeit großer Unsicherheit und Gewalt sucht. Die lebendige und facettenreiche Darstellung von Beate Hoyermanns Schicksal macht das Werk zu einem unvergesslichen Leseerlebnis. Von Harbous Fähigkeit, die Herausforderungen einer Epoche in einer zeitlosen Erzählung zu verpacken, bietet dem Leser sowohl intellektuelle als auch emotionale Eindrücke und lädt zur Reflexion über die universellen Themen von Verlust, Identität und Hoffnung ein.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
»Hai —! Hai —! Haiiiii —!!«
Der Kuli vor Beates Jinrikisha schrie wie eine Dampfpfeife, als er in vollem Trabe um die Ecke bog und im Menschengewühl der Hauptstraße untertauchte.
Für europäische Begriffe schien es ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, mit einem Jinrikisha in diesen Strom von gelben, hageren, behenden Leibern, blauen verwaschenen Kimonos und runden Strohdeckeln auf glattgeschorenen Schädeln hineinzujagen, ohne daß ein Unglück geschah; und Beate öffnete schon den Mund, um ihrem zweibeinigen Pferd ein »Mate! Mate! — Halt! Halt!« zuzurufen.
Aber das gellende »Hai — haiii —!« des Kulis und die gleichmütige Unbeirrbarkeit seines Trabens machten die Menschen vor ihm auseinanderspritzen wie Wassertropfen vor einem Hunde, der in den Fluß geht.
Nein, sie nahmen ihm seine Rücksichtslosigkeit auch nicht übel. Er war im Dienst, der Wackere — wie hätte er anders handeln können?
Er hatte die Ehre — eine unverdiente, ganz gewiß, aber eine unbestrittene —, die verehrungswürdige Gemahlin des fremden weißen Mannes zu fahren, der seit einigen Monaten auf der kleinen Insel wohnte — auf der kleinen Insel, die, einer schönen, alten Sage nach, »Garten des Freundes« hieß.
Von dem Augenblick an, da der fremde weiße Mann mit seiner ehrwürdigen Gemahlin den Fuß an dieses Ufer gesetzt hatte, war Akira ihnen auf den Fersen geblieben — er und noch ein anderer, den Akira unendlich verachtete.
Dieser andere war dem fremden weißen Manne fast gegen die Kniekehlen gefahren, der Zudringliche. Er hatte ihn mit Lächeln und Verbeugungen genötigt, seinen — nur seinen Jinrikisha zu benutzen! Der Ehrwürdige möge geruhen, einzusteigen — er bot ihm den besten Jinrikisha von ganz Nippon und seine elenden Dienste an, und die Götter sollten ihm die Stunde seines Todes vergiften, wenn er nicht bereit war, für den Ehrwürdigen so oft sein Leben einzusetzen, als es ihm belieben würde, das zu verlangen.
Er, Akira, stand daneben und hörte Mosakus Geschwätz mit dem innigen Wunsche, ihm dafür seinen traurigen Jinrikisha in Stücke schlagen zu dürfen. Aber der weiße Mann ließ sich von Mosakus Redesturz überwältigen; er lachte und stieg ein, während die erlauchte Gemahlin in Akiras Wagen Platz nahm.
Als ehrgeizige Nebenbuhler, die sie waren, begannen Mosaku und Akira ein Wettrennen, daß die flachen Strohdeckel auf ihren kahlen Köpfen hüpften und tanzten, daß ihnen der Schweiß in Strömen von Armen und Beinen floß. O, sie wollten schon zeigen, was sie konnten — hai —!
Seit jenem Tage waren Monate verflossen; aber Akira und Mosaku haßten sich noch immer mit der gleichen Inbrunst, bewachten die Schritte der erlauchten Fremden mit den Augen der Gabelweihe und kannten keinen größeren Triumph, als wenn es einem gelang, dem anderen zuvorzukommen und ihm den Stammgast wegzuschnappen, wenn der weiße Mann oder seine ehrwürdige Gemahlin einmal allein gefahren zu werden wünschte.
Beate hatte in den ersten Wochen niemals gewußt, wer von den beiden Gegnern dem anderen durch größere Geschwindigkeit zuvorgekommen war und in schnellstem Trabe mit ihr davonsauste, sobald sie den Fuß aus dem kleinen Boot mit dem Drachensegel ans Land gesetzt hatte. Die japanischen Gesichter erschienen ihr anfangs alle gleich in ihrer gelbbraunen Blässe, den dunklen, ein wenig schrägen Augen über den starken Backenknochen und mit dem höflichen — unverwirrbar höflichen — Lächeln.
Erst allmählich lernte sie die Menschen aus dem Volke herauszuschälen und sich der fremden Seele näherzutasten; und obgleich sie auf den erdumfassenden Reisen mit ihrem Manne die Menschenseele schon in Häuten jeder Färbung verkleidet gesehen, hatte sie doch niemals so sehr das Gefühl des Fremden, gänzlich Unverwandtschaftlichen gehabt wie vor den Vertretern der gelben Rasse.
Sie hatte das englisch-japanische Wörterbuch im Schoße liegen und plagte sich mit den geschmeidigen Zahlen: »Ichi-mai, yo-mai — nein! Ichi-mai, ni-mai, sam-mai, yo-mai, go-mai ... na? ... — roku-mai, shichi-mai ...«
Sie hatte stets ihren Ehrgeiz darein gesetzt, sich mit der Sprache des Landes, in dem sie sich längere Zeit aufzuhalten gedachten, vertraut zu machen.
Als ihr Mann sich um den Residentenposten in Deutsch-Ostafrika bewarb, lernte sie auf Tod und Leben Kisuaheli und liebte diese ritterliche und liedhafte Sprache samt allen Rauheiten ihres arabischen Einschlags. Und als sie so weit war, daß sie dem würdevoll auf der Boma — der Festung — erscheinenden Häuptling des nächsten Dorfes selbst für seinen Ehrenhammel verbindlichst zu danken vermochte und ihn, der die Türe nicht wiederfand, höchstselbst hinauszuwerfen sich unterfing — als sie die kleinen, zwitschernden Liebeslieder ihrer schwarzen Zofe selber singen konnte und die nachdenklichen und neckischen Sprichworte dieser Menschen durchdacht hatte, da war für sie ein Weg gefunden zu der fremden Rasse, den sie gehen konnte, so oft sie die Laune trieb — und sie war ihn oft gegangen.
Denn es lag die angeerbte Würde tausendjährigen Blutes in der Art, wie ihr Ardili, der arabische Diener, die Obstschale mit den grünen Orangen und den roten Bananen darbot, als übe er einen uralten und feierlichen Opferbrauch.
Und es lag die ganze unendliche Sehnsucht derer, die immer wandern, in dem schwermütigen Spruch, mit dem der traumkundige Ibrahim ben Massud sie warnte, vom Wasser des Nils zu trinken.
»Denn wer von diesem Wasser trinkt, Herrin, und geht aus dem Lande, in dem es fließt, der muß wiederkommen, oder die Sehnsucht tötet ihn ...«
Sie liebte diese Ururenkel eines Herrenvolkes, das mit dem Gestampf seiner Herden und dem Gebrüll seiner Kriegshörner die Erde beben gemacht hatte und Paläste baute, um die noch nach tausend Jahren die Kasuarinen ihre wundervoll geschwungenen Zweige anbetend senkten.
Sie liebte sie, wie sie edle Bronzen liebte, Heldensagen und fremdartige Tiere — mit jener beschaulich entzückten, unwachsamen und eben darum etwas hochmütigen Liebe des Genießenden gegenüber dem Geschöpf, das nichts von ihm zu fordern hat.
Aber sie sollte nicht Wurzeln schlagen in der afrikanischen Erde.
Eines Tages kam ihr Mann von einem kurzen Marsch ins Innere des Landes zurück und hatte das Fieber in jedem Blutstropfen. Das beizte ihm das Weiße in den Augen gelb.
Sie schlug sich mit dem Fieber wie eine verwundete Löwin.
Als der Arzt der Station kam, um nach dem Kranken zu sehen, fand er an dessen Bett eine Frau, die sehr entschlossen schien, den Tod, der nach dem flatternden Herzen ihres Mannes greifen wollte, einfach in die Hand zu beißen.
Ja, das wollte sie. Aber der Tod brauchte seine Hände anderweitig und ging davon.
Und als sie das begriffen hatte und ihres Sieges gewiß war, fiel sie um — schlug mit ganzem Leibe zu Boden und hatte ein freundliches und sehr zufriedenes Gesicht dabei.
Als sie wieder aufwachte, saß ihr Mann an ihrem Bette und hatte einen Brief in der Hand; den gab er ihr, als sie wieder vernünftig denken konnte.
Der Brief war vom Gouverneur und lautete:
»Lieber Hoyermann! Jetzt sind Sie so freundlich und kommen um einen sehr langen Erholungsurlaub ein, oder der Teufel holt Sie. Kerle wie Sie kann ich nicht entbehren, wenn es einmal darauf ankommt! Augenblicklich kann ich's. Also, machen Sie, daß Sie fortkommen und verfügen Sie sich in eine Gegend, die fieberfrei ist. Möglichst weit weg von dieser gesegneten Landschaft. Ich habe große Pläne mit Ihnen, lieber Hoyermann. Das wissen Sie. Und ich habe nicht die Absicht, mir diese durch eine so abgeschmackte Lächerlichkeit, wie ein Sumpffieber es ist, zerstören zu lassen. Stellen Sie einstweilen einen tüchtigen Maat auf Ihren Posten und packen Sie schleunigst Ihre Koffer. Grüßen Sie mir Ihre tapfere Frau; ich hoffe, Sie beide bald in Daressalam zu begrüßen ...«
Und sie hatten die Koffer gepackt.
Nicht gern — o nein! nicht gern ... Aber es war ja kein Abschied auf immer. Sie würden wiederkommen, ganz gewiß ...
Und auf der Heimfahrt hatten sie Pläne geschmiedet, hatten mit halbem Leibe über sämtlichen Länder- und Meerkarten der Erde gelegen und den Globus vor sich um seine Pole tanzen lassen.
Sie wollten die Zeit, die ihnen pflichtenlos gehörte, ausnutzen — die Erde kennenlernen und ihre Menschen zwischen Norden und Süden.
Nach kurzem Aufenthalt in der Heimat hatten sie sich in Hamburg eingeschifft und waren zu den Jagdgründen der Rothäute gefahren.
Sie waren durchaus nicht gesonnen, sich als gesittete Mitteleuropäer zu benehmen, die sich verfrachten lassen wie jedes beliebige und genügend frankierte Eilgut. Sie ließen sich durchaus keine Ratschläge erteilen und beleidigten alle wohlmeinenden Mitreisenden tödlich durch gänzliche Verachtung ihrer ausgekochten und auf Flaschen gezogenen Erfahrungen.
Einige Jahre unter afrikanischer Sonne stärken das Selbstbewußtsein; und wenn man es über sich gewann, innerhalb der ersten zehn Wochen über dieses und jenes nicht tobsüchtig zu werden, dann verläßt man den schwarzen Erdteil als ein Mensch, der für das Wort »unüberwindliche Schwierigkeiten« nur ein mildes Erstaunen übrighat.
Gerhard Hoyermann kannte Neuyork und verwahrte sich entschieden gegen die Zumutung, länger dort zu bleiben, als man unbedingt braucht, um sich für eine Reise, wie er und seine Frau sie vorhatten, auszurüsten.
Er war bereit, sich mit jedem Yankee, der sich durch seine Meinung auf die U.S.A.-Hühneraugen getreten fühlte, ihretwegen zu boxen, bis der Yankee blau war — aber er fand Neuyork von einer märchenhaften Scheußlichkeit und wollte seinem Schöpfer danken, wenn er es hinter sich hatte.
Gewiß, dreißig- bis fünfzigstöckige Häuser mochten ihre Vorzüge haben; aber leider nicht für ihn. Er fand, daß sie das Gleichgewicht der Erde störten.
Auch war es gewiß für Leute, die es eilig hatten, in die Stampfmühle des Lebens zu kommen, von großem Vorteil, daß die L-Züge alle zwei Minuten vorbeirasten und daß die Untergrundbahnen wie von sechzigtausend Teufeln der Djehennah besessen aus der Tiefe auftauchten, um mit einem Geheul, als seien sie selbst deswegen verzweifelt, nach anderthalb Sekunden wieder in ihr zu verschwinden. Aber er, Gott sei Dank, hatte es nicht eilig. Und seine Frau auch nicht, nein!
Sie fraßen ihr Leben nicht — sie verspeisten es, zierlich und gründlich, mit großem Appetit — und tranken seine höchsten Genüsse als edlen Wein aus sehr schön geschliffenen Gläsern.
Was sollten sie in einer Stadt, die beständig im Galopp hinter sich selbst herrast und bei dem Tanz ums goldene Kalb alle zehn Gebote und auch das elfte zerbricht, das da lautet: »Du sollst glücklich sein!«
Gerhard Hoyermann wollte nach dem Wilden Westen, erklärte er. Er wollte die »bloody grounds« aufsuchen, in denen Winnetou, der rote Gentleman, mit seiner Silberbüchse und seinem famosen Rapphengst ...
»Beate, wie hieß der Gaul?«
»Iltschi — der Wind!« jauchzte Frau Beate.
Schön ... Also wo er mit dem Iltschi spazierengeritten war und den verfluchten Komantschen das Leben sauer gemacht hatte.
Er, Gerhard Hoyermann, bestand darauf, einen Grislybären zu jagen und sich dessen Tatzen am Lagerfeuer selbst zu braten. Er wollte nach Nuggets graben und mit irgendeinem schweigsamen Bronzekopf unter den Federn des Kriegsadlers eine Pfeife der Freundschaft rauchen — das wollte er!
Und wenn er Lust bekam, von den Rocky Mountains im Norden bis zu den Kordilleren im Süden einen Spaziergang zu machen, dann machte er ihn — howgh!
»Und Ihre Frau —?!«
»Meine Frau —?!«
In Gerhard Hoyermanns Augen lachten die Lichter und tanzten.
»Meine Frau — die geht mit! Was, Beate —?!«
Und er hatte ihr seine Tatze hingestreckt und nach der ihren gepackt, die eilig und freudig zu ihm gelaufen kam, und sie hatten sich angelacht — hoho! Dröhnend konnte Gerhard Hoyermann lachen! Und sie jauchzte dazwischen ... Natürlich ging sie mit! Was war da weiter dabei —?
In allen ihren Adern sprang das rote, brausende Blut ihres Glücks, das ein seliges Gemisch war von Rausch und Erkenntnis, von aller Heiligkeit des Kinderglaubens an morgen, von wissendem Besitzergreifen zweier Seelen, die Ehrfurcht voreinander haben, von dem staunenden Sichweitertasten, Hand in Hand, in ein Meer von Licht hinein.
Sie hatten zwischen Spiel und Ernst manchen hartatmenden Kampf gekämpft und sich ganz nahe, Eisenschädel gegen Eisenschädel, in die blaublitzenden Augen gehaßt. Bis sie erkannt hatten, daß sie Schulter an Schulter viel weiter kamen als Stirn an Stirn.
Nun liebten sie sich um dieser Erkenntnis willen und gingen in die Welt hinein, um sich die Welt zu erobern.
Mit dem »Wilden Westen« fingen sie an.
Die »bloody grounds« waren leider geschlossen. Wegen mangelnder Betriebsbeteiligung. Einen Grisly zu schießen, war nicht ratsam, da diese lieben Tiere in gleicher Heiligkeit und Unverletzlichkeit im Yellowstonepark lebten wie die Katzen im alten Ägypten. Gerhard sah die Zweckmäßigkeit dieser Heiligsprechung ein und bedauerte nur, daß er sich nicht an den Mormonen schadlos halten konnte.
Sie fanden auch Indianer; aber die meisten waren dem Tomahawk entfremdet und fuhren Automobil. Gerhard meinte, richtige Indianer könnte man augenscheinlich nur noch von Hagenbeck geliefert bekommen. Aber er hatte es sich in den Kopf gesetzt, dessen Quelle aufzuspüren. Und das gelang ihm auch.
Eines Tages begegnete ihnen ein Trupp jener armseligen Überreste, deren Ahnen Tempel und Städte aus Gold gebaut hatten. Und sie betrachteten die fremden bleichen Menschen, während sie stumm an ihnen vorübergingen, mit jenem tragischen Blick schwermütigen Stumpfsinns, den sterbende Tiere haben.
»Ein Glück,« sagte Gerhard, während er ihnen nachsah, »daß nicht die Deutschen schuld am Untergang der roten Rasse sind. Wir gingen kurz nach ihnen drauf am schlechten Gewissen ... Pfui Deibel!«
Beate verstand ihn recht gut. Diese roten Menschen, die nicht klug genug gewesen waren, sich mit ihren Bezwingern rechtzeitig auf den Händlerstandpunkt zu stellen, waren ganz umwoben von der Romantik, die aus ihrem Untergang eine Dichtung machte. Ihre Zeit war vorbei, und sie starben. Und die deutschen Jungens spielten Indianer, was keinem anderen Jungen irgendeines anderen Volkes eingefallen wäre. Sie stellten in ihren Spielen, in denen die Indianer selbstverständlich Sieger blieben, das Gleichgewicht verletzter Rechte wieder her. Und von diesen Jungensspielen ein kindischer und herber Hauch war dem Manne geblieben.
Sie hatten beide, als sie das Land der Untergehenden verließen, das Gefühl, daß zwischen den Weißen und den Rothäutigen die gleiche Kluft sich breitete wie zwischen Menschen am Ufer und denen auf davonfahrendem Schiff. Sie waren zurückgeblieben, die Roten, seit reichlichen Jahrhunderten. Sie zählten nicht mehr mit — waren Steine in einer Sammlung; Schaustücke. Altertümer.
Und nun die Gelben ...
So oft Beate über die gelben Menschen nachdachte, kam sie nach längerer oder kürzerer Zeit ganz gewiß an eine Mauer, die sich rechts und links unabsehbar dehnte und anscheinend kein Tor besaß.
Zur Zeit der Pflaumenblüte waren sie herübergekommen und hatten über der Bucht von Kioto den Berg gesehen, der jener Göttin heilig ist, die die Bäume blühen macht. In einem fremden und kühlen Blau hatte er sich aufgereckt, wolkenlos, ohne Nebel, mit dem Strahlenkranze aus Schnee — ein günstiges Zeichen für die Ankommenden. Denn es gilt als eine üble Vorbedeutung, wenn der Reisende, der Japan betritt, den Fujiyama verschleiert sieht.
Und sie hatten das Märchen der Kirschblüte miterlebt und staunend vor dem inbrünstigen Entzücken eines ganzen Volkes gestanden, dem sich in einem rosenrot blühenden Zweige alle Mysterien der Schönheit zu offenbaren scheinen.
Die Päonien hatten geblüht und die Schwertlilien und die Lotos ...
Und sie standen noch immer an einer Mauer ohne Tor.
Woran lag das?
Beate hatte das Buch in ihrem Schoße schon längst zugeklappt und blickte mit ihren trinkenden Augen auf alle Bilder am Wege.
Zu beiden Seiten der Straße graue, niedrige Häuser, unwahrscheinlich dünn und zerbrechlich, wie zur Schau für eine Stunde aufgebaut. Die Papierwände nach der Straße zu waren zurückgeschoben, denn der Tag war still und heiß. Alle Pulse des Lebens schienen bloßzuliegen, daß man den Schlag des Blutes beobachten konnte.
Altertumshändler hockten in ihren Läden, die Tonpfeife im Munde, das Kohlenbecken neben sich, rund umgeben von verwirrenden Köstlichkeiten und atemraubendem Schund, mit dem eine fruchtbare Industrie das junge Japan gesegnet hat.
Beate überlegte, ob sie aussteigen sollte, um eine Stunde in solch einem Laden zu vertrödeln. Sie konnte es ohne Gefahr tun. Akira lief ihr nicht davon. Wenn es ihr beliebt hätte, bis zum Sonnenuntergang vor einem holdseligen Kakemono oder einem schwarzen Lackkästchen mit goldenen Fischen, die durch einen Wasserfall springen, in Andacht zu stehen, sich an der kühlen Schwere eines seidenen Kimonos zu entzücken, in dessen prunkendes Rot silberne Sperlinge gestickt waren, oder eines von jenen winzigen Spielzeugen zu versuchen, die so einfach und spitzfindig zugleich waren wie eine Scherzfrage — sie hätte gewiß sein dürfen, daß Akira nach Stunden geduldigen Wartens sie mit der gleichen begeisterten Verbeugung und dem gleichen sanften Lächeln aufgefordert hätte, in seinem Jinrikisha wieder Platz zu nehmen, als wenn sie nur zehn Minuten auf sich hätte warten lassen.
Und wenn sie nach Stunden des eifrigsten Herumkramens in allen Winkeln eines Ladens dennoch nichts gefunden hätte, das sie zu erwerben wünschte, so würde sie der Besitzer all der verschmähten Herrlichkeiten ebenso höflich und wortlos lächelnd haben hinausgehen lassen, wie er sie eintreten ließ, ohne den geringsten Versuch zu machen, ihr etwas aufzuschwatzen, oder sie zum Wiederkommen aufzufordern.
Aber sie ließ den Plan fallen, weil es ihr Mühe gemacht hätte, sich von ihren grübelnden Gedanken loszureißen, die sich mit forschendem Eifer und ein wenig beschämter Traurigkeit der rätselhaften Fremdheit dieses Volkes nähertasten wollten.
Da draußen jagte die Eisenbahn durch die Reisfelder, in deren unbedingt bejahendem Grün Männer und Weiber arbeiteten, in den weiten, von Kanälen durchzogenen Feldern der Ebene wie in den schachbrettgroßen Fleckchen, die sich die kargeren Hügel erobert hatten.
Über den flachen Dächern der grauen, demütigen Häuser reckten sich die Telegraphenstangen und waren von einer sinnverwirrenden Fülle, ohne daß sie eigentlich gestört hätten.
Das war Amerika und Europa, die sich in Japan kühl-höflich eine Verbeugung machten, ganz ohne jenes verbindliche Lächeln, das ein Teil von der Seele dieses merkwürdigen Landes zu sein schien.
Aber Amerika und Europa sollten sich nicht einbilden, daß sie jemals dieses Land für sich erobern könnten — o nein!
Es schien, daß man Eisenbahnen und Telegraphenstangen brauchte, um Schritt zu halten. Also baute man Eisenbahnen und pflanzte über den wimmelnden Gassen der Städte Telegraphenstangen auf. Im übrigen blieb man Japan ... Die Missionare sämtlicher christlichen Kirchen bekamen die Gelbsucht und wurden schwermütig angesichts der sanftlächelnden Unbeirrbarkeit eines Glaubens, dem nicht beizukommen war.
Die Löwen des Shinto hielten gute Wacht vor tausendjährigen Tempeln.
Diese Tempel liebte Beate vor allen Dingen in Japan am meisten. Und zu ihrem Lieblingstempel war sie jetzt auf dem Weg.
Er war nicht eben einfach. Akira mußte seine ganze Geschicklichkeit aufwenden, um nicht in einem Gewühl fliegender Händler mit den wippenden Bambusstangen auf der Schulter steckenzubleiben, nicht mit einem Rudel seiner Kastengenossen Skandal zu bekommen — einen höflich lächelnden Skandal, selbstverständlich, aber nichtsdestoweniger einen ausdrücklichen —, weil er ihr kleines Zelt an der Straßenecke um ein Haar überrannt hätte.
Dieses kleine, braungelbe Volk schien ewig in Eile zu sein. Es sauste auf seinen Stelzenschuhen in heiterster Geschäftigkeit durch die Straßen, lächelte, verbeugte sich, bahnte sich mit einer wunderlichen schiffenden Bewegung der vorgehaltenen Hand Wege durch die Menge, mit denen eine Katze nicht zufrieden gewesen wäre. Jeder schien den anderen um Entschuldigung zu bitten, daß sein Geschäft ihn nötigte, etwas Platz für sich zu beanspruchen.
Beate dachte, wie wohl »Himmelkreuzdonnerwetter!« auf japanisch heißen würde. Aber sie vermutete, daß es dafür keine Bezeichnung gab. Überhaupt keine in dieser Richtung. Eigentlich war das ein Mangel ...
Hai —! Nun hatten sie die kribbelnden Straßen hinter sich. Die fremdartige, aber nicht unschöne Melodie der tausend klappernden Holzsandalen wurde leiser und leiser, verstummte endlich ganz. Akira keuchte; es ging hügelan. Aber Beate hatte es schon lange aufgegeben, dem Kuli zuzureden, daß er Schritt fahren möge. Auch ein Jinrikishakuli hat seine Gesetze. Deren oberstes ist, daß er Trab läuft, bis er am Ziele ist oder bis ihn der Schlag trifft und ihn von jeder Verantwortlichkeit entbindet.
Vor einem uralten wunderschönen Torii machte er halt und forderte die Verehrungswürdige mit einem milden Lächeln auf dem schweißtriefenden Gesicht auf, sich zu erheben. Beate verließ den Jinrikisha; Akira verfügte sich in den Schatten und hockte sich auf die Steine neben dem Torii. Er würde hier einige Dutzend Pfeifen rauchen und warten ...
Beate durchwanderte den kleinen Vorhof, in dem nur ein paar steinerne Votivlaternen standen und eine ganz verwitterte steinerne Göttin, nicht größer als ein Kind. Sie drückte die eine Hand mit einer ekstatischen Gebärde an ihre linke Brust und hielt die andere schmal und offen aufgerichtet den Betenden entgegen. Ihr Gesicht war von unendlicher Ruhe erfüllt und lächelte aus halbgeschlossenen Lidern.
Beate nickte ihr zu; sie kannten sich schon und hatten Zuneigung füreinander.
Als sie den kleinen Vorhof verließ und im Begriff stand, die schmale Steintreppe hinaufzusteigen, die zum Gipfel des Hügels führte, begegnete ihr ein Mann; ein Japaner. Er war kein Priester und schien auch nicht der dienenden Klasse anzugehören. Er grüßte die weiße Frau ehrerbietig; um den farblosen Mund und in den glänzenden Jetaugen stand das sanfteste Lächeln Nippons, als er ihr Platz machte und mit seiner Verbeugung um Verzeihung zu bitten schien, daß seine Gegenwart die Schritte der Fremden belästigte.
Unwillkürlich sah Beate sich um, als sie ein paar Stufen erstiegen hatte. Sie begegnete dem aufmerksamen Blick des Japaners, der ihr nachschaute. Vielleicht hatte sie sich auch getäuscht. Er rief etwas in seiner gutturalen Sprache, das ihr nicht galt, denn eine Stimme antwortete von oben. Dann ging er und verschwand im Hofe.
Was ging es sie an —?
Ein kleiner Hain von düsteren, wunderlich zerfetzt aussehenden Fichtenbäumen nahm sie auf. Er schloß sich wie ein schwerer Mantel um die Spitze des Hügels und um den Tempel, den er hütete.
In diesem Tempel wohnte sie — Kwan-on, die milde Göttin, die große Barmherzigkeit, die auf den ewig seligen Frieden ihrer Göttlichkeit verzichtete, um den Menschen zu helfen.
Hier wohnte sie, zu der die Betenden flehen und gewiß sind, Erhörung zu finden. Der volle Mond ist die Aureole ihres unendlich gütigen Hauptes. In der erhabenen Ruhe ihres Lächelns thront sie über den Weihrauchwolken — sie, deren Lobpreisung sich nicht genugtun kann in köstlichen Worten: »O du Strahlengleiche, die du das Licht über die Erde ausgießest! O du fleckenlos Reine! O du mit deinen schönen Augen! ...«
Aber es war nicht um der Göttin willen, daß Beate zu diesem Tempel kam. Sie wollte das Meer sehen. Das Meer von Japan, in dem die kleinen Inseln liegen, wie Schmuckstücke, von Kindern verstreut.
Sie setzte sich unter einen Fichtenbaum, der, von den Genossen abgesondert, einsam und spröde zuhöchst auf dem Hügel stand und so wirkte, als könne er nirgends sonst in der Welt stehen — faltete die Hände über dem Knie und träumte.
Gerade unter ihr, von der Flut umspült, lag ihre Insel, der schöne »Garten des Freundes«. Zur Zeit der Ebbe konnte sie zu Fuß über den schmeichlerischen Sand gelangen. Jetzt schossen die flinken winzigen Ruderboote über die glatte See; die wunderlichen Segler, die wie schwimmende Drachen aussahen, warfen sich in die Brust.
Sehr weit draußen, dem bloßen Auge gerade noch erkenntlich, lag ein Dampfer scheinbar ruhend auf dem Meer.
Er schien es nicht eilig zu haben.
Von irgendwo her erklang das leise rufende Händeklatschen betender Priester. Die Gottheiten hatten viele Wohnungen in Nippon. Und wenn Gebete und Anrufungen sich in goldene Fäden verwandeln würden, müßte über den Inseln des Ostens ein Netz aus Gold schweben, das den erhabenen Buddha preist: »Namu Amida Butsu ...«
Beate rieb sich die Stirn; sie mühte sich, ein kleines japanisches Kinderlied, das sie gestern gelernt, in ihr Gedächtnis zurückzurufen. Aber es entschlüpfte ihr immer wieder. Und als sie ihr Buch zu Rate ziehen wollte, hörte sie Schritte hinter sich und wußte sofort, wem sie gehörten.
Sie war auf einen stürmischen Überfall gefaßt und bereitete sich vor, ihm würdig zu begegnen; er blieb aber aus.
Sie drehte sich um und sah ihrem Manne ins Gesicht. Das zeigte eine wunderliche Mischung von Grimm und Belustigtsein.
Vor den Augen seiner Frau schwand der Grimm, und sie begrüßten sich, wie es ihre Gewohnheit war, solange der Himmel blau schien.
»Tag, Löwin!«
»Tag, Bär!«
Dann rieben sie ernsthaft die Nasen aneinander — nach Gerhards Behauptung eine durchaus asiatische Sitte, die nicht ohne Reiz war —, gaben sich einen europäischen Kuß und nickten sich befriedigt zu.
Beate sagte nichts. Sie wußte ganz genau, daß jetzt eine Explosion irgendwelcher Art erfolgen würde.
Gerhard warf sich neben ihr auf den Rücken, kreuzte die Arme unter dem Nacken und fragte: »Weißt du, was das Neueste ist?«
»Nein.«
»Wir stehen unter polizeilicher Bewachung!«
»Ach nee!« sagte Beate sehr begeistert. »Wie kommst du darauf?«
»Soll ein Nilpferd nicht darauf kommen, wenn ihm vom ersten bis zum letzten Schritt in diesem gesegneten Lande ein Kerl auf den Fersen klebt, der gar nichts da verloren hat! In den ersten Tagen habe ich überhaupt nichts gemerkt. Dann glaubte ich, ich hätte mich getäuscht. Schließlich wurde ich aufmerksam und knöpfte Augen und Ohren gehörig in Sperrweite ... Bei Gott, Beate, man lauert uns auf!«
»Aber weshalb um alles in der Welt?«
»Weiß der Teufel! Tatsache ist, daß ich keinen Fuß rühren kann, ohne daß ich an irgendeiner Ecke einen finde, der auf mich aufpaßt, als wäre ich der japanische Staatsschatz auf Urlaub. Und ich sollte mich sehr wundern, wenn nicht auch deine Schritte sehr genau bewacht würden.«
»Na wenn schon!« meinte Beate in vollkommener Heiterkeit. »Laß ihnen doch das Vergnügen ... Wir sehen beide etwas zu wenig japanisch aus, um in Gefahr zu geraten, für eingeborene Verbrecher gehalten zu werden, die man möglicherweise inbrünstig sucht, um sie dem Gott der Unterwelt in den Rachen zu werfen.«
»Im Gegenteil,« sagte Gerhard. »Wir sehen drei Meilen gegen den Wind so aus, daß die höfliche Bande da unten uns zu Ehren die ›Wacht am Rhein‹ singen würde, wenn sie dazu imstande wäre. Und vielleicht sind wir ihnen gerade deshalb noch viel interessanter, als wenn wir eingeborene mehrfache Raubmörder wären.«
»Bär,« sagte die Frau und fuhr ihm in die Haare, »du hast Halluzinationen!«
»Wenn du Mut hast, dann behauptest du jetzt noch, daß ich für gewöhnlich darunter leide!«
»Nein, den Mut hab' ich nicht ...«
»Das ist auch dein Glück, Löwin.«
»Aber sonst«, fuhr Beate fort, »wird es mir daran nicht fehlen, und darauf möchte ich dich noch einmal ausdrücklich aufmerksam gemacht haben, Bär — falls du glaubst, mir etwas Wichtiges grammweise beibringen zu müssen. Kannst es mir alles auf einmal versetzen. Ich vertrag' schon einen Puff ...«
»Das weiß ich. Ich hab' auch gar nicht die Absicht, homöopathisch vorzugehen ... Die ganze Geschichte beruht darauf, daß die Bande irgendwie erfahren haben muß, daß ich deutscher Offizier gewesen bin — zuerst im Heer, dann in der Schutztruppe. Und daß sie jetzt etwas sehr Geheimnisvolles hinter der Tatsache vermuten, daß ich mir erlaube, ganz einfach als Gerhard Hoyermann mit Frau aus Berlin an der Spree hier in Japan spazierenzugehen.«
»Herrje!« sagte Beate. »Vermuten sie vielleicht in Tokio, daß du ein Spion in kaiserlich deutschen Diensten seist?«
»Du hast die Tokioter Vermutungen jedenfalls auf die einfachste Formel gebracht, Löwin,« sagte Gerhard Hoyermann.
Beate sah ihn ungläubig an. Aber er scherzte nicht. Wirklich nicht.
»Das ist ja phänomenal albern!« sagte sie.
»Nicht so sehr, wie du denkst,« meinte Gerhard Hoyermann nachdenklich und sah in den Himmel hinauf. »Bekanntlich sind diejenigen, die selbst hinterm Ofen zu sitzen pflegen, sehr rasch zu der Annahme bereit, auch andere könnten eine Vorliebe für diesen Platz entwickeln.«
»Nun —?«
»Nun — es war einmal eine Festung, die hieß, wenn ich mich nicht irre, Port Arthur ... in der gab es keine Scheuerfrau, keinen Briefträger und kein Waschweib, die nicht im Hauptberuf japanische Offiziere gewesen wären ...«
»Im Kriege —!«
»Im Frieden.«
Beate dachte nach. Sie hatte das Kinn in die Hände und die Ellbogen auf die Knie gestemmt und sah mit verschnürten Brauen aufs Meer hinaus.
»Und wenn du Recht hast — was dann?« fragte sie nach einer Weile.
»Dann — dürfte es immerhin von Vorteil sein, sich nicht allzu fest auf das verbindliche Lächeln der gelben Bande zu verlassen,« meinte Gerhard Hoyermann. »Schließlich sind wir nicht in dieses allerliebste Ländchen gekommen, um den Rest unseres Urlaubs in getrennten Zellen irgendeines Untersuchungsgefängnisses zu beschließen.«
»Ohne jeden Grund —?!«
»O, wenn man uns erst mal hat, wird man den Grund schon dazu finden,« sagte Gerhard Hoyermann phlegmatisch. »Auch bin ich fest davon überzeugt, daß die Sicherheitsorgane, die uns unter ihre Obhut nehmen würden, es mit dem zuvorkommendsten Lächeln von der Welt täten und daß man sich, wenn unsere gänzliche Harmlosigkeit erwiesen wäre, in Entschuldigungen und Sympathiekundgebungen ergehen würde, die ein Pferd nur mühsam aushalten könnte, die einen Menschen aber vollkommen blödsinnig machen würden. Dann, bitte, beschwere dich! — Der Kerl, der dich verhaftet hat, wird außer sich sein, daß er dich belästigen mußte — er wird den Tag seiner Geburt verfluchen, weil er gezwungen war, dir Ungelegenheiten zu bereiten. Er wird lächeln und sich verneigen, wenn du ihm so klar als möglich zu machen suchst, daß diese Wirtschaft in seinem gottverlassenen Nippon eine riesengroße Schweinerei sei und daß deinetwegen das ganze Inselreich in den Mond gesprengt werden könnte ... Aber deine Wochen Haft hast du weg. Und wenn du aus dem Hafen von Kobe abfährst, wirst du die Entdeckung machen, daß sich mit dem letzten Boot, das dein Schiff verläßt, ein Schatten von deinen Füßen gelöst hat, der eine verdammte Ähnlichkeit mit einem Geheimpolizisten besitzt. Und höchstwahrscheinlich wird er dich noch vom Boote aus verbindlich lächelnd grüßen ...«
»Ich hoffe, daß du eines schönen Tages Ursache haben wirst, unseren augenblicklichen Gastgebern deine düsteren Vermutungen abzubitten,« sagte Beate nicht sehr zuversichtlich.
»Das hoffe ich auch,« antwortete Gerhard Hoyermann. »Zur Sicherheit möchte ich dich aber trotzdem bitten, geliebte Frau, nicht mehr allein in dieser reizvollen Landschaft herumzufahren. Denn wenn dir irgend etwas geschähe, so würde ich, beim Barte des Propheten! nicht schüchtern sein in der Wahl meiner Mittel, um mir Genugtuung zu verschaffen, und wenn ich den Minister des Äußeren eigenhändig verprügeln müßte. Immerhin ist es besser, wenn das nicht notwendig wird.«
»Vielleicht schonst du dein Organ ein bißchen,« meinte Beate. »Es könnte ja möglicherweise geschehen, daß irgendwo und irgendwann eine Prügelei zwischen Gott weiß wem ausbricht; nachher bist du's gewesen. Außerdem fahre ich nicht mehr allein. Ich bin gar nicht versessen darauf, eine politisch verdächtige Persönlichkeit zu werden. Der Ruhm, deine Frau zu sein, genügt meinem Ehrgeiz durchaus.«
»Gott segne diesen Standpunkt!« sagte Gerhard Hoyermann. »Er gibt mir meine gute Laune wieder. Und wenn du nichts dagegen hast, lassen wir Akira und Mosaku ein Wettrennen veranstalten, wer uns am schnellsten nach dem nächsten Theater fährt! Ich habe Sehnsucht danach, drachenmäulige Teufel, verhexte Katzen und waffenklirrende Samurais zu sehen. Vorwärts, Frau Beate!«
Als sie am Tempel der Göttin »mit den schönen Augen« vorübergingen, sahen sie einen Betenden vor dem goldschimmernden Standbild der milden Göttin Kwan-on.
Er lag auf den Knien und hatte das Gesicht zwischen die flachen Hände auf den Sockel der Statue gelegt.
Das Antlitz der Göttin hing über ihm, von der Gloriole des runden Mondes umgeben. Der feierliche Frieden derer, die nichts wünschen, leuchtete auf ihrer Stirn.
»War der Mensch schon hier, als du kamst?« fragte Gerhard unterdrückten Tones, während sie durch den Fichtenhain nach der Steintreppe gingen.
»Nein. Wenigstens habe ich ihn nicht bemerkt.«
»Eine verwünscht günstige Stellung, um sein Gesicht nicht sehen zu lassen,« murmelte Gerhard Hoyermann, indem er rückwärts schaute.
»Hältst du den Mann für den Minister des Äußeren?« fragte Beate und zog ihn hinter sich drein.
»Man kann nie wissen, was ein Japaner im Nebenberuf ist,« antwortete ihr Mann. »Und du wirst mir schon erlauben müssen, meine hochgemute Löwin, daß ich meine Augen schön fleißig spazierenführe.«
Beate blieb stehen, am Fuß der Treppe, die auf den Vorhof mündete.
»Bis jetzt haben wir gescherzt —« meinte sie.
»Ich nicht, Beate ...«
»Du glaubst, daß man uns aus ernsthaften Beweggründen — beobachtet —?«
»Ich bin überzeugt davon.«
Beate zog die Lippen zwischen die Zähne.
»Und was gedenkst du zu tun?« fragte sie dann und sah zu ihrem Manne auf.
Gerhard Hoyermann lächelte und zog den Arm seiner Frau an sich.
»Zunächst fahren wir ins Theater, liebste Frau, und freuen uns an dem Japan, das nicht mehr ist. Und dann — vielleicht — werden wir im ›Garten des Freundes‹ Kriegsrat halten ... mit Tystendal, wenn ich ihn auftreiben kann. Das ist, außer uns beiden, der vernünftigste Mensch, den ich kenne, und seine hellen Schwedenaugen können uns von großem Nutzen sein.«
Beate fragte nicht weiter. Sie nahmen in ihren Jinrikishas Platz und hatten es nicht nötig, die Kulis zur Eile anzutreiben. Akira und Mosaku liefen wie die Irrsinnigen, versuchten beständig sich zu überholen und knirschten einander mit freundlich grinsenden Zähnen an, wenn sie Seite an Seite trabten.
Trotz ihrer Eile erreichten sie die Stadt nicht vor der Dämmerung.
Beate sah zum Himmel empor, dessen merkwürdige Beleuchtung ihr auffiel. Er war nicht blau, sondern gelb. Sie hatte Färbungen der Luft wie diese nur noch in der ägyptischen Wüste gesehen, ehe der Khamsin ausbrach. Die Sonne, die hinter den Inseln ins Meer sank, schien durch den rötlichgelben Dunst einem grausigen Schicksal entgegenzuwirbeln. Als sie verschwunden war, wurde der Himmel braun.
Vielleicht, daß ein Gewitter kommt, dachte Beate. Und sie erinnerte sich der afrikanischen Gewitter, die keinen Donner und keine Blitze kannten, sondern ein vom Himmel niederstürzendes Wassermeer waren, das in Flammen stand und brüllte.
Sie kannte die Tage und Nächte Japans nur, wenn sie lächelten, und freute sich auf ihren Groll.
In den Straßen brannten die Laternen und hingen in der dunstigen Luft, als schwebten sie frei darin — ein lose gereihtes, tausendfaches Geschmeide der Dunkelheit. Über das weiße Papier krochen die tausendjährigen chinesischen Schriftzeichen, samtschwarz und verwirrend.
Vor den Theatern, die eine ganze Straße für sich in Anspruch nahmen, glühten die Laternen rot.
Beate und Gerhard verzichteten darauf, sich Shakespeares »Sommernachtstraum« oder Goethes »Faust« in japanischer Ausgabe anzusehen. Sie suchten das alte Japan mit seinen starrenden Ritterrüstungen, seinen Fratzen und seinen Wundern.
Im Vorraum des Theaters, vor dem Akira und Mosaku einmütig innehielten, standen Hunderte von kleinen und großen Holzsandalen. Die Fremden zogen ihre Schuhe aus und fühlten die weichen Matten glatt und reinlich unter ihren Sohlen. Ein uralter Japaner führte sie die Treppe hinauf und schob die Rückwand eines kleinen Käfigs beiseite, mit einer tiefen Verbeugung die verehrten Besucher einladend, darin Platz zu nehmen.
Gerhard und Beate kamen der Aufforderung nach mit dem Gefühl, in eine Welt zu treten, die weiter von ihren Seelen entfernt lag, als Ostasien von Westeuropa liegt. Aber sie kamen ohne Maßstab und wollten genießen. Es schadete nichts, daß ihnen die rauhen und dumpfen Kehllaute der japanischen Schauspieler unverständlich blieben. Was sie sahen, war fremd; aber es wurde auch von dem schwarzen und goldenen Gürtel umspannt, der alles, was Menschenblut in den Adern hat, umrundet.
Rechts und links der Bühne, in kleinen, versteckenden Bambushainen, saßen die Musikanten, die einen Lärm vollführten, als wollten sie das Jüngste Gericht herbeirufen. Ein Verbrechen war geschehen. Auf der Bühne lag eine Frau in ihrem Blut, das träge aus ihrer durchschnittenen Kehle sickerte. Und ihr Mörder entkam mit dem Schmuck der schönen Tänzerin. Über den »Blumenweg« schlich er davon, der von der Bühne aus über die Köpfe der Zuschauer hinweg ins Unbekannte führte.
Die Zuschauer murrten; sie waren unzufrieden damit, daß der Schuldige entkam. Die Samisenen zirpten und schrillten wie hunderttausend Zikaden. Die kleinen Trommeln bebten vor Entrüstung.
Beate, von der Unmittelbarkeit und Kraft dieser Darstellung und ihres Eindrucks gleichermaßen gefangengenommen, suchte mit ihrer Linken die Hand ihres Mannes. Sie spürte seinen Gegendruck und wollte sich mit einer Frage an ihn wenden, als die Rückwand ihres kleinen Käfigs abermals beiseitegeschoben wurde und ein Mann eintrat. Ein Europäer.
Es war der Schwede Tystendal.
»Guten Abend!« grüßte er gedämpft, beugte sich über Beates Hand und drückte Gerhards Rechte.
Hoyermann betrachtete das Gesicht seines Freundes aufmerksam.
»Freut mich, daß wir uns hier treffen,« meinte er. »Ich möchte etwas mit Ihnen besprechen und hatte die Absicht, Sie heute noch aufzusuchen.«
»Es ist kein Zufall, daß ich Sie hier finde,« antwortete Tystendal, ohne Platz zu nehmen. »Ich war bei Ihnen auf der Insel und hörte, daß Sie in die Stadt gefahren seien, entdeckte Ihre beiden famosen Kampfhähne vor dieser Türe und kam herauf.«
»Wollten Sie uns nur einen freundnachbarlichen Besuch machen — oder kamen Sie aus besonderem Anlaß?« fragte Hoyermann.
»Aus einem erschütternden und schwerwiegenden Anlaß,« sagte der Schwede. »Sie wissen noch nichts davon, sonst wären Sie wohl nicht hier ... Der österreichische Thronfolger und seine Gemahlin sind in Bosnien von serbischen Anarchisten ermordet worden ...«
»Herrgott —!« sagte Gerhard Hoyermann fast laut. Beate brachte keinen Ton über die Lippen. Sie war so weiß im Gesicht, daß es aussah, als müsse sie ohnmächtig werden. Eine Minute lang machte keiner der drei Menschen eine Bewegung.
Dann stand Gerhard Hoyermann auf und packte Beate bei der Hand.
»Komm!« sagte er und ging hinter Tystendal aus der Loge.
Auf dem Wege nach der Insel konnten sie nicht miteinander sprechen. Aber ihre Gedanken gingen die gleichen Wege.
Beate fühlte, ohne sich Rechenschaft über die Ursache geben zu können, daß hinter dieser Botschaft und der Art, wie Tystendal sie ihnen überbracht, mehr verborgen lag als die einfach menschliche Teilnahme an einem Unglück, das zwei Menschen und deren Angehörige getroffen, mehr als der natürliche Abscheu gegen ein Verbrechen, dessen Beweggrund in Fanatismus wurzelte.
Zum ersten Male, seit sie Europa verlassen, spürte sie die ungeheure räumliche Entfernung von der Heimat als etwas Beklemmendes.
»Wir wollen nach Hause,« dachte sie. Und sie sprach es auch aus, als sie neben ihrem Manne im Boot saß und zur Insel hinüberfuhr.
»Es ist sehr möglich, daß Sie die Heimreise beschleunigen müssen,« sagte Tystendal.
Beate sah den beiden Männern ins Gesicht. Sie waren sehr ernst, und um Gerhard Hoyermanns Mund lag jener Zug der Entschlossenheit, um dessentwillen der Gouverneur von Ostafrika große Pläne mit ihm hatte.
»Glauben Sie,« fragte Beate, während sie nach dem Hause schritten, »daß dieser gräßliche Mord — weittragende Folgen haben kann —?«
»Wenn er aus dem Fanatismus anarchistischer Mordbuben entsprang — nein,« antwortete der Schwede. »Wenn er erkauft wurde — dann ja ...«
