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Das Werk 'Du bist unmöglich, Jo!' von Thea von Harbou ist ein fesselndes Beispiel für die literarische Erkundung der gesellschaftlichen Normen und menschlichen Beziehungen. Im Mittelpunkt der Geschichte steht Jo, eine Figur, die in ihrer Unangepasstheit und individuellen Freiheit hervortritt. Mit feinem Gespür für emotionale Schattierungen entfaltet Harbou eine Erzählung, die sowohl den humorvollen Umgang mit zwischenmenschlichen Konflikten als auch die tiefere Frage nach persönlichen Freiheiten beleuchtet. Der Stil von Harbou ist dabei geprägt von einem präzisen Blick auf die sozialen Dynamiken ihrer Zeit, der den Leser in die kulturellen und sozialen Realitäten der frühen 20. Jahrhunderts eintauchen lässt. Thea von Harbou, geboren 1888, war eine der eindrucksvollsten deutschen Autorinnen ihrer Generation. Ihre Karriere als Drehbuchautorin und Romanautorin, darunter Werke wie 'Metropolis', zeigt ein umfassendes Verständnis für narrative Strukturen und komplexe Charakterentwicklungen. Ihre Erfahrungen in der Filmindustrie könnten sie dazu inspiriert haben, die dynamische und visuell eindringliche Erzählweise in 'Du bist unmöglich, Jo!' zu verwenden und somit ein literarisches Abenteuer zu schaffen, das sowohl Augen als auch Geist anspricht. Dieses Buch ist ein Muss für jeden, der an kraftvollen Charakterstudien und humorvollen, tiefgründigen Erzählungen interessiert ist. 'Du bist unmöglich, Jo!' bietet nicht nur eine spannende Lektüre, sondern auch einen Einblick in die sozialen Fragen des frühen 20. Jahrhunderts. Es ist eine Einladung, über die Rolle des Individuums in einer sich schnell wandelnden Gesellschaft nachzudenken und die menschliche Natur in all ihren Facetten zu begreifen. Lassen Sie sich von Thea von Harbous meisterhafter Prosa fesseln und entdecken Sie die Feinheiten ihrer brillanten Charakteranalysen.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Das war ein Weg – wie von einem Regenwurm entworfen!
Hin und her und hin und her schraubte er sich zur Höhe hinauf – Wald rechts und links, mauerdicht, daß man nur ja nicht sah, wohin man fuhr und was einem entgegenkommen konnte. Und Vollrath nahm diese mordsüchtigen Kurven wie ein Irrer. Pausenlos ließ er die Hupe heulen und jagte immer wieder das herrische Aufjaulen des Kompressors hinein, sobald er einmal armselige zweihundert Meter klar vor sich hatte.
Tilly Ebenezer war drauf und dran, vor Nervosität aus dem Wagen zu springen. Aber sie hatte nicht darauf schwören können, daß diese Verzweiflungstat irgendwelche Bremswirkung auf Vollrath ausüben würde. Sie wußte zu genau, was diesen berühmten Fahrer des Mannegoldschen Hauses, diesen menschgewordenen Motor trieb, ununterbrochen auf höchster Tourenzahl zu laufen: weil es zu der Frau ging, zu der Frau seines Chefs, die – alle Spatzen würden es, dank Jo, in Kürze von den Dächern pfeifen! – seinem Chef davongelaufen war und die, wenn irgend möglich, zurückzuholen man sie als Schwägerin und Schwester beauftragt hatte.
Es sollte nur den Anschein einer kurzen Erholungsreise haben – daher diese nette kleine Parforcetour mit dem Wagen, in dem man weiß Gott wie in einem Himmelbett saß, der aber diesen losgelassenen Vollrath am Steuer hatte. Vollrath war ein Dämon. Eingenebelt in ein Wirrsal von Angst und Geschwindigkeitsrausch, Hilflosigkeit und atemraubender Neugier, wie Jo sie wohl empfangen würde, ließ Tilly ihre hübschen, ein wenig auf » Oh indeed!« dressierten Augen auf dem sonnenbraunen Nacken Vollraths ruhen und haßte ihn ebenso fanatisch, wie sie Jo um diesen Fahrer beneidete. Denn sie wußte sehr gut, daß ihr eigener Schofför dreißig Kilometer pro Stunde für ein völlig ausreichendes Tempo erachtet haben würde, um einem Wiedersehen mit Frau Tilly Ebenezer entgegenzufahren.
Sie schluckte ein paarmal und wischte sich mit dem Taschentuch über die nervöse kleine Hasennase, auf der Puder und Staub eine unlösbare chemische Verbindung eingegangen waren. Vor zwei Tagen, im Kranz der zahlreichen Familienmitglieder, die ihr allesamt versicherten, daß von ihrem Takt und ihrer fraulichen Geschicklichkeit das Heil des schwer angeknockten Hauses Mannegold abhinge, da war sie von einer herrlichen, prickelnden Überlegenheit gewesen. Sogar ihren Bruder, dieses Wunder der Beherrschtheit, von dessen Asphaltgesicht auch die feinste Spürnase nicht abgeschnüffelt hätte, daß ihm soeben die Frau durchgegangen war – sogar ihn hatte sie, ihre plötzliche Wichtigkeit genießend, mit lächelnden, ein wenig gönnerhaften Augen betrachtet, während er auf sie einsprach:
»Ich gebe dir Vollrath und den neuen Mercedes« – es klang wie: ›Ich stelle dir die Bank von England zur Verfügung‹ –; »vierzehn Tage genügen für eine vorgeschobene Vergnügungstour. Am fünften Juli spätestens erwarte ich, euch abends bei Tisch zu Hause vorzufinden, als wäre nichts geschehen. Ich halte es für ausgeschlossen, daß du ohne Jo zurückkommst, liebe Lilly!«
»Ich auch«, hatte sie lächelnd erwidert.
Wie kam sie eigentlich dazu –!
Jetzt, da sie ganz und gar ohne stützende Familienpfeiler von diesem tobsüchtigen Vollrath dem Wiedersehen mit Jo entgegengeschleudert wurde, jetzt begriff sie sich selbst nicht mehr. Kannte sie Jo überhaupt? Kannte irgend jemand auf der Welt diese meuterische Jo, die nach fünfzehnjähriger Ehe ihrem Mann davonlief – ohne den geringsten Grund, ohne den leisesten Anschein von Berechtigung? Lieferte man sie, die kleine, entsetzlich nervöse Tilly Ebenezer, nicht schutzlos einem Unternehmen aus, das verzweifelte Ähnlichkeit mit der topographischen Erschließung eines unbekannten Erdteils hatte?
Noch eine Minute dieser körperlichen und psychischen Folterung, und sie würde in das bitterliche Schluchzen eines überanstrengten Kindes ausbrechen –
Da zog Vollrath die Bremsen an. So plötzlich, daß Tilly wie ein Bündelchen Seidenlappen vornübertauchte. Sie hörte einen kurzen, rauhen, heißen Laut unverhohlener Mannsfreude.
Und da stand Jo am Wege.
Schön und heiter stand sie da. Und fremd – fremd … Wodurch eigentlich? Kleid? Haar? Sonnenbräune? Oder war es das Gesicht? Dieses erhellte, ganz schwerelose, in seiner Heiterkeit gleichsam schwebende Gesicht? Aber etwas davon war doch, schon immer in Jos Gesicht gewesen …
Tilly Ebenezer versuchte zu lächeln, ein kleines, zerknautschtes Ratlosigkeitslächeln.
»Da seid ihr«, sagte Jo und nickte Vollrath zu, der aus dem Wagen vor sie hingesprungen war. »Guten Tag, Vollrath! Guten Tag, Tillychen! Willst du nicht aus deiner Ecke herauskommen? Das letzte Stück zur Höhe mußt du schon deinen Füßen zumuten … Auf die Minute seid ihr gekommen … Ich habe im Regensburger Hotel angerufen, wann ihr abgefahren seid – und ich weiß, wie Vollrath fährt.«
Sie sah den Fahrer an, dessen braunes Gesicht plötzlich von einer guten Stille erfüllt schien. Es wurde fast einfältig in seinem völligen Anszielgekommensein. Der ganze Mann sah aus wie ein großer Hund, der gelobt wurde und sich nun gleich mit einem zufriedenen Seufzer in die Sonne legen wird.
»Wie geht es zu Hause, Vollrath?« fragte Jo.
Er begriff, nach wem sie fragte. Er gab seinen Bericht, wie die Frau ihn verlangte, und die Dame, die sich im Wagen aus Decken, Schals und Staubmänteln zappelte, war für ihn nicht da. Genug, daß er sie auf dem Platz hatte dulden müssen, auf dem sonst die Frau zu sitzen pflegte.
»Ich soll der gnädigen Frau recht viele Grüße ausrichten. Und es geht allen soweit ganz gut. Nur die gnädige Frau fehlt uns sehr. Und ich soll von allen sagen, die gnädige Frau möchte doch bald wiederkommen.«
»Danke, Vollrath.« Ernsthaft sahen Jos Augen in die ernsthaften Augen des Mannes. »Sie werden, wenn Sie heimkommen, alle tausendmal von mir grüßen. Und es freut mich, daß ich euch fehle. Ja, das freut mich, Vollrath. Aber ich komme nicht wieder. Nein.«
Darauf wußte Vollrath nichts zu sagen. Wenn die Frau es so beschlossen hatte, mußte es wohl richtig sein. Wortlos drehte er sich um und half Tilly Ebenezer auf die Straße herunter. Jo sah, daß ihre Schwägerin blutrot im Gesicht war. Sie lächelte und zog Tillys Hand an sich, eine kleine, widerspenstige, entrüstete, empörte Hand in von Staub mißhandeltem, kostbarem Leder.
»Jetzt schleppe ich dich in meine Höhle, Tillychen. Vollrath, ich schicke jemand, der die Koffer holt. Sie werden den Wagen in der Garage am Bahnhof unterbringen. Und dann kommen Sie auch zu mir herauf. Ich habe zwar nur eine winzige Kammer für Sie, aber ich dachte, Sie würden lieber unter meinem Dach als unter einem fremden schlafen.«
»Ja, gnädige Frau.«
Ja. Nicht: Jawohl …
Jo hielt noch immer Tillys Hand umschlossen. Jetzt gab sie den Häftling frei und öffnete die kleine Gitterpforte, die jenseits eines schmalen, trockenen Grabens am Rande der Straße in eine lebendige Hecke geschnitten war. Was dahinter lag, konnte man nicht sehen; dunkel ansteigender Wald zog den Hügel hinauf. Jenseits der Pforte führte ein schmaler, sanft anmutender Weg unter den Bäumen aufwärts.
»Sei mir willkommen, Tillychen!« sagte Jo mit ihrer entnervenden Heiterkeit und hielt die Pforte offen.
Tilly antwortete nicht. Sie machte einen protestreichen Schritt über den Graben hinüber, ging an dem Lächeln Jos vorbei und zerrte die Handschuhe von den feuchtgewordenen Händen. Wieder saß ihr das Schluchzen der Überanstrengung in der Kehle. Eine Verrückte war sie gewesen, als sie sich breitschlagen ließ – als sie, um ehrlich zu sein, sich anbot, Jo zurückzuholen. Ja, verrückt – verrückt –! Mit gesenktem Kopfe lief sie auf ihren dünnen, hochhackigen Schuhen diesen harmlos tuenden, bösartigen Weg bergan.
»Du wirst die Puste verlieren, Tillychen«, sagte Jos Stimme ein beträchtliches Stück hinter ihr.
Tilly wandte sich um und blieb stehen. Auch dieser Weg in seiner Schmalheit hatte einen Regenwurm zum Architekten gehabt. Das schien hier landesüblich. Aber in dieser Minute kam es Tilly Ebenezer wunderbar zupaß. Sie stand oberhalb einer dieser vermaledeiten Kurven, und Jo stand unterhalb, das aufgehobene, in seiner Heiterkeit schwebende Gesicht in der Höhe von Tillys Füßen. Es schoß der kleinen Tilly durch den Kopf, irgendwo einmal gelesen zu haben, daß es in Streitfällen von unschätzbarem Vorteil sei, seinem Gegner von oben herab in die Augen zu sehen. Sie nahm diesen Vorteil wahr und allen Mut zusammen.
»Du bist unmöglich, Jo!« sagte sie halb leise und kämpfte um den Atem mit einer erbärmlichen Aussichtslosigkeit. »Unmöglich–! Einfach unmöglich –!«
»Warum, Tillychen?« fragte Jo. Sie schien von der Theorie des Höher- respektive Tieferstehens nicht übermäßig viel zu halten. Sie blieb sehr friedlich unten stehen und fing das Bild der kleinen kriegerischen Person über ihr in lächelnden Augen auf.
»Nenne mich nicht immer Tillychen! Es klingt, als wolltest du einen hysterischen Affenpinscher beruhigen! Ich bin hierhergekommen, weiß Gott nicht gern, um sehr, sehr ernst mit dir zu reden –«
»Aber doch nicht vor dem Mittagessen, Tillychen –«
»– und du empfängst mich – nein, du hast mich überhaupt nicht empfangen! Du hast den Herrn Schofför Vollrath, den schließlich und endlich mein Bruder bezahlt, eher begrüßt als mich! – Und hast dich, ohne auch nur eine Höflichkeitsfloskel an uns zu verschwenden, bei ihm nach den Dienstboten erkundigt, als seien sie dir tausendmal wichtiger als wir von der Verwandtschaft alle miteinander –«
»Das sind sie mir auch«, sagte Jo.
Frau Ebenezer stampfte mit dem Fuß auf. Sie empfand ihren erhöhten Standpunkt irgendwie als wackelig und vulkanisch, aber sie war nun einmal im Schwung und fühlte die unsichtbaren Heerscharen einer großen Familie gleichzeitig als Schutz und Anfeuerung rund um sich her.
»– und zu guter Letzt hältst du es auch noch für unbedingt notwendig, Herrn Vollrath –«
»– den schließlich und endlich dein Bruder bezahlt –«
»– dein Mann! – Er ist noch immer dein Mann!«
»Ja, Tillychen. Wir meinen beide Herrn Eberhard Mannegold. Nicht wahr? Aber siehst du, er wird noch immer dein Bruder sein, wenn er schon längst nicht mehr mein Mann ist; das ist der Unterschied und das Mirakel.«
Tilly Ebenezer brach überganglos in Tränen aus, was Jo augenblicklich an ihre Seite brachte.
»Aber Tillychen, Tillychen –!«
» Mußtest du diesem Vollrath gleich damit ins Gesicht springen, daß du nicht mehr nach Hause zurückkehren willst –?! Wir alle zerfasern uns die Lippen, um den Leuten dein – dein –«
»Durchbrennen –«, half Jo aus.
»– als eine plötzliche Laune einzureden, als eine schon wieder behobene Hysterie –«
»Herzlichen Dank.« Jo schob die Hand in den Arm der kleinen Schwägerin und zwang sie milde zum Weitergehen. »Komm, Tillychen.« Der Weg war schmal, aber die beiden schlanken Frauengestalten gingen ihn nebeneinander. »Man hat dir da eine schöne Geschichte aufgehalst. Ja, ja, die liebe Familie … Das ist schon eine tolle Erfindung. Von einer undurchdringlichen und unlogischen Logik. Von einer konsequenten Inkonsequenz. Das erste Buch Mosis berichtet uns nichts davon, wie sich Adam und Eva mit ihrem Sohn Kain wegen des Mordes an ihrem Sohn Abel auseinandersetzten. Aber wegen der unsympathischen Schwiegertöchter, die Kain aus dem Lande Nod ins Haus brachte, scheint es ernstlichen Krach in der Familie gegeben zu haben … Zu wievielt habt ihr denn Kriegsrat abgehalten?«
»Jo, du ahnst nicht, was du der Familie angetan hast!« sagte Tilly Ebenezer flüsternd, und in ihrem Flüstern war mehr ehrlicher Kummer als in irgendeinem lauten Satz, den sie vorher gesprochen hatte.
»Doch, Tillychen.«
»Aber es ist dir ganz egal!«
»Bis in die Knochen!«
»Freilich, wenn dir das Wohlergehen der Dienstboten wichtiger ist als das deiner Familienmitglieder –«
»Tillychen«, sagte Jo bedachtsam und guckte auf den Weg, der immer sanft zwischen Bäumen und Gestein bergan stieg, »ich habe mich fünfzehn Jahre lang als wohlerzogener Mensch bei den verschiedensten Mitgliedern dieser Familie erkundigt, wie es ihnen ginge, und fünfzehn Jahre lang von jedem einzelnen zur Antwort bekommen: ›Wie soll's mir schon gehen? Mies geht's!‹ Jetzt frage ich nicht mehr, weil es herzlos wäre. Man soll die Menschen nicht immer an ihr Elend erinnern.«
»Schließlich hat ja auch jeder seine Sorgen«, sagte Tilly Ebenezer.
»Freilich, freilich. Ich habe sie alle dick und rund werden sehen bei ihren Sorgen. Auch die Frauen – bevor die Sache mit den fünf rohen Karotten und den hundert Gramm Weißkäse zum Abendbrot aufkam. Aber meine Leute …«
Sie machte eine kleine, haschende Bewegung mit der rechten Hand, eine Bewegung, die Tilly so gut an ihr kannte. Es war, als wollte sie eben noch etwas einfangen, das ihr schon entglitt und worauf sie schon verzichtete. Tilly ging auf Jagd nach ihrem Taschentuch.
»Warum heulst du eigentlich ununterbrochen, Tillychen?«
Frau Ebenezer stampfte zum zweiten Male mit dem Fuß auf.
»Du sollst mich nicht immer Tillychen nennen«, schrie sie unter krampfhaftem Schluchzen.
»Schön – werde ich in Zukunft Mathilde zu dir sagen.«
»Nein! Das erst recht nicht!«
»Dann bleibt es also bei Tillychen. Du bist ja, wie ich immer deutlicher sehe, auch wirklich nicht mehr als ein kleiner hysterischer Affenpinscher, den man beruhigen muß. Sag mal, mein Kind, stimmt etwas bei dir nicht?«
»Du lieber Gott, was sollte denn bei mir nicht stimmen?«
»Das wirst du besser beantworten können als der liebe Gott.«
»Ich bin einfach nervös …«
»Tillychen, es gibt keine nervösen Frauen.«
»Ach, Jo –! Du mit deinen barocken Behauptungen!«
»Meinst du paradox?«
»Ich meinte barock!«
»Verstehst du darunter etwas Aufgeplatztes? – So eine Mischung aus weißgoldenen Gewittern und ekstatischen Pellkartoffeln?«
»Ja–a, vielleicht …«
»Dann bist du im Irrtum, Tillychen. Meine Behauptung ist so schlicht wie eine Stahlmöbelkonstruktion. Es gibt keine nervösen Frauen; aber es gibt haufenweise Frauen, bei denen Herz und Unterleib durcheinandergeraten sind.«
Tilly Ebenezer stieß mit dem Kopf gegen die Luft, als spränge sie durch einen brennenden Reifen.
»Du bist bei Gott unmöglich, Jo«, sagte sie und schluckte nach Atem. Ihre Zähne klirrten aufeinander, und vor diesen klirrenden Zähnen stand ein kleines, entblößtes Lächeln in erbarmungswürdiger Armut. Jo betrachtete sie aufmerksam.
»Und so was will mich zurückholen«, sagte sie kopfschüttelnd. »Ich habe mir erzählen lassen, daß gezähmte Elefanten geradezu versessen darauf sind, den Menschen beim Einfangen wilder Elefanten behilflich zu sein. Eigentlich sollte man's nicht für möglich halten, daß Elefanten pervers sind … aber wie, in Gottes Namen, soll man das sonst bezeichnen?«
Tilly Ebenezer riß sich den Hut vom Kopf, als wollte sie sich skalpieren.
»Du verstehst es, einem heiß zu machen!« sagte sie erbittert. »Geht das noch lange so bergan?«
»Warum läßt du dein Haar so verwildern, Tillychen?«
»Findest du es verwildert?«
»Ja, schauderhaft. Man muß bei einem Stil bleiben, Tillychen. Du schminkst dich, soweit es sich noch feststellen läßt, auf Vanity fair, und um das Haar herum siehst du aus wie ein Eskimoweib aus verregnetem Heu.«
»Wie was?«
»Später, später! Was sagt Josy dazu?«
»Gott – Josy … Ich glaube gar nicht, daß er es bemerkt …«
Pause.
»Hm«, machte Jo.
Sie gingen.
»Übrigens«, sagte Tilly Ebenezer mit einer fahrigen Plötzlichkeit, ohne den Blick von den kleinen grauen Steinen des Weges zu heben, »er wollte mich eventuell abholen … Das heißt: dich und mich – wenn alles in Ordnung geht … Er würde von Wien mit dem Flugzeug herüberkommen …«
»Das soll er auf jeden Fall tun!« antwortete Jo mit Nachdruck. Dann lächelte sie. »Aber vorläufig bist du selbst ja eben erst gekommen, Tillychen. Hast du eigentlich schon einen Blick gehabt für die Welt, in die du durch Familienratschluß gefallen bist?«
»Nein, Jo. Hinter Regensburg hat es geregnet, und sobald wir uns den Bergen näherten, ist Vollrath vor lauter Sehnsucht nach dir in einem Tempo gefahren, daß ich vor Angst nicht rechts noch links gesehen habe – – –«
»Sei mir nicht neidisch um Vollraths Sehnsucht, Tillychen.«
»Neidisch –! Na weißt du, Jo –!«
»Schsch … Es ist etwas ganz Wunderbares um so einen Menschen, Tillychen. Er ist vollkommen in dem, wozu er berufen ist, und über diesem vollkommenen Können liegt das unnotierbare Etwas, das an den Börsen nicht gehandelt wird: der Ehrgeiz, als bester Könner den besten Verwerter zu haben. Ich kann mir vorstellen, daß dein Schofför dich eines schönen Tages umbringt, weil du ihm auch auf der Avus nie mehr als fünfundvierzig Kilometer bewilligst. Und wenn ich sein Richter wäre, würde ich ihn freisprechen. Komm, sieh mich nicht so entsetzt an, Tillychen, dein Schofför wird dich nicht umbringen – er wird dich nur nach besten Kräften betrügen und dir kündigen, weiter nichts! Und jetzt hole Atem und schau dich um! Da hast du mein Haus – und das sind meine Berge.«
Tilly Ebenezer hob den Kopf und blieb stehen.
Zwischen den beiden Giebelfenstern des Hauses, das Jo Mannegold gehörte, stand ein Wort geschrieben:
Glück.
»Bist du gar nicht abergläubisch, Jo?« fragte Tilly Ebenezer flüsternd.
»Nein, Tillychen. Ich halte den lieben Gott nicht für rachsüchtig und auch nicht für albern … Ich kann mir sogar vorstellen, daß der liebe Gott, wenn er auf mich und dieses Haus herunterschaut, sich mit einem kleinen Aufatmen der Erleichterung abwendet und denkt: Diese Jo darf man jetzt ruhig ein Weilchen sich selbst überlassen. Glaubst du nicht, daß er mir dafür dankbar ist, der Viel-zuviel-Bemühte?«
Das Haus lag auf dreiviertel Höhe des Berges. Hinter ihm stieg der Wald nur wenig noch hinan; über den im lastenden Schmuck der Tannenzapfen goldbraun erscheinenden Wipfeln schmiegte sich blühender Wiesenhang höher und höher und verschwamm als eine feingebuckelte Grenzlinie mit dem Blust der ferneren und herberen Felshänge.
Das Haus war nicht groß. Kaum mehr als ein Bauernhaus, mit grauen Schindeln und Steinen auf dem Dach, das schützend vorsprang über den rundum laufenden Altan. Die Fenster klein und wie zersprengt von den Blumen, die sonnengierig als bunte Kaskaden nach außen stürzten. Auf dem weißen, steinernen Unterbau der schöne Hausrumpf aus ungestrichenem Holz, das von Sonne, Wind und Regen schon eine warmgoldene Färbung bekommen hatte.
Vor dem Haus ein Brunnen; aus hölzernem Rohr plätscherte das Wasser in einen hölzernen Langtrog und von dort als schmalglitzernde Lebendigkeit, des eigenen Wegwillens froh, ungefaßt und unbekümmert talabwärts.
Jenseits des schönen Tales standen die Berge groß. Sie hoben sich wie Könige über die Vasallenrücken waldtragender Hügel. Sie waren von leuchtender Herbheit, Marmor- und Felsschroffen.
Oben lag Schnee. Ewiger Schnee.
Die Sonne war längst versunken, und immer noch brannte in den jähen Hängen des Hohen Göll ein purpurnes Leuchten. Blau als ein strenger Schattenriß hob sich der Hochkalter in den durchsichtigen Himmel. Und zwischen den beiden Riesen der höchste Riese, griff der zwiefache Gipfel des Watzmann mit schönster Gebärde nach dem ersten auffunkelnden Stern.
Über das Schneefeld zwischen seinen beiden Häuptern zog eine Wolke wie ein Atemrauch. Der Brunnen wisperte.
Wenn Tilly Ebenezer die Augen senkte, konnte sie Vollraths ausruhende Schultern sehen. Er saß auf dem Brunnenrande. Seit einer Stunde saß er da. Nichts schien an ihm lebendig als zuweilen das Aufglühen seiner Zigarette.
Jos Stimme kam aus dem Nebenzimmer.
»Geh endlich schlafen, Tillychen. Oder geh wenigstens vom Fenster weg. Du bist die Luft hier oben nicht gewöhnt. Die ist über ewigen Schnee gegangen.«
Tilly Ebenezer gehorchte recht zögernd. Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Noch nicht einmal zehn. Das nannte man also mit den Hühnern schlafen gehen … Sie war nicht müde, war wunderlich erregt, als hätte sie einen Schuß Kohlensäure in den Adern. Kleine prickelnde Schauer tanzten über ihre Haut – kam das von der Luft? Von der Luft, die über ewigen Schnee gegangen war?
Sie fing an sich zu entkleiden. Sie lief dabei hin und her wie ein kleiner Hund, der die Fährte seines Herrn verloren hat. Sie brachte es fertig, mit den wenigen Belanglosigkeiten, die sie an ihrem dünnen Körperchen trug, ein ziemlich großes und methodisch eingerichtetes Zimmer in ein heilloses Durcheinander zu verwandeln. Sie richtete im Badezimmer eine Überschwemmung an. Sie fand ihre Pyjamas nicht und war wütend über ihr Haar.
»Jo!«
»Hm …«
»Was hast du eigentlich mit dem Eskimoweib andeuten wollen – heute nachmittag?«
Jos Stimme klang etwas schläfrig.
»Frag lieber nicht, Tillychen. Es ist keine Schmeichelei.«
»Ich möchte es aber wissen!«
»... Die Bauern hier, siehst du, pflegen das Heu um kleine, sehr zierliche Holzreiter aufzuschichten – nicht höher als ich mir denke, daß Eskimofrauchen wachsen. Es ist ein sehr hübsches Bild, so eine bergansteigende Wiese mit zwanzig, dreißig und mehr solcher Heuweibchen. Wenn es dämmert oder Nebel zieht, möchtest du darauf schwören, die ganze Gesellschaft wandere den Berg hinauf, um irgendeinem Gespenstermeeting beizuwohnen … Wenn aber die Eskimofrauchen sehr viel Regen auf ihren Heupelz bekommen und wenn der Wind sie zerzaust hat – dann bieten sie einen ziemlich desperaten Anblick. Die Schlußfolgerung ziehe gefälligst selbst …«
Tilly Ebenezer antwortete nicht.
Sie saß auf ihrem Bett und betrachtete die Zehen ihrer spielenden Füße. Sie fand sie häßlich und seufzte. In einem plötzlichen Frieren schlüpfte sie unter die Decke. Das Licht ließ sie brennen.
»Gute Nacht, Jo.«
»Gute Nacht, Tillychen.«
Stille.
Wie hell der Himmel über den Bergen war …
Ewiger Schnee.
Auch im glühendsten Mittsommer ewiger Schnee …
Tilly Ebenezer wandte das zerraufte Köpfchen von einer Seite auf die andere. Ihr Herz schlug wie verrückt.
»Jo …?«
»Hm …«
»Was flüstert da so ununterbrochen?«
»Das ist der Brunnen, Tillychen …«
»... Kann man den nicht abstellen?«
Jo lachte. Es klang gut und schwesterlich, aber auch ein bißchen boshaft.
»Nein, Tillychen. Das ist Quellwasser, siehst du. Eine Wasserleitung kann man abstellen. Eine Quelle nicht … die kann versiegen, sie kann sich neue Wege suchen … man kann sie auch verschütten … aber abstellen kann man sie nicht …«
Tilly setzte sich im Bett auf. Sie war so hell wach wie noch nie in ihrem Leben. Sie hatte ein Gefühl, als ob alle ihre Sinne sich verzehnfacht hätten. Sie strich mit den Fingerspitzen über die Haut ihrer Arme und wunderte sich, daß nicht kleine Funken aus der Berührung aufknisterten.
Ob Vollrath noch immer auf dem Brunnenrande saß?
Mit einem Husch war sie aus dem Bett und am Fenster, beugte sich hinaus.
Der Platz am Brunnenrand war leer. Aber gegen den Wald hinunter regte sich etwas im blassen Blau der wunderbaren Nacht wie ein sachtes, verschmolzenes Schreiten.
»Sag, Tillychen, hast du einen kleinen Klaps? Willst du sofort machen, daß du ins Bett kommst?«
Die Frau am Fenster schüttelte sich wie in einem leisen, süßen Frösteln.
»Ich kann nicht schlafen, Jo … Vollrath anscheinend auch nicht. Wenn mich meine Augen nicht täuschen, spaziert er da mit einem deiner Mädchen wohl in den grünen Wald, juchhe – wohl in den grünen Wald …«
»Hoffentlich hat er sich die Schönste ausgesucht. Zu gönnen wär's ihm; ich kenne seine Frau. Sie erinnert mich immer an essigsaure Tonerde: ganz nützlich, aber für einen gesunden Menschen unverwendbar.«
»Du bist sehr tolerant, Jo.«
»Das ist meine Form von Menschenliebe …«
Tilly Ebenezer stand in der offenen Tür.
»Darf ich nicht zu dir kommen, Jo?«
»Ja, in Gottes Namen, du kleine tropfende Wasserleitung. Morgen kriegst du ein anderes Zimmer.«
»Darf ich zu dir ins Bett schlüpfen?«
»Nein, Tillychen. Ich habe augenblicklich das Bedürfnis nach sehr viel Platz im Bett und kühlen, ganz frischen Leinentüchern, die nach Sonnenbleiche duften. Pack deine Decken auf den Diwan, und wenn du gemütlich liegst, dann dreh den Hahn deiner Beredsamkeit auf, sonst bringt dich der gestaute Stoff zum Platzen.«
Tilly Ebenezer gehorchte. Sie lief auf nackten Sohlen hin und her, und sooft sie sich mit einem neuen Requisit ihrer improvisierten Schlafstatt an Jos breitem Bett vorüberschleppte, sah sie in der blauen Dämmerung der Nacht, die nicht dunkel werden wollte, Jos Augen groß und spottend auf sich gerichtet.
Jetzt lag sie also. Nicht ganz so gut wie zuvor im Bett nebenan, aber auch nicht allein in der Nacht und im Zimmer allein, während draußen der Brunnquell flüsterte. Und Menschen umschlungen mit der Nacht verschmolzen.
»Jo …«
»Ich höre.«
»Willst du mir nun nicht endlich sagen, warum du von Ebro weggelaufen bist?«
Jo hob ihre schonen, blanken Arme und kreuzte sie über dem Kopf. Ihre Augen mußten ganz weit offen stehen und nach oben schauen.
»Du hast das einzig richtige Wort gebraucht, Tillychen … ›weggelaufen‹ … Ja, gelaufen bin ich … aus allen Kräften und so weit ich konnte …«
»Aber warum, Jo –? Warum, um Gottes willen?«
Tillys Stimme klang, als wollte sie in Weinen ausbrechen.
Jos Stimme lachte.
»Weil ich mich verliebt habe.«
»– – Verliebt? – –«
»So ist es!«
»Mein Gott, verliebt – das passiert ja schließlich jedem einmal …« Tillys Stimme gewann bedeutend an Festigkeit. Fast hätte sie gesagt: wie kindisch du bist, Jo! … »Deswegen läuft man doch nicht gleich von Mann und Haus davon!«
»Nein? – Aber vielleicht ist mein Fall besonders kompliziert? …«
»Also: in wen hast du dich verliebt, Jo …«
»In eine Frau.«
»Jo – – –!!!«
Tilly Ebenezer fuhr aus den Kissen auf, daß sämtliche Bestandteile ihres Nachtlagers zu Boden rutschten. Sie wollte danach greifen, kam selbst ins Gleiten und kauerte, halb auf den Knien, die Hände ins Heuhaar gekrampft, eine Statue des Entsetzens in fliederfarbenem Pyjama, zwischen Kissen und Decken auf der bunten Matte vor Jos kühlem, nach Sonnenbleiche duftendem Bett.
Jo wandte den braunen Kopf in ihren gekreuzten Armen. Sie sah ihre Schwägerin Tilly mit spottenden Augen an.
»Du hast es nötig, Tillychen Ebenezer vom Kurfürstendamm! Wenn man sich einmal der Mühe unterzog, euren gesprächsweisen Sexualfanfaren zuzuhören, sobald ihr Weiberchen unter euch wart und euch gegenseitig zu übertrumpfen versuchtet, da fing der salonfähige Mensch bei der Blutschande an!«
Tillys Hände fielen an ihr herunter. Sie war so tief bestürzt, so ehrlich außer sich, daß sie wie ein Flämmchen in einer zerbrochenen Laterne zitterte.
»Jo … Jo …« Plötzlich mußte sie an den Bruder denken, an den Mann dieser Frau, die … (»Ich halte es für ausgeschlossen, daß du ohne Jo zurückkommst, liebe Tilly!«) … O Gott, o Gott, in was hatte sie sich da eingelassen!
»Wer ist die Frau, Jo?« stammelte sie, schluckend in tiefem, verwirrtem Kummer. (Was wird Ebro sagen? Was wird Ebro sagen?) … Allzu schmale Schultern duckten sich hilflos unter viel zu schwerer Bürde der Verantwortung. An der nervösen Hasennase kollerte eine Träne entlang und rieselte auf den rührenden dummen Mund.
»Das ist mein Geheimnis, Tillychen.«
»Wie hast du sie nur um Gottes willen kennengelernt?!« (Josy muß augenblicklich kommen, augenblicklich! Ich muß versuchen, ihn telefonisch zu erreichen …)
»Durch Ebro.«
»Ausgerechnet durch Ebro –! Aber wann denn –?!«
»Bei der letzten großen Gesellschaft, die als Frau Eberhard Mannegold zu inszenieren ich die Ehre hatte.«
»Dann … müßte ich sie doch auch kennen …«
»Was man so kennen nennt …«
Tilly Ebenezer rieb sich mit der umgekehrten Faust die Stirn, auf der sich die Anstrengung des Grübelns als sichtbarer Prozeß abspielte.
»Gib dir keine Mühe, Tillychen. Du kommst doch nicht drauf.«
Der fliederfarbene Pyjama seufzte. In die sehr hübschen Oh-indeed!-Augen unter dem apostrophierten Haar kam ein unsicheres Flimmern.
»Ist sie schön, deine Freundin?«
»Ich finde sie bezaubernd!«
»Und du liebst sie sehr …?«
»Sehr, Tillychen.«
»Seid ihr –«, die Stimme des Pyjamas verhauchte zum Flüstern –, »seid ihr sehr glücklich?«
»Blödsinnig glücklich«, antwortete Jo kräftig. Sie löste die verschränkten Arme und dehnte sie hoch und weit, die braunen Hände spreizend, als faßten sie nicht genug, noch immer nicht genug von der Seligkeit, die sie umhüllte wie Luft.
»Wo ist sie jetzt?« fragte der Pyjama, beklommen auf diese durch die Dunkelheit strahlende Frau hinschauend.
»Bei mir.«
»Ach du großer Gott, Jo –! Dann wirst du sie mit mir zusammenbringen –!?«
»Tillychen, Tillychen! Man nehme ein Teil Angst, drei Teile Entrüstung und sechs Teile hoffnungsvolle Neugier – dann hat man den Ton, der aus dieser deiner Frage klang!«
»Die du nicht beantwortet hast …«, suchte der Pyjama sich zu retten.
»Ich werde sie auch nicht beantworten, Tillychen. Lassen wir den Zufall walten …«
»Aber ich muß sie sehen, Jo – ich muß doch Ebro … Er hat doch keine Ahnung – keine Ahnung –!«
»Nein. Aber ist das etwas Neues? Von allem, was mich betrifft, keine Ahnung zu haben, war doch eigentlich Ebros Spezialität.«
»Du tust ihm bitter unrecht, Jo –! Ebro liebt dich!«
»Na na –!«
»Er liebt dich, Jo – Wahrhaftig! Du hast keine Ahnung, wie dein – dein Weggang ihn ins Herz getroffen hat!«
»In was?«
»Jo –!«
»Moment! War Ebro am Tage meiner Abreise in der Aufsichtsratssitzung oder nicht?«
»Gott – Jo …!«
»Siehst du wohl! – Tillychen, glaube mir, es gibt keinen besseren Leim für gebrochene Herzen als eine Aufsichtsratssitzung. Da merkt der Mensch erst, wieviel er verschmerzen kann! Liebes Kind, ich habe dich nicht hergerufen. Ich sage dir aufrichtig, als ich deine Depesche bekam, hast du mir hundeleid getan, weil ich wußte, in was für eine himmelschreiende Blamage man dich da hineinjagte. Aber nun bist du hier und hast mich herausgefordert. Jetzt trage die Folgen!«
Sie schwang sich im Bett auf und schlang die Arme um die hochgezogenen Knie. Der schöne Bogen ihres Rückens leuchtete.
»Was willst du eigentlich von mir, Frau Tilly Ebenezer geb. Mannegold?«
»Ich –«, der fliederfarbene Pyjama bekam plötzlich ein Gesicht. Ein schlichtes, maskenloses und liebes Gesicht. (Wie sie ihrer Mutter ähnlich sieht, dachte Jo und fühlte, daß ihre Augen heiß wurden.) »Ich will dich heimholen …«, sagte Tilly Ebenezer einfach. Jos Hand durchschimmerte die Luft wie ein auffliegender Vogel.
»Kleine Tilly, ich habe dich nie zuvor liebgehabt. Jetzt habe ich dich lieb … Ebro war klüger, als ich dachte. Kein Mensch hätte bessere Chancen, mich wieder zu ihm zu holen, als du. Aber womit willst du mich locken?«
»Ich will dich gar nicht locken. Ich wollte dir sagen, wie es wirklich ist. Ich wollte dir sagen …«
