Frau im Mond - Thea von Harbou - E-Book

Frau im Mond E-Book

Thea von Harbou

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Beschreibung

Thea von Harbous Roman 'Frau im Mond' entfaltet eine faszinierende Erzählung, die tief in der Welt der Wissenschaft und Utopie verwurzelt ist. Der Roman, geschrieben in einem episch-realistischen Stil, schildert die abenteuerliche Reise einer Gruppe Pioniere, die die Geheimnisse des Mondes ergründen wollen. Inmitten dieser kosmischen Expedition entfaltet sich ein intrigenreiches Drama, das die menschlichen Ambitionen und das Streben nach Erkenntnis beleuchtet. Von Harbous Werk, veröffentlicht in der Zeit des aufkommenden Interesses an der Raumfahrt, verarbeitet auf eindrucksvolle Weise die damaligen technologischen Visionen und gesellschaftlichen Träume einer sich rasant wandelnden Welt. Die Autorin Thea von Harbou, bekannt für ihre kongeniale Zusammenarbeit mit Regisseur Fritz Lang, vereint in 'Frau im Mond' ihre Affinität zu visionärer Science-Fiction mit einer tiefen psychologischen Charakterzeichnung. Geprägt von der Weimarer Kunst- und Kulturbewegung, lässt von Harbou in ihrem Werk Einflüsse ihrer Zeitgenossen und ihrer eigenen Lebensumstände einfließen. Ihre Faszination für Technik und Fortschritt spiegelt sich eindrücklich in der detaillierten Schilderung der Raketenfahrt wider, während die vielschichtigen Charaktere ihre literarischen Wurzeln in der Menschlichkeit bewahren. Lesern, die sich für frühe Science-Fiction-Literatur und visionäre Erzählkunst interessieren, sei 'Frau im Mond' wärmstens ans Herz gelegt. Neben einer spannungsgeladenen Handlung bietet der Roman eine eindrückliche Reflexion über Menschlichkeit, Fortschritt und die Grenzen wissenschaftlicher Neugier. Thea von Harbous meisterhaftes Geschick, komplexe gesellschaftliche Themen in eine fesselnde Narration zu verweben, macht dieses Werk zu einem unvergesslichen Erlebnis. Ein Muss für jeden literarisch und wissenschaftlich interessierten Leser, der in die goldene Ära der utopischen Erzählkunst eintauchen möchte.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Thea von Harbou

Frau im Mond

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Inhaltsverzeichnis

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Inhaltsverzeichnis

Es war eine reine Reflexbewegung, die Wolfgang Helius veranlaßte, die Arme auszustrecken, um den ihm entgegenstürzenden Körper aufzufangen. Er hatte den undeutlichen Eindruck einer sich vor ihm vollziehenden Naturkatastrophe und reagierte darauf mit jener Unmittelbarkeit, bei der Entschluß und Tat mechanisch gekoppelt erscheinen. Sekundenlang war ein verwischtes gelbbraunes Gesicht nahe vor dem seinen, Gestolper und Aufprall eines Menschen, der wirbelnd die steile und schmale Treppe heruntergeflogen kam – ein gemurmeltes Wort des Dankes für Rettung vor Genickbruch, ein Entgleiten, merkwürdig geschmeidig und vollständig –, und über dem Ganzen, hoch oben am Ende der Treppe, der gigantische Schatten Manfeldts und ein Orkan von Flüchen.

»Warum haben Sie den Kerl sich nicht zu Tode stürzen lassen?« fragte das Gebrüll des Alten, das in dem engen Treppenhaus wie der Blutschrei einer ganzen Hölle klang.

Betäubt blieb Helius die Antwort schuldig, während er unwillkürlich auf sich entfernende Schritte horchte. Aber es waren keine Schritte zu hören. Der da flüchtete, tat es auf lautlosen Schuhen. Ganz unten fiel eine Tür ins Schloß.

»Wer war das?« fragte Helius, etwas aus der Fassung.

Das Gewitter in Manfeldt vergrollte, da seine augenscheinliche Ursache abgezogen war.

»Kommen Sie herauf!« sagte er, sanft verdrießlich. Es schwang ein Ton von Zärtlichkeit in dieser Stimme mit, die Not und Einsamkeit und bitterer Menschenhaß in Stücke gebrochen hatten. Seine Finger, die stets, ob glühend oder eisig, von Fieber sprachen, schlüpften wie immer, gleichsam eine Zuflucht suchend, schmal in den guten Griff von Helius' Hand, und sein unbewachter Blick übertastete den jüngeren Freund. Helius sah es, und es durchriß ihn wie ein brennendes Messer: er kam mit leeren Händen. So ganz, so vollkommen war eigenes Erleben Herr über ihn geworden, daß er zum ersten Male die armseligen Tröstungen dieses armseligen Daseins darüber vergessen hatte: etwas zu essen, zu trinken, zu rauchen, was seine liebreiche List in die Kammer des Alten einzuschmuggeln pflegte.

Er schämte sich, und sein Herz, das ihm weh tat, suchte nach eiligem Ausweg.

»Ich komme heute nicht als Gast zu Ihnen, Professor«, sagte er. »Ich wollte Sie vielmehr bitten, diesen Abend irgendwo draußen mit mir zu verbringen – diesen Abend eines einzigen Heute, Professor …«

Manfeldt sah ihn mit zwinkernden Augen an. Der immer wache Instinkt des Allzuarmen schnupperte nach der Falle.

»Was ist los?« fragte er, seine Hand zurückziehend. »Haben Sie einen betrügerischen Kalender, Helius? Soviel ich weiß, ist am heutigen Tage der Menschheit weder ein Gott geboren noch einer von ihr gekreuzigt worden, und auch vom Heiligen Geist ist weit und breit keine Rede …«

»Es ist Vollmond, Professor …«

»Ich weiß. Ich werde heute nacht wie ein toller Kater auf dem Dachfirst hocken und seiner Hochherrlichkeit zu Ehren höchst besoffene Lieder schluchzen, als wäre ich Li-tai-po …«

»... und ich habe mich entschlossen, die Fahrt zum Monde mit dem Weltraumschiff zu wagen.«

»Ah – – –«, sagte der alte Mann. Es klang wie der Laut eines Menschen, der den Atem bis zur Unerträglichkeit in seiner Brust zurückgehalten hat und endlich, endlich ausströmend die Lungen entspannen darf.

»Ah – – –!« wiederholte er, ganz leise und langgezogen. Sein Gesicht verwandelte sich. Unaussprechliche Erschütterung riß alle Tiefen auf, und gleichzeitig entbrannte es in der Ekstase geistiger Trunkenheit, bis diese elenden und verwüsteten Züge ein Fanal der Entrückung waren. Auge in Auge mit dem Mann, der vor ihm in der Dämmerung des Treppenflures stand, schien er ihn doch nicht zu sehen, sondern durch ihn hindurch zu schauen – und die Hände, die nach den Schultern von Helius tappten, tappten ins Leere.

Helius fing sie ein und hielt sie fest.

»Darum wollte ich Sie bitten –«, begann er heiser.

Manfeldt schüttelte heftig den Kopf, schüttelte seine Hände frei.

»Still –!« sagte er tonlos. »Um Gottes willen, still –!« Rückwärtsstolpernd, zerrte er Helius über die Schwelle seiner Dachkammer, stieß ihn weg von der Tür, warf die Tür ins Schloß, drehte den Schlüssel herum, einmal, zweimal. Dann, die Schultern gegen die Planken drückend, langsam sich wendend, stand er, auf Helius starrend – fragte, ganz leise, ganz außer sich:

»Ist das wahr – was Sie sagten – Helius?«

»Ja, Professor.«

»Sie wollen die Fahrt zum Monde … die Fahrt auf den brüllenden Flammen … zu meinem goldenen Monde wagen?«

»Ja, Professor.«

»Ach – mein Gott, mein Gott …!« sagte Manfeldt flüsternd. Er preßte die Zähne zusammen und schloß die Augen. Sein Kopf, viel zu gewaltig für den entmächteten Körper, fiel auf die Seite. Er drehte sich weg in Scham und drückte Stirn und Fäuste gegen den Türpfosten, den der Holzwurm zerfressen hatte.

Helius' Augen wurden heiß.

»Professor!« sagte er, vorsichtig rufend.

Manfeldt warf sich herum und bewegte die Hände in Abwehr. Er schluckte krampfhaft. Sein großes Gesicht war naß.

»Sagen Sie nichts!« rief er mit einer tonlosen, stoßenden Heftigkeit. »Sprechen Sie nicht! Wie können – wie können Sie davon sprechen! Niemand kann davon sprechen! Nur ich –! Nur ich … der Narrenprophet der Mondfahrt! Sehen Sie sich diese Kammer an, Helius … dieses Loch, diese stickige Höhle, diesen Unratwinkel … Hier zu leben, Helius, vierzig Jahre lang! – wie die vergessenen Verbrecher in alten Zeiten damit beschäftigt, Kreuzspinnen zu zähmen … Bevor Sie kamen, Helius, habe ich in den mondlosen Nächten – denn das waren die bösesten Nächte! – die Mülleimer vor den Türen der Höfe durchschnüffelt, mit streunenden Hunden mich um Brotrinden, um Knochen, um – Kostbarkeit! – eine Speckschwarte gerauft und oft genug die endlich erraufte dem Hund freiwillig wieder hingeworfen … Denn war ich nicht viel weniger als ein Hund? – ich Sinnbild der Sinnlosigkeit! – ich Unwert! – ich Zwecklosestes –! Mondfahrtprophet –! Das ›Nichts plus Nichts‹ und ›Nichts von Nichts‹ zelebrierend –! Und, einziges Glück: in den Mondnächten – das waren meine guten Nächte! – den Kopf aus dem schiefen Fenster zu recken, mit allen Blicken an ihn festgeseilt, ihn wandern zu sehen, ihn … den Mond … das goldene Wunder … die Sehnsucht … die unstillbare, unentrinnbare Himmelhöllenqual eines ganzen Lebens –!«

Seine Stimme ertrank im Strom ihrer eigenen Worte. Seine Lippen bewegten sich und erkämpften endlich ein Flüstern.

»Warum – warum habe ich diesem Leben nicht schon längst ein Ende gemacht, Helius? … Ich will es Ihnen sagen: Tot sein ist nichts. Aber sich nicht mehr sehnen dürfen, das ist die Verdammnis. Ach, meine Träume, meine Träume –! Die Gebirge des Mondes, durchscheinend für meine Augen, und alle ihre Adern, schwer von den Strömen des Goldes … Mondgold … gestocktes Blut in den Venen gestorbener Götter … Todesewigkeit ringsum … Keine Farbe, keine Pflanze, kein tröstliches Tier – nichts als Schwärze, Grauen, Eis und Gold – und die Todesewigkeit des Mondes, die es hütet – bis der Mensch kommt –! Für diese Träume, Helius, bin ich vierzig Jahre lang gestorben, ohne sterben zu können …«

Und plötzlich, vornübergeworfen gegen den jüngeren Freund, ihn umklammernd, ihn rüttelnd, mit einer Stimme, die in Schluchzen barst:

»Sie werden nicht ohne mich auf die Reise gehen, Helius? Nicht ohne mich –?«

»Es ist eine hochprozentige Gewißheit der Selbstvernichtung, Professor.«

Manfeldt lächelte. Stumm und lächelnd sah er dem andern in die Augen.

»Ich werde nicht ohne Sie auf die Reise gehen, Professor.«

»Aber wann, Helius – wann? Ich bin alt. Ich bin aufgezehrt. Schauen Sie meine Hände an … Sie werden keine Zeit mehr verlieren, nicht wahr?«

»Ich siedle morgen nach der Versuchsstation III über, um eine Zeitlang mit dem Skaphander im luftleeren Raum zu experimentieren. Inzwischen vollendet Windegger das Weltraumschiff mit seinen guten Leuten, die nicht wissen, was sie bauen …«

»Lassen Sie es auch niemand wissen, Helius! Lassen Sie von Ihren Plänen um Gottes willen nichts an die Öffentlichkeit gelangen! Sie wissen noch nicht, was es heißt, die Meinung von rund gerechnet sechzehnhundert Millionen Menschen gegen sich zu haben. Ich weiß es, Helius! Ich habe es durchgemacht, wenn die Atmosphäre vergiftet wird vom Haß der Dummheit – damals vor vierzig Jahren! Ich habe ihr Gelächter noch in den Ohren! Das Spottgewieher der ganzen Welt schreckt mich jetzt noch manchmal aus dem Schlaf! Das Gerülpse ihrer höhnenden Wut stinkt mir noch in die Nase! Was für ein Schauspiel –! Pfui … pfui Teufel! Die ganze Menschheit hinter einem Menschen her, weil er Neues, Nieerhörtes anstrebt! Halli und hallo – die Jagd geht auf! Die Meute ist hinter Ihnen drein, Geifer vorm Maule! Die Meute jagt methodisch, und Sie haben keine Chance zu entkommen, denn Sie sind nur einer, und die Meute hetzt nach Schicht. Die Meute bringt Sie zu Fall und setzt Sie in Stücke, und was dann von Ihnen übrigbleibt – sehen Sie mich an, Helius! Letzten Endes wäre das gleichgültig. Was liegt an uns? Aber das Werk geht zugrunde, wenn wir zugrunde gehen! Hüten Sie das Werk vor der Meute, Helius!«

»Ich werde es hüten, Professor! Ich habe es heiße Monate hindurch erfolgreich gehütet. Die Entscheidung über den Flug zum Monde lag im Wollen, nicht im Können …«

»Und nun wollen Sie – so plötzlich?«

»Ganz plötzlich, ja.«

»Von gestern auf heute?«

»Vom Morgen auf den Abend.«

»Hm! Wer wird Sie noch begleiten?«

»Niemand wahrscheinlich.«

»Außer Windegger, der sich von selbst versteht.«

»Windegger wird mich auf keinen Fall begleiten.«

»Das begreife ich nicht.«

»Hans Windegger hat sich verlobt, Professor.«

»Hol' ihn der Teufel! Kürzlich?«

»Heute.«

»Heute … Und mit wem?«

»... Mit Friede Velten.«

»Friede Velten, Friede … ist das nicht das morgenblonde Geschöpf, das Sie einmal zu mir brachten, um ihm meine Skizzen von den Mondgebirgen zu zeigen?«

»Ja.«

»Und diese junge Gottheit hat sich mit Hans Windegger verlobt?«

»Ja.«

»Heute –«

»Ja.«

Die beiden großen Wunderlampen, die als Augen in dem ausgemergelten Antlitz des Alten brannten, beleuchteten lange und still das Gesicht von Helius. Der schwieg. Und vor dem Ausdruck letzten Verstummtseins, der seine Züge mit Herbheit stempelte, blieben auch die Worte auf den Lippen Manfeldts ungesprochen.

»Durch diese Verlobung«, fuhr die etwas belegte Stimme von Wolf Helius nach einer Weile fort, »habe ich Windegger in gewissem Sinne natürlich verloren. Er schaltet für den Weltraumflug aus. Aber vielleicht ist es ganz gut so. Um so weniger Nerven werden darum schwingen.«

»Wer weiß um Ihren Entschluß?«

»Nur Sie und ich.«

»Sonst niemand?«

»Niemand.«

Eine Zeitlang war es still. Die Kammer lag in früher Dämmerung. Jenseits des schiefen und trüben kleinen Fensters stand ein blasser Himmel zwischen letzter Sonne und erstem Stern.

In einer plötzlichen tiefen Müdigkeit tastete Helius nach einem Stuhlgerümpel und ließ sich darauf nieder. Manfeldt starrte auf die gigantische Kohleskizze des Regenmeeres, die eine Mauer seiner Kammer ganz bedeckte; aber er schien sie nicht zu sehen.

»Sind Sie fest davon überzeugt, Helius, daß sonst kein Mensch um Ihre Absicht weiß?« fragte er unvermittelt.

»Ja, Professor.«

»Ich nicht.«

Wolf Helius hob den Kopf. Er sah in das Gesicht des Alten, in die hellscheinenden Lampenaugen.

»Warum nicht?« fragte er nach einem Augenblick des Nachdenkens, halblaut und in vollkommener Wachsamkeit.

»Es müssen mehr Menschen darum wissen, Helius – und der Kerl, der heute bei mir war, den ich die Treppe hinunterwarf und den Sie leider Gottes aufgefangen haben – der ist einer davon!«

Helius schüttelte den Kopf.

»Ich glaube, daß Sie sich täuschen, Professor – aber wer war der Mann?«

»Ja, wenn ich das wüßte! Er nannte sich Walt Turner und behauptete, amerikanischer Staatsbürger zu sein. Aber ich will meine eigene Leiche heiraten, wenn seine Angaben stimmen. Haben Sie sein Gesicht gesehen?«

»Nein. Es ging ja alles so schnell. Und er selbst legte augenscheinlich auch keinen großen Wert darauf, lange von mir betrachtet zu werden.«

»Der schlaue Hund … Ich habe noch nie eine Physiognomie von so vertrackter Mischung gesehen. Kein Eurasier, kein Mestize, ein Mulatte am wenigsten, und doch etwas von allem …«

»Und warum glauben Sie –«

»Passen Sie auf, Helius: Vierzig Jahre lang bin ich ein toter Mann gewesen – totgelacht – totgehöhnt – totgeschwiegen – das Wrack eines verrückten Gelehrten, der Eckstein für die Straßenköter! Und plötzlich – verstehen Sie? –, plötzlich erscheint in dieser meiner vierzigjährigen Totenkammer ein Mensch, den ich nicht kenne, und fragt mich, ob ich sehr viel Geld verdienen wolle … Eine solche Frage, an einen Mann, wie ich es bin, gerichtet, ist Hohn oder Gaunerei. Ich gebe ihm keine Antwort. Er fährt fort: ›Ein Mann, der Kuriositäten sammelt, wie andere Leute Perlen oder chinesische Bilder sammeln, hat von Ihrer Theorie über den Goldreichtum der Mondgebirge gehört und erfahren, daß Sie ein Buch darüber geschrieben haben, das jedoch niemals im Druck erschienen ist. Mein Auftraggeber möchte diese Handschrift erwerben. Da er erstens in bezug auf Kuriositäten ein Narr, zweitens unvorstellbar reich und drittens fest entschlossen ist, Ihr Manuskript für sich zu erwerben, so können Sie verlangen, was Sie wollen, er wird es bezahlen. Ich rate Ihnen selbst, nicht bescheiden zu sein.‹«

Da Manfeldt eine Pause machte, hob Helius die nachdenklichen Augen zu dem großen, glühenden Gesicht ihm gegenüber.

»Und weiter?« fragte er halblaut.

»Nichts weiter. Ich habe ihn die Treppe hinuntergeworfen«

»Schade!« sagte Helius. Er stand auf und tat ein paar ziellose Schritte, blieb auch gleich wieder stehen.

Es war nun fast dunkel geworden. Von der Straße herauf drang kein Licht durch das kleine schräge, staubgetrübte Fenster. Und die wilden und großartigen Meere und Gebirge des Mondes, die mit Kohle auf die rauhen Wände der Kammer gezeichnet waren, schienen sich zu unendlicher Weite zu dehnen und dunkel zu locken: Kommt –!

»Es ist unmöglich, daß ein fremder Mensch von meinen Plänen weiß«, sagte Helius unvermittelt in das Schweigen hinein.

»Bei Geld ist kein Ding unmöglich«, antwortete Manfeldt mürrisch.

Helius lächelte ein wenig.

»Sie selbst sind der lebende Gegenbeweis für Ihre Theorie …«

»Ich« – der Alte schlug die Hände empor, daß sie wie graue Flammen rechts und links an seinem Kopfe standen – »ich bin ein Besessener, Helius … Ein Unzurechnungsfähiger – wie Sie! – wie alle, die sich um einer Überzeugung willen in die Arenen der Welt treiben lassen und um ihrer Überzeugung willen von schmatzenden Bestien gefressen werden. Aber – im Namen der Gier! – wobei wollen Sie die andern beschwören, treu zu sein? – die Nichtbesessenen? – die Unentflammten? – die, ach! allzusehr Zurechnungsfähigen, Helius?«

»Windegger gehört zu den Entflammten, Manfeldt. Er würde sich lieber erschlagen lassen, als mein Werk verraten.«

Auf den Lippen des Alten schwebte die Frage: Und das Mädchen? Aber er sprach sie nicht aus. Irgend etwas in dem schattenhaften Gesicht von Helius schien gleichzeitig auf diese Frage zu warten und vor ihrem Lautwerdenlassen zu warnen. Manfeldt blies den Atem verdrießlich durch die Nase und schwieg.

»Es hat keinen Zweck, daß wir uns den Kopf mit Vermutungen heiß machen, für die wir kaum eine Begründung haben und keinen Beweis für oder gegen erbringen können«, sagte Helius still. »Haben Sie recht mit der Annahme, daß hinter dem Angebot des Mannes heute ein Zusammenhang mit meinen Mondflugplänen besteht, dann wird sich dieser Mann mit einem fehlgeschlagenen Versuch nicht zufriedengeben, und Sie können ihn – oder einen Zweckgenossen – demnächst abermals die Treppe hinunterwerfen, falls Sie es nicht vorziehen, ihn zu mir zu schicken. Für heute, Manfeldt, hat er, glaube ich, genug, und wir brauchen uns den Abend nicht mit dem Grübeln über ihn zu verderben. Ich möchte mit Ihnen zum Abschluß dieses Tages in einem guten Winkel sitzen und Wein trinken – einen schweren, großen Wein, Manfeldt – stark genug, uns beide zu überwältigen …«

Das scheppernde Gelächter des Alten unterbrach ihn.

»Guter Freund!« rief das Gelächter aus der grauen Dämmerung, »es gehört viel Mut dazu, mit den brüllenden Flammen die Fahrt zum Monde zu wagen. Aber daß Sie sich mit mir unter Menschen, und seien es noch so wenige, zeigen wollen – das zeugt von höherem Mut! Nein, Helius, sagen Sie nichts! Sie haben ein großes Herz und fragen, weiß Gott, nicht danach – es sei denn, um dem Mangel abzuhelfen –, ob das Gehirn, zu dem Sie sprechen, seine Ganglien mit einem Hute wärmen kann oder ob die Beine, die mit Ihnen auf dem gleichen Wege laufen, in ganzen oder zerrissenen Hosen stecken. Aber die Menschheit im allgemeinen hat eine empfindliche Nase für den Gestank der Armut, und auch der loyalste Kellner hat einen natürlichen Widerwillen gegen Gäste ohne saubere Wäsche. Darum lassen Sie mich ruhig hier in meinem Stall. Oder glauben Sie wirklich,« fuhr er leise, mit einem Schauder des Entzückens, fort, »daß ich heute nacht Wein nötig habe, um betrunken zwischen meine Lumpen zu kriechen? … Ich werde auch nicht allein sein, Helius. Vierzig Jahre des Wartens und Nichtverzweifelns werden mir Gesellschaft leisten! Ich werde da in der Ecke hocken und ihnen erzählen, den vierzig bösartigen Gespenstern, von dem großen Mondmeer der Heiterkeit und von den trauergroßen Gottriesen seiner Berge, die gestorben sind und in deren Adern das Blut zu Gold geworden ist. In dieser Elendskammer, Helius, werden vierzig böse Gespenster mit mir um die Wette am Rausch meiner goldenen Träume saufen. Sie werden mir zutrinken, und der Vollmond wird auf ihren Gesichtern stehen. Ich kenne sie alle wieder und liebe sie, die Verfluchten! Das wird eine tolle Nacht! Aber warten Sie, Helius, warten Sie – ich weiß auch für Sie einen Zechkumpan –!«

Seine schlottrige und verwahrloste Gestalt verschwand in einem Wust von Gerümpel tief unter der Senkung des Daches und tauchte nach langem Wühlen wieder daraus hervor, grau von Mörtel, grau von Spinngeweben. Er hielt in beiden Armen einen Stoß von Papier; sein großes Gesicht leuchtete mit zärtlicher Inbrunst darüber.

»Nehmen Sie es mit, Helius«, sagte er, ein ungestümes Gelächter in der Kehle. »Nehmen Sie es mit und besaufen Sie sich dran –!«

»Ist das etwa –«

»Ja, Mann! Mein Buch über den Goldreichtum der Mondgebirge – das niegedruckte Manuskript, das Narrendokument, das mir der Kerl, den Sie vor dem Genickbruch bewahrten, für sein Gewicht in Gold abkaufen wollte! Aber ich verkaufe es nicht – ich schenke es Ihnen! … Seien Sie still, Helius! Wären Sie nicht gewesen mit Ihrer schlauen Güte, die mich so oft überlistet hat, dann protzte die Anatomie schon längst mit den Erstaunlichkeiten meiner Hungerleiche … Und dann ist da noch etwas anderes, Helius.« Er hielt sein Werk mit den Armen umklammert und beugte sich näher zu dem Freunde, sprach flüsternd weiter: »Das Buch ist mir in diesem Loch nicht mehr sicher genug! Vielleicht spukt die Bedrohung allein in meinem Kopfe, aber ich werde in den nächsten Wochen ruhiger schlafen, wenn ich das Manuskript in Ihrer Obhut weiß …«

Helius lächelte, weil er nicht sprechen konnte. Er streckte die Hände nach den vielhundert Blättern aus, die der Alte mit einem letzten Zärtlichsein in beiden Armen wiegte. Er nahm sie in Empfang wie eine hohe Kostbarkeit. Er sagte endlich: »Danke, Professor …«

Manfeldt schüttelte heftig Hände und Schädel.

»Gehen Sie!« sagte er und wandte sich ganz weg in die Dunkelheit der trüben Kammer. Es war, als wollte seine gekrümmte Gestalt, sich auflösend, untertauchen in dem Mondmeer der Wolken – hineinwandern in die unsägliche Einsamkeit der Mondlandschaft, mit deren Gipfeln und Wüsten seine zeichnende Hand die Wände der Kammer bedeckt hatte. »Gehen Sie, Helius …«

Wolfgang Helius fügte sich. Er tastete nach dem Schlüssel. Er öffnete die Tür. Die Stimme Manfeldts tappte hinter ihm drein.

»Sie werden nicht ohne mich auf die große Reise gehen, Helius?«

»Nein, Manfeldt. – Das ist versprochen.«

»... Gute Nacht …«

»... Gute Nacht!«

2

Inhaltsverzeichnis

Es war ein merkwürdiger Zustand, in dem Wolfgang Helius nach Hause fuhr.

Alle Dinge, die ihn umgaben, gingen ihn persönlich nahe an und liebten ihn mit einer geschwisterlichen Liebe, mit der Absicht und dem gegenseitigen Übereinkommen, ihm helfend wohlzutun. Das sanfte Gleiten des großen, ruhigen Wagens, der ihm gehörte und in dessen guten Kissen er lehnte, hielt zu ihm wie ein Kamerad und wollte ihm Zeit verschaffen, sich ganz zu sammeln. Die sehr tiefe, warnende Stimme der Hupe fegte Hindernisse ohne Heftigkeit, aber bestimmt und unnachgiebig beiseite, und die herabgelassene Scheibe der rechten Tür ließ nicht mehr Licht und Lärm der frühabendlichen Stadt hereindringen, als ihr gut dünkte, um den Mann mit der Mappe auf den Knien von sich selbst abzulenken.

Wolfgang Helius fühlte sehr deutlich diese pulsnahe Zärtlichkeit der Dinge, und er hätte ihnen gern gezeigt, daß er sie erwiderte; aber er fühlte auch, daß die kleinste Bewegung, selbst der Schatten eines Lächelns, den Dingen gespendet, von ihm die Kraft eines Titanen gefordert hätte. Und er war in dieser Stunde, du großer Gott im Himmel, nichts weniger als ein Titan … Es war – ja, was? – irgend etwas mit Un … ein Unsinn, eine Unkraft, ein Unwille … etwas von unvorstellbarer innerer Leere und Mattheit … ein Unwesen mit der gespenstischen Menschlich-Unmenschlichkeit einer Gliederpuppe. Augen, erschöpft und unfähig selbst zu der Wanderung von rechts nach links in ihren eigenen Höhlen, starrten tot geradeaus.

Aus der schwarzspiegelnden Scheibe im Rücken des Fahrers starrte ihnen etwas entgegen: das Bild eines Mannes. Der Mann saß aufrecht in den Lederkissen des Wagens: es sah aus, als stemme er sich mit einem verschwenderischen und doch notwendigen Aufwand von Kraft dagegen. Der Mann hatte eine große und vollgepfropfte Mappe auf beiden Knien: er hielt sie mit den Händen fest, doch schien er ihr im Augenblick keine sonderliche Beachtung zu schenken. Der Mann war bemerkenswert blaß, und sein Gesicht zeigte, während Wolfgang Helius es mit den starren Augen der Gliederpuppe betrachtete, den unbewachten Ausdruck eines so heftigen und maßlosen Leidens, daß es war, als müßten die Dinge um ihn her, zum Leben entzündet an der Passion dieses preisgegebenen Gesichts, um seinetwillen zu schluchzen beginnen.

Wolfgang Helius schob langsam den Kopf nach vorn. Der Mann in der spiegelnden Scheibe schob ihm den seinen entgegen. Ein Zug von Befremdung ging über das tote Gesicht.

›Das bin ja ich‹, dachte Wolfgang Helius und starrte in seine eigenen, starrenden Augen. ›Das bin ja ich … Wie sonderbar! … Heute ist ein großer und krönender Tag meines Lebens gewesen. Warum sehe ich aus wie einer, den man von schlecht überstandener Folter genommen hat? Was ist das für eine tolle Fahrt! Ich halte den goldenen Mond auf den Knien. Die ganze Stadt tanzt mir entgegen und braust. Die ganze Welt tanzt mir entgegen und braust. Ja, große Taten geschehen, o Stadt, o Welt! Das erste bemannte Weltraumschiff … Ziel: der erschrockene Mond. Wackere Vertreter der Erde werden da oben landen: ein halbtoller und ein halbtoter Mann. Denn ich liege im Sterben, ihr guten Leute. Das Blut ist schon weggetropft. Mein Kopf ist ein baumelnder Spuk. Und warum das alles, in Gottes Namen? Weil –‹

Er warf den Kopf vornüber, daß seine Stirn die weißen Knöchel der Fäuste berührte. Er biß die Zähne so wütend übereinander, daß seine Ohren ertaubten, daß ihm das Blut wie eine trübrote Welle hinter geschlossenen Lidern aufbrandete. Ja, das half nun alles nichts. Eine vergiftete Wunde muß man ausbrennen. Aber war er nicht ganz und gar eine Wunde, vom Kopf bis zu den Füßen? War er denn nicht von Grund auf vergiftet durch diesen einzigen Tag, daß es ein Wunder war, keine schwarzblauen Flecke auf der Haut zu haben?

›Friede … Friede … Nein, du kannst nichts dafür, du morgenblondes Geschöpf, du junge Gottheit … Schmalgliedrige – Antilope … du mit den schönen, ungeduldigen Brauen, auf denen deine schnellen Gedanken reiten … du Leichterzürnte, du Jungfräulich-Bösartige, du schuldlos Prahlende in aller Herrlichkeit … Nun, Weltraumschiffer, Mathematikgenie, kannst du errechnen, wie lange eines Mannes Mund braucht, um diesen kindschmalen Leib mit Küssen ganz zu bedecken? Sieh, da versagen die Zahlen und alle Zeit. Was außerhalb dieser Erde, was an den Rändern der Ewigkeit sich sinnvoll-chaotisch zum Weltall fügt, das hast du ermessen. Aber das wußtest du nicht, daß Erde und Weltall für dich in den Händen eines so jungen Weibes lagen und daß du Weib und Erde und Weltall verlorst, weil sie tat, was ihr Recht war zu tun: sich einem andern zu schenken.‹

Haß sprang im Blutstoß gegen sein Herz an, daß er meinte, es winseln zu hören. Er richtete sich auf, rang Kopf und Hals aus einer abwürgenden Klammer. »Ihr Dinge, helft mir! Fahrt – Abend – Stadt – Luft – – steht mir bei!«

Aufstöhnend öffnete er die Lider, lehnte sich weit zurück und atmete tief.

Die Dinge, die er zu Hilfe gerufen hatte, bemächtigten sich seiner Augen und seiner Ohren …

Irgend etwas – und nichts Geringes – schnürte weit vorn an der strahlenreichen Straßenkreuzung den Verkehr ab. Die Autos stauten sich zu Hunderten. Aus dem Wirrwarr ihrer flachen Verdecke hoben sich, wie aus einem Acker mattglänzender Schollen, die Kentaurengestalten berittener Polizisten ruhig und voll Besonnenheit. Ein unermeßliches Meer von Lichtfunken und leuchtenden, buntfarbigen Kaskaden überschäumte, übersprühte den frühen Abend und gab den Straßen und allem, was sie bevölkerte, eine wunderbare, wenn auch grundlose Fröhlichkeit.

Die Menschen gingen rasch, doch nicht mit der gehetzten Eilfertigkeit des Tages. Es war, als gingen sie nach einer unhörbaren, vielleicht nur in ihnen selbst erklingenden, Melodie, mit leichten, schönen Schritten zu einem nahen und erhofften Ziel.

Es herrschte ein vieltöniger, doch in seiner orchestralen Einheit beinahe zart wirkender Lärm auf der hellfrohen Straße, und es dauerte ziemlich lange, bis das Ohr von Wolfgang Helius aus diesem rauschenden Orchester das feine Soloinstrument einer einzelnen Stimme heraushörte, die in weichen Rhythmen, als sänge sie einen Vers, stets das gleiche wiederholend, am Rand der Straße sprach:

»Frische Veilchen, mein Herr? Frische Veilchen?«

Seine langsamen Augen suchten das Mädchen, das diese Worte mehr sang und sprach, und blieben mit einem verlorenen und schweren Ausdruck auf ihm haften. Das Mädchen war schön, und es lächelte mit seinem ganzen zartgeschminkten Gesicht. Es war, als böte es seine Augen dem Manne zum Kuß, als es, den kleinen dunklen Strauß aus dem Korb auf der Hüfte hebend, sagte:

»Frische Veilchen, mein Herr? Frische Veilchen?«

Wolfgang Helius wollte ihr Lächeln erwidern, aber auf seinen Lippen, die trocken wie verschmachtete Erde waren, formte sich nur ein Grinsen. Er dachte: ›Wie heißt es, Hamlet? – »Das ist nicht und das wird auch nimmer gut« … Heil unserer Bildung! Passende Zitate für alle Lebenslagen …‹

Da warf ihm das Mädchen den Veilchenstrauß in den Schoß. Ihr Lächeln vertiefte sich, daß die kleinen weißen Zähne sichtbar wurden.

Helius hob den kühlen, dunklen Strauß zu seinen Augen, als höben seine Hände eine Last. Er sog den Duft tief ein, die Augen schließend. ›Wahrhaftig frische Veilchen!‹ dachte er.

Das Mädchen trat an die Wagentür. Es streckte die Hand aus.

Grotjan, der Fahrer, räusperte sich gereizt. Den Kontakt berührend, ließ er die Hupe warnend aufbrummen, einmal und noch einmal. Konnten die da vorn nicht endlich fertig werden mit ihrem Verkehrsgulasch? – Daß so ein Frauenzimmer nur ja Zeit genug fand, sich an seinen Herrn heranzuschmieren …

Im Spiegel der Windscheibe konnte er recht gut beobachten, wie sie lächelte und Zähne und Augen blitzen ließ, und es mochte auch sein, daß sein Herr zu ihr sprach. Was sie sich wohl daraufhin einbildete, die Ziege mit ihrem Gekicher …

Der Verkehrspolizist hob rückwärtswinkend die Hand. Nun würde sie wohl endlich die Finger vom Türrahmen lassen, die eifrige Dame … Aber Grotjans Voraussage ging nicht in Erfüllung. Das Mädchen mit dem Blumenkorb trat keineswegs zurück, als der gestockte Strom der Wagen wieder zu strömen begann – es ließ auch die Hand nicht von der Autotür. Es lachte, leise und herzlich, wie zur Antwort auf etwas, das ihm Freude machte, und es öffnete die Tür des schon gleitenden Autos und schlüpfte zu Wolfgang Helms in den Wagen hinein.

»Himmellaudon …« sagte Grotjan vorsichtig.

Er hielt den Blick starr nach vorn gerichtet und war so hilflos, wie ein Mann nur sein kann, dessen Weltanschauung ins Schleudern geraten ist.

»Nach Hause!« hatte Wolfgang Helius zu Beginn der Fahrt gesagt. Er hatte keinen Gegenbefehl erteilt. Wollte er das Frauenzimmer etwa mit nach Hause nehmen? – In die großen, immer wie leeren Zimmer hinauf, deren kühle, saubere Luft in all den Jahren, da Grotjan Wolfgang Helius als dienender Tyrann ergeben war, noch nie von dem Getue und Gelache und Drum und Dran, das von den Weibern nicht zu trennen war, beleidigt wurde?

Grimmig zog Grotjan die Bremse an. Wieder ein Aufenthalt von Minuten. Gedränge und Huschen, hart am Kühler vorbei. Grotjan sah aus wie der leibhaftige Mord. Dies war eine Welt, von einem Idioten für Idioten gemacht. Eine Welt, in der es als wohlerzogen galt, das Maul zu halten und stillschweigend zuzusehen, wie einer Sumpfwasser trank, weil er irr war vor Durst; in der ein redlicher Mensch nicht hingehen durfte zu der einzigen, auf die es ankam, und sagen: Mädel, der Mann, der mehr wert ist als die ganze übrige Menschheit zusammengenommen, der ist auf dem besten Wege, an dir zugrunde zu gehen; jetzt hilf ihm, so oder so, daß er wieder gesund wird …

Statt dessen: nach Hause fahren mußte er das Unglück auch noch … Ohne, in Gottes Namen die eigenen Knochen riskierend, den Wagen gegen die nächste Litfaßsäule zu knallen. Denn sein Herr saß ja auch darin …

Sie waren ans Ziel gelangt. Der Wagen hielt. Grotjan stellte den Motor ab und lehnte sich breit zurück. Nicht ums Verrecken würde er den Kopf wenden. Seinetwegen konnten alle vier Pneumatiks im Asphalt Wurzel schlagen und sich zu kleinen Gummibäumen auswachsen. Er hatte Zeit.

Aus dem Fenster neben der überwölbten Steintreppe, die ins Haus hineinführte, ringelte sich der schmale Jungenkörper Gustavs, des Hausmeistersprößlings. Gott hatte ihn sommersprossig und furchtlos geschaffen und ihm weniger Zuneigung für Bücher und Lehrer eingepflanzt als für Motoren und die kühnen Männer, die mit Motoren wie mit guten Freunden umgingen.

»'nen Abend, Herr Grotjan«, sagte Gustav herzlich.