Die Flugbegleiter - Christian Schwägerl - E-Book

Die Flugbegleiter E-Book

Christian Schwägerl

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Beschreibung

Ein Geier zwischen den Fronten des Syrienkriegs, der für Völkerverständigung sorgt. Die magische Begegnung mit einem Bartkauz in der Einsamkeit des hohen Nordens... Dieses Buch bietet faszinierende Beiträge zu aktuellen Projekten und Themen der Vogelkunde – spannend und wissenschaftlich fundiert präsentiert vom Redaktionsteam "Die Flugbegleiter". Die 11 JournalistInnen des erfolgreichen Digitalmagazins auf riffreporter.de verstehen sich als Korrespondenten aus der Vogelwelt. Ihr Online-Magazin wurde von der UN-Dekade für Biologische Vielfalt ausgezeichnet. Autorinnen und Autoren des Buchs sind: Joachim Budde, Christiane Habermalz, Markus Hofmann, Thomas Krumenacker, Cord Riechelmann, Johanna Romberg, Claudia Ruby, Anne Preger, Christian Schwägerl, Carl-Albrecht von Treuenfels.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 325

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhalt

Vorwort

beobachten und staunen

Ich freue mich über jeden Vogel

Kommt der Mauerläufer oder kommt er nicht?

„Vögel waren ein Anker der Verlässlichkeit“

Wie Sie sich viele neue Vogelstimmen merken können

Ich habe einen Specht erschossen

Jeder Tag sollte Weltspatzentag sein

Wenn Vögel uns beobachten

„Natur und Fußball stehen in einem großen Mißverhältnis“

„Um wirklich glücklich zu sein, brauche ich nur ein Fernglas“

Wie ein Bauer sein Herz an Vogelfedern verlor

Nachwuchs, an die Spektive!

erforschen und entdecken

Weißstorch an Raumstation: Ich flieg´nach Süden!

Gute Sänger sind schlauer – oder nicht?

Wie Vögel cool bleiben und wir ihnen dabei helfen können

Alte Vögel liefern neues Wissen

Ihr Traumjob: Knochenbrecher zählen

Warum meiden spanische Geier Portugal?

So empathisch sind Raben

Schiet happens: Seevögel verändern die Weltgeschichte

Küken ohne Lehrmeister

Federn für die Flugsicherheit

Im Turteln sind diese Tauben nicht zu toppen

gefahren erkennen, sich sorgen machen

Das schleichende Vogelsterben

Die große Vernichtung

Die Papageien vom Rhein

Magere Zeiten für Papageitaucher

Zur falschen Zeit am richtigen Ort

Die Vögel sind an ihrem Rückgang selbst schuld!

„Deutschland ist ein Paradies für Vogelschmuggler“

Wenn Waldschnepfen gegen die CDU-Zentrale rasen

Deutschlands heimlicher Wappenvogel unter Druck

Die Eulen-Feuerwehr

Wetterextreme: Warum Tümpel und Feuchtgebiete zur kritischen Infrastruktur gehören

Der Friedensgeier

Die wundersame Kiebitz-Vermehrung

Team Seggi voll im Einsatz

Vögel ganzjährig füttern – eine sinnvolle Sache

Wo Trauerseeschwalben die Rettungsflöße bekommen

Lehren aus der Corona-Katastrophe

Bauernhöfe und Braunkehlchen

Unterstützen Sie die Flugbegleiter

Autorinnen und Autoren

Impressum

VORWORT

Von Christian Schwägerl

Haubenlerchen auf dem Schulhof, ein Neuntöter, der eine Maus aufspießt, Streifzüge durch die Landschaft auf der Suche nach Wiesenpieper und Bachstelze – für die meisten von uns im Team der „Flugbegleiter“ hat die Faszination für die Vogelwelt schon früh im Leben begonnen. Ein Fernglas und ein Bestimmungsbuch können einem als Kind eine ganz neue Dimension des Lebens erschließen. Vogelbeobachtung hat etwas von Alice im Wunderland: Wer zum ersten Mal einen Pirol hört, versehentlich eine Waldschnepfe aufscheucht oder einer Eule in die Augen blickt, dem eröffnet sich eine eigene Welt. Zauberhaft und doch ganz real. Und zugleich hängt über dieser Welt die Gefahr, die Bedrohung. Die Populationen vieler Vogelarten schrumpfen, die Naturzerstörung hält an.

Deshalb haben wir uns zusammengefunden – Autorinnen und Autoren, die gemeinsam Natur und Vogelwelt in die Öffentlichkeit bringen, die Debatten darüber mit sachkundigem und lebendigem Journalismus bereichern wollen. Ganz zu Beginn unserer Zusammenarbeit waren wir zusammen im Havelland wandern und Vogelbeobachten. Seither sind wir ein geographisch weit verstreutes Team, vereint unter dem Namen „Die Flugbegleiter“.

Wunderwelt der Vögel

Wir arbeiten für viele Redaktionen, vom Deutschlandfunk über GEO und die FAZ bis zum Schweizer Rundfunk. Aber unsere gemeinsame journalistische Heimat als „Flugbegleiter“ ist die Riff­Reporter-Genossenschaft geworden. Unter www.riffreporter.de be­­rich­ten wir über Erlebnisse in der Vogelwelt, über aktuelle Ornithologie, über Vögel in unserer Kultur und in unserem Alltag, und über Menschen, die sich wie wir für Vögel begeistern – als Wissenschaftler, Beobachterinnen, Naturschutz-Aktivisten, Künstler und Autorinnen. Zugleich geht es um die Sorge, die uns seit Kindesbeinen nicht mehr loslässt: dass die Wunderwelt der Vögel bedroht ist, weil die Habitate schrumpfen, dass Rachel Carsons „Stummer Frühling“ sich von einer Horrorvision in Wirklichkeit verwandelt.

Es gibt im Naturschutz nicht nur Schreckensnachrichten, sondern auch erfreuliche Erfolge zu verzeichnen. Kraniche, Seeadler, Wanderfalken – die Bestände mancher Vogelarten haben sich durch Naturschutzanstrengungen in den vergangenen Jahren erholt. Auch dahinter verbergen sich spannende Geschichten, die zu selten erzählt werden – vor allem die Geschichten der Menschen, deren Engagement hinter diesen Erfolgen steht.

Für eine weit größere Zahl von Arten geht es bergab: Birkhuhn, Kornweihe, Haubenlerche und Bekassine gelten laut der Roten Liste der Brutvögel Deutschlands als akut vom Aussterben bedroht, Rebhuhn, Braunkehlchen und zu viele andere sind „stark gefährdet“. Im weltweiten Maßstab sieht es für die Lage der Natur und unserer Lebensgrundlagen noch bedrohlicher aus: Ausbleichende Korallenriffe, gigantische Waldbrände und der Schwund von Insekten sind Menetekel einer existenziellen ökologischen Krise. Wenn der UN- Biodiversitätsrat warnt, dass in diesem Jahrhundert jede achte Art aussterben könnte, dann ist Alarmstufe Rot angesagt. Auch die Corona-Pandemie gehört zu den Warnzeichen dazu. Ökologen sind überzeugt, dass das Vordringen des Menschen in die letzten Wildnisgebiete und eine rücksichtlose Ausbeutung von Wildtieren die Ursache für die nächste Pandemie sein können. Gerade deshalb beschäftigen wir uns auch mit politischen Fragen – vom Naturschutz in Deutschland bis zu den großen Konferenzen der Vereinten Nationen, bei denen um Wohl oder Wehe unseres gemeinsamen Planeten gerungen wird.

Humboldts Weltorganismus live

Ursachen für die Gefahr kommen in abstrakten Begriffen daher: „Lebensraumzerstörung“, „Nutzungsänderungen“, „industrielle Landwirtschaft“, „Zersiedelung“. Doch für uns „Flugbegleiter“ sind das harte Realitäten, die wir mit Liebe zur Wissenschaft, aber auch in sinnlicher Beziehung zur Natur erleben. Für uns sind ausgeräumte Landschaften so schlimm wie „Geisterspiele“ für Fußballfans.

Unsere Zeit ist von einem Wiedererstarken von Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit geprägt. Wir sind auch deshalb von Vögeln fasziniert, weil sie mit ihren Wanderungen zeigen, wie sehr die ganze Welt verbunden ist. Sie leben das, was Alexander von Humboldt den „Weltorganismus“ nannte. Die Wanderungsbewegungen der Vögel werden uns heute durch Hightech-Verfahren immer genauer vor Augen geführt. Beim Projekt „Icarus“ werden Zugvögel mit winzigen Sendern ausgerüstet, deren Signale von der Internationalen Raumstation ISS empfangen und anschließend am Max- Planck-Institut für Ornithologie ausgewertet werden – das ist hoch spannende Forschung, die wir begleiten und vermitteln wollen. Vögel sind eben weit mehr als akustische Hintergrundkulisse im Frühling oder Datenpunkte, die Vogelbeobachter erfassen. Die Vogelwelt ist groß und vielfältig – ein herrliches Terrain für guten Umwelt- und Wissenschaftsjournalismus.

Dieses Buch versammelt eine handverlesene Auswahl von Beiträgen, die wir als „Flugbegleiter“ publiziert haben. Sie finden darin Essays und Reportagen, die Ihnen einen frischen, vertieften und besonderen Blick auf Natur und Tierwelt bieten. Wir leben die Botschaft, die in unserem Namen „Flugbegleiter“ steckt: Begleiter der Vögel sein – nicht nur, um über sie zu schreiben, sondern auch, um zu ihrem Schutz beizutragen.

Christian Schwägerl, im Mai 2020

Neuntöter

ICH FREUE MICH ÜBER JEDEN VOGEL

WARUM ES MIR GERADE DIE HÄUFIGEN ARTEN ANGETAN HABEN.

Von Johanna Romberg

Vor einiger Zeit habe ich einen Nonnensteinschmätzer gesehen. Er saß am Strand von Helgoland und pickte Fliegen aus angeschwemmtem Seetang. Nonnensteinschmätzer (Oenanthe pleschanka) leben normalerweise in steinigen Steppen und Bergregionen zwischen Ost­rumänien, der Mongolei und Afghanistan. Dass sie in Westeuropa auftauchen, noch dazu auf einer Nordseeinsel, ist die absolute Ausnahme; seit der Jahrtausendwende sind etwa ein halbes Dutzend Exemplare in Deutschland gesichtet worden.

Deshalb war ich, als ich den Vogel sah, auch nicht allein. Rechts und links neben mir reihten sich ein gutes Dutzend Stative mit Kameras und Spektiven. Dahinter andächtig schweigende Beobachter, fast alle männlich. Der Vogel, ein junges, noch nicht voll ausgefärbtes Männchen, zeigte sich nicht nur unbeeindruckt von so viel Aufmerksamkeit – er schien sie sogar zu genießen. Er hockte sich nur fünf Meter entfernt von den Objektiven auf einen Stein und präsentierte sich gut drei Minuten lang von allen Seiten, wie ein Holly­woodstar auf dem roten Teppich: die dunkel geschuppte Kehle, die ockerfarbene Brust, den tintenschwarzen Schwanz mit weißem Bürzel. Die Kameras ratterten. Ab und zu löste sich einen leises Ah! oder Wow! aus der schweigenden Phalanx.

Ich fand es natürlich auch aufregend, diesen Vogel zu sehen. Er war für mich ein „Lifer“, wie man im Beobachter-Jargon sagt, also eine erstmals gesichtete Art. Und wenn ich ein echter „Birder“ wäre, also eine nicht nur passionierte, sondern auch systematische Beobachterin, dann hätte ich seinen Namen natürlich meiner „Lebensliste“ hinzugefügt. Habe ich aber nicht. Zwar habe ich, vor zig Jahren, mal eine solche Liste angelegt, aber nie konsequent genug geführt.

Buchfinken – nicht schon wieder?

Das liegt auch daran, dass ich zu der Sorte von Vogelfreundinnen gehöre, denen Ringeltauben genauso lieb sind wie Nonnensteinschmätzer und andere Raritäten. Wobei „Ringeltaube“ hier stellvertretend für alle die Vögel steht, die für gewöhnlich als Allerweltsarten bezeichnet werden. Die Sorte, die man als erfahrene Beobachterin im Vorübergehen bestimmt, oder nach einem flüchtigen Blick durchs Fernglas: Ach, bloß ’ne Kohlmeise. ’Ne Amsel. ’Ne Krähe. Buchfinken, nein, nicht schon wieder! Wie viele haben wir heute schon gesehen – ein, zwei oder drei Dutzend?

Der Buchfink ist, zusammen mit der Amsel, die häufigste Vogelart in Deutschland. Es gibt davon, laut Zählungen des Dachverbands Deutscher Avifaunisten (DDA), bis zu 8,9 Millionen Brutpaare. Auf den Plätzen danach folgen Kohlmeise, Haussperling, Mönchsgrasmücke und Rotkehlchen mit Bestandszahlen, die sich zwischen sechseinhalb und gut drei Millionen Brutpaaren bewegen. Die Schwankungsbreite ist natürlich groß, nicht zuletzt, weil selbst Tausende aufmerksamer Beobachter und Beobachterinnen die Bestände kaum flächendeckend erfassen können. Insgesamt gibt es 22 Vogelarten, die bei uns in Millionenstärke vertreten sind; bei der Gartengrasmücke liegt die Mindestschätzung immerhin noch bei 930.000 Paaren.

Ich habe diese Statistik vor kurzem in einem Jahresheft des DDA gelesen, mit Freude, aber auch mit Staunen: Darüber, dass es hierzulande immer noch Vögel gibt, die in Massen vorkommen, trotz allem, was ihnen und der Natur insgesamt seit Jahrzehnten angetan wird – durch Bejagung, Zerstörung von Lebensräumen, und, allem voran, den Vernichtungsfeldzug, den die „moderne“ Landwirtschaft gegen Wildkräuter und Insekten ebenso wie die Mikrofauna des Bodens führt. Angesichts dieser Zustände finde ich, dass jeder, wirklich jeder Vogel, der einem über den Weg fliegt, ein Grund zur Freude ist.

Das Tschilpen von Spatzen, die Koloraturen der Feldlerche

Aber nicht nur deshalb sehe ich Buchfinken, Amseln, Ringeltauben & Co. immer wieder gern. „Vögel beobachten“ ist ja, in meinen Augen jedenfalls, vor allem eine Kombination aus Entdecken und Wiedererkennen, und das zweite ist mir fast noch lieber als das erste. Ich mag es, durch irgendeine Landschaft zu laufen, vor meiner Haustür oder auch weiter weg, und dabei lauter guten Bekannten zu begegnen; Stimmen, Gestalten und Bewegungsmuster wahrzunehmen, die mir seit Jahrzehnten vertraut sind: das Tschilpen von Spatzen, die Koloraturen der Feldlerche, die typische Spindelform fliegender Stare, die charakteristischen Blau-Gelb-Schwarz-Kombinationen der verschiedenen Meisenarten, den Berg- und Talflug balzender Ringeltauben, die Silhouette eines segelnden Mäusebussards.

Und ich mag es auch, an den Bekannten immer wieder neue Seiten zu entdecken: dass das Blau der Blaumeisen bei bestimmter Beleuchtung besonders intensiv strahlt, dass Singdrosseln nicht nur schön singen, sondern auch Wachteln imitieren können, dass Elstern Einschlafrituale haben, die sich über eine Stunde hinziehen können, und dass Kolkraben im Flug Sachen anstellen, die in keinem Vogelbestimmungsbuch stehen.

Nonnensteinschmätzer

Natürlich freue ich mich, wenn sich der Kreis der Bekannten im Laufe der Zeit erweitert. Im vergangenen Frühjahr habe ich zum Beispiel endlich gelernt, Winter- und Sommergoldhähnchen am Gesang zu unterscheiden, ich kann jetzt Goldregenpfeifer im Schlichtkleid erkennen und werde keinen Habicht mehr mit einem Bussard verwechseln, weil ich mir, mit Nachhilfe eines Greifvogel­experten, seinen charakteristischen Flugrhythmus eingeprägt habe. Und natürlich bin ich jedes Mal hingerissen, wenn ich eine (für mich) neue Art entdecke. Oder eine Rarität, die ich vor Jahren und Jahrzehnten zuletzt gesehen habe.

Aber, ganz ehrlich: Den Nonnensteinschmätzer muss ich kein zweites Mal sehen. Jedenfalls nicht hier in Westeuropa. Denn so aufregend solche Irrgäste für Beobachter sind – es handelt sich bei ihnen um „lost souls“, wie manche britischen Vogelkundler sie nennen, um Vögel, die beim Zug vermutlich aufgrund einer genetischen Fehlprogrammierung eine falsche Route eingeschlagen haben. Solche Vögel sind tatsächlich „verlorene Seelen“, denn sie werden nie wieder in ihr angestammtes Brut- oder Überwinterungsrevier zurückfinden. Und selbst wenn sie ihre Reise ein paar Monate oder auch Jahre überleben, werden sie nie wieder einen Partner der eigenen Art finden.

Das wünsche ich eigentlich keinem Vogel. Und auch sonst niemandem.

KOMMT DER MAUERLÄUFER ODER KOMMT ER NICHT?

DAS GUTE AM VOGELBEOBACHTEN: WARTEN ZU LERNEN.

Von Christian Schwägerl

Vor eineinhalb Jahren besuchte ich Freunde in Heiligenblut im Mölltal. Der kleine Ort im Kärntner Teil des Nationalparks Hohe Tauern ist nach einer alten Legende benannt. Der Großglockner, Österreichs höchster Berg, scheint an Tagen mit klarem Wetter von hier aus zum Greifen nahe zu sein. Die Vogelwelt des Nationalparks ist legendär. Hier können einem majestätische Arten wie Bartgeier, Steinadler und Auerhuhn begegnen.

An diesem Tag sollte mein Glück als Vogelbeobachter nur 17 Zentimeter groß sein. Für einen Sonntagnachmittagsspaziergang hatten wir uns den Gößnitzwasserfall als Ziel gewählt. Nachdem die Gößnitz neun Kilometer durch ein kaum genutztes Hochtal geflossen ist, bricht der kleine Fluss hier durch eine senkrecht aufragende Steilwand und fällt mehr als siebzig Meter in die Tiefe. Wenn Schmelzwasser die Berge herabkommt oder es stark geregnet hat, schwillt dieser Wasserfall zu einem gewaltigen Tosen an.

Ich war noch ganz überwältigt vom Rauschen des Wassers, das in einen tiefgrünen Kessel fällt, aus dem Gischt herauftreibt, als ich an der Felswand direkt neben der Spitze des Wasserfalls einen kleinen, quirligen Punkt wahrnahm. Als ich den Punkt mit dem Fernglas gefunden hatte, leuchtete mir eine Farbe entgegen, die es im Gebirge und auch sonst in der Natur nicht allzu oft gibt: ein leuchtendes Rubinrot.

Mauerläufer

Das Grau seines Gefieders verschmolz mit dem Gestein

Eigentlich gehöre ich nicht zu den Vogelbeobachtern, die ihre Erstbeobachtungen zelebrieren. Doch die Seite mit dem Mauerläufer war in meinem vom Blättern arg mitgenommenen Bestimmungsbuch immer etwas Besonderes gewesen, eine papierne, aber doch irgendwie reale Verheißung von Bergwelt, klarer Luft und steilen Felsen. Nun hatte ich den Vogel direkt vor mir. Er flatterte die Felswand beständig hinab und hinauf, ganz offensichtlich auf der Suche nach Nahrung, die er auch fand. Das Grau seines Gefieders verschmolz mit dem Gestein, sodass ich den Vogel aus den Augen verlor, nur um Sekunden später die Sensation des leuchtenden Rots umso intensiver wahrzunehmen. Jedes Mal, wenn der Mauerläufer seine Flügel ausbreitete, setzte mein Gehirn Freudenmoleküle frei. Die Bergwelt scheint zu karg zu sein für dieses Rot, das dem von Palästen, Edelsteinen und feinen Gewändern ähnelt. Und doch hat sie den Mauerläufer hervorgebracht.

Viele Wochen wirkte das Erlebnis nach. Begegnete mir im Alltag ein ähnliches Rot wie das auf den Mauerläuferflügeln, fühlte ich mich wie hinaufge­beamt in das Mölltal, zum Gößnitzwasserfall. Und deshalb schoss es mir am vergangenen Samstag, als ich mich auf der Großglockner Hochalpenstraße von Salzburg her dem Mölltal näherte und ich nachdachte, welche Wanderung ich an einem freien Sonntag wohl unternehmen könnte, durch den Kopf: als erstes zum Mauerläufer.

Ich lief den Weg am Fluss entlang über Wurzeln und Steine hinweg mit großer Vorfreude hinauf in Richtung Gößnitzwasserfall, ließ mich vom Rauschen des Flusses einfangen und war mir sicher, gleich mit einem wunderbaren Anblick belohnt zu werden.

Warten gilt in unserer durchgetakteten Zeit als Verschwendung. Wer beim Arzt warten muss, hat nicht genug Geld, sich privat zu versichern. Wer als Firma seine Kunden in der Warteschleife hängen lässt, wird in sozialen Medien mit negativen Bewertungen bombardiert.

Während in vielen Religionen das Warten – etwa auf die Erlösung – eine Art Grundhaltung darstellte, ist es, seit Frederick Winslow Taylor die Arbeitsschritte von Fabrikarbeitern mit der Stoppuhr vermessen und Prozesse so optimiert hat, dass keine Wartezeiten entstehen, so etwas wie eine Sünde. Längst ist das Synchronisieren und das Ausmerzen von Wartezeiten zu einem der wichtigsten Ziele geworden, die Industrialisierung der Zeit ist in vollem Gang. Zu warten und dabei nichts zu tun, also auch nicht das Handy zu zücken und die Leere der Zeit mit den geballten Gedanken und Bildern aus aller Welt zu füllen, das ist auch im Alltag schwer erträglich geworden. Wir sind darauf eingestellt, dass eins auf das andere folgt, dass es Belohnungen möglichst sofort geben muss. Wir packen die Lehrpläne und Nachmittagsstunden der Kinder und unsere eigenen Kalender so voll, dass möglichst keine ungenutzten Zwischenräume bleiben.

Genau deshalb zählt es zu den vielen guten Seiten des Vogelbeobachtens, dass es fast immer mit Warten verbunden ist. Natürlich gibt es auch überraschende Sofort-Belohnungen, wenn man in der Natur unterwegs ist. Es kann einem passieren, dass man schon nach den ersten Schritten im Wald oder am Tümpel von einem Anblick, einer Begegnung, einem Ruf komplett überrascht wird.

In der Regel aber setzt das Beobachten voraus, dass man wartet. Und wer dabei auf sein Handy schaut, um sich die Zeit zu vertreiben, wird nie etwas Interessantes zu Gesicht bekommen. Es geht darum zu warten, während nichts passiert. Oder genauer: während nicht das passiert, worauf man hofft, womit man rechnet, was man am liebsten erzwingen würde. Vogelbeobachtend unterwegs zu sein bietet eine Chance: bedingungsloses Warten zu üben.

Eine fast kindliche Erwartung

Und so stand ich am Sonntag am Gößnitzwasserfall und wartete. Ich lehnte mich gegen eine Lärche, von deren Stamm exakt die Hälfte von der Gischt fast schwarz eingefärbt war, während die andere Hälfte trocken-braun blieb, zückte mein Fernglas und begann, die Felswand abzusuchen. In regelmäßigen Bahnen führte ich meinen Blick über die grauen, hellbraunen und grünlichen Felsen, hielt hier und dort inne, immer und immer wieder. Ich merkte, wie mein Atem zuerst ruhiger wurde, weil mein Kreislauf sich vom Aufstieg erholte, dann wieder kürzer, weil Ungeduld in mir aufstieg. Und je länger ich da stand, desto mehr musste ich über mich selbst schmunzeln: über meine fast kindliche Erwartung, dass der Mauerläufer von vor eineinhalb Jahren ganz bestimmt exakt an diesem Tag zu dieser Stunde an diesem Ort auftauchen würde, um mich mit dem Rot seiner Flügel zu erfreuen.

Je mehr ich mich amüsierte, desto schöner fand ich das Warten. Wie die Gischt – das Wasser, das gerade noch im Fluss nach unten gerauscht war und nun in Tröpfchen wieder nach oben strebte – sich nicht nur auf Bäume und Steine, sondern auch auf mein Gesicht legte. Wie mir Insekten auffielen, die dem Luftstrom widerstanden und talaufwärts flogen. Wie die Formen der Steilwand, die sich vor mir auftürmte, immer vertrauter wurden. Wie ich der Versuchung widerstand, mein Handy aus der Tasche zu ziehen und ein Bild der Szene in einen Tweet zu packen. Eine Ruhe machte sich in mir breit, wie ich sie schon lange nicht mehr erlebt habe: die ausgedehnte und sich immer weiter ausdehnende Zeit. Die herrliche Absurdität, einen ganzen Nachmittag eines kleinen grau-roten Punkts zu harren. All das kam mir nun vor wie der größte Luxus überhaupt. Schließlich die wachsende Einsicht, dass sich der Mauerläufer wohl nicht einfinden würde. Ich genoss den Luxus kompletter Ineffizienz.

Eigentlich wollte ich nach dem Besuch beim Mauerläufer meine Wanderung fortsetzen, hinauf zu einer der vielen Almen des Gebiets. Ich bin an diesem Nachmittag einfach geblieben, habe den grellgelben Bewuchs der benachbarten Lärche bestaunt, meinem Herzklopfen zugehört, dem Spiel von Sonne und Wolken auf den Felsen zugeschaut. Und sogar einen Vogel gesehen: eine Haubenmeise, den Punker unter den Singvögeln, dessen schwarz-weiß gesprenkelter Kopf mir gänzlich neu erschien, so als hätte ich ihn noch nie gesehen. Die Meise kam mir bis auf einen Meter nahe – vielleicht, weil ich so still stand, dass der Vogel mich nicht bemerkte. Vielleicht, weil er bemerkte, wie wenig Gefahr von mir ausging.

Ich habe den Mauerläufer an diesem Nachmittag kein zweites Mal zu Gesicht bekommen. Das Warten hat sich gelohnt.

„VÖGEL WAREN EIN ANKER DER VERLÄSSLICHKEIT“

HILFE IN LEBENSKRISEN, ERINNERUNGSSTÜTZE FÜR DEMENZKRANKE

Thomas Krumnacker über die heilsame Wirkung des Vogelbeobachtens und über wegweisende Projekte

Irgendwann ging es einfach nicht weiter für Joe Harkness. Seine Angststörungen und depressiven Schübe trieben ihn immer häufiger zum unmäßigen Alkohol- und Drogenkonsum und zudem in eine schier unendliche Verzweiflung. Eines Tages beschloss er, seinem Leben ein Ende zu setzen. „Ich wollte nicht mehr hier sein, ich wollte nirgendwo sein“, erinnert er sich.

Er legte ein zu einem Strang gebundenes Betttuch um seinen Hals. „Es war weich und warm, welch ein Kontrast zur steinernen Kälte in meinem Kopf“, schreibt Harkness in seinem Buch (auf Deutsch unter dem gleichen Titel im Nymphenburger Verlag). Ein ihm nahestehender Mensch entdeckte den Suizidversuch in letzter Sekunde, überredete ihn zum Aufgeben und rettete Harkness so das Leben. Doch mit dem durch glückliche Umstände gerade noch einmal verhinderten Freitod sind die Probleme nicht gelöst. Für Harkness beginnt ein mühsamer und langwieriger Kampf um die Rückkehr ins Leben. Ihm helfen Ärzte, Medikamente, verschiedene Therapieformen.

Wege aus dem Chaos im Kopf

Die entscheidende Hilfe kommt für ihn aber durch etwas ganz anderes: Es sind die Vögel, die ihm neuen Lebensmut geben. „Die Entdeckung des Vogelbeobachtens hat mein Leben grundlegend zum Besseren verändert“, erzählt Harkness im Gespräch. „Vögel gaben mir eine Art Ausstiegsklausel. Sie wurden mein Weg, dem Chaos in meinem Kopf und der Überforderung mit der Bewältigung meines Alltags zu entkommen.“

Vor allem aber, erinnert Harkness sich, waren Vögel ein „Anker der Verlässlichkeit“ inmitten eines in Trümmer gefallenen Lebens. „Egal, wie negativ ich alles sah, die Vögel waren immer da. Sie sind verlässlich, wie es Menschen fast nie sind.“ Harkness ist sich sicher, dass er ohne die Wiederentdeckung seiner Leidenschaft für Vögel – die Saat hatte sein Großvater in der frühen Kindheit gelegt – kaum aus seiner Lebenskrise gekommen wäre.

„Je mehr ich über die Vögel gelernt habe, desto mehr lernte ich auch über mich selbst“, bilanziert Harkness. „Langsam gelang es mir, die Jahre als alkohol- und drogenabhängiger Selbstbetrüger hinter mir zu lassen.“ Seit mehreren Jahren schreibt Harkness inzwischen bereits in seinem gleichnamigen Blog über seine „Bird Therapy“. Vor kurzem legte er sein autobiografisches Buch vor, das seitdem in Großbritannien auch außerhalb der Szene der Voll­blut-Birder hinaus diskutiert wird.

Kontakt mit Natur und Vögeln als Therapie – Harkness’ autobiografischer Bericht über seine psychische Erkrankung und seinen Weg aus der Krise markiert ein Extrembeispiel dafür, wie wichtig, ja existenziell, der Kontakt mit der Natur und speziell mit frei lebenden Vögeln für Menschen sein kann.

„Menschen sind auch in unserer modernen Zeit Teil der Natur“, erklärt die Sozialpsychologin Elisabeth Kals. „Wenn wir auch vielfach ein stark entfremdetes Verhältnis haben, so bleiben wir doch nach wie vor Teil der Natur und fühlen uns ihr – der Flora, der Fauna, dem, was wir gemeinhin noch als Natur bezeichnen – tief emotional verbunden. Diese Verbundenheit wirkt sich positiv auf die Gesundheit aus und kann vielleicht sogar heilen“, ist sich die Professorin an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt sicher.

Auch zahlreiche Studien belegen die „Wirksamkeit“ von Natur als Medizin. So wies die US-Forscherin Mary Carol Hunter von der Uni Michigan in einer kürzlich veröffentlichten Studie nach, dass schon zwei bis drei jeweils 20- bis 30-minütige Naturaufenthalte pro Woche den Stress-Pegel von Probanden signifikant um 20 bis 28 Prozent senkten. Die Studienautorin spricht von einem Aufenthalt im Grünen sogar als „Naturpille“.

Dass auch der Kontakt mit der Natur bereits im Kindesalter weitreichende positive Auswirkungen auf die psychische Gesundheit als Erwachsener hat, belegte die dänische Forscherin Kristine Engemann Jensen in einer Untersuchung. Sie verglich auf Basis von Satellitenfotos den Vegetationsgrad in unterschiedlichen Wohnorten Dänemarks und glich diesen mit Statistiken zu psychischen Erkrankungen Erwachsener ab.

Die Studie ergab, dass Menschen, die von Geburt bis zu ihrem zehnten Lebensjahr (oder auch länger) in einer von Wäldern, Parks oder anderen großflächigen Grün- oder Naturflächen dominierten Umgebung aufwuchsen, als Erwachsene ein deutlich geringeres Risiko einer psychischen Erkrankung haben. „Das Risiko für spätere psychische Erkrankungen für diejenigen, die in der Kindheit mit dem niedrigsten Grünflächenanteil lebten, war ... bis zu 55 Prozent höher als bei denen, die mit dem höchsten Grünflächenanteil lebten“, fasst die Forscherin ihre Studienergebnisse zusammen.

Natur wirkt also – aber was ist es genau, das die positive Wirkung ausmacht? Die bessere Luft? Die Abwesenheit der täglichen Reizüberflutung? Die Möglichkeit, sich gehen lassen zu können? Jeder dieser Faktoren für sich und alle zusammen, lautet die Antwort vieler Studien. Immer stärker zeichnet sich aber ab, dass Natur dann besonders stark wirkt, wenn sie wahrnehmbar und erlebbar ist. Deshalb kommt Vögeln offenbar eine besondere Bedeutung zu. Sie singen und fliegen herum und sind damit die sichtbarsten Verkörperungen von Natur selbst in Großstädten.

Grünfink

Vogelbeobachtung im Pflegeheim

Diesen Gedanken greift auch ein Modellprojekt des bayerischen Landesbunds für Vogelschutz (LBV) auf. Beim Projekt „Alle Vögel sind schon da – Vogelbeobachtung in vollstationären Einrichtungen“ geht es darum, Futterstationen bereitzustellen und die stark eingeschränkten Bewohnerinnen und Bewohner in Pflegeheimen zum Vogelbeobachten anzuleiten.

In mittlerweile mehr als 40 Pflegeeinrichtungen hat Projektmanagerin Kathrin Lichtenauer Vogelfutterhäuschen installiert und die Heimbewohner über Grünfink, Spatz und Co. aufgeklärt. „Es geht darum, Naturerlebnisse zu schaffen und damit dem Verlust von Lebensqualität entgegenzuwirken“, erklärt Lichtenauer.

Sie reist für das Projekt nun schon im zweiten Jahr kreuz und quer durch Bayern und hat neben Futterstationen und Vogelfutter auch stets ein eigens für das Projekt konzipiertes „Bestimmungsbuch“ im Gepäck. Es ist im Stil eines Kinderbuchs gehalten, mit extradicken Seiten und abwaschbar beschichtet. Darin finden sich in einfacher Sprache einige grundlegende Informationen über Kleiber, Amsel, Meisen und Co. Realitätsnah aussehende Vogelpuppen und ein Vortrag über die sieben gängigsten gefiederten Fenstergäste gehören ebenfalls zur Standardausrüstung Lichtenauers.

Die emotionale Kraft, die die Begegnung mit wild lebenden Vögeln freisetzen kann, erlebt Lichtenauer beinahe täglich. „Die Beschäftigung mit den Vögeln weckt häufig verschüttete Erinnerungen“, hat sie bei ihren Besuchen festgestellt. Wie bei jener älteren Dame, die nach dem Vortrag der LBV-Frau zu ihr kommt, ihr die Hand gibt und sich dafür bedankt, dass sie wieder einmal eine Amsel hören durfte, wenn auch nur vom Band.

Lichtenauer sieht bei ihren Besuchen in den Pflegeheimen auch die oft wenig bekannten Seiten der stationären Pflege. Sie ist auch in den sogenannten beschützten Bereichen auf Demenzstationen unterwegs, dort wo die Menschen in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt sind. Auf einer solchen Station begegnete ihr Walter, der, motiviert durch ihren Vogel-Vortrag, ausdauernd pfiff wie ein Vogel.

Erinnerungsblitze auf der Demenzstation

Dieses Erlebnis ließ sie lange Zeit nicht mehr los. Sie begegnete auch jener Frau, die beim Gedächtnistraining nie etwas sagte, als aber das Angebot zur Vogelbeobachtung kam, zum Erstaunen der Betreuer von über Jahre zurückliegenden eigenen Erlebnissen berichtete. „Es gibt viele emotionale Momente“, sagt Lichtenauer. Eva Lychen, Bewohnerin eines Pflegeheims in München, bringt ihre Leidenschaft für Vögel so auf den Punkt: „Wenn ich einen netten Vogel beobachten kann, dann ist für mich eigentlich der Tag schon gerettet.“

„Vögel berühren Menschen auf eine besondere Art“, glaubt Lichtenauer. „Das geht auch mir ja nicht anders. Eine Amsel, die hört sich nach Frühling, nach frischem Regen auf warmen Pflasterstein an. Wir verknüpfen viel mit manchen Dingen, bei Musikstücken ist das ja nicht anders.“

Das Ziel des Projekts „Alle Vögel sind schon da“ geht aber darüber hinaus, den Menschen in den Pflegeheimen ein paar schöne Stunden zu schenken. „Vogelbeobachten als aktive Gesundheitsprävention“ lautet die Philosophie hinter dem Projekt des Vogelschutzverbands, das hauptsächlich von den Pflegekassen AOK, BKK classic, IKK, Knappschaft, der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau sowie der Stiftung Bayerisches Naturerbe des LBV finanziert wird.

Um die Wirksamkeit wissenschaftlich zu überprüfen, wird das Projekt von Sozialpsychologin Kals und ihren Mitarbeiterinnen Susanne Freund und Patricia Zieris begleitet. Kann Vogelbeobachtung die psychosoziale Gesundheit, die Mobilität und die geistige Leistungsfähigkeit von Menschen in Pflegeheimen fördern und so zu einem besseren Wohlbefinden und mehr Lebensqualität beitragen? So lautet die Fragestellung an das Forscherinnenteam. „Eine wissenschaftliche Begleitung ist zentral, damit Initiativen wie diese fundiert bewertet werden und damit auch ernst genommen werden“, betont Kals. „Es gibt Effekte, die man zeigen kann, und das ist wichtig sowohl für die Akzeptanz solcher Projekte wie auch für ihre Verbreitung.“

„Vogelbeobachtung kann glücklich machen“

Nach eineinhalb Jahren Begleitforschung zum LBV-Projekt – bis Studienende soll die Wirkung der Maßnahmen in sechs Pflegeeinrichtungen umfassend untersucht und in 70 weiteren per Fragebogenstudie erforscht werden – haben die Wissenschaftlerinnen kürzlich einen Zwischenbericht vorgelegt, in dem sie zu einem erstaunlich eindeutigen Ergebnis kommen: „Die Annahme, dass Vogelbeobachtung das Potenzial hat, Menschen gesünder und glücklicher zu machen, ist völlig richtig“, sagt Studienleiterin Kals.

Die Wissenschaftlerinnen messen die Wirksamkeit der Vogelbeobachtung als Therapie gegen den Verlust von Lebensqualität und zur Erhaltung der geistigen Fitness anhand verschiedener sogenannter Präventionsziele, wie sie der Krankenkassen-Spitzenverband GKV für Pflegeheime entwickelt hat.

Fünf solcher Ziele haben die Kassen festgelegt, deren Erreichen den Maßstab guter Pflege bildet. „Alle Vögel sind schon da“ will gleich drei davon erfüllen: Den Erhalt der psychosozialen Gesundheit, die Stärkung kognitiver Ressourcen, sprich mentaler Leistungsfähigkeit, und die Steigerung von körperlicher Aktivität und Mobilität der Heimbewohner. Der 33-seitige Zwischenbericht der Wissenschaftler attestiert dem LBV-Projekt eine erfolgreiche Arbeit: „Bislang bestätigen die Daten die präventive Kraft des Projekts“, heißt es darin.

Die psychosoziale Gesundheit etwa – in der Begleitstudie durch Befragungen gemessen anhand von Variablen wie „emotional positives Empfinden“, „soziales Wohlbefinden“ oder die „Abwesenheit von negativen Gefühlen“ sei durch Vogelbeobachtung deutlich posi­tiv beeinflusst worden, schreiben die Wissenschaftlerinnen.

„Durch das Angebot der Vogelbeobachtung, der Anregung zur Bewegung und zum Nachdenken über die beobachteten Vögel kann das soziale Wohlbefinden direkt gesteigert werden.“ Auch habe sich die Vogelbeobachtung fördernd auf die „kognitiven Ressourcen“ ausgewirkt, sprich: Die mentale Leistungsfähigkeit der meist betagten oder durch Krankheit früh zum Pflegefall gewordenen Bewohner wurde gestärkt. Bei allen angestrebten Präventionszielen zeigten sich Veränderungstendenzen. Endgültige Aussagen seien aber erst nach Studienende im kommenden Jahr möglich.

„Naturbegegnung gesellschaftlich relevant“

Mit Haustieren ließe sich nach Meinung der Forscherinnen ein ähnliches Ergebnis wohl nicht erzielen. Diese seien zwar als Therapietiere bewährt. Das Vogelbeobachten entfalte seine Wirkung aber womöglich gerade deshalb, weil freie, wild lebende Tiere freiwillig eine kurze Bindung zum Menschen eingingen. „Das eröffnet uns viele Projektionsmöglichkeiten.“

LBV-Chef Norbert Schäffer verweist auch auf die gesellschaftspolitische Bedeutung des Projekts. Einerseits gehe es um soziale Verantwortung, den Menschen in den Heimen etwas Gutes zu tun, wenn dies mit Mitteln des Vogelbeobachtens möglich sei, begründet er das Engagement seines Verbands in den Pflegeheimen.

„Wenn es uns mit den begleitenden Studien zudem gelingt zu zeigen, dass sich Vogelbeobachtung als Beispiel für Naturbegegnung positiv auf das Lebensglück von Bewohnerinnen und Bewohnern von Pflegeheimen auswirkt, können wir davon ausgehen, dass dies auch für andere Menschengruppen der Fall ist“, sagt Schäffer. „Damit hätten wir den Beweis, dass Naturbegegnung auch gesellschaftlich relevant ist.“

WIE SIE SICH VIELE NEUE VOGELSTIMMEN MERKEN KÖNNEN

VIELEN MENSCHEN FÄLLT ES SCHWER, SICH DIE MELODIEN ZU MERKEN. HIER BEKOMMEN SIE TIPPS AUS GEBALLTER BEOBACHTER-ERFAHRUNG.

Herrlich, dieses Vogelkonzert! Aber halt, wer singt da eigentlich?

Jedes Frühjahr nehmen es sich viele Menschen fest vor, jedes Frühjahr verzweifeln viele daran und geben wieder auf: Vogelstimmen auseinanderzuhalten, sie sich einzuprägen und beim nächsten Mal wiederzuerkennen – das ist keine einfache Sache.

Bei einigen Dutzend häufigen Vogelarten und insgesamt 254 Spezies, die bei uns als heimisch gelten, erscheint es Anfängern nahezu unmöglich, Land zu gewinnen. Die Rufe vieler Arten ähneln einander sehr. Andere Vögel singen wiederum so variantenreich, dass es unmöglich ist, sich eine klare Melodie zu merken.

Aber es lohnt sich, Vogelstimmen zu kennen. Das anfangs verwirrende Durcheinander wird zu einem echten Konzert, wenn man die einzelnen Rufe der richtigen Art zuordnen, wenn man Alarm von Balz und zum Beispiel die Singdrosseln von den Amseln unterscheiden kann.

Wer Vogelstimmen kennt, für den bekommt die Landschaft eine neue Tiefe: In der Ferne ruft ein Schwarzspecht, da muss ein alter Wald sein, dort ruft ein Wendehals, es gibt alte Obstbäume. Manche Arten, etwa Zilpzalp und Fitis, sind kaum anhand des Aussehens, aber sehr leicht anhand des Gesangs zu unterscheiden. Mit dem Gehör lässt sich eine ganze Landschaft im Nu kartieren, und man bemerkt Arten, die man kaum zu sehen bekommt.

Wie aber geht man vor, wenn man noch keine oder kaum Vogelstimmen kennt? Wie haben sich Vogelbeobachter diese Kenntnis erarbeitet, die den Gesang von Dutzenden oder allen Arten bei uns wie nebenher auseinanderhalten können? Braucht man dazu ein Elefantengedächtnis? Oder gibt es Kniffe, die helfen? Es gibt sie – und hier sind sie:

Christiane Habermalz: „Es gibt Dur- und Mollvögel"

Christiane, wie merkst Du Dir Vogelstimmen?

Über alle möglichen Eselsbrücken, und dabei ist mir keine Merkhilfe zu peinlich. Das mag daran liegen, dass ich meine ersten Vogelstimmen als Kind von meiner Großmutter gelernt habe, die ganz groß war in Sinnsprüchen. Seitdem kann ich gar nicht mehr anders, als bei jedem Buchfinken glasklar das „Fritze, Fritze, magste Grützebeeren?“ rauszuhören. Obwohl ich eigentlich bis heute nicht weiß, was Grützebeeren eigentlich sind. Die Goldammer singt natürlich „Wie wie wie hab ich dich lieeb!“. Die Dorngrasmücke ruft aufgeregt: „He da, du da, ja du da, was willstu?“ und der Karmingimpel sehr höflich „Nice to meet you!“ Das stammt natürlich nicht von meiner Großmutter, denn damals gab es noch keine Karmingimpel bei uns.

Hast Du einen besonderen Kniff oder Tipp, der anderen helfen könnte?

Ja, das Vogelkonzert wie menschgemachte Musik wahrzunehmen. Es gibt Dur- und Moll-Vögel. Die Dorngrasmücke ist ein klarer Dur-Vogel. Und der Fitis singt genau wie der Buchfink nur in Moll. Das Rotkehlchen singt immer im zitternden Vibrato, und das scharfe „Zick“ des Kernbeißers, immer ganz hoch oben in den Baumwipfeln, ist ein klarer Stakkato-Laut. Bei manchen Vögeln spielt auch die Persönlichkeit eine Rolle. Das keckernde Lachen von Grün- und Grauspecht klingt zum Beispiel sehr ähnlich – der Grünspecht jedoch ist ein klarer Optimist, der Grauspecht dagegen ein Pessimist, dessen Rufe am Ende ganz traurig verebben.

Gibt es Arten oder Gattungen, mit deren Stimme Du Dich immer noch schwertust?

Der Vogel, der mich regelmäßig zur Verzweiflung bringt, ist der Kleiber. Er ist so variantenreich, dass ich immer wieder scheinbar unbekannten, seltenen Vogelrufen hinterherlaufe, nur um am Ende wieder vor einem Kleiber zu stehen. Manchmal denke ich, er denkt sich extra für mich noch was Neues aus, nur damit ich wieder blöd dastehe. Ein kleiner Fiesling unter den Vögeln. Das nur zum Thema Persönlichkeit.

Markus Hofmann: „Ich höre beim Joggen Aufnahmen an"

Markus, wie merkst Du Dir Vogelstimmen?

Ein Geheimrezept gibt es leider nicht oder zumindest keines, das mir geholfen hätte. Wichtig aber ist: sich nicht zu überfordern. Ein Stimmenkonzert an einem Frühlingsmorgen kann einen Anfänger zur Verzweiflung treiben. Vor lauter Vogelgesang hört man gar keinen mehr. Also: Sich zunächst lediglich einen Piepmatz vornehmen und versuchen, sich diesen einzuprägen – zum Beispiel den häufigen und stimmfreudigen Zaunkönig, für den zudem eine einfache Eselsbrücke besteht: Der Kleinste ist der lauteste. Wie beim Lernen einer Fremdsprache lassen sich mit der Zeit die Worte beziehungsweise die Vogelstimmen voneinander unterscheiden und zuordnen. Und wie bei der Fremdsprache gilt auch bei den Vogel­stimmen: repetieren, repetieren, repetieren.

Hast Du einen besonderen Kniff oder Tipp, der anderen helfen könnte?

Auf meinem Handy habe ich dank einschlägiger Apps das Vogelstimmen-Repertoire stets bei mir (z.B. „Zwitschern!“, „Kosmos Vogelführer“, „Die Flugrufe der Vögel Mitteleuropas“). So kann ich Wartezeiten oder langweilige Bahnfahrten bestens überbrücken. Manchmal höre ich sogar Vogelstimmen beim Joggen mit dem iPod. Ebenso gibt es gute, kostenlose Trainingsmöglichkeiten im Internet. Das Stimmentraining von Avimonitoring.ch ist außerhalb meiner Heimatstadt Zürich möglicherweise noch nicht bekannt. Umfassend und zum Üben ebenfalls sehr gut ist „Die große Kosmos Vogelstimmen DVD“. Allerdings: Keine Aufnahme, und sei sie noch so gut, ersetzt das Beobachten und Hören im Freien.

Gibt es Arten oder Gattungen, mit deren Stimme Du Dich immer noch schwertust?

Oft verbinde ich mit einer bestimmten Vogelstimme ein Erlebnis, einen Sinneseindruck oder eine Landschaft. So hatte ich wie Christiane zu Beginn Mühe mit dem variantenreichen Kleiber. Während eines Waldspaziergangs erzählte mir eine äußerst erfahrene Vogelbeobachterin, dass sie sich auch sehr lange schwertat mit dieser Vogelart. Genau in diesem Moment rief ein Kleiber – seit diesem Moment habe ich ihn im Ohr. Auch kann ich mich zum Beispiel gut an die Stelle – ein abschüssiges Waldstück – erinnern, an der ich zum ersten Mal die Melancholie des Misteldrossel-Gesangs bewusst hörte und mir einprägen konnte. Watvögel bereiten mir allerdings weiterhin ziemliche Schwierigkeiten. Aber als Schweizer und Binnenländer habe ich ja eine gute Ausrede: Die sind hier halt selten zu hören.

Cord Riechelmann: „Bussard oder Star?“

Cord, Du hast auf unsere Umfrage im Flugbegleiter-Team, wer Tipps zum Stimmenlernen geben mag, ganz anders als alle anderen rea­giert ...

Ja, denn wer einmal nachts um zwei Uhr eine Nachtigall gehört hat, die exakt, megaexakt wie eine Amsel singt, und dann einmal im Winter in einem Forschungsinstitut, in dem Nachtigallen gehalten wurden, ebenfalls nachts Alarm geschlagen hat, weil draußen auf dem Dach im Schnee hörbar eine Nachtigall sang, die sich dann aber als ein Zaunkönig entpuppte, und wer dann gerade aktuell in einem Park, in dem Bussarde ihr Nest bauen, diese Bussarde morgens suchte und dabei dem Kontaktruf der Bussarde folgte, bis er feststellen musste, dass die Superbussardrufe von zwei Staren vor ihrer Höhle gerufen wurden, um eben mich zu verarschen, der glaubt nicht mehr daran, dass man Vögel über ihre Laute identifizieren kann! Jedenfalls nicht übers Gehör allein.

Buchfink

Johanna Romberg: „Der Grünfink klingt wie ein frisch polierter Goldteller"

Johanna, wie merkst Du Dir denn Vogelstimmen?

Ich lasse in meinem Kopf Bilder entstehen.

Was heißt das genau?

Es passiert mir nicht mehr so oft, aber vor einiger Zeit hörte ich im Wald einen Vogelruf, den ich nicht kannte. Vier scharfe, schnurgerade Schnitte auf einem schwarzen Vorhang, durch die sehr helles Licht fiel. Alle gleich lang und in gleichem Abstand voneinander.

Die Beschreibung bezieht sich auf das Bild, das in meinem Kopf auftauchte, während ich dem Vogel zuhörte. Ich habe bei vielen, eigentlich den meisten heimischen Vogelstimmen solche Bilder vor Augen; sie entstehen von ganz allein, wenn man dem Vogel nur lange genug aufmerksam zuhört. Der Grünfink klingt wie ein frisch polierter Goldteller, der im Sonnenlicht glänzt. Das Rotkehlchen: wie ein Wassertropfen, der eine Glasscheibe hinunter rinnt. Der Fitis: wie ein Blatt, das langsam, hin- und hertrudelnd, auf den Waldboden herabschwebt.

Sind solche Bilder nicht total subjektiv?

Ja, aber sie helfen, sich Stimmen so nachhaltig einzuprägen, dass man sie sich hinterher im Idealfall zu Hause im Kopf abspielen kann. Was unerlässlich ist, um sie zu identifizieren. Ich tue das am liebsten mithilfe der großartigen Datenbank „xeno-canto.org“, in der so ziemlich sämtliche Gesänge und Laute abgespeichert sind, die jemals irgendein Vogel irgendwo auf der Welt von sich gegeben hat. Man braucht natürlich einen Anfangsverdacht, um in diesem Klangmeer die zum Kopf-Bild passende Stimme zu finden. Aber beim Biotop norddeutscher Mischwald ist die Zahl der möglichen Kandidaten überschaubar.

Und wenn Dir zu einer Vogelstimme kein Bild einfällt?

Wenn ich draußen eine Vogelstimme höre, zu der mir gerade kein Bild einfällt, notiere ich ihre Lautfolge auf Papier – in Punkten für kurze, in Strichen für lange Töne, beides auf- und absteigend je nach Tonhöhe. Das funktioniert hervorragend als Gedächtnisstütze, außer bei Meisen. Ich kann Sumpf-, Weiden-, Hauben- und Kohlmeisen bis heute nicht immer sicher unterscheiden, weil deren Lautrepertoire so groß ist und die Klangfarbe ihrer Stimmen so ähnlich – meisig eben.

Und, konntest Du das Rätsel im Wald lösen?

Die vier Schnitte auf dem schwarzen Vorhang habe ich mithilfe des wunderbaren Vogelstimmenarchivs „xeno-canto“ eindeutig identifiziert: als Ruf des Waldbaumläufers.

Danke, Johanna. Wen wir unbedingt noch fragen müssen, ist Franz Lindinger aus Köln. Er war bei uns schon Protagonist einer Geschichte über Vogelmonitoring, hat uns schon tolle Bilder zur Verfügung gestellt – und wie sich beim gemeinsamen Brettspielen in Köln herausgestellt hat, hat er sich die Vogelstimmen in sehr kurzer Zeit ange­eignet.

Franz Lindinger: „Das Wintergoldhähnchen singt wie ein W"

Franz, Du hast als Kind schon mal viele Vogelstimmen gekannt, aber dann erst vor einigen Jahren wieder damit angefangen – und jetzt bietest Du selbst in Köln Exkursionen an, auch mit uns Flugbegleitern. Du bist also in relativ kurzer Zeit zum echten Kenner geworden. Welche Tipps hast Du?

Ich habe für Euch eine Tippliste gemacht.

Na dann her damit!

Tipp 1: Geht mit Leuten raus, die Vogelstimmen kennen und lernt von ihnen.

Tipp 2: Nehmt Euch am Anfang wenige Arten vor und insbesondere die, die direkt im Garten, vom Balkon aus, auf dem Weg zur Arbeit etc. zu hören sind.

Tipp 3: Benutzt Quiz-Apps!

Tipp 4: Wenn man Apps benutzt, verwendet mehrere Apps, damit man sich nicht an eine spezielle Aufnahme gewöhnt.

Tipp 5: Versucht, Euch eigene Eselsbrücken zu bauen.

Tipp 6: Vergebt Kategorien: flötend, näselnd, laut, fein, hart, weich, metallisch, Triller und so weiter.

Tipp 7: Wiederholen, wiederholen, wiederholen.

Danke! Und auch an Dich die Frage: Hast Du einen besonderen Kniff oder Tipp, der anderen helfen könnte?