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Der Weg zu einer positiven Geburtserfahrung Die Vorstellung von einer Geburt ist meist mit Schmerz und Angst verbunden. Doch das muss nicht sein! Kristin Graf hat eine hochwirksame, evidenzbasierte Methode zur mentalen Geburtsvorbereitung entwickelt, mit deren Hilfe positive Geburtserfahrungen möglich werden. Wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig persönlich erklärt sie, wie wir unser subjektives Schmerzerleben beeinflussen können. Wir lernen, wie wir Bewusstsein und Unbewusstes so aufeinander abstimmen können, dass wir selbstbestimmt und vorfreudig in die Geburt gehen und wie wir auch in herausfordernden Situationen ganz bei uns bleiben. - Das Buch zur bekannten Geburtsvorbereitungsmethode - Affirmationen und Mentaltechniken für eine angstfreie Schwangerschaft - Kristin Graf hat bereits über 14 000 schwangere Frauen erfolgreich begleitet Mit einem Vorwort von Nora Imlau. »Ich empfehle Kristins Methode von Herzen, weil sie das Vertrauen in die eigene Fähigkeit zu gebären stärkt und ein ideales Mindset für eine positive, empowernde Geburtserfahrung schafft.« Jana Friedrich, Hebamme und Autorin Ich als Gynäkologin empfehle jeder Schwangeren die Vorbereitung mit Kristins Methode, da die mentale Geburtsvorbereitung für mich der Schlüssel zu einer selbstbestimmten, entspannten Geburt ist. Frauen, die gestärkt und ohne Trauma aus der Geburt gehen, sind eine große Bereicherung für unsere Gesellschaft und eine positives Geburtserlebnis für jede Einzelne ein Geschenk. Dr. Saskia Fitzner (Gynäkologin) Ich empfehle Kristins Kurs uneingeschränkt weiter. Ich bin ein absoluter Fan davon, sich auf das Natürliche zu besinnen und Vertrauen in sich und seinen Körper zu haben. Natürlich hat man nicht alles in der Hand, aber die Erfahrungen anderer Mütter zeigen, dass die gelernten Inhalte und Fähigkeiten auch bei unvorhersehbaren Wendungen geholfen haben. Darüber hinaus finde ich, dass der Kurs mit sehr viel Aufwand und Liebe zum Detail erstellt wurde. An alle, die bald ihr kleines Wunder in den Armen halten dürfen: Ich wünsche euch von Herzen, dass ihr ebenso eine tolle Geburt erleben werdet, wie ich es durfte. Habt Vertrauen in euch, ihr seid stark, ihr schafft das! Ann-Kathrin (Kursteilnehmerin) Ich danke Kristin von ganzem Herzen für ihren Kurs. Dieser hat mich im dritten Trimester und ganz besonders die letzten sechs Wochen meiner Schwangerschaft so intensiv und gut begleitet. Er hat mir den Rahmen gegeben für meine eigene Auseinandersetzung mit der nahenden Geburt und mich motiviert, jeden Tag mein Unterbewusstsein auf eine wunderschöne Friedliche Geburt vorzubereiten. Marion Strawe-Fink (Kursteilnehmerin)
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Mehr über unsere Autorinnen, Autoren und Bücher:
www.piper.de
Für meine Kinder.
© Piper Verlag GmbH, München 2022
Covergestaltung: FAVORITBUERO, München
Covermotiv: Josephine Neubert
© Piper Verlag GmbH, München 2022
Fotografien: Ilka Schneeman (jeweils Kapitelanfänge: Kapitel »Basics«; Kapitel »Hypnose und Geburt«; Kapitel »Vor der Geburt«; Kapitel »Besondere Fälle«; Kapitel »Geburtsbegleitung«; Kapitel »Take-Aways«); Josephine Neubert (Kapitel »Während der Geburt«; Kapitel »Eröffnungsphase«; Kapitel »Nachgeburtsphase«; Kapitel »Kaiserschnitt (Bauchgeburt)«; Kapitel »Nach der Geburt«; Kapitel »Hingabe«)
Illustrationen: Karoline Kohle
Wissenschaftliche Beratung zu neurobiologischen Grundlagen von Hypnose: Dr. Barbara Schmidt, Lehrstuhl für Klinische Psychologie, Universität Jena
Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)
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Cover & Impressum
Vorwort von Nora Imlau
Willkommen
Wie alles anfing
Basics
Schmerzempfinden bei Der Geburt
Wie entstehen eigentlich Geburtsschmerzen?
Dehnung
Erwartungshaltung
Angst
Ortswechsel
Komplikationen
Sich selbst ablenken
Ablenkung von außen
Die natürliche Geburt
Geburten bei Tieren
Meine dritte Geburt oder: Was wir von den Tieren lernen können
Wir Menschen brauchen Trance
Unser Gehirn
Wozu das Gehirn bei einer Geburt gebraucht wird
Wie wir Schmerzen verarbeiten
Wie unser Gehirn eine Friedliche Geburt ermöglicht
Die Hypnose
Was ist Hypnose?
Umsetzung
Meditation und Hypnose
Warum eine Geburt mit einem Marathon vergleichbar ist …
… oder mit einer Bergbesteigung
Hypnose und Geburt
Das Unbewusste
Dein sicherer Ort für die Geburt
Hypnose lernen
Wie finde ich den richtigen Kurs?
Was die Hypnose stören kann
Kann ich auch als »Kopfmensch« Hypnose lernen?
Umgang mit Angst
Das Krankenhaus als positiver Ort
Affirmationen und Vorbilder
Warum eine Geburt in Hypnose auch deinem Kind guttut
Vor der Geburt
Vorbereitungen
Deinen Termin richtig berechnen
Deinen Geburtsort finden
Bewegung in der Schwangerschaft
Was gehört in die Kliniktasche?
Organisieren und loslassen
Geburtsplan
Die neue Leitlinie
Warum die Idee einer Friedlichen Geburt nicht überall gut ankommt
Wie du am besten über deine Geburtsvorbereitung sprechen kannst
Wie du dich vor negativen Geburtsberichten schützen kannst
Ist mein Kind zu groß?
Flexibel sein
Plan B
Plan C
Angst zu versagen
Ehrgeiz
Während der Geburt
Latenzphase – Ein Start im Verborgenen
Die Geburt geht los
Wann gehe ich in Hypnose?
Eröffnungsphase
Wann ist der richtige Zeitpunkt, um zum Geburtsort zu fahren?
Eventualitäten und Störungen
Merkwürdige Empfindungen
Ohne Begleitung im Kreißsaal
Tönen und Schreien
Bewegung während der Geburt
Übergangsphase
Austrittsphase
Nachgeburtsphase
Besondere Fälle
Die Geburt geht nicht los
Geburtseinleitung
Kaiserschnitt (Bauchgeburt)
Wunschkaiserschnitt
Traumgeburt mit Hindernissen
Was ist ein Trauma, und wie kann ich mich davor schützen?
Was, wenn ich bereits eine traumatische Geburt erlebt habe?
Geburtsbegleitung
Deine Geburtsbegleitung und du
Mit oder ohne Partner*in?
Wie du als Begleitung eine Geburt unterstützen kannst
Friedlich kommunizieren
Die VRANI-Fragemethode bei Interventionen
Warum eine innige Beziehung nicht immer hilft
Raus aus der hilfebedürftigen Rolle
Du bist unabhängig
Deine Hebamme
Hebammen und die Friedliche Geburt
Wie du als Hebamme eine Geburt in Hypnose gut begleiten kannst
Meine Vision für die Geburtshilfe
Nach der Geburt
Wochenbett
Leben mit Kindern
Take-Aways – Eine Zusammenfassung
Sei eine Kuh
Lass dich bei deinem Marathon begleiten
Hingabe
Schlusswort
Danksagung
Weiterführende Quellen
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Literaturverzeichnis
Als ich Kristin kennenlernte, dachte ich, ich wüsste bereits alles über Geburten. Schließlich war ich zu diesem Zeitpunkt bereits dreifache Mutter! Doch weil meine letzte Geburt sehr schwer und schmerzhaft gewesen war, kreisten meine Gedanken in meiner vierten Schwangerschaft immer wieder um die Frage, was ich tun könnte, damit sich diese Erfahrung nicht wiederholt. Alles, was ich mir wünschte, war eine sichere, schöne und schmerzarme Geburt. So, wie sie sich wahrscheinlich alle Schwangeren wünschen. Und weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass gute Geburtserfahrungen reine Glückssache sind, fing ich an, ganz gezielt nach Informationen zu suchen, wie ich meine Chancen auf eine solche Traumgeburt erhöhen könnte.
Meine Freundin Lisa gab mir schließlich den entscheidenden Tipp: Ich solle doch mal in den Podcast von Kristin Graf hineinhören, »Die Friedliche Geburt«. Ich lauschte wie gebannt und wusste: Das ist das Puzzleteil, das mir bisher fehlte. Denn Kristin weiß nicht nur, wie Geburten funktionieren und welche psychologischen und physiologischen Abläufe dabei möglichst ungestört passieren sollten. Sie hat auch eine Methode zur Geburtsvorbereitung entwickelt, die evidenzbasiert statt esoterisch ist und die auch Kopfmenschen wie mir ermöglicht, sich in Trance so tief zu entspannen, dass die Geburtswehen sich nicht mehr überwältigend schrecklich anfühlen, sondern kraftvoll, aber aushaltbar – und manchmal sogar richtig gut!
»Die Friedliche Geburt« ist eine Methode, die bereits Tausende Eltern gut durch die Geburten ihrer Kinder begleitet hat. Umso wertvoller ist es, dass Kristin Graf die Essenz ihrer Arbeit nun endlich auch in Buchform zusammengefasst hat. Einfühlsam und bestärkend zeigt sie, wie kulturelle Prägungen und Glaubenssätze einem positiven Geburtserlebnis im Weg stehen und wieso es für den Geburtsverlauf förderlich ist, wenn in diesem sensiblen Prozess unser Unterbewusstsein das Ruder übernimmt. So fachlich fundiert wie feinfühlig erklärt sie die Unterschiede zwischen Meditation und Hypnose, räumt mit Vorurteilen über hypnotisch fremdgesteuerte Marionettenmenschen auf und eröffnet den Raum für die Kraft der Selbsthypnose, die das natürlichste Schmerzmittel der Welt darstellt und Schwangeren seit Jahrtausenden überall auf der Welt durch ihre Geburten hilft. Dabei scheut Kristin nicht davor zurück, auch unbequeme Wahrheiten auszusprechen. So hatte ich selbst beispielsweise ziemlich an der Idee zu knabbern, nicht gemeinsam mit meinem Mann unser Kind zur Welt zu bringen, sondern letztlich allein. Und nachher war es genau diese Befreiung aus der Rolle der armen Gebärenden, der ihr Partner die Hand halten muss, die für mich bei meiner vierten Geburt so einen Unterschied gemacht hat!
Am Ende ist jede Geburt einzigartig, auch jede Friedliche Geburt. Und wie bei jeder Naturgewalt gibt es dabei keine Garantien. Keine Methode vermag eine Traumgeburt zu versprechen, auch diese nicht. Doch für mich wie für viele andere Gebärende hat Kristins Arbeit einen so entscheidenden Unterschied gemacht, dass ich jeder Schwangeren nur wünschen kann, mit ihrem Wissen, ihrer Bestärkung und ihren Entspannungsstrategien in die Geburt zu gehen.
Deshalb wünsche ich diesem wertvollen Buch von Herzen viele gespannte Leser*innen – und allen, die gerade das riesige Glück haben, werdendes Leben in sich zu tragen, eine ganz wunderschöne Friedliche Geburt!
Nora Imlau
Herzlich willkommen! Ich freue mich sehr, dass du dieses Buch entdeckt hast und ich dich ein wenig auf deinem Weg begleiten darf. Vielleicht bist du gerade schwanger und freust dich schon auf deine Geburt. Vielleicht hast du auch Respekt oder sogar Angst vor diesem großen Unbekannten, das da auf dich wartet. Eventuell hast du auch schon eine oder mehrere Geburten erlebt, an die du dich möglicherweise nicht gerne erinnerst. Vielleicht bist du auch Hebamme oder Gynäkolog*in und interessierst dich für meine Arbeit. Egal, aus welchem Grund du gerade dieses Buch in der Hand hältst: Ich freue mich sehr, dir von dem zu erzählen, was mich seit der Geburt meiner Tochter 2011 so sehr begeistert, dass ich es an möglichst viele Frauen weitergeben möchte.
Angst vor Geburtsschmerzen kann ich sehr gut nachvollziehen, denn bevor ich zum dritten Mal Mutter wurde, war ich überzeugt und fühlte mich darin bestätigt, dass Geburten nun mal wehtun und kein schönes Erlebnis sein können. So hatte ich es von klein auf gehört und in Filmen gesehen, und es wurde auch nirgendwo anders beschrieben. Nur – ist das wirklich die ganze Wahrheit? Zum Glück kann uns die Medizin helfen, Schmerzen zu überwinden oder erträglicher zu machen. Aber hat uns die Natur nicht vielleicht auch etwas mitgegeben, das uns während der Geburt eines Babys unterstützt und hilft? Ist es nicht faszinierend, dass wir bei anderen Säugetieren keine Anzeichen von Schmerzen bei der Geburt feststellen können? Zumindest dann nicht, wenn sie ohne Komplikationen in der freien Natur gebären? Warum sollte das eigentlich bei uns Menschen anders sein?
Diese Fragen haben mich dazu gebracht, so lange nach einer Lösung zu suchen, bis ich letztendlich mein drittes Kind auf dieselbe Weise bekam wie ein Tier: tief versunken und im Einklang mit meinem Körper. Für mich war das wie ein Wunder, weil ich bereits zwei sehr schmerzhafte Geburten erlebt hatte und nun etwas völlig anderes erfahren durfte. Mir kam es vor, als hätte ich zwei Mal barfuß den Himalaja bestiegen und wäre dieses Mal mit guten Wanderschuhen, ausgestattet mit Proviant, Seilen und Karabinern sowie einer klaren Route im Kopf, zum Gipfel unterwegs. Der gleiche Weg fühlte sich dadurch vollkommen anders an. Ich habe ihn trotz der Anstrengung regelrecht genossen, bin bildlich gesprochen auf Anhöhen stehen geblieben und war beeindruckt von der Aussicht. Und ich bin am Ende am Gipfel angekommen und fühlte mich stark und stolz wie eine Löwin. Ich erlebte, was mein Geist bewirken kann, wenn er sich ganz auf den Geburtsprozess einschwingt. Ich hatte eine wunderschöne, friedliche Geburt, und ich möchte davon erzählen, um auch andere Menschen von diesem Phänomen zu begeistern. Denn das, was ich getan habe, ist reproduzierbar, und ich bin der festen Überzeugung, dass es nicht nur die Geburt elementar zum Positiven verändern, sondern auch die Schwangerschaft angenehmer und zufriedener machen kann.
Ich habe mittlerweile über 14 000 Frauen in ihrer Geburtsvorbereitung begleiten dürfen, und ihre Geburtsberichte sind beeindruckend und berühren mich tief. Sie zeigen, welche Kraft in uns Frauen steckt und welche Auswirkungen eine positive Geburtserfahrung auf unser ganzes Leben als Mutter und Frau hat. Mehr noch, ein solches Erlebnis verändert auch das Leben unserer Familie, denn sowohl das Baby als natürlich auch der Papa oder die zweite Mama sind meist viel entspannter nach einer friedlichen Geburt. Frauen fühlen sich nach einer solchen Erfahrung in der Regel kraftvoll und stark. Sie haben häufig den Eindruck, nun alles meistern zu können in ihrem Leben – was für ein großartiger Start in die Mutterschaft! Einige dieser Geburtsberichte wirst du hier in den folgenden Kapiteln finden, und ich hoffe sehr, dass dadurch deine Neugier und Vorfreude auf die eigene Geburt mehr und mehr steigen.
In diesem Buch möchte ich mein Wissen darüber teilen, was du selbst und dein Umfeld dazu beitragen könnt, um eine Friedliche Geburt möglich zu machen. Natürlich hast du nicht alles in der Hand, aber du kannst großen Einfluss darauf nehmen, wie du deine Geburt subjektiv erlebst. Ich sehe bei den Teilnehmerinnen meiner Kurse regelmäßig, dass das häufig sogar trotz Komplikationen möglich ist und es ihnen selbst mit einem Kaiserschnitt gut geht. Ich möchte dich neugierig machen auf die Fähigkeiten deines Geistes und dir davon erzählen, dass eines unserer wichtigsten Organe, die wir zum Gebären brauchen, unser Gehirn ist. Klingt das erst mal merkwürdig? Sehr gut, dann kannst du in meinem Buch sicher eine Menge Neues für dich entdecken. Ich hoffe, dass du dadurch Lust bekommst, dich danach auch aktiv vorzubereiten. Diese Vorbereitung hat zum Glück nichts mit Anstrengung zu tun, sondern ganz im Gegenteil: Sie ist angenehm und wohltuend, mindert Stressgefühle, verbindet dich intensiv mit deinem Baby und lässt dich deine Schwangerschaft in vollen Zügen genießen. Du darfst dich also schon jetzt darauf freuen.
Mir ist es wichtig, dass ich in diesem Buch alle Geschlechter berücksichtige. Nicht alle Paare bestehen aus einem Vater und einer Mutter, sondern manchmal auch aus zwei Müttern oder zwei Vätern. Nicht alle Mütter fühlen sich außerdem als Frau – auch sie sind natürlich hier gemeint und sollen sich angesprochen fühlen. Daher habe ich mich für die Schreibweise »Partner*in« entschieden. Und auch Solo-Mamas, die ihr Baby ohne Partner*in bekommen, fühlen sich hoffentlich mit diesem Buch wohl und angesprochen.
Ich wünsche mir von Herzen, dass du durch meine Arbeit mehr und mehr ins Vertrauen findest und eine mögliche Angst vor der Geburt verlierst. Vielleicht entsteht beim Lesen mit der Zeit eine (noch größere) Vorfreude auf dieses unvergleichliche Ereignis, die absolut berechtigt ist. Nach allem, was ich erlebt habe und was ich bei den Frauen sehen kann, die ich bislang begleiten durfte, würde ich mich auch selbst auf eine weitere Geburt freuen. Ich kann mir nichts Beeindruckenderes vorstellen als diese großartige Erfahrung, einem kleinen Menschen das Leben zu schenken. Und so wünsche ich dir, falls du gerade ein oder mehrere Kinder erwartest, eine wunderbare, entspannte Schwangerschaft und eine kraftvolle und zugleich friedliche, selbstbestimmte und stärkende Geburt.
Alles Liebe,
Deine Kristin Graf
Das Thema Geburtsvorbereitung begegnete mir zum ersten Mal, als ich selbst schwanger war, und meine diesbezüglichen Erlebnisse waren damals nicht nur positiv. Um meine Arbeit zu verstehen und das, was sich daraus entwickelt hat, möchte ich dir auch von diesem unschönen Beginn erzählen. Und ich glaube, dass du dich sicher hier und da darin wiederfinden kannst.
Bei meinem ersten Geburtsvorbereitungskurs sagte eine sehr erfahrene Hebamme gleich nach der Begrüßung: »Machen wir uns nichts vor, Geburten tun nun mal weh, und jeder, der das Gegenteil behauptet, lügt.« Ich war 26 und hatte keine Zweifel, dass diese Aussage stimmt. Ich hatte genug Spielfilme gesehen, in denen Kinder geboren wurden, und es war offensichtlich, dass eine Geburt schrecklich schmerzhaft sein musste. Als ich etwa zehn Jahre alt war, kam Kuck mal, wer da spricht! in die Kinos. Dieser Film zeigt sehr schön viele Klischees, die das Bild von Geburten in der öffentlichen Wahrnehmung prägen. Die Protagonistin ist schwanger, und kurz nachdem sie ihren Freund mit einer anderen erwischt, platzt ihre Fruchtblase. Sofort beginnt sie zu schreien und nach einem Taxi zu rufen. John Travolta als Taxifahrer eilt herbei und fährt mit ihr in einem Wahnsinnstempo zum Krankenhaus, ruft nach hinten, sie solle hecheln und atmen – eine für mich damals beeindruckende Szene. Im Krankenhaus angekommen, geht es nur um die Schmerzen, es wird nach Medikamenten gefragt – regelrecht gebettelt –, und erst nachdem der Arzt eines verabreicht, kehrt etwas Ruhe ein, eher wie ein Ausschalten wirkt das, wie auf Drogen lächelt die Frau nun – und das Baby wird geboren. Die Schreie während der Geburt, die Hektik und die offenbar dringend benötigten Schmerzmittel haben mich geprägt. Ich erinnere mich noch genau, wie die Angst in mir aufstieg, das auch einmal erleben zu müssen.
Solche oder ähnliche Filme gibt es zuhauf. In Robin Hood – König der Diebe mit Kevin Costner wird eine lebensbedrohliche Situation dargestellt, ein Kaiserschnitt muss durchgeführt werden. Auch hier rettet übrigens ein Mann die leidende Frau. In dem Film Philomena gibt es eine Geburtsszene im Kloster: Nonnen stehen um ein junges Mädchen herum, das auch wieder in Rückenlage schreiend sein Baby bekommt. Die Nonnen kommentieren die Szene damit, dass das die Strafe Gottes für ihre Unzucht sei. Obwohl in dieser Szene »nur« die Herzlosigkeit der Kirche dargestellt werden soll, tragen solche Bilder doch auch dazu bei, generell Angst vor Geburten zu schüren und das Gefühl, dass unbeschreibliches Leid auf einen wartet, wenn man einmal ein Kind bekommt. Da es kaum Gegendarstellungen gibt, scheint das die einzig gültige Wahrheit zu sein.
Im Privatfernsehen gibt es regelmäßig Dokumentarserien, in denen der Alltag an großen Kliniken gezeigt wird. Die Frauen erscheinen hier in der Regel hilflos und ausgeliefert. Schreiende Gebärende und Geburten in Rückenlage sind in diesen Darstellungen ganz normal. Hilflose Männer, die entweder in Ohnmacht fallen oder anderweitig überflüssig zu sein scheinen, runden das Bild ab, dass Geburten unerträglich sind, selbst wenn man nur daneben steht. Das festigt bei uns als Zuschauerinnen den Glauben daran, dass Geburten nicht zu beeinflussen sind, denn Hebammen sagen hier Dinge wie: »Das Schmerzempfinden ist von Frau zu Frau ganz verschieden.« Eine Frau, die wie ich sehr schmerzempfindlich ist, fühlt sich nach einer solchen Aussage nicht ermutigt, an sich und ihre Fähigkeit zum selbstbestimmten, friedlichen Gebären zu glauben.
Vielleicht hast du auch schon erlebt, dass einem als Schwangere häufig ungefragt Geschichten von fremden Geburten erzählt werden. Auch diese Berichte klangen für mich immer fürchterlich. Wie oft habe ich die Aussage von Müttern gehört: »Ja klar, so eine Geburt ist schon heftig, aber wenn das Baby erst mal da ist, dann vergisst man die Schmerzen ja zum Glück ganz schnell.« Das ist ein nicht ganz unproblematischer Satz, wenn wir schwanger sind und dieses vermeintliche Martyrium noch vor uns haben. Ich weiß noch, wie ich hochschwanger durch Berlin-Neukölln ging und eine junge Frau sah, die einen Kinderwagen vor sich herschob. Ich dachte nur: Wie kann es sein, dass so viele Frauen das überstanden haben? Dass sie jetzt so ganz entspannt mit diesen Babys spazieren gehen, wo sie zuvor durch die Hölle gegangen sein müssen? Warum sieht man es ihnen gar nicht an? Ich habe diese junge Frau automatisch bewundert und sie wie eine Heldin gesehen. Wie ein Damoklesschwert hing ja meine eigene Geburt noch über mir.
Ich habe mich damals als sehr bewusst und aufgeklärt empfunden und war eher alternativ eingestellt. So wollte ich zum Beispiel nicht ins Krankenhaus gehen, sondern lieber in ein Geburtshaus. Ich suchte mir instinktiv einen Ort, an dem ich mich wohlfühlen konnte, aber ich stellte nicht grundsätzlich infrage, dass Geburten eben wehtun müssen und wir überhaupt nichts dagegen tun können. Meine ersten beiden Geburten habe ich tatsächlich so erlebt, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich möchte sie einmal kurz beschreiben, denn manchmal brauchen wir Beispiele, um auf »Stolpersteine« hinzuweisen und zu zeigen, woran es liegen kann, dass Geburten schwer werden. An meinem Fall kannst du sehen, dass es selbst dann, wenn du schon einmal oder sogar mehrfach eine negative Geburtserfahrung hattest, möglich ist, beim nächsten Mal etwas ganz anderes zu erleben.
Mein erstes Kind bekam ich an einem für mich idealen Ort, in einem wunderschönen und liebevoll gestalteten Geburtshaus in Berlin-Kreuzberg. Die Hebammen waren sehr nett, die Räume waren schön, und ich versuchte, bei der Geburt alles »richtig« zu machen. Wie war das noch im Geburtsvorbereitungskurs? Becken kreisen ist wichtig und tönen, sich viel bewegen, vielleicht auch tanzen. All das machte ich: Ich kreiste, ich tanzte, ich tönte, ich schrie. Am Ende schlief ich zwischen den Presswehen vor Erschöpfung immer wieder ein. Die anstrengendsten 17 Stunden meines Lebens endeten mit meinem Sohn auf meiner Brust und meinen eigenen Schreien, die noch lange als Echo in meinem Kopf nachhallten. Die Hebamme sagte später zu uns: »Versucht, ein bisschen zu schlafen in dieser Nacht.« Das war für mich so ein absurder Satz! Ich hatte noch nie in meinem ganzen Leben eine solche Erschöpfung erlebt, natürlich würde ich schlafen! Aber dann lag ich neben meinem Kind im Bett, das Licht ging aus, und ich war hellwach. Ich hörte immer wieder innerlich meine Schreie und dachte: Meine Schreie passen mehr zu einem Krieg als zu einer Geburt.
Ich wurde trotzdem bald wieder schwanger und verdrängte für lange Zeit, dass somit ja auch wieder eine Geburt auf mich wartete. Mein zweiter Sohn kam wie ein Tsunami auf die Welt. Von der ersten Wehe bis zur Geburt dauerte es nur 90 Minuten, und ich hatte große Schmerzen. Dieses Mal war ich in einem Krankenhaus, weil ich eine Blutung hatte. Die Angst hatte mich vom ersten Augenblick im Griff. Ich erinnere mich noch genau an einen klaren Gedanken, als es losging: »War ich völlig wahnsinnig, noch mal schwanger zu werden?« Es war, als könnte ich für einen Moment wirklich klar sehen, und ich war geschockt über meine eigene Dummheit, dieses Martyrium noch einmal auf mich zu nehmen. Nach dieser Geburt war ich erst mal »kuriert«. Obwohl ich mir noch ein Kind wünschte, achtete ich sehr darauf, nicht noch einmal schwanger zu werden. Der Satz, dieser Augenblick, in dem mir klar wurde, wie dumm ich gewesen sein muss, noch ein Kind zu bekommen, war zu präsent in meinem Kopf.
Dabei hätte keine meiner begleitenden Hebammen meine Geburten als traumatisch oder schlimm bezeichnet. Es waren beide natürliche vaginale Geburten ohne größere Geburtsverletzungen, ohne Eingriffe, ohne Interventionen, ohne Komplikationen. Die Hebammen waren alle sehr freundlich, und auch mein Partner war liebevoll an meiner Seite. Aber für mich selbst waren die Geburten furchtbar! Sie waren für mich so schlimm, dass ich nicht bereit war, so etwas noch einmal zu erleben. Es ging einfach nicht.
Nach gut drei Jahren wurde ich ungeplant, aber im Herzen absolut gewünscht, wieder schwanger. Für mich stand fest, dass ich eine ähnliche Geburtserfahrung verhindern musste. Ich konnte das nicht noch einmal durchmachen, es war mir nicht möglich, auch nur diesen Gedanken zuzulassen. Also klapperte ich die umliegenden Krankenhäuser ab und fragte bei den Infoabenden, ob ich auch eine geplante Periduralanästhesie (PDA) bekommen könnte. Das ist ein Schmerzmittel, das im unteren Rücken zwischen zwei Dornfortsätzen der Wirbelsäule im sogenannten Periduralraum gesetzt wird. In diesem Raum verlaufen Nervenfasern, die dadurch betäubt werden, und Schmerzen können so vermindert oder sogar vollständig ausgeschaltet werden. Durch die schnelle Geburt meines zweiten Sohnes hatte ich Angst, dass es bei diesem Baby sonst zu spät sein könnte für eine PDA. Die Hebamme offenbarte mir aber, dass wir es erst mal ohne PDA probieren würden, eine geplante PDA würden sie nicht machen. Ich dachte daher sogar kurz über einen geplanten Kaiserschnitt nach, hatte dabei aber ein zu schlechtes Gefühl: Schließlich war mein Körper ja gesund und hatte eigentlich alles gut gemacht bei den anderen Geburten.
Ich weiß noch, wie verzweifelt ich war, weil ich den Eindruck hatte, mich nicht schützen zu können. Gleichzeitig kam immer wieder der Gedanke in mir auf: Das kann doch nicht sein! Es kann doch nicht sein, dass Geburten so wehtun müssen! Kinder zu haben, Mutter zu sein, war für mich das Schönste, was ich jemals erlebt hatte. Welchen Sinn sollte es haben, dass wir Frauen erst mal durch die Hölle müssen, um dieses Wunder erleben zu können? Sicher nicht, weil Eva Adam im Paradies einen Apfel gegeben hat! Ich fing also an zu suchen. Ich wollte unbedingt, dass mir eine Frau von einer anderen, positiven Geburtserfahrung erzählt. Ich fragte in meinem Bekanntenkreis herum, las im Internet nach, suchte ein passendes Buch. Aber ich fand damals, 2011, einfach keine Geburtsberichte, die mir die Angst hätten nehmen können. Ich erinnere mich an eine einzige Bekannte, die sagte, dass sie eine absolute Traumgeburt hatte, ohne Schmerzen. Sie hatte die Geburt ganz bewusst erlebt und sich dabei so auf ihre Tochter gefreut. Sie erzählte mir von ihren Gefühlen, als die Kleine dann auf ihrer Brust gelegen hatte, und wie sie überglücklich nach Hause gegangen war. Ich entgegnete: »Das ist ja großartig! Endlich höre ich mal eine positive Geburtsgeschichte! Und du hast das ohne Schmerzmittel so erlebt?« »Nein! Ich hatte natürlich eine PDA!«, lautete ihre Antwort. Ich war enttäuscht. Ich konnte mich nicht damit abfinden, dass eine PDA die einzige Lösung sein sollte!
Immer wieder dachte ich über die Sinnlosigkeit einer Geburt unter Schmerzen nach. Mir erschien das unlogisch. Es geht schließlich normalerweise nichts kaputt, wenn sich der Muttermund öffnet. Warum muss es dann so wehtun? Alle gesunden Körperfunktionen, Ausscheidungsprozesse beispielsweise, sind schmerzfrei. Schmerzen zeigen doch eigentlich immer an, dass etwas nicht stimmt. Dafür sind sie doch da? Was läuft da bei uns Menschen schief?
Wenige Wochen bevor ich mein drittes Kind bekam, wurde ich dann doch noch fündig. Ich entdeckte Bücher über schöne Geburten und las Berichte, die mich tief berührten, weil sie mir irgendwie vertraut erschienen, obwohl ich Geburt nie selbst so erlebt hatte. Ich hatte das Gefühl, einem großen Geheimnis auf der Spur zu sein, und versank regelrecht in der Vorbereitung auf meine eigene Geburt. Ich holte mir Unterstützung, um meine beiden traumatischen Erfahrungen aufzuarbeiten, und bekam mehr und mehr eine Idee davon, wie meine anstehende Geburt zu einer Traumgeburt werden könnte. Ich plante alles ganz genau und bereitete mich mental vor. Mit der Zeit wurde ich immer zuversichtlicher und mutiger. Ich begann sogar, mich zaghaft auf das bevorstehende Erlebnis zu freuen. Die anschließende Geburt meiner Tochter berührte mich tief und stellte mein Weltbild auf den Kopf. Ich empfand sie als so fundamental anders als die vorangegangenen beiden Erfahrungen, dass ich noch während der Geburt dachte: Das muss ich unbedingt allen Frauen sagen! Ich muss ihnen zeigen, was ich bei diesem Mal anders gemacht habe, um sie vor einem schlimmen Erlebnis zu beschützen. Alle Frauen MÜSSEN wissen, dass sie etwas tun und ihre Geburtserfahrung beeinflussen können! Ich empfand dieses Erlebnis als so ein großes Geschenk, dass ich es unbedingt teilen wollte.
In den nächsten Jahren hatte ich natürlich gut zu tun als berufstätige Dreifachmutter und schaffte es nicht, zusätzlich Frauen bei der Geburtsvorbereitung zu begleiten. Drei Jahre später sprach mich allerdings eine schwangere Bekannte an, der ich einmal von meiner dritten Geburt erzählt hatte. Sie lebte ziemlich weit von mir entfernt, aber sie wollte unbedingt eine ebenso friedliche Geburt erleben wie ich. Sie besuchte mich also an einem Wochenende, und ich versuchte, mein Wissen mit ihr zu teilen. Bald merkte ich allerdings, dass es mehr brauchte als einfache Erklärungen, um nachvollziehen und vor allem nacherleben zu können, welchen Weg ich gegangen war. Es brauchte vor allem Übung. Und so entwickelte ich Anfang 2016 mein Konzept »Die Friedliche Geburt« und gab im April mein erstes Seminar. Kurze Zeit später erreichten mich mehr und mehr Anfragen von Frauen, die nicht in Berlin lebten und dennoch meine Methode erlernen wollten. Dadurch kam ich auf die Idee, einen Onlinekurs anzubieten und meine Technik mithilfe eingesprochener Audioaufnahmen und Videos den Schwangeren Schritt für Schritt beizubringen. Seitdem erreichen mich viele Geburtsberichte. Sie sind oft überwältigend positiv, und manchmal erzählen sie auch von unvorhergesehenen Situationen, innovativen Lösungen und kreativen Ideen der Frauen. Ich lerne daraus, welche Hürden vorkommen können und wo Frauen vielleicht noch mehr Unterstützung brauchen, worauf ich noch stärker eingehen kann. So entwickelt sich mein Kurs seit 2016 immer weiter und ist dadurch lebendig, was mich sehr freut.
Auch das Feedback von Hebammen nehme ich auf, um den Kurs so zu gestalten, dass meine Methode für die Gebärenden auch in einem institutionalisierten Rahmen möglichst einfach durchzuführen ist und keine Konflikte mit dem geburtsbegleitenden Personal entstehen. Ende 2017 startete ich schließlich meinen wöchentlichen Podcast »Die Friedliche Geburt«, der viele werdende Mütter und Väter erreicht. Es haben sich darüber mittlerweile auch etliche Freundschaften mit Hebammen entwickelt, mit denen ich in engem Austausch bin, und ich werde regelmäßig zu Vorträgen an Kliniken oder in Geburtshäuser eingeladen. Ich bin über dieses Zusammenwirken sehr glücklich und dankbar, denn ich bin davon überzeugt, dass wir nur miteinander wirklich etwas bewegen können.
Amma: »Bereits während meiner Schwangerschaft hat mich die Methode positiv und gelassen auf die Geburt eingestimmt. Alle sollten Zugang zu diesem wertvollen Wissen bekommen.«
Damit du weißt, was du selbst bei deiner Geburt machen kannst, wie du auf deinen Körper hören und dein Schmerzempfinden beeinflussen kannst, erkläre ich erst einmal, wo die Schmerzen bei der Geburt überhaupt herkommen. Wie entstehen sie eigentlich konkret? Welche Faktoren tragen dazu bei, und was verstärkt unangenehme Empfindungen? Das wollen wir uns im Folgenden genauer anschauen. Die Basis bilden hier nicht nur meine persönlichen Erfahrungen, sondern auch mit Evidenz untermauerte wissenschaftliche Erkenntnisse. Dadurch wird dir im Anschluss klarer, was du selbst tun kannst, um dich mit den körperlichen Empfindungen wohlzufühlen, die dich während deiner Geburt begleiten.
Für Geburtsschmerzen gibt es unterschiedliche und komplexe Gründe. Wenn du sie kennst, wird es dir leichter fallen, sie zu umgehen oder abzumildern. Wenn wir ein Abenteuer planen, beispielsweise eine Wanderung durch verwinkelte Tropfsteinhöhlen, würden wir das Unternehmen zuvor genau studieren. Wir würden wissen wollen, wo gefährliche Stellen sind, welchen Weg wir einschlagen sollten und warum es wo schwierig werden könnte. Wir wollen die Höhlen, die wir durchwandern möchten, erst kennenlernen – genauso kannst du vor der Geburt etwas über den Schmerz, seine Funktion und seine möglichen Auslöser lernen, damit du ihn besser verstehst. Denn die meisten Ursachen können wir sogar direkt beeinflussen. Ist das nicht faszinierend?
Wo sitzt denn eigentlich der Schmerz bei einer schmerzhaften Geburt? Wenn wir uns unseren Bauch zum Ende der Schwangerschaft ansehen, kann das schon beeindruckend sein. Wie soll das ohne Verletzungen gehen, ein Kind von da drinnen nach draußen zu befördern? Erstgebärende haben häufig den größten Respekt vor dem Austreten des Kindes am Scheideneingang und vermuten, dass das besonders wehtun muss. Wir kennen schließlich unsere Vagina und wissen doch recht gut, welchen Umfang sie in etwa hat. Mit Blick auf den Bauch wird es nahezu absurd, die beiden Bilder – den mächtigen Bauch und den kleinen Ausgang – übereinander zu bringen. Hier kommen auch unbewusste Komponenten hinzu. Wir nehmen uns beispielsweise nicht unbedingt die Zeit, uns klarzumachen, dass das Baby nicht als riesige Kugel geboren wird. Es ist von Fruchtwasser umgeben, und auf dem Weg durch den Geburtskanal wird es lang gezogen, es kann sich schmaler machen und besteht zum größten Teil aus ganz weichem Gewebe. Viele Frauen berichten, dass gerade diese letzte Geburtsphase, wenn das Baby sich durchs Becken dreht und zur Welt kommt, zwar anstrengend, aber gleichzeitig auch befriedigend ist und positiv erlebt wird.
Häufig haben Frauen die größeren Schmerzen in der sogenannten Eröffnungsphase, wenn sich der Muttermund auf etwa zehn Zentimeter dehnt. Also nicht dann, wenn das Baby tatsächlich zum ersten Mal das Licht der Welt erblickt. Wo genau wirst du nun das Öffnen des Muttermundes wahrnehmen? Das Gefühl, sei es nun Schmerz oder auch »nur« ein starker Druck oder eine starke Dehnung, spürst du in der Regel direkt am Muttermund, also im unteren Bauch oder auch im unteren Rücken. Schauen wir uns also erst einmal unseren Muttermund genauer an. Die Gebärmutter hat mehrere Muskelschichten. Für uns sind die Längsmuskeln und Ringmuskeln besonders interessant, weil wir an ihnen gut sehen können, was während der Geburt eigentlich passiert. Der Muttermund ist Teil der Ringmuskulatur, die besonders stark im unteren Teil der Gebärmutter ausgeprägt ist. Sie ist während der Schwangerschaft dafür zuständig, unser Baby sicher in der Gebärmutter zu halten. Die vom Muskel verschlossene Öffnung am unteren Ende ist verlängert und bildet den Gebärmutterhals.
Hast du dich selbst schon einmal abgetastet? Wenn du einen Finger in die Vagina einführst, dann spürst du vielleicht, egal, ob du gerade schwanger bist oder nicht, dass der Gebärmutterhals ein gutes Stück in die Vagina hineinragt. Meistens ist dieses Gewebe ziemlich fest, während einer Geburt wird es dann immer weicher.
Ringmuskulatur der Gebärmutter
Längsmuskulatur der Gebärmutter
Die zweite für uns interessante Muskelschicht ist die Längsmuskulatur, die vor allem im oberen Teil der Gebärmutter besonders kraftvoll ist. Sie ist am unteren Teil der Ringmuskulatur fixiert. Wenn sich die Längsmuskeln also zusammenziehen, wird zum einen dein Bauch hart. Zum anderen ziehen sie gleichzeitig automatisch den Ringmuskel unten auseinander und dehnen ihn, sodass er mit der Zeit weicher und durchlässiger wird. Der Gebärmutterhals verkürzt sich. Von oben drücken die Längsmuskeln dein Baby zusätzlich nach unten.
Das sieht fast so aus wie das Anziehen eines Rollkragenpullis: Schiebst du den Kopf hindurch, verkürzt sich der Rollkragen, dann verstreicht er. Er öffnet sich, und anschließend kann der Kopf hindurch. Mit dem Gebärmutterhals und dem Muttermund passiert im Grunde das Gleiche – und es wird auch so bezeichnet: Der Gebärmutterhals verkürzt sich, bis er verstreicht, also nicht mehr zu erkennen ist. Dann öffnet er sich langsam auf etwa zehn Zentimeter. Wenn er vollständig eröffnet ist, ist der Muttermund nicht mehr zu tasten, sondern nur noch das Köpfchen des Babys.
Auch zuvor, bei wenigen Zentimetern Muttermundöffnung, kannst du das Köpfchen oder bei einer Beckenendlage vielleicht auch den Po deines Kindes tasten. Ist die Fruchtblase noch intakt, fühlt es sich an wie ein weicher Ballon. Das darfst du tatsächlich mit sauberen Fingern auch während der Geburt machen, es ist dein Körper, und es ist dein Kind – du darfst dich immer berühren. Hebammen finden es in aller Regel auch gut, wenn sie merken, dass dein Körper dir nicht fremd ist und du ihn anfasst. Tue das aber nur, wenn du es gewohnt bist, um dabei nicht ins Denken zu kommen. Später im Buch wird klarer, warum das so wichtig ist.
Zusammenspiel der Ring- und Längsmuskulatur der Gebärmutter
Wenn du die Körperempfindungen bei der Geburt als schmerzhaft wahrnehmen solltest, fühlt sich das dennoch ganz anders an als Schmerzen, die du bei einer Verletzung spürst. Bei der Eröffnung des Muttermundes geht normalerweise nichts kaputt, sondern Muskulatur, die eigentlich festhält, wird weich und dehnt sich. Das ist genau so von der Natur vorgesehen und »programmiert«. Das Gefühl ist also eigentlich ein immer stärker werdendes und später auch existenzielles Dehnungsgefühl, das in einem wellenartigen Rhythmus kommt und geht. In den Pausen dazwischen sind die Gebärenden in der Regel vollkommen schmerzfrei und spüren weder Druck noch Dehnung.
Der erste Grund für Geburtsschmerzen ist also die Dehnung der Muskulatur in der Eröffnungsphase. Ich habe als Jugendliche Ballett gemacht und hatte Schwierigkeiten mit den Dehnübungen. Ich erinnere mich noch, dass ich bei einer Gruppenübung an der Stange auf dem Boden saß, die Beine gespreizt, und mich immer wieder ein Stück weiter nach vorne gezogen habe. Meine Lehrerin kam irgendwann zu mir und sagte: »Du musst dich entspannen, dann geht es besser. Lasse alle Muskeln los, werde ganz passiv, ziehe nur mit den Armen, und lass die Beine ganz locker.« Es war erstaunlich, wie viel weiter ich mit einem Mal in die Dehnung kommen konnte. Angespannte Muskulatur und Sehnen können sich bei Weitem nicht so gut dehnen wie entspannte. Das ist eine wichtige Erkenntnis für die Geburt: Dein Körper braucht in erster Linie Entspannung, weil dadurch die Muskulatur weicher wird, sich besser dehnen kann und dadurch Schmerzen reduziert werden.
An beiden Seiten der Gebärmutter und auch vorne und hinten gibt es Gebärmutterbänder, die während der Kontraktionen der Geburt ebenfalls gedehnt werden. Die Gebärmutter ist in gewisser Weise an diesen Bändern im Becken »aufgehängt«, und ihre Dehnung kannst du während der Geburt spüren. Besonders interessant ist das Gebärmutterband auf der Rückseite, weil es mit deinem Kreuzbein verbunden ist. Dadurch entstehen manchmal intensive Körperempfindungen im unteren Rücken bei der Geburt. Massagen des Kreuzbeins können da sehr guttun und entspannen. Manche Frauen nehmen diese Dehnung sehr stark wahr, andere spüren im Rücken kaum etwas. Beides ist vollkommen normal.
Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich habe Angst vor Schmerzen. Schon wenn mir jemand sagt »Gleich tut es ganz kurz weh«, verkrampft sich mein ganzer Körper, und ich fange automatisch an zu schwitzen. Damit sind wir bei einer weiteren Ursache für Geburtsschmerzen. Der Grund sind unsere Prägung, unser Glaube und unsere Erwartung. Die Angst vor den Schmerzen führt zu einer Verkrampfung im Körper, diese Verkrampfung wiederum befeuert den Schmerz, der Schmerz steigert die Angst, und diese erhöht wiederum die Verkrampfung – ein Teufelskreis also.
Doch warum erwarten wir Schmerzen? Unsere Gesellschaft geht davon aus, dass Geburten wehtun. Eine meiner Kursteilnehmerinnen erzählte mir, dass sie ihre Hebamme gefragt habe, wann der richtige Zeitpunkt sei, in die Klinik zu fahren. Die Hebamme antwortete darauf: »Bevor du nicht vor Schmerzen in die Tischkante beißt, musst du nicht losfahren.« Natürlich prägt das die Frauen, die eine solche oder ähnliche Aussage hören – sie erwarten fürchterliche Schmerzen. Das bedeutet nicht, dass die Hebamme es böse meint und den Schwangeren schlechte Geburten wünscht. Diese oder ähnliche Aussagen spiegeln lediglich wider, was viele Hebammen erleben und vielleicht auch selbst bei ihren eigenen Geburten erfahren haben. Die Geschichte dieser Annahme, dass Geburten schrecklich sein müssen, begleitet die Menschheit schon seit Tausenden Jahren. Das prominenteste Beispiel ist die Bibel, die im ersten Buch Mose prophezeit: »Unter Schmerzen sollst du Kinder gebären.«
Die Geburtsschmerzen als Folge der Erbsünde waren seit der zunehmenden Verbreitung des Christentums im Glauben der Bevölkerung »gottgewollt« und wurden dementsprechend auch erwartet, vielleicht sogar gefördert. Die hohe Kinder- und Müttersterblichkeit verstärkte die angstbesetzten Gefühle sicherlich zusätzlich, Geburten waren damals auch durch die hygienische Situation Erfahrungen zwischen Leben und Tod. Frauen konnten nicht davon ausgehen, dass sie selbst oder ihr Baby die Geburt gesund überstehen würden.
Wenn wir in die jüngere Geschichte blicken, ist zwar die Angst vor »gottgewollten Schmerzen« weniger relevant, aber Einschüchterung kam nun von anderer Seite. Im Nationalsozialismus beispielsweise war es staatlich erwünscht, dass Kinder zu willfährigen, kriegstauglichen Volksgenossen erzogen werden. »Hart wie Kruppstahl« und »zäh wie Leder« sollten Jungen sein, um im Krieg gut zu funktionieren. Mädchen und Frauen sollten ebenfalls ihren Beitrag leisten. Ein Standardwerk der Nazizeit, Johanna Haarers Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind, das tatsächlich bis in die 80er-Jahre fast unverändert gedruckt wurde, spricht dementsprechend von »verweichlichten Frauen«, »übertriebener Humanitätsduselei und Abkehr von allem Heroismus«, wenn sich Frauen Schmerzmedikamente unter der Geburt wünschen. »Die Frauen müssen tapfer sein und durchhalten«, heißt es weiter. Schmerzen waren erwünscht, hier aber, um sie heroisch zu meistern, um zu zeigen, wie hart Frauen gegen sich selbst sein können und wie wenig zimperlich sie sind. Sie waren also zum Beweis ihres Heldentums notwendig, denn: keine Heldin ohne Qual.
Je mehr ich mich während meiner dritten Schwangerschaft mit unserer kulturellen Vergangenheit befasste, desto mehr konnte ich überall die Ursachen für den starren Glauben an schmerzvolle Geburten erkennen. Natürlich gibt es Geburtsschmerzen, ich möchte sie auf keinen Fall leugnen, schließlich habe ich sie selbst erlebt. Aber die Möglichkeit, dass Geburten trotz Schmerzen positiv erlebt werden können oder wir unser Schmerzerleben selbst beeinflussen können, dringt nach wie vor sehr schwer zu werdenden Eltern durch. Auch wenn in den letzten Jahren mehr und mehr Frauen von ihren Traumgeburten berichten, stehen wir erst am Anfang einer aufgeklärten Zeit, wenn es um das subjektive Geburtserleben geht. Kollektiv sind wir diesbezüglich immer noch geprägt von unseren Vorfahren und der über Jahrhunderte gewachsenen negativen Überlieferung.
Doch trotz all dem gab es immer auch Frauen, die positive Geburten erleben konnten. Wie ist das möglich? Warum sind diese wenigen scheinbar immun gegen erschreckende Spielfilme oder schlimme Geburtsberichte? Eine Freundin erzählte mir einmal: »Ach, ich hatte damit keine Probleme, in meiner Familie geht das immer ganz leicht.« Ich fragte sie, ob sie das genauer beschreiben könne, und sie sagte: »Na ja, die Frauen in meiner Familie haben alle ganz leicht geboren, das wurde mir schon als Kind erzählt. Und bei mir waren meine drei Geburten auch ganz leicht.« Ich habe sie dann gefragt, was sie gemacht hat, und sie sagte, sie hätte sich ganz normal verhalten. Als es losging, sei sie nach Hause gegangen, habe das Schlafzimmer abgedunkelt, sich in ihrem Bett entspannt und tief und ruhig geatmet. Da war keine Angst, keine Hektik, keine Unsicherheit.
Am Beispiel meiner Freundin sieht man, wie die Geschichten ihrer Mutter und Großmutter ihr ungemein geholfen haben, um später selbst eine solche Geburtserfahrung machen zu können. Ein positives Familiengedächtnis sozusagen. »Ja, bei ANDEREN Frauen tut es weh, aber bei UNS ist es anders« – das konnte sich bei meiner Freundin tief in ihr Unbewusstes einprägen und war somit stärker als unsere kollektive Angst vor der Geburt. Unser Unbewusstes wird vor allem in der Kindheit geprägt. Was wir in dieser Zeit verinnerlichen, verfolgt uns manchmal ein Leben lang, im Guten wie im Schlechten. Im Fall meiner Freundin war es zum Glück ein positiver und förderlicher Glaubenssatz, der dazu beitrug, dass sie tatsächlich leicht und friedlich ihre Kinder gebären konnte, ohne sich extra darauf vorzubereiten.
Im Gegensatz dazu ist es bei den meisten Familien leider anders. Häufig wird von Schmerzen oder Komplikationen berichtet. Wie wir diese Prägung wieder lösen und den scheinbar vorgezeichneten Pfad verlassen können, beschreibe ich später noch ausführlich, denn die negative Erwartungshaltung ist für uns natürlich nicht hilfreich.
Der britische Gynäkologe Dr. Grantly Dick-Read schrieb 1942 ein bedeutendes Buch: Childbirth without fear (Gebären ohne Angst). Was er darin behauptete, war revolutionär: »Es gibt keine physiologische Funktion des Körpers, die im normalen, gesunden Zustand zu Schmerzen führt.« In seinem Buch beschreibt Dick-Read, wie ihm nach einem Vortrag vor Hebammen die Geschichte einer jungen Frau erzählt wurde. Sie war davon überzeugt, dass die Geburt ihres Kindes ein »einfacher und keineswegs komplizierter Vorgang ist« und hatte einen freundlichen Arzt an ihrer Seite. Je angestrengter die junge Frau unter den Wehen zu sein schien, desto mehr stieg das Mitgefühl des Arztes, und er bot ihr wiederholt Chloroform zur Schmerzlinderung an, wie es damals üblich war. Die Frau drehte aber immer wieder das Gesicht zur Seite, bis der Arzt ungeduldiger wurde, weil er ihr helfen wollte. Nach einer anstrengenden Wehe lächelte die Frau daraufhin höflich und sagte nur: »Ach bitte, gehen Sie doch fort! Sehen Sie denn nicht, dass ich zu tun habe?« Sie schien unter der Geburt keine Schmerzen zu haben, weil sie auch nicht von Schmerzen ausging. Es war lediglich sehr anstrengend, sie wollte sich fokussieren und benötigte dafür ihre ganze Konzentration.
Dick-Read forschte im Bereich des Schmerzes, insbesondere des Wehenschmerzes, und fand einige spannende Zusammenhänge. Angst kann aus vielerlei Gründen entstehen: In unserem Fall kann sie sicher die Angst vor dem Unbekannten und vor Verletzung, aber auch die Angst vor den Schmerzen selbst oder die Erinnerung an eine vorangegangene, traumatisch erlebte Geburt beinhalten. Ich habe einmal eine Geburt beobachtet, bei der ich dieses Phänomen ganz klar vor mir sehen konnte. In der Wehenpause sagte die Frau immer wieder: »O Gott, ich hab so eine Angst, gleich kommt die nächste, es wird immer schlimmer!«
Dick-Read beschreibt, dass sich leider gerade die Empfindungen durch die Wehen, die sich wie Wellen aufbauen und irgendwann ihren Zenit erreichen, besonders gut eignen, um Angst zu verursachen. Denn wenn dieser sich steigernde Vorgang als quälend erlebt wird, facht er natürlich die Angst an. Zumal die Wehen ja auch wirklich immer stärker und stärker werden und nicht klar ist, wie weit die Steigerung noch geht. Ein Teufelskreis also, den Grantly Dick-Read als das »Angst-Verkrampfungs-Schmerz-Syndrom« (»Fear-Tension-Pain-Syndrom«) bezeichnete.
Was passiert nun genau im Körper, wenn wir Angst haben? Wichtig ist, dass wir uns klarmachen, dass Angst nicht einfach so und ohne Nutzen da ist. Sie hat eine natürliche Schutzfunktion und kann unser Leben retten. Entstanden ist die Angst in Urzeiten, lange bevor es Menschen gab. Zunächst bildete sich bei Tieren der sogenannte Hirnstamm aus, der älteste Teil unseres Gehirns. Er reagiert auf Angst mit Flucht, Verteidigung oder Erstarrung, denn damals bestand Gefahr fast immer durch ein angreifendes feindliches Tier. Am wichtigsten war daher die schnelle Umsetzung der Flucht- oder Verteidigungshaltung – ohne großes Nachdenken. Wir Menschen sind in dieser Hinsicht ziemlich schlecht ausgerüstet mit unseren harmlosen Zähnen und unseren Fingernägeln, die nur ein billiger Abklatsch scharfer Krallen sind. Wir konnten auch nicht besonders schnell fliehen, sondern mussten klug sein. So konnten wir uns in Sicherheit bringen und uns bewaffnen. Dadurch ist unser moderneres »Denkhirn« entstanden, das sich listige Verteidigungstaktiken ausgedacht oder gut getarnte Verstecke gefunden hat.
Dennoch haben wir nach wie vor unseren Hirnstamm. Dieser besitzt noch immer die Fähigkeit, uns schnell und effektiv reagieren zu lassen, wenn (eine vermeintliche) Gefahr droht. Dank ihm könnten wir auch heute noch die Beine in die Hand nehmen und losrennen, sollte plötzlich ein Säbelzahntiger in unser Wohnzimmer stürmen. Erst im Nachhinein würden wir uns fragen, wie er in unser Wohnzimmer kommen konnte, und uns wundern, weil es doch gar keine Säbelzahntiger mehr gibt.
Was brauchen wir nun, um möglichst zügig zu fliehen oder kraftvoll zu kämpfen? In erster Linie ein stark pumpendes Herz, das unsere Extremitäten mit Blut versorgt, sodass wir unsere Arm- und Beinmuskeln optimal nutzen können. Außerdem benötigen wir eine stark arbeitende Lunge, die unsere Muskulatur optimal mit Sauerstoff versorgt. Wir alle kennen dieses Phänomen, wenn wir uns erschrocken haben: Wir atmen schnell und hoch, unser Herz schlägt uns bis zum Hals, und unser Körper spannt sich bis in die letzten Muskelfasern an. Alles, was wir nicht zum Fliehen oder Kämpfen benötigen, muss auch nicht gut durchblutet werden. Wir brauchen unsere Kapazitäten ja für unsere schnellen und kraftvollen Muskelreaktionen. Unser Gesicht wird also meistens blass, und aus allen Organen, die wir nicht für den Kampf benötigen, wird so viel Blut abgezogen, dass sie mit ihrer Arbeit weitestgehend innehalten. Unsere Verdauung stockt, und auch unsere Gebärmuttermuskulatur hilft uns natürlich nicht bei Flucht oder Kampf.
Du ahnst vielleicht schon: Wenn die Frau Angst vor der Geburt selbst hat, dann ist sie gefangen in einem Teufelskreis: Durch die Angst ist ihre Gebärmuttermuskulatur nur noch minimal durchblutet, der Muttermund wird also fest und hart. Eine Hebamme hat mir einmal erklärt, dass sich ein solcher angstvoll verschlossener Muttermund anfühlt, als wenn wir mit steifen Lippen ein »O« formen, sie also ganz spitz machen. Dann werden unsere Lippen hell und hart, und das Gleiche passiert eben auch mit dem Muttermund. Der Körper hält das Baby, solange er kann, im Bauch, denn er ist nun bereit zu fliehen – am besten mit dem noch ungeborenen Kind.
