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Märchen sind Goldadern der Weisheit, die rund um die Erde zu finden sind. Sie sind wie die Sterne am Himmel leuchtende Wegweiser der Traumzeit und führen uns unfehlbar zurück zu unserem göttlichen Ursprung. Viele Märchen enthüllen uns auch unsere innige Verwandtschaft mit den Bäumen und mit der Pflanzenwelt. Die Bäume, die Blumen und Gräser sind aber nicht nur unsere Kinder, unsere Geschwister und unsere Vorfahren wie Aks und Embla (Esche und Ulme), sie sind auch unsere Verbindung zur Feenwelt und den Engeln und Devas, den Leuchtenden. Wie bereits in ihrem Buch über die Tierwelt im Märchen versteht es Lisa Noel meisterhaft, die tiefer liegenden Weisheiten in den Mythen und Märchen der Menschheit herauszuarbeiten und ihre Bedeutung für Gesundheit und Heilung von Individuum und Gesellschaft aufzuzeigen.
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Seitenzahl: 216
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Dieses Buch ist dem alten Feenbaum bei unserem runden grünen Haus gewidmet. Das ganze Buch ist seine Idee und sein Auftrag.
Far-off, most secret and inviolate Rose,
Enfold me in my hour of hours; where those
Who sought thee in the Holy Sepulchre,
Or in the wine-vat, dwell beyond the stir
And tumult of defeated dreams; and deep
Among pale eyelids, heavy with the sleep
Men have named beauty. Thy great leaves enfold
The ancient beards, the helms of ruby and gold
Of crowned Magi; and the king whose eyes
Saw the pierced Hands and Rood of elder rise
In Druid vapour and make torches dim;
Till vain frenzy awoke and he died; and him
Who met Fand walking among flaming dew,
By a grey shore where the wind never blew,
And lost the world and Emer for a kiss;
And him who drove the Gods out of their liss,
And till a hundred morns had flowered red
Feasted, and wept the barrows of his dead;
And the proud dreaming king who flung the crown
And sorrow away, and calling bard and clown
Dwelt among wine-stained wanderers in the deep woods:
And him who sold tillage, and house and goods,
And sought through lands and islands numberless years,
Until he found, with laughter and with tears,
A woman of so shining loveliness
That men threshed corn at midnight by a tress,
A little stolen tress. I too await
The hour of thy great wind of love and hate.
When shall the stars be blown about the sky,
Like the sparks blown out of a smithy, and die?
Surely thine hour has come, thy great wind blows,
Far-off, most secret, and inviolate Rose?
William Butler Yeats
Elisabeth Noel
Vorwort
Von dem Wacholderbaum
Fliedermütterchen
Das Märchen vom Dornbusch in Donegal
Libussa
Das Märchen vom Myrtenfräulein
Hinzelmeier und die Rosenjungfrau
Das Märchen von Hyazinth und Rosenblütchen
Fingerhütchen
In der Traumzeit der Erde lebten die Menschen in Freude und Fülle. Es gab keinen Überlebenskampf, keinen Krieg, keine Krankheit, und niemand jagte oder tötete ein Tier. Jedes Kind wurde von einer besonderen Pflanze eingeweiht und verstand ihr geistiges Wesen und ihre Geheimnisse. Alles Leben war heilig. Einen Zweig von einem Baum zu reissen war ebenso tabu wie einem Menschen einen Arm abzuschneiden. Es gab keine Werkzeuge, welche die Erde oder eines ihrer Kinder (Tiere, Pflanzen, Menschen, Minerale) verletzen konnten. Feen, Elfen, Zwerge, Dryaden, Najaden, Sylphiden und Engel waren sichtbar und lebten in froher Gemeinschaft mit uns allen. Wir sahen das Licht in jedem Wesen, die Farben seiner Aura, wir waren verbunden mit den Sternen, und den Tod, so wie wir ihn heute kennen, gab es nicht. Es gab auch keinen Unterschied zwischen geistiger und materieller Realität. Wir gingen von einem Dasein in ein anderes und behielten die Erinnerung und die Weisheit von allem, was wir gelernt hatten, für immer. Es gab keinen Hass, keinen Neid, keinen Wettbewerb und keine Gewinnsucht. Nichts dergleichen. Wir teilten alles miteinander, und der Kreis der Alleinheit war unversehrt. Liebe verband alle, nicht nur einzelne von uns. Es gab keine Auserwählten, keine Götterlieblinge, denn wir selber waren numinos. Visionen gehörten zum Alltag: zum Tag des Alls. Telephatie, Teleportation und alle weiteren Gaben des höheren Selbst waren voll entwickelt und normal. Unser DNA und unsere Zellstruktur waren anders als heute, die Schwerkraft hatte nicht die gleiche Wirkung wie jetzt, die Polarität war nicht absolut. Die Schwingung unserer Atome war sehr hoch, und unser Bewusstsein war kosmisch und multidimensional. Unsere Schöpferkraft war nicht derartig begrenzt wie jetzt. Wir manifestierten, was wir brauchten und was wir uns wünschten. Unser Glück war vollkommen, denn wir dienten dem Licht.
Wie und woher kam das Phänomen des Bösen in dieses Paradies? Wir kennen sehr viele Antworten auf diese alte Frage. Von den Religionen, von den Philosophen und auch von den Märchen. Im Märchen hat aber nicht nur der Mensch eine Stimme, die ganze Natur spricht zu uns. Das Märchen zeigt uns den Weg zurück ins Paradies und zum Baum des Lebens, der mitten darin steht. Der Weg zurück ist nur möglich durch ein umfassendes Verständnis und eine ebenso umfassende Heilung unseres Lebens.
„Die Wahrheit wird euch frei machen!“ sagte Christus. Aber das, was uns im Allgemeinen beigebracht und verkündet wird, basiert fast ausschliesslich auf Ego-Lügen. Um einige dieser standardisierten Lügen aufzuführen, brauche ich nur ein paar Autoritätspersonen meiner Kindheit zu zitieren: Du bist nicht gut genug! Träume sind Schäume! Erzähl mir keine Märchen! Es gibt keine Feen! Nimm endlich Vernunft an! Das ist alles zu deinem Besten!
„One ring to find them all and in the darkness bind them“ (ein Ring um alle zu finden und sie in der Dunkelheit zu fesseln), das Motto von J. R. R. Tolkiens bösartigem Charakter Sauron in „Lord of the Rings“ (Herr der Ringe), ist eine ziemlich genaue Beschreibung dessen, was auf der Erde tatsächlich geschah. In Tolkiens Geschichte wird der fürchterliche Ring zwar zerstört, aber Tolkien selber war der Ansicht, dass der Ring auf unserem Planeten nur allzu sehr seine Kraft hat entfalten können. Wir haben die Gaben des Hellhörens, der Hellsicht, der tieferen Erkenntnis aller Dinge verloren. Wir leben im Dunkeln. Warum? Wer ist dieser schreckliche „Herr der Ringe“? Dafür gibt es keine befriedigende Erklärung, und auch keine, die ohne Schuldzuweisungen auskommt. Tolkiens Schöpfungsgeschichte erzählt uns von Melkor, einem der Elohim, der von Anbeginn den göttlichen Plan des Allvaters Illuvatar untergrub und schliesslich die wunderbaren Bäume von Eldamar, Laurelin und Telperion zerstörte, welche Tag und Nacht erhellten ehe Sonne und Mond erschaffen wurden. Sauron, Tolkiens „Herr der Ringe“, ist ein Diener von Melkor. Für mich ist es ganz wichtig, dass wir in der gesamten Schöpfung niemandem die Schuld geben, am allerwenigsten uns selber. Natürlich sind wir für uns selber verantwortlich und müssen aus unseren Fehlern lernen, aber Schuldbewusstsein ist nur ein weiteres Mittel uns selber und andere gefangen zu halten. Auch hat der „Herr der Ringe“ nicht das letzte Wort. Unsere Sehnsucht nach Wahrheit und Freiheit ist nämlich nach wie vor sehr viel stärker als alle offenen und geheimen Absichten des Egos und seiner Verbündeten uns zu kontrollieren und einzuschränken, sie ist stärker als Angst und Betrug und Verrat. Licht und Liebe und Barmherzigkeit sind nicht nur mächtiger als die mentale Finsternis, die uns umgibt, sie sind vor allem realer, ja sie sind eigentlich die einzige Realität. Sobald wir im Licht der bedingungslosen Liebe und im Feuer der Allbarmherzigkeit leben, verliert die Lüge ihre Existenz, sie wird tragisch, lächerlich, hinfällig, und hört auf zu sein.
Friedrich Schiller, der sich als Dichter der „Sturm und Drang“-Periode lebenslang für Wahrheit und Freiheit einsetzte, schrieb im Vorwort zur „Braut von Messina“: „Die wahre dramatische Kunst hat es nicht bloss auf ein vorübergehendes Spiel abgesehen; es ist ihr ernst damit, den Menschen nicht bloss in einen augenblicklichen Traum von Freiheit zu versetzen, sondern ihn wirklich und in der Tat frei zu machen.“ Er schrieb auch: „Alle Kunst ist der Freude gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe als andere zu beglücken.“
Was Schiller über die Kunst schreibt, das betrifft auch die Märchen. Sie befreien uns nicht nur durch eine tiefere Wahrheit, sondern auch durch Freude. Sie erinnern uns daran, dass der Kern unseres Wesens nicht menschlich ist. Wir sind machtvolle, multidimensionale Wesen, die unter anderem ein zeitlich begrenztes menschliches Erlebnis haben.
Pflanzen und Naturwesen helfen uns dabei unser wahres Selbst zu entdecken. Ich lebe mit meinem Partner an der Westküste Irlands. Unsere Wiesen, unser Gewächshaus, unser Wäldchen und unser grosser, wilder Garten sind reich gesegnet mit Blumen aller Arten. Ginster, Heidekraut, Fingerhut, Rhododendron, Fuchsien und Mombretien wachsen und blühen von selbst und im Überfluss. Rosen und Lilien habe ich aufgezogen und gehegt seit ich vor dreissig Jahren an der irischen Küste landete. Die ersten Lilienknollen brachte ich mit mir und die ersten beiden Rosenstöcke pflanzte ich zu Ehren des wunderschönen Grimm–Märchens „Schneeweisschen und Rosenrot“, in dem die Mutter Erde sich wünscht, dass alle ihre verschiedenen Kinder alles miteinander teilen. Unsere Zwerglein und Feen–Verbündeten lieben die Blumen so innig wie ich selber, und sie geben mir ab und zu „durch die Blume“ ein Zeichen ihrer Zuneigung. Einmal zeigte sich in einer Sonnenblume ein goldenes Herz, und eine rosarote Hortensie wuchs sogar in der Form eines Herzens.
Als Lichtarbeiterin ist es mir ein tägliches Anliegen die heilige Geometrie der Gärten und Wälder des Lichts auf der Erde zu verankern.
Da ich ein Knabe war…
Oh – all ihr treuen, freundlichen Götter!
Dass ihr wüsstet, wie euch meine Seele geliebt!
Zwar damals ruft' ich noch nicht
Euch mit Namen, auch ihr
Nanntet mich nie, wie die Menschen sich nennen,
Als kennten sie sich.
Doch kannt' ich euch besser,
Als ich je die Menschen gekannt,
Ich verstand die Stille des Äthers,
Der Menschen Worte verstand ich nie.
Mich erzog der Wohllaut des säuselnden Hains
Und lieben lernt ich unter den Blumen.
Im Arme der Götter wuchs ich gross…
Friedrich Hölderlin
Märchen der Brüder Grimm
Es ist nun schon lange her – wohl zweitausend Jahre – da war einmal ein reicher Mann, der hatte eine schöne, fromme Frau, und sie hatten sich beide recht lieb; aber sie hatten keine Kinder, sie wünschten sich aber sehr welche, und die Frau betete Tag und Nacht darum, aber sie kriegten keine und kriegten keine. Vor ihrem Haus war ein Hof, auf dem stand ein Wacholderbaum; darunter stand eines Tages im Winter die Frau und schälte sich einen Apfel. Da schnitt sie sich in den Finger, und das Blut tropfte in den Schnee. „Ach“, sagte die Frau und seufzte so recht dabei auf, sah das Blut im Schnee und war tief wehmütig, „hätte ich doch ein Kind, so rot wie Blut und so weiss wie Schnee.“ Und als sie das sagte, da wurde ihr wieder fröhlich zumute, denn ihr war, als sollte das wahr werden. Da ging sie wieder ins Haus, und als ein Monat vorbei war, da war der Schnee geschmolzen, und zwei Monate, da war es grün, und drei Monate, da kamen die Blumen aus der Erde, und vier Monate, da drängten sich alle Bäume im Wald, und die grünen Zweige waren alle ineinander gewachsen. Dort sangen die Vöglein, dass der ganze Wald erschallte, und die Blüten fielen von den Bäumen. Da war der fünfte Monat vorbei, und die Frau stand wieder unter dem Wacholderbaum, und der duftete so schön. Da hüpfte ihr das Herz vor Freude, und sie fiel auf die Knie und wusste sich gar nicht zu fassen. Und als der nächste Monat vorbei war, da wurden die Früchte dick und gross, und sie wurde ganz still, und im siebten Monat, da griff sie nach den Beeren und ass sich richtig satt; da wurde sie traurig und krank. Der achte Monat ging hin, und sie rief ihren Mann und weinte und sagte: „Wenn ich sterbe, dann begrabt mich unter dem Wacholderbaum.“ Da war sie ganz gestrost und freute sich, bis der neunte Monat vorbei war; da kriegte sie ein Kind, so weiss wie Schnee und so rot wie Blut, und als sie das sah, da freute sie sich so, das sie starb.
Da begrub ihr Mann sie unter dem Wacholderbaum, und er fing an sehr zu weinen. Nach einiger Zeit liess er nach, und nachdem er noch ein wenig geweint hatte, wurde er wieder heiterer, und noch einige Zeit, da nahm er sich wieder eine Frau. Mit der zweiten Frau kriegte er eine Tochter, das Kind aber von der ersten Frau war ein kleiner Junge, der war so rot wie Blut und so weiss wie Schnee. Wenn die Frau ihre Tochter ansah, hatte sie sie sehr lieb, aber wenn sie dann den kleinen Jungen ansah, dann ging es ihr immer durchs Herz, und es kam ihr vor, als stünde er ihr überall im Weg, und sie dachte dann immer, wie sie ihrer Tochter all das Vermögen zuwenden wollte. Das aber hatte ihr der Böse eingegeben. Sie wurde nun dem kleinen Jungen ganz gram, stiess ihn herum von einer Ecke in die andere, puffte ihn hier und knuffte ihn dort, sodass das arme Kind immer in Angst war. Wenn es aus der Schule kam, hatte es keine ruhige Minute mehr.
Einmal war die Frau auf die Kammer gegangen, da kam das kleine Töchterchen auch herauf und sagte: „Mutter, gib mir einen Apfel.“ – „Ja, mein Kind“, sagte die Mutter und gab ihr einen schönen Apfel aus der Kiste; die Kiste aber hatte einen grossen, schweren Deckel mit einem grossen, scharfen, eisernen Schloss. „Mutter“, sagte das Töchterchen, „soll mein Brüderchen nicht auch einen haben?“ Das verdross die Frau, doch liess sie es sich nicht anmerken und sagte: „Ja, wenn er aus der Schule kommt.“ Und als sie ihn durch das Fenster kommen sah, da war ihr doch gerade so, als wenn der Böse über sie käme. Schnell nahm sie ihrer Tochter den Apfel wieder weg und sagte: „Du sollst nicht eher einen haben als dein Bruder.“ Darauf warf sie den Apfel in die Kiste und machte sie zu. Als nun der kleine Junge in die Tür trat, sagte sie ganz freundlich zu ihm: „Mein Sohn, willst du einen Apfel haben?“ Sie sah ihn dabei ganz böse an. „Mutter“, sagte der kleine Junge, „was siehst du mich so grausig an? Ja, gib mir einen Apfel.“ – „Komm mit mir“, sagte sie und machte den Deckel auf. „Hol dir einen Apfel heraus.“ Und als sich der kleine Junge hineinbückte, hörte sie auf den Rat des Bösen. Bratsch! schlug sie den Deckel zu, dass der Kopf des kleinen Jungen abflog und zwischen die roten Äpfel fiel. Da überlief es sie, und sie dachte in grosser Angst: „Wie kann ich die Folgen dieser bösen Tat wohl von mir abwenden?“ Da ging sie hinunter in die Stube und holte aus der untersten Schublade der Kommode ein weisses Tuch. Nun setzte sie den Kopf auf den Leib und band das Halstuch so um, dass man nichts sehen konnte, dann setzte sie ihn vor die Tür auf einen Stuhl und gab ihm den Apfel in die Hand.
Bald darauf kam Marlenchen zu ihrer Mutter in die Küche; die stand beim Feuer und rührte andauernd in einem Topf Wasser. „Mutter“, sagte Marlenchen, „meine Bruder sitzt vor der Tür und sieht ganz weiss aus; er hat einen Apfel in der Hand. Ich habe ihn gebeten, er soll mir den Apfel geben, aber er antwortet nicht, und da wurde mir ganz unheimlich.“ – „Geh noch einmal hin“, sagte die Mutter, „und wenn er wieder nicht antworten will, gib ihm eins hinter die Ohren.“ Da ging Marlenchen hin und sagte: „Bruder, gib mir den Apfel.“ Aber er schwieg. Da gab sie ihm eine Ohrfeige, und da fiel sein Kopf herunter. Darüber erschrak sie sehr und fing an heftig zu weinen. Sie lief zur Mutter und sagte: „Ach Mutter, ich hab meinem Bruder den Kopf abgeschlagen“, und weinte und weinte und wollte sich nicht wieder beruhigen. „Marlenchen“, sprach die Mutter, „was hast du getan! Aber sei nur still, dass es kein Mensch merkt, das ist nun doch nicht mehr zu ändern. Wir wollen ihn in Essig kochen.“ Da nahm die Mutter den kleinen Jungen, hackte ihn in Stücke, tat die in den Topf und kochte ihn in Essig. Marlenchen aber stand dabei und weinte und weinte, und die Tränen fielen in den Topf, sodass sie gar kein Salz brauchten.
Da kam der Vater nach Hause, setzte sich zu Tisch und sagte: „Wo ist denn mein Sohn?“ Da trug die Mutter eine grosse, grosse Schüssel auf mit Schwarzsauer, und Marlenchen weinte und konnte sich gar nicht einkriegen. Da fragte der Vater wieder: „Wo ist denn mein Sohn?“ – „Ach“, sagte die Mutter, „er ist über Land gegangen zum Grossonkel, er will dort eine Zeitlang bleiben.“ – „Was tut er denn dort? Er hat nicht einmal Ade zu mir gesagt.“ – „Er wollte gern hin und frage mich, ob er wohl sechs Wochen bleiben könnte. Er ist ja dort gut aufgehoben.“ – „Ach“, sagte der Mann, „ich bin recht traurig, und es ist doch nicht richtig, er hätte mir doch Ade sagen sollen.“ Damit fing er an zu essen und sagte: „Marlenchen, was weinst du? Dein Bruder wird schon wiederkommen. Ach Frau“, sagte er dann, „was schmeckt mir das Essen gut, gib mir mehr!“ Und je mehr er ass, desto mehr wollte er haben, und die Knochen warf er alle unter den Tisch. Marlenchen aber ging hin zu ihrer Komode und nahm aus der untersten Schublade ihr bestes seidenes Tuch, holte all die Knochen unter dem Tisch hervor, band sie in das seidene Tuch und trug sie vor die Tür und weinte blutige Tränen. Dort legte sie sie unter den Wacholderbaum in das grüne Gras, und als sie sie dort hingelegt hatte, da war ihr mit einem Mal richtig leicht, und sie weinte nicht mehr. Da fing der Wacholderbaum an sich zu bewegen, und die Zweige taten sich immer auseinander und dann wieder zusammen. Dann ging durch den Baum ein Nebel, und durch den Nebel brannte es wie Feuer, und aus dem Feuer flog ein schöner Vogel heraus, der sang so herrlich und flog hoch in die Luft, und als er weg war, da war der Wacholderbaum wie er vorher gewesen war, aber das Tuch mit den Knochen war weg. Marlenchen aber war recht heiter und glücklich, so als ob der Bruder noch lebte. Da ging sie wieder ganz lustig ins Haus, setzte sich zu Tisch und ass.
Der Vogel aber flog weg, setzte sich auf das Haus eines Goldschmieds und fing an zu singen:
„Meine Mutter, die mich g’schlacht,
mein Vater, der mich ass,
meine Schwester, das Marlenichen,
sucht alle meine Beenichen,
bind’t sie in ein seidnes Tuch,
legt’s unter den Wacholderbaum:
Kiwitt, kiwitt,
was für ein schöner Vogel bin ich.“
Der Goldschmied sass in seiner Werkstatt und machte gerade eine goldene Kette, da hörte er den Vogel, der auf seinem Dach sass und sang, und das gefiel ihm sehr gut. Da stand er auf, und als er über den Flur ging, da verlor er einen Pantoffel. Er ging aber mitten auf die Strasse und hatte nur einen Pantoffel an. Er hatte sein Schurzfell vor und in der einen Hand die goldene Kette und in der anderen Hand die Zange. Die Sonne schien so hell auf die Strasse. Da stellte er sich so, dass er den Vogel gut sehen konnte. „Vogel“, sagte er, „wie schön du singen kannst! Sing mir das Lied doch noch mal.“ – „Nein“, sagte der Vogel, „zweimal sing ich nicht umsonst. Gib mir die goldene Kette, dann will ich es noch mal singen.“ – „Da“, sagte der Goldschmied, „hast du die goldene Kette, nun sing es mir noch mal.“ Da kam der Vogel, nahm die goldene Kette ins rechte Füsschen, setzte sich vor den Goldschmied hin und sang:
„Meine Mutter, die mich g’schlacht,
mein Vater, der mich ass,
meine Schwester, das Marlenichen,
sucht alle meine Beenichen,
bind’t sie in ein seidnes Tuch,
legt’s unter den Wacholderbaum:
Kiwitt, kiwitt,
was für ein schöner Vogel bin ich.“
Da flog der Vogel weg und setzte sich auf das Dach eines Schusters und sang dasselbe Lied. Der Schuster hörte das, lief in Hemdsärmeln vor seine Tür, sah nach seinem Dach und musste die Hand vor die Augen halten, damit ihn die Sonne nicht blendete. „Vogel“, sagte er, „was kannst du schön singen!“ Da rief er in seine Tür hinein: „Frau, komm mal heraus, da ist ein Vogel, der kann richtig schön singen.“ Dann rief er auch seine Kinder, seine Gesellen, den Lehrjungen und die Magd, und sie kamen alle auf die Strasse und sahen wie schön der Vogel war. Er hatte rote und grüne Federn, und um den Hals war es wie lauter Gold, und seine Augen funkelten wie Sterne. „Vogel“, sagte der Schuster, „sing mir das Lied noch mal.“ – „Nein“, sagte der Vogel, „zweimal sing ich nicht umsonst, du musst mir was schenken.“ – „Frau“, sagte der Mann, „geh in den Laden, auf dem obersten Bord, da steht ein Paar rote Schuhe, die bring heraus.“ Da ging die Frau und holte die Schuhe. „Du Vogel“, sagte der Mann, „nun sing mir das Lied noch mal.“ Da kam der Vogel, nahm die Schuhe in das linke Füsschen, flog wieder aufs Dach und sang wie zuvor.
Danach flog er weit weg zu einer Mühle, die ging klipp klapp, klipp klapp, klipp klapp. In der Mühle sassen zwanzig Mahlburschen, die behauten einen Stein und hackten hick hack, hick hack, hick hack. Da setzte sich der Vogel auf einen Lindenbaum, der vor der Mühle stand und sang:
„Meine Mutter, die mich g’schlacht …“
da hörte einer auf,
„… mein Vater, der mich ass …“
da hörten noch zwei auf und hörten zu,
„… meine Schwester, das Marlenichen …“
da hörten wieder vier auf,
„… sucht alle meine Beenichen …“
nun hackten nur noch dreizehn,
„… bind’t sie in ein seidnes Tuch …“
jetzt nur noch sieben,
„… legt’s unter …“
jetzt nur noch fünf,
„… den Wacholderbaum …“
nur noch einer,
„… Kiwitt, Kiwitt,
was für ein schöner Vogel bin ich.“
Da hielt der letzte auch inne und hatte das Letzte noch gehört. „Vogel“, sagte er, „was singst du schön! Lass mich das auch hören, sing das noch mal.“ – „Nein“, sagte der Vogel, „zweimal sing ich nicht umsonst. Gib mir den Mühlstein, dann will ich es noch mal singen.“ – „Ja“, sagte er, „wenn er mir allein gehörte, dann solltest du ihn haben.“ Da sagten die andern: „Wenn er noch mal singt, soll er ihn haben.“ Da kam der Vogel herunter, und alle zwanzig Gesellen fassten an und huben mit Hebebäumen den Stein auf. Da steckte der Vogel den Hals durch das Loch und nahm ihn um, als ob es ein Kragen wäre, flog wieder auf den Baum und sang sein Lied.
Dann tat er die Flügel auseinander und flog zum Haus seines Vaters. In der Stube sassen der Vater, die Mutter und Marlenchen bei Tisch, und der Vater sagte: „Ach, wie wird mir so leicht und wohl zumute.“ – „Ach nein“, sagte die Mutter, „ich habe Angst, als wenn ein schweres Gewitter käme.“ Marlenchen aber sass und weinte und weinte, da kam der Vogel geflogen, und als er sich auf das Dach setzte, sagte der Vater: „Ach, mir ist so recht freudig ums Herz, und die Sonne scheint draussen so schön, mir ist, als sollte ich einen alten Bekannten wiedersehen.“ – „Ach nein“, sagte die Frau, „ich habe solche Angst, die Zähne klappern mir, mir ist, als hätte ich Feuer in den Adern.“ Und sie riss sich das Leibchen auf. Aber Marlenchen sass in der Ecke und weinte und hatte ein Tuch vor den Augen und weinte das Tuch ganz nass. Da setzte sich der Vogel auf den Wacholderbaum und sang:
„Meine Mutter, die mich g’schalcht …“,
Da hielt die Mutter sich die Ohren zu und kniff die Augen zusammen, denn sie wollte nichts sehen oder hören. Aber es brauste ihr in den Ohren wie der stärkste Sturm, und die Augen brannten und zuckten ihr wie Blitze.
„mein Vater, der mich ass …“,
„Ach Mutter“, sagte der Mann, „das ist ein schöner Vogel, der singt so herrlich, die Sonne scheint so warm, und das riecht wie lauter Maiblumen.“
„meine Schwester, das Marlenichen …“
Da legte Marlenchen den Kopf auf die Knie und weinte immerfort, der Mann aber sagte: „Ich gehe hinaus, ich muss den Vogel aus der Nähe sehen.“ – „Ach geh nicht“, sagte die Frau, „mir ist, als bebte das ganze Haus und stände in Flammen.“ Aber der Mann ging hinaus und sah sich den Vogel an.
„… sucht alle meine Beenichen,
bind’t sie in ein seidnes Tuch,
legt’s unter den Wacholderbaum:
Kiwitt, kiwitt,
was für ein schöner Vogel bin ich.“
Damit liess der Vogel die goldene Kette fallen, und sie fiel dem Mann genau um den Hals, gerade so, dass sie ihm richtig schön passte. Da ging er hinein und sagte: „Sieh, was ist das für ein guter Vogel; er hat mir diese schöne Kette geschenkt, und er sieht so prächtig aus.“ Die Frau aber bekam solche Angst, dass sie lang in der Stube niederstürzte, wobei ihr die Mütze vom Kopf fiel. Da sang der Vogel wieder:
„Meine Mutter, die mich g’schlacht …“,
Die Frau rief: „Ach, dass ich tausend Klafter unter der Erde wäre, damit ich das nicht hören müsste!“
„mein Vater, der mich ass …“
da fiel die Frau wie tot nieder.
„Meine Schwester, das Marlenichen …“
„Ach“, sagte Marlenchen, „ich will auch hinausgehen und sehen, ob mir der Vogel etwas schenkt.“ Und da ging sie hinaus.
„… sucht alle meine Beenichen,
bind’t sie in ein seidnes Tuch …“,
Da warf er ihr die Schuhe hinunter.
„… legt’s unter den Wacholderbaum:
Kiwittm kiwitt,
was für ein schöner Vogel bin ich.“
Da war sie ganz vergnügt und fröhlich. Sie zog die neuen roten Schuhe an, tanzte und rief hinein: „Ich war so traurig, als ich hinausging, und nun bin ich lustig. Das ist mal ein herrlicher Vogel. Er hat mir die schönsten Schuhe geschenkt!“ – „Nein“, rief die Frau und sprang auf, und die Haare standen ihr zu Berge wie Feuerflammen, „mir ist, als sollte die Welt untergehen! Ich will auch hinaus, vielleicht wird es mir auch leichter.“ Und als sie aus der Tür kam, bratsch! warf ihr der Vogel den Mühlstein auf den Kopf, dass sie ganz zerquetscht wurde. Als der Vater und Marlenchen das hörten, gingen sie hinaus. Da sahen sie Dampf, Flammen und Feuer auf der Stelle, und als das erloschen war, da stand der kleine Bruder da, der nahm seinen Vater und Marlenchen bei der Hand. Alle drei waren nun sehr glücklich und gingen in das Haus, setzten sich zu Tisch und assen.
