Beschreibung

Merode, ein Bauerndorf unweit von Aachen, Anno 1312: Eva besitzt besondere Geistesgaben, die sie in den Augen vieler Dörfler sonderbar erscheinen lassen. Fragen der Philosophie sind ihr so vertraut wie die Arbeit auf den Feldern. Evas große Liebe heißt Falk. Ihre Heirat ist längst beschlossen. Doch eine Intrige, angezettelt von Evas Kusine Magda, entzweit das Paar. Eva verlässt ihre Heimat bei Nacht und Nebel, um Meister Eckhart von Hochheim, einem bekannten Mystiker, als Jüngerin zur Seite zu stehen. Vierundzwanzig Jahre sollen vergehen, bis Eva und Falk sich erneut begegnen. Ein Leben voller Schicksalsschläge liegt hinter ihnen. Aber hat ihre Liebe die Stürme der Zeit überdauert? Merode, Köln, Paris, das päpstliche Avignon, die Schönburg bei Wesel am Rhein sowie die Schlacht bei Mühlberg sind Schauplätze in Günter Kriegers generationsübergreifendem Historienroman.

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Seitenzahl: 856


Günter Krieger

Die gefangenen Seelen

Historischer Roman

Impressum

DER WEG DESSCHWERTES

Enbook der erstenAuflage Oktober2012

© Ammianus GbRAachen

AlleRechtevorbehalten.DerNachdruck,auchauszugsweise,dieVerarbeitung und Verbreitung desWerkesin jedweder Form, insbesondere zu Zwecken der VervielfältigungaufdigitalemodersonstigemWegesowiedieVerbreitungund Nutzung im Internet dürfen nur mit ausdrücklicher und schriftlicher GenehmigungdesVerlagserfolgen.JedeunerlaubteVerwertungistunzulässigundstrafbar.

Coverabbildungen Schönburg Altarausschnitt aus dem Marthaaltar der Liebfrauenkirche Oberwesel sowie Epitaph in der Liebfrauenkirche Oberwesel mit freundlicher Genehmigung des Stadtmuseums Oberwesel.

Umschlaggestaltung & Satz: Thomas Kuhn Lektorat: Wolfhard Berthel Ebook-Gestaltung: Michael Mingers

ISBN-Print:978-3-9812285-9-5 ISBN-Ebook: 9783945025383

DER AUTOR

Günter Krieger, Jahrgang 1965, schreibt seit Jahren erfolgreich historische Romane mit regionalem Flair,inzwischen sind es sechzehn. Die meisten seiner Werke spielen im Raum Aachen-Köln und in der Eifel. Allein seine Merode-Trilogie, durch die er erstmals bekannt wurde, erlebte seit 1999 zahlreiche Auflagen und Neuausgaben.

Krieger ist Mitgliedder Autorenvereinigung Historischer Roman »Quo vadis«.

Ab Frühjahr 2013 erscheint imAmmianus Verlag seine neue historische Romantrilogie um die sagenhafte Königin Richardavon Gression.

weitere Informationen unter:www.guenter-krieger.de

DRAMATIS PERSONAE

Historisch verbürgte Personen sind gekennzeichnet(*)

Die Hauptpersonen:

Eva Bauerntochter mit spiritueller Neugier

Kasimir polnischer Recke mit tragischer Vergangenheit Magda Evas intrigante Kusine

Falk Bauernsohn und Intrigenopfer

Lothar Magdas und Falks Sohn, heilerisch begabt

Der Winandshof in Merode:

Nikolaus Evas Vater Agnes Evas Mutter Winand d.J.Evas Vetter

Winand d.Ä. Magdas Vater,Evas Onkel Isolde Magdas Mutter

Martin Evas Bruder Hunold Evas Bruder

Bliza Magd auf dem Winandshof Hiltrud Magd auf dem Winandshof

Ort und Herrschaft Merode:

Pater Raphael Burgkaplan

Sibylle Hebamme und Kräuterweib Maria EvasTante

Heilwig Marias Tochter, Evas Nichte Thietmar Stallmeister, Marias Mann Cäcilia Magdas und Falks Tochter Baldur Wirt des »Carolus Magnus«

Cordula Magdas Freundin und Schwägerin Bodo Köhler, Sibylles Bruder

Harro Falks Vater

Die Schönburg und Wesel:

Robert von Schönburg Ritter Merbodo(*) Roberts jüngerer Bruder Elisabeth Roberts und Merbodos Mutter Jan Merbodos Knappe

Veronika Merbodos Frau

Berta RobertsTochter aus erster Ehe Mechthild Bertas Amme

Daniel Koch auf der Schönburg Hanna Magd auf der Schönburg Bardolf Hannas Sohn

Goswin Stallbursche

Robert d. J. Goswins und Bertas Sohn

Dietmar von Lahnstein Ritter, Zechkumpan Merbodos Wirich spendabler Zimmermann

Rom, Straßburg, Paris, Avignon und Köln:

Waldo Kasimirs Kamerad aus den Tagen der Romfahrt Pierre junger Büttel in Paris

Madame Henriette eine alte Witwe,Näherin Johannes ein alter Priester in Straßburg Alfons sein Nachfolger

Auguste Kammerdiener des Papstes Tryngen Hirtz, Tuchmacherin

Meister Eckhart und sein Umfeld:

Eckhartvon Hochheim* Dominikaner, Gelehrter, Mystiker Michel Meister Eckharts Leibwächter

Thomas Ordensbruder der Dominikaner Konrad Ordensbruder der Dominikaner

Johannes Tauler* Ordensbruder der Dominikaner Johanna Bruder KonradsNichte, Evas gute Freundin

Adel und Klerus:

Ludwig der Bayer* deutscher König

Friedrich der Schöne* deutscher (Gegen-)König Friedrich von Nürnberg* Burggraf

Balduin von Luxemburg* Erzbischof von Trier Johannes XXII.* Papst inAvignon

Johann* Herr von Merode

Sonstige:

Jagoda Kasimirs Schwester Clara »Clärchen«, das Findelkind Moritz Grobe »Mo«, ein Chirurg Sara Lothars jüdische Gefährtin

Prolog

An einemwolkenverhangenen Spätsommertag des Jahres 1302 kam die fünfjährige Bauerntochter Eva durch die unheilvolleNeugier anderer Kinder fast ums Leben.

Grund dafür war das große Muttermal an Evas Hals, das ihr immer wieder Spott eintrug. Auch die Zwillinge Magda und Winand beteiligten sich beflissen an den Spötteleien, obwohl Eva gerade von ihnen anderes erwartet hätte,war sie doch deren Kusine. Doch die beiden bildeten eine verschworene Gemeinschaft und ließen nicht zu, dass Eva daranteilhatte.

Die Kinder, ein knappes Dutzend an der Zahl, spielten anjenem Tag auf den Wiesen vor Merode und trieben eine gefüllte Schweinsblase vor sich her, wobei die Jüngeren naturgemäß das Nachsehen hatten. So versuchte die übereifrige Eva, sich der Blase regelwidrig mittels ihrer Hände zu bemächtigen. Verärgert nannten einige Mitstreiter sieeine Hexe, und obwohl Eva solche Schmähungen gewohnt war, widersprach sie heftig: Hexen waren boshafte Wesen, wie konnte mannur so gemein sein, sie so zu nennen? Dem Sohn des Hufschmieds, dem Größten und Kräftigsten in der Kinderschar, kam die Idee, Eva einer Hexenprobe zu unterziehen. Alle stimmten zu,am lautesten Magda und Winand, obwohl keines der Kinder dieleiseste Ahnung hatte, was eine Hexenprobe war. Sie erfuhren es, als der Sohn des Hufschmieds Eva grob am Kleidchen packte und siemit sich fortzerrte. Die Kinder folgten ihnen bis zum nahen Weiher. Dort verkündete der Bursche feierlich, dass eine Hexe nicht im Wasser versinken könne.

Allmählich dämmerte es Magdaund Winand, dass er sie in den Weiher werfen wollte, undjetzt wurde ihnen doch unbehaglich zumute. Was, wenn die Kusine ertrank? Nicht auszudenken, was für ein Donnerwetter daheim über sie hereinbrechen würde. Flugs rannten die beiden ins Dorf zumHof der Eltern, wo sie aber nur ihre Tanten vorfanden, Agnes, die schwanger ging zu jener Zeit, und Maria. Ihnen erklärte Winand, was am Weiher vor sich ging. Evas Mutter Agnes und ihre Schwägerin Maria verstanden nur wenig von seinem aufgeregten Gestammel, begriffen aber, dass Eva offenbar in höchster Gefahr schwebte.

Wie von Furien gehetzt, liefen sie zum Weiher und vernahmen schon von weitem Evas verzweifelte Hilfeschreie. Am Ufer standen die Kinder versammelt, die Blicke aufdas um sein Leben kämpfende Mädchen gerichtet.

Vor Entsetzen versagten Agnes fast die Beine. Maria aber, die eine gute Schwimmerinwar, behielt einen kühlen Kopf und stieg ins Wasser. Drei, vier kräftige Züge, und sie hatte die Zappelnde erreicht, packte sie, brachte sie zurück ans Ufer. Eva hustete,keuchte und spuckte, aber sie war gerettet. Mutter und Tante brachten Eva nach Hause. Unterwegs begegnete ihnen Falk, der siebenjährige Sohn des Bauern Harro aus demOberdorf. Falk gehörte zu den wenigen Kindern, die sich niemals über Eva lustig machten. Bei Evas Anblick sie war triefnass, ihre Augen rot verheult öffnete sein Mund sich wie zu einer Frage, doch offenbar traute er sich nicht, jemanden anzusprechen. Später erfuhr Eva, dass Falk sich mit dem Sohn des Hufschmieds angelegt hatte. Dieser mochte zwar älter und kräftiger sein, doch Falk war es gelungen, dem Gefürchteten ein prächtiges Veilchen zu schlagen.

Am Abend nach der verhinderten Tragödie saß Agnes noch lange an der Schlafstätte ihrerTochter, um sie zu trösten. Agnes kannte viele Lieder, denn vor Evas Geburt war sie als Mitglied einer Gauklertruppe viel in der Welt herumgekommen. Meist ging es recht lustig zu in diesen Liedern, doch noch lieber mochte Eva seltsam genug für ein Kind ihres Alters besinnliche und versonnene Texte. Deshalb sang Agnes an jenem Abend, während sie Eva zärtlich durchs kastanienbraueneHaar strich, das Lied einer berühmten Ordensfrau, die vor langerZeit gelebt hatte:

Die Seele ist wie ein Wind, der über die Kräuter weht, Und wie ein Tau, der auf die Gräser träufelt,

Undwie die Regenluft, die wachsen macht. Genauso ströme der Mensch sein Wohlwollen aus Auf alle, die da Sehnsucht tragen.

Ein Wind sei er, der den Elenden hilft, Ein Tau, indem er dieVerlassenen tröstet,

Und Regenluft, indem er die Ermatteten aufrichtet Und sie mit derLiebe erfüllt wie Hungernde: Indem er ihnen seine Seele gibt.

Die Fünfjährige begriff längst nicht alles von diesen geheimnisvollen Versen, doch sie liebte es, darüber nachzusinnen. Vergessen waren mit einem Mal die Schrecken des Tages, das furchtbare Wasser, das ihr die Luft zum Atmen genommen hatte, vergessen die Todesangst.

Die Seele ist wie ein Wind, der über die Kräuter weht!

Wunderschöne Worte. Was sie wohl bedeuteten?

In dieser Nacht schlief Evatief und fest. Und träumte von einem duftenden Kräuterbeet, über das ein lauer Sommerwind strich.

***

Wenige Wochen zuvor, ein Gehöft in Schlesien

Die beiden bewaffneten Reiter verharrten auf der Anhöhe und blickten hinab in das Tal, wo sich ihr Ziel, ein einsames Gehöft, im roten Licht der Abendsonne abzeichnete. Hinter den Stallgebäuden weideten Schafe aufeiner Weide, irgendwo kläffte ein Hund, Hühner suchten gemächlich ihren Verschlag auf. Abseits des Wohngebäudes, bei den Gemüsebeeten, waren ein Mann und eine Frau zu erkennen, die mit Harken den Boden bearbeiteten.

Die beiden Reiter sahen sich an.»Das sind sie«, erklärte der Ältere. »Müssen wir näher heran, oder kannst du es von hier erledigen?« Statt einer Antwort verzog der Jüngere nur spöttisch den Mund und griffnach seiner Armbrust.

Aus den Augenwinkeln sah der Mann, wie seine Frau zu Boden stürzte. Vorangegangen war ein dumpfes, furchtbares Geräusch, das in dem Mann Erinnerungen ans Schlachten weckte,an ein Beil, das wuchtig Knochen spaltet. Dann hörte erseine Frau röcheln. Rücklings lag sie im Dreck, aus ihrer Brust ragte der Schaft eines Bolzens, weit blickten ihre Augenin den Himmel. Der Schreck drohte den Mann zu lähmen, und nochbevor er zu seiner Frau hinübereilen konnte, schwirrte ein zweiter Bolzen heran und bohrte sich ihm in den Rücken. Während er fiel, wurde ihm bewusst, dass er hier und heute sterben würde, an der Seite seiner Justyna.

Noch einmal konnten sie, im Sterben vereint, einander in die Augen sehen. Justynas Blick war nichts als Sorge, und er begriff: Kazimierz und Jagoda! Auch die Kinder würden sie umbringen! Es gab nur eine Möglichkeit, sie zu retten: Bogna, die Magd, musste die beiden rasch in Sicherheit bringen.

Mit letzter Kraft rief er ihren Namen.

»Wer ist das?«, fragte der jüngere Reiter und deutete auf die junge Frau, die aus dem Stall trat. Einaufgeregter, schwarzer Hund folgte ihr.

»Muss die Magd sein«, erwiderte der andere.

»Soll ich sie auch erledigen?«

»Was glaubst du, wofür man uns bezahlt?« Der Schütze legte an.

»Warte!«, sagte der andere plötzlich.

»Was ist?«

»Niemand hat uns verboten, ein wenig Spaß zu haben,während wir unsere Arbeit tun.«

Mit diesen Worten trieb er seinen Hengst an.

Bogna, die Magd, versuchte zu verstehen, was der sterbende Bauer ihr zuraunte. Seine Finger krallten sich flehend in ihren Oberarm. Endlich ging ihr auf, was er ihr mit seinen letzten Atemzügen mitzuteilen gedachte: die Kinder!

Sie sah den Reiter,der sich im gestreckten Galopp näherte. Angst schnürte ihrdie Kehle zu. Der schwarze Hund begann zu bellen. Fatalerweiserannte Bogna in ihrer Panik Richtung Haus. Der Reiter hatte sein Schwert gezogen. Noch bevor Bogna die Tür des Gebäudes erreichte, hatte er sie eingeholt, schlug ihr dieflache Klinge seiner Waffe in den Rücken. Bogna stürzte.

Der Reiter zügelte sein Pferd, stieg aus dem Sattel. Stöhnend kam Bogna wieder auf die Füße, doch schon war der Mann bei ihr,packte sie am Handgelenk. Der schwarze Hund war Bogna gefolgt und machte Anstalten, dem Fremden in die Wadenzu beißen. Das Tier heulte auf, als ein Armbrustbolzen seine Flanke traf.

»Idiot! Hättest mich treffen können!«, rief der Mann seinem jüngeren Kumpanen zu, der sich grinsend dem Haus näherte.Bogna zitterte am ganzen Leib, stieß ein paar heisere Schreie aus. »Und jetzt zu dir, Herzliebste!«, sagte ihr Peiniger.

Kazimierz, ein achtjährigerJunge mit roten Wangen und struppigen, flachsfarbenen Haaren, wunderte sich über das Geschrei. Was ging da draußen vor sich?Männerstimmen, die laut in einer fremden Sprache redeten. Deutsche? SchnaubendePferde. Und war das nicht Bogna, die da ständig schrie, als litt sie heftigsteSchmerzen?

Er nahm den Korb mit den eingesammelten Eiern, ging zurTür des kleinen Hühnerstalls, spähte nach draußen. Das Geschrei schienvom Haus her zu kommen. Ein mulmiges Gefühl überkam ihn, aber die Neugier trieb ihn an. Er passierte dieScheune und erstarrte vor Entsetzen, als er um die Ecke bog. Vordem Haus lag Bogna, halbnackt, das Kleid zerrissen. Über ihr ein Mann mit heruntergelassener Hose. Ein weiterer, jüngerer Mann stand daneben und schaute zu.

Der Mann aufBogna stieß keuchende Laute aus, die zuletzt in ein langgezogenes Stöhnen übergingen; dann erhob er sich grinsend. Der Jüngere entledigte sich gleichfalls seiner Hosen und nahm die Stelle des anderen ein, währendBogna noch einmal verzweifelte Anstalten machte, sich zu wehren. Brutale Faustschläge in ihr Gesicht ließen sie verstummen. Abermals wurde sie geschändet.

Kazimierz stand wie angewurzelt. Angst würgte ihn. SeinBlick fand die leblosen Gestalten seiner Eltern, dort drüben bei denGemüsebeeten, er sah die Bolzen, die aus ihren Leibern ragten. Der Korb mit den Eiern fiel ihm aus den Händen. Er rannte los.

Der ältere der Männer bemerkteden laufenden Jungen. »He, du! Bleib stehen! Verdammt, von einem Kind wusste ich nichts.«

Da der Junge seinen Befehl ignorierte, folgte er ihm fluchend, holte ihn ein. Hart packte er ihn am Kittel und zerrte ihn mitsich.

»Wer zum Teufel ist das?«, fragte der Jüngere, währender wieder in seine Hosen stieg.

»Keine Ahnung. Von einem Kind war nicht die Rede.«

»Müssen wir ihn umbringen?«

»Der Hof soll frei von Menschensein, so lautet unser Auftrag. Was sollten wir also sonst mit ihm tun? Aberzuerst das Mädchen. Los, mach schon.« Mit dem Kinn deutete er auf Bogna, die zusammengekauert vor ihnen lag. IhreAugen waren fest verschlossen, aber ihre zitternden, blutverschmierten Lippen bewegten sichwie zu einem stummen Gebet. Der Jüngere nahm ein Messer von seinem Gürtel, tratvon hinten an sie heran und schnitt ihr die Kehle durch.

»Den Knaben darfst du dir ausnahmsweise mal selbst vornehmen«, sagte er zu seinem Kumpan.

Nachdenklich betrachtete dieser den schreckensbleichen Kazimierz, der aussah,als müsste er sich jeden Moment übergeben. »Ich kenne einenHändler«, meinte er nach einer Weile. »Der würde mir den Knaben sicher abkaufen. Warum sollten wir uns dieses Geschäft entgehen lassen?«

Wenig später fand Kazimierz sich gefesselt an Händen und Füßen auf dem Rücken eines Pferdes wieder, bäuchlings hing er vordem Sattel des Reiters. Dieser raunte ihm in seiner unverständlichen Sprache harsche Worte zu, die ihm wohl bedeuten sollten, sich still zu verhalten.

Als sie den Hof verließen,gelang es Kazimierz aus tränenbenetzten Augen einen letzten Blick aufdie Stätte seiner Kindheit zu werfen. Ein Instinkt befahl ihm, sich diesen Anblick auf ewig einzuprägen: das lehmverputz te Wohnhaus mit dem strohgedeckten windschiefen Dach, den hölzernen Schuppen, die Ställe vor allem aber die Leichen der drei Menschen, die vor kurzem noch sein Leben gewesenwaren.

Von seiner Schwester Jagoda war nichts zu sehen.

Erster Teil

1312 1313

1.

Eva liebte die Zeit der Heuernte. Wenn der Duft des abgeernteten Grases dieLuft erfüllte, während ringsumher die Vögel sangen und die Sonnemild am Himmel stand. Es war die Zeit, in der Eva am liebsten ihren Gedanken nachhing. Und obwohl sie auf den Feldern nicht alleine war, sprach niemand sie an, denn zu versunken, zu gedankenfern wirkte sie, obgleich ihre Arbeit nicht darunter litt. Viele fragten sich, was wohl durch ihren hübschen Kopf ging, und manche munkelten, es sei bestimmt nichts Gutes, nichts Christliches. Zwar machte Eva stets einen frommen Eindruck

sonntags, während des Gottesdienstes, war sie in inbrünstige Gebete versunken, und auch Bruder Raphael schien einen Narren an ihr gefressen zu haben -, doch genau das sahen die Zweifler mit Argwohn: wahrscheinlich hatte sie etwas zu verbergen.

Das handtellergroße Muttermal an ihrem Hals war seit jeher Gegenstand des Dorfklatsches. Womöglich hätteman über diesen Makel hinweggesehen, wäre Eva einfältig und hässlich gewesen. Doch sie war weder das eine noch das andere. Etwas konntenicht stimmen mit ihr.

Eva wusste genau, dass man so über sie dachte. Seit ihrer Kindheit hatten die meisten Dörflersie gemieden. Aber was konnte sie tun? Das Muttermal war ihr angeboren. Manchmal versuchte sie, sich an denGesprächen der Dorffrauen zu beteiligen, aber niemand fragte sie nach ihrer Meinung. Gewiss, manches, was sie tat, nährte die Skepsisder Leute. Beispielswei-

se hatte sie vor zwei Jahren ein flügellahmesRabenjunges aufgezogen. Seither war der zahme Vogel ihr häufiger Begleiter, hockte auf ihrer Schulter oder hielt sich in ihrer Nähe auf.Manchmal verschwand er auch für einige Tage im Wald, kehrte aber immer wieder zu seiner Ziehmutter zurück. Bekanntlich hielten Hexensich schwarze Vögel war es also ein Wunder, dass die Leute sich die Mäuler zerrissen? Doch hätte Eva das Tier etwa verhungern lassensollen?

Die Frühlingssonne war so herrlich mild. Während sie mit denanderen Frauen das Heu wendete und die Männer weiter vorn mit ihren Sensen zugange waren, kam ihr der Sonnengesang des Heiligen Franziskus in den Sinn.

Gelobt seist Du, mein Herr, hieß es darin, Mit all Deinen Geschöpfen,

Schwester Sonne besonders, Die uns den Tag macht

Durch die Du uns erleuchtest.Und weiter: Schön ist sie

Und strahlend mit großem Glanz, Ein Bild von Dir ...

Auch Falk mochtedieses Gedicht, es waren seine Lieblingsverse. Wenngleich er Evas Leidenschaft für religiöse Poeme nicht immer teilen konnte. Die meisten Texte waren ihm zu schwerlastig, viele gar unverständlich. Dennoch mochte er es, wenn Eva ihm etwas vortrug. Es war nicht nötig, dass er ihren Hang zur Mystik teilte. Er liebte sie trotzdem, das versicherte er ihr,sooft sie sich sahen.

Der Gedanke an Falk ließ Eva lächeln. Manchmal sahsie verstohlen von ihrer Arbeit auf. Falk arbeitete auf den Feldern der anderen Seite des Dorfes, doch er hatte versprochen, kurz vorbeizuschauen undeinen Treffpunkt mit ihr abzusprechen, damit sie später ungestört zusammenkommen konnten. Dabei war es doch immer derselbe Platz, wo sie sich trafen. Doch das Ritual dieser verzichtbaren Absprache wollte gepflegt sein, zumal es ihnen ermöglichte, sich ein weiteres Mal zusehen.

Falk ließ auf sich warten. Sicher war er im Augenblick nicht zu entbehren. Doch er würde Wort halten und kommen, und wenn es nur für die Dauer einiger Herzschläge wäre.

Immer wieder ließ Magda ihren Blick zur Kusine hinüberschweifen. Dies blieb Cordula, einer von Magdas Kameradinnen, nicht verborgen. »Weshalb glotzt du sie immer wieder an, Magda?«, wollte sie wissen.

»Sie hält wieder Ausschau.«

»NachFalk?«

»Nach wem sonst? Oder kennst du noch einen anderen, der Interesse an ihr zeigt?«

Cordula stützte sich auf ihre Heugabel. »Gib’s ruhig zu, du bist eifersüchtig.«

Magda stritt das keineswegs ab. »Was er bloß an dieser Hexe findet.«

»He, sie ist deine Kusine.«

»Wohl wahr. Eine Hexe ist sie dennoch.«

Als Eva zu ihnen herübersah, arbeiteten sieweiter.

»Hast du sie denn schon einmal hexen sehen?«, fragte Cordulaflüsternd. Magda musste passen. Weder hatte sie Eva bei rituellen Tänzennoch bei Treffen mit teuflischen Gestalten beobachtet. »Reicht es nicht, dass sie diesen dämlichen Raben überall mitnimmt?«, murmelte sie. »Außerdem höre

ich sie manchmal singen.Neulich hat sie etwas auf Lateinisch gesungen.«

»Vielleicht sind das Beschwörungsformeln«, mutmaßte Cordula. »Sieh mal, da kommt er!«

Falk war groß gewachsen, hatte kräftige Arme und ein sanftmütiges, ebenmäßiges Gesicht, braun von der Sonne. Die Bauernkappe, die er trug, verbarg sein blondes Haar nur unvollständig. Er sah sehr männlich aus, und nicht nur Magda schwärmte für ihn. Zur Begrüßung gab er Eva einen verstohlenen Kussauf die Wange. »Du platzt ja fast vor Neid«, sagteCordula zu Magda, die auf ihrer Unterlippe kaute. »Glaubst du, dass die beiden es schon miteinander getrieben haben?«

»Wann hörst du endlich auf mit deiner dummen Fragerei?«, raunzte Magda siemissmutig an.

Beleidigt hob Cordula die Schultern und widmete sich wiederihrer Arbeit. Magda beobachtete ihre Kusine und deren Geliebten noch eine Zeitlang aus den Augenwinkeln. Bald machte Falk sich wieder auf den Weg. Kein Zweifel, am Abend würden sie sich treffen wollen. Magda wusste inzwischen genau, wo diese Stelldicheins stattfanden, denn mehrmals schon hatte sie ihnen hinterherspioniert.

Sie beschloss, das Liebespaar auch heute zu beschatten.

Eva war sehraufgeregt, als sie abends am Horizont versank soeben die rote Sonnenscheibe zum vereinbartenTreffpunkt ging. Mit einem vielsagenden Lächeln hatte Falk angedeutet, dass er ihr etwas Wichtiges mitzuteilen habe. Sie ahnte, was Falk durch den Kopf ging, und vor Aufregung klopfte das Herz.Zeit ihres Lebens würden sie sich an den Abend erinnern. DerWeg zum Wald führte hügelan. Balthasar, der Rabe, hockte geduldig auf Evas Schulter. Als sie die alte Eiche erreichte, war Falk schon dort. Flatternd verschwand Balthasar im Geäst der Eiche, längst wusste der Vogel, dass seine Anwesenheit in der nächsten Stunde nichtgewünscht war. Falk hielt eine Margerite, die er an Evas Haarband steckte, bevor sie sich küssten. Eva strahlte; dann sah sie den Verband, der um seine Handfläche gewickelt war. »Nichts Ernstes«, kam er ihrer Frage zuvor. »Habmich beim Schärfen der Sense geschnitten. Kein Wunder, ich muss ständig an dich den-

ken.«

Eng umschlungen lehnten sich gegen den mächtigen Stamm des Eichbaums, dessen ausladende Äste sich wie ein schützendes Dach über sie spannten. Ein leiser Wind ließ dieBlätter in der Baumkrone rascheln. Versonnen blickten sie hinab ins Dorf, dessen Konturenmit zunehmender Dunkelheit schwächer wurden. In einem der Burgtürmewurde Licht entzündet.

»Ich werde ihn fragen!«, verkündete Falk nach einer Weile feierlich. Eva wusste genau, was er meinte.Dennoch, um ihr Glück auszukosten,

fragte sie: »Wen wirst du etwas fragen, Liebster?«

»Ich werde endlich zu deinem Vater gehen und um deine Hand anhalten! Lange genug hab ich nun damit gewartet.«

Zur Antwort stieß sie ein leises Seufzen der Glückseligkeit aus, schloss ihreAugen und stellte sich einmal mehr vor, wie ihre gemeinsame Zukunft aussehen würde. Sie kannten sich von Kindheit an, hatten schon damals Sympathien füreinander gehegt. Seit etwa einem Jahr aber bestand mehr zwischen ihnen als bloße Zuneigung. Auf dem Erntefest hatten sie unter mancherleiverwunderten Blicken miteinander getanzt. Beide spürten bald, dass aus ihrer Kinderfreundschaft mehr wurde. Wie sonst war es zu erklären, dass siefortan unablässig aneinander denken mussten?

Falk hatte den ersten Schritt getan. Am Backhaus sprach er sie an und fragte sie, ob sie sich mit ihm treffen wollte. Sofort willigte Eva ein. Die alte Eiche am Waldranderkoren sie zu ihrem Treffpunkt. Bei ihrem dritten Treffen machte Falk Anstalten, sie zu küssen. Eva ließ es zu. Es war ein wunderschönes Gefühl,seine Lippen zu spüren. Ansonsten aber blieb Falk, was intime Liebkosungenanbelangte, zurückhaltend. Eva wusste, dass dies eine Respektbezeugung für sie war, doch manchmal wünschte sie sich im Stillen selbst wenn dies für eine Jungfer ungebührlich sein mochte -, die Zärtlichkeiten würden über Küsse hinausgehen. Andererseits blieb ihnen dafür noch alle Zeit der Welt.

»Wird dein Vater einverstandensein?«, fragte er bang.

Eva lächelte. »Er wird!« Ihre Eltern waren herzensgute Menschen, die sie und ihre jüngeren Brüder, Martin und Hunold, überalles liebten. Wirkliche Strenge hatte sie nur selten von ihnenerfahren.

»Bist du sicher?«

»Mein Vater wird froh sein, dass endlich jemand um meine Hand anhält. Meine Mutter befürchtet, ich könnte als alte Jungfer enden. Wer will schon eine Hexe zur Frau?«

»Was redest du da?«

»Du weißt, wie die Leute über mich sprechen.«

»Ihr Geschwätz ist mir einerlei. Du bist das hübscheste Mädchen, das mirjemals begegnet ist. Da brauchst du nicht gleich wieder rotzu werden.«

»Ach, Falk! Dich hat mir der liebe Gott geschickt.«

»Als Mutter für meine Kinder kann ichmir keine andere vorstellen.

Und als erstes wünsche mir eine Tochter, die so ist wie du.«

»Hoffentlich erbt sie nichtmein Hexenmal.«

»Und wenn schon. Was meinst du, wie sollen wir sie nennen, unsere Tochter?«

Eva dachte nach. »Weiß nicht. Vielleicht Clara?«

»Clara!« Falk gefiel der Name. »Abgemacht.« Er neigte sich zu ihr und küsste ihre Schläfe. »Verrate mir, wie du an diesen Namen gekommen bist. Soweitich weiß, trägt niemand aus deiner Familie diesen Namen.«

»Auf dem Weg hierhin musste ich an die Heilige Clara von Assisi denken.«

»Clara von Assisi? Wer ist das?«

»Die treue Begleiterin des Heiligen Franziskus.«

»Ach die.«

»Heuchler! Hast nie von ihr gehört.«

»Du tust mir Unrecht, ich kann mich schwach erinnern, dass BruderRaphael einmal von ihr gesprochen hat. Hattest du einen besonderenGrund, an sie zu denken?«

»Ich sah die letzten Sonnenstrahlen und dachtean Clara, was ‚die Strahlende’ bedeutet. Durch ihr aufopferungsvolles Leben wollte sie die Menschen erhellen.«

»Gütiger Himmel, hat dir das alles dein Mentor beigebracht? Wüssteich nicht, dass Bruder Raphael ein tugendhafter Mann Gottes ist, wäre ich eifersüchtig auf ihn.«

Balthasar, der immer noch geduldig auf einem Ast hochte, begann mit einem Mal laut zu krächzen. Eva und Falkhorchten auf. »Was hat er denn?«, fragte Falk.

»Offenbar hat eretwas gehört. Da hinten im Gebüsch was ist das?«Sie presste sich an ihn.

Lachend legte Falk einen Arm um sie. »Nur wilde Tiere. Die tun uns nichts.« Er vergrub seine Nase in ihrem Haar. »Ah, wie ich dich liebe. Dich und den Duft deiner Haare. So müssen Engel riechen.«

»Es ist doch nur derDuft von Narzissenblüten!«

Magdas Hals war wie zugeschnürt. Sie hatte genug gehört. Was fand Falk nur an Eva, wieso war er ausgerechnet ihr verfallen? Wenn Evas Frömmigkeit wirklichecht war, dann sollte sie doch, verdammt nochmal, in einNonnenkloster gehen und Falk ihr überlassen. So hübsch war sienun auch wieder nicht mit ihrem garstigen Hexenmal.

Sie schlich davon, doch alssie auf einen Zweig trat, begann der verflixte Rabe wie verrücktzu krächzen. Eine Weile verharrte sie reglos. Zum Glück kam Falknicht auf die Idee, den Urheber des Geräusches zu suchen.

Magda hatte einen Plan geschmiedet, sie war entschlossen, unverzüglichzu handeln. Ihr Weg führte sie nicht zurück nach Merode,sondern ein Stück durch den Wald, bis sie bald darauf vor der Köhlerhütte stand. Der Köhler Bodo lebte hier mit seiner Schwester Sibylle, die sich als Hebamme verdingte und darüber hinaus umfangreiche Kenntnisse über Kräuter und Arzneien besaß. In Sibylle setzte Magda ihre Hoffnungen.

Bodo, der auf ihr Klopfen hin öffnete, war kaum überrascht überdie späte Besucherin. Es geschah nicht selten, dass Frauen zur vorgerückten Stunde vorbeischauten, vor allem, wenn ihre Männer nichts davon erfahren sollten. »Du willst zu meiner Schwester!«, stellte er deshalb richtigerweise fest.

Magda nickte entschlossen.

»Komm!«

Er führte sie durch die dunkle Kate.

»Es hat mich niemand geschwängert, hörst du?«, glaubte Magda ihm erklären zu müssen. Sie wollte nicht, dass irgendwelche haarsträubenden Gerüchte aufkamen.

»Natürlich nicht«, brummte Bodo gleichgültig. Schon bereute Magda ihre vorschnelleRechtfertigung. Bodo galt als eigenbrötlerischer Junggeselle, was gingen ihn ihre Herzensangelegenheiten an?

Er führte sie bisvor eine Türöffnung, die durch einen fransigen Vorhang verdeckt war. »Besuch für dich, Schwester!« Nachdem Magda eingetretenwar, zog er sich zurück.

Sibylle hatte die vierzig schon überschritten. Früher, so sagteman, sei sie sogar einmal hübsch gewesen. Magda fand, dass sie auch jetzt noch frauliche Reize besaß, wenngleich ein dichtes Netz von Fältchen ihre Augen umspannte. Das dunkle, vonweißen Strähnen durchzogene Haar trug sie nach hinten zu seinem Zopf gebunden. Sie saß an einem aus groben Brettern gezimmerten Tisch, getrocknete Kräuterbündel lagendarauf verteilt. In einem Mörser zerstieß sie einen Pilz zu Pulver.DerBlick, mit dem sie Magda ansah, war fest und durchdringend.

»Du bist Magda,Winands älteste Tochter«, stellte sie fest. In den vergangenen zwanzig Jahren hatte sie beinahe jedem Meroder Kind auf die Welt geholfen. »Setz dich dort auf den Hocker,mein Kind.«

Magda mochte es nicht, wenn man sie Kind nannte, aber Hebammen hatten wohl ein Recht darauf, ihre einstigen Schützlinge soanzusprechen.

»Deine Großmutter Eva war eine gute Freundin von mir«, erklärte Sibylle.

»Ja, das weiß ich«, erwiderte Magda höflich, obwohl allein die Erwähnung dieses Namens ihr Bauchschmerzen bereitete.

»Bisheute vergeht kein Tag, an dem ich nicht an siedenke«, fuhr Sibylle fort. »Sie war ein wunderbarer Mensch. Viel zu früh musste sie von uns gehen.« Sie schien in Erinnerungen zu versinken, denn plötzlich wurde sie schweigsam, starrte reglos auf die Tischplatte. Nach einer Weile widme te sie sich wieder dem zerstoßenen Pilz, füllte das Pulver in einen kleinen Beutel aus blaugefärbtem Leder, den sie sorgfältig zuschnürte. »Eine ganz besondere Arznei«, erklärte sie Magda, die ihrTun mit unverhohlener Neugier beobachtete. »Nur ein Quentchen davon undder Geist steigt in himmlische Sphären empor, trunken vor Freude und Überschwänglichkeit.«

»Hört sich gut an«, sagte Magda.

»Vonwegen. Die Arznei entführt den Kranken in eine glückselige Welt, die in Wahrheit nicht existiert. Nur dem darf sieverabreicht werden, dessen Leid durch andere Mittel nicht zu lindern sind.«

Also ist es Teufelswerk, ging es Magda durch den Kopf.

»Was kann ich für dich tun, mein Kind?«, fragte Sibylle nun unvermittelt, während sieprüfend einen Kräuterstrauß an ihre Nase hielt.

Längst hatte Magda sich eine Geschichte zurecht gesponnen. Eine Geschichte, bei der sie nicht einmal sonderlich übertreiben musste. »Es gibt da einen Jungen imDorf «, begann sie mit gespielter Verlegenheit. »Ich mag ihn wirklich sehr, aber ... na ja, er beachtet michnicht.«

»Das ist tragisch«, sagte Sibylle, ohne eine Miene zu verziehen.

»Ich glaube, er traut sich einfach nicht, michanzusprechen.«

»Sprich du ihn an«, schlug Sibylle vor.

»Dafür wiederum bin ich zu schüchtern. Außerdem finde ich, dass es Sache der Männer ist, Liebesbande zu knüpfen.« Sie bemühte sich, scheu und zugleich untröstlich zu erscheinen, und starrte auf ihre zusammengefalteten Hände. »Ich hoffte, du könntest mir einen Liebstrank brauen. Den könnte ichihm zu trinken geben, damit auch er mich mag. Esist doch nichts Arges an solchen Tränken. Ich meine, sie schaden doch keinem.« Sie ließ ihre Worte eine Weile im Raum stehen, aberdie Hebamme schwieg sich aus. Magda glaubte, den Grund dafür zu kennen, holte ein Geldstück aus ihrem Kleid hervor undwarf es auf den Tisch. »Selbstverständlich will ich dich für deineDienste bezahlen«, verkündete sie feierlich.

Sibylle würdigte die Münze keines Blickes. »Wie heißt derJunge?«, forschte sie.

Mit solcher Neugier hatte Magda nicht gerechnet. »Wieer heißt? Nun ja, es ist der Sohn des Bauern Arnold.«

»Du meinst Bruno, Arnolds Jüngsten?«

»Eben den«, stimmte Magda rasch zu. Zu rasch, wie sie sich hinterher eingestehen musste.

Sibylle verschränkte dieArme vor ihrer Brust. Ihr Blick hatte nun etwas Unerbittliches. »Du lügst!«, sagte siekalt.

»Ich -«

»Schweig! Du lügst, ich weiß es genau. In Wahrheit willst du den Falk für dich gewinnen. Aber Falk liebt Eva, und Eva liebt Falk. Tu nicht so, als ob das neu für dich wäre.«

Magda schluckte, brachte keinen Ton mehrhervor. Woher wusste diese verdammte Kräuterhexe das? War sie eine Prophetin?Oder konnte sie einfach nur in die Seelen der Menschenschauen? Magda erinnerte sich, solche Geschichten über sie vernommen zu haben.

»Schäm dich, Magda. Eva ist deine Kusine. Sie hat es schwer genug,weil viele Leute sie aus purem Aberglauben meiden. Du solltest für sie einstehen, anstatt ihr den Geliebten zu rauben.« Sie griff nach dem Klöpfel und widmete sich wieder dem Mörser. »Geh jetzt nach Hause!«, befahl sie streng.

»Und vergiss die Münze nicht.«

Magda erhob sich von ihrem Hocker. Sie kochte vor Wut, wagte aber keinen Widerspruch. Draußeninzwischen war es Nacht geworden holte sie tief Luft und verschluckte einen Wutschrei. Wie hatte sie nur glauben können, dass eine verschrobene Jungfer ihr helfen würde? Was wusste Sibylle denn schon über Männer und die Liebe? War es denn ein Wunder,dass die eine Hexe zu der anderen hielt?

Als Magda im spärlichen Licht eines halben Mondes den Weg zurück ins Dorf stapfte, reifte bereits ein neuer Planin ihrem Kopf.

Der Winandshof hatte sich in den vergangenen Jahren durch verschiedene Anbauten erheblich vergrößert. Die Halbbrüder Winand und Nikolaus führten den Hof gemeinsam, jeder bewohnte mit seiner Familie einen eigenen Gebäudetrakt. Teilweise waren die Behausungen sogar aus Steinen gemauert. Weil aberWinand und Niko im Dorf keineswegs als überheblich galten siehalfen immer, wenn andere Bauern unversehens in Not gerieten

-, gönnteman ihnen den bescheidenen Wohlstand. Im Hungerwinter 1307 hatten sie sich durch selbstlose Hilfsbereitschaft die Achtung aller Dorfbewohner erworben; niemand hielt seitdem mehr Spottreden über Nikolaus und Agnes und deren merkwürdige Vergangenheit als verfemte Gaukler. Ausgenommen von diesem Wohlwollen blieb die junge Eva, von der man weiterhin annahm, etwas stimme mit ihr nicht. Vielleicht hatte das jaauch Bruder Raphael, der Burgkaplan, erkannt. Jedenfalls wurde gemunkelt, dass er viel Zeit mit der Bauerntochter verbrachte.

Magdas Eltern saßen in der Stube, als die Tochterheimkehrte. Winand hielt einen tönernen Bierkrug, während Isolde mit einer Näharbeitbeschäftigt war.

»Wurde auch Zeit«, brummte der Vater. »Wo hast du dich bloß rumgetrieben?«

Magda rollte mit den Augen. »Ichwar nur ... nur -«

»Bestimmt hat sie einen Schatz«, mutmaßte die Mutter, die, wenn sie erst einmal zu reden begann, nur schwer zu halten war.Deshalb brachte sie ihr Gatte, der allein dazu fähig war, mit einer barschen Geste zum Schweigen.

»Sie hat selbst einen Mund. Nun, Magda?«

»Ichhabe frische Luft geschnappt. Am Waldrand, an der alten Eichehab ich gesessen. Bin dabei eingeschlummert. Soll nicht wieder vorkommen.« Sie seufzte schuldbewusst.

Winand blinzelte skeptisch. Offenbar glaubte er ihr kein Wort.Womöglich hatte Isolde ja Recht mit ihrer Vermutung vom Geliebten, und Magda wollte einfach nicht darüber sprechen. Denn eigentlich wares ja ihm, Winand, vorbehalten, einen angemessenen Gatten für seine Tochter zu finden. Er machte sich klar, dass Magda schon vierzehn Jahre alt war. Tatsächlich war es an der Zeit, sich ernsthafte Gedanken darüber zu machen.

»Heute bist du zum letzten Mal im Dunkeln nach Hause gekommen!

Verstanden?«

»Ja,Vater.«

»Geh jetzt ins Bett!«

Sie kletterte die knirschenden Holzstiegen zum Obergeschoss empor. Allerdings hatte sie noch etwas zu erledigen, bevor sie sich endgültig der Nachtruhe hingab. Also schlich sie zum Lager ihresschlafenden Zwillingsbruders und rüttelte ihn. »Wach auf!«, flüsterte sie eindringlich. Derjüngere Winand brummte schlaftrunken. Erst als die Schwester ihm eine Ohrfeige versetzte, schlug er die Augen auf. »Bist du verrückt geworden?«, maulte er und rieb sich die Wange.

»Psst, leise.«

»Was willst du von mir?«

»DeineHilfe.«

»Mitten in der Nacht?«

»Hör mir gut zu, Winand.« Sie verschränkte die Arme vor ihrer Brust und sah wie im Triumph auf ihn herab. »Morgen, in aller Herrgottsfrühe, wirst du doch nach Düren gehen, nicht wahr? Vater hat dich beauftragt, eine neue Pflugschar zu kaufen.«

»Das weiß ich selbst. Kein Grund mich aus dem Schlaf zu reißen.«

»Ich weiß genau, dass du dann zu dieser Hure gehst.«

Selbst in derDunkelheit sah Magda, dass sein Gesicht puterrot wurde.

»Keine Ahnung, wovon du sprichst.«

»Mach mir nichtsvor. Hab dich oft genug zum Hurenhaus schleichen sehen, wenn wir in der Stadt waren.«

Winand seufzte resigniert. Leugnen war offenbar zwecklos. Er ärgerte sich, es nie geschickter angestellt zu haben, wusste er doch um die ver dammte Neugier seiner Schwester. »Sie heißt Lora«,murmelte er und kratzte sich verlegen den Kopf. »Naja, ichmag sie sehr, und Lora mag mich auch. Wirklich.«

»Red keinen Unsinn. Sie ist eine Hure.«

»Sag endlich, was du von mir willst.«

»Du wirst deineHure morgen mit nach Merode bringen!«

»Bist du verrückt?« Fassungslos tippte er sich an dieStirn.

»Tu, was ich dir sage, Bruder. Oder soll Vatererfahren, wie du dein Geld verplemperst?«

»Was soll das, du blöde Ziege? Willst du mir drohen?«

»Ich brauche kurz deine Hilfe. Du wirst deine Schwester doch nicht im Stich lassen? Wenn du mir hilfst, werden Vater und Mutter werden nichts von deinem kleinen Geheimnis erfahren. Außerdem wirst du kein Opfer bringen müssen, im Gegenteil. Du wirst voll und ganz auf deine Kosten kommen.«

Winandsetzte sich auf und sah ihr erwartungsvoll ins Gesicht. »Da bin ich aber gespannt.«

»Gut, hör mir zu!«

2.

Anderentags, als die Sonne aufging und der jüngere Winand sich auf den Weg nach Düren machte, begab Magda sich mit einem Eimer zum Kuhstall. Wie erwartet war Eva schon dort, ebenso Hiltrud, eine junge Magd, die beimMelken der vier Kühe half. »Schon gut, Hiltrud«, sagte Magdaund nickte der Magd gönnerhaft zu. »Ich übernehme das heute für dich. Geh und hilf meiner Mutter bei der Wäsche.«

Hiltrud zeigte sich sehr verwundert, gehorchte aber. Magdanahm ihren Platz auf dem Schemel ein. Sie kam nur selten in den Kuhstall, denn sie hasste das Melken. Falls Eva durch ihr Erscheinen überraschtwar, so zeigte sie es nicht, denn sie lächelte ihr zu. »Ich will mir von meinem Vater nicht länger vorhalten lassen, dass ich mich vor dem Melken drücke«, erklärte Magda ihre Anwesenheit. Mit einem Augenzwinkern fügte sie hinzu: »Zugegeben, er hat ja Recht,ich mag wirklich nicht an diesen Zitzen fummeln. Aber was sein muss, muss eben sein.«

Eva freute sich über die ungewohnte Gesprächigkeit der Kusine. Selten hatte sieso offen und ungezwungen zu ihr gesprochen. »Um ehrlich zusein, auch ich kann mir etwas Schöneres vorstellen«, erwiderte sie, »aber man gewöhnt sich an die Tiere. Ich würde sie sehr vermissen, wenn sie nicht mehr da wären.«

»War nicht der heilige Franziskus auch so ein Tierfreund?«, fragte Magda nachsinnend.

Eva nickte und wunderte sich, dass die Kusine das Gespräch auf Dinge lenkte, für die sie sonst nie Interesse zeigte. Mit ungeübten Griffen machte Magdasich an dem Euter zu schaffen.

»Sag mal, Eva, du undFalk ist es was Ernstes zwischen euch?« Sie versuchte, so unbefangen wie möglich zuklingen.

»Ja, es ist ernst.« Evas Stimme war voller Glück und Stolz. Ihre Wangen färbte sich rot, und am liebsten hätte Magda ihr eine Backpfeife versetzt. Statt dessen stieß sie ein heiseres Jauchzen aus.

»Hach, wie romantisch ist das. Fast beneide ichdich um dein Glück.«

»Das brauchst du nicht. Auch du wirstnoch einen netten Burschen finden. Hast du gar schon einen im Blick?«

Magda schüttelte hastig den Kopf. »Leider nicht.« Was geht dich das überhaupt an, Hexe?, dachte sie.

»Er ist so liebevoll«, schwärmte Eva und wunderte sich über sich selbst. Aber wozu hatte man schließlich Kusinen?Auch wenn ihr Verhältnis bislang recht einseitig gewesen war Magda war an echter Freundschaft nie interessiert gewesen -, so stand nun zu hoffen, dassdies künftig anders sein würde.

Magda grinste schief. »Wie es aussieht, wirst du bald dein Brautkleid nähen können.«

»Falk wird in den nächsten Tagen bei Vater um meineHand anhalten«, gab Eva preis. »Vater und auch Herr Johann vonMerode werden schon nichts dagegen haben. Ja, du hast wohl Recht, bald werde ich Braut sein.«

Magdas Kuh muhte missmutig, da ihrem Euter eine grobe Behandlung widerfuhr. »Ach,ich freue mich ja so für dich, Eva. Aber ichwill auch ehrlich sein: Nie hätte ich gedacht, dass dueinmal heiraten würdest. Du warst immer so sehr mit deinen persönlichen ... Dingen beschäftigt, Dinge, über die sich für gewöhnlich nur Pfaffen die Köpfe zerbrechen. Ich dachte wirklich, dass dieMänner dich nicht reizten. Du und Falk, ihr kennt euchdoch schon von Kindheit an.«

»Das ist wahr. Ich mochte ihn immer schon. Als ich aber während des Erntefestes mit ihm tanzte, war er ein ganz anderer, ein neuer Mensch für mich. Falk fühlte genauso. Wahrscheinlich liegt esdaran, dass wir erwachsen geworden sind.«

Magda seufzte laut. »Du musst mir verzeihen, Eva.«

»Verzeihen? Was denn?«

»All die Bosheiten,die ich dir angetan habe. Die Schimpfworte. Das war wirklich garstig von mir.«

»Halbso wild, Magda. Mach dir keine Gedanken. Manchmal kann Streit auch Früchte tragen.«

»Wenn ich doch auch einen Liebsten hätte ...«

»Warum so bekümmert?Du bist noch jung. Bestimmt gibt es eine Menge Burschen, die ein Auge auf dich geworfen haben. Aufkeinen Fall wirst du als alte Jungfer enden.«

Worauf du Gift nehmen kannst, dachte Magda und erwidertedas Lächeln der Kusine. Es war an der Zeit, sich auf den wahren Grund ihres Hierseins zu besinnen. Sie kaute auf ihrer Unterlippe.»Darf ich dir etwas anvertrauen, Eva?«

»Aber gewiss doch.«

»Nun, in Wirklichkeit habe ich großeAngst vor der Ehe. Wenn ich den Monatsfluss bekomme, schmerzt mein Bauch unerträglich. Manchmal tagelang. Was würde wohlein Mann dazu sagen? Er würde sich kaum zurückweisen lassen,wenn er mir beiliegen wollte, oder? Sag mal, hast dueigentlich schon mit Falk geschlafen?«

»Wir warten bis zur Hochzeitsnacht«, erwiderte Eva nicht ohne Verlegenheit.

»Wie’s sich gehört, nicht wahr?«

Magda war zufrieden.Zwar hatte sie vermutet, dass die beiden noch nicht über Küsseund Streicheleien hinausgekommen waren bei ihren heimlichen Beobachtungen hatte sie nämlich nichtsanderes beobachten können -, aber nun hatte sie Gewissheit. Magda schwor sich, bei ihrwürde Falk rascher zum Zuge kommen.

»Gegen deine Leibschmerzen kann man doch etwas machen, Magda. Warum gehst du nicht zu Sibylle? Bestimmt weiß sie ein gutes Mittel für dich.«

»Bin schon beiihr gewesen. Sie riet mir, Frauenmantelkräuter mit Wasser aufzukochen und dann langsam zutrinken.« Sie mimte Verlegenheit. »Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, wie diese Kräuter aussehen und wo sie wachsen. Aber sag’s nicht meiner Mutter. Die würde nur den Kopf schütteln über so viel Dummheit.«

»Wenndu möchtest, gehe ich mit dir, um das Kraut zu pflücken. Ich weiß, wo welches wächst.«

Natürlich weißt du das, jubilierte Magda im Stillen. Alles verlief so, wie sie es sich ausgemalt hatte. »Wo wächst es denn?«

»Oben, am Waldrand. Bei der alten Eiche.«

»Und du würdest mich wirklich begleiten?«

»Gewiss. Sobald die Kühe gemolken sind, können wir uns auf den Weg machen.«

»Leider haben meine Eltern mich heute morgen mit viel Arbeit eingedeckt. Wär’s dir auch am Nachmittag recht?«

»Wann immer du magst.«

»Eva, ich weiß gar nicht, wie ich dir danken soll.«

»Nicht der Rede wert. Ich tue es gern.« Eva strahlte. Offenbar war die Kusine doch noch zu der guten Freundin geworden, die sie sich immer gewünscht hatte. Gezänkund Missgunst waren Relikte aus Kindheitstagen. Sie waren nun endgültig erwachsen geworden.

Evas Mutter Agnes, eine hübsche, blondhaarige Frau jenseits der dreißig, schöpfte Suppein die Teller. Am Tisch saßen ihr Gatte Nikolaus, ihreTochter Eva, die Söhne Martin und Hunold, sowie Bliza, eine Magd, die ihnen schon seit vielen Jahren dienstbar war. Nikolaus, der sich wie seine Frau ein noch ein erstaunlich jugendliches Aussehen bewahrt hatte, sprach das Tischgebet, dann löffelten alle schweigend ihre Suppe. Nachdem sie gespeist hatten, wurde erneut gebetet, bevor sich die Blicke dem Hausherrn zuwandten, der nun den weiteren Arbeitsablauf erläutern würde. »Bliza, du kümmerst dich um das Unkraut in den Gemüsebeeten«, verkündete er.

»Obwohl ich mich frage, warum das nicht längst schon geschehen ist. Danach wirst du die Hecken schneiden, verstanden?«

Die Dienstmagd verließ schnellen Schrittes die Stube. Die Laune desBauern war heute offenbar nicht die beste, deshalb war esangebracht, rasch aus seinem Blickfeld zu verschwinden. Martin und Hunold kicherten, weil Bliza im Hinausgehen eine Grimasse zog.

»Meine Söhne, zugehört: auch ihr werdet heutemit anpacken.«

Die Brüder, der eine acht, der andere neun Jahre alt, wechselten einen enttäuschten Blick. Sie hatten gehofft, den Nachmittag mit denanderen Kindern auf dem Dorfanger zu verbringen, doch dem Vater zu widersprechen trauten sie sich nicht.

»Ihr werdet in den Schuppen gehen und das Werkzeug säubern. Aber verletzt euch nicht dabei. Raus mit euch! Husch, husch!« Die Jungen gehorchten. »Wenn ihr’s ordentlich macht, dürft ihr später zum Dorfanger gehen!«, rief er ihnen nach. Selten währte seine Strenge übermäßig lange. Er wandte sich den beiden verbliebenen Frauen zu. »Wie weit seid ihr mit der Hausarbeit?«

»Die Wäsche liegt auf der Wiese zumTrocknen aus, o mein Gebieter«, erklärte Agnes mit übertriebener Unterwürfigkeit. »Auch hatten wir vor, uns um den Käse zu kümmern, aberdas kann durchaus auch noch warten. Wenn Ihr uns nämlich anderweitig beschäftigen wollt, dann werden wir Eurem Befehl natürlich folgsam nachkommen.«

»Wieso werde ich manchmal dasGefühl nicht los, dass mein eigenes Weib mich nicht ernst nimmt?«, seufzte Nikolaus. »Wenn ihr beiden also so freundlich wäret, die Heugarben mit auf die Wagen zu verladen und in die Scheune zu bringen, dann wäre uns sehr gedient. Bis zum Johannistag wollen wir die Ernte eingefahren haben.«

»So soll es sein, o mein Gebieter.«

»Sehr gütig von Euch.«

Eva schmunzelte. Die Eltern konnten es nicht verhehlen, dass sie viele Jahre lang mit einem Gauklertrupp durch die Welt gezogen waren. Leute zu unterhalten war ihr Lebensunterhalt gewesen. Erstaunlicherweise fanden sie bis heute immer wieder Zeit für Possen und alberne Wortwechsel, mochte der Alltag auch noch so arbeitsreich sein. Ihr Leben bei den Gauklern, wenngleich es voller Entbehrungen gewesenwar, hatte sie geprägt. Wie oft hatte Eva sie dabei ertappt, wie siemit Äpfeln oder Birnen jonglierten, manchmal mit vier, fünf Früchtenzugleich. Solcherlei Kunststückchen hatten sie nicht verlernt.

»Und wenn der hohe Herr es wünschen,werde ich ihm am Abend noch den Nacken kraulen.«

»Oh, das wäre ausgezeichnet. Doch denkt daran, dass wir gut Obacht geben, sonst müssenwir bald einen weiteren Esser mit großziehen.«

»Mein hoher Herr, ich sprach von Nacken kraulen.«

»Gewiss, verzeihtmir.«

»Außerdem«, sie verstieg sich in ein Flüstern, »unsere Tochter sitztauch noch am Tisch, du Wüstling.«

»Ach, wirklich? Ist mir nicht aufgefallen.«

Da des Vaters Laune sich offenbar besserte, beschloss Eva, ihr Anliegen nun vorzutragen. »Vater, gestattest du miram Nachmittag eine Stunde Freigang?«

Nikolaus spitzte die Ohren. »Ich höre?«

»KusineMagda braucht meine Hilfe beim Kräutersammeln.«

»Kusine Magda? Das istetwas Neues. Seit wann versteht ihr euch?«

»Dein Vater erlaubt es dir bestimmt«, versicherte ihr die Mutter. Nikolaus kratzte sich grübelnd das Kinn.»Und du bist sicher, dass es

Kusine Magda ist, die deine Hilfe braucht?« Eva nickte.

»Als ob sie uns jemals belogen hätte«, sagte Agnes.

»Hast du mir vielleicht noch mehr zu sagen, Eva?«, forschte Nikolaus mit zusammengekniffenen Augen.

»Was meinst du, Vater?«

»Ist es völlig ausgeschlossen, dass mich in nächsterZeit ein junger Mann in einer ganz besonderen Angelegenheit aufsucht?«

»Nein, Vater. Das ist ganz und gar nicht ausgeschlossen.« Eva strahlte übers ganze Gesicht.

»So, da bin ich schon sehr gespannt. Und was das Kräutersammeln mit deiner Kusine angeht:Meinetwegen geh! Der Familie muss man schließlich helfen.«

»Danke, Vater.« Sie erhob sich.

»Noch etwas,meine Tochter!« Nikolaus wackelte drohend mit dem Zeigefinger. »Ich hoffe, dass der junge Mann sich nicht zu lange Zeit lässt,um meine Türschwelle zu finden. Wenn er es nämlich tut, wenn du bereits ein Bäuchlein vor dir her trägst, dannsollt ihr beide mich wohl kennenlernen.« Eva errötete. Ihre Mutter räuspertesich laut und sah Nikolaus dabei ein-

dringlich in die Augen.

»Was hast du denn, Weib?« Tatsächlich wusste er genau, worauf Agnes anspielte, hatten sie doch zu ihrer Zeit mitnichten bis zur Hochzeit damit gewartet.

»Was soll schon sein? Ich habe einen Frosch im Hals.«

»Soso, einen Frosch.« Er wandte sich wieder Eva zu. »Nun geh schon«, sagte er und deutete wohlgefällig zur Tür.

Magda wartete bereits unter dem hölzernem Torbogen zum Hof, als Eva erschien, den unvermeidlichen Raben Balthasar auf ihrer Schulter. Eva sah die leeren Hände der Kusine. »Ein Korb wäre ratsam.«

Magdaschlug sich gegen die Stirn. »Wo bin ich nur mitmeinen Gedanken?« Eilig verschwand sie im Haus und kehrte mit einem kleinen Korb zurück. »Bereit!«, verkündete sie mit gequältem Grinsen.

Eva deutete die Aufgewühltheit der Kusine falsch. »Sei unbesorgt, wir sollen schon fündig werden.«

»Dein Wort in Gottes Ohr.«

Sie überquertenden Hahndorn, Merodes Dorfanger, der großräumig von mehreren Hofanlagen umsäumt war. Scharen von Hühnern und Gänsen bevölkerten den Platz, Hunde räkelten sich in der Sonne. Einige Dorfkinder waren hier versammelt, ihre Aufmerksamkeit galt drei fremden Männern, um die sich scharten.Zwei der Fremden trugen Mönchskutten, der dritte, ein wahrer Hüne, war trotz der Tageshitze in einen weiten Kapuzenmantel aus braunem Wollstoff gehüllt. Sie hatten sich im Schatten der Dorflinde niedergelassen. Bis auf den Hünen, der kerzengerade dasaß und deshalb umso gewaltiger aussah, wirkten sie erschöpft und müde. Wahrscheinlich hatten sie eine beachtliche Wegstrecke zurückgelegt.

Eva blieb stehen. »Wer die Männer wohl sind?«

»Nur ein paarWandermönche«, erwiderte Magda ungeduldig. Das fehlte ihr noch, dass die Kusine ein gelehrtes Pläuschchen mit den Kuttenträgern halten wollte.Für ihren Plan blieb ihr nur ein gewisses Zeitfenster.

»Komm jetzt!«

Eva folgte ihr,hielt ihren Blick aber noch eine Weile auf die Fremden gerichtet. Zu gern hätte sie erfahren, was sie den Kindern, die ihnen so gebannt zuhörten, erzählten. Auch ihre Brüder erblickte sie in der Schar der Zuhörer, später würde sie die beiden ja ausgiebig befragen können. »Das waren Dominikaner«, erklärte sie, als sie bald darauf den Pfad Richtung Wald einschlugen.

»Woher weißt du das?«, fragte Magda, obwohl es sie keinen Deut interessierte.

»Sie trugen schwarze Kutten.«

Eva genoss den würzigen Blütenduft, der in der Luft lag. Sie war froh, mit der Kusine etwas teilen zu können. Magda begann ein Lied zu pfeifen. Balthasar antwortete mit einem Krächzen.

»Ich wusste nicht, dass du so vortrefflich pfeifen kannst, Magda«, lachte Eva.

»Mein tumber Bruder pfeift ständig, da gewöhntman sich daran.«

Eva konnte nicht ahnen, dass das Pfeifen ein Signal war für Winand, der mit seiner langgelockten Begleitung hinter dem Eichbaumhockte. Ohnehin hatte er die beiden Mädchen längst erspäht. »Auf geht’s!«, sagte er zu der Hure.

Am Wegrand entdeckte Eva Frauenmantelkraut. Magdabeeilte sich, die Heilpflanzen zu pflücken und in den Korb zu legen. »Wunderbar«, frohlockte sie. »An der Eiche gibt’s noch mehr, sagtest du?«

»Mehr, als du tragen kannst.«

»Gut.Worauf warten wir?« Magda konnte ihre Aufregung kaum im Zaum halten.Wenn Eva die Posse durchschaute, dann war ihr Plan kläglichgescheitert. So blieb Magda nichts weiter übrig als zu hoffen, dass der Bruder und seine Hure es geschickt genug anstellten.

»Derzeit wächst auch Schafgarbe am Waldrand«, erklärte Evafröhlich.

»Sibylle empfiehlt es bei Appetitlosigkeit und Magenschmerzen.«

Magenschmerzen wirst auch dugleich kriegen!, dachte Magda und legte eine Hand auf Evas Schulter. »Ich bin wirklich froh, dass du mich begleitest.«

Warum war noch nichts zu hören? Magda spitzte die Ohren.

»Falk!«, schrie plötzlich eine Frauenstimme.

»Wer war das?« Scheinheilig sah Magda sich um.

»Oh, mein Falk!«, ertönte es.

»Es kommt von dort«, sagteMagda, auf die Eiche deutend, die allenfalls zwanzig Schritte entfernt war.

Die Frauenstimmewar Eva unbekannt. Wer mochte hier und jetzt nach ihrem Liebsten rufen?Sie war überzeugt, dass er sich zu dieser Zeit aufden Feldern befinden musste. Magda ging forsch voran. Eva folgte der Kusine mit zögerlichen Schritten, denn ein seltsames Gefühl überkam sie.

Wieder rief die Stimme nach Falk. Fast glich sie einem lustvollen Stöhnen. Evas Verwirrung nahm zu. Weiter vorn warMagda inzwischen stehen geblieben. Offenbar bot sich ihr ein Anblick, dersie überraschte, ja bestürzte, denn der Kräuterkorb glitt ihr jäh aus den Händen. Als Eva aufschloss, erkannte sie den Grund für Magdas Erstarrung. Unweit der Eiche lag ein nacktes Paar im Gras und liebtesich. Die Frau lange brünette Haare wallten über ihren Rücken saß wie ein Reiter auf dem unter ihr liegenden Mann, dessen Gesicht den beiden Beobachterinnen freilich verborgen blieb. Das dralleHinterteil der Frau hob und senkte sich rhythmisch über seinen Lenden; dabei ließ sie immer wieder einlustvolles Stöhnen vernehmen. »Bist der geilste Hengst, den ich jemals geritten hab!«, jauchzte sie zwischen heftigenAtemstößen.

Zunächst weigerte sich Eva zu glauben, was ihr Verstand ohnehin anzweifelte. Als sie aber sah, wie die Händedes Mannes in wilder Leidenschaft den Rücken der Frau erkundeten, spürte sie einen heißen Stich mitten ins Herz: der Mann war tatsächlich Falk, sie erkannte ihn an dem Verbandstuch, mit dem seine verletzte Hand immer noch umwickelt war.

Vor Verzweiflung hätte Eva laut schreien mögen, doch die Stimme versagte ihr. IhrWunsch, von diesem einst so himmlischen, jetzt aber unsagbar trostlosen Ort zu verschwinden, wurde übermächtig. Doch ihre Beine waren weich wie Wachs und drohten zu versagen. Balthasar schlug heftig mit den Flügeln, als spürte er, dass seine Herrin jeden Augenblick ohnmächtig werden könnte. Eva sah die Welt umsich herum in einem unwirklichen, düsteren Nebel versinken; wie inTrance nahm sie wahr, dass Magda wie zum Trost eine Hand auf ihren Arm legte.

Falk betrogsie. Etwas in ihr weigerte sich nach wie vor, dieszu glauben, doch der Anblick der beiden unbekleideten Menschen dort imGras sprach eine andere Sprache. »Falk, oh Falk! Wirst du auchimmer an mich denken, wenn du deine Eva besteigst?« Die Brünette schrie sich in Extase.

Eva wurde speiübel, aber wenigstens ihre Beine gehorchten ihr wieder. Kehrtmachend lief sie davon, taumelnd zwar, aber entschlossen, diesem Albtraum zu entrinnen. Balthasar zog es vor, den Platz an ihrer bebenden Schulter zu verlassen und flog neben ihr her.

»Warte!«, rief ihre Kusinehalbherzig.

Eva hörte sie nicht, lief weiter, ohne sich noch einmal umzusehen. Magda starrte ihr nach. Einen Augenblick lang hatte sie Mitleid mit ihr.Dann aber überwog das Triumphgefühl. Ihr Plan war aufgegangen, auf die vermeintliche Kränkung hatte Eva die erwartete Reaktion gezeigt. »Falk!«,schrie die Hure von neuem und riss Magda aus ihrem Hochgefühl. Sie schritt auf sie zu und packte sie an der Schulter.

»Du kannst jetzt aufhören, ständig diesen Namenzu brüllen!«, schnarrte sie.

Die Hure schreckte unter der Berührung kurz zusammen und sah mit funkelnden Augen zu ihr hoch. Schweiß und Schminkfarben vermischten sich in ihrem Gesicht. »He, was soll das?«

»Das ist meine Schwester«, erklärte ihr Winand, verschränkte grinsend die Hände unter seinem Kopf. »Sie hält sich nur an deine Anweisungen, Magda. Würdest du uns jetzt freundlicherweise allein lassen? Lora und ich sind nämlich noch nicht ganz fertig.«

DieHure kicherte und ließ wieder ihr Becken kreisen. Magda stapfte davon. Blieb nur noch zu hoffen, dass Eva den Unschuldsbeteuerungendes Geliebten keinen Glauben schenkte. Sofern sie sich in ihrer Prüderie überhaupt traute, ihn darauf anzusprechen. Magda erschien es unwahrscheinlich, dass sie jemals wieder das glückselige Paar sein würden, das unter der Liebeseiche von einer gemeinsamen Zukunft träumte.

Der erste Schritt war getan.

3.

Am Abend wunderten sich Agnes und Nikolaus über Evasbeharrliche Schweigsamkeit. Überdies wirkte die Tochter blass und elend. Nach dem Abendessen begab sie sich unverzüglich in ihre kleine Dachkammer, warf sich auf ihre Bettstatt und grübelte.

Falk hatte sie betrogen. Hatte sich wie ein brünstiger Kriegsknecht mit einer Hure vergnügt. Ob sie ihm das jemals würde verzeihen können? Gewiss, er hatte sich der Hure nur bedient, um seine männlichen Bedürfnisse zu befriedigen, und er beabsichtigte wohl kaum, sie an Evas Stelle zu heiraten. Eva wusste, dass viele Männer, selbst verheiratete, manchmal Huren aufsuchten.Von Falk hatte sie das nicht erwartet. Sie hatte geglaubt, ihre Liebe sei zart und rein. Falk war ihr Held gewesen, ihr Leben. Nie hatte er sie gedrängt, ihm beizuliegen, war doch auch er beseelt gewesen von dem Gedanken, damit zu warten, um ihre Liebe noch vollkommener zu machen. Jetzt glaubte sie zu wissen, weshalb es ihm so leicht gefallen war, sich in Enthaltsamkeit zu üben.

Falk hatte den unverzeihlichen Verrat begangen, sich mit der Hure an genau jenem Ort zu vergnügen, der zum Heiligtum ihrer Zweisamkeit geworden war. Dort, wo sie sich süßen Zukunftsträumen hingegeben hatten, wo für sie der Himmel war, eben dort war er ihr untreu gewesen und hatte anscheinend nicht die geringsten Gewissensnöte dabei empfunden. Innerhalb weniger Stunden war Evas Welt eine andere geworden. AmMorgen noch, nachdem Magda ihr ihre Freundschaft angetragen hatte, war ihrGlück vollkommen gewesen. Eine Illusion war zerstört, aber wenigstens wusste sie in ihrem Leid eine Freundin an ihrer Seite. Magda, gleichfalls Zeugin von Falks Verrat, war später noch zu ihr gekommen und hatte ihr die Hand gedrückt. »Es tut mir so Leidfür dich, Eva«, hatte sie unter Tränen gesagt und in ihrer mitfühlenden Wut Falk als ehrloses Schwein beschimpft.Und sie hatte Eva geraten, auf einen anderen Mann zu warten, dersich ihr als würdiger erwies. Zwar konnte Eva Magdas grenzenlose Abneigung gegen Falk nicht teilen Liebe war schließlicheine Gottesgabe, die auch Stürmen trotzen musste -, doch dasMitgefühl der Kusine tat ihr wohl. Am Ende bat Eva sie, niemandem etwas von dem Erlebten zu berichten. Magda verspraches ihr und riet ihr noch einmal mit Nachdruck, Falk rasch zu vergessen, er würde ihr nämlich immer wieder untreu sein.

Eva starrte in die Dunkelheit. Leer und ratlos fühltesie sich. Ob sie ihre Seelennot Bruder Raphael anvertrauen sollte? Siekannte den Benediktinermönch schon seit langem. Bruder Raphael hatte ihr alles beigebracht, was sie über die Welt des Glaubens wusste und ihr geistige Welten eröffnet, die zu durchwandern sie so erfüllte. Aber würde Raphael ihr wirklich helfen können in ihrer weltlichen Not?

Ein Klopfen riss sieaus ihren Gedanken. Sie horchte. Bekamen die Eltern noch Gäste? Siehörte, wie ihr Vater zur Haustür ging und öffnete. Stimmen. Dann begriff sie: Falk warmit seinen Eltern erschienen. Er wollte um ihre Hand anhalten.

Ihr Herzschlag setzte einmal aus. Magdas Worte halltenin ihren Ohren nach:Vergiss den Kerl! Er hat dich nicht verdient!

Falk vergessen? So einfach war das nicht. Dennoch hätte der Zeitpunkt für die Brautwerbung nicht ungünstiger ausfallen können. Noch vor wenigen Stunden hatte er eine andere Frau geliebt, nicht ahnend, dass seine Braut ihm fassungslos dabei zusah. Hätte sie ihn zur Rede stellen sollen? Doch nein, ihr Schmerz war viel zu groß gewesen.

Von derStube drang Lachen zu ihr nach oben. Die Stimmung schiengelöst zu sein. Bestimmt war Falk verwundert, dass sie sich schon zur Nachtruhe zurückgezogen hatte. Ob er enttäuscht darüber war? Eva erwartete, dass Mutter jeden Augenblick zu ihr in die kleine Kammer kam, um sie zu holen. Doch niemand erschien, und sie war froh darüber. Gleichwohl verspürte sie das Bedürfnis, den Gesprächen der Versammelten zu lauschen. Sie stand auf, schlich sich auf Zehenspitzenzur Holztreppe. Hier war jedes Wort, das unten gesprochen wurde, deutlich zu verstehen. Wenn sie sich nach vorn beugte und den Kopf ein wenig reckte, konnte sie Falk sehen. Einmal, als ahne erihre Nähe, sah er zu ihr hoch, aber rasch entzogsie sich seinem Blick.

Man sprach über den möglichen Zeitpunkt der Vermählung und die Modalitäten, die abzuwickeln waren, um das Einverständnis der Herren von Merode zu erlangen. Immer wieder wurde gescherzt und gelacht. Nikolaus und Harro, die Väter, verstanden sich offenbar prächtig, die Mütter Agnes und Franziska nicht weniger. Alles lief auf einen Hochzeitstermin im Spätsommer hinaus, wenn das Getreide geerntet und die Speicher gefüllt waren. Zwei Monateblieben bis dahin. Eva schickte ein Stoßgebet zum Himmel. Was sollte sie bloß tun? Noch gestern hätte ihre Freude über den Hochzeitstermin jubelnd hinausgeschrien.

»Was machst du denn da?«, ertönte plötzlich eine kindliche Stimmehinter ihr. Ihr Bruder Martin war aufgewacht und aus seinem Bett gekrochen. Mit einer flehenden Geste bat Eva ihn, still zusein. Rasch brachte den Bruder wieder ins Bett zurück. Wenigstens Hunold, der daneben lag, schlief den Schlaf des Gerechten.

»Du weißt doch, dass wirFrauen immer neugierig sind, Martin«, flüsterte Eva, während sie die Wolldecke über ihn ausbreitete.

»Bist du dennschon eine richtige Frau?«, wollte der Neunjährige wissen.

»Tja, ich glaube schon.«

»Wirstdu bald heiraten?«

Sie strich ihm über den Kopf und versuchte zu lächeln. »Wer weiß?«

»Den Falk stört das Mal nicht, oder?«

»Nein. Es stört ihn nicht.« Vor Wehmut hätte sie am liebsten geheult. Um den Bruder undauch sich selbst auf andere Gedanken zu bringen, fragte sie:»Wer waren denn eigentlich die fremden Mönche, denen ihr heuteso gebannt gelauscht habt?«

»Sie erzählten uns Geschichten. Von David, der den Riesen Goliath erschlug. Und von König Salomon, der immerweise Richtersprüche fällte.«

»Das war gewiss sehr spannend.«

»Oh ja. Hast du den Koloss gesehen,der bei den Mönchen saß? Das war Michel, ihr Beschützer. So stelle ich mir den Goliath vor. Der kann sogar Eisen biegen.«

»Ihr Beschützer, sagst du?«

»Naja, eigentlich ist er nicht ihr Beschützer, sondernder von Meister

... ach, den Namen hab ich vergessen. Jedenfalls befinden sie sich auf dem Weg zu diesem Meister.«

»Was ist das denn für ein Meister?«

»Weiß nicht. Irgendeiner, der erklären kann, wer Gott ist. Sagt zumindest Thomas.«

»Thomas?«

»Einer der Mönche.«

Zwei Mönche samt Leibwache auf dem Weg zu einem geheimnisvollenMeister. Zu gern hätte Eva mehr darüber erfahren.

»Wirst du bald heiraten, Eva?«, fragte Martin abermals. Dass sie ihm eine Antwort schuldig geblieben war, hatte er keinesfalls vergessen.

»Vielleicht. Aber du wirst jetzt schlafen, hörst du?«

Sie kehrtein ihr Kämmerchen zurück, ohne noch einmal an der Treppezu lauschen.

Kurz darauf verließen die Besucher den Winandshof. Die Nacht war schwül, es würde wohlein heftiges Gewitter geben. Der Vater klopfte dem Sohn auf dieSchulter.

»Zufrieden, mein Junge?«

Der Besuch bei seinen künftigen Schwiegereltern hatte Falk verwirrt. Vorhin nämlich hatte er, wenn auch nur für einen Augenblick, Eva an der Treppe gesehen, wo sie zweifellosgelauscht haben musste. Doch rasch hatte sie sich seinem Blick entzogen. Weder Freude noch Entzücken hatte er in ihrem Gesicht lesen können. Vielleicht war es ja nur die Aufregung gewesen war, die Eva soernst, ja geradezu angstvoll hatte dreinblicken lassen.

Der Vater stieß ihnan. »Was ist, hat’s dir die Sprache verschlagen? Ob du zufrieden bist, hab ichgefragt.«

»Ja, Vater.«

»Na also.«

Mutter Franziska dagegen bedachte den Sohn mit einem zweifelnden Blick.

In der Nacht fegte ein heftiger Gewittersturm über die Herrschaft Merode hinweg. Doch nicht dasUnwetter war der Grund, weshalb weder Eva noch Falk Schlaf fanden. Während immer wieder Blitze ihre Kammern grell erleuchteten und Donnerschläge ertönten, hingen sie ihren Gedanken nach. Kaum eine halbe Wegmeile trennte sie, und Eva wünschte sich zum ersten Mal in ihrem Leben, weit weg von der Heimat zusein.