• Herausgeber: Dryas Verlag
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2013
Beschreibung

Aachen 1350: Enthauptete Männerleichen versetzen die Bewohner der Kaiserstadt in Angst und Schrecken. Im Rat der Stadt wird ein ungeheuerlicher Verdacht laut: Steckt der Erzfeind der Stadt, Markgraf von Jülich, hinter diesen Gräueltaten? Einiges deutet darauf hin, und Dorfherr Mathäus von Merode und sein Freund Heinrich ermitteln fieberhaft ... "Löwentod" ist der dritte Band der Merode-Trilogie, Band 1 "Teufelswerk" und Band 2 "Mönchsgesang" sind im Dryas Verlag erhältlich.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 248

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Löwentod

von Günter Krieger

erschienen im Dryas Verlag

„Enses Granenses senserunt Juliacenses!“

Schlachtruf der Aachener, welche die Jülicher ihr Schwert spüren lassen möchten, anno 1278

Im April des Jahres 1294 beschließen die Herren von Merode eine folgenschwere Erbteilung. Zwei Linien der Familie, die der „Scheiffarts“ und die der „Werners“, residieren fortan gemeinsam auf der Burg, teilen sich Besitz und Herrschaft ihrer Ländereien für über sechs Jahrzehnte. Was nicht immer dem Frieden und der Eintracht zwischen den blaublütigen Vettern förderlich ist. Und auch den verunsicherten Bauern und Bürgern der „Herrschaft“ macht dieser Zustand mitunter schwer zu schaffen ...

Prolog

Aachen, am Abend des 16. März 1278 Fackeln blakten auf den Wehrgängen der Stadtmauer. Die Schützen richteten ihre Armbrüste auf die Reiter, die aus dem Dunkel der Gassen auftauchten und sich dem Ponttor näherten. Ein kalter Regen nieselte vom dunklen, sternenlosen Himmel. Winrich von Stolberg hob eine Hand, und die etwa zwanzig Reiter hinter ihm verharrten. Pferde schnaubten nervös. „Öffnet das Tor!“, rief Winrich den Männern auf den Wehrgängen zu. Niemand rührte sich. Winrich spannte seinen Oberkörper. Seine Augen glitzerten zornig. „Öffnet das Tor!“, rief er ein weiteres Mal. „Sonst werdet Ihr es bitter bereuen, Aachener!“ Vor dem Ponttor baute sich eine dunkle Gestalt auf. Winrichs Hand krampfte sich um seinen Schwertknauf. „Wer seid Ihr?“ „Der Kommandant der städtischen Garde“, kam es scharf zurück. „Lasst die Waffen fallen und ergebt Euch!“ Ein paar Wimpernschläge lang war es totenstill. Winrich kaute auf einem Mundwinkel. Dann lachte er rau. Seine Reiter stimmten in das Gelächter ein. „Offenbar seid Ihr Euch Eurer Lage nicht bewusst, Kommandant. Es befinden sich zweihundert schwerbewaffnete Reiter in der Stadt. Und vor den Toren lagern weitere dreihundert Soldaten.“ „Zu wenige, um diese Stadt zu erobern.“ „Niemand will die Stadt erobern. Der Grund für unsere Anwesenheit wurde den Bürgern und dem Magistrat der Stadt hinreichend erläutert. Der Graf wirbt um Truppen für den bevorstehenden Feldzug gegen Ottokar von Böhmen, und ...“ „Und braucht vor allen Dingen Geld. Geld, das er der Stadt abzupressen gedenkt.“ „Ihr redet wirres Zeug. Gebt endlich das Tor frei!“ „Damit die Mörder sich in die Nacht hinausschleichen können?“ „Mäßigt Euch, Kommandant.“ „Mäßigen? Wir werden sehen, wer sich mäßigen muss, Jülicher. Eure Leute haben in den Gassen unserer Stadt ein schreckliches Blutbad angerichtet. Man wird die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen.“ Winrich von Stolberg lachte abermals, doch es klang alles andere als erheitert. „Es waren Bürger dieser Stadt, die unsere Männer aus dem Hinterhalt angriffen. Ihr redet von Rechenschaft? Wisst Ihr eigentlich, dass der Sohn des Grafen unter den Toten ist? Ja, Ihr habt recht: Ein fürchterliches Strafgericht steht noch aus. Und jetzt lasst das Tor öffnen!“ „Da es offenbar auch in Eurem Interesse liegt, die Dinge zu klären, sollte das Tor vorläufig verschlossen bleiben. Eure Fußtruppen da draußen könnten die Sache noch erschweren.“ Winrichs Kiefer schienen zu mahlen. Unentschlossen fingerte er am Lederriemen seines Helmes. Von hinten näherte sich ein weiteres Pferd im Galopp. Man machte dem jungen Reiter eine Gasse frei. Das Wappen auf seinem Schild wies ihn als Mann vornehmer Herkunft aus. Neben dem Stolberger brachte er sein Pferd zum Stehen. „Das Tor ist verschlossen?“, fragte er atemlos. „Unübersehbar“, brummte Winrich. „Dann sind wir gefangen“, flüsterte der andere, „wie Ratten in einem Käfig. Denn auch die anderen Tore der Stadt sind besetzt.“ Er schluckte mühsam. „Überall wird inzwischen gekämpft, Herr. Gnade uns Gott.“ „Was ist mit dem Grafen?“ „Kämpft mit den Merodern vor dem Weißfrauenkloster gegen eine Horde Verrückter, die zum Kreuzzug gegen den Exkommunizierten ausgerufen haben. Und es werden immer mehr. Die ganze Stadt scheint inzwischen unter Waffen zu stehen. Man schickte mich los, einen Fluchtweg zu suchen. Das Ponttor war meine letzte Hoffnung.“ Winrich fluchte leise. Wieder blitzten seine Augen wütend. Er ließ seinen Gaul ein paar Schritte nach vorne traben, so dass er unmittelbar vor dem Kommandanten zum Stehen kam. „Zum letzten Mal, Kommandant: Lasst das Tor öffnen, wenn Euch Euer Leben lieb ist.“ Die Mundwinkel des anderen zuckten. „Ein Wink von mir, Jülicher, und Ihr alle sterbt unter einem Bolzenhagel.“ „Ein Wink von mir, Aachener“, mit einer nahezu ansatzlosen Bewegung riss Winrich sein Schwert aus der Scheide, „und der Teufel holt Euch!“ Zwei Bolzen zischten heran und bohrten sich in den Hals des Stolbergers. Ein kurzes, ungläubiges Röcheln. Mit gebrochenen Augen sank er aus dem Sattel. Entsetzt starrten die Reiter auf ihren am Boden liegenden toten Führer. Endlose Augenblicke verstrichen. Die Armbrustschützen auf den Wehrgängen warteten angespannt auf Befehle des Kommandanten. Der wandte sich an die ihres Anführers beraubten Reiter. „Steigt herab und gebt uns Eure Waffen“, befahl er mit einer nahezu milden Stimme. Unschlüssig sahen die Männer sich an. „Seid vernünftig“, fügte der Kommandant hinzu. „Keiner von Euch wird die Stadt lebend verlassen, wenn Ihr Widerstand leistet.“ „Hört nicht auf ihn!“, schrie der junge Botenreiter. „Sterben werden wir vor allem, wenn wir uns ihnen ergeben. Unsere Vernichtung wurde längst beschlossen.“ Er schwang sich vom Pferd und zog sein Schwert. Abermals schwirrten Bolzen. Blitzschnell hob der Wagemutige seinen Schild. Die Geschosse trafen den Jülicher Löwen, der darauf prangte. „Erstürmt die Wehrgänge! Es geht um unser aller Leben, Männer!“

1. Kapitel

August 1350

Ein halber Mond erleuchtete das Firmament über der Stadt. Am frühen Abend hatte es einen Gewitterregen gegeben, doch längst war es wieder schwül und drückend. Die Wasserpfützen, die noch vor Stunden die Gassen übersät hatten, waren verdunstet. Im verkrusteten Unrat wühlten Ratten. Der Zecher, der aus der Wirtsstube ins Freie trat, spürte nichts von der Hitze der Nacht. Er war ein kräftig gebauter Mann im mittleren Alter mit Oberarmen wie Baumstämme. Es war offensichtlich, dass er zu viel getrunken hatte; mühsam nur hielt er sein Gleichgewicht. Leise fluchend tastete er sich an den Fassaden entlang und blieb dann stehen, um sich zu orientieren. Vor ihm lag das Kloster der Weißen Frauen. Ginge er nach links, Richtung Marktplatz, würde er zum Haus der Schmiede gelangen, deren Zunft er angehörte. Doch da hatte er zu dieser nächtlichen Stunde nichts verloren. Sein Heimweg führte ihn am Kloster vorbei zum Radermarkt. Allerdings verspürte er wenig Lust, sich zu Hause einzufinden. Sein Weib würde ihn wieder gebührend empfangen, womöglich mit einem Knüttel, so wie in der vergangenen Woche. Sie würde Zeter und Mordio schreien, ihm Schimpftiraden entgegenschmettern, so dass sein ohnehin dröhnender Kopf bersten würde. Manchmal wünschte sich der Schmied, der Schwarze Tod hätte sein Weib geholt. Doch die Seuche war vor einigen Monaten abgeklungen, war so schnell verschwunden, wie sie gekommen war. Sie hatte eine breite Schneise durch Aachen geschlagen, fast die Hälfte der Stadtbewohner war ihr erlegen. Und er, der Schmied Gumpert, gehörte zu den Auserwählten, die durch Gottes Gnade den Totentanz überlebt hatten. Tja, und sein Weib ebenfalls. Schnell war der Alltag in die Herzen der Menschen zurückgekehrt. Der Tod war etwas Alltägliches, dazu bedurfte es keiner Seuchen. Wer konnte es sich leisten, lange um seine verstorbenen Angehörigen zu trauern? Das Leben war hart, in den Städten kaum weniger als auf dem Land. Schon morgen konnte man durch eine Krankheit oder ein Gebrechen um seinen Broterwerb gebracht werden, konnte eine Feuersbrunst oder ein Krieg Hab und Gut eines jeden zerstören. Deshalb, so fand Gumpert, war es angebracht, sich so oft wie möglich den Freuden des Lebens hinzugeben. Für ihn war ein guter Wein die Krönung dieser Freuden, und war der Wein einmal weniger gut, machte das auch nichts. Wenigstens der Alltag ließ sich im Gasthaus „Zum wehrhaften Schmied“ für ein paar Stunden vergessen. Und auch das wutverzerrte Gesicht seines daheim harrenden Weibes. Doch nun war es vorbei, er musste nach Hause. Gänzlich wegsaufen ließ sich der graue Alltag schließlich nicht. Ein arbeitsreicher Tag stand ihm morgen bevor. Hoffentlich würde er nicht mit allzu starken Kopfschmerzen erwachen. Falls sein wütendes Weib ihn überhaupt noch schlafen ließ. Gumpert blieb stehen und holte tief Luft, in der Hoffnung, sich auf diese Weise ein wenig auszunüchtern. Doch die Welt um ihn herum drehte sich unverzagt und schien in einen nebligen Dunst versunken zu sein. Schwankende Fachwerkhäuser drohten in sich zusammenzustürzen und ihn unter ihren Trümmern zu begraben. Mühsam versuchte er den Weg auszumachen. Weiter vorn erkannte er einen Schatten. Also war er nicht der einzige Zecher, der sich auf dem Heimweg befand. Um seiner Müdigkeit nicht stattzugeben, begann er ein Liedchen zu summen:

„Der Graf in seiner finst’ren Burg hat sich Übles ausgedacht. Die Rechnung aber hat er ohne die Aachener gemacht.“

Es war eines der meistgesungenen Lieder im „Wehrhaften Schmied“ und handelte vom Überfall des Jülicher Grafen auf die Stadt. Mehr als siebzig Jahre lag das zurück, ein ganzes Menschenalter. Die Aachener aber waren damals nicht untätig gewesen:

„Gewappnet sind die Bürger, angeführt vom Schmied. Erschlagen wird der Graf schon bald, den man wohl falsch beriet –

Hicks!“ Das Lied hatte fünf Strophen, doch Gumpert beschränkte sich auf die erste und die letzte. Eigentlich war er des Liedes überdrüssig, so oft, wie er es heute Abend schon gehört hatte. Dennoch war es hervorragend geeignet, um sich wach zu halten. Ach verdammt, am liebsten hätte er auf dem Absatz kehrtgemacht und wäre in die Schenke zurückgegangen. Hätte sich dort einen weiteren Humpen an den Hals gesetzt, um sich anschließend friedlich auf der hölzernen Bank dem Schlaf des Gerechten hinzugeben. Stattdessen ... Der Gedanke an seine Xanthippe verschlimmerte seine Übelkeit. Er hatte den Radermarkt erreicht. Zwei fauchende Katzen stoben vor ihm davon. Das Licht der hellen Nacht warf monströse Schatten auf die Gemäuer des Domes. Der Schmied blieb erneut stehen, um zu verschnaufen. Er ließ seinen verwässerten Blick schweifen. Vor etwa einer Woche war zu nächtlicher Stunde an dieser Stelle ein Ratsherr ermordet worden. Dieser hatte sich ebenfalls auf dem Nachhauseweg befunden, denn auch Ratsherren plagte mitunter der Durst. Doch der Schlaftrunk, den er im Gasthaus „Zum Schwan“ zu sich genommen hatte, war sein letzter gewesen. Ein Verrückter hatte ihm hier aufgelauert und ihn im wahrsten Sinne um einen Kopf kürzer gemacht. Ja, mit einem einzigen Schwerthieb hatte er dem Ratsherrn das Haupt sauber vom Rumpf getrennt. Der Nachtwächter hatte die Leiche später in einer gewaltigen Blutlache gefunden. Der Kopf indessen war vor dem Westportal des Domes gefunden worden. Der Mörder hatte viel Sorgfalt darauf verwandt, ihn so zu platzieren, dass seine todesstarren Augen dem entsetzten Finder ins Gesicht blicken mussten. Bis heute wusste niemand, wer diesen grausigen Mord begangen haben mochte. Rätselhaft blieb auch, weshalb der Täter sich die Mühe gemacht hatte, den Kopf der Leiche vom Ort der Bluttat zu entfernen. Trotz der schwülen Nachtluft begann Gumpert zu frösteln. Noch immer kreisten die Häuser um ihn. Wieder sah er in der Ferne diesen Schatten. „Hicks!“ Er kniff seine Augen zusammen. Der Schatten näherte sich. „He, du ...“, lallte er. „Würdest du ... – hicks! – würdest du so nett sein, mich nach Hause zu bringen? Ich ... – hicks! – kann kaum noch gehen ...“ Vor ihm baute sich eine große Gestalt auf. Ihr Gesicht lag im Schatten einer dunklen Kapuze verborgen. Sie hob drohend einen Finger. „Still! Oder willst du die ganze Stadt aufwecken?“ „Ach, guter Mann, du ahnst ja nicht, was mir bevorsteht. Meine Alte – hicks! –, die bringt mich um ...“ „Es ist nicht gut, wenn man zu sehr an seinem erbärmlichen Leben hängt.“ „Hicks!“! – Wie?“ Der andere spreizte seinen Umhang. Im Licht der Nacht blitzte ein Zweihänder. Es dauerte einen Augenblick, bis Gumpert die gewaltige Waffe erkannte. „Was ... willst du denn damit?“, fragte er belustigt. Das Grinsen, das seine Mundwinkel umspielte, gefror, als er sah, wie der Mann den Knauf des Schwertes mit beiden Händen umfasste. „He! Was – „hicks!“! – soll denn das werden?” Der andere hob die Waffe mit quälender Langsamkeit. Gumpert hörte wie aus weiter Ferne die Worte, die über die Lippen des Fremden kamen:

„Der Löwe ward geschlagen. Frevlers tumber Mord. Nie wieder wird man’s wagen, verflucht sei dieser Ort.“

Dann sauste die Klinge heran. Ein Zischen. Eine rote Fontäne, die in die Höhe spritzte. Mit einem dumpfen Geräusch landete Gumperts Kopf auf dem Boden.

2. Kapitel

Die Schönheit des sommerlichen Waldes entging Mathäus Dreyling. Gedankenverloren kauerte der Dorfherr von Merode auf seinem Gaul Julius und brütete schweigend vor sich hin. Er hatte nicht die geringste Ahnung, warum der Markgraf ihn hatte rufen lassen. In Anbetracht der Dringlichkeit, von der der gräfliche Bote gesprochen hatte, konnte es sich kaum um einen einfachen Rapport handeln. Wilhelm von Jülich war nicht der Mann, der aus Belanglosigkeiten eine Eilsache machte. Überdies vertraute er seinem Meroder Dorfherrn. Zumindest hatte er dies immer wieder betont. Er hielt Mathäus für den rechten Mann, die Meinungsverschiedenheiten der beiden rivalisierenden Burgherren – und die damit verbundenen Komplikationen innerhalb der „Herrschaft“ – im Interesse Jülichs zu regeln. Rechenschaft über seine Verordnungen und Maßnahmen hatte Mathäus nie ablegen müssen. Und dann gestern dieser Botenreiter: „Der Graf will Euch sprechen! Dringend!“ Nun, in etwa einer Stunde würde er mehr wissen. Dann würde er die Nideggener Burg des Markgrafen erreicht haben. „Herr?“ „Hmmh?“ Erst jetzt wurde Mathäus wieder bewusst, dass er nicht allein ritt. Zu seinem Wegbegleiter hatte er Dietrich bestimmt, Diener auf Burg Merode, den schnellsten Reiter der „Herrschaft“. Der junge rotgelockte Mann war dem Dorfherrn inzwischen so ans Herz gewachsen, dass er nur noch selten auf seine Dienste verzichten wollte. Beinahe hätte man ihn seinen Leibdiener nennen können. „Darf ich Euch etwas fragen, Herr?“ „Habe ich dir jemals verboten, mich etwas zu fragen, Didi?“ „Nein, aber ...“ „Aber?“ „Es handelt sich um eine, äh ..., persönliche Frage, Herr.“ „Los, sprich!“ Dietrich fingerte verlegen an seinen Zügeln. „Ihr und Eure, äh ..., Geliebte ...“ „Jutta!“ „Also, Ihr und Jutta: Wie lange kennt Ihr Euch bereits?“ „Seit fast vier Jahren. Wir lernten uns beim Erntefest auf dem Hahndorn kennen.“ „Und habt Ihr ... Ich meine ...“ „Was?“ „Liebt Ihr sie?“ Das war eine ungeheuerliche Frage. Doch Mathäus mochte den Diener zu sehr, um ihn dafür zu maßregeln. Zu vertraut war ihm der Bursche inzwischen geworden. „Ich liebe sie mehr als mein Leben, Didi.“ „Dann gestattet mir eine weitere Frage.“ „Wenn’s dich glücklich macht.“ „Warum heiratet Ihr sie nicht?“ Mathäus seufzte leise. „Was erzählt man sich denn so im Dorf?“, verlangte er zu wissen. „Dass Eure Jutta einen Eid abgelegt hat. Dass sie in ein Kloster eintreten will.“ Als Mathäus keine Reaktion auf diese Behauptungen zeigte, fragte er mutig: „Stimmt das?“ „Es ist nur ein Teil der Wahrheit“, erwiderte der Dorfherr ernst. „Niemals hat sie einen Eid geschworen. Doch es ist wahr, seit frühester Kindheit fühlt sie sich zu einem Leben als Nonne berufen.“ „Und dann lernte sie kennen.“ Mathäus nickte knapp. „So ist es.“ „Und was jetzt?“ „Jetzt? Lebt sie in einem Zwiespalt der Gefühle.“ „Habt Ihr denn nie versucht, diese Nonne in ihr auszutreiben?“ Mathäus bedachte den Diener mit einem ungnädigen Blick. „Was redest du da für ein unfrommes Zeug?“ Dietrich ließ seine Mundwinkel hängen. „Verzeiht mir.“ „Niemals würde ich sie bedrängen. Eines Tages wird sie eine Entscheidung fällen. Gott wird ihr dabei helfen.“ „Sicher, Herr.“ Stumm ritten sie weiter. Vögel zwitscherten. Im Unterholz raschelte kleines Getier. Nach einer Weile war es der Dorfherr, der das Schweigen brach. „Dietrich?“ „Herr?“ „Du hast mich das nicht ohne Grund gefragt, nicht wahr?“ „Wie?“ „Du befindest dich auf der fieberhaften Suche nach Erkenntnissen, die dir helfen können, das seltsame Wesen des Weibes verstehen zu lernen.“ Dietrich blies die Wangen auf und rang nach Worten. „Hast du dich wieder mal verliebt?“ „Ich ... Ja, Herr.“ „Glückwunsch. Wer ist denn die Auserkorene? Eine vom Gesinde?“ „Ja, Herr. Ihr Name ist Regina. Sie ist einfach zauberhaft.“ „In der Vergangenheit hattest du nicht viel Glück mit den Frauen. Ich hoffe für dich, dass es diesmal anders wird.“ „Darauf könnt Ihr wetten, Herr. Regina und ich – wir würden füreinander durchs Feuer gehen.“ „Fein. Und wann wird geheiratet?“ „Wie?“ Dietrich sah den Dorfherrn an wie eine Erscheinung. „Wann ihr heiraten wollt, möchte ich wissen. Nichts anderes hast du mich doch eben auch gefragt.“ „Von mir aus noch heute. Aber was kann ich ihr denn schon bieten? Ich bin nur ein einfacher Bediensteter.“ „Nun ja, der Hochadel wird dir wohl verwehrt bleiben. Aber du bist ein wohlgestalteter Mann. Deine Regina wird schwerlich einen besseren finden.“ „Und wenn ihr eines Tages jemand begegnet, der ihr etwas bieten kann? Wenn ihr so ein reicher Pfeffersack den Hof macht? Was dann?“ Mathäus brachte seinen Gaul zum Stehen und sah Dietrich tadelnd an. „Mein guter Dietrich“, hub er an, „offenbar hast du ein Problem mit dir selbst.“ „Wie?“ „Du bist Dietrich, ein feiner Kerl. Du bist kein reicher Patrizier, kein Kaufmann und kein König. Aber du bist Dietrich. Eine Frau, die dich verschmäht, nur weil du ein Burgdiener bist, hat dich wahrlich nicht verdient.“ Er ließ Julius weitertraben. Dietrich verharrte ein paar Augenblicke auf seinem Pferd, bevor er aufschloss. „Danke, Herr.“ „Es gibt nichts, wofür du mir danken müsstest.“ „Ihr macht mir Mut.“ „Der Mut ist in dir, Junge.“ „Mag sein.“ Der Ton in Dietrichs Stimme ließ Mathäus aufhorchen. „Du heckst etwas aus, nicht wahr?“ „Kann man denn nichts vor Euch verbergen?“ „Heraus damit.“ Dietrich druckste herum. „Es geht um den Wettbewerb“, erklärte er schließlich. „Um welchen Wettbewerb?“ „Das Bogenschießen während des anstehenden Erntefestes. Herr Paulus hat demjenigen zwanzig Silbergulden versprochen, der ihn im Wettkampf besiegt.“ „Herrje! Paulus ist der beste Bogenschütze unter Gottes weitem Himmel. Er könnte dem Sieger ebenso gut Silbergulden versprechen.“ „Aber wenn ich fleißig übe ...“ „Du könntest dem Burgvogt vorschlagen, ein Wettreiten zu veranstalten. Dann wärest der sichere Sieger. Aber so dumm wird Paulus nicht sein, sich darauf einzulassen.“ „Herr! Zwanzig Silbergulden! Ich würde meine Regina mit goldenem Schmuck behängen ...“ „Dietrich! Offenbar hast du mir eben nicht zugehört ...“ „Pssst.“ Der Diener presste einen Finger auf seinen Mund und starrte in eine der Baumkronen. Sie zügelten ihre Pferde. „Was ist?“, flüsterte Mathäus und folgte blinzelnd Dietrichs Blick. „Da oben. Auf dem Ast. Ein Eichhörnchen.“ „Na und?“ Dietrich griff nach seinem Bogen, der am Sattelknauf baumelte. Bedachtsam zupfte er einen Pfeil aus seinem Köcher und spannte ihn auf die Sehne. Ohne zu atmen verfolgte Mathäus jede Bewegung seines Dieners. Dietrich visierte nun sein Ziel an. Er ließ sich Zeit. Das Eichhörnchen knabberte munter an einer Haselnuss. Dann schwirrte der Pfeil durch die Luft. Im Wipfel des Baumes knackten Zweige. Blätter flatterten durch die Luft. Dietrich blinzelte nach oben. „Wo ist es? Habe ich es getroffen?“ „Das ging ziemlich weit daneben“, seufzte der Dorfherr. Im nächsten Moment fiel ein braunes Etwas aus dem Geäst und landete vor den Hufen ihrer Pferde, die nervös zurücktänzelten. „Aber ... das ist ja ein Uhu“, stammelte Dietrich und wischte ein paar Federn beiseite, die vor seiner Nase schwebten. Mathäus seufzte abermals. „Und du willst den Burgvogt beim Bogenschießen besiegen, wie?“

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!