Die Gilde der Schwarzen Magier - Die Rebellin - Trudi Canavan - E-Book
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Beschreibung

Wer über magische Fähigkeiten verfügt, hat in Imardin die Macht. Rücksichtslos setzen sich die Mitglieder der Gilde der schwarzen Magier über die Armen und Gewöhnlichen hinweg. Keiner wagt es, sich zu wehren. Nur Sonea, das Bettlermädchen, begehrt auf ... und offenbart eine außergewöhnliche magische Begabung. Sonea wird als Novizin in die Gilde der Magier aufgenommen und gerät ins Zentrum einer schrecklichen Verschwörung …

Jedes Jahr zieht die Gilde der schwarzen Magier durch Imardin, um Bettler und Straßenkinder aus der Stadt zu jagen. Wütend wirft Sonea, das Bettlermädchen, einen Stein – und verletzt dadurch ein Mitglied der Gilde. Was die Gilde schon lange befürchtet hat, ist eingetreten: Es gibt jemanden mit magischen Kräften – außerhalb ihrer Reihen. Sie muss gefunden werden. Um jeden Preis. Sonea läuft um ihr Leben …


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EPUB
MOBI

Seitenzahl:767


Inhaltsverzeichnis

WidmungERSTER TEIL
1. Die Säuberung2. Die Debatte der Magier
Copyright

Dieses Buch widme ich Denis Canavan, meinem Vater.Von ihm kam der Funke, der das Zwillingsfeuerder Neugier und Kreativität entflammt hat.

ERSTER TEIL

1. Die Säuberung

In Imardin, so heißt es, habe der Wind eine Seele und pfeife heulend durch die schmalen Straßen der Stadt, weil das, was er dort finde, ihn mit Trauer erfülle. Am Tag der Säuberung heulte der Wind durch die schwankenden Masten der Schiffe im Hafen, peitschte durch das Westtor und schrie die Gassen hinunter. Dann verstummte er plötzlich, bis nur noch ein Wimmern zu hören war, als seien ihm die zerfetzten Seelen, die ihm entlang des Weges begegneten, eine unerträgliche Qual.

So zumindest empfand es Sonea. Als sie abermals von einem eisigen Windstoß erfasst wurde, schlang sie die Arme um sich und hüllte sich fester in ihren abgetragenen Mantel. Mit ärgerlich gerunzelter Stirn sah sie zu Boden. Schmutziger Schneematsch schwappte ihr bei jedem Schritt über die Füße. Die Lappen, die sie in ihre viel zu großen Stiefel gestopft hatte, hatten sich bereits mit Wasser voll gesogen, und ihre Zehen schmerzten vor Kälte.

Dann nahm sie aus dem Augenwinkel eine plötzliche Bewegung zu ihrer Rechten wahr und machte einen Schritt zur Seite, als ein Mann mit wirrem, grauem Haar aus einer kleinen Seitenstraße gestolpert kam und auf die Knie fiel. Sonea blieb stehen und hielt ihm die Hand hin, aber der Alte schien sie gar nicht zu bemerken. Mühsam rappelte er sich hoch und schloss sich den Menschen an, die die Straße entlangzogen.

Seufzend hielt Sonea Ausschau, so gut es eben ging, ohne ihr von einer großen Kapuze verborgenes Gesicht den Blicken anderer zu enthüllen. An der Einmündung der Gasse war ein Wachsoldat postiert. Mit einem hämischen Grinsen beobachtete er die kleine Gruppe am unteren Ende der Straße. Sonea sah ihn mit schmalen Augen an, aber als er sich in ihre Richtung drehte, wandte sie hastig den Blick ab.

Zur Hölle mit den Wachen, dachte sie. Mögen sie alle giftige Faren in ihren Stiefeln finden. Mit einem Anflug von schlechtem Gewissen dachte sie an einige der freundlicheren Wachen, aber sie war nicht in der Stimmung, Ausnahmen zu machen.

Inzwischen hatte sie die kleine Gruppe schlurfender, gebeugter Gestalten erreicht und folgte ihnen auf eine breitere Durchgangsstraße. Die Straße war zu beiden Seiten von zwei- bis dreigeschossigen Gebäuden gesäumt. In den Fenstern der oberen Stockwerke reihte sich ein Gesicht an das andere. In einem Fenster entdeckte Sonea einen gut gekleideten Mann, der einen kleinen Jungen auf dem Arm hielt, damit er die Menschen unten auf der Straße sehen konnte. Der Mann rümpfte angeekelt die Nase, und der Junge schnitt eine Grimasse, als hätte er in einen faulen Apfel gebissen.

Sonea blickte wütend zu den beiden hinauf. Die würden nicht mehr so aufgeblasen dreinschauen, wenn ich ihnen einen Stein durchs Fenster werfen würde. Sie sah sich halbherzig um, aber falls irgendwo Steine herumlagen, waren sie unter dem Schneematsch gut verborgen.

Einige Schritte vor ihr standen zwei Wachen an der Mündung einer kleinen Gasse. Angetan mit steifen Mänteln aus gekochtem Leder und eisernen Helmen, sahen sie so aus, als wögen sie gut und gern doppelt so viel wie die Bettler, die sie beobachteten. Sie hielten Holzschilde in den Händen, und an ihrer Hüfte hingen Kebin – Eisenstangen, die als Schlagstöcke benutzt wurden. Allerdings war direkt über dem Griff zusätzlich noch ein Haken angebracht, um einem Angreifer damit das Messer zu entwinden. Sonea senkte den Blick und ging an den beiden Männern vorbei.

»… sollen sie von den anderen abschneiden, bevor sie den Platz erreichen«, sagte einer der Wachmänner soeben. »Es sind ungefähr zwanzig. Der Anführer der Bande ist ein großer Kerl. Hat eine Narbe am Hals und …«

Soneas Herz setzte einen Schlag aus. War es möglich …?

Einige Meter hinter den Wachen schlüpfte Sonea in einen Hauseingang und drehte den Kopf, um noch einmal verstohlen zu den beiden Männern hinüberzusehen. Dann zuckte sie heftig zusammen. Zwei dunkle Augen blickten ihr aus dem Flur entgegen.

Eine Frau starrte sie mit vor Überraschung geweiteten Augen an. Sonea wich einen Schritt zurück. Auch die Fremde zog sich zurück, dann lächelte sie, als Sonea kurz auflachte.

Nur ein Spiegelbild! Sonea streckte die Hand aus, und ihre Finger trafen auf ein blank poliertes Metallschild, das an der Wand befestigt war. In die Oberfläche waren Worte eingeritzt, aber sie wusste zu wenig über Buchstaben, um erkennen zu können, was dort geschrieben stand.

Sie begutachtete ihr Spiegelbild. Ein mageres Gesicht mit hohlen Wangen. Kurzes, dunkles Haar. Niemand hatte sie jemals hübsch genannt. Sie konnte noch immer als Junge durchgehen, wenn sie wollte. Ihre Tante meinte, sie käme mehr nach ihrer lange verstorbenen Mutter als nach ihrem Vater, aber Sonea hatte den Verdacht, dass Jonna einfach keine Ähnlichkeit mit ihrem verschwundenen Ehebruder erkennen wollte.

Sonea trat näher an die Metallplatte heran. Ihre Mutter war sehr schön gewesen. Vielleicht, wenn ich mir die Haare wachsen ließe, überlegte sie, und wenn ich etwas weiblichere Kleidung trüge …

… oh, spar dir die Mühe. Mit einem selbstironischen Schnauben wandte sie sich ab, verärgert darüber, dass sie sich von solchen Fantasien hatte ablenken lassen.

»… vor ungefähr zwanzig Minuten«, erklang in der Nähe eine Stimme. Sie erstarrte, als ihr wieder einfiel, warum sie in den Hauseingang getreten war.

»Und wo soll die Falle zuschnappen?«

»Keine Ahnung, Mol.«

»Ah, da wäre ich gern dabei. Ich habe gesehen, was sie letztes Jahr mit Porlen gemacht haben, diese kleinen Bastarde. Es hat Wochen gedauert, bis der Ausschlag wieder weg war, und er konnte tagelang nicht richtig sehen. Ich frage mich, ob … He! Das ist die falsche Richtung, Junge!«

Sonea ignorierte den Soldaten, denn sie wusste, dass er und sein Gefährte auf keinen Fall ihren Posten verlassen würden. Sie durften nicht riskieren, dass die Menschen auf der Straße sich ihre Unaufmerksamkeit zunutze machten und sich durch die Nebengasse davonstahlen. Sonea begann zu rennen und bahnte sich einen Weg durch die Menge, die jetzt immer dichter wurde. Von Zeit zu Zeit blieb sie stehen, um nach vertrauten Gesichtern Ausschau zu halten.

Sie zweifelte keinen Augenblick daran, von welcher Bande die Wachen gesprochen hatten. Die Geschichten darüber, was Harrins Jungen während der letzten Säuberung getan hatten, waren während des ganzen harten letzten Winters wieder und wieder erzählt worden. Es hatte sie sehr erheitert, dass ihre alten Freunde immer noch ihren Schabernack trieben, obwohl sie ihrer Tante Recht geben musste, dass sie besser beraten war, sich von ihnen fern zu halten, denn sie brachten sich allzu oft in Schwierigkeiten. Jetzt sah es so aus, als planten die Wachen, sich an ihnen zu rächen.

Was nur beweist, dass Jonna Recht hat. Sonea lächelte grimmig. Sie würde mir eine schöne Tracht Prügel verpassen, wenn sie wüsste, was ich hier treibe, aber ich muss Harrin warnen. Wieder ließ sie den Blick über die Menge wandern. Ich will mich der Bande ja nicht wieder anschließen. Ich brauche nur irgendwo einen Späher zu finden – da!

In einem dunklen Hauseingang kauerte ein Junge, der seine Umgebung mit verdrossener Feindseligkeit musterte und ständig von einer Straßenkreuzung zur anderen sah. Als sein Blick den ihren traf, hob Sonea die Hand, um sich die Kapuze tiefer ins Gesicht zu ziehen, und machte eine Bewegung mit den Fingern, die die meisten Menschen für äußerst unhöflich gehalten hätten. Die Augen des Jungen wurden schmal, und er antwortete ihr mit dem gleichen Zeichen.

Jetzt wusste sie, dass er tatsächlich ein Späher war, und ging weiter. Wenige Schritte von der Tür entfernt blieb sie stehen und tat so, als müsse sie sich ihren Stiefel neu binden.

»Zu wem gehörst du?«, fragte er, ohne sie anzusehen.

»Zu niemandem.«

»Du hast ein altes Zeichen benutzt.«

»Ich war schon einige Zeit nicht mehr hier«, erwiderte sie. »Ich möchte jemanden treffen.«

Der Späher schnaubte abfällig. »Und warum sollte ich dir glauben?«

»Ich habe früher mal Harrin gekannt«, antwortete sie und richtete sich auf.

Der Junge dachte einen Moment lang nach, dann trat er aus dem Hauseingang und packte sie am Arm. »Dann wollen wir doch mal sehen, ob er sich an dich erinnert.«

Soneas Herz setzte einen Schlag aus, als der Junge sie mitten in das Gedränge zerrte. Der Boden war rutschig, und sie wusste, dass sie der Länge nach hinschlagen würde, wenn sie versuchte, sich gegen den Späher zu wehren. Sie murmelte einen Fluch.

»Du brauchst mich nicht zu ihm zu bringen«, erklärte sie. »Sag ihm einfach meinen Namen. Er wird wissen, dass ich ihm nichts Böses will.«

Der Junge beachtete sie gar nicht. Die Wachsoldaten, an denen sie vorbeikamen, warfen ihnen argwöhnische Blicke zu. Sonea versuchte den Arm freizubekommen, aber der Junge war stärker als sie. Er zog sie in eine Nebenstraße.

»Hör mir zu«, sagte sie. »Ich heiße Sonea. Er kennt mich. Und Cery kennt mich auch.«

»Dann wirst du ja nichts dagegen haben, ihn wiederzusehen«, zischte der Junge ihr über die Schulter hinweg zu.

In der Nebenstraße drängten sich die Menschen dicht an dicht, und sie schienen es alle sehr eilig zu haben. Sonea hielt sich an einem Laternenpfosten fest und zwang den Jungen so, stehen zu bleiben.

»Ich kann nicht mit dir gehen. Meine Tante wartet auf mich. Lass mich los …«

Die Menge hatte sich inzwischen auf das untere Ende der Straße zubewegt, und Sonea blickte stöhnend auf.

»Jonna wird mich umbringen.«

Eine lange Reihe von Wachmännern bildete, mit hochgehaltenen Schilden, eine Kette quer über die Straße. Einige Jugendliche liefen vor ihnen auf und ab und riefen Beleidigungen und Schmähungen. Dann warf einer von ihnen einen kleinen Gegenstand nach den Soldaten. Das Wurfgeschoss prallte von einem Schild ab und explodierte zu einer Wolke roten Staubs. Als die Wachen einige Schritte zurückwichen, brachen die Jungen und Mädchen in lauten Jubel aus.

Einige Schritte von ihnen entfernt entdeckte Sonea zwei vertraute Gestalten, beides Männer. Einer von ihnen hatte die Hände in die Hüften gestemmt und war größer und massiger, als Sonea es in Erinnerung gehabt hatte. In den vergangenen zwei Jahren hatte Harrin sein jungenhaftes Aussehen verloren, aber seine ganze Haltung sagte ihr, dass sich davon abgesehen wenig verändert hatte. Er war schon immer der unbestrittene Anführer der Bande gewesen und hatte sich, wenn nötig, schnell mit einem wohlplatzierten Fausthieb Respekt verschafft.

Der Junge neben ihm schien kaum mehr als halb so groß zu sein. Sonea konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Cery war, seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, kaum gewachsen, und sie wusste, wie sehr ihn diese Tatsache ärgern musste. Trotz seiner zierlichen Gestalt hatte Cery bei der Bande jedoch stets beträchtliches Ansehen genossen, weil sein Vater für die »Diebe« gearbeitet hatte.

Als der Späher sie näher zu sich heranzog, sah sie, dass Cery einen Finger mit der Zunge befeuchtete, ihn in die Höhe hielt und dann nickte. Harrin rief einen Befehl. Seine Gefolgsleute zogen kleine Bündel aus ihren Kleidern hervor und warfen sie nach den Wachen. Eine rote Wolke erhob sich über den Schilden, und Sonea grinste, während die Männer zu fluchen oder vor Schmerz zu schreien begannen.

Dann trat aus einer Gasse hinter den Soldaten eine einzelne Gestalt auf die Straße hinaus. Sonea blickte auf, und das Blut gefror ihr in den Adern.

»Ein Magier!«, keuchte sie.

Der Junge neben ihr sog scharf die Luft ein. Auch er hatte die in weite Roben gehüllte Gestalt gesehen. »He! Magier!«, rief er. Sowohl die Jugendlichen als auch die Wachen wandten sich dem Neuankömmling zu.

Ein heißer Windschwall schlug ihnen entgegen, und sie taumelten rückwärts. Ein unangenehmer Geruch drang an Soneas Nase, und ihre Augen begannen zu brennen, als ihr der rote Staub ins Gesicht wehte. Dann flaute der Wind abrupt ab, und Stille kehrte ein.

Sonea rieb sich die Tränen aus den Augen und blickte blinzelnd zu Boden, weil sie hoffte, ein wenig sauberen Schnee zu finden, um das Brennen zu lindern. Der Boden um sie herum war von einer glatten Schlammschicht bedeckt, die keine Fußabdrücke aufwies. Aber das konnte nicht sein. Als ihr Blick sich klärte, sah sie, dass sich feine Linien durch den Schlamm zogen – Linien, die allesamt von den Füßen des Magiers ausgingen.

»Lauft!«, brüllte Harrin. Im nächsten Moment sprangen die Jungen und Mädchen von den Wachen weg und rannten an Sonea vorbei. Der Späher stieß einen kurzen, schrillen Schrei aus und lief ihnen nach, wobei er Sonea hinter sich herzerrte.

Ihr Mund wurde trocken, als sie sah, dass sich am anderen Ende der Straße bereits eine weitere Reihe von Soldaten formiert hatte. Es war eine Falle! Und ich habe es fertig gebracht, mich zusammen mit Harrins Bande schnappen zu lassen!

Es blieb ihr nichts anderes übrig, als hinter dem Späher, der ihre Hand fest umklammert hielt, herzulaufen. Als sie sich den Wachen näherten, hoben die Männer in Erwartung eines Kampfes ihre Schilde. Wenige Schritte von den Soldaten entfernt bogen die Jugendlichen in eine Gasse ein. Vor dem ersten der Häuser in dieser Gasse lagen zwei uniformierte Männer am Boden.

»In Deckung!«, erklang eine laute, vertraute Stimme.

Eine Hand packte sie und riss sie so plötzlich zu Boden, dass sie sich die Knie auf den Pflastersteinen aufschlug. Hinter ihr herrschte wilder Aufruhr, und als sie sich umdrehte, sah sie rudernde Arme und erhobene Schilde, die die schmale Lücke zwischen den Gebäuden ausfüllten. Eine Wolke roten Staubs umwogte die Kämpfenden.

»Sonea?«

Die Stimme klang vertraut und voller Erstaunen. Sie blickte auf und lächelte. Cery hockte neben ihr.

»Sie hat mir erzählt, die Wachen würden einen Hinterhalt planen«, sagte der Späher.

Cery nickte. »Das wussten wir bereits.« Langsam breitete sich ein Lächeln auf seinen Zügen aus, dann blickte er über sie hinweg zu den Soldaten hinüber, und das Lächeln verschwand. »Kommt. Es wird Zeit zu gehen!«

Er griff nach ihrer Hand, zog sie auf die Füße und führte sie zwischen den Jugendlichen hindurch, die die Wachen abermals mit Wurfgeschossen bombardierten. Plötzlich zuckte ein Lichtblitz auf und tauchte die Gasse in blendendes Weiß.

»Was war das?«, stieß Sonea hervor. Sie blinzelte heftig, um das Bild von der schmalen Straße zu verscheuchen, das sich auf ihrer Netzhaut eingebrannt zu haben schien.

»Der Magier«, zischte Cery.

»Lauft!«, brüllte Harrin ganz in ihrer Nähe. Halb blind stolperte Sonea weiter. Sie stieß mit jemandem zusammen und fiel der Länge nach hin. Cery packte sie an den Armen, riss sie hoch und führte sie weiter.

Wenige Augenblicke später fand Sonea sich auf der Hauptstraße wieder. Die Mitglieder von Harrins Bande zogen sich die Kapuzen tief ins Gesicht und mischten sich unter die Menge. Sonea folgte ihrem Beispiel, und eine Weile gingen sie und Cery schweigend nebeneinander her. Dann erschien ein hochgewachsener Mann neben Cery und sah Sonea von der Seite an.

»He! Wen haben wir denn da!« Harrins Augen weiteten sich. »Sonea! Was machst du hier?«

Sie lächelte. »Ich lasse mich mal wieder von dir in Schwierigkeiten bringen, Harrin.«

»Sie hat gehört, dass die Wachen einen Hinterhalt planten, und wollte uns warnen«, erklärte Cery.

Harrin machte eine abschätzige Handbewegung. »Wir haben mit so etwas gerechnet und uns vorher einen Fluchtweg zurechtgelegt.«

Sonea dachte an die Wachen, die am Eingang der Gasse gelegen hatten, und nickte. »Ich hätte wissen müssen, dass ihr nicht ahnungslos in die Falle tappen würdet.«

»Also, wo hast du gesteckt? Wie lange ist das jetzt her? Es müssen Jahre sein …«

»Zwei Jahre. Wir haben im Nordviertel gelebt. Onkel Ranel hatte ein Zimmer in einem Bleibehaus bekommen.«

»Die Miete in den Bleibehäusern soll himmelschreiend überhöht sein, wie ich gehört habe. Und alles kostet das Doppelte, nur weil man innerhalb der Stadtmauern lebt.«

»Das stimmt, aber wir sind zurechtgekommen.«

»Wie denn?«, fragte Cery.

»Indem wir Schuhe und Kleider geflickt haben.«

Harrin nickte. »Deshalb haben wir dich also so lange nicht mehr gesehen.«

Sonea lächelte. Deshalb und weil Jonna verhindern wollte, dass ich mich mit eurer Bande einlasse. Ihre Tante missbilligte Harrin und seine Freunde. Sehr sogar…

»Das klingt ja nicht besonders aufregend«, murmelte Cery.

Sonea sah ihn an und stellte fest, dass er zwar in den letzten Jahren nicht viel gewachsen war, sein Gesicht jedoch das Jungenhafte verloren hatte. Er trug einen neuen Mantel, von dem lose Fäden herabbaumelten, wo er abgeschnitten worden war. Und wahrscheinlich waren in den Taschen und Beuteln im Futter Dietriche, Messer, allerlei Kinkerlitzchen und Süßigkeiten versteckt. Sie hatte sich immer gefragt, was Cery wohl tun würde, wenn er seinen Diebereien entwachsen war.

»Im Bleibehaus war ich jedenfalls sicherer als bei euch«, beschied sie ihm.

Cerys Augen wurden schmal. »Jonnas Gerede.«

Früher einmal hätten diese Worte ihr wehgetan. Jetzt lächelte sie nur. »Jonnas Gerede hat uns aus den Hüttensiedlungen rausgebracht.«

»Also«, fiel Harrin ihr ins Wort. »Wenn du ein Zimmer in einem Bleibehaus hast, warum bist du dann hier?«

Soneas Miene verdüsterte sich. »Der König vertreibt die Leute aus den Bleibehäusern«, antwortete sie. »Er möchte nicht, dass so viele Menschen in einem einzigen Gebäude leben – angeblich weil es unsauber sei. Heute Morgen waren Soldaten da und haben uns rausgeworfen.«

Harrin runzelte die Stirn und murmelte einen Fluch. Als sie sich zu Cery umdrehte, sah sie, dass der neckende Ausdruck in seinen Augen erloschen war. Sie wandte den Blick ab, dankbar für das Verständnis der beiden, aber nicht getröstet.

Mit einem einzigen Wort aus dem Palast war ihr binnen eines Morgens alles genommen worden, wofür sie, ihre Tante und ihr Onkel gearbeitet hatten. Sie hatten nicht einmal Zeit gehabt, über die Konsequenzen dieses Ereignisses nachzudenken, als sie in aller Eile ihre Habe zusammengepackt hatten und im nächsten Moment schon auf die Straße hinausgezerrt worden waren.

»Wo sind Jonna und Ranel jetzt?«, fragte Harrin.

»Sie haben mich vorgeschickt, um festzustellen, ob wir vielleicht ein Zimmer in unserem alten Haus bekommen können.«

Cery sah sie direkt an. »Wenn du nichts findest, komm zu mir.«

Sie nickte. »Danke.«

Die Menge wogte langsam auf einen großen, gepflasterten Bereich zu. Dies war der Nordplatz, auf dem jede Woche ein kleiner Markt abgehalten wurde. Sie und ihre Tante gingen regelmäßig dorthin – oder genauer gesagt, sie hatten es getan.

Inzwischen hatten sich mehrere hundert Menschen auf dem Platz eingefunden. Viele von ihnen gingen weiter durch die Nordtore, andere warteten in der Hoffnung, Freunde und Verwandte zu finden, bevor sie sich dem Chaos der Hüttenviertel überließen. Manche weigerten sich auch, sich von der Stelle zu rühren, bis man sie dazu zwang.

Cery und Harrin blieben am ummauerten Rand des kleinen Teichs in der Mitte des Marktplatzes stehen. Aus dem Wasser erhob sich eine Statue von König Kalpol. Der lange verstorbene Monarch war fast vierzig Jahre alt gewesen, als er die Bergbanditen in die Flucht geschlagen hatte, aber trotzdem wurde er als junger Mann dargestellt. Mit der rechten Hand schwang er ein Abbild seines berühmten juwelenbesetzten Schwerts, und in der linken hielt er einen gleichermaßen kunstvollen Kelch.

Früher einmal hatte eine andere Statue an dieser Stelle gestanden, aber die war vor dreißig Jahren abgerissen worden. Im Laufe der Jahre hatte man verschiedene Statuen von König Terrel errichtet, aber bis auf eine einzige waren sie alle zerstört worden, und es hieß, dass selbst die eine noch existierende Statue, die geschützt hinter den Mauern des Palastes stand, schwer verunstaltet worden war. Trotz all der anderen Dinge, die er getan hatte, würden die Bürger von Imardin König Terrel stets als den Mann in Erinnerung behalten, der die alljährlichen Säuberungen begonnen hatte.

Ihr Onkel hatte ihr die Geschichte viele Male erzählt. Vor dreißig Jahren hatten sich einflussreiche Mitglieder der Häuser darüber beschwert, dass die Straßen nicht sicher seien. Daraufhin hatte der König den Wachsoldaten den Befehl gegeben, alle Bettler aus der Stadt zu vertreiben, ebenso die Vagabunden und alle, die möglicherweise gegen das Gesetz verstoßen hatten. Voller Wut hatten die Stärksten der Verbannten sich zusammengetan und sich mit Waffen, die die wohlhabenderen Schmuggler und Diebe beigesteuert hatten, gegen die Obrigkeit gewehrt. Der König, der sich plötzlich mit Straßenkämpfen und Aufständen konfrontiert sah, hatte sich Hilfe suchend an die Magiergilde gewandt.

Gegen Magie waren die Rebellen machtlos gewesen. Man hatte sie gefangen genommen oder aus der Stadt vertrieben, wo sie außerhalb der äußeren Mauern ihre Hütten errichteten, die dort bald ausgedehnte Siedlungen bildeten. Die Feste, mit denen die Häuser daraufhin die Austreibung der Habenichtse feierten, gefielen dem König so gut, dass er einen Entschluss traf: In Zukunft würde die Stadt jedes Jahr im Winter von Vagabunden gesäubert werden.

Als der alte König vor fünf Jahren gestorben war, hatten viele Menschen gehofft, dass die Säuberungen damit ein Ende nehmen würden, aber Terrels Sohn, König Merin, hatte die Tradition fortgesetzt. Als Sonea sich auf dem Marktplatz umsah, konnte sie sich kaum vorstellen, dass die gebrechlichen, kränkelnden Menschen um sie herum jemals eine Bedrohung darstellen könnten. Dann fiel ihr auf, dass sich einige Jungen um Harrin geschart hatten, die ihren Anführer erwartungsvoll beobachteten. Plötzlich krampfte sich ihr Magen vor Angst zusammen.

»Ich muss gehen«, sagte sie.

»Nein, geh nicht«, protestierte Cery. »Wir haben einander doch gerade erst wiedergefunden.«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich war schon viel zu lange weg. Jonna und Ranel sind vielleicht schon außerhalb der Stadtmauern.«

»Dann steckst du ohnehin in Schwierigkeiten.« Cery zuckte die Achseln. »Du hast immer noch Angst vor Jonnas Strafpredigten, wie?«

Sie warf ihm einen tadelnden Blick zu. Cery, den das nicht im Mindesten aus dem Gleichgewicht brachte, antwortete ihr mit einem Lächeln.

»Hier.« Er drückte ihr etwas in die Hand. Es war ein kleines, in Papier gewickeltes Päckchen.

»Ist das das Zeug, mit dem ihr die Wachen bewerft?«

Cery nickte. »Papea-Staub«, sagte er. »Brennt in den Augen und verursacht einen hübschen Ausschlag.«

»Aber gegen Magier wird euch das nicht helfen.«

Er grinste. »Einmal habe ich einen erwischt. Er hat mich nicht kommen sehen.«

Sonea wollte Cery das Päckchen zurückgeben, aber dieser wehrte ab.

»Behalte es«, sagte er. »Hier kann ich ohnehin nichts damit anfangen. Die Magier errichten immer eine Mauer.«

Sonea schüttelte den Kopf. »Also werft ihr stattdessen mit Steinen? Warum spart ihr euch die Mühe nicht?«

»Es tut gut.« Cery sah wieder zu der Straße hinüber, und seine Augen nahmen einen stählernen Grauton an. »Wenn wir es nicht täten, könnten wir genauso gut erklären, dass uns die Säuberungen nichts ausmachen. Wir dürfen uns nicht aus der Stadt vertreiben lassen, ohne zumindest irgendwie darauf zu reagieren, findest du nicht auch?«

Achselzuckend sah sie Harrins Jungen an. Ihre Augen leuchteten erwartungsvoll. Sonea war es immer sinnlos und töricht erschienen, die Magier mit irgendetwas zu bewerfen.

»Aber ihr beide, du und Harrin, ihr kommt doch kaum je einmal in die Stadt«, wandte sie ein.

»Trotzdem sollten wir es tun können, wenn wir wollen.« Cery grinste. »Und die Säuberungen sind die einzige Gelegenheit, bei der wir Ärger machen können, ohne dass die Diebe ihre Nase in unsere Angelegenheiten stecken.«

Sonea verdrehte die Augen. »Das ist es also.«

»He! Gehen wir!«, brüllte Harrin über das Lärmen der Menge hinweg.

Als seine Jungen sich mit lautem Gejohle in Bewegung setzten, sah Cery Sonea fragend an.

»Komm mit«, drängte er sie. »Das wird lustig.«

Sonea schüttelte den Kopf.

»Du brauchst ja nicht mitzumachen. Sieh einfach nur zu«, sagte er. »Danach komme ich mit dir und sorge dafür, dass du ein Quartier findest.«

»Aber …«

»Hier.« Er streckte die Hand aus und knotete ihr Halstuch auf. Dann faltete er es zu einem Dreieck, legte es ihr um den Kopf und band es unter ihrem Kinn fest. »So, jetzt siehst du mehr wie ein Mädchen aus. Selbst wenn die Wachen auf die Idee kommen sollten, uns zu jagen – was sie niemals tun –, würden sie dich nicht für einen Unruhestifter halten. Hm.« Er tätschelte ihre Wange. »Schon viel besser. Jetzt komm. Ich werde dich nicht noch einmal verschwinden lassen.«

Sie seufzte. »Na schön.«

Die Menge war angewachsen, und Harrins Bande drängte sich zwischen den Menschen hindurch nach vorn. Zu Soneas Überraschung stießen sie auf keinerlei Protest; niemand schien ihnen ihr ungestümes Verhalten zu verübeln. Stattdessen drückten ihr die Männer und Frauen, an denen sie vorbeikam, Steine und überreife Früchte in die Hand und flüsterten ihr Ermutigungen zu. Erregung stieg in ihr auf, als sie die erwartungsvollen Mienen der anderen sah. Vernünftige Leute wie ihre Tante und ihr Onkel hatten den Nordplatz bereits verlassen. Wer übrig geblieben war, wollte einen Kampf sehen – auch wenn er noch so sinnlos war.

Zum Rand hin wurde die Menschenmenge dünner. Wenn Sonea zur einen Seite blickte, konnte sie sehen, dass aus einer Nebenstraße immer noch Menschen auf den Platz strömten. Auf der anderen Seite erhoben sich die fernen Tore über der Menge. Und vor ihr …

Sonea hielt inne, und ihre Zuversicht löste sich in nichts auf. Cery ging weiter, aber sie trat einige Schritte zurück und blieb hinter einer älteren Frau stehen. Keine zwanzig Meter von ihnen entfernt hatten sich Magier zu einer Reihe aufgestellt.

Sie holte tief Luft und atmete langsam aus. Sie wusste, dass die Magier sich nicht von der Stelle bewegen würden. Sie würden die Menge ignorieren, bis sie so weit waren, sie vom Marktplatz zu vertreiben. Es gab keinen Grund, Angst zu haben.

Sonea schluckte und zwang sich, den Blick abzuwenden und nach ihren Gefährten Ausschau zu halten. Harrin, Cery und die anderen bewegten sich weiter vorwärts; inzwischen war ihre Gruppe deutlich kleiner geworden.

Schließlich wandte Sonea sich schaudernd wieder zu den Magiern um. Sie war ihnen noch nie zuvor so nahe gekommen, ebenso wenig wie sie je eine Gelegenheit gehabt hatte, sie gründlicher zu betrachten.

Sie trugen eine Uniform: Roben mit weiten Ärmeln, die in der Taille mit einer Schärpe gegürtet wurden. Ihrem Onkel Ranel zufolge waren solche Kleider vor Jahrhunderten in Mode gewesen, aber heutzutage war es für gewöhnliche Menschen ein Verbrechen, sich zu kleiden wie ein Magier.

Es waren ausnahmslos Männer. Von ihrem Platz aus konnte sie insgesamt neun von ihnen zählen, die allein oder paarweise dastanden und einen Teil der Linie bildeten, von der sie wusste, dass sie den ganzen Marktplatz umfasste. Einige der Magier waren nicht älter als zwanzig, während andere uralt aussahen. Einer der Magier, die ihr am nächsten standen, war ein blonder Mann von etwa dreißig Jahren, und er war auf eine glatte, gepflegte Art und Weise attraktiv. Die anderen sahen überraschend gewöhnlich aus.

Aus den Augenwinkeln nahm sie eine abrupte Bewegung wahr und drehte sich gerade rechtzeitig um, um zu sehen, wie Harrin den Arm hochriss. Ein Stein flog durch die Luft auf die Magier zu. Obwohl sie wusste, was geschehen würde, hielt Sonea den Atem an.

Der Stein prallte auf etwas Hartes, Unsichtbares und fiel zu Boden. Sonea stieß langsam die Luft aus, während immer mehr junge Leute Steine warfen. Einige der Magier blickten auf, um zu beobachten, wie die Wurfgeschosse gegen die Luft vor ihnen prasselten. Andere musterten ihre Angreifer nur kurz und wandten sich dann wieder ihren Gesprächen zu.

Sonea starrte die Stelle an, wo die Barriere der Magier hing. Sie konnte nichts sehen. Schließlich machte sie einen Schritt nach vorn, nahm einen der Klumpen aus ihrer Tasche, riss den Arm hoch und schleuderte ihr Wurfgeschoss mit aller Kraft durch die Luft. Es zerfiel, als es auf die unsichtbare Mauer traf, und einen Moment lang hing eine Staubwolke in der Luft.

Sie hörte dicht hinter sich ein leises Kichern und drehte sich um. Die alte Frau grinste sie an.

»Ein guter Wurf«, murmelte sie glucksend. »Zeig’s ihnen. Mach weiter.«

Sonea schob eine Hand in die Tasche und ertastete einen größeren Stein. Sie trat einige Schritte auf die Magier zu und lächelte. In ein paar Gesichtern spiegelte sich Ärger wider. Sie schätzten es offensichtlich nicht, wenn man ihnen trotzte, aber irgendetwas hielt sie davon ab, den Kampf gegen die jungen Leute aufzunehmen.

Stimmen durchdrangen den Dunstschleier. Der gut aussehende Magier blickte auf, dann wandte er sich wieder seinem Gefährten zu, einem alten Mann mit grau gesträhntem Haar.

»Jämmerliches Ungeziefer«, höhnte er. »Wie lange müssen wir noch warten, bis wir sie verscheuchen können?«

Etwas in Soneas Magen krampfte sich zusammen, und sie umklammerte den Stein fester. Dann zog sie ihn aus der Tasche und wog sein Gewicht in der Hand. Ein ziemlich schwerer Stein. Sie drehte sich zu den Magiern um, griff nach ihrer Wut darüber, aus ihrem Heim vertrieben worden zu sein, griff nach ihrem tief verwurzelten Hass auf die Magier und warf den Stein nach dem Mann, der gesprochen hatte. Sie verfolgte den Flug des Steins durch die Luft, und als er sich der Barriere der Magier näherte, legte sie ihre ganze Willenskraft in den einen Gedanken, dass der Stein den Schild durchdringen und sein Ziel treffen möge.

Blaues Licht kräuselte sich auf dem Schild und lief wie Wasser daran entlang. Dann krachte der Stein mit einem dumpfen Aufprall gegen die Schläfe des Magiers. Der Mann erstarrte und blickte ins Leere. Dann gaben die Knie unter ihm nach, und sein Gefährte trat vor, um ihn aufzufangen.

Sonea starrte den älteren Magier, der seinen Gefährten vorsichtig auf den Boden bettete, mit weit geöffnetem Mund an. Das Geschrei der Menschen erstarb. Stille breitete sich wie Rauch in der Menge aus.

Dann wurden Rufe laut, als zwei weitere Magier herbeisprangen, um neben ihrem am Boden liegenden Gefährten in die Hocke zu gehen. Harrins Freunde und viele andere brachen in Jubel aus. Plötzlich war die Stille durchbrochen, während die Menschen einander zuriefen, was soeben geschehen war.

Sonea blickte auf ihre Hände hinab. Es hat funktioniert. Ich habe die Barriere durchbrochen, aber das ist unmöglich, es sei denn …

Es sei denn, ich hätte Magie benutzt.

Kälte durchströmte sie, als sie daran dachte, wie sie all ihren Zorn und ihren Hass in den Stein hineingegeben, wie sie seinen Flug verfolgt und versucht hatte, ihn mit purer Willenskraft dazu zu bringen, die Barriere zu durchbrechen. Etwas regte sich in ihr, als wolle es sie dazu treiben, ihr Tun zu wiederholen.

Als sie aufblickte, sah sie, dass sich mehrere Magier um ihren gefallenen Kameraden geschart hatten. Einige hockten neben ihm, aber die meisten starrten mit forschendem Blick in die Menge. Sie suchen nach mir, dachte Sonea plötzlich. Als hätte er ihren Gedanken gehört, drehte einer der Männer sich zu ihr um und sah sie an. Sie erstarrte vor Entsetzen, aber dann wanderte sein Blick weiter durch die Menge.

Sie wissen nicht, wer es war. Sie seufzte erleichtert. Dann stellte sie plötzlich fest, dass die Menge mehrere Schritte zurückgewichen war. Auch Harrins Freunde zogen sich langsam zurück. Mit hämmerndem Herzen folgte sie ihrem Beispiel.

Dann erhob sich der ältere Magier. Im Gegensatz zu den anderen fiel sein Blick ohne eine Spur des Zögerns auf Sonea. Er deutete mit dem Finger in ihre Richtung, und die übrigen Magier wandten sich wieder um. Als sie die Hände hoben, stieg heiße Panik in Sonea auf. Sie wirbelte herum und rannte auf die Menge zu. Jetzt ergriffen auch die übrigen jungen Leute die Flucht. Einen Moment lang war Sonea fast blind, als mehrere Lichtblitze in schneller Folge die Gesichter um sie herum beleuchteten, dann gellten Schreie durch die Luft. Eine Woge heißer Luft überspülte sie, und sie fiel keuchend auf die Knie.

»HALT!«

Sie verspürte keinen Schmerz. Als sie an sich hinabblickte, stellte sie zu ihrer Erleichterung fest, dass sie unverletzt war. Um sie herum rannten die Menschen immer noch in wilder Flucht davon, ohne auf den seltsam verstärkten Befehl zu achten, dessen Echo noch immer über dem Marktplatz hing.

Brandgeruch drang an Soneas Nase. Als sie sich umdrehte, sah sie einige Schritte entfernt eine Gestalt mit dem Gesicht nach unten auf dem Pflaster liegen. Obwohl Flammen hungrig an den Kleidern züngelten, war die Gestalt vollkommen reglos. Dann sah sie die geschwärzte Masse, die früher einmal ein Arm gewesen war, und Übelkeit krampfte ihr den Magen zusammen.

»TUT IHR NICHTS!«

Sie rappelte sich mühsam hoch und taumelte von dem Leichnam weg. Dann nahm sie all ihre Kraft zusammen und zwang sich, hinter den letzten von Harrins Freunden herzulaufen, die vom Marktplatz flohen.

Am Nordtor holte sie die anderen ein und benutzte die Ellbogen, um sich in das Gedränge zu mischen. Sie konnte die schweren Steine in ihren Taschen spüren und riss sie in blinder Panik heraus. Ihre Beine prallten gegen ein Hindernis, und sie stolperte, aber sofort zog sie sich wieder auf die Füße und rannte weiter.

Plötzlich wurde sie von groben Händen gepackt. Sie setzte sich zur Wehr und holte Atem, um zu schreien, aber die Hände drehten sie um, und mit einem Mal blickte sie in Harrins vertraute blaue Augen.

2. Die Debatte der Magier

Obwohl er die Gildehalle seit seinem Abschluss vor mehr als dreißig Jahren schon ungezählte Male betreten hatte, hatte Lord Rothen dort nur selten ein solches Stimmengewirr gehört.

Er betrachtete das Meer von in Roben gekleideten Männern und Frauen vor sich. Die Magier hatten sich zu Gruppen zusammengefunden, und wie immer waren es dieselben Zirkel, die beisammen standen. Andere Magier schlenderten durch die Halle und wanderten von einer Gruppe zur nächsten. Sie unterhielten sich mit ausladenden Gesten, und ab und an erhob sich ein entrüsteter Ausruf über den Lärm.

Gildeversammlungen waren im Allgemeinen würdevolle, wohlgeordnete Angelegenheiten, aber bis zur Ankunft des Administrators, der für Ruhe sorgen würde, würde weiter Durcheinander herrschen. Als Rothen auf die Menge zuging, schnappte er Bruchstücke von Gesprächen auf, die vom Dach herunterzuwehen schienen. Die Gildehalle verstärkte Geräusche auf seltsame und unerwartete Art und Weise, besonders dann, wenn lauter als gewöhnlich gesprochen wurde.

Dieses Phänomen hatte nichts mit Magie zu tun, wie unbegabte Besucher häufig annahmen, sondern war ein unbeabsichtigtes Resultat des Umbaus dieses alten Gebäudes zu einem großen Saal. Früher einmal hatte es in diesem ersten und ältesten Bau der Gilde zahlreiche Räume zur Unterbringung von Magiern und ihren Lehrlingen gegeben sowie Säle für Lektionen und Zusammenkünfte. Vier Jahrhunderte später hatte die Gilde angesichts einer schnell wachsenden Mitgliederzahl mehrere neue Gebäude errichtet. Da sie jedoch ihr erstes nicht hatte zerstören wollen, war man auf die Idee gekommen, daraus einfach die Innenwände zu entfernen und für zusätzliche Sitzplätze zu sorgen, um dort die Gildeversammlungen, die Aufnahme- und Abschlusszeremonien sowie die Anhörungen stattfinden zu lassen.

Jetzt löste sich ein hochgewachsener, in purpurne Roben gewandeter Mann aus der Menge und kam auf Rothen zu. Als Rothen den eifrigen Gesichtsausdruck des jüngeren Magiers sah, lächelte er – Dannyl hatte sich mehr als einmal darüber beklagt, dass in der Gilde niemals etwas besonders Aufregendes geschah.

»Nun, mein alter Freund. Wie ist es gelaufen?«, fragte Dannyl.

Rothen verschränkte die Arme vor der Brust. »Alter Freund, wahrhaftig!«

»Dann eben alter Feind.« Dannyl machte eine abschätzige Handbewegung. »Was hat der Administrator gesagt?«

»Nichts. Er hat sich nur von mir beschreiben lassen, was vorgefallen ist. Wie es aussieht, bin ich der Einzige, der sie gesehen hat.«

»Dann kann sie sich glücklich schätzen«, erwiderte Dannyl. »Warum haben die anderen versucht, sie zu töten?«

Rothen schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, dass sie das beabsichtigt haben.«

Ein Gong übertönte das Summen der Gespräche, und dann erfüllte die verstärkte Stimme des Gildeadministrators die Halle.

»Würden bitte alle Magier ihre Plätze einnehmen!«

Rothen sah, dass die großen Haupttüren im hinteren Teil der Halle sich geschlossen hatten. Das Meer der Roben teilte sich, während die Magier auf ihre Plätze zu beiden Seiten des Raums zustrebten.

»Wir haben heute seltene Gesellschaft«, bemerkte Dannyl.

Rothen folgte dem Blick seines Freundes. Die Höheren Magier setzten sich. Zum Zeichen ihrer Position und Autorität innerhalb der Gilde waren ihre Plätze in fünf Reihen an der Stirnseite der Halle untergebracht. Man erreichte die erhöhten Sitze über zwei schmale Treppen. In der Mitte der höchsten Reihe stand ein mit Gold beschlagener Thron, in dessen Polster das Signum des Königs eingestickt war: ein stilisierter Nachtvogel. Der Thron war leer, aber auf den beiden Plätzen links und rechts davon saßen Magier, die goldfarbene Schärpen um die Taille trugen.

»Die Ratgeber des Königs«, murmelte Rothen. »Interessant.«

»Ja«, erwiderte Dannyl. »Ich hatte mich schon gefragt, ob König Merin diese Versammlung für wichtig genug halten würde, um selbst daran teilzunehmen.«

»Nicht wichtig genug, um persönlich zu erscheinen, nein.«

»Natürlich nicht.« Dannyl lächelte. »Dann müssten wir uns ja benehmen.«

Rothen zuckte die Achseln. »Es macht keinen Unterschied, Dannyl. Selbst wenn die Ratgeber nicht hier wären, würde keiner von uns etwas sagen, was er nicht auch in Gegenwart des Königs gesagt hätte. Nein, die beiden sind hier, um dafür zu sorgen, dass wir mehr tun, als nur über das Mädchen zu reden.«

Als sie ihre gewohnten Plätze erreicht hatten, setzten sie sich. Dannyl lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und ließ den Blick durch den Raum schweifen. »Und das alles für ein einziges schmutziges Straßenkind.«

Rothen kicherte. »Sie hat einen hübschen Aufruhr verursacht, nicht wahr?«

»Fergun ist noch nicht erschienen.« Dannyl betrachtete mit schmalen Augen die Stuhlreihen an der gegenüberliegenden Wand. »Aber seine Gefolgsleute sind da.«

Obwohl Rothen es nicht billigte, dass sein Freund sich in der Öffentlichkeit abfällig über einen anderen Magier äußerte, konnte er sich eines Lächelns nicht erwehren. Ferguns selbstgefälliges Gehabe trug ihm keine Sympathie bei anderen ein. »Dem Bericht des Heilers zufolge hat der Schlag beträchtliche Verwirrung und Erregung ausgelöst. Der Heiler hielt es für klug, Fergun ein Beruhigungsmittel zu verabreichen.«

Dannyl stieß einen Laut puren Entzückens aus. »Fergun schläft! Wenn ihm klar wird, dass er diese Versammlung verpasst hat, wird er fuchsteufelswild sein!«

Abermals erklang der Gong, und Stille senkte sich über den Raum.

»Und wie du dir sicher vorstellen kannst, war Administrator Lorlen sehr enttäuscht darüber, dass Lord Fergun seine Version der Ereignisse nicht wird vortragen können«, fügte Rothen leise hinzu.

Dannyl hatte Mühe, nicht laut aufzulachen. Inzwischen hatten die Höheren Magier, wie Rothen feststellte, alle ihre Plätze eingenommen. Nur Administrator Lorlen stand noch, einen Gong in der einen Hand, einen Klöppel in der anderen.

Lorlens Miene war ungewöhnlich ernst. Rothens Heiterkeit verflog im Nu, als ihm bewusst wurde, dass dies die erste Krise war, die der andere Magier seit seiner Wahl meistern musste. Lorlen hatte unter Beweis gestellt, dass er mit den alltäglichen Belangen der Gilde durchaus fertig zu werden wusste, aber gewiss stellten sich in diesem Augenblick nicht wenige Magier die Frage, wie der Administrator an ein Problem wie dieses herangehen würde.

»Ich habe diese Versammlung einberufen, damit wir über den Zwischenfall diskutieren können, der sich heute Morgen am Nordplatz ereignet hat«, begann Lorlen. »Dabei müssen wir uns mit zwei äußerst ernsten Themen befassen: dem Tod eines Unschuldigen und der Existenz eines Magiers, der sich unserer Kontrolle entzieht. Zunächst wollen wir uns dem ersten und ernsteren dieser beiden Dinge zuwenden. Ich rufe Lord Rothen als Zeugen des Vorfalls auf.«

Dannyl sah Rothen überrascht an, dann lächelte er. »Natürlich. Es muss Jahre her sein, seit du das letzte Mal da unten gestanden hast. Viel Glück.«

Rothen erhob sich, nicht ohne seinem Freund zuvor einen vernichtenden Blick zuzuwerfen. »Vielen Dank, dass du mich daran erinnerst. Ich werde schon zurechtkommen.«

Die versammelten Magier drehten die Köpfe, um Rothen zu beobachten, wie er die Halle durchquerte, um vor die Höheren Magier zu treten. Er verneigte sich kurz vor dem Administrator, der ihm seinerseits zunickte.

»Erzählt uns, was Ihr beobachtet habt, Lord Rothen.«

Rothen hielt einen Moment lang inne, um seine Worte abzuwägen. Wenn ein Magier vor der Gilde zum Sprechen aufgefordert wurde, erwartete man von ihm, dass er sich präzise und ohne Umschweife ausdrückte.

»Als ich heute Morgen auf dem Nordplatz ankam, war Lord Fergun bereits dort«, begann er. »Ich habe meine Position neben ihm eingenommen und meine Energie dem Schild hinzugefügt. Einige der jüngeren Vagabunden bewarfen uns mit Steinen, aber wie immer haben wir sie ignoriert.« Die Höheren Magier beobachteten ihn genau. Rothen kämpfte seine aufsteigende Nervosität nieder. Es war tatsächlich lange her, dass er das letzte Mal vor der Gilde gesprochen hatte.

»Als Nächstes habe ich aus den Augenwinkeln ein blaues Licht aufblitzen sehen und eine Störung des Schildes wahrgenommen. Ein kleiner Gegenstand kam auf mich zugeflogen, aber bevor ich reagieren konnte, traf er Lord Fergun an der Schläfe, und dieser verlor das Bewusstsein. Ich habe ihn aufgefangen, ihn vorsichtig auf den Boden gelegt und mich davon überzeugt, dass seine Verletzung nicht ernst war. Als dann einige andere herbeikamen, um Lord Fergun beizustehen, habe ich nach dem Werfer Ausschau gehalten.«

Rothen lächelte schief. »Während die meisten der Jugendlichen verwirrt und überrascht zu sein schienen, starrte eine junge Frau voller Staunen auf ihre Hände hinab. Ich habe sie dann kurz aus den Augen verloren, als meine Kollegen herbeikamen. Da sie den Werfer nicht ausmachen konnten, baten sie mich, ihn ihnen zu zeigen.«

Er schüttelte den Kopf. »Als ich ihrem Wunsch entsprach und in die Richtung des Mädchens deutete, glaubten sie irrigerweise, ich hätte auf einen Jungen gezeigt, der neben ihr stand, und … und übten Vergeltung.«

Lorlen bedeutete Rothen, zu schweigen. Er sah auf die Magier in den Sitzreihen unter ihm hinab, und sein Blick fiel auf Lord Balkan, den Dekan der Krieger.

»Lord Balkan, Ihr habt mit denjenigen gesprochen, die den Jungen getötet haben. Was hat Eure Befragung erbracht?«

Der rotgewandete Magier erhob sich. »Es waren insgesamt neunzehn Magier beteiligt, und sie alle gingen davon aus, dass einer der Jungen in der Menge der Angreifer gewesen sei, da sie es für unwahrscheinlich hielten, dass jemand ein Mädchen widerrechtlich zu einem wilden Magier ausbilden würde. Jeder dieser Magier hatte die Absicht, den Jungen zu betäuben, nicht ihn zu verletzen. Nachdem ich mir die Berichte der Zeugen angehört hatte, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es sich tatsächlich so zugetragen hat. Darüber hinaus weisen die Berichte darauf hin, dass einige der Betäubungsschläge sich zu einer Art diffusem Feuerschlag zusammengeballt haben. Das war es, was den Jungen getötet hat.«

Vor Rothens innerem Auge blitzte das Bild einer schwelenden Gestalt auf. Eine jähe Übelkeit befiel ihn, und er senkte den Blick. Selbst wenn die Schläge nicht miteinander verschmolzen wären, hätten neunzehn Betäubungsschläge dem Körper des Jungen furchtbaren Schaden zugefügt. Rothen fühlte sich verantwortlich für das Geschehene. Wenn er doch nur selbst etwas unternommen hätte, bevor die anderen reagieren konnten…

»Dieser Vorfall wirft schwierige Fragen auf«, erklärte Lorlen nun. »Es ist unwahrscheinlich, dass die Öffentlichkeit uns glauben wird, wenn wir sagen, wir hätten lediglich einen Fehler begangen. Eine Entschuldigung genügt nicht. Wir müssen versuchen, Wiedergutmachung zu leisten. Sollen wir die Familie des Jungen entschädigen?«

Mehrere der Höheren Magier nickten, und Rothen hörte zustimmendes Gemurmel hinter sich.

»Falls man die Familie überhaupt finden kann«, bemerkte einer der Höheren Magier.

»Ich fürchte, eine Entschädigung wird den Makel, den wir unserem Ruf zugefügt haben, nicht aus der Welt schaffen.« Lorlen runzelte die Stirn. »Wie sollen wir den Respekt und das Vertrauen der Menschen zurückerlangen?«

Weiteres Gemurmel folgte, dann wurde eine einzelne Stimme laut: »Eine Entschädigung genügt.«

»Lasst einfach etwas Zeit verstreichen – die Leute werden schon vergessen«, sagte ein anderer Magier.

»Wir haben alles getan, was wir können.«

Und irgendjemand rechts von Rothen murmelte: »… nur ein Junge aus den Hüttenvierteln. Wen kümmert das schon?«

Rothen seufzte. Obwohl die Worte ihn nicht überraschten, weckten sie in ihm einen vertrauten Zorn. Dem Gesetz nach existierte die Gilde zum Schutz anderer – und dieses Gesetz machte keinen Unterschied zwischen Arm und Reich. Er hatte andere Magier sagen hören, dass die Hüttenleute allesamt Diebe seien und den Schutz der Gilde nicht verdient hätten.

»Viel mehr können wir kaum tun«, warf Lord Balkan ein. »Die oberen Klassen werden akzeptieren, dass der Tod des Jungen ein Unfall war. Die Armen werden es nicht akzeptieren, und nichts, was wir tun oder sagen könnten, wird ihre Meinung ändern.«

Administrator Lorlen sah die Höheren Magier einen nach dem anderen an. Alle nickten.

»Also schön«, sagte er. »Wir werden diese Angelegenheit bei der nächsten Versammlung noch einmal ansprechen, wenn wir Zeit hatten, die Auswirkungen dieser Tragödie abzuschätzen.« Er holte tief Luft, straffte die Schultern und sah sich in der Halle um. »Nun zum zweiten Punkt: der wilden Magierin. Hat außer Lord Rothen noch jemand dieses Mädchen gesehen oder beobachtet, wie sie den Stein geworfen hat?«

Schweigen folgte. Lorlen runzelte enttäuscht die Stirn. Die meisten Diskussionen bei den Gildeversammlungen wurden von den drei Dekanen der Disziplinen beherrscht: Lady Vinara, Lord Balkan und Lord Sarrin. Lady Vinara, das Oberhaupt der Heiler, war eine praktisch veranlagte, strenge Frau, die jedoch überraschend mitfühlend sein konnte. Der stämmige Lord Balkan besaß eine scharfe Beobachtungsgabe und legte Wert darauf, stets alle Seiten eines Problems zu beleuchten. Andererseits war er in der Lage, in einer Krise schnelle oder schwierige Entscheidungen zu treffen, ohne auch nur einen Moment zu zögern. Der Älteste der drei, Lord Sarrin, konnte in seinem Urteil sehr hart sein, war jedoch stets geneigt, auch andere Meinungen gelten zu lassen.

Diese Höheren Magier waren es, die Lorlen jetzt vor allem ansprach. »Wir müssen zunächst einmal die Tatsachen untersuchen, die offenkundig sind und von Zeugen bekräftigt wurden. Es besteht kein Zweifel daran, dass ein bloßer Stein einen magischen Schild durchdrungen hat. Lord Balkan, wie ist so etwas möglich?«

Der Krieger zuckte die Achseln. »Der Schild, der bei Säuberungen benutzt wird, um Steine abzuwehren, ist relativ schwach: stark genug, um Wurfgeschosse aufzuhalten, aber nicht, um Magie abzuwehren. Es hat jedoch einen blauen Lichtblitz gegeben, und diejenigen, die den Schild aufrecht hielten, haben über eine deutliche Störung im Gesamtgefüge berichtet. Diese Dinge weisen darauf hin, dass Magie benutzt wurde. Damit Magie jedoch einen Schild durchdringen kann, muss sie zu diesem speziellen Zweck geformt worden sein. Ich glaube, die Angreiferin hat zusammen mit dem Stein einen ›Schlag‹ ausgesandt – wenn auch einen sehr simplen.«

»Aber warum sollte sie dann überhaupt einen Stein benutzen?« , hakte Lady Vinara nach. »Warum hat sie nicht einfach mit Magie geschlagen?«

»Vielleicht um den Schlag zu verbergen?«, meinte Lord Sarrin. »Wenn die Magier den Schlag hätten kommen sehen, hätten sie vielleicht Zeit gehabt, den Schild zu stützen.«

»Das ist möglich«, sagte Balkan, »aber die Wucht des Schlages wurde einzig dazu benutzt, die Barriere zu durchdringen. Wenn die Angreiferin in böser Absicht gehandelt hätte, hätte Lord Fergun Schlimmeres davongetragen als eine Prellung an der Schläfe.«

Vinara runzelte die Stirn. »Dann hat diese Angreiferin also nicht damit gerechnet, dass sie einen großen Schaden anrichten würde? Warum hat sie es dann überhaupt getan?«

»Um ihre Macht zu demonstrieren. Und vielleicht, um uns zu trotzen«, erwiderte Balkan.

Sarrins Gesicht legte sich in missbilligende Falten. Rothen schüttelte den Kopf. Balkan, der diese Bewegung beobachtete, lächelte. »Ihr seid nicht unserer Meinung, Lord Rothen?«

»Sie hat nicht damit gerechnet, dass sie überhaupt etwas bewirken würde«, erklärte Rothen. »Ihrem Gesichtsausdruck nach war sie unzweifelhaft schockiert und überrascht über das, was sie getan hatte. Ich glaube, dass sie gar nicht ausgebildet ist.«

»Unmöglich.« Sarrin hob abwehrend die Hand. »Irgendjemand muss ihre Kräfte entfesselt haben.«

»Und wir wollen hoffen, dass dieser Jemand ihr auch beigebracht hat, wie sie sie kontrollieren kann«, fügte Vinara hinzu. »Oder wir haben es mit einem ganz anderen und sehr ernsten Problem zu tun.«

In der Halle erhob sich ein nervöses Raunen. Lorlen hob die Hand, und jäh wurde es wieder still.

»Als Lord Rothen mir von seinen Beobachtungen erzählte, habe ich Lord Solend zu mir gebeten. Er hat die Geschichte der Gilde gründlich studiert, und ich habe ihn gefragt, ob er jemals von Magiern gelesen habe, deren Kräfte sich ohne Hilfe entwickelt hätten.« Lorlens Miene war sehr ernst. »Wir sind bisher immer davon ausgegangen, dass nur ein anderer Magier die Kräfte eines Magiers entfesseln kann. Aber wie es aussieht, ist das ein Irrtum. In den Unterlagen über die frühen Jahrhunderte der Existenz der Gilde finden sich Hinweise darauf, dass einzelne Personen, die um Ausbildung baten, bereits zuvor Magie benutzt hatten. Ihre Kräfte hatten sich im Laufe des körperlichen Reifungsprozesses auf natürliche Weise entwickelt. Da wir Novizen schon in sehr jungen Jahren aufnehmen und initiieren, kommt es nicht länger zu einer solchen natürlichen Entwicklung magischen Potenzials.« Lorlen wandte sich zur Seite. »Lord Solend hat auf meinen Wunsch hin alle ihm vorliegenden Informationen über dieses Phänomen zusammengetragen. Ich möchte ihn jetzt bitten, uns die Ergebnisse seiner Arbeit vorzutragen.«

Ein älterer Mann erhob sich und stieg die Treppe hinunter. Alle anderen Magier warteten schweigend, bis der alte Historiker in der Mitte des Saales angekommen war und sich schlurfend zu Rothen gesellt hatte. Er verbeugte sich steif vor den Höheren Magiern, bevor er zu sprechen begann.

»Bis vor fünfhundert Jahren«, erklärte der alte Mann mit mürrischer Stimme, »war es üblich, dass ein Mann oder eine Frau, wenn sie die Magie erlernen wollten, an einzelne Magier herantraten, um eine Lehre bei ihnen zu beginnen. Sie wurden geprüft und danach ausgewählt, wie stark sie waren und wie viel sie bezahlen konnten. Aufgrund dieser Tradition waren einige Lehrlinge schon in reiferem Alter, als sie ihre Ausbildung begannen, da es vieler Jahre Arbeit und eines großzügigen Erbes bedurfte, bevor sie in der Lage waren, für ihre Ausbildung aufzukommen. Manchmal jedoch erschien ein junger Mann oder eine junge Frau, deren Kräfte bereits ›gelöst‹ waren, wie man es damals ausdrückte. Diese Personen, die man ›Naturtalente‹ nannte, wurden niemals abgewiesen. Dafür gab es zwei Gründe. Zum einen waren ihre Kräfte immer sehr stark. Zum anderen musste man sie die Kontrolle ihrer Kräfte lehren.« Der alte Mann hielt inne, und seine Stimme klang jetzt ein wenig schriller. »Wir wissen bereits, was geschieht, wenn Novizen außerstande sind, die Kontrolle zu meistern. Falls es sich bei dieser jungen Frau um ein magisches Naturtalent handelt, müssen wir davon ausgehen, dass sie stärker ist als unsere durchschnittlichen Novizen, vielleicht sogar stärker als durchschnittliche Magier. Wenn man sie nicht findet und Kontrolle lehrt, wird sie zu einer großen Gefahr für die Stadt.«

Kurzes Schweigen folgte, dann ging ein bestürztes Summen durch die Halle.

»Falls ihre Kräfte sich tatsächlich von selbst entwickelt haben sollten«, bemerkte Balkan.

Der alte Historiker nickte. »Es besteht natürlich die Möglichkeit, dass sie von irgendjemandem ausgebildet wurde.«

»Dann müssen wir sie finden – und denjenigen, der sie unterwiesen hat«, rief einer der Magier.

Abermals breitete sich Unruhe aus, bis Lorlen wieder das Wort ergriff. »Falls sie eine wilde Magierin ist, sind wir vom Gesetz dazu verpflichtet, sie und ihre Lehrer vor den König zu bringen. Wenn sie eine natürliche Magierin ist, müssen wir sie Kontrolle lehren. So oder so, wir müssen sie finden.«

»Wie?«, rief jemand.

Lorlen blickte hinab. »Lord Balkan?«

»Eine systematische Durchsuchung der Hüttensiedlungen«, erwiderte der Krieger. Dann wandte er sich an die Ratgeber des Königs. »Wir werden Hilfe benötigen.«

Lorlen zog die Brauen in die Höhe und folgte dem Blick des Kriegers. »Die Gilde erbittet hiermit offiziell die Unterstützung durch die Städtische Garde.«

Die beiden Ratgeber sahen einander an und nickten. »Sie sei gewährt«, erwiderte einer von ihnen.

»Wir sollten so schnell wie möglich beginnen«, erklärte Balkan. »Vorzugsweise noch heute Abend.«

»Wenn wir die Hilfe der Garde wollen, wird das einige Zeit dauern. Ich schlage vor, dass wir morgen früh beginnen«, erwiderte Lorlen.

Die Originalausgabe erschien 2001 unter dem Titel »The Magicians’ Guild. The Black Magician Trilogy Book One« bei Voyager/HarperCollins Australia.

1. Auflage Deutsche Erstveröffentlichung Mai 2006 bei Blanvalet, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH, München.

Copyright © by Trudi Canavan 2001 Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2006 by Verlagsgruppe Random House GmbH, München Umschlaggestaltung: Design Team München

Umschlagillustration:

Steve Stone, vertreten durch Artist Partners Ltd., London Redaktion: Alexander Groß V. B. · Herstellung: Heidrun Nawrot Satz: Uhl + Massopust, Aalen

eISBN 978-3-641-02321-8

www.blanvalet-verlag.de

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