Die Magie der tausend Welten - Die Begabte - Trudi Canavan - E-Book

Die Magie der tausend Welten - Die Begabte E-Book

Trudi Canavan

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9,99 €

Beschreibung

Dieses Buch ist pure Magie!

Der junge Archäologe Tyen entdeckt ein magisches Buch, in dem seit vielen Jahrhunderten das Bewusstsein einer Frau gefangen ist: Pergama war einst eine talentierte Buchbinderin, bis ein mächtiger Magier sie mit einem Zauber belegte und dazu verfluchte, für alle Zeit das Wissen der Welt in sich aufzunehmen. Und so weiß Pergama, dass Tyens Heimat und allen, die ihm am Herzen liegen, eine schreckliche Katastrophe droht. Allerdings kann sie Tyen nur helfen, wenn es ihm gelingt, den Fluch des Buches zu brechen. Und tatsächlich hat Tyen keinen dringlicheren Wunsch, als Pergama zu befreien – denn ihr gehört längst sein Herz.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 875




Trudi Canavan

DIE BEGABTE

DIE MAGIE DER TAUSEND WELTEN 1

Roman

Deutsch von Michaela Link

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen. Die Originalausgabe erschien unter dem Titel»Thief’s Magic. Book One of Millenium’s Rule« bei Orbit,an imprint of Little, Brown Book Group,an Hachette Livre UK company, London.

1. Auflage

© der Originalausgabe 2014 by Trudi Canavan

© der deutschsprachigen Ausgabe 2014 by Penhaligon Verlag, in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: Isabelle Hirtz, Inkcraft

Umschlagmotiv: Melanie Miklitza, Inkcraft

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-12329-1V003www.penhaligon.de

ERSTERTEIL

1 Tyen

Die starren, verwelkten Finger des Leichnams gaben sein Eigentum nur widerstrebend her. Es kam Tyen respektlos vor, es dem Griff des Toten zu entwinden, daher arbeitete er langsam, hob sanft die Hand, wo ein geschwärzter Fingernagel sich an dem Gegenstand verfangen hatte. Er hatte die alten Leichen so oft berührt, dass er sie nicht länger als Übelkeit erregend oder angsteinflößend empfand. Ihr völlig ausgetrocknetes Fleisch hatte schon vor langer Zeit aufgehört, eine Quelle übertragbarer Krankheiten zu sein, und an Geister glaubte er nicht.

Als sich die geheimnisvolle Beute löste, richtete Tyen sich auf und lächelte triumphierend. Er war bei der Sammlung alter Artefakte nicht so skrupellos wie seine Mitstudenten und sein Lehrer, aber wenn er grundsätzlich davor zurückschreckte, die Toten zu stören, würde er niemals seinen Abschluss als Zauberer-Archäologe machen können. Er zwang seine winzige, von Magie genährte Flamme dichter heran.

Noch wusste er nicht, was er gefunden hatte; das Material, in das der geheimnisvolle Gegenstand eingewickelt war, schien ebenso trocken und spröde zu sein wie der Bewohner des Grabes, der ihn nun nach schätzungsweise sechshundert Jahren unberührter Ruhe hatte hergeben müssen. Dickes, vom Alter dunkel gewordenes Leder ohne Markierungen – kein Schmuck, keine kostbaren Steine oder Metalle. Es zerfiel, als er es zu öffnen versuchte, und sein Inhalt rutschte heraus. Tyans Puls beschleunigte sich, als er den Gegenstand auffing …

… und seine Schultern sackten ein wenig herunter. Kein Schatz lag in seinen Händen. Nur ein Buch. Nicht einmal ein juwelenbesetztes und mit Gold verziertes Buch.

Nicht dass ein Buch keinen potenziellen historischen Wert hätte, aber verglichen mit den glitzernden Schätzen, die die beiden anderen Studenten Professor Hofkrazners für die Akademie ausgegraben hatten, war es ein enttäuschender Fund. Nach all den Monaten des Reisens, des Forschens, des Beobachtens und des Grabens hatte er wenig vorzuweisen, was als seine eigene Arbeit gelten konnte. Er hatte endlich ein Grab ausgehoben, das nicht bereits von Grabräubern geplündert worden war, und was enthielt es? Einen schlichten steinernen Sarg, einen schmucklosen Leichnam und ein altes Buch. Trotzdem, die alten Fossilien in der Akademie würden es nicht bereuen, seine Reise finanziert zu haben, wenn das Buch sich als etwas Bedeutsames erwies. Er untersuchte es eingehend. Im Gegensatz zu dem Leder, in das es eingeschlagen war, fühlte sich der ebenfalls lederne Einband biegsam an. Die Bindung war in gutem Zustand. Wenn er das Buch nicht gerade in den Händen der Leiche gefunden hätte, würde er das Alter des Buches auf nicht mehr als vielleicht hundert Jahre geschätzt haben. Der Buchrücken war unbeschriftet. Oder vielleicht war ein ehemaliger Titel auch durch Abnutzung verschwunden. Er öffnete das Buch. Die erste Seite war leer, daher blätterte er weiter. Die nächste war ebenfalls leer, und während er den Rest der Seiten durchging, sah er, dass sie genauso leer waren wie die beiden ersten.

Er starrte das Buch ungläubig an. Warum sollte jemand einem Toten ein leeres, sorgfältig eingewickeltes Buch mit ins Grab geben? Er betrachtete den Leichnam, aber dieser bot auch keine Antwort. Dann lenkte etwas seine Aufmerksamkeit zurück auf das Buch, das immer noch auf einer der letzten Seiten aufgeschlagen war. Er schaute genauer hin.

Ein Mal war auf der leeren Seite erschienen.

Daneben bildete sich ein dunkler Fleck, dann Dutzende weitere. Sie verteilten sich und taten sich zusammen.

Hallo, sagten sie. Mein Name ist Pergama.

Tyen stieß ein Wort hervor, das zu hören seine Mutter schockiert gewesen wäre. Erleichterung und Staunen verdrängten die Enttäuschung. Das Buch war magisch. Obwohl die meisten Zauberbücher auf geringfügige und frivole Art Magie benutzten, waren sie doch so selten, dass die Akademie sie immer in ihre Sammlung aufnahm. Seine Reise war keine Zeitverschwendung gewesen.

Also, was tat dieses Buch? Warum erschien nur dann Text, wenn man es aufschlug? Warum hatte es keinen Titel und keinen Namen? Auf der Seite formten sich weitere Worte.

Ich habe immer einen Namen gehabt. Ich war früher eine Person. Eine lebende, atmende Frau.

Tyen starrte auf die Worte. Ein Frösteln überlief ihn, doch gleichzeitig verspürte er einen vertrauten Kitzel. Magie konnte bisweilen verstörend sein. Sie war oft unerklärlich. Es gefiel ihm, dass nicht alles an ihr verstanden wurde. Das ließ Raum für neue Entdeckungen. Genau deshalb hatte er sich dafür entschieden, neben Geschichte auch Zauberei zu studieren. Auf beiden Gebieten gab es Gelegenheit, sich einen Namen zu machen.

Er hatte noch nie zuvor von einer Person gehört, die sich in ein Buch verwandelt hatte. Wie ist das möglich?, fragte er sich.

Ich wurde von einem mächtigen Zauberer gemacht, erwiderte der Text. Er hat mein Wissen und mein Fleisch genommen und mich verwandelt.

Seine Haut kribbelte. Das Buch hatte auf die Frage reagiert, die er im Geiste geformt hatte. Soll das heißen, dass diese Seiten aus deinem Fleisch gemacht sind?, fragte er.

Ja. Mein Einband und meine Seiten sind meine Haut. Meine Bindung ist mein Haar, zusammengedreht und mit Nadeln aus meinen Knochen und Leim von meinen Sehnen genäht.

Er schauderte. Bist du bei Bewusstsein?

Ja.

Du kannst meine Gedanken hören?

Ja, aber nur wenn du mich berührst. Ohne die Berührung eines lebenden Menschen bin ich blind und taub, gefangen in der Dunkelheit ohne jedes Zeitgefühl. Ich schlafe nicht einmal. Bin nicht ganz tot. Die Jahre meines Lebens gleiten vorbei – vergeudet.

Tyen blickte auf das Buch hinab. Die Worte blieben, füllten jetzt fast eine Seite, dunkel gegen das cremefarbene Pergament. Das ihre Haut war …

Es war grotesk und doch … jedes Pergament war aus Haut gemacht. Obwohl diese Seiten aus menschlicher Haut waren, fühlten sie sich nicht anders an als die, die aus Tierhaut bestanden. Sie waren weich und angenehm anzufassen. Das Buch war nicht so abstoßend wie eine alte, vertrocknete Leiche.

Und es war um so vieles interessanter. Das Gespräch mit ihm war wie ein Gespräch mit dem Toten. Wenn das Buch so alt war wie das Grabmal, wusste es Dinge über die Zeit, bevor es dort hingelegt worden war. Tyen lächelte. Er mochte kein Gold und keine Juwelen gefunden haben, um die Kosten seiner Teilnahme an der Expedition zu rechtfertigen, aber dieses Buch … es konnte das mit historischen Informationen wettmachen.

Weiterer Text formte sich.

Entgegen meinem äußeren Anschein bin ich kein »Es«.

Vielleicht war es die Wirkung des Lichts auf der Seite, aber die neuen Worte schienen ein wenig größer und dunkler zu sein als die vorangegangenen. Tyens Gesicht wurde warm.

Es tut mir leid, Pergama. Ich habe mich schlecht benommen. Ich versichere dir, ich habe es nicht böse gemeint. Es kommt nicht jeden Tag vor, dass ein Mann das Wort an ein redendes Buch richtet. Ich brauche einen Moment, um mir über die Gebote der Höflichkeit in einem solchen Fall klar zu werden.

Sie war eine Frau, machte er sich bewusst. Er sollte die Etikette befolgen, mit der er großgezogen worden war. Obwohl es höllisch heikel sein konnte, mit Frauen zu reden, selbst wenn man alle Regeln des guten Benehmens befolgte. Es wäre unhöflich, ihre Bekanntschaft zu beginnen, indem er ihr Fragen nach ihrer Vergangenheit stellte. Die Regeln der Konversation verfügten, dass er sich nach ihrem Wohlergehen erkundigen sollte.

Also … ist es schön, ein Buch zu sein?

Wenn ich von einer freundlichen Person gehalten und gelesen werde, ist es das, erwiderte sie.

Und wenn dich niemand hält? Ich kann sehen, dass das in deinem Zustand ein Nachteil sein könnte, wenn auch einer, den du erwartet haben musst, bevor du ein Buch geworden bist.

Ich hätte es vorhergesehen, wenn ich vorher von meinem Schicksal erfahren hätte.

Also hast du dich nicht freiwillig entschieden, ein Buch zu werden? Warum hat dein Schöpfer das getan? War es eine Strafe?

Nein, aber vielleicht natürliche Gerechtigkeit, weil ich zu ehrgeizig und zu eitel war. Ich habe seine Aufmerksamkeit gesucht und mehr davon empfangen, als es meine Absicht war.

Warum hast du seine Aufmerksamkeit gesucht?

Er war berühmt. Ich wollte ihn beeindrucken. Ich dachte, meine Freunde würden neidisch sein.

Und dafür hat er dich in ein Buch verwandelt. Was für ein Mann könnte so grausam sein?

Er war der mächtigste Zauberer seiner Zeit, Roporien der Schlaue.

Tyen schnappte nach Luft, und ein Schauer lief ihm über den Rücken. Roporien! Aber er ist vor über tausend Jahren gestorben!

In der Tat.

Dann bist du …

Mindestens so alt, ja. Obwohl es zu meiner Zeit nicht höflich war, eine Bemerkung über das Alter einer Frau zu machen.

Er lächelte. Das ist es nach wie vor nicht – und ich denke nicht, dass es das jemals sein wird. Ich entschuldige mich noch einmal.

Du bist ein höflicher junger Mann. Es wird mir gefallen, in deinem Besitz zu sein.

Du willst, dass ich dich besitze? Tyen fühlte sich plötzlich unbehaglich. Er betrachtete das Buch jetzt als eine Person, und der Besitz einer Person war Sklaverei – eine unmoralische und unzivilisierte Praxis, die seit über hundert Jahren illegal war.

Besser das, als meine Existenz im Nichts zu verbringen. Bücher halten sich nicht ewig, nicht einmal magische. Behalte mich. Benutze mich. Ich kann dir einen großen Schatz an Wissen geben. Alles, was ich erbitte, ist dies: Nimm mich so oft wie möglich in die Hand, damit ich meine Lebensspanne wach und bewusst verbringen kann.

Ich weiß nicht … der Mann, der dich geschaffen hat, hat viele schreckliche Dinge getan – wie du selbst erlebt hast. Ich will nicht in seine Fußstapfen treten. Dann kam ihm ein Gedanke, bei dem ihn eine Gänsehaut überlief. Verzeih mir meine Offenheit, aber sein Buch oder irgendwelche seiner Werkzeuge könnten zum Bösen geschaffen worden sein. Bist du ein solches Werkzeug?

Ich wurde nicht so geschaffen, aber das bedeutet nicht, dass ich nicht dafür benutzt werden könnte. Ein Werkzeug ist nur so böse wie die Hand, die sich seiner bedient.

Die Vertrautheit des Sprichworts war verblüffend und unerwartet beruhigend. Es war ein Sprichwort, das Professor Schmelzer gern mochte. Der alte Historiker begegnete allem Magischen mit Argwohn.

Woher weiß ich, dass du nicht lügst, wenn du behauptest, du seist nicht böse?

Ich kann nicht lügen.

Wirklich? Aber was ist, wenn du darin lügst, nicht lügen zu können?

Das wirst du wohl selbst herausfinden müssen.

Mit gerunzelter Stirn dachte Tyen darüber nach, welche Art von Prüfung ihm Gewissheit in dieser Sache verschaffen könnte, als direkt neben seinem Ohr ein Summen ertönte. Er zuckte erschrocken zusammen, aber es war nur Käfer, seine kleine mechanische Schöpfung. Es war mehr als ein Spielzeug, aber auch nicht ganz das, was er als ein Schoßtier beschreiben würde, und hatte sich auf der Expedition als ein nützlicher Gefährte erwiesen.

Das handtellergroße Insektoid landete auf seiner Schulter, legte seine blau schillernden Flügel zusammen und pfiff dann dreimal. Das sollte ihn warnen, dass …

»Tyen!«

… Miko, sein Freund und Kommilitone im Fach Archäologie, nahte.

Die Stimme hallte in dem kurzen Gang wider, der von der Außenwelt ins Grab führte. Tyen murmelte einen Fluch. Er blickte auf die Seite hinab. Tut mir leid, Pergama. Ich muss Schluss machen. Schritte näherten sich der Tür des Grabes. Da er keine Zeit hatte, sie in seine Tasche zu stecken, stopfte er sie sich unters Hemd, wo sie auf dem Taillenbund seiner Hose zu liegen kam. Sie war warm – was ein wenig beunruhigend war, jetzt, da er wusste, dass es sich um ein bewusstes Ding handelte, das aus menschlichem Fleisch geschaffen worden war – aber er hatte keine Zeit, darüber nachzugrübeln. Er drehte sich zur Tür um, und im nächsten Moment kam Miko hereingestolpert.

»Hast du keine Lampe dabei?«, fragte Tyen.

»Dazu war keine Zeit«, stieß der andere Student hervor. »Hofkrazner hat mich geschickt, dich zu holen. Die anderen sind ins Lager zurückgekehrt, um zu packen. Wir reisen ab.«

»Jetzt?«

»Ja. Jetzt sofort«,erwiderte Miko.

Tyen blickte sich in der kleinen Grabkammer um. Obwohl Professor Hofkrazner diese Auslandsexkursionen gern als Schatzsuche bezeichnete, erwarteten seine Kollegen von den Studenten Belege dafür, dass die Reisen auch deren Bildung zugutekamen. Wenn er die bereits sehr verblassten Dekorationen auf den Wänden der Grabkammer kopieren könnte, hätten sie etwas gehabt, das sie zensieren konnten. Sehnsüchtig dachte er an die neuen Sofortritzer, die einige der reicheren Professoren und der gewerblichen Abenteurer für ihre Aufzeichnungen benutzten. Sie überstiegen sein mageres Taschengeld bei weitem. Und selbst wenn dem nicht so wäre, hätte Hofkrazner sie nicht auf ihre Expeditionen mitgenommen, weil sie ebenso schwer wie empfindlich waren.

Tyen griff nach seiner Tasche und zog die Lasche auf. »Käfer. Rein mit dir.« Das Insektoid huschte über seinen Arm und hinein. Tyen schlang sich den Gurt über Kopf und Schulter und sandte seine Flamme in den Gang.

»Wir müssen uns beeilen«, sagte Miko und ging voran. »Die Einheimischen haben erfahren, wo du gräbst. Es muss ihnen wohl einer der Jungen gesteckt haben, die Hofkrazner eingestellt hat, um uns Proviant zu bringen. Sie kommen mit einer ganzen Horde das Tal herauf und blasen ihre Schlachtenhörner.«

»Sie wollten nicht, dass wir hier graben? Das hat mir niemand gesagt.«

»Hofkrazner wollte nicht, dass wir es dir erzählen. Er meinte, du würdest nach all den Forschungen, die du angestellt hast, bestimmt etwas Beeindruckendes finden.«

Er erreichte das Loch, durch das Tyen in den Gang zur Grabkammer eingedrungen war. Tyen folgte ihm und ließ die Flamme ersterben, während er in das helle Nachmittagslicht hinauskletterte. Trockene Hitze umfing ihn. Miko hatte bereits den oberen Rand des trichterförmigen Lochs erreicht. Tyen, der ihm folgte, schaute zurück und begutachtete sein Werk. Es war nichts mehr in dem Grab, das einen Räuber interessieren würde, aber er wollte es nicht so offen zurücklassen – erst recht nicht, da er jetzt wusste, dass den Einheimischen die Unversehrtheit dieses Grabes so wichtig war. Er sandte seinen Geist aus, zog Magie in sich hinein und ließ dann Erdreich und Steine, die er ringsum aufgeworfen hatte, wieder zurück in den Trichter rutschen.

»Was tust du da?« Miko klang verärgert.

»Ich fülle es auf.«

»Dafür haben wir keine Zeit!« Miko griff nach seinem Arm und riss ihn herum, sodass sie beide in das Tal hinabschauten. Er streckte die Hand aus. »Siehst du?«

Die Talwände waren fast senkrechter Fels, und wo das Gestein im Laufe der Zeit verwittert und in die Tiefe gestürzt war, hatten sich hohe, steile Schuttkegel an der Felswand gebildet. Tyen und Miko standen auf einem dieser Kegel.

Eine lange Reihe von Menschen kam den Talgrund herauf, die Blicke nach oben gerichtet, um das Geröll abzusuchen. Jemand hob den Arm und deutete auf Tyen und Miko. Die Übrigen blieben stehen, dann schüttelten sie die Fäuste.

Ein Schauer durchlief Tyen – teils war es Furcht, teils schlechtes Gewissen. Obwohl die Menschen, die jetzt die entlegenen Täler des Maienlands bewohnten, nichts mit der alten Rasse zu tun hatten, wegen deren Gräbern die Archäologen gekommen waren, hatten sie das Gefühl, dass solche Orte des Todes nicht angerührt werden sollten, damit keine Geister geweckt wurden. Sie hatten das klargestellt, als Hofkrazner eingetroffen war, genau wie sie es früheren Expeditionen gesagt hatten. Aber ihre Proteste hatten sich stets in Worten erschöpft. Sie mussten wirklich außer sich sein, wenn Hofkrazner die Expedition abgekürzt hatte. Warum hatte Hofkrazner ihm nicht gesagt, dass sie in diesem Gebiet keine Grabungen dulden würden?

Tyen öffnete den Mund, um zu fragen, als ein Stück weit neben ihm der Boden explodierte. Sie rissen beide die Arme hoch, um das Gesicht gegen den Staub und die Steine zu beschirmen.

»Kannst du uns beschützen?«, fragte Miko.

»Ja. Gib mir einen Moment …« Tyen sammelte weitere Magie. Diesmal ließ er die Luft um sie herum still werden. Darum ging es bei einem Zauber zumeist: etwas zur Ruhe kommen zu lassen oder etwas zu bewegen. Das Erhitzen und Abkühlen war nichts als eine weitere Form von Bewegen und Beruhigen, nur intensiver und konzentrierter. Als der Staub sich jenseits seines Schildes legte, sah er, dass die Einheimischen sich hinter einer leuchtend bunt gekleideten Frau gesammelt hatten, ihrer Priesterin und Zauberin. Er schickte sich an, zu ihnen hinabzusteigen.

»Bist du verrückt geworden?«, fragte Miko.

»Was können wir sonst tun? Wir sitzen hier oben fest. Wir sollten einfach zu ihnen gehen und mit ihnen reden. Erklären, dass ich nicht …«

Wieder explodierte der Boden, diesmal viel näher.

»Sie scheinen nicht in der Stimmung zu sein zu reden.«

»Sie werden zwei Söhnen des Leratischen Reichs nichts antun«, versuchte Tyen es mit Logik. »Das Maienland profitiert stark davon, dass es eine der sichereren Kolonien ist.«

Miko schnaubte. »Glaubst du, das interessiert die Dorfbewohner? Sie sind an den Gewinnen nicht beteiligt.«

»Nun … die Gouverneure werden sie bestrafen.«

»Das scheint im Moment ihre geringste Sorge zu sein.« Miko drehte sich um, um die Felswand hinter ihnen hinaufzublicken. »Ich werde nicht abwarten, um festzustellen, ob sie bluffen.« Er lief am oberen Rand ihres Schuttkegels entlang und suchte nach Aufstiegsmöglichkeiten im Fels.

Tyen folgte ihm und blieb so nah wie möglich bei Miko, sodass er seinen Schild nicht überdehnen musste, um sie beide damit zu beschirmen. Die Dörfler hatten inzwischen den Schuttkegel erreicht, aber dessen loses Geröll verlangsamte sie. Die Zauberin ging am Fuß des Kegels entlang und versuchte, direkt unter ihnen zu bleiben. Vielleicht – hoffentlich – bedeutete das, dass sie mit ihren Angriffen die Magie in ihrer unmittelbaren Umgebung erschöpft hatte und erst in einiger Entfernung davon wieder Zugang zu mehr Magie finden würde. Wenn dem so war, konnte sie zur Sammlung von Magie nicht so weit ausgreifen wie er selbst.

Sie blieb stehen, und die Luft kräuselte sich vor ihr, ein Puls, der auf ihn zurauschte. Als ihm klar wurde, dass Miko vorausgegangen war, zog Tyen weitere Magie in sich hinein und breitete den Schild aus, um ihn zu beschützen.

Kurz vor ihren Füßen explodierte das Geröll. Tyen ignorierte die Steine und den Staub, die von seinem Schild abprallten, und beeilte sich, Miko einzuholen. Sein Freund hatte einen Spalt in der Felswand erreicht. Nachdem er die Füße auf die rauen Flächen des schmalen Spalts gestellt und dessen Kanten umfasst hatte, begann er zu klettern. Tyen legte den Kopf in den Nacken. Zwar reichte der Riss im Fels ein Stück nach oben, aber bei weitem nicht bis zum oberen Ende der Wand. Stattdessen verbreiterte er sich etwa drei Manneshöhen über ihnen und bildete eine schmale Höhle.

»Das ist keine gute Idee«, murrte er. Selbst wenn sie nicht abrutschten und sich etwas brachen, würden sie festsitzen, sobald sie die Höhle erreicht hatten.

»Wir haben keine Wahl. Wenn wir nach unten gehen, werden sie uns fangen«, sagte Miko mit gepresster Stimme und ohne seine Aufmerksamkeit vom Klettern abzuwenden. »Schau nicht nach oben. Schau auch nicht nach unten. Klettere einfach.«

Obwohl die Felsspalte fast senkrecht war, bot sie mit ihren zerklüfteten Kanten genug Halt für Hände und Füße. Tyen schluckte hörbar und schwang sich seine Tasche auf den Rücken, damit er Käfer nicht zwischen sich selbst und der Wand zerquetschte. Dann schob er Finger und Zehen in die raue Oberfläche und hievte sich empor.

Zuerst war es leichter, als er erwartet hatte, aber schon bald wurden seine Finger, Arme und Beine müde und schmerzten vor Anstrengung. Ich hätte mehr Sport treiben sollen. Ich hätte einem Club beitreten sollen. Dann schüttelte er den Kopf. Nein, es gibt keinen Sport, den ich hätte machen können und der diese Muskeln trainiert hätte, es sei denn, ich wäre Felswände hinaufgeklettert, und ich habe von keinem Club gehört, der das als Freizeitbeschäftigung einstufen würde.

Der Schild hinter ihm erbebte unter einem plötzlichen Aufprall. Tyen ließ mehr Magie hineinfließen und versuchte, sich nicht vorzustellen, wie er einer Wanze gleich auf der Klippenwand zerquetscht würde. Hatte Miko recht, was die Einheimischen betraf? Würden sie es wagen, ihn zu töten? Oder setzte die Priesterin einfach darauf, dass er als Zauberer gut genug war, um ihre Angriffe abzuwehren?

»Wir sind fast da«, rief Miko.

Tyen ignorierte das Feuer in seinen Fingern und Waden und blickte auf, um zu sehen, wie Miko in der Höhle verschwand. Nicht mehr weit jetzt, sagte er sich. Er zwang seine schmerzenden Glieder zu ziehen, zu schieben und ihn hinaufzutragen, auf den dunklen Schatten der Sicherheit zu. Während er wieder und wieder emporblickte, sah er, dass er eine Körperlänge entfernt war, dann nah genug, um die Öffnung mit einem ausgestreckten Arm zu erreichen. Eine Vibration ging durch den Stein unter seiner Hand, und Splitter lösten sich aus dem Fels. Er fand abermals Tritt, stieß sich hoch, hielt sich fest, zog, spürte den kühlen Schatten der Höhle auf dem Gesicht …

Dann packten ihn Hände unter den Achseln und zerrten ihn nach oben.

Miko hörte nicht auf zu ziehen, bis Tyen ganz in der Höhle lag. Sie war so schmal, dass seine Schultern beide Seiten zugleich berührten. Es gab auch keinen durchgehenden Boden; unter ihnen verlief der Spalt in der Felswand, aber er war hier so schmal, dass sie nicht hineinrutschen konnten.

Und der Grund, den dieser Spalt bildete, senkte sich, je tiefer man in die Höhle vordrang, sodass Tyen jetzt mit dem Kopf tiefer lag als mit den Beinen. Er spürte, wie ihm das Buch aus dem Hemd rutschte, und versuchte es festzuhalten, aber Miko kam ihm mit den Armen in die Quere. Das Buch fiel unter ihm in den Spalt. Er fluchte und schuf schnell eine Flamme. Das Buch war auf einer Kante liegen geblieben, aber er hätte es mit der Hand nicht erreicht – selbst wenn sein Arm mager genug gewesen wäre, um in den Spalt zu passen.

Miko ließ ihn los und drehte sich zaghaft um, um die Höhle zu untersuchen. Tyen ignorierte ihn und ging in die Hocke, zog seine Tasche nach vorn und öffnete sie. »Käfer«, zischte er. Der kleine Apparat regte sich, dann huschte er heraus und Tyens Arm hinauf. Tyen zeigte auf den Spalt. »Hol das Buch.«

Käfers Flügel summten zur Bestätigung, dass er verstanden hatte, dann sirrte sein Körper, als er Tyens Arm hinunter und in den Spalt huschte. Das Insektoid musste die Beine weit spreizen, um in dem Spalt Halt zu finden, wo das Buch lag. Tyen stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, als seine winzigen Zangen den Buchrücken packten. Sobald Käfer an dem Spalt auftauchte, steckte Tyen ihn zusammen mit Pergama in seine Tasche.

»Beeil dich! Der Professor ist hier!«

Tyen stand auf. Miko schaute nach oben und drückte einen Finger an die Lippen. Ein schwaches, rhythmisches Geräusch hallte in dem Raum wider.

»Im Luftwagen?« Tyen schüttelte den Kopf. »Ich hoffe, ihm ist klar, dass die Priesterin uns mit Steinen bombardiert. Sonst könnte es ein sehr langer Heimweg werden.«

»Ich bin mir sicher, dass er auf einen Kampf vorbereitet ist.« Miko wandte sich ab und ging an dem Spalt entlang weiter. »Ich denke, wir können hier hinaufklettern. Komm her und bring dein Licht mit.«

Tyen stand auf und folgte Miko. Hinter seinem Kameraden wurde der Spalt wieder schmaler, aber Schutt hatte den Raum gefüllt und bot ihnen eine steile, unebene, natürliche Treppe. Über sich sahen sie einen Fleck blauen Himmels. Miko begann zu klettern, aber das Geröll löste sich unter seinem Gewicht, sodass er nicht weiterkam.

»So dicht am Ziel.« Er blickte hoch. »Kannst du mich dort hinaufheben?«

»Vielleicht …« Tyen konzentrierte sich auf die magische Atmosphäre. In der Höhle war seit langer Zeit keine Magie mehr benutzt worden. Die Magie war so glatt verteilt und so reglos wie ein Teich an einem windstillen Tag. Und sie war in Fülle vorhanden. Er hatte sich immer noch nicht daran gewöhnt, wie viel stärker und verfügbarer Magie außerhalb der Städte war. Anders als in der Metropole, wo Magie ständig zu wichtigerer Verwendung wogte, sammelte sich hier die Macht wie ein sanfter Nebel um ihn herum. Den in der Stadt allgegenwärtigen Ruß, das Überbleibsel verbrauchter Magie, hatte er hier bisher nur in kleinen, sich schnell auflösenden Flecken bemerkt. »Sieht so aus, als wäre es möglich«, sagte Tyen. »Bist du bereit?«

Miko nickte.

Tyen holte tief Luft. Er sammelte Magie und benutzte sie, um vor Miko ein kleines flaches Rechteck aus Luft ganz still werden zu lassen.

»Tritt vor«, wies er seinen Freund an.

Miko gehorchte. Tyen stärkte das Rechteck, um das Gewicht des jungen Mannes zu halten, dann bewegte er es langsam nach oben. Miko streckte die Arme aus, um das Gleichgewicht zu wahren, und lachte nervös.

»Lass mich eben überprüfen, ob uns auch niemand dort oben erwartet, bevor du mich aus der Höhle hebst«, rief er zu Tyen herab. Nachdem er durch die Öffnung gespäht hatte, grinste er. »Die Luft ist rein.«

Als Miko von dem Rechteck heruntertrat, ertönte ein Ruf vom Eingang der Höhle. Tyen drehte sich um und sah einen der Einheimischen hereinklettern. Er nahm Magie in sich auf, um den Mann wieder hinauszustoßen, besann sich dann jedoch eines Besseren. Wenn der Mann die Felswand hinabstürzte, könnte er dabei umkommen. Stattdessen schuf Tyen einen weiteren Schild innerhalb des Eingangs.

Als er sich umschaute, spürte er, wo die magische Atmosphäre erschöpft war, aber es strömte bereits weitere Magie ein, um die verbrauchte zu ersetzen. Er nahm noch ein wenig mehr, um ein weiteres Rechteck zu formen, dann trat er, in der Hoffnung, dass die Einheimischen nichts tun würden, um seine Konzentration zu stören, auf das Rechteck und ließ es emporsteigen.

Er hatte es nie gemocht, sich selbst oder jemand anderen auf diese Weise aufsteigen zu lassen. Wenn er jemals in seiner Konzentration nachließ oder ihm die Magie ausging, blieb keine Zeit, um eine neue Plattform zu schaffen. Zwar war es möglich, die Person selbst zu bewegen, statt die unter ihr zum Stillstand gebrachte Luft, aber dabei konnte ein Mangel an Konzentration oder ein kleiner Fehler – wenn man nicht alle Teile eines Körpers mit gleicher Geschwindigkeit bewegte – zu Verletzungen oder sogar zum Tod führen.

Als Tyen den oberen Rand des Spalts erreichte, trat er ins Sonnenlicht hinaus. Über dem Tal vor der Felswand schwebte eine große, rhombenförmige, mit heißer Luft gefüllte Kapsel – der Luftwagen. Er trat von seinem Rechteck auf den Boden und eilte zu Miko, der bereits am Rand der Felswand stand.

Der Luftwagen senkte sich ins Tal hinab, sodass die Kapsel den Blick auf die darunter hängende Gondel und ihre Insassen versperrte. Die Dorfbewohner hatten sich am unteren Ende des Spalts gesammelt; einige von ihnen waren auch in die Felswand gestiegen. Die Priesterin hatte den Schuttkegel noch nicht ganz bezwungen und richtete ihre Aufmerksamkeit jetzt auf den Luftwagen.

»Professor!«, rief Tyen, obwohl er wusste, dass es unwahrscheinlich war, dass man ihn über den Lärm der Propeller hören konnte. »Hier drüben!«

Der Luftwagen entfernte sich weiter von der Felswand. Unter ihm machte die Priesterin eine dramatische Gebärde, die nur darauf bedacht war zu beeindrucken – die Magie selbst erforderte keinerlei fantastische körperliche Bewegungen. Tyen hielt den Atem an, als ein Flimmern der Luft nach oben schoss, und stieß ihn wieder aus, als die Wucht des Angriffs mit einem dumpfen Schlag, der durch das Tal hallte, unter dem Luftwagen abgefangen und neutralisiert wurde.

Der Luftwagen ging in den Steigflug über, und gleich darauf gab die Kapsel den Blick auf die lange, schmale Gondel frei; sie hatte die Form eines Kanus, mit zu beiden Seiten herausragenden Propellerarmen und einem fächerähnlichen Ruder am Heck. Professor Hofkrazner saß vorn auf dem Fahrersitz, Drem, sein Diener, der bereits in den mittleren Jahren war, und der dritte Student, Neel, standen an der Seilreling und hielten sich an den Tragseilen fest, die die Kapsel mit der Gondel verbanden. Das Trio würde ihn und Miko sehen, wenn sie sich nur umdrehten und in ihre Richtung schauten. Er rief und ruderte mit den Armen, aber die Besatzung des Luftwagens starrte wie gebannt nach unten.

»Mach ein Licht oder irgendetwas«, sagte Miko.

»Sie werden es nicht sehen«, erwiderte Tyen, aber er zog trotzdem noch mehr Magie in sich hinein und formte eine neue Flamme, machte sie größer und heller als die früheren in der Hoffnung, dass sie in dem strahlenden Sonnenlicht deutlicher zu sehen sein würde. Zu seiner Überraschung blickte der Professor herüber und entdeckte sie.

»Ja! Hierher!«, rief Miko.

Hofkrazner wendete den Luftwagen und hielt mit brummenden Propellern auf den oberen Absatz der Felswand zu. An beide Seiten der Gondel waren Taschen und Kisten mit ihrer Expeditionsausrüstung geschnallt. Schließlich kam der Wagen mit einem Schwall vertrauter Gerüche über den Rand des Felsens. Tyen atmete den Duft von harzbestrichenem Tuch, poliertem Holz und Pfeifenrauch ein und musste unwillkürlich lächeln. Miko griff nach der Reling aus Tauwerk, die rund um die Gondel verlief, duckte sich darunter hinweg und stieg an Bord.

»Tut mir leid, Jungs«, sagte Hofkrazner. »Die Expedition ist vorbei. Es hat keinen Sinn mehr zu bleiben, wenn die Einheimischen erst einmal diesen Zustand erreicht haben. Macht euch auf das Knacken in den Ohren gefasst. Wir steigen auf.«

Als Tyen sich sein Bündel auf den Rücken schwang, um an Bord zu gehen, dachte er an das, was darin war. Er hatte keinen Schatz, mit dem er angeben konnte, aber zumindest hatte er etwas Interessantes gefunden. Nachdem er sich unter dem Seil der Reling hindurchgeduckt hatte, setzte er sich auf das schmale Deck und ließ die Beine über den Rand baumeln. Miko nahm neben ihm Platz. Der Luftwagen stieg rasch auf, und seine Nase drehte sich langsam in Richtung Heimat.

2 Tyen

Es war ein erhebendes Gefühl, mit einem steten Rückenwind durch die klare, schöne Nacht zu fliegen. Die leuchtenden Rot- und Orangetöne des Sonnenuntergangs hatten dem Geplänkel zwischen Miko und Neel ein Ende gemacht, und seither war jeder an Bord mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt.

Tyen hatte das Gefühl, dass der Luftwagen eine Bugwelle vor sich her schob. Aber im Gegensatz zu einem Boot im Wasser wurde die Welle nicht durch Verdrängung, sondern durch Verbrauch verursacht – durch Verbrauch von Magie. An ihrer Stelle blieb der dunkle Schatten von Ruß zurück, der hinter ihnen her wehte wie eine Rauchfahne. Ruß war schwer zu beschreiben für jemanden, der ihn nicht spüren konnte. Eigentlich war er lediglich die Abwesenheit von Magie, aber wenn er frisch war, hatte er Textur, als sei irgendetwas an der Stelle der Magie verblieben. Er veränderte sich auch – er schrumpfte, während Magie langsam zurückströmte, um die Leere auszufüllen.

Während Tyen mehr Magie in sich hineinzog, um die Propeller anzutreiben und die Luft in der Kapsel zu erwärmen, kostete er die Möglichkeit aus, Magie ganz hemmungslos und ohne jede Zurückhaltung benutzen zu können. Ihre Benutzung war wohltuend, überlegte er, aber es war kein körperliches Vergnügen. Eher wie das Glücksgefühl, das man empfand, wenn etwas, das man machte, genau so gelang, wie man es geplant hatte. Wie die Befriedigung, die er verspürt hatte, als er Käfer geschaffen hatte und die anderen kleinen mechanischen Erfindungen, die er verkaufte, um seine Ausbildung zu finanzieren.

Obwohl es nicht schwierig war, den Luftwagen zu steuern, verlangte es doch Konzentration. Tyen wusste, dass seine magischen Fähigkeiten ihm einen Platz bei der Expedition gesichert hatten. Ohne ihn hätte Professor Hofkrazner den Luftwagen die ganze Strecke allein lenken müssen.

»Es wird langsam kühl«, bemerkte Drem zu niemand Bestimmtem. Hofkrazners Kammerdiener hatte eine Weile zuvor im Gepäck herumgestöbert und ihre Fliegerjacken, ihre Hauben, Schals und Handschuhe herausgeholt. Tyen war froh gewesen, auf diese Weise zu erfahren, dass seine Tasche mit an Bord sein musste und bei ihrer überstürzten Abreise aus Maienland nicht zurückgeblieben war.

Jemand berührte ihn an der Schulter, und als er aufschaute, sah er den Professor, der ihm zunickte.

»Ruht Euch aus, Tyen. Bis Palga werde ich übernehmen.«

Tyen ließ den Sog abflauen, den er auf die Magie ausübte, stand auf, hielt sich an der Reling fest und zwängte sich an Hofkrazner vorbei, damit der Mann sich auf den Fahrersitz setzen konnte. Dann hielt er inne; er erwog zu fragen, warum Hofkrazner ihn an einer Stelle hatte graben lassen, an der die Maienländer sie nicht hatten haben wollen, aber er sagte nichts. Er kannte die Antwort. Hofkrazner scherte sich nicht um die Gefühle oder Traditionen der Maienländer. Die Akademie erwartete von ihm und seinen Studenten, dass sie Schätze heimbrachten, und das war ihm wichtiger. In jeder anderen Hinsicht bewunderte Tyen den Mann und wollte ihm ähnlicher sein, aber auf dieser Reise hatte er erkannt, dass der Professor seine Fehler hatte. Er nahm an, die hatte jeder. Wahrscheinlich hatte er selbst einige. Miko sagte ihm immer, er benehme sich so gut, dass es schon langweilig sei. Das bedeutete nicht, dass er oder Hofkrazner nicht liebenswert gewesen wären. Oder zumindest hoffte er das.

Miko und Neel saßen im mittleren Teil der Gondel, wo sie am breitesten war, an der Reling und ließen die Beine über Bord baumeln, während Drem im Schneidersitz auf der gegenüberliegenden Seite hockte, damit das Gleichgewicht gewahrt blieb. Für einen Mann seines Alters war er überraschend beweglich. Tyen ließ sich auf der gleichen Seite wie der Diener nieder, aber mit etwas Abstand zu ihm. Dann zog er sich die Handschuhe aus, steckte sie sich in die Jackentasche und holte das Buch unter seinem Hemd hervor. Es war immer noch warm. Vielleicht hatte er es sich früher nur eingebildet, und jetzt verströmte es lediglich die Wärme seines Körpers, die es von Tyen selbst gesammelt hatte. In den vergangenen Stunden hatte er sich beinahe selbst davon überzeugt, dass er sich das Gespräch mit dem Buch nur eingebildet hatte. Obwohl er natürlich hoffte, dass dem nicht so war.

Er sollte es jetzt Hofkrazner übergeben, aber der Mann war beschäftigt, und Tyen wollte zuerst herausfinden, was genau er entdeckt hatte.

»Also, Tyen«, sagte Neel. »Miko meint, du hättest in dem Grab einen Sarkophag gefunden. Waren irgendwelche Schätze darin?«

Tyen blickte auf das Buch hinab. »Keine Schätze«, antwortete er unwillkürlich.

»Kein Schmuck? Nichts von dem Tand, den wir in den anderen Höhlen gefunden haben?«

»Nichts in der Art. Der Mann, der dort begraben lag, muss arm gewesen sein, als er starb. Der Deckel des Sarges hatte nicht einmal Verzierungen.«

»Niemand begräbt arme Männer in Steinsärgen. Vermutlich sind Räuber dort hineingelangt. Das muss ärgerlich sein, nachdem man all die Zeit verschwendet hat herauszufinden, wo ein Grab sein könnte.«

»Dann waren es sehr rücksichtsvolle Räuber«, erwiderte Tyen, und jetzt ließ er ein wenig von seinem Ärger in seiner Stimme durchschimmern. »Sie haben den Deckel wieder auf den Sarg gelegt.«

Miko lachte. »Wahrscheinlicher ist, dass sie Sinn für Humor hatten. Oder befürchteten, die Leiche würde hinter ihnen herkommen, wenn sie es nicht taten.«

Tyen schüttelte den Kopf. »An den Wänden waren einige interessante Gemälde. Falls wir je dorthin zurückkehren …«

»Ich weiß nicht, ob in absehbarer Zeit irgendjemand dorthin zurückkehren wird. Die Maienländer haben versucht, uns zu töten.«

Tyen schüttelte erneut den Kopf. »Die Akademie wird es regeln. Außerdem werden die Dorfbewohner vielleicht nichts dagegen einzuwenden haben, wenn ich nur die Bilder an den Wänden abmale und nichts wegnehme.«

»Nichts wegnehme? Vielleicht wenn du einmal reich bist und deine eigenen Expeditionen bezahlen kannst.« Nach Neels Ton zu urteilen erwartete er nicht, dass Tyen jemals Reichtum erlangen würde.

Er hat gut reden. Dumm wie Bohnenstroh, aber eine Familie so wohlhabend und wichtig, dass er bestehen wird, ganz gleich, wie seine Zensuren ausfallen oder wie wenig Arbeit er auf sein Studium verwendet. Trotzdem, Neel war ehrlich an Geschichte interessiert und lernte angestrengt. Er idealisierte die berühmten Entdecker und war entschlossen, eines Tages, falls sich die Gelegenheit bot, ein Gespräch mit einem von ihnen zu führen.

Seufzend schlug Tyen das Buch auf. Es war zu dunkel, um die Seite sehen zu können, daher schuf er eine winzige Flamme und ließ sie über seinen Händen schweben. Eine Flamme zu machen bedeutete, dass er ein winziges bisschen Luft so schnell bewegen musste, dass es heiß wurde und zu glühen anfing. Es kostete Konzentration, die Magie auf einen so kleinen Effekt zu beschränken, aber wie bei einem monotonen Tanzschritt konnte er sich, sobald das Licht brannte, auf etwas anderes konzentrieren. Als er die Seiten durchblätterte, sah er zu seiner Enttäuschung, dass der Text, der zuvor erschienen war, sich aufgelöst hatte. Er schüttelte den Kopf und wollte das Buch gerade wieder schließen, als eine Zeile erschien, sich in die Länge zog und über eine Seite schlängelte. Er öffnete das Buch, um den neuen Text zu lesen.

Du hast gelogen und nicht erzählt, dass du mich gefunden hast.

Er blinzelte, aber die Worte blieben.

Du bist nicht das, was sie als »Schatz« ansehen würden. Moment mal … woher hast du das gewusst? Ich hatte dich noch gar nicht geöffnet.

Ich brauche nur jemanden, der mich berührt. Wenn er das tut, kann ich eine Verbindung zu seinem Geist finden.

Du kannst meine Gedanken lesen?

Ja. Wie sonst könnte ich Worte in deiner Sprache formen?

Kannst du dort irgendetwas ändern?

Nein.

Ich hoffe, du lügst nicht darüber, dass du außerstande bist zu lügen.

Das tue ich nicht. Ich bin außerdem ebenso offen für dich, wie du es für mich bist. Was immer du an Informationen von mir erbittest, muss ich dir geben. Aber du musst natürlich zuerst wissen, dass eine Information existiert und dass ich sie besitze.

Tyen runzelte die Stirn. Ich nehme an, dass es einen Preis hat, dich benutzen zu dürfen, wie es bei allen magischen Gegenständen der Fall ist.

Der Preis ist das Wissen, das ich schnell und ehrlich sammle.

Dann habe ich die bessere Seite des Handels erwischt. Du kannst viel mehr Wissen ansammeln als ich, obwohl es natürlich davon abhängen wird, was die Menschen, die dich gehalten haben, wussten. Also, was kannst du mir erzählen?

Du studierst Geschichte und Magie. Offensichtlich kann ich dir nichts über die letzten sechshundert Jahre erzählen, weil ich die in dem Grab verbracht habe, aber ich habe davor schon viele Jahrhunderte existiert. Mich haben große Zauberer und Historiker in der Hand gehalten, außerdem Philosophen, Astronomen, Wissenschaftler, Heiler und Strategen.

Tyens Herzschlag beschleunigte sich. Wie viel einfacher würde es sein, zu lernen und seine Lehrer zu beeindrucken, wenn er ein Buch wie dieses zu seiner Verfügung hatte? Kein Suchen mehr in der Bibliothek, kein Lernen mehr bis spät in die Nacht.

Nun, jedenfalls nicht viel. Ihr Wissen war mindestens sechshundert Jahre alt, und vieles hatte sich in dieser Zeit verändert. Es hatte eine große Revolution in Vernunft und wissenschaftlicher Praxis gegeben. Sie konnte voller Irrtümer sein. Schließlich hatte sie Wissen von Menschen angesammelt, und selbst berühmte, geniale Menschen machten Fehler und hatten Irrtümer begangen.

Auf der anderen Seite, wenn die Akademie sich in irgendetwas irrte, konnte er sie nicht allein mit Pergama eines Besseren belehren. Die Professoren würden niemals eine einzelne Quelle akzeptieren, wie bemerkenswert diese auch sein mochte. Sie würden sie nicht als Beweis für irgendetwas akzeptieren, bis sie genau ermittelt hatten, wie akkurat sie war. Und dann würden sie zu dem Schluss kommen, dass sie wichtigere Verwendungszwecke für das Buch hätten, als einem Studenten zu erlauben, seine Neugier zu befriedigen oder Abkürzungen in seiner Ausbildung zu nehmen.

Deine Freunde und dein Lehrer behalten ebenfalls einige Entdeckungen für sich. Warum solltest du mich nicht behalten?

Tyen schaute zu dem Professor hinüber. Hochgewachsen und hager, mit kurzgeschnittenem Haar und einem Schnurrbart, den er nach der aktuellen Mode trug, wurde Hofkrazner von Studenten und Kollegen gleichermaßen bewundert. Seine Abenteuer hatten ihm akademischen Respekt eingetragen und ihn mit vielen Geschichten ausgestattet, mit denen er andere verzaubern und beeindrucken konnte. Frauen bewunderten ihn, Männer beneideten ihn. Nicht wenige Studenten hatten von seinem Vorbild beeindruckt ihr Studium an der Akademie aufgenommen.

Doch Tyen wusste, dass Hofkrazner seinem Ruf nicht ganz gerecht wurde. Er war zynisch, was seine Profession und ihren Nutzen für die Welt betraf, als hätte er die Neugier und das Staunen verloren, die ihn überhaupt zur Archäologie hingezogen hatten. Jetzt schien er sich nur noch dafür zu interessieren, Dinge zu finden, die er verkaufen oder mit denen er andere beeindrucken konnte.

Ich will nicht so werden wie er, sagte er zu Pergama. Und wenn ich dich behalte, könnte das bedeuten, dass ich die Akademie einer einzigartigen und möglicherweise wichtigen Entdeckung beraube.

Du musst tun, was du für richtig hältst.

Es war jetzt vollends dunkel geworden. Sterne sprenkelten den Himmel, so viel leuchtender und zahlreicher hier, abseits jeder großen Stadt mit ihren Lichtern und ihrem Smog. Erst in einiger Zeit war mit einer größeren Anzahl von Lichtern unter ihnen zu rechnen: wenn sie die Stadt Palga erreichten. Er schätzte, dass sie in etwa einer Stunde dort ankommen würden.

Das Buch – Pergama – hatte sich bereits zweimal mit seinem Geist in Verbindung gesetzt. Wusste sie bereits alles über ihn? Wenn ja, konnte jeder, der das Buch in Zukunft in der Hand hielt, alles über ihn erfahren. Sie brauchten Pergama nur zu fragen. Sie hatte zugegeben, dass sie jedwede Information preisgeben musste, die sie enthielt, und zwar jeder Person, die danach fragte.

Aber was hatte er zu verbergen? Nichts, was wichtig genug war, um ihn dazu zu bewegen, bei ihrer Benutzung vorsichtig zu sein. Nichts, was es nicht wert war zu riskieren, dass andere peinliche Dinge herausfinden und ihn damit aufziehen könnten. Nichts, was er nicht gegen das Wissen eintauschen würde, das sie in Jahrhunderten angesammelt hatte, Jahrhunderten, in denen große Männer das Buch in Händen gehalten hatten.

Wie die »großen Zauberer«, die sie erwähnt hatte. Und Roporien selbst. Tyen blickte wieder auf die Seite hinab. Er würde die Akademie erst in einigen Tagen erreichen. Möglicherweise würde man ihm verzeihen, wenn er sie bis dahin behielt. Schließlich hatte Hofkrazner vielleicht gar keine Zeit, sie während der Reise zurück nach Hause richtig zu untersuchen. Tyen würde bis dahin so viel wie möglich von ihr lernen.

Weißt du alles, was Roporien wusste?

Nicht alles. Roporien wusste, dass ich, damit ich ein wirkungsvoller Hort des Wissens sein konnte, Zugang zum Verstand jener haben musste, die mich hielten, aber er hatte Geheimnisse, die zu offenbaren er nicht riskieren wollte. Also hat er mich nach meiner Erschaffung niemals berührt. Er hat mich von anderen befragen lassen, aber das war für ihn nur selten notwendig.

Weil er bereits alles wusste, was es zu wissen gab?

Nein. Da ein stärkerer Zauberer die Gedanken eines schwächeren lesen kann und Roporien stärker war als alle anderen Zauberer, brauchte er mich nicht, um den Geist eines anderen auszuspionieren. Die meisten von jenen, von denen er Informationen wollte, haben gar nicht erst versucht, sie ihm vorzuenthalten. Sie haben sie aus Ehrfurcht oder Angst preisgegeben.

Tyens Gedanken überschlugen sich, während er über Zauberer nachsann, die die Fähigkeit hatten, Gedanken zu lesen. Sie mussten in der Tat mächtig gewesen sein. Aber warum sollte Roporien ein Buch erschaffen, das er nicht benutzen konnte?

Nun, er brauchte mich nicht zu berühren, um mich zu benutzen. Indem er mich von anderen berühren ließ, konnte er sie lehren und Wissen verbreiten.

Das ist eine unerwartet noble Tat für einen Mann wie Roporien.

Er hat es zu seinem eigenen Nutzen getan. Ich war ein Werkzeug, um seine Kämpfer Kriegslektionen zu lehren, um seinen Dienern zu zeigen, wie sie ihm am besten von Nutzen sein konnten, und um die größten Erfinder und Künstler aller Welten zu inspirieren, damit er die Magie verwenden konnte, die durch ihr Schaffen entstand.

Magie, die durch ihr Schaffen entstand? Moment mal. Willst du damit sagen … Du willst doch nicht etwa sagen …?

Dass ihre Kreativität Magie erzeugt hat? Doch, genau das will ich sagen.

Tyen starrte entsetzt auf die Seite. Das ist abergläubischer Unsinn.

Nein, ist es nicht.

Das ist es ganz gewiss. Es ist ein Mythos, den die größten Geister dieses Zeitalters zurückweisen.

Wie haben sie ihn widerlegt?

Er verspürte ein Aufblitzen von Ärger, als ihm klar wurde, dass er es nicht wusste. Ich werde es herausfinden müssen. Es wird Unterlagen geben. Obwohl … vielleicht ist es auch nicht regelrecht widerlegt worden, sondern lediglich nicht gelungen, es zu beweisen.

Also müsstest du es glauben, wenn jemand bewiese, dass es wahr ist?

Natürlich. Aber ich bezweifle, dass das irgendjemandem gelingen wird. Die Zurückweisung primitiver Glaubensvorstellungen und Ängste und die Akzeptanz nur dessen, was sich beweisen lässt, ist es, was uns in eine moderne, erleuchtete Zeit geführt hat. Die Sammlung und Untersuchung von Beweisen und die Anwendung von Logik führte zu vielen großen Entdeckungen und Erfindungen, die das Los des Menschen verbessert haben.

Wie dieser Luftwagen, in dem ihr reist.

Ja! Luftwagen und Luftkutschen. Eisenbahnschlitten und Dampfschiffe. Maschinen, die Waren rascher als je zuvor produzieren – wie Webstühle, die Stoff schneller herstellen, als zwanzig Weber gleichzeitig es könnten, und Maschinen, die Kopien eines Buches machen können, alle gleich und zu Tausenden, binnen weniger Tage.

Tyen lächelte bei dem Gedanken an all das, was sich auf der Welt verändert hatte, seit sie das letzte Mal »gelebt« hatte. Was würde sie von den Fortschritten halten, die die Menschen gemacht hatten, vor allem im letzten Jahrhundert? Sie würde beeindruckt sein, davon war er überzeugt. Eine Art Stolz erfüllte ihn, und plötzlich hatte er einen weiteren Grund, ihre Aushändigung an Hofkrazner und die Akademie zu verzögern.

Sie musste wissen, wie die Welt sich verändert hatte. Jemand musste ihren Vorrat an Wissen auf den neuesten Stand bringen. Er würde sie unterrichten, bevor er sie abgab. Schließlich würden sie sie, wenn sie immer noch abergläubischen Vorstellungen anhing, vielleicht nicht zu einer akkuraten Quelle erklären, sondern zu einer gefährlichen.

Ein vertrautes, beunruhigendes Gefühl im Magen sagte ihm, dass der Luftwagen seinen Sinkflug begann, und er blickte auf. Palga war inzwischen in Sicht gekommen und schon recht nahe. Er schloss das Buch, schob es in seine Tasche, die er seit ihrer Flucht vor den Maienländern an einem über dem Rücken gekreuzten Gurt quer vor der Brust trug, und ließ seine Flamme verlöschen. Pergama beherrschte seine Gedanken, während sie sich auf die kleine Stadt herabsenkten.

Sie kann vermutlich gar keine akkurate Quelle des Wissens sein, da sie die Fortschritte der letzten sechshundert Jahre versäumt hat und nicht mehr weiß als das, was die Leute wussten, die sie in Händen gehalten haben. Doch das macht sie zu einem faszinierenden Einblick in die Vergangenheit. Als Gegenleistung für das, was sie mich lehrt, scheint es nur gerecht zu sein, dass ich ihr das Wissen gebe, das aufzunehmen ihr verwehrt war. Die Akademie wird sich lediglich für das interessieren, was sie von ihr nehmen können, daher muss ich es tun, bevor ich sie aushändige.

Palgas Landebahn lag wie die der meisten Städte außerhalb auf einem Feld an der Hauptstraße. Zwei weitere Luftwagen standen im Gras, ihre abkühlenden Kapseln sorgfältig neben den Gondeln vertäut. Während Hofkrazner den Wagen weiter hinabsinken ließ, ging Tyen nach vorn, um die mit einem festen Auge versehene Vorleine zu übernehmen. Drem duckte sich unter die Reling, damit er bereits zu Boden springen konnte, bevor der Wagen aufgesetzt hatte. Neel war an die Achterleine getreten, und Miko stand hinten.

»Das ist doch Gowels Wagen, oder?«, fragte Miko, als sie an den am Boden festgemachten Wagen vorbeischwebten.

»Auf jeden Fall.« Hofkrazner lachte leise. »Hoffen wir, dass er noch nicht lange hier ist, sonst wird im Gasthaus Zum Anker kein guter Staubi mehr zu haben sein. Alles klar zur Landung?«

Drem und Miko bestätigten in zackigem Ton.

»Absprung!«, befahl der Professor.

Als die beiden sprangen und damit die Gondel um ihr Gewicht erleichterten, wurde aus dem Sinkflug des Luftwagens abrupt ein neuer Aufstieg. Hofkrazner schaute zu der Kapsel empor. Laschen hoben sich und ließen heiße Luft hinausquellen. Der Aufstieg verlangsamte sich, dann begann der Wagen wieder zu sinken.

»Festmachen!«

Tyen warf Drem die Vorleine zu. Der Diener fing sie auf und zog sie sofort straff. Sie waren inzwischen gut aufeinander abgestimmt, nachdem sie den Wagen bei dieser Expedition mehrmals gelandet hatten. Als sich die Gondel auf den Boden senkte, warf Tyen einen langen Erdanker mit einem Ring hinunter und benutzte Magie, um ihn in die Erde zu rammen. Drem zog die Leine durch den Ring, während Tyen nach hinten eilte, um dort ebenfalls den Erdanker auszubringen.

Nachdem der Wagen gesichert war, gingen auch Hofkrazner, Neel und Tyen von Bord. Der Professor schritt davon, um ihren Transport zum Akademiehotel zu arrangieren, während Drem sich daranmachte, ihr Gepäck loszubinden.

»Stellt das, was in der Gondel eingeschlossen werden soll, nach rechts und das, was ihr ins Hotel mitnehmt, nach links«, wies er sie an, während er ihnen die erste Tasche reichte.

»Nach links«, erklärte Miko. Dann fügte er hinzu, während der Diener das Gepäck sortierte: »Beeil dich, Drem. Gowel war ein Jahr unterwegs. Er wird uns einiges zu erzählen haben.«

»Ich mache so schnell ich kann, Miko«, entgegnete Drem. »Gowel wird uns noch stundenlang und bis tief in die Nacht mit seinen Geschichten in Atem halten.«

»Ich bin mir sicher, dass der Professor dir schon lange vorher erlauben wird, zu Bett zu gehen«, sagte Tyen. »Einer von uns muss morgen früh klar genug im Kopf sein, um dieses Ding vom Boden zu bekommen.«

»Eher morgen Nachmittag«, brummte Drem.

Als sie das Deck klar hatten, war die Kapsel genügend abgekühlt, um sie neben der Gondel vertauen zu können. Ein Mietwagen war aufgetaucht, und Hofkrazner hatte den Fahrer auf einen vernünftigen Betrag heruntergehandelt. Tyen half Drem, das nicht benötigte Gepäck in die Gondel des Luftwagens zu schaffen und unter Deck zu verstauen. Dann schloss der Diener die Luke, und sie alle nahmen sich ihre Taschen und eilten zu dem Mietwagen hinüber.

Hofkrazner lächelte, während sie einstiegen. Er freut sich darauf, mit seinem Freund und Rivalen über die Ereignisse der letzten Zeit zu sprechen, dachte Tyen. Ich frage mich … vielleicht sollte er Pergama wieder unter sein Hemd schieben. Sie würde möglicherweise etwas aus den Geschichten lernen, die die beiden Archäologen und Abenteurer sich an diesem Abend erzählen würden.

3 Tyen

Die Akademie unterhielt ein Hotel in jeder Stadt im Reich, die es wert war, besucht zu werden. Obwohl Palga keine große Stadt war, überraschte es Tyen nicht, dass es auch hier ein Hotel der Akademie gab. Günstige Winde machten es zu einem beliebten Zwischenhalt für Luft- und Seereisende, von denen viele Absolventen der Akademie waren.

Die Größe des Hotels erstaunte ihn jedoch. Es schien so unverhältnismäßig riesig für die Stadt zu sein, dass die meisten Einheimischen in seinem Dienst standen oder es belieferten. Doch obwohl alles im Hotel von ausgesuchter Qualität war, war laut Hofkrazner das Gasthaus Zum Anker auf der anderen Straßenseite der angesagte Treffpunkt der jüngeren Absolventen. Dort nahmen sie ihren Staubi und prahlten mit ihren Reisen in die fernen Winkel des Reiches und darüber hinaus. Abenteurer – manche sogar weiblichen Geschlechts aus der nichtakademischen Welt und dem Ausland – besuchten das Gasthaus ebenfalls und waren oft bereit, ihre Erlebnisse zum Besten zu geben.

Als Tyen Hofkrazner und den anderen Studenten in die Schankstube des Gasthauses folgte, umfingen ihn sofort Lärm und Wärme. Gleichzeitig war er sich des Buches bewusst, das verborgen von seiner Weste in seinem Hemd steckte. Drem hatte darauf bestanden, dass sie alle ihre gewohnte Stadtkleidung anzogen – Hemd, Weste, Hose, Jacke und Kappe –, die sie nicht mehr getragen hatten, seit sie auf dem Weg nach Maienland durch Palga gekommen waren. Danach waren praktische, khakifarbene, abgetragene Hosen und Hemden, warme Fliegerjacken, Hauben, Schals und Handschuhe ihre Kleider gewesen.

Als er den Schankraum betrat, hängte Hofkrazner seinen Hut auf den obersten einer Reihe von Nägeln an der nächsten Wand. Die Studenten hängten ihre Kappen an die Nägel darunter und folgten dem Professor zu einem Tisch, an dem bereits vier Männer saßen. Einer der vier blickte auf, und ein breites Grinsen ließ die Zähne in seinem stark gebräunten Gesicht aufblitzen, als er Hofkrazner erkannte.

»Vals!«, brüllte er. »Ich dachte, Ihr würdet erst in ein oder zwei Wochen zurückerwartet.«

»Das ist auch richtig«, antwortete der Professor und ging um den Tisch herum, damit er dem anderen Mann zur Begrüßung auf die Schultern schlagen konnte. »Wir hatten ein kleines Problem mit den Einheimischen. Nichts, womit ich nicht fertiggeworden wäre, aber ich wollte nicht riskieren, dass den Jungen etwas passiert.« Er drehte sich zu Tyen, Miko und Neel um. »Ich denke, Ihr kennt Tyen Eisenschmelzer und Neel Lang bereits, aber Miko Grünriegel noch nicht. Jungs, das ist Tangor Gowel, der berühmte Abenteurer.«

»Berühmt?« Gowel wedelte abschätzend mit der Hand. »Nur unter unseresgleichen, wo Ruhm weniger Wert hat als Freundschaft.« Er deutete auf die anderen Männer. »Kargen Wachalt, Mins Speer und Dayn Zo, meine Reisegefährten. Freunde, das ist Vals Hofkrazner, Professor für Geschichte und Archäologie an der Akademie. Jetzt setzt Euch und erzählt mir, wo Ihr gewesen seid.« Er winkte einer Kellnerin zu. »Noch vier Gläser hierher!«

»Sagt mir zuerst, wo Ihr gewesen seid«, erwiderte Hofkrazner. »Ich habe gehört, dass Ihr das Äquatorialgebirge überquert und den Fernen Süden erreicht habt.«

Gowel grinste jetzt so, dass seine Schnurrbartspitzen fast die Ohren erreichten. »Ihr habt richtig gehört.«

»In diesem kleinen Luftwagen, neben dem wir auf dem Landefeld festgemacht haben?«

»Genau.«

»Ist die Luft während der Überquerung ziemlich dünn geworden?«

Alle vier Männer nickten. »Aber wir haben eine Art Pass gefunden. Eine Passage durch die Gipfel.«

»Und was lag auf der anderen Seite?«

Die Kellnerin erschien mit den Gläsern, und Gowel schenkte jedem am Tisch eine großzügige Menge von dem kräftigen, dunklen Staubi ein. »Der Ferne Süden ist so, wie der Entdecker Holzner ihn beschrieben hat«, antwortete er, während er jedem sein Glas hinschob. »Seltsame Tiere und noch seltsamere Menschen. Die Atmosphäre ist erfüllt von starker Magie, und was sie damit machen …« Seine Augen leuchteten bei der Erinnerung. »Wir haben das legendäre Tyeszal gesehen – das Holzner als Helmburg übersetzt hat. Eine Stadt, die in eine riesige Felszinne gehauen wurde, eine Zinne, die so hoch ist wie ein Berg. In ihrem Zentrum befördern schwebende Plattformen Menschen und Waren hinauf und hinunter; außen um die Stadt fliegen Kinder umher und überbringen sowohl Nachrichten als auch kleine Sendungen.«

Hofkrazner nahm einen ordentlichen Schluck von seinem Staubi, ohne den Blick auch nur für einen Moment von Gowel abzuwenden. »Also doch keine Übertreibung.« Es schien Tyen, dass im Gesicht des Professors ein Muskel zuckte oder sich anspannte, was einen flüchtigen Eindruck von Neid erweckte. »Und wie sind die Eingeborenen?«

»Zivilisiert. Ihr König ist Fremden gegenüber freundlich gesinnt und offen für Handel. Ihre Zauberer sind gebildet, und sie haben eine kleine Schule. Obwohl sie uns in technischen Belangen weit hinterherhinken, haben sie einige Methoden und Geräte entwickelt, die mir noch unbekannt waren.« Er zuckte die Achseln. »Obwohl ich mich irren könnte. Magie ist, wie du weißt, nicht mein Spezialgebiet. Ich war nicht im Auftrag der Akademie unterwegs, sondern für Tor Braun und Co. Ich sollte nach Bodenschätzen suchen und nach neuen Möglichkeiten, Handel zu treiben – und außerdem eine Luftwagenroute durch die Berge finden.«

Hofkrazner leerte seinen Becher. »Habt Ihr irgendwelche natürlichen Schätze und neue Handelswaren gefunden?«

Gowel nickte und zog ein großes, in Leder gebundenes Buch aus der Jacke. Er blätterte darin; die Seiten waren gefüllt mit einer sauberen Schrift und gelungenen Skizzen. Der Abenteurer hielt bei einer Seite inne, um die Pflanzen und Tiere zu beschreiben, sowohl domestizierte als auch wilde, die er gefunden hatte. Dann schlug er eine skizzierte Landkarte auf, die das Gebiet verschiedener Völker zeigte, die er und seine Gefährten kennengelernt hatten. Tyen bemerkte eine Linie, die sich durch eine Bergkette am Rand der Karte schlängelte. War dies die Route, die die Abenteurer genommen hatten?

Als Gowel fertig war, schaute Hofkrazner von dem Buch zu seinem Freund und lächelte. »Gewiss ist das nicht alles, was Ihr mitgebracht habt?«

»Nun, die üblichen Proben von Flora und Fauna, Mineralien und Textilien.«

»Keine Schätze, die Ihr der Akademie verkaufen könnt?«

Gowel schüttelte den Kopf. »Nichts, was die Luftwagen beschwert hätte.«

Der Professor brummte eine widerstrebende Zustimmung. »Gold und Silber sind verflucht schwer.«

»Wissen ist von größerem Wert als Gold und Silber«, entgegnete Gowel. »Ich verdiene mit meinen Büchern und Vorträgen inzwischen mehr Geld als mit Schatzfunden, selbst wenn die Akademie mich einen Lügner nennt. Vielleicht gerade, weil sie es tut.« Sein Blick wanderte von Miko zu Neel und dann weiter zu Tyen. »Lasst nicht zu, dass die ehrwürdige Institution euren Geist einengt, Jungs. Geht hinaus in die Welt und entscheidet selbst, was Folklore ist und was Wahrheit.«

»Für wohlhabende Männer wie Euch ist das ja alles gut und schön, Gowel«, sagte Hofkrazner. »Aber die meisten von uns können es sich nicht leisten, mit leeren Händen heimzukehren. Wir müssen der Akademie gegenüber die Finanzierung unserer Expeditionen rechtfertigen, indem wir die Weisheit oder den Wohlstand der ehrwürdigen Institution mehren. Vorzugsweise den Wohlstand.«

»Und wir wollen nicht, dass wir aus der Akademie geworfen werden, so wie es Euch ergangen ist«, fügte Neel hinzu und bedachte den älteren Mann mit der Art von herausforderndem Blick, den nur Studenten aus seinem Kurs wagen würden. Hofkrazner lachte leise.

Gowel sah den Jungen an. »Entgegen dem, was die Zeitungen behaupten, bin ich nicht hinausgeworfen worden: Ich habe meine Stelle aufgegeben.«

Neel runzelte die Stirn. »Warum habt Ihr das getan?«

Das Lächeln des Abenteurers war grimmig. »Ich habe einst ein Wunder entdeckt – einen Gegenstand von geringem Geldwert, aber von großem magischem Potenzial, das vielleicht Tausenden hätte zugutekommen können –, und sie haben ihn weggesperrt, sodass niemand außer ihnen ihn sehen und benutzen konnte.«

Tyens Herz setzte einen Schlag aus. Ist es das, was sie mit Pergama machen werden? Sie wegsperren, sodass niemand sie berühren kann? Sie würde das hassen. Aber gewiss würde sie, sobald die Akademie begriff, wie nützlich sie sein konnte, die ganze Zeit gehalten und gelesen werden. Von Männern mit größerem Wissen und größerer Intelligenz, als er sie besaß. Wie konnte er ihr das verwehren, wenn sie doch dafür geschaffen worden war?

»Ich hätte diesen Gegenstand behalten sollen.« Gowel runzelte die Stirn, und Tyen war überrascht, Hofkrazner nicken zu sehen. »Nach dem, was Vals mir erzählt, liegt er unbenutzt und vergessen im Tresor. Die Akademie ist gierig und selbstsüchtig. Das Wissen und die Wunder der Welt sollten allen zur Verfügung stehen, damit jeder Mensch sich weiterbilden kann, falls es sein Wunsch ist«, fuhr Gowel fort. »Mein Traum ist es, eine große Bibliothek in Belton aufzubauen, in der die Menschen kostenlos von der Welt und ihren Wundern erfahren können.«

Es war ein anerkennenswerter Traum, und Tyen verspürte einen Stich schlechten Gewissens angesichts seines Wunsches, Pergama zu behalten. Es wäre selbstsüchtig, das zu tun. Andere sollten ebenfalls von ihr profitieren. Aber wenn die Akademie sie genauso behandelte wie den Gegenstand, den Gowel gefunden hatte, würde dann irgendjemand von ihr profitieren? Und während Hofkrazners Worte über die Rechtfertigung ihrer Expedition ihn an den anderen Grund erinnerten, warum er sie der Akademie aushändigen sollte – wäre es nicht genauso selbstsüchtig, das zu tun, nur um bessere Zensuren zu bekommen?

Was immer er tat, er sollte zuerst die Informationen, die sie enthielt, auf den neuesten Stand bringen. Und herausfinden, ob sie wirklich immer die Wahrheit sagte. Es würde die Wahrscheinlichkeit vergrößern, dass die Akademie sie als einen wertvollen Gegenstand ansah, den zu benutzen sich lohnte, und es war das, was sie wollen würde, da es ihr Zweck war, Wissen zu sammeln. Es würde ihm außerdem Zeit geben zu entscheiden, was er tun sollte.

Je länger er sie behielt, desto schlimmer würde es aussehen, wenn er sie schließlich hergab, daher würde er sich beeilen und jede Gelegenheit nutzen müssen, sie zu unterweisen. Es war klar, dass die einfache Mitteilung an sie, dass sie sich in irgendeinem Punkt irre, nicht genug war, um die Informationen zu verändern, die sie enthielt. Sie hatte sich widersetzt, als er versucht hatte, sie hinsichtlich der Beziehung zwischen Kreativität und Magie zu korrigieren. Er brauchte Beweise, um sie von ihrem Irrtum zu überzeugen. Und wenn er sie der Akademie aushändigte, musste er in der Lage sein zu demonstrieren, dass ihr Wissen korrigiert werden konnte.