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Die Glocken von Vineta E-Book

Charlotte Lyne

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Beschreibung

Ein opulenter historischer Roman über das legendäre Vineta – das Atlantis der Ostsee. Vineta im 12. Jahrhundert. In der florierenden Stadt wachsen die Zwillinge Warti und Bole als Söhne eines vermögenden Bernsteinhändlers auf. Doch während Warti als der Ältere der beiden ein reiches Erbe antritt, muss sich sein jüngerer Bruder Bole als Fischhändler über Wasser halten. Die Rivalität zwischen den beiden eskaliert, als sie sich in dieselbe Frau verlieben. Verzweifelt schlägt Bole sich auf die Seite der verfeindeten Dänen – der Hass zwischen den Brüdern wird zum Kampf um Leben um Tod für ganz Vineta.

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Charlotte Lyne

Die Glocken von Vineta

Historischer Roman

Für Maren Dem Andenken der Verlorenen des 26. Dezember 2004 Dû bist mîn, ich bin dîn des solt dû gewis sîn dû bist beslozzen in mînem herzen, verlorn ist daz slüzzelîn: dû muost ouch immer darinne sîn. (Tegernseer Handschrift aus dem 12. Jahrhundert)

Prolog

November 1125

Mit der Dämmerung war es kalt geworden. Die Regenpfützen in den Mulden des blank geschorenen Feldes erstarrten rasch zu Eis. Natalia rannte. Ihre Sohlen trommelten wie Dreschflegel auf die froststarre Erde. Die Arme hielt sie, statt sie im Lauftakt zu schwingen, um den Leib geschlungen. „Umarmst du dich selbst?“, hätte die Mutter sie mit einem Lachen gefragt. Vor Anstrengung brauste Natalia das Blut in den Ohren, übertönte den pfeifenden Wind.

Aus dem Wald herausgerodet lag das Fleckchen Land, das ihr Vater seinen kargen Acker nannte. „Von den paar Scheffeln Roggen krieg ich weder Mensch noch Viehzeug satt“, pflegte er zu wettern, ehe er mit den Brüdern aufbrach, um seine Fallen zu leeren, oder im Sumpfland Torf zu stechen. Den Schwestern trug er auf, in den Astlöchern der Zeideler nach Resten von Bienenwachs zu stochern, und an diesem Tag hatte er auch sie, Natalia, mit fünf Jahren seine Jüngste, zu einer Aufgabe ausgeschickt.

Im Dickicht des Waldes sollte sie nach Bucheckern suchen, um das Schwein im Verschlag damit zu füttern. Natalia hatte gehofft, dabei ein paar Hände voll süßer Beeren aufzuspüren, doch es war zu spät im Jahr, die Sträucher im Unterholz längst kahl. Als das letzte Licht verblich, waren ihre Finger von der Kälte so steif, als müssten sie beim Krümmen splittern wie die morschen Zweige.

Natalia lief schneller, wenn auch die Eisluft ihr schmerzhaft in die Lungen schnitt. Schon kam die Hütte in Sicht. Kein Rauch stieg auf, denn das Feuerholz war knapp. Drinnen aber würde der Atem vieler Menschen Wärme verbreiten, auf dem Tisch stünde die noch kaum erkaltete Suppe, und der Oheim Luka, den der Vater einen Nichtsnutz schimpfte, würde mit seinem kehligen Lachen Not und Sorgen zur Tür hinaus scheuchen.

Natalia hörte ihre Eltern oft von Sorgen reden. Solche Gespräche gehörten zu ihrem Leben wie die Hühner, die in der Morgenkälte gefüttert werden mussten, wie die Wanzenbisse in den Nächten, die Knüffe der Brüder und der Spott der Schwestern, aber in diesem Herbst hatte sich etwas verändert, war bedrohlicher, schwerer geworden. Die Stimme des Vaters schien bei jedem Wort hinterherzuschleifen, als sei er schon ein Greis und könne seine Last nicht länger tragen. Der Oheim Luka, Mutters Bruder, versuchte, das Dunkle mit einer Handbewegung wegzustreifen. „Wir haben’s immer geschafft, warum soll’s diesmal anders sein?“

„Weil uns die Ernte ersoffen ist, Nichtsnutz. Aus leeren Händen gibt sich schlecht noch was ab.“

„Ach, das wird schon. Mokosch, die goldrote Mutter Erde, hilft dem Tüchtigen.“

Der Oheim lachte, und der Vater schlug mit einem Strick nach ihm. „Dann hilft sie dir gewiss als Letztem, und meine schuldlosen Kinder müssen für deine Faulheit mit dran glauben.“

Ein andermal hörte Natalia den Oheim davon munkeln, dass der Fürst in Kiew, der große Wladimir Monomach, gestorben sei. „In der Stadt wird’s Aufhebens geben.“

„In der Stadt gibt’s immer Aufhebens“, knurrte der Vater zurück. „Aber für uns Bauern ist das einerlei. Dieser oder jener auf dem Thron in Kiew, über unseren Köpfen tanzt die Knute des Bojaren.“

Der Bojar, das wusste Natalia, wohnte hinter dem Wald, hinter dem Ende ihrer Welt, in der großen Stadt Nowgorod. Ihre Familie war ihm leibeigen. Was das bedeutete, begriff sie nicht, nur, dass der Name des Bojaren Unheil beschwor, Erschrecken, tief bedrücktes Schweigen. Zweimal schon waren Männer in dunkelbraunen Röcken erschienen, die den Vater beschimpft, ihn an den Schultern gerüttelt und schließlich die Ziege am Strick gepackt und mit sich fortgezerrt hatten. Die Mutter hatte sich in den Winkel auf den Boden gehockt und heiser geweint. „Wer sind die?“, hatte Natalia ihre älteste Schwester Nona gefragt.

„Die Eintreiber. Die holen sich, was dem Bojaren gehört.“

Warum dem Bojaren die Ziege gehörte, die in ihrer Hütte hauste und deren Milch die Mutter allmorgendlich in den Kessel überm Feuer schöpfte, sodass der köstliche Duft den Raum erfüllte, verstand Natalia nicht. „Im Frühjahr findet sich eine neue Gehörnte“, tröstete der Oheim, trank einen Becher Schlehenwein und klatschte in die Hände. „Sing ein Lied, Schwesterlein, ein bisschen Frohsinn kostet nichts.“

Auf einmal konnte sie es nicht mehr erwarten, das Haus zu erreichen, die vertrauten Stimmen zu hören und ihre Familie um den Tisch versammelt zu sehen. Der Oheim würde ihr Fratzen schneiden und die Mutter, die den jüngsten Bruder in einem Tuch vor der Brust trug, würde Suppe aufdecken und Brot austeilen. Aus dem Krug mit der abgeplatzten Tülle würde der Vater erst sich und dann dem Oheim einschenken, seinen Becher leeren und die letzten Tropfen auf den Boden schütten. „Mokosch, Göttin der fruchtbaren Erde, nimm unser Opfer an und hilf uns aus der Not.“ Natalia schlang die Arme fester um den Leib. Die letzten Schritte. Um ein Haar stolperte sie. Im schwachen Lichtschein sah sie die Tür in den Angeln baumeln. Polternd stürzte etwas um. Dann ertönte ein Schrei: „Natalia. Geh!“

Doch Natalia konnte sich nicht rühren. Hinter dem Türstock verborgen sah sie die Mutter, die mit dem Rücken zur Wand stand und den Säugling, den sie Stani Sternenauge nannte, an sich presste. Sie waren wieder da. Die Männer in den dunklen Röcken. Bestimmt ein Dutzend von ihnen. Zwei stießen den Vater zu Boden, ein anderer packte den Oheim beim Arm und schleuderte ihn gegen den Tisch. Die Kerze stürzte um. Gleich darauf stand der Tisch in Flammen. Im flackernden Licht sah Natalia Blut leuchten, das die schief getretenen Dielen rot färbte. In der Blutlache lag ihr Bruder Mitja, der Streithammel, der ihr beim Essen immer das Brot wegschnappte und sie rotes Rättchen rief. Jetzt war sein Kopf nach hinten verdreht, sein Haar blutverschmiert. Einer der Männer kippte den Kübel mit der Notdurft in die Flammen. Mit drohendem Zischen bäumte das Feuer sich ein letztes Mal auf und erstarb. Im Nu war es dunkel in der Stube. Nur eine bläulich erstickende Lohe züngelte noch über den Tisch.

„Los jetzt. Von dannen mit dem Pack.“

Die berockten Männer, die damit beschäftigt gewesen waren, alles Herumstehende, den Kessel, die paar Becher und Näpfe, in Säcke zu raffen, ließen ihre Beute fallen und schnappten sich stattdessen Menschen. Rissen den Vater und den Oheim Luka vom Boden, zerrten die Schwestern hinter der Kleidertruhe vor und schleiften einen nach dem andern zur Tür. Bruder Mitja ließen sie liegen, stiegen über ihn hinweg. Im letzten Moment sprang Natalia zur Seite. Raschen Schrittes schleppten die Männer Vater, Oheim, Brüder und Schwestern an ihr vorbei und verschwanden in der Nacht. Natalia drängte sich zitternd an die Wand der Hütte. Niemand bemerkte sie.

Natalia drückte ihre Schulter ans Holz und kniff die Augen zu. Lichtpunkte tanzten ihr durch den Schädel. „Und jetzt zu dir“, hörte sie von drinnen eine Männerstimme. „Los, das Balg her.“ Wieder polterte es, und dann schrie die Mutter. Das Geräusch fuhr Natalia wie eine Nadelspitze durch den Leib. Nie zuvor hatte sie ein Wesen, weder Mensch noch Tier, so schreien hören.

Ein Windstoß blähte ihr die Kleider. Die Schreie gingen in ein abgehacktes Fiepen über, wie die sinnlosen Laute einer Maus, ehe die Katze ihr den Garaus machte. Dann verstummten sie ganz. Natalia fiel auf die Knie. Auf allen vieren kroch sie, wie von fremder Hand gezogen, zurück zur Tür und spähte in den Raum. Düster war es. Nur die bläulich ersterbende Flamme spendete ein wenig Licht. Bruder Mitja lag, wie er gelegen hatte. Daneben entdeckte Natalia ein Bündel und erkannte das Tuch, in dem die Mutter sonst den kleinen Stani vor der Brust trug. Das Bündel lag unbewegt, gab keinen Laut von sich. An der hinteren Wand, bei der Fensterluke, lehnten zwei der Männer, die unhörbar miteinander tuschelten.

Das einzige Geräusch, das Natalia ins Ohr drang, war ein rasches Keuchen. Ihr Blick flog durch den Raum. Dann sah sie den dunklen Umriss bei der Kleidertruhe. Zwei Gestalten am Boden, eine über die andere geworfen, die obere zuckte wie von Krämpfen geschüttelt auf und ab. Das helle Haar der Mutter lag über die Dielen gebreitet. Im Zwielicht hoben sich die Hinterbacken des Mannes leuchtend weiß. Er atmete schneller, schnaufte, schrie heiser auf und sackte wie erschlagen nieder. Natalia schrie auch. Zumindest glaubte sie zu schreien, aber hörte keinen Ton. Mit einem Schlag war es still. Eisklar und fast lautlos floss der Atem der Nacht. Natalia krümmte sich zusammen und vergrub den Kopf in ihren Armen. Unter den bloßen Knien spürte sie gefrorene Erde. Wie viel Zeit vergangen war, hätte sie nicht zu sagen vermocht.

Zu sich kam sie, weil sich ihr etwas in die Schulter bohrte. „He, was für ein Krötenschnäuzchen haben wir denn da?“

Sie hob den Kopf. Harsches Fackellicht blendete sie. Über ihr standen drei der berockten Männer, von denen der größte sie mit seinem Stock stach. Ein zweiter, der auf dem kahlen Kopf keine Mütze trug, hielt die Mutter, die leblos hing, über einem Arm. „Seht euch das an. Die Heidenbrut hat Haare wie ein Kirchenbrand.“

„Höllenfeuer“, stimmte sein Nebenmann zu. „So rot kriegt’s die verruchteste Hure nicht gefärbt.“

Mit dem Stock hob der Größere Natalias Haar, über das ihre Schwester Nona zu schimpfen pflegte, eher ließe sich der Schweif eines Eichhorns flechten.

„Komm schon, mach ein Ende“, drängte der Kahlköpfige, der die Mutter hielt. „Was willst du mit der Kröte? Ich hab daheim ein Nachtessen warten und ein Bett mit einem feisten Weibsbild drin.“

„Ich nehme sie mit“, erwiderte der Mann mit dem Stock, bückte sich und hievte Natalia an einem Arm in die Höhe. „Wer weiß, ob unser Boris mir’s nicht dankt.“

„Auf deinem Arsch dankt der’s dir. Aber mich soll’s nicht kratzen.“

Der Kahlköpfige wollte die Mutter weiterschleifen, doch in den Leib, der totengleich über seinem Arm gehangen hatte, geriet plötzlich Leben. Der Kopf hob sich. Ein Flüstern. „Natalia.“

Natalia sah der Mutter ins Gesicht. Die starrte durch sie hindurch. Aus einem Nasenloch troff ihr ein Rinnsal Blut. Der kleine Bruder, Stani, das Frühlingskind, war nicht bei ihr. Sie packte Natalia bei der Hand, drückte schnell einen Gegenstand hinein und schloss ihr die Finger darum. Die Braunröcke hatten offenbar nichts bemerkt. Im Griff des Kahlköpfigen sank die Mutter wieder in sich zusammen. „Los jetzt, verfluchte Heidenhure.“

Die beiden Männer setzten sich in Bewegung, schleiften die Mutter wie einen leeren Sack hinterdrein. Der dritte, der noch immer Natalia am Arm hielt, blieb stehen und sah auf sie hinunter. „Das ist dein Name? Natalia?“

Natalia starrte ihn an, aber aus ihrer Kehle kam kein Wort.

„He, Rotschopf, ich rede mit dir.“

Klatschend traf seine Hand ihre Wange. Vor ihren Augen zerfloss sein Gesicht, doch sie spürte keinen Schmerz. In ihrer Faust lag kühl und glatt der Gegenstand. Sie sagte nichts.

1. Teil: Die Stumme

Oktober 1129

1

Der Sommer in Nowgorod, hieß es, war kurz und süß wie ein Rausch vom Südwein. Wenn man daraus erwachte, ächzten einem die Glieder, die klaren Nächte waren verflogen und Raureif bedeckte die Gassen. Der Winter hingegen, in dem das quirlige Treiben auf den Märkten, das Ankerwerfen und Ankerlichten am Fluss Wolchow zum Erliegen kam, war endlos lang und senkte sich über die Stadt wie traumloser Schlaf. Die Besucher, die an diesem Morgen erwartet wurden, Handelsreisende, die in sieben Tagesreisen das Meer überquert, sodann in Ladoga ihre Ware auf Flusskähne umgeladen hatten und erst die Newa, dann den Wolchow hinunter nach Nowgorod gerudert waren, mochten die Letzten sein, die die gefahrvolle Reise vor Einbruch des Winters wagten.

Sie waren Gäste von Bedeutung. Wanda, die älteste der Küchenmägde, zurrte Natalia die Kiepe auf dem Rücken fest und schickte sie mit einer scharfen Warnung auf den Weg: „Los, zum Geflügelmetzger, aber lass dir um Himmels willen keine zähe Krähe andrehen. Die gottverlassenen Heiden haben Gaumen wie Fürstentöchter. Nicht umsonst wird erzählt, in ihrem gottlosen Vineta schwirrten ihnen die Tauben geröstet ins Maul.“

Natalia fürchtete den Winter. Das Gewirbel der Schneeflocken entzückte sie, verlockte sie zu Sprüngen, aber allzu rasch fiel ihr wieder ein, dass sie weder schützende Kleidung noch ein warmes Lager für die Nacht besaß. Sie fröstelte jetzt schon in ihrem Kittel, der ihr kaum noch bis über die Waden reichte und zudem fadenscheinig wurde. Statt eines Mantels wickelte sie sich den Überrest einer Decke, die nach Tierfell stank, um die Schultern. Dennoch stellte sich an ihren Unterarmen der blassrote Flaum vor Kälte auf. Aber vor allem graute ihr vor dem Winter, weil es in den langen, totenstillen Mondkreisen kein einziges festliches Gastmahl gab, bei dem Igor, der Koch, sich gebührlich ins Zeug legen konnte.

Eine solche Herausforderung vermochte die Laune des Küchenmeisters aufzuhellen. An gewöhnlichen Tagen verfluchte er unablässig sein Schicksal, das ihn in den Dienst des Bojaren Boris gestellt hatte: Der hohe Herr wusste gutes Essen nicht zu schätzen, sparte an Zutaten und hätte sich am liebsten Tag für Tag den Bauch mit Hohlbraten und einfachem Gerstenbrei gefüllt. Seinen Verdruss ließ Igor an seinen Untergebenen aus, und die meisten Flüche, Tritte und Ohrfeigen hatte die heidnische Laus einzustecken, die ihm der Herr Boris vor nunmehr vier Jahren in den Pelz gesetzt hatte. „Was soll ich mit der verhungerten Rotznase?“, hatte der Koch gewettert. „Die weiß nicht mal wie ein Christenmensch die Zunge zu gebrauchen, und von dem Feuerschopf wird mir die Butter im Fass sauer.“

Es war die alte Wanda gewesen, die Natalia das Haar geschoren und ihr ein Tuch aus rauer Wolle um den Kopf geknotet hatte. „Besser du reizt Igor nicht, sonst sei der Herrgott dir gnädig.“

Aber der Herrgott, wer immer das sein mochte, war ihr auch nach der Schur nicht gnädig. Sie blieb Igors bevorzugtes Opfer, obgleich sie keine Ahnung hatte, womit sie ihn so sehr in Zorn versetzte. Zuweilen prügelte er sie mit dem Walkholz für ein paar Tropfen vergossener Milch, an Tagen wie heute hingegen durfte sie sogar den kostbaren Pfeffer verschütten und bekam nicht mehr als eine flüchtige Kopfnuss dafür. Menschen verstehen zu wollen, war sinnlos. Noch sinnloser war der Versuch, sie zu ändern oder wenigstens durch Wohlverhalten sanft zu stimmen.

Als klüger erwies sich, sie zu meiden, sich abseits zu halten und nicht aufzufallen. Natalia zerrte das Tuch um ihr Haar, das schon wieder in dicken Büscheln nachwuchs, fester. Dann konzentrierte sie sich wieder auf den Weg und gab acht, auf den überfrorenen Bohlen, mit denen die Gassen Nowgorods gepflastert waren, nicht auszugleiten.

Die Tür der Geflügelmetzgerei stand zur Straße hin offen. Dennoch war es warm in dem kleinen Raum, in dem sich schwatzend und feilschend die Kunden drängten. Ein berauschendes Gewirr aus Düften nach starken Gewürzen, frischem Blut und Rauch umfing Natalia. Niemand scherte sich um die Neunjährige, die am Ende der Schlange ausharrte. Mit klammen Fingern nestelte sie die Riemen ihrer Kiepe auf.

„Gott zum Gruß“, rief eine Riesin von Frau, die sich Einlass verschaffte, indem sie mit ihrem mächtigen Busen kurzerhand die Nächststehenden aus dem Weg zwang. „Wie steht es, Meister Andrej, bekomme ich noch ein Huhn für meine Brühe?“ Mit einer Hand schob die Frau Natalia, die eben ihre Kiepe dem Metzger über den Verkaufstisch hinaufreichen wollte, aus dem Weg. „Ich komme just aus dem Hafen. Die Fuhre aus Vineta ist da, fünf Kähne hat’s gebraucht, um die ganze Ladung herzubringen. Das Prachtschiff ist zu breit für den Fluss, das liegt in Ladoga vor Anker. Ein Jammer, oder? Das hätte sich unsereins gern angesehen.“

„Dann hättest du dir einen Schiffer nehmen sollen, keinen Schuhmacher, Kata“, spottete die leutselige Stimme des Metzgers. „Dein Juri schafft dich im Leben nicht nach Ladoga, das liegt einen Tag weit weg am schwarzen See Newo, und übers Meer, nach Vineta, brächte der dich nicht einmal im Traum.“

„Da tut er auch recht dran“, brummte die Schuhmacherfrau. „Wenn nämlich alle Burschen da so knusprig sind wie der im Hafen, dann fliegt dem Juri sein Vöglein aus, ehe er weiß, wie ihm geschieht.“

Gelächter füllte den engen Raum. Mit einem Vöglein hatte die Schuhmacherin so wenig Ähnlichkeit wie der Zugochse des Herrn Boris mit einem Rehkitz. „Erzähl, Kata!“, riefen mehrere Frauen auf einmal.

Die Angesprochene fuhr herum. „Was soll ich erzählen? Ich war unten, um zum Freitag ein paar Heringe zu ergattern, da spaziert das Bürschlein von der Rampe und mir geradewegs vor meine wunden Äugelchen. Ein Gesicht wie Milch und Wein, sag ich euch, und dazu ein Paar Hinterbacken wie ein Hengst aus Al-Andalus.“

Von Neuem platzte Gelächter los. „Ja, ja, die züchten ansehnliche Rösser in ihrem Heidenbabel hinterm Meer“, murmelte die aufgeputzte Frau des Töpfermeisters. Nach vier Jahren, in denen Natalia tagaus, tagein für den Haushalt des Bojaren zum Einkauf ging, kannte sie jedes Gesicht. Alle Hausfrauen aus dem Slawenskaja-Viertel, in dem die gut gestellten Handwerker und Kleinhändler lebten, kamen zum Geflügelkauf zu Meister Andrej, und die adligen Herren, die wie der Bojare ihre Häuser in Flussnähe hatten, sandten ihre Mägde her.

„Vorn herum wird’s auch nicht eben karg bestellt sein“, rief eine der Frauen und löste weitere Böen von Gelächter aus.

„Darauf kannst du dich verlassen. Wär ich noch ledig, dürfte der des Nachts getrost an meine Tür klopfen, mag er nun Heide sein oder nicht.“

„Langsam, langsam, Kata“, warnte Andrej. „Vergiss nicht, wer sich einem Heiden hinschenkt, fährt zur Hölle mit ihm.“

Einen Herzschlag lang war es still. Als Kata schließlich wieder sprach, klang ihre Stimme, als koste sie auf ihrer Zunge einen Tropfen Honig. „Vielleicht gäbe es Übleres als die Hölle – mit solchem Teufel aus Vineta!“

Das Gemurmel und Gelächter erstarb. Fahrig schlug Andrej das Huhn für die Schuhmacherin in ein Tuch und setzte es in ihren Korb. „Kann ich sonst noch mit etwas dienen?“

Gerade da hatte Kata neben sich die an die Theke gedrängte Natalia entdeckt. „He Mädchen, du bist doch aus der Küche vom Herrn Boris, oder? Bei euch geht’s wohl heute hoch her, wo das feine Volk aus Vineta kommt. Pass auf, wenn einer von denen, der große Bursche mit dem hübschen Haar, vielleicht ein Paar Schuhe braucht, dann schickst du ihn zu mir, hast du gehört?“

„Lass dem Kind seinen Frieden, Kata.“ Der Metzger beugte sich über den Ladentisch, hielt Natalia sein verschwitztes Gesicht entgegen und streckte die Arme nach der Kiepe. „Sie kann nicht sprechen, weißt du das nicht? Na komm, gib her, Liebchen, ich hab das Bestellte schon bereit. Vier Wachteln, vier Hühner und zwei Enten, rund gemästet, jung geschlachtet, wie verlangt.“

Die Zeit, die sie brauchte, um die schwer gefüllte Kiepe umzuschnallen, schien Natalia endlos. Unter den Blicken der Frauen fühlte sie sich wie einer der Braten, die Igor auf Silberplatten anrichten und von der Magd Broni auftragen ließ. Keine Hand rührte sich, um ihr zu helfen. Als sie ging, bildeten die Frauen eine Gasse wie um ein seltsames Tier, von dem man besser Abstand hielt.

Die Besucher aus Vineta verbrachten den Vormittag bei Geschäften in Herrn Boris’ Lagerhaus. Was die Wälder und Äcker, die der Bojar sein Eigen nannte, einbrachten, suchte er durch Handel zu mehren, und den Vinetern, so viel verstand sogar Natalia, fiel dabei eine entscheidende Rolle zu. Verliefen die heutigen Verkäufe zur Zufriedenheit, so mochte tagelang selbst in der Küche Frieden herrschen.

Dort schwang in der Zwischenzeit Igor sein Zepter. Wie mit tausend Augen wachte er darüber, dass keiner achtlosen Hand ein Fehler unterlief, spähte hier in einen Kessel mit brodelndem Sud und da in einen Topf, in dem gehackte Mandeln in Wein zu einer süßen Mischung zerkochten. Natalia stand auf einer Fußbank und stampfte Büschel getrockneter Petersilie in einem Mörser zu Brei. Die daraus gebrühte Tunke diente zum Färben des Mandelsuds, ebenso wie der Saft, den sie den schwarzen, eingelegten Kirschen abpresste. Grün und Schwarz. Das Banner der Stadt Vineta. Wenn der Sud zu einer festen Masse erstarrt war, trug Igor in abgezirkelten Rauten die Farben auf. „Bei denen aus Vineta isst das Auge mit“, erklärte er seinen Untergebenen, die über ihrer Arbeit schwitzten. „Man kann von denen sagen, was man will, aber wie man sein Leben beim Schopf packt und ein Fest daraus macht, das wissen die.“

„Und wenn schon, verderbt bleibt verderbt“, versetzte Wanda, die Honig und Rosenwasser in einem Krug mit offenbar zu saurem Wein verquirlte. Keiner der anderen, Natalia, Broni oder der Hausbursche Wadim, hätte Igor zu widersprechen gewagt. „Der Herr sollte sich hüten, mit den Heiden immerfort Geschäfte zu machen.“

„Weißt du’s nicht, Wanda?“, rief Wadim vom Feuer her, vor dem er mit dem Schürhaken kniete, „für die aus Rom sind wir Christen der östlichen Kirche selber Heiden. Wir könnten genauso gut zu blutrünstigen Götzen beten, wie sie’s in Vineta tun.“

Für gewöhnlich verschloss Natalia vor solchen Gesprächen die Ohren, indem sie sich auf die Geräusche unter ihren Händen konzentrierte: Das Rascheln der Kräuter, das Klirren des Stößels, das Schaben, wenn sie die grünen Häcksel aus dem Mörser kratzte. Heute aber schlug der Versuch sich abzulenken fehl. Ihr war, als hallten die Stimmen, das Gerede von der Welten entfernten Stadt, durch ihren Schädel wie durch einen leeren Raum. „Schluss jetzt“, befahl Igor, und Natalia fühlte sich nahezu erlöst. „Du, Alte, hast mehr Jahre auf dem Buckel als Haare auf dem Kopf und schämst dich nicht, solchen Unfug zu schwatzen? Wer könnte sich wohl erlauben, mit den Heiden kein Geschäft zu machen? Nicht mal unser Bojar kann das. Wenn der sich für das Pack zu fein wäre, hielte hier bald Schmalhans Einzug. Na los, kommt her, seht euch das an.“

Aus den Falten seines Kittels zog er eine Münze und hielt sie in die Höhe. Natalia starrte stur auf Mörser und Stößel, derweil die anderen sich um den Küchenmeister scharten. „Wisst ihr, was das ist? Beidseitig geprägtes Gold, so massiv, dass ein Mann sich die Zähne dran ausbeißt. Und wer kann sich so etwas leisten? Richtig, die Heiden aus Vineta. Die grausige Fratze gehört ihrem Götzen, Svantovit, der hat derer vier.“

„Vier Münzen?“

„Vier Fratzen, du Hohlkopf. Münzen mit seinem Bild hat der mehr, als du zählen kannst. Die unterstehen keinem Fürsten da drüben, die regieren sich selbst, deshalb prägen sie auch keinen als den Götzen in ihr Gold. Doch genug jetzt. Trollt euch an die Arbeit, sonst vermach ich euch den Herren aus Vineta, auf dass die euch ihrem Svantovit in seine vier Rachen stopfen.“

Die kleine Schar gehorchte. Spät am Abend aber, als das Festmahl verzehrt war und fettglänzende Schüsseln, abgenagte Gerippe und weinverklebte Becher sich auf jeder Fläche der Küche stapelten, flammte das Gespräch über Vineta noch einmal auf. Igor war nicht dabei. Die Aufräumarbeiten waren unter seiner küchenmeisterlichen Würde. Wie die übrigen Bediensteten war Igor in dem auf den Hof hinaus gebauten Küchentrakt untergebracht, doch während er seine eigene Stube mit Truhe und Bettstatt besaß, schliefen Wadim, Broni, Wanda und Natalia im Verschlag vor der Speisekammer auf Stroh. Oft lag Natalia dort stundenlang wach und presste sich die Finger in die Ohren. Dennoch entging ihr nichts von dem, was sich um sie abspielte, weder Wandas keuchendes Schnarchen noch Wadims Versuche, sich unter Bronis Decke zu stehlen, oder Bronis blumige Verwünschungen.

Mit ihrer klaren Haut, den Grübchen, die sich beim Lächeln in ihre Wangen kerbten, und den nussbraunen Locken war Broni ein hübsches Mädchen zu nennen, und sie war sich dieses Kapitals bewusst. Wenn sie sich nichts zuschulden kommen ließ, mochte der Bojare ihr ein Heiratsgut stellen, sobald sich im Haushalt eines Verwandten ein Bräutigam fand. Niemals hätte sie eine so glänzende Aussicht für ein bisschen Wärme in den Armen des Küchenburschen verspielt. Von ihrer Zukunft als verheiratete Frau schwärmte sie so unablässig, dass Natalia mittlerweile jedes Wort auswendig kannte. Ihre Gegenwart machte Menschen geschwätzig, denn ein Kind ohne Stimme konnte weder einen Redestrom unterbrechen noch ein Wort von dem Gesagten weitertratschen. Was Broni allerdings an der Ehe so erstrebenswert erschien, blieb für Natalia rätselhaft.

Als Broni an diesem Abend mit geröteten Wangen in die Küche zurückkehrte, sprach sie jedoch nicht von künftigem Eheglück. Zu Natalias Verwunderung sprach sie überhaupt nicht, sondern summte vor sich hin, während sie die Hände in die Schüssel mit der Seifenlauge tauchte. Natalia, die ebenfalls eine Schüssel vor sich hatte und im rasch erkaltenden Wasser fettverschmierte Teller schrubbte, kam nicht umhin, aufzuhorchen. Die Melodie war schön. Süß und bitter war sie, wie der Mandelhonig, mit dem Igor schalen Wein veredelte.

Gleich darauf schrak sie zusammen. Wasser schwappte über den Rand der Schüssel und durchnässte ihren Kittel. „Träum nicht, Füchslein.“ Wadim hatte ihr seine Hand aufs Hinterteil geklatscht. „Gibt noch reichlich zu tun, ehe wir die müden Knochen niederlegen dürfen. Und du, mein nussbraunes Schätzlein, was summst du dir für Tönchen in deine liebliche Brust?“

„Lass das Mädel in Ruhe“, fauchte Wanda, die mit einem Lumpen Zinnbecher trocken rieb, aber Broni hatte sich bereits zu Wadim umgedreht. „Hübsch, nicht wahr? Der Herr aus Vineta hat es gespielt. Auf der Gusli. Einmal hat er dabei zu mir herübergeschaut.“

„Untersteh dich.“ Wanda schlug mit dem Geschirrlumpen nach ihr, aber Broni wich geschickt zur Seite aus. „Dem Heiden schöne Augen machen, noch dazu, wo der alt genug wäre, dein bedauernswerter Großvater zu sein.“

„Nein, nicht dem Alten.“ So hell, als schlüge man zwei Silberlöffelchen zusammen, lachte Broni auf. „Er hat ja diesmal seinen Erben mit.“

„So, hat er? Dabei hieß es doch, der hätte weder Brüder noch Kinder. Ihm sollen Weib und Sohn im Kindbett verreckt sein, und darüber ist er trübsinnig geworden und hat sich nie eine neue Braut ins Haus geholt.“

„Wie traurig“, entfuhr es Broni.

„Traurig oder nicht, recht geschieht’s dem Gottlosen. Ein Segen ist jeder Heide, der vor dem ersten Schrei erstickt.“

„Sag das nicht.“ Bronis Stimme zitterte. „Der junge Herr Wartislaw ist vornehm und freundlich, ganz anders als das Mannsvolk von hier. Im Übrigen ist er nicht der Sohn vom Herrn Thietmar, sondern der seines Partners, der noch vor Herrn Wartis Geburt auf dem Meer geblieben ist. So hat eben Herr Thietmar sich seiner angenommen und ihn zu seinem Erben bestimmt.“

„Oho“, fuhr Wadim dazwischen. „Die Herren aus Vineta hatten, wie’s scheint, nichts Besseres zu tun, als der Jungfer Broni ihre Herzen auszuschütten.“

„Man hört so manches.“ Broni ließ sich nicht beirren. „Der Herr Warti wird einmal reicher sein als der Herr Boris oder sonst wer von hier.“

„Und wenn er reicher wäre als der Fürst in Kiew – was nützt das dir und was willst du von dem Mann?“

Widerstrebend drehte Natalia sich nach Broni um. Die hatte den Kopf zur Seite geneigt, dass ihr die Locke, die unter ihrem Tuch hervorsprang, über die runde Wange fiel. „Ach“, sagte sie. „Da gäb’s nicht viel, das ich nicht wollte. Er hat Augen, die vergessen machen, dass bald Winter ist, und Haar wie Honigwein.“

„Von dem hast du heut Abend wohl zu viel geschluckt.“ Wadim tänzelte näher und wollte Broni umschlingen, aber Wanda war schneller, stieß ihn beiseite und spuckte in ihr Küchentuch. „Schämen solltest du dich“, sagte sie zu Broni.

„Warum denn? Darf ein Mädchen nicht träumen?“

„Nicht von einem aus dem Sündenbabel. Wirst sehen, eines gesegneten Tages tut sich die Erde auf und verschlingt die ganze Lasterstätte mitsamt deinem süßen Herrchen und seinem Protz und Prunk.“

Broni lachte ihr Silberlachen. „Ach Wanda, du Krähe, Vineta liegt doch am Meer. Wenn sich die Erde auftut, schwimmt es einfach davon. Und außerdem ist sie schon seit Hunderten von Jahren da, frag den Herrn Boris, wenn du mir nicht glaubst. Inmitten von Christenvölkern prangt sie, Dänen, Polen und Sachsen, und keiner vermag ihr etwas anzuhaben.“

„Weil sie mit dem Teufel im Bund steht.“

„Das soll mir recht sein, wenn der Teufel solche Himmelsaugen hat.“

Wanda fackelte nicht lange, sondern verpasste Broni eine Ohrfeige. Kurz sah das Mädchen aus, als wollte sie zurückschlagen, dann besann sie sich eines Klügeren, wandte sich ihrer Waschschüssel zu und begann, von Neuem ihr Lied zu summen. Wadim stand unschlüssig daneben, zuckte schließlich die Schultern und trollte sich, um für den Morgen Feuerholz zu hacken. Auch Natalia beugte sich wieder über das schmutzige Geschirr. Kurz vorm Erlöschen blakte die Wandfackel, der Rauch biss und machte es schwer, die Augen offen zu halten. Nur noch die paar Schüsseln und Becher, dann war wieder ein Tag überstanden. Bronis leises Lied lullte ihr den Kopf schon in den Schlaf.

Der Winter schleppte sich dahin wie ein Gespann erschöpfter Ochsen. Unter dem Schnee erstarrte das Leben in der Stadt. Von dem Bürgerkrieg, der das Reich der Rus erschütterte, dem Streit der Fürsten nach dem Tod des großen Monomach, bekam Natalia nichts als Gerede mit. In der Küche des Bojaren herrschte kein Großfürst und kein Teilfürst, sondern einzig Igor, und wer konnte, der ging ihm aus dem Weg. Mit jedem Tag wurde die Spannung drückender. Selbst Wanda, vor deren grauem Schopf er für gewöhnlich Respekt hegte, fing sich einen Hieb mit der Kupferkelle ein, der ein schwärzliches Mal an ihrer Schläfe hinterließ. Die Fässer mit Pfeffer und Muskatblüte leerten sich stetig, und von dem kostbaren rotgelben Safran war schon seit Langem keine Krume mehr im Haus. Für die Bediensteten gab es wässrigen Roggenbrei zu essen, hin und wieder angereichert mit ein paar Blättern saurem Kohl. Tagsüber versagten Natalia zuweilen die Beine vor Schwäche und in der Nacht lag sie wach, weil ihr Magen vor Hunger krampfte.

Natalia hasste den Hunger. Die übermächtige Gier ergriff von ihr Besitz und verschlang jeden anderen Gedanken. Menschen starben am Hunger. Im Nachbarhaus, hieß es, waren eine Magd und ein Bursche verreckt. Hätte sie den leeren Magen hingenommen, statt wie ein Wolfsbalg um jeden Bissen zu kämpfen, so hätte sie es ihnen gleich tun können, sich niederlegen und nicht wieder aufstehen, den Stock nicht mehr spüren, mit dem Igor sie nach Stürzen auf die Beine trieb. Aber sie starb nicht. Sie klaubte Fleischknochen aus dem Abfall, stahl Eier aus dem Korb, kaute Strohhalme und blieb am Leben.

„Ein zähes Luder bist du“, sagte Wadim, ihren Hintern tätschelnd. Er hatte für den Tisch des Bojaren einen Schinken aus der Kammer geholt, säbelte eine hauchfeine Scheibe von dem mächtigen Laib herunter und schwenkte sie Natalia vor der Nase. Der würzige Duft ließ sie schwindeln. Sie hasste sich, aber schnappte nach dem Fleisch. Ohne zu kauen, würgte sie den Bissen hinunter. Der Bursche lachte und gab ihr einen Klaps. „Weißt du was? Wenn man dich in einen Waschzuber stecken und ein bisschen auffüttern würde, wärst du gar nicht mal unappetitlich. Wer kann schon wählerisch sein in einem Bürgerkriegswinter?“

„Du bist widerlich, Wadim. Ist nicht einmal das Kind vor dir sicher?“ Broni war in die Küche getreten. Auch sie war schmal geworden, ihre Wangen eingefallen, doch als einziges Mitglied des Haushalts hatte sie sich ihre Heiterkeit bewahrt. Sie summte noch immer bei der Arbeit, ging mit schwingenden Schritten und lächelte zuweilen wie in Träumen. Ich will sie nicht mögen, rief Natalia sich zur Ordnung. Ich mag niemanden. Mir sind sie alle gleich.

Ertappt versetzte Wadim Natalia einen Stoß, der sie gegen den Herd taumeln ließ. „Unser Füchslein ist nicht mehr lange ein Kind“, sagte er. „Wenn sie nicht heidnisch und obendrein schwachsinnig wäre, müsstest du dich hüten, damit sie dir nicht den Buhlen ausspannt.“

„Lass den Unfug.“ Broni schob Wadim beiseite und legte Natalia den Arm um die Schultern. „Woher weißt du im Übrigen, dass Natalia schwachsinnig ist? Hinter ihrer Stirn mag mehr vorgehen als hinter deiner und meiner. Vor ein paar Tagen hab ich gesehen, wie sie sich Igors Wachstafeln angeschaut hat, ganz so, als verstünde sie, was darauf steht. Sag doch, Wadim, wer von uns weiß denn was von ihr?“

Du, antwortete Natalia in Gedanken. Zumindest schien Broni die Einzige zu sein, die ihren Namen kannte. Und die bemerkt hatte, wie die in Wachs geritzten Zeichen sie anzogen, wie sie darum rang, sie sich einzuprägen. Sie spürte die Hand der jungen Frau auf ihrem Kopf. Broni zog ihr das Tuch zurecht und zupfte ein paar Strähnen hervor. „So schönes Haar hast du, Kleines. Und ein Paar Äuglein wie die Bernsteine, die der Herr Wartislaw aus Vineta bringt.“

„Ha“, versetzte Wadim. „Wenn dein Herr Wartislaw überhaupt je wiederkommt. Hast du’s nicht gehört? Der polnische Herzog will den Heiden an die Gurgel. Ganz Pommern schnappt der sich.“

„Vineta ist ja nicht Teil von Pommern.“

„Ist es wohl. Es liegt da drüben am Meer, oder nicht?“ Mit einer vagen Handbewegung wies Wadim nach dem Fensterladen, der vom Wind gebeutelt klapperte.

„Ich meine, es ist nicht dem Pommernherzog untertan. Vineta regiert sich selbst und ergreift für niemanden Partei, so hat es mir der Herr Wartislaw erklärt.“

Natalia mochte den Klang der Worte. Vineta. Pommern. Wer sie auf die Zunge nahm, verzog den Mund auf besondere Weise, als sei dort drüben, hinter dem Meer, nicht Winter, als hole man sich dort keine Frostbeulen, wenn man mit in Lumpen gewickelten Füßen auf die Straße lief. Törichte Henne, schalt sie sich. Für ihresgleichen war es überall Winter, und außerdem kam sie aus diesem Winkel der Welt sowieso nie heraus. Unwillig nahm sie ihre Arbeit wieder auf, schüttete ein Maß graugrüner Roggenkörner in den Mörser und begann, sie mit zornigen Hieben zu zerstampfen.

Wadim bückte sich nach dem Schinken. „Verschon mich mit deinem Herrn Wartislaw“, sagte er zu Broni. „Warum soll der wohl wiederkommen, siehst du hier vielleicht was für ihn zu holen?“ Mit einem Armschwenk beschrieb er die Küche und verzog den Mund zu einem Grinsen. „Du hältst dich besser an das, was du kriegen kannst, Schätzlein. Träume sind eisig wie Winternächte, aber ein Kerl aus Fleisch und Blut, der wärmt dich tüchtig durch.“

Broni schlug den Blick zu Boden. Wadim zuckte die Achseln. „Wer nicht will, der hat schon.“ Er warf sich den Schinken auf die Schulter und trollte sich.

Broni sah ihm nicht nach. „Er hat gesagt, er kommt wieder“, murmelte sie, ehe sie nach Besen und Kehrschaufel griff und begann, die Küche auszufegen.

Sie sollte recht behalten. Die Herren aus Vineta kamen wieder, wenn auch erst, als der flüchtige, frostige Frühling fast vorüber war. Das Festmahl zu ihrem Empfang würde diesmal bescheidener ausfallen: Kein Wildbret kam auf den Tisch, nur Hohlbraten von Lamm und Schwein, und Natalia wurde ausgeschickt, das gebleichte Roggenbrot zu kaufen, das wie Weißbrot aussah, aber zäher und billiger war. Am Rahm wurde gespart wie an der Butter, das Gesinde erhielt zur Feier des Tages keinen Wein, sondern lediglich einen Krug Biersuppe, und dennoch herrschte im Hause Festtagsstimmung. In jedem Raum riss man die Läden auf und ließ Licht und frischen Wind herein.

Natalia rannte durch die Gassen und schwenkte den vollen Korb am Arm. Ihre Hüften schmerzten. Vor zwei Tagen hatte Igor sie mit Ruten verprügelt, weil sie von der Milch für den Herrn getrunken hatte. Doch der Schmerz verblasste, wenn sie daran dachte, dass sie sich heute den Bauch würde vollschlagen dürfen, ohne dass irgendwer sich darum scherte. Auf den hölzernen Bohlen hallten ihre Schritte. Es war albern, sich derart närrisch zu freuen, an nichts als ein paar Sonnenstrahlen und der Aussicht auf reichliches Essen, aber Natalia konnte sich nicht helfen. Es gab Tage, da war die Welt voller Glanz und sie hätte blind und taub sein müssen, um ihr zu widerstehen.

Nach dem Einkauf hatte sie sich in der Küche einzufinden. Wanda und Wadim schwitzten bereits über Hackbrett und Rührschüssel, während Broni die Gänge auftrug und die Herren bei Tisch bediente. Jedes Mal, wenn sie kam, um eine angerichtete Platte oder einen frisch gefüllten Krug zu holen, schien sie Natalia reizender: Fein gesponnene Löckchen ringelten sich aus dem Reif um ihre Schläfen, ihre Haut schimmerte apfelblank und ihre Augen glänzten, als spiegle sich darin das Licht der Tafelkerzen. Außer Atem platzte sie mit immer neuen Einzelheiten über die Besucher heraus: „Er trägt ein Wams aus Samt, weinrot und golddurchwirkt. Könnt ihr euch vorstellen, was so etwas kosten muss?“

„Und wen soll das kratzen?“, fauchte Wadim sie an. „Demnächst wirst du uns wohl auch noch mitteilen, wie’s um die Bruech steht, in die dein erlauchter Laffe des Morgens seinen Arsch zwängt.“

Bronis ohnehin gerötetes Gesicht erglühte. „Du bist wahrhaftig ein Schwein, Wadim“, murmelte sie, doch es klang viel eher verlegen als empört.

Als sie nach diesem Gang zurückkam, verkniff sie sich weitere Worte über die Erscheinung der Vineter und erzählte stattdessen, was jenen seit ihrem letzten Besuch widerfahren war: „Denkt euch, der arme Herr Thietmar Starck hat sein größtes Schiff verloren. Lenia hieß es, nach seiner Frau. Im Frühling ist es zum Salzkauf ausgefahren, und eine dänische Schnigge hat es ihm versenkt. Ein paar Wochen später ist er gestorben, an gebrochenem Herzen, möcht ich meinen.“

„Dann ist dein Laffe alleine da? Aber es hieß doch, es sind zwei gekommen, wie im letzten Herbst.“

„Der zweite ist der Bruder vom Herrn Warti“, tat Broni stolz ihr Wissen kund. „Sein Zwillingsbruder, auch wenn er ihm leider nicht ein bisschen ähnlich sieht. Klein und mickrig ist der. Der Herr Warti dagegen …“ Sie besann sich und ließ den Satz unvollendet in der rauchgeschwängerten Luft hängen.

„He, geht’s nicht weiter? Was ist nun mit dem Bruder?“

Broni warf den Kopf auf. „Dem hat der Herr Warti eine Stellung im Geschäft gegeben, wo er doch der Erbe ist.“

„Wie denn, der Bruder erbt nicht mit?“

„In Vineta gilt anderes Erbrecht“, erklärte Broni. „Da kriegt der Älteste den ganzen Batzen, egal wie viele Söhne einer hat. Das ist recht schlau, meint ihr nicht? Besser als bei uns jedenfalls, wo alles in Splitter bricht und ein Bruder Krieg mit dem andern führt.“

„Genug geklatscht“, fuhr Igor dazwischen und drückte Broni eine Silberplatte voll kandierter Früchte in die Hände. „Vom Erbrecht braucht eine wie du nichts zu wissen. Für Weiber gibt’s sowieso nichts, und der Hohlkopf, der dich nimmt, kriegt vom Vater vermutlich nicht mal einen Namen mit.“

Wadim brach in meckerndes Gelächter aus. Einen Augenblick lang schien es, als würde Broni die Platte fallen lassen, dann aber fand sie ihre Haltung wieder. „Das werden wir ja sehen“, warf sie in den Raum, wirbelte herum und ging. An diesem Abend kam sie nicht, um beim Säubern der Küche zu helfen. Igor ging wie gewöhnlich zu Bett, und Wadim wurde beim Verladen von Waren gebraucht, da die Gäste bereits am nächsten Morgen aufbrechen wollten. Natalia und Wanda mussten mit den Bergen verdreckten Geschirrs allein fertig werden. Als sie sich endlich auf dem zerdrückten Strohlager schlafen legten, war es längst tiefe Nacht. Wadim hatte sich wohl im Hafen den Bauch mit Starkbier gefüllt. Er lag mit offenem Mund auf dem Rücken und rülpste im Schlaf. Natalia war zu müde, sich daran zu stören. Sie schlief ein, sobald ihr Kopf das Stroh berührte, und bemerkte nicht, dass Bronis Bettstelle unberührt blieb.

Am anderen Morgen bekam Natalia die Herren aus Vineta kurz zu Gesicht. Da der verkaterte Wadim sich nicht wecken ließ, schickte Wanda stattdessen sie zum Holzholen in den Hof. Im diesigen Licht des Sonnenaufgangs sah sie die beiden Männer, einen hoch gewachsenen mit hellem Haar und einen kleineren, dunklen, die mit dem Bojaren bei den Stallungen standen. Einen Moment lang stellte sie sich vor, wie es sein müsste, sich auf ein Pferd zu schwingen, in den Hafen zu reiten und über den Fluss Wolchlow davon zu segeln, als gäbe es an dessen Ende tatsächlich eine andere Welt. Dann biss sie sich auf die Lippen.

Vor dem Unterstand mit dem Holzstoß ging sie in die Knie. Tauperlen funkelten auf den Halmen, die zwischen den Pflöcken aus der Erde sprossen. Durch die Morgenstille drang das Lachen der Männer. Sie sprachen Russisch mit dem Bojaren und wechselten ab und an ins Pomoranische, das wie eine behände Schwester des Russischen klang. Natalia lud sich die Arme voller Scheite. Hinter den Augäpfeln verspürte sie einen Druck, der bis in Stirn und Schläfen strahlte. Wenn ich zu weinen anfange, dresch ich mir den Kopf ans Holz. Aber sie weinte ja nicht, sie weinte nie, und weshalb hätte sie auch um eine Welt weinen sollen, die es in ihrer Wirklichkeit nicht einmal gab? Sie kämpfte sich auf die Füße, klopfte sich Staub von den Knien und trottete mit bleiernen Gliedern zum Haus.

2

Im Geburtsmoment mancher Menschen verschenkt die Sonne ein Lächeln an sich selbst. Sie schlägt eine Bresche ins Schwarz, verschüttet sich über dem Meer und setzt ihm sternengleiche Funken auf. Als sei das Schwarz nicht allmächtig. Als gäbe es in allem Elend einen Grund zur Hoffnung. Bei manchen Menschen kann die Sonne nicht an sich halten, und einer dieser Menschen, so hieß es in Vineta, war Wartislaw Sliwosz. Wer den Erben des Handelshauses Starck just an diesem frühen Abend an der Reling seines Schiffes stehen sah, wie er sich den Hut vom Kopf riss und sich das Haar vom Wind zausen ließ, der hätte der Sonne stillvergnügt zugestimmt.

„Keine Stunde mehr bis Kolberg, schätze ich. Dort eine Nacht im Gasthaus, und morgen früh segeln wir geradewegs nach Hause, mein Lieber.“

Boleslaw zog seinen eigenen Hut sorgsam fester und warf erst einen bangen Blick zum Himmel, ehe er sich wieder seinem Bruder zuwandte. Die Wolkendecke war dick wie Milchsuppe und hing bedrohlich tief, wie um sich jeden Moment über ihren Köpfen zu ergießen. Klamme Kälte kroch durch Kleiderschichten. Vom Wellengang, der das schmale Gefährt von einer Seite auf die andere schleuderte, fühlte sich Boles Magen wie mehrfach um sich selbst geknotet an. Warti hingegen schien die Tortur einen Heidenspaß zu bereiten. Gewiss stimmte jedes Wort, das man sich über die Sekunde seiner Geburt erzählte, über das Sonnenlachen und sein taghelles Gemüt. Der, der neben ihm stand, musste es wissen: Er war keine Stunde später, wenngleich ohne Sonne, im selben blutverschmierten Bett zur Welt gekommen.

Sein Bruder hob die Brauen. „Darf ich fragen, was dich so erheitert?“

„Du“, brachte Bole ertappt heraus. „Oder vielmehr wir beide. Manchmal fällt es mir schwer zu glauben, dass von allen Menschen du mein Zwillingsbruder bist.“

Der andere schürzte die Lippen und entblößte zwei Reihen blitzend weißer Zähne. Er benutzte Salbei, um sie zu säubern, und Bole hätte auf Anhieb ein Dutzend Mädchen nennen können, die sein Lächeln umwerfend fanden. Wie Zwillinge sahen sie beide wahrlich nicht aus. Er selbst war nach der Seite der Mutter geraten, hatte den niedrigen Wuchs, den gedrungenen Körperbau und das moordunkle Haar der Beinschneidersippe aus der Oberstadt geerbt. Warti hingegen galt mit seinem sonnenblonden Schopf, den Augen wie ein sommerlicher Regenhimmel und den vor Lebenskraft strotzenden Gliedern als veredeltes Abbild ihres Vaters. Bestürzt erkannte Bole, mit welcher Freude er den Bruder betrachtete.

Hastig senkte er den Blick. Nicht nur äußerlich war ihm Warti überlegen: Unter dem ausladenden Rippenkorb schlug dem Bruder ein stärkeres Herz. Warti kannte keine Seekrankheit, sondern war auf dem Meer in seinem Element. Auch mit dem regeren Geist schien der Erstgeborene gesegnet. Die lateinische Sprache, die Bole um ihrer kargen Schönheit willen liebte, hatte Warti sich im Handumdrehen angeeignet, während der Jüngere verzweifelt am Schreibpult schwitzte. Über das römische Reich hatte Bole sich mühsam Wissen angelesen, weil die Kühnheit der Feldherren ihn begeisterte. Warti hingegen war kurzerhand gen Süden aufgebrochen, um die Ruinen der Wunderwelt mit eigenen Augen zu sehen. Was sich Bole erkämpfte, flog Warti zu, und Stolpersteine trat er mit einem Schulterzucken aus dem Weg.

Wurde Warti als Knabe für seinen Hochmut gescholten, was selten genug vorkam, weil er die Unart so liebreizend tarnte, so wünschte sich Bole klammheimlich, seinen eigenen Kleinmut dafür einzutauschen. Dennoch gab es in ihnen beiden eine Saite, der bei Berührung der gleiche Ton entsprang. Diese Saite bedurfte keiner Erklärung. Bole sah wieder auf, und ihre Blicke trafen sich. „Danke, dass du mitgekommen bist“, sagte Warti. „Das erste Mal ohne Thietmar hätte ich mich verlorener gefühlt, als ich mir eingestehen mochte.“

Bole nickte. Wie der Bruder es so häufig fern der Heimat aushielt, würde ihm ohnehin ein Rätsel bleiben. Für gewöhnlich unternahm er in jedem Jahr eine längere Reise nach Süden, eine kurze ins Holsteinische und zwei in die Kiewer Rus. Kein Vineter Handelshaus konnte sich diese Mühsal ersparen: Aus Nowgorod bezogen die Kaufleute Eisen, Bronze und Silber, dazu Pelze, Edelgestein und die unschätzbaren, aus dem Orient eingeführten Gewürze. Im Gegenzug belieferten sie die Rus mit Getreide, Wolle und Honig. Ebenfalls begehrt waren die kunstvollen Schmuckstücke, die Vineter Feinschmiede aus Bernstein, dem Gold ihres Landes, fertigten, sowie Arzneien und Tinkturen, die man aus dem gemahlenen Stein gewann.

Erreichen aber ließ sich der Binnenhafen Nowgorods nur nach schwierigem und gefahrvollem Weg: Sieben Tagesreisen brauchte ein Schiffer nach Ladoga, wo er vor Anker gehen und seine Waren auf ein zur Flussfahrt geeignetes Gefährt umladen musste. Sodann ging es in einer weiteren Tagesreise über Stromschnellen nach Nowgorod und zwei Tage später dieselbe Strecke wieder zurück. Jäh spürte Bole, wie müde er war. „Du weißt, es fällt mir schwer, dir etwas abzuschlagen. Aber ein zweites Mal bekommst du mich um nichts in der Welt auf diesen Kahn.“

Warti lachte. „Das wird auch nicht nötig sein, denn ich mustere ihn aus. Ich baue mir ein neues Frachtschiff, größer als die Lenia war, und mit fünfzig Rojerplätzen. Damit wird meine schwimmende Freundin so schnell, dass keine Dänenschnigge mithalten kann.“

Bole sah die glänzenden Augen seines Bruders und schüttelte den Kopf. „Du sprichst von Schiffen wie Oheim Niedamir von schönen Mädchen, weißt du das?“

„Schon möglich. Aber ich verstehe mehr davon.“

„Von Schiffen oder Mädchen?“

Warti zuckte die Schultern. „Ist da ein wesentlicher Unterschied?“

„Du fragst den Falschen“, erwiderte Bole. „Ich bin ein blutiger Ahnungsloser auf beiden Gebieten.“

„Mein armer Bole.“ Warti legte seinen Arm um den Bruder und führte ihn die Flanke des Schiffes hinunter. Der Abend zog herauf. Kaum war die bleiche Sonne versunken, wurde die Kälte schneidend. Das Segel blähte sich, als wollte es reißen, und für die Rojer gab es nichts mehr zu tun. In verschlissene Decken gewickelt kauerten sie an ihren Riemen. Die Strapazen der Reise hatten ihre Kräfte erschöpft, aber ein Ende war in Sicht: Diese Nacht würden sie bereits auf pommerschem Boden verbringen. „Alles in Ordnung, Jero?“, wandte Warti sich an seinen Steuermann, der zwischen zwei Rojerbänken an der Pinne stand.

„Könnte nicht besser sein“, gab der vierschrötige Mann zurück. „Wir haben Wind, und die See ist gut schiffbar. Was will einer mehr?“

„Höchstens ein Bett und einen Mundvoll Wein.“ Warti klopfte Jero auf die Schulter und wandte sich zum Gehen. „Dreh bei und mach klar zum Anlegen. Wir können alle eine Prise Schlaf gebrauchen.“

Bole atmete auf. Es würde keine Schwierigkeiten geben. Zwar hielt Kolberg nicht wie Vineta zur Orientierung der Schiffer ein Feuer am Brennen, aber der Küstenstrich war im letzten Licht deutlich auszumachen. „Siehst du?“, Warti wies auf die Kisten und Säcke, die sich um den Mast türmten, während er den Bruder an den Bug zurückführte. „Ich brauche unbedingt ein größeres Schiff. All das Gelump, das wir dem alten Boris abgeschwatzt haben, hat auf diesem kaum Platz.“

„Dein Boris ist mir übrigens ein Gräuel“, warf Bole ein, ehe sein Bruder sich in neuen Schwärmereien über sein Schiff ergehen konnte. „Wie du es über dich bringst, mit solchem Finsterling Geschäfte zu machen, bleibt unerklärlich für mich.“

„Andere Länder, andere Sitten“, entgegnete Warti. „Ich dachte mir, dass dir die Art, mit der man in der Rus Bedienstete behandelt, widerstrebt. Glaub mir, ich mag sie nicht lieber als du, aber du weißt, was in Vineta gilt: ‚Lass dem Fremden das Seine, auf dass er dir das Deine lässt.‘“

Bole fiel keine Entgegnung darauf ein und eine Zeitlang waren beide still und sahen miteinander aufs Meer. So stark ist das Band zwischen uns, dachte Bole. Es mag uns ab und an schwer fallen, die Worte des andern zu entschlüsseln, aber im Schweigen sind wir immer eins. Es war dunkel geworden, die Nacht verhangen, sternenlos. Durchs Schwarz ließen sich die Dächer und Türme von Kolberg erahnen. Morgen um diese Zeit würden es die sich ungleich weiter erstreckenden Dächer und Türme Vinetas sein.

„Ich hoffe, mein Namensvetter hat sein Städtchen für unseren Empfang gerüstet. Nach dem sauren Gesöff bei Boris steht mir der Sinn nach einem Krug voll pommerschem Honigwein.“

Natürlich war Bole klar, dass sein Bruder von Wartislaw, dem Herzog von Pommern, sprach, doch ließ er sich an diese Namensgleichheit ungern erinnern. Das Hoheitsgebiet des Herzogs schmiegte sich um Vinetas Grenzen, man verkehrte wohlwollend miteinander und opferte denselben Göttern. Kolberg, auf das ihr Schiff in schneller Fahrt zuhielt, gehörte zu Wartislaws Städten und würde ihnen gastfrei Quartier gewähren. Herzog Boleslaw hingegen, der im nahen Polen regierte, war Christ und hätte die fruchtbaren Gründe seiner Nachbarn mit Freuden seiner Kirche und damit zugleich seinen Steuereintreibern zugeschanzt. Nicht zum ersten Mal fragte sich Bole, wie ihre Mutter für ihren zweiten Sohn einen derart unglücklichen Namen hatte wählen können. Darüber tröstete ihn auch nicht, dass Jakub, der Mann, der sie aufgezogen hatte, ihm versicherte, sie seien nach Vettern ihres Vaters benannt.

„Und das Fleisch war ledern und voller Knorpel.“ Sein Bruder war offenbar noch immer bei der Mahlzeit, die ihnen in Nowgorod aufgetischt worden war. „Für gewöhnlich ist dieser Igor kein übler Koch, nur fehlte es diesmal wohl an allen Ecken und Enden. Man merkt, dass Bürgerkrieg herrscht, aber uns kommt das schließlich zugute. Wenn aus Kiew nichts mehr eintrifft, sind die Nowgoroder gezwungen, alles Nötige von uns zu kaufen. Für die Abschlüsse, die wir gemacht haben, nehme ich den zähen Braten in Kauf.“

„Zumal das Mädchen, das den Braten auftrug, deinem Geschmack ja eher entsprach.“ Kaum waren die Worte ihm entschlüpft, da bereute er sie. Im Grunde zog Bole es vor, nicht zu wissen, was sein Bruder mit dem Rest der Nacht angefangen hatte, nachdem er selbst erschöpft zu Bett gegangen war.

Warti jedoch schien ihn nicht einmal zu hören. Starr blickte er auf die Umrisse zweier Schiffe, die vor dem Küstenstrich ins Dunkel schnitten. „Sieh mal, da“, murmelte er. „Gefallen dir die?“

Boles Herz begann zu hämmern. Von weitem hatten sich die beiden Schiffe nicht von den am Kai verankerten unterscheiden lassen, zumal es im Hafen von Kolberg keinerlei Beleuchtung gab. Jetzt aber, keine fünfzig Schiffslängen mehr vom Gestade entfernt, sah man die voll gehissten Segel und entdeckte, dass die Schiffe nicht vor Anker lagen, sondern in langsamen, scheinbar absichtslosen Bahnen vor der Küste kreuzten. „Dänen?“, fragte Bole, die Stimme zum Flüstern gesenkt.

Warti schüttelte den Kopf.

Weitere Fragen erübrigten sich. Wenn die beiden grazil gebauten Schniggen nicht dem dänischen König unterstanden, mussten sie Kriegsschiffe des Polen Boleslaw sein. Warti hatte sie zweifellos an ihrer Form erkannt, auch wenn sie die verräterischen Wimpel eingeholt und statt farbenprächtiger Segel graue Leinwand aufgezogen hatten. Er zögerte keinen Augenblick. „Segel runter, die Rojer an die Riemen!“ Bewegung geriet in dösende Leiber, als hätte ein Zauberstreich sie zum Leben erweckt. „Backbord beidrehen, Kurs auf Vineta. Wir fahren durch die Nacht nach Hause.“

Bole klammerte sich an die Reling, als der Schiffsleib sich in der scharfen Wende auf die tosende Wasserfläche neigte. Einen Herzschlag lang war ihm, als wirbelten seine dreiundzwanzig Jahre Leben – Bilder, Laute, Gerüche – in der sich bäumenden Welle auf ihn zu. Salzwasser schwappte ihm ins Gesicht. Um alles in der Welt, lass mich dies überleben. Zu wem er flehte, zum erhabenen Svantovit, dem Obersten der Götter, zum Perun, dem Herrn des Sturms, oder zu einer namenlosen Macht, hätte er nicht zu sagen vermocht. Lass mich heil nach Vineta kommen, und lass Vineta noch Vineta sein. Lass das Leuchtfeuer brennen, die Sturmglocken läuten und die Wälder vor der Stadtmauer schweigen, bis auf den Kuckuck, der die Stunden zählt. Lass unser Haus noch stehen und Oheim Niedamirs Haus, wo meine Jula am Fenster sitzt. Um alles in der Welt, lass meiner süßen Jula nichts geschehen sein.

Er stürzte zu Boden. An seiner Wange spürte er durchnässtes Holz. Lass meine Jula leben. Ein Tropfenhagel ergoss sich über seinen Rücken. Dann schlossen feste Arme sich um seine Schultern. „Komm zu dir, Bole. Es ist ja alles gut.“ Sein Bruder half ihm auf und zog ihn an sich, wie er es in ihrer Kinderzeit getan hatte. „Wir schaffen es, Bole. Ich gebe dir mein Wort.“

Bole wagte aufzublicken. Wartis Lächeln geriet ein wenig schief und in seine Stirn hing tropfnasses Haar. Hinter ihnen entschwand der Hafen von Kolberg. Im Gleichtakt schlugen die Blätter der Rojer in die Wellen und trieben den Schiffsleib zurück ins sternenlose Schwarz der Nacht.

*

Bei Sonnenaufgang hatte das Schiff die Insel Rügen umrundet und trieb im böigen Wind in die heimatliche Bucht. Die Flamme des Signalfeuers glomm durch den Frühnebel. Es würde ein düsterer, von Unwettern gepeitschter Tag werden. Vom Land herüber drang das Dröhnen der Sturmglocken, das zu ohrenbetäubendem Getöse anschwellen würde. Der Glockenturm, der wie ein drohender Finger, höher als die Zinnen der Burg, in den Himmel ragte, gehörte zum letzten der zwölf Stadttore, das sich am Ostende des Hafens erhob.

Dort stand er schon seit dem ersten Tag, als der Sturmgott Perun die Stadt mit all ihren Toren und Türmen aus den Wellen geborgen hatte. Kein Geringerer als er hatte sie zwischen die sumpfigen Ufer des Flusses und die zerklüftete Küste gestellt und sie sodann dem erhabenen Svantovit zum Geschenk gemacht. Noch immer läutete der Perun selbst die gewaltigen Eisenglocken, unter denen ein Gespann Ochsen Platz gefunden hätte, um Vinetas Bewohner vor den Tücken der Witterung zu warnen. Sie waren seine Gabe an die Stadt, auf der sein Segen lag.

Gestern Nacht, kaum der Gefahr entronnen, hatten sie dem Perun ein Opfer gebracht. An der Luvseite des vom Seegang gebeutelten Schiffes hatten sie alle, Rojer wie Segler, sich versammelt, um im Finstern das Ritual zu begehen. Das Entzünden einer Fackel wäre zu riskant gewesen, und auch lautes Beschwören des Gottes hätte womöglich polnischen Schiffern ihren Standort verraten. Also ritzte sich ein jeder schweigend mit seinem Messer den Daumen und schüttelte einen Tropfen seines Blutes in den Wind. „Gewaltiger Perun, Herr über Sturm und Wasser, dir zum Dank vergießen wir, was du uns bewahrt hast“, besiegelte Wartis gedämpfte Stimme den Brauch. Um die Blutung zu stillen, presste der Bruder den Daumen auf seine Wange und zeichnete sich mit seinem Lebenssaft. Die Übrigen taten es ihm nach.

Jetzt, im Nebel des beginnenden Tages, stand Bole steif gefroren und allein am Bug. Nach dem Dankopfer hatten sie das Segel wieder aufziehen und die erschöpften Rojer an ihren Bänken schlafen lassen. Kurz darauf hatte sich auch Warti im Schutz der Ladung zur Ruhe gelegt. Boles Herz vollführte schmerzhafte Sprünge, als risse es an seiner Verankerung. Mit jedem Klafter, den das Schiff voran glitt, prägte sich die vertraute Linie der Dächer klarer durchs Grau. Mein Vineta. Im Morgenlicht lag die Stadt so friedvoll, wie an dem Tag, an dem er sie verlassen hatte. Vorn am Kai machte er fingerhoch eine Gestalt aus und erkannte, dass es sein Ziehvater Jakub war.

Im Verlauf des Vormittags, als sie mit Jakub die Löschung der Fracht abwickelten, sollte Bole erfahren, was sich während ihrer Reise ereignet hatte: In seiner Gier, das Pommernland zu unterwerfen, hatte Herzog Boleslaw eine Flotte nach Kolberg gesandt und die Stadt im Schlaf überrascht. Unterwegs hatten seine Männer vier weitere Küstenstädte überfallen und zerstört. Vineta hätte das nicht geschehen können, suchte Bole sein Herz zu beschwichtigen. Unser Feuer brennt die ganze Nacht, unsere Wachen ruhen nicht, und unsere Glocken warnen vor jeglicher Gefahr.

Zudem war Vineta mit niemandem verfeindet, mischte sich in keinen Konflikt und würde auch keine Truppen entsenden, um dem Pommernherzog zu Hilfe zu eilen. Wie hatte Warti gesagt? Lass jedem Fremden das Seine, auf dass er dir das Deine lässt. Mit diesem Geleitwort hatte Vineta Städte und Fürsten, Stürme, Bedrohungen und selbst Götter der nebligen Luft entsteigen und wieder darin verschwinden sehen. Die Stadt würde noch hier stehen, wenn seine Urenkelsöhne von Schiffsreisen heimkehrten. Der Menschenlärm des geschäftigen Hafenviertels, der Bole für gewöhnlich an den Nerven zerrte, schien heute besänftigend auf ihn einzusäuseln.

Gegen Mittag schnürten sie ihre Wachstafeln zusammen und machten sich auf den Heimweg. Rings um den Hafen erstreckte sich zum Schutz der Wohnviertel ein Deich von der Höhe dreier Männer. Keine zweite Stadt war um die Sicherheit ihrer Bewohner derart besorgt. Mehrere Helm tragende, schwarz-grün uniformierte Stadtwachen patrouillierten in Zweiergruppen den Deich entlang. Sie unterstanden dem Befehl von Tezlaw, dem siebzehnten Tysjatschnik von Vineta, der zugleich über die Burg vor dem Sturmglockentor gebot. Zahlreiche Legenden rankten sich um die Erschaffung jener Burg. Manche behaupteten, die trutzige, dreitürmige Feste sei von nordischen Kriegern erbaut worden und habe schon an ihrem Platz gestanden, als der Perun Vineta aus dem Wasser hob. Andere beharrten, der Gott habe sie zugleich mit den Sturmglocken der Stadt geschenkt, auf dass in Zeiten höchster Not ein Vertreter jeder Familie darin Schutz finden konnte.

Von den Wachen abgesehen sah man in Vineta keinen bewaffneten Mann. Natürlich trug ein jeder sein Messer im Gurt, um sich bei Tisch sein Fleisch zu schneiden, ein Schwert aber ließ sich an niemandes Hüfte entdecken. Betrachteten andere Städte die Waffen ihrer Edlen als Ehrenzeichen, so war die Waffenlosigkeit des Vineters ein Zeichen seines Lebens in Frieden.

Da Bole die Nachwehen der Seereise noch immer in den Knien spürte, nahmen sie nicht den Weg über die Krone des Deichs, sondern den längeren, aber weniger mühsamen durch dessen Pforte. Gleich dahinter begann die Stadt. Sie folgten dem schmalsten der Stadtkanäle, über dessen schwarze Wasseroberfläche sich frisch begrünte Zweige vom Ahorn neigten. Allmählich wichen die zerfurchten Wege der Unterstadt den gepflasterten Gassen des Handelsviertels. Zwischen den Häusern schwangen Girlanden aus Birkengrün, mit denen Vineta sich zum Fest des Weidegottes Pogoda schmückte.

Sein Bruder pfiff ein schwelgendes Lied vor sich hin, derweil sie zu dritt den Platz vor dem Rathaus überquerten. Frisch gewaschen vom Regen glänzte das ins Pflaster eingelassene Gold der Sonnenuhr. An drei Tagen der Woche wurde hier der Torg, der belebteste Markt Vinetas, abgehalten, heute aber hatten lediglich ein paar Händler die rot-weißen Zeltdächer über ihren Buden aufgespannt. Ein Alter pries lautstark sein Honiggebäck, ein Mädchen mit schwarzen Zöpfen bot Tinkturen aus Kräutern feil. In der Mitte hatte der Zahnreißer seinen Schemel aufgebaut, um den sich eine Horde Gaffer drängte. In Vineta wurde das Spektakel einer Leibstrafe nur in schwersten Fällen öffentlich vollzogen. Somit berauschte sich die blutlüsterne Menge stattdessen an den Schreien des Gepeinigten, der sich einen Zahn aus dem Kiefer reißen ließ. Bole wurde allein von dem Anblick übel. Unwillkürlich fuhr er sich mit der Hand ans Kinn.

Natürlich waren es in Wahrheit nicht seine Zähne, die ihm zu schaffen machten. Jakub, der Mann, der ihnen den Vater und im Grunde auch die Mutter ersetzt hatte, sah wie so oft geradewegs in seinen Kopf hinein. „Versuch, dich nicht zu sehr zu sorgen“, sagte er und nahm den Jüngeren beim Arm. „Ich denke nicht, dass Gefahr droht. Herzog Boleslaw wird nicht wagen, Vineta anzugreifen, jedenfalls nicht, solange ihm keine größere Macht zur Seite steht.“

Bole nickte kläglich. „Ich bin ein Feigling, ich weiß.“

Jakub blieb stehen. „Du hattest Todesangst, Bole.“

Warti, der schon einen Schritt weiter war, drehte sich um. „Ich auch“, bekundete er gleichmütig. „Wärst du nicht bei mir gewesen, ich hätte den Verstand verloren.“

Ungläubig blickte Bole auf. Sein Bruder verzog den Mund zu einem Grinsen. „Ich bin nur ein dreisterer Aufschneider als du.“

Sie lachten alle drei. Jakub nahm wiederum Boles Arm und zog ihn weiter. „Gegen Todesschrecken hilft nichts als Leben“, sagte er.

„Roten Wein trinken“, schlug Warti vor. „Ein schönes Mädchen umarmen.“

Just während dieser Worte überquerten sie die Brücke, die über den schmalen Kanal in die Bernsteingasse, die prächtigste Straße der Stadt, führte. Auskragende Bürgerhäuser prangten zu beiden Seiten auf Steinfundamenten und ließen nur einen dünnen Rest Tageslicht zwischen sich aufs Pflaster sickern. Wie frisch geweißelt leuchteten Fassaden unter mit Schnitzwerk verzierten Dächern. Warti pfiff schon wieder sein zärtliches Lied, als hinter der Biege Oheim Niedamirs Haus in Sicht kam. In Eile erdachte Bole ein Orakel: Guter Gott Svarog, Hüter der Liebenden, sprich zu mir! Steht Julas Fensterluke offen, so wird sie zu Pogoda mit mir tanzen. Noch einen Schritt, dann legte er den Kopf in den Nacken und erblickte den Fensterladen, der weit geöffnet auf die Gasse ragte. Am Sims stand Jula. Als habe sie auf ihn gewartet, schaute sie hinunter in die Gasse, hob die Hand und winkte.

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